9. Besucher
Trotz des nasskalten Wetters trafen am nächsten Tag, dem Samstag, am späten Morgen die ersten frierenden Schüler in Hogsmeade ein. Die Straßen waren gefüllt mit dem Geplapper einkaufender und bummelnder Hogwarts-Schüler.
Suzette hielt sich wie verabredet in ihrem Zimmer auf. Seit dem gestrigen Tag hockte sie nur noch apathisch auf ihrem Bett und starrte an die leere Wand. Ihr war eine Welt zusammengebrochen. Sie hatte so gut wie alles verloren und was ihr noch blieb, würde bald verloren gehen. Die einzigen Menschen, die ihr je eine Familie waren, waren getötet worden und der einzige Mensch, der ihr in dieser Gesellschaft etwas bedeutete würde zum Mörder oder zum Mordbeihelfer werden.
Sie würde einige Zeit brauchen um diese Tatsachen zu verdauen und sich klar zu werden, dass ihr Leben sich entscheidend verändern würde, dass das Leben überhaupt eine stetige Veränderung war.
Um die Mittagzeit füllte sich die Gaststätte unter Suzettes Zimmer, denn Rosmertha war für ihre gute Küche bekannt. Unter sich konnte Suzette Rumpeln und Lachen vernehmen. Die Kneipe musste gerammelt voll sein.
Und Suzette? Sie war allein mit ihren Gedanken, die sie aufzufressen drohten.
Zudem wurde sie hungrig und wunderte sich, warum Rosmertha noch keinen Hauselfen zu ihr hinauf geschickt hatte. Normalerweise waren die kleinen Küchenhelfer überpünktlich, wenn sie Suzette ihr Essen brachten, doch heute schien irgendetwas die kleinen Kerle aufgehalten zu haben.
Zunächst schob sie es auf den großen Andrang in der Gaststätte, aber als bis zum frühen Nachmittag kein Hauself seinen Weg zu ihr nach oben gefunden hatte, machte Suzette sich auf, nachzusehen, was dort unten vor sich ging.
Der Geräuschpegel in der Kneipe war enorm hoch, so gut wie alle Hogwarts-Schüler der dritten bis siebten Klasse mussten sich hier im Augenblick aufhalten, glaubte Suzette und schlich sich so unauffällig wie möglich an den Toiletten vorbei, um in die Küche zu gelangen, als sie plötzlich wie vom Donner gerührt stehen bleiben musste.
Da stand Draco Malfoy ihr genau gegenüber!
Fast wäre sie in ihn hinein gelaufen, doch als sie den blonden Haarschopf erkannt hatte, konnte sie sich keinen Zentimeter mehr rühren.
„Was machst du auf der Mädchentoilette?", fragte Suzette unbeholfen und Draco schaute sie schief und überheblich an.
Er sagte nichts, bis er mit einem Mal ausatmete: „Es stimmt also!", er grinste etwas beschwerlich und Suzette versuchte es ihm gleich zu tun.
Als Suzette sich das bleiche Gesicht und die hagere Gestalt Malfoys angesehen hatte, die ihr jetzt auf einmal noch dürrer und ausgezehrter vorkam, als er ohnehin immer gewesen war, überkam sie ein merkwürdiger Ekel. Aber war es nicht auch Mitgefühl für das Schicksal diesen Jungen, der an so einer großen Aufgabe ersticken würde, dem eine so große Bürde auferlegt wurde und der mit Sicherheit sehr damit zu kämpfen hatte, das richtige für seine Situation zu tun?
Sie hatte Draco schon damals, als er noch ein Kind war, das keinen eigenen Zauberstab besaß und nicht zur Schule ging, ihren Stab ausgeliehen und ihm kleine Zauber gezeigt, nachdem der Junge sie erbittert dazu bekniet hatte. Lucius und Narcissa hatten das nicht gerne gesehen, denn sie wussten um die zerstörerische Wirkung von Suzettes Flüchen, doch Draco klebte damals an Suzettes Lippen, wenn sie ihn kleine Tricks zum Schweben-Lassen oder Transformieren von Gegenständen zeigte.
Jetzt, da sie sich als Feinde gegenüberstanden gingen den beiden die selben Szenen durch den Kopf: Draco als kleiner Junge, der große Streit und der Verweis von Malfoy Manor, Lucius Hass auf Suzette, Suzettes Zeit als Erzieherin und wie Draco sie „Schlammblut" nannte, ihrer Rehabilitation in der Runde der Todesser und ihr angeblicher Tod.
Die beiden standen sich näher, als zu zugegeben hätten. Es wäre für beide nicht leicht gewesen in dieser Situation eiskalt zu bleiben und so ergriff Draco das Wort, denn er erhoffte sich immer noch das gleiche von dieser Hexe, wie damals, als er offiziell noch nicht Zaubern durfte. Er hatte Suzette nicht vergessen, immerhin lag dieses seltsame Zauberutensil aus ihrem Zimmer immer noch unter seinem Bett, ohne dass er herausfinden konnte, wozu es gut ist.
Draco fragte sich, ob er nicht Kapital aus dieser Begegnung und der Erkenntnis, dass Suzette nicht tot war, schlagen konnte. Er hielt sich selbst für verschlagen, Suzette erpressen zu wollen, doch aus ihm sprach die pure Angst: „Von den Toten erstanden, Suzette?", sprach er verächtlich, aber so leise, dass sie von niemandem bemerkt wurden.
Suzette sagte nichts, sie stand immer noch unter Schock.
„Ich müsste dich auf der Stelle töten, weißt du?!", troff es aus seinem Mund und er lächelte bemüht.
Suzette schwieg und kam sich langsam dämlich damit vor, aber sie hatte einfach Angst etwas zu verraten, wenn sie auch nur ein Wort sprechen würde.
„Ich müsste, Suzette. Und ich werde!", er zog sie zur Seite durch die Tür des Mädchenklos, schloss dieselbe und schaute Suzette scharf in die Augen.
Wie groß der Junge geworden war, wunderte sich Suzette, als ihr bewusst wurde, dass Draco sich zu ihr hinunterbeugen musste, ihm ihr Gesicht zu sehen.
„Ich werde, aber ich gebe dir eine Chance!", und Draco hoffte, dass Suzette diese ergreifen würde, denn sie war im Augenblick die einzige Chance, die er für sich selbst sah.
Suzette nickte, denn sie wusste nicht, was sie hätte anderes tun sollen.
„Wie du vielleicht weißt, befindet sich mein Vater derzeit in...".
„Askaban!", beendete Suzette den Satz, da Draco selbst etwas zögerte.
„Der...", er brachte die Worte einfach nicht heraus
„Der Dunkle Lord...", half Suzette gelangweilt.
„Er hat mir einen Auftrag erteilt.".
Suzette nickte wieder verständig.
„Ich soll Dumbledore aus dem Weg schaffen.", erklärte Draco bemerkenswert kühl.
Suzette schaute den Jungen an und sagte ebenso kühl: „Ziemlich schwere Aufgabe für einen Sechszehnjährigen.".
„Aber er vertraut sie MIR an! Ich bin der einzige, dem er auf Hogwarts so etwas zutraut!", Draco versuchte fest in seiner Stimme zu klingen.
„Natürlich! Er will sich nicht an dir für das Versagen deines Vaters rächen! Er setzt einfach nur sein ganzes Vertrauen in dich! Draco, du bist sein Mann!", Suzette lachte, was Malfoy erheblich verunsicherte.
„Er hätte es Snape anvertrauen können, aber er lässt diese wichtige Aufgabe von MIR erledigen!", sagte er schließlich.
„Er lässt die Aufgabe dich erledigen.", mit Worten konnte Suzette immer schon ihre sarkastischen Spiele spielen.
„Ich MUSS es schaffen! Es hängt sehr viel davon ab.", plötzlich hatte Draco sich wieder gefasst: „Du wirst mir helfen!".
Suzette schaute ich schief an und lächelte erst milde, dann gehässig: „Wieso ich?".
„Weil du mir immer geholfen hast!", sagte Malfoy kleinlaut, „Ich weiß nicht, ob ich es allein schon so weit bringe! Mein Vater sitzt in Askaban und meine Mutter ist krank vor Sorge! Und jetzt soll ich ganz allein... Suze, ich...", er stockte, denn er begann an seinem überstürzten Plan zu zweifeln. Er hatte sich doch nicht etwas gerade einem Feind anvertraut?
„Ich konnte dir immer vertrauen, Suze!".
„Das ist das erste Mal, dass du von dir aus sprichst, Draco.", stellte Suzette fest, „Sonst hörte man aus deinen Worten immer die Worte von Lucius heraus. Da ist der Dunkle Lord also doch zu etwas gut: Er erzieht dich zu einem selbstständigen Zauberer!".
Draco schwieg.
„Und? Zwingst du mich immer noch dir zu helfen, oder bringst du mich gleich um?".
Draco hob seinen Zauberstab gegen Suzette, ließ ihn sinken und sagte mit gerümpfter Malfoy-Nase: „Ich werde dich nicht verraten, wenn du mir hilfst! Ich werde dich rufen!".
Er traut sich nicht zu töten, stellte Suzette einerseits erleichtert, andererseits aber auch voller Sorge fest, denn so wäre Severus am Ende in der Verantwortung.
Malfoy drehte sich um, steckte seinen Zauberstab weg und verließ mit stolzer Haltung das Damenklo und betrat wieder den Hauptraum der Gaststätte, wo Pansy, Crabbe und Goyle auf ihn warteten.
Suzette brauchte einige Zeit, bis sie ihre Gedanken ordnen konnte. Sie würde Draco helfen müssen, wenn er sie nicht verraten sollte und sie würde ihm helfen müssen, wenn sie wollte, dass Snape seinen letzten Schwur nicht einlösen musste.
Ihr lag nicht viel an Dracos Seele, die damit zerstört würde, ihre Priorität war erst mal Snapes.
Sie fragte sich, wer hier wohl wen in der Hand hatte.
Die Nachdenklichkeit und die Ruhe von Suzettes Abend wurde jäh unterbrochen, als es an ihrer Zimmertür klopfte.
Suzette schreckte zusammen. Hatte Draco doch den Todessern etwas von ihrem Verbleiben erzählt?
Sie rief: „Herein!" und die Tür öffnete sich. Abgekämpft und müde trat Professor Dumbledore zu ihr ins Zimmer.
Er wünschte einen guten Abend, doch er konnte in Suzettes Augen lesen, dass es ihr nicht allzu gut ging.
Es fiel kein Wort über das Verbleiben der Smiths, Draco oder Snape. Der Schulleiter wollte lediglich mit Suzette über die verbliebenen Horkruxe sprechen: „Es tut mir leid, dass ich sie so lange habe warten lassen.", entschuldigte er sich und setzte sich auf einen Sessel neben dem kleinen Fester.
„Kein Problem.", sagte Suzette teilnahmslos.
„Wissen sie, ich habe einen Verdacht und gehofft ich könnte allein dahinter kommen. Aber wie sie sehen, bin ich nun hier. Sie müssen mir wohl doch wieder auf die Sprünge helfen, Suzette.", er lächelte und fuhr fort: „Meine frühste Erinnerung an Tom Riddle ist die, als ich ihm persönlich unterbreiten durfte, dass er auf Hogwarts aufgenommen worden war.".
Suzette schaute vom Boden auf den Professor an.
„Sehen sie, er war ein kleiner Junge, der in einem Waisenhaus aufwachsen musste. Er kannte unsere Gemeinschaft nicht und ich wollte ihm einen sanften Einstieg ermöglichen, mit ihm seine Schulsachen besorgen, ihm die geheimen, magischen Winkel in London zeigen.".
Nach einer Pause erzählte er schließlich: „Nun, er fand sie ohne meine Hilfe. Er wollte keine Hilfe und er hatte auch keine Probleme mit dem Gedanken, dass er ein Zauberer sei. Er ist noch heute im Grunde ein Einzelgänger.".
„Der sich was darauf einbildet ein Zauberer zu sein.", fügte Suzette hinzu.
„Er ist immer noch der kleine Junge der nach Aufmerksamkeit durch Leistung suchte.", sagte Dumbledore, „Er wollte nie auffallen durch große Worte. Er wollte auffallen durch seine Taten und deren Ergebnisse. So war er auch ein ausgezeichnete Schüler.".
„Worauf wollen sie hinaus?", fragte Suzette schließlich ungeduldig.
„Am Tag, als sich Tom abholte, um mit ihm seine Schulsachen zu besorgen, wozu es nie kam, fasste er sofort Vertrauen zu mir. Ich hatte ihm schließlich zugestanden, dass er etwas besonderes sei. Er zeigte mit eine Sammlung von Spielzeug, die er in einem Schuhkarton aufbewahrte. Dieses Spielzeug hatte einen großen Wert für ihn, denn sie symbolisierten seine Überlegenheit und seinen Triumph.".
„Er hat sie mir gezeigt.", sagte Suzette gelangweilt, denn sie wollte das Gespräch abkürzen.
„Ich war bei dem Waisenhaus. Es ist jetzt ein Kindergarten. Ich fand sie Schachtel und nahm sie an mich. Doch ich konnte bis jetzt noch nicht herausfinden welches der Spielzeuge der Horkrux ist.".
„Keines.", antworte Suzette.
Dumbledore schaute sie interessiert, aber nicht überrascht an.
„Sie symbolisieren seine Strebsamkeit. Es sind keine Horkruxe.", mehr sagte sie nicht.
„Das wirft mich zurück.", murmelte der Schulleiter.
„Haben sie den Ring zerstört?", fragte Suzette um das Thema zuwechseln.
„Ja. Ich habe ihn zerstört.", lautete die knappe Antwort, „Aber sagen sie mir, welche Horkruxe kennen sie noch?".
Suzette senkte ihren Blick wieder und begann zu berichten: „Das Tagebuch ist bereits zerstört. Der Ring ebenfalls. Bleibt noch seine Schlange, Nagini.".
„Seine Schlange?", fragte er überrascht, „Es ist ungewöhnlich, dass man ein lebendes Wesen... Aber fahren sie fort.".
„Dann weiß ich noch von einem Medaillon, welches aus dem Erbe Salazar Slytherins stammen soll. Er hat es mir nicht gezeigt, aber ich weiß, wo es sich befindet.".
„Wo befindet es sich?", fragte der Schulleiter schon etwas munterer.
„Auf einer kleinen Insel im inneren eines unterirdischen Bergsees. Es ist unmöglich dorthin zu gelangen. Das Wasser wimmelt vor Inferi.".
„Ich werde es mir ansehen müssen.", sprach Dumbledore und erhob sich, Suzette, die Zeiten werden immer gefährlicher! Heute Nachmittag wurde eine Schülerin beinahe getötet, als sie eine verfluchte Halskette berührte, die sie ins Schloss schmuggeln sollte. Wir müssen die Umstände noch genauer Untersuchen, ich halte sie auf dem Laufenden. Ich mache mir Sorgen um das Wohlergehen unserer Gemeinschaft. Suzette, ich muss mich verabschieden, ich habe noch eine schwierige Entscheidung zu treffen und außerdem muss ich Potter von dem unterrichten, was sie mir heute Abend erzählt haben. Ich denke, dass ich sie bald wieder treffen muss, Suzette. Guten Abend.", er trat durch dir Tür, schloss sie hinter sich und disapparierte den Berg hinan.
