12. Ein ernstes Wort
Nur ein paar Tage vor Weihnachten, als das ganze Gasthaus Rosmerthas festlichst geschmückt war, das ganze Dorf des Nachts in einem Lichtermeer erstrahlte und oben im Schloss die Vorbereitungen für den kleinen Weihnachtsempfang von Professor Slughorn auf Hochtouren liefen, traf bei Suzettes Fenster einen edle, blütenweiße Schneeeule ein.
Sie überbrachte eine Notiz für die junge Hexe und verschmähte den gewöhnlichen Eulenkeks, den Suzette ihr anbot.
Der abgerissene und in einer schmierigen Krakelschrift verfasste Zettel kam von Draco, der sie anwies heute Abend nach Hogwarts zu kommen, um ihre Pflicht zu erfüllen.
Draco hatte lange darüber nachgedacht, ob er Suzette wirklich um Hilfe bitten, oder doch lieber verraten sollte.
Da er allerdings keinen anderen Ausweg für seine eigene Situation sah und er Suzette schon kannte, als er ein Kind war, entschied er sich, sie zumindest um eine Begutachtung seiner Fortschritte zu bitten. Er würde ihr nicht seinen Plan verraten, aber vielleicht kannte sie sich ja mit der Reparatur alter, magischer Reisekabinette aus.
Am Abend, als die Wege, die von Hogsmeade weg führten, schon von völliger Finsternis verschluckt worden waren, begab Suzette sich auf den Weg hinauf zum Schloss. Sie ging zu Fuß, weil sie sich selbst Zeit verschaffen wollte, in der sie noch einmal überlegen konnte, was sie tun konnte und was sie lieber bleiben lassen sollte. Sie fragte sich, was Draco von ihr verlangen würde und wie weit er ihr vertraute. Sie fand keine Antwort und kämpfte sich weiter den Berg hinauf, trotzte dem eisigen Wind und den Schneeverwehungen.
Dann blieb sie plötzlich stehen, um durchzuatmen. Der Weg war doch ganz schön steil, vor allem in der Nacht. Nicht, dass es ihr unheimlich gewesen wäre, in völliger Dunkelheit über einen verlassenen Weg hinauf zu einer hell beleuchteten Schlossruine zu spazieren, auch dass sie aus Sicherheitsgründen den Lumos-Zauber nicht anwenden konnte, machte ihr keine Sorgen, aber ihre Unsicherheit im Bezug auf die Dinge, die sie würde tun müsste, raubte ihr zusätzlich den Atem.
Sie blickte auf den Wegrand. Auf den weiten Wiesen und Felder um Hogwarts herum und auch auf dem verbotene Wald lag eine meterdicke Schneeschicht, doch der Weg war geräumt und gab den Blick frei auf ein paar glückliche Pflanzen.
Der Schnee reflektierte das Mondlicht, das nun auf die Szene schien, nachdem eine Wolke sich weiter nach Süden schob und den Vollmond frei gab, und Suzette entdeckte einen Büschel schneeweißer Blumen direkt vor sich wachsen.
Blumen im Winter kamen Suzette seltsam vor, doch es schien ihr ein gutes Omen zu sein, also brach sie sich eine und arbeitete sie in ihre filzigen, schwarzen Haare ein.
Draco wartete ungeduldig vor Kälte und Aufregung zitternd am Schultor auf Suzette.
Er hatte Crabbe und Goyle nichts von der Sache erzählt, da sie selbst Kinder von Todessern waren, die Suzette für tot hielten.
Er war ganz allein und musste das auch ganz allein durchziehen heute Nacht.
Er begrüßte Suzette nur hastig und erklärte ihr schließlich, was sie zu tun hatten: „Wenn wir in Hogwarts sind, darfst du nicht gesehen werden. Heute findet der Weihnachtsempfang von Slughorn statt. Es sind viele Gäste im Schloss, aber sie halten sich alle in Slughorns Räumlichkeiten auf. Es sollte nicht schwer sein, sie zu umgehen. Snape wird nicht im Flur auftauchen und Filch liegt mit Grippe im Bett. Du wirst dich trotzdem unsichtbar machen!", befahl er und Suzette wagte es nicht sich zu widersetzen.
„Was willst du, das ich für dich mache?", fragte sie schließlich.
„Ich will, dass du mir hilfst, etwas zu reparieren.", sagte Draco.
„Und was genau?", wollte Suzette wissen und wurde langsam ungeduldig.
„Ein altes Verschwindekabinett.", sagte Draco und seufzte dabei.
Suzette fragte sich, wozu er das brauchte, aber sie sagte nichts mehr dazu.
Sie schritten hinan zum Hauptportal der Schule. Suzette schickte sich an, sich unsichtbar zu zaubern. Sie spürte das unangenehm bedrückende Gefühl, als würde sich ihr der Magen herumdrehen, doch sie beklagte sich mit keinem Wort.
Was konnte sie anderes tun, als erst einmal Draco zu folgen? Er lief zielstrebig die Treppen hinauf. Das wunderte Suzette, denn sie hatte gedacht er würde von den Kerkern aus operieren.
Aus einer Tür, an der sie vorbeischlichen, klangen laute, lustige Stimmen. Sie schafften es gerade noch ein Stockwerk höher zu steigen, wo Draco leise fluchte: „Verdammter Mist! Muss er ausgerechnet...", und in diesem Augenblick begann hinter ihm auch schon Mrs. Norris so laut und schrill, wie eine Katze nur kann, zu miauen.
Ein triefnasiger und fiebriger Mr. Filch kam unwahrscheinlich schnell hinzu, als hätte er hier auf der Lauer gelegen: „Was haben sie hier zu suchen, Mr. Malfoy?", fragte er mit seiner widerwärtigen und nun verschnupften Stimme.
Draco war nicht um eine Antwort verlegen und behauptete eiskalt: „Es ist eine große Ungerechtigkeit, dass Professor Slughorn mich nicht zu seiner Party eingeladen hat. Ich gehe nur dort hin, wozu ich meinem Stande entsprechend verpflichtet bin.".
„Na dann komm mal mit!", lachte Filch und zog den Jungen an seinem Umhang hinter sich her die Treppen wieder hinunter hin zu Slughorns Weihnachtsparty.
Suzette folgte unsichtbar, doch es fiel ihr, je länger sich die Aktion hinzog immer schwerer, sich nicht zu übergeben. Der Unsichtbarkeitszauber verursachte nicht unerhebliche Magenkrämpfe und ein Gefühl von ständigem Unwohlsein.
Filch schleifte Malfoy, der sich immer mehr zu sträuben begann, in den kleinen Partyraum, den der neue Tränkemeister eingerichtet hatte und grinste fies zu Snape hinüber, der gerade bei Slughorn stand und sich mehr schlecht als recht amüsierte.
Fast wäre er über Suzette gestolpert, so forsch, war er auf Filch zu gestürzt, hatte ihm Draco aus der Hand gerissen und versucht fortzuzerren.
„Ach Severus, lass ihn doch, wenn er unbedingt hier sein möchte. Seien sie doch kein Spielverderber! Es ist schließlich Weihnachten!".
Severus sagte nichts dazu und suchte für sich und Malfoy ein leeres Klassenzimmer in der Nähe, wo er den Jungen zur Sau machen wollte: „Draco, sie verhalten sich mehr als unvorsichtig und leichtsinnig! Die Aktion mit der Kette war äußerst unüberlegt von ihnen.".
„Welche Kette, Professor?", fragte er scheinheilig.
„Diejenige, welche, die Katie Bell fast das Leben gekostet hat!", knurrte Snape.
„Damit habe ich nichts zu tun! Katie hat offensichtlich Feinde. Vielleicht eine eifersüchtige Gryffindor, die gerne ihren Platz im Quidditch-Team haben will?", erwiderte Malfoy aalglatt.
„Ihre Komplizen, Draco, haben sie außerdem recht gedankenlos ausgewählt. Menschen wie Crabbe und Goyle, vertraut man keine solch tragenden Aufgaben zu! Sie sind unzuverlässig und eher eine Gefahr als eine Hilfe.".
„Unzuverlässig?", lachte Draco respektlos, „Wenn sie ihnen kein Nachsitzen aufgebrummt hätten, könnten sie mir vielleicht besser zur Seite stehen. Und das sollte zudem in ihrem Sinne sein, Professor. Und außerdem sind sie durchaus nicht die einzigen Komplizen, die auf meiner Seite stehen.".
„Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mir etwas verheimlichen! Nur zu, Draco! Es macht nicht, wenn sie mir etwas verheimlichen, aber ihr Meister sieht so etwas äußerst ungern, wissen sie?! Ihr Tante hat ihnen Okklumentik beigebracht, nicht wahr? Nun, auf diese Steine würde ich nicht bauen, wenn ich ihn hintergehen wollte...".
Draco lachte abermals: „Tante Bellatrix? Oh ja, sie hat mir einiges beigebracht, was sie mir bisher vorenthalten haben, Professor. Okklumentik wende ich lediglich gegen Neider an, die es auf meinen Ruhm abgesehen haben, Professor Snape! Nicht wahr? Nach Ruhm streben wir doch alle? Nur, dass ich, im Gegensatz zu ihnen, die Möglichkeit geboten bekommen.".
„Draco!", zischte Snape, „Ich habe es nicht auf Ruhm abgesehen, ich will sie da lebendig durch bekommen! Ich biete ihnen hiermit meine Hilfe an! Ihr Plan scheint ja noch nicht ganz ausgereift zu sein. Er wartet nicht ewig! Ihre Mutter hat mich gebeten, ein Auge auf sie zu haben! Ich habe ihr einen unbrechbaren Schur geschworen! Draco, die Sache ist zu heikel, dass sie sie alleine durchziehen könnten!".
„Ich brauche ihre Hilfe nicht, Sir!", Draco spuckt die Worte nur noch angewidert heraus, „Mein Plan steht, er braucht nur etwas mehr Zeit, als ich ursprünglich vorgesehen hatte.".
Malfoy wandte sich von seinem Hauslehrer ab, blickte sich einmal unverwandt um, fand nicht, was er suchte und stolperte hinaus in den Flur, die Treppen hinauf.
Snape seinerseits setzte ein emotionsloses Gesicht auf und begab sich zurück zu Slughorns Party.
Suzette hielt es nicht mehr aus, rannte, stolperte und rettete sich in ein weiteres Klassenzimmer, wo sie wieder sichtbar wurde. Sie atmete tief durch und schon kam auch Pip durch die Tür geflattert, der auf Snapes Schulter gesessen und alles mitbekommen hatte. Zudem hatte er sowohl die unsichtbare Suzette, als auch den unter seinem Tarnumhang verborgenen Harry Potter das Gespräch belauschen sehen.
Suzette lachte ein wenig. Bei den vertraulichsten Gesprächen sind die meisten Ohren anwesend!
Wahrscheinlich hatte Potter jetzt allerdings eine Verdacht gegen Snape und Malfoy, das machte ihr Sorgen.
Dafür hatte sie jetzt allerdings keine Zeit, sie musste sich um sich selbst Sorgen machen. Wie sollte sie ungesehen, wieder aus dem Schloss verschwinden? Oder sollte sie nach Draco suchen? Oder nach Snape?
