10. Der Sohn seines Vaters
Draco schlief in dieser Nacht sehr schlecht. Er hatte Angst etwas falsches gemacht zu haben. Außerdem hatte er andauernd das Gefühl seine Vorhaben nicht genau genug durchdacht zu haben. Wie konnte er nur Suzette vertrauen? Wieso hatte er sie nicht umgebracht? Was, wenn der Dunkle Lord seine Schwäche herausfinden würde? Was, wenn Suzette ihn hinters Licht führen würde? Wem konnte er überhaupt vertrauen?
Er stand auf, zog seinen grün-silbernen Morgenmantel über und verließ den Schlafsaal nicht ohne den seltsamen Gegenstand aus Suzettes altem Zimmer. Jetzt musste er erst recht herausfinden, was er bewirkte.
Er hoffte inständig, dass er nicht erwischt wurde. Diesmal nicht! Er lief so schnelle er konnte. Niemand sollte ihn so sehen! Niemand durfte ihn so sehen! Sein Ruf wäre zerstört. Die Furcht, die er verbreitete und den Respekt, den er sich erarbeitet hatte. Niemand dürfte ihn je so sehen! Weinend.
Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, als er durch die Tür zum Waschsaal der Slytherin-Vertrauensschüler trat. Die Tür quietschte ein wenig, doch er blieb unbemerkt.
Er zauberte ein warmes Licht um sich und setzte sich auf den kalten Steinboden vor ein Waschbecken. Vor sich legte er die schwarze Kugel.
Er starrte sie an, tippte hin und wieder mit seinem Zauberstab daran, doch nichts geschah. Er hatte keine Ahnung, wo er ansetzen sollte und ob er nicht vielleicht schon alles falsch gemacht hatte. Er stand auf und krallte sich an dem Waschbecken vor ihm fest: „Draco, du bist verloren! Deine Familie ist verloren! Du hast versagt und du wirst versagen!", sagte er langsam und ganz leise zu sich selbst, als hinter ihm plötzlich eine weißliche Gestalt erschien.
„Oh! Ein nächtlicher Besucher!", rief eine schniefende Stimme vergnügt. Draco drehte sich blitzartig um und entdeckte den kleinen Geist eines recht hässlichen Mädchens hinter sich.
„Wer bist du?", rief er und versuchte sich irgendwie zu fassen.
„Du hast geweint?", gluckste der Geist vergnügt.
„Wer bist du?", fragte Malfoy erneut.
„Ach, ich bin die Myrthe.", antwortete der Geist und spielte verlegen mit ihren langen Zöpfen.
Draco sagte nichts.
„Warum hast du geweint?", fragte Myrthe und kam für Dracos Geschmack viel zu nahe an sein Gesicht dabei.
„Das geht dich nichts an!", knurrte er sie an.
„Oh, du kannst es mir sagen! Ich kann schweigen wie ein Grab.", quietschte der Geist des Mädchens.
„Nein! Würdest du mich jetzt bitte allein lassen?", sagte Malfoy nun bestimmt und etwas genervt. Seine Tränen waren wieder dem ausdrucklosen Gesicht eines Okklumentikers gewichen.
Zutiefst beleidigt tauchte die durchsichtige Erscheinung des Mädchens in einer Toilette ab und man hörte von dort unten nun alle paar Minuten ein entweder blasiertes oder ein verschüchtertes Schniefen.
Malfoy kümmerte sich nicht darum und widmete seine Aufmerksamkeit wieder der schwarzen Kugel. Sowie er sie ansah, überkam ihn ein kalter Schauer, als wäre ein Dementor in seiner Nähe.
Es war so, als steckte dieses Gefühl tief in ihm drin, es war immer da gewesen, er hatte es nur tief in seiner Seele eingeschlossen. Jetzt trat es langsam an die Oberfläche, jetzt, wo er allein war und vor niemandem seine Gefühle und Gedanken verstecken musste.
Und da erstieg in ihm der Gedanke an seinen Vater, der in diesem Augenblick im kalten Askaban um seine Seele fürchtete und alle Hoffnung, den letzten rationalen Rest Hoffnung, den er für seine Familie zusammenkratzen konnte, in seine Hände legte.
Draco war überfordert mit all den Erwartungen und Pflichten. Wieder kamen die Tränen und er war dem Aufgeben nahe. Zumindest für heute Nacht.
Er hob die Kugel auf und wollte sich wieder in den Schlafsaal schleichen, da begann das Metall unter seinen Fingern angenehm warm zu glühen.
Es war ein überraschendes, aber auch eine angenehmes Gefühl zwischen seinen Händen und so ließ er sich drauf ein. Es erleichterte ihn ungemein, dass das seltsame Ding endlich eine Reaktion zeigte und es quollen keine Tränen mehr aus seinen Augen.
Er blieb in der Toilette und wartete ab, was noch passieren würde. Da das Ding immer wärmer wurde und langsam einen hellen Schimmer von sich strahlte musste er ja irgendetwas richtig machen.
Und plötzlich waren da Worte in seinem Kopf. Es erschien ihm ganz einfach. Alles war ihm plötzlich klar und kam ihm einfach vor. Er glaubte mit einem Mal die ganze Komplexität des Lebens, oder zumindest seines Lebens, oder auch nur seiner derzeitigen Situation, in einem Satz zusammen fassen zu können, nein zu müssen!
Ganz leise begannen seine Lippen die folgenden Worte zu formen:
„So it ends so it begins
I'm my father's son
Plant another seed of hate
In a trusting virgin gun
Steady boy watch them pray
To you I suspect
If you keep my flesh firm
I'll ready those sacraments"
Draco fühlte sich erleichtert, als wäre endlich eine Wahrheit ausgesprochen worden, die sonst womöglich explodiert wäre.
Er entschied sich jetzt ins Bett zu gehen und Morgen näheres über die Kugel in Erfahrung zu bringen. Für's erste war er beruhigt. Seine Nerven hatten sich entspannt, obwohl er natürlich wusste, dass ein paar geflüsterte Worte, die außer ihm selbst niemand gehört hatte, ihn am Ende nicht retten würden.
Er löschte das Licht und schlich über den kalten Flur zurück in sein Bett.
Auch Pip steckte seinen Kopf unter der Flügel und schlief unverzüglich ein. Er machte sich gar nicht mehr die Mühe, diesen miefigen Ort in den Kerkern zu verlassen, um in Snapes noch miefigerem Büro auf seiner Stange zu nächtigen.
Am nächsten Tag schickte Dumbledore eine Eileule in die Drei Besen zu Suzette. Es musste etwas schreckliches passiert sein, wenn der Schulleiter das Risiko einging am Tage eine Eule zu Suzette schicken.
Professor Dumbledore fragte schließlich, ob Suzette vielleicht mitbekommen hatte, wer Katie Bell auf der Mädchentoilette ein Geschenkpaket ausgehändigt hatte.
Suzette wusste es nicht, konnte es ich sich aber lebhaft vorstellen.
Es war Draco also bittererst. Vielleicht konnte er nicht eigenhändig töten, aber bereit schien er zumindest zu sein.
Außerdem kündigte er einen weiteres Besuch an, bei dem er mit Suzette das Versteck des Medaillons ausfindig machen wollte. Sobald sich das Wetter bessern würde, wäre er bereit.
Suzette atmete tief ein. Es wurde ernst, auch für sie.
Sie hatte immerhin beiden Seiten ihre geheime Hilfe zugesagt. Wie sollte sie nun verfahren?
Im Grunde hatte sie keine Wahl, sie musste für beide Seiten erst einmal alles tun, was nötig war.
Dumbledores Nachricht enthielt außerdem noch eine beunruhigende Mitteilung: Todesser seien unterwegs um gezielt nach ihren Freunden zu suchen. Die ausgesandten Auroren seien der Ansicht, sie seien bald nicht mehr sicher.
Suzette machte sich Sorgen.
Zwei Tage dauerte es, bis sie wieder etwas von der Außenwelt zu hören bekam. Pip flatterte völlig übermüdet in Suzettes Zimmer und berichtete von Dracos nächtlichen Ausflügen in die Toiletten und dem gestohlenen Synästhesium, aber auch davon, dass es Spannungen zwischen Potter, Weasley und Granger gab.
Es handelte sich wohl nur um harmlose Teenager-Problem, doch hochkochende Emotionen können einen nüchtern kalkulierten Plan zu Nichte machen.
Potter musste sich ständig im Klaren sein, dass er in Gefahr schwebte, dass er ein Schicksal zu erfüllen hatte und dass er seine Zeit nicht mit Romanzen und Eifersüchteleien vergeuden sollte.
Andererseits konnte man es ihm nicht verübeln. Er war jung und wenigstens ein bisschen Normalität sollte ihm doch vergönnt sein. Wenn die drei nur im Eifer des Gefechts nichts ausplauderten!
Pip war müde und eigentlich nur gekommen, weil er im Schloss so gut wie niemals Schlaf fand. Versteckte er sich im Klo, kam Draco und begann zu heulen, blieb er in Snapes Büro musste er bis in die Puppen wach bleiben, weil Snape niemals von drei Uhr Nachts das Licht in seinem Büro löschte.
Zudem war er immer und überall dazu angehalten seine Augen offen zu lassen, Schüler zu beobachten. Niemand dachte daran, dass auch ein Rabe irgendwann einmal Schlaf brauchte.
Pip war schließlich nicht Mrs. Norris, dieses Streber-Vieh!
