11. Die Grotte
Es ploppte einmal leise vor Suzettes Tür und schließlich klopfte es.
Suzette bat ihren Gast herein und Dumbledore trat in ihr Zimmer. Er trug einen robusten Winter-Reisemantel und seltsame, himmelblaue Ohrenschützer. Er lächelte nur kurz und bewegte sich ein wenig ungeschickt, als ob eine Hälfte seines Körpers taub war.
„Guten Tag, Suzette.", grüßte er, „Ich habe mich auf die Suche nach Erinnerungen begeben und glaube, dass ich das besagte Medaillon erkannte habe. Es hat Metrope Gaunt gehört und die wiederum hat es aus akuter Geldnot versetzen müssen. Sie müssen mich zu ihm führen. Sofort! Unsere Zeit wird knapp.".
„Ich... ich weiß nicht genau, wo es sich befindet. In einem Felsen, einer Höhle, irgendwo an der Südküste von England.", sagte Suzette unsicher.
„Sie waren schon einmal dort gewesen. Erinnern sie sich genau!", befahl Dumbledore.
„Ich habe nicht viel von der Landschaft drum rum gesehen. Es war eine Höhle wie in den Felsen gefressen. Vielleicht war sie magisch an dieser Stelle geschaffen worden, ich weiß es nicht. Zu Fuß, von unten ist sie nicht zu erreichen. Man kann nur dorthin apparieren. Er hat damals ein paar Kinder aus seinem Waisenhaus dort hin entführt. Bei einem Sommerausflug, meine ich, sagte er.".
Dumbledore überlegte und schwieg. Er wusste nicht genau, wo er diesen Ort vermuten sollte.
„Ich wird wohl nicht allzu weit von London entfernt gelegen sein.", vermutete Suzette, „Es war schließlich nur ein Tagesausflug.".
„Ich habe eine Ahnung, Suzette.", erklärte Dumbledore plötzlich düster, „Ich habe eine Erinnerung ausfindig gemachte. Die Erinnerung einer Betreuerin im Waisenhaus. Und sie erzählte etwas von einem Ausflug ans Meer, bei dem einige der Kinder plötzlich verschwunden waren. Unter ihnen Riddle.".
„Einen Versuch wäre es wert.", erklärte Suzette, um den düsteren Ausdruck im Gesicht des alten Zauberers etwas zu mildern.
„Sie haben Recht! Sehen wir uns dort einmal um. Es kann ja nichts schaden.".
Und so disapparierte Dumbledore zusammen mit Suzette an die Steilküste in der Nähe von Brighton.
Wie im Süden England üblich, erschien den beiden das Wetter recht mild, es regnete statt zu schneien und es blies ein Wind statt eines Sturms. Trotzdem peitschte eine aufgewühlte Brandung auf die raue Küste ein und des Wassertropfennebel nahm Suzette und Dumbledore die Sicht.
Dennoch sahen sie sich um, vielleicht diese Höhle zu finden.
Sie standen denkbar ungünstig auf einem Felsvorsprung oben auf der Klippe und mussten von oben herab nach der Höhle suchen. Doch es war schließlich Suzette, die sich an das klägliche Licht eines im Nebel ertrinkenden Leuchtturm erinnerte und die gesuchte, unwegsame Höhle erblickte.
Etwas weiter im Westen, wo die Küste eine weite Bucht bildete, war zu erkennen, dass es einen Hohlraum im Fels geben musste.
Suzette machte Dumbledore darauf aufmerksam und er nickte zufrieden.
Ohne ein Wort seinerseits wusste Suzette, dass sie nun unverzüglich dorthin zu apparieren hatten, auch wenn es ihr widerstand, als sie an die Inferi im unterirdischen See denken musste.
Und so standen sie schließlich auf dem mit Algen und Moos überwucherten Felsboden und mussten sich an den rutschigen Wänden festhalten um nicht abzustürzen. Um sie herum war alles feucht, glitschig und irgendwie grün. Es roch nach Tang und Moder aus dem Inneren der Höhle, in das sie sich nun begaben.
Draußen war der Himmel durch die aufspritzende Gischt und den dichten Nebel ohnehin winterlich getrübt aber hier drin erwartete die beiden absolute Dunkelheit.
„Lumos!", sprach der Schulleiter und sein Zauberstab leuchtet ihm und Suzette den Weg zur Wand, von der das Mädchen sich erinnerte, dass sie einen Blutzoll verlangte, wenn man hindurch wollte.
Suzette sagte es mit zittriger Stimme: „Es öffnet sich nur, wenn man ihm einen Tropfen Blut gibt.".
Ohne zu zögern nahm Dumbledore seinen Zauberstab, für einen Augenblick wurde es stockfinster, bis der Lumos-Zauber wieder aktiviert wurde.
Dumbledore schmierte einen Tropfen seines Blutes an die Felswand, sodass diese langsam zur Seite glitt.
Und da standen sie nun. Suzette hatte an diesem Ort schon einmal mit einem Würgereflex kämpfen müssen. Unter der klaren Wasseroberfläche schwebten unzählige menschliche Leichen, die mit leerem, ausdruckslosem Blick nach oben starrten, die Inferi.
„Da vorne!", sagte sie und wies mit dem Finger auf eine kleine Insel in mitten des Sees.
Dumbledore zeigte keinerlei Reaktion. Auch sprach er kein Wort.
Das Schweigen war Suzette unangenehm und sie fragte: „Wie wollen wir da...".
„Wir werden hinüberkommen müssen. Aber nicht heute Suzette, nicht jetzt!".
„Wieso?", wollte das Mädchen wissen.
„Dies ist eine Höhle ohne Wiederkehr!", sagte der alte Mann, „Die Inferi sind nicht umsonst hier. Ich glaube nicht, dass es eine Möglichkeit gibt sie zu umgehen. Und noch ist meine Zeit nicht gekommen.".
„Sie wollen sich opfern?", konnte Suzette aus den Worten Dumbledores lesen.
„Jemand muss sich opfern.", lautete die Antwort, nachdem der Schulleiter sich die Situation noch einmal genau betrachtet hatte, „Ich werde sehen müssen, wie ich es anstelle, Suzette. Im Augenblick ist es mir zu riskant, sie da mit hineinzuziehen. Es ist gut, dass ich jetzt weiß, wo sich das Medaillon befindet. Ich werde mir den See und seine Geheimnisse in Ruhe ansehen müssen. Was weckt die Inferi und welche Art Zauber schützten den Horkrux dort vorne in der Steinschale? Wie kommt man über den See? Ich möchte sie nicht da mit hineinziehen. Der Orden braucht sie noch anderweitig.".
Suzette wollte gar nicht daran denken. Gleich zwei Mörder befanden sich in Hogwarts, die es auf Dumbledore abgesehen hatten und er wollte noch warten! Und vor allem: Was würde sein, wenn er nicht lebte? Was würde aus dem Orden? Was würde aus dem Widerstand? Suzette glaubte, dass sie schnell handeln mussten und keine Zeit für intensive Forschungen an diesem See hatten.
Doch wie Suzette so darüber nachdachte, nur den Bruchteil einer Sekunde lang, war Dumbledore auch schon disappariert und am Ufer des Inferi-See wurde es dunkel. Nur von der Insel her war ein grünlicher Schimmer zu erkennen.
Ein seltsamer Ort, dachte Suzette. Ein See voller Leichen und das Wasser ist kristallklar. Die Luft war keinesfalls muffig, sondern frisch. Ein seltsamer Ort, diese Grotte! Und mit Sicherheit nicht von der Natur so geschaffen. Da steckte Magie dahinter und zwar schwarze! Voldemorts Magie! Vielleicht hatte Dumbledore doch recht, wenn der dem Wasser und dem grünen Schimmer nicht traute.
Suzette wusste es nicht und disapparierte nach Hogsmeade zurück.
Sie hexte sich nicht unsichtbar und lief wie selbstverständlich durch die belebten Gassen des kleinen Dorfes.
Es war Vorweihnachtszeit und überall waren die Häuser und die Straßen geschmückt. Die Menschen drängten sich auch spät abends noch auf den Straßen um auf einen heißen Punsch in den Drei Besen zu einzukehren oder Weihnachtsgeschenke zu kaufen.
Suzette fror. Hier im Norden war es doch um einiges Kälter als an der Südküste der Insel. Hier regnete es auch nicht, es schneite was das Zeug hielt.
Suzette traute sich gar nicht näher nachzudenken, was zu tun war. Langsam wurde ihr klar, dass sie mitten in einer Sache steckte, die tödlich sein konnte. Und sie hatte es sich mit der gefährlicheren Seite bereits verscherzt. Zudem war sie gerade dabei, es sich mit der anderen Seite ebenso zu verscherzen.
Was hatte Dumbledore ihr das anvertraut? Einer würde sich opfern müssen? Er wusste davon! Er wusste es ganz genau!
