13. Die Blutblumen
Sie brauchte sich nicht lange Gedanken zu machen, denn das leise Krächzen des Raben war unvorsichtig gewesen und hatte ein Portrait an der Wand aufgeweckt.
Die alte Dame mit den silbrig-weißen Locken und der runden Brille erschrak fürchterlich, als sie um diese Zeit noch jemanden in ihrem Klassenzimmer antraf. Sofort verschwand die Portraitierte in eines ihrer anderen Bilder, um Hilfe zu holen.
Wohin sollte Suzette? Draußen pattroulierte sicherlich immer noch Filch und Mrs. Norris, unsichtbar machen konnte sie sich nicht mehr so schnell und wenn sie hier blieb, würde gleich Professor McGonagall oder Flittwick oder dergleichen hier auftauchen. Wer wusste, schon, wo die schreckhafte Frau noch ein weiteres Portrait von sich hängen hatte.
Die Frau auf dem Bild hieß Felicitas Lapierre und war eine ehemalige Schulleiterin von Hogwarts. Sie gehörte dem Haus Hufflepuff an und ihr zweites Portrait hing folglich hinter dem Schreibtisch des aktuellen Schulleiters.
So war es schließlich auch Dumbledore persönlich, der die Treppen hinab gestürzt kam, um zu sehen, ob sich seine Vorahnung bewahrheitet hatte.
Er riss schließlich wutentbrannt, so wie Suzette ihn noch nie gesehen hatte, die Tür zu besagtem Klassenzimmer auf, wo er die junge Hexe dabei ertappte, wie sie sich gerade durch ein Fenster zwängen wollte, um an den weißen Blumenranken hinunter zu klettern.
Der Schulleiter schloss die Tür hinter sich und verschloss sie zusätzlich mit einem Zauber: „Was um alles in der Welt tun sie hier?". Man merkte, dass er versuchte, seine Wut nicht in seine Stimme zu legen, doch etwas angespannte wirkte er dennoch.
„Ich...", begann Suzette, doch sie konnte es nicht zu Ende bringen.
„Sie...?".
„Ich... suche nach Draco Malfoy!", erklärte Suzette und strich sich nervös durch die Haare woraufhin die weiße Blume, die sie am Feldweg hinauf nach Hogwarts gebrochen hatte, herausfiel.
„Sie... Suzette, nehmen sie das fort!", rief er angeekelt, als er sie Pflanze sah, „Vernichten sie die Blume!", befahl er.
Suzette, nahm sie auf und ließ sie in ihrer Hand zu Staub zerfallen, woraufhin sie den Schulleiter fragen ansah.
„Versprechen sie mir, nie wieder eine solchen Blume anzurühren!", sprach er ernst.
„Ja...", machte Suzette, etwas verdattert, „Was ist damit? Die wachsen doch hier überall.".
„Und das ist ein sehr schlechtes Zeichen.", erklärte Dumbledore resigniert, „Sehen sie, diese Blumen ernähren sich wie alle Pflanzen von Tod anderer Organismen. Sie verursachen ihn nicht, doch sie kündigen ihn an. Sie sind ein schlechtes Omen. Sie wachsen überall dort, wo sich ein Mord, ein Blutbad, ein gewaltsamer Tod ankündigt.".
Suzette starrte ihn an.
„Sie blühen zu jeder Jahreszeit, denn sie ernähren sich nicht aus dem Boden, sondern von aus schlechten Vorahnungen und einem natürlichem Instinkt heraus.".
„Wie Tiere, die ein Erdbeben vorahnen?", fragte Suzette.
„Wie ich, der ich weiß, dass die Zeit des Kampfes, bald gekommen sein wird.", antwortete Dumbledore düster und warf einen sorgenvollen Blick auf seinen verdorrten und bewegungslosen wie gefühllosen Arm, „Blutrosen, Suzette, trägt man nicht als Schmuck!".
„Sie sind hier überall.", bemerkte Suzette erschrocken.
„Sie wachsen bereits im ganzen Land.", sagte Dumbledore, „Es macht mir Sorgen, denn an ihnen lässt sich ablesen, dass das Schicksal Opfer fordern wird. Wir haben nicht mehr viel Zeit uns vorzubereiten. Man hat bereits rote Blutrosen gesichtet.".
Suzette fragte nicht weiter.
„Sie haben also nach Mr. Malfoy gesucht?", fragte der Schulleiter nach einer Pause, „Was genau wollten sie von ihm? Sie sollten ihm nicht unter die Augen kommen, erinnern sie sich?".
„Ich... wollte... Er sollte mich ja nicht sehen!", druckste Suzette, „Ich wollte ihm nur ein bisschen hinterher spionieren, weil Severus mir erzählte, dass er womöglich etwas mit dem Unfall von Katie Bell zu tun hatte.".
„Machen sie sich keine Sorgen, wir werden den Schuldigen schon finden und der Sache nachgehen. Sie müssen sich nicht deswegen in Gefahr begeben.", sagte Dumbledore, obwohl er ganz genau wusste, dass Suzette gelogen hatte, „Aber da sie schon mal hier sind, kann ich ihnen auch gleich mein Vorhaben unterbreiten, Suzette.", er versuchte freundlich zu klingen, „Sie langweilen sich vielleicht in ihrem Zimmer in Hogsmeade.", er lächelte, „Ich habe einen Auftrag für sie, wenn sie möchten.".
„Worum geht es?", fragte Suzette schnell, um davon abzulenken, dass sie vorhin perfide gelogen hatte.
„Ihre Freunde.", antwortete Dumbledore, „Ich kann es mir nicht länger leisten, sie von den Auroren des Ordens schützen zu lassen. Wir brauchen sie bald hier. Ich habe mich wirklich nicht leicht getan mit meiner Entscheidung und ich bin selbst nicht so ganz überzeugt, aber es scheint mir die einzige Lösung zu sein, wie wir ihre Sicherheit wenigstens in den nächsten Monaten gewährleisten können. Wir werden sie nach Hogwarts holen!".
Suzette schluckte: „Was? Wen?".
Dumbledore blieb ruhig: „Ich dachte an ihre Freundin Penny. Sie kennt sie Zauberergemeinschaft bereits. Dann: Desirée, eine ehemalige Schülerin aus Gryffindor, und Natalie, eine Ravenclaw, sowie ihre Freunde, die mittlerweile ja auch über das Dasein ihrer Freundinnen als Hexen bescheid wissen. Ich dachte, dass man sie vielleicht als Austauschschüler tarnen könnte.".
Suzette war sprachlos.
„Wollen sie meinen Auroren helfen, ihre Freunde unbescholten hierher zu begleiten?".
Suzette nickte, immer noch völlig überrumpelt.
„Ich schicke ihnen eine Eule!", verabschiedete sich der Schulleiter, wandte sich um, öffnete die Tür und schritt zurück, hinauf in sein Turmzimmer.
Suzette hingegen quetschte sich durch das enge Fenster, ließ Pip zurück und kletterte an den Ranken der Blutrosen hinunter.
Draco wartete schließlich vergeblich im Raum der Wünsche auf Suzette. Er hoffte inständig, dass ihr niemand in die Quere gekommen war. Irgendwie war es klar gewesen, dass sie sich aus dem Staub machen würde, wenn er abgegriffen wurde und etwas nicht nach Plan lief. Außerdem: Woher sollte sie wissen, wohin sie ihm folgen sollte?
Er blies also für heute Abend sein Vorhaben ab, nahm sich vor Suzette bei nächster Gelegenheit eine weitere Eule zu schicken, sich geschickter anzustellen und sich keine Gedanken über Snapes Warnungen zu machen, die ihn doch irgendwie verfolgten.
Es war alles recht viel für ihn gewesen heute Abend und so wälzte er sich die ganze Nacht schlaflos und voller unverarbeitete Eindrücke im Bett herum. Er wagte es jedoch nicht aufzustehen, denn er hatte Angst Snape oder Filch erneut über den Weg zu laufen.
Suzette konnte genau so wenig schlafen. Das Gespräch mit Dumbledore ging ihr nach. Blutrosen, davon hatte sie noch nie gehört.
Sie setzte sich auf in ihrem Bett und beugte sich hinüber zum Fenster und blickte besorgt nach draußen, wo auch an der Hausfassade des Gasthauses die seltsamen Blumenranken herauf wucherten.
Suzette stand auf, schlüpfte in ihre Pantoffel, zog sich ihren Morgenmantel über und schlich sich aus ihrem Zimmer.
Rosmertha hatte ihr immer wieder angeboten, sich in ihrem Fundus ein Buch auszuleihen, wenn sie sich langweilte, doch Rosmertha war eine seltsame Person, was ihren Literaturgeschmack anging.
Sie las regelmäßig den Klitterer und besaß auch sonst neben kitschigen Liebesromanen nur Bücher, die sich mit magischen Mythen, Märchen, Wahrsagen, Stern- und Traumdeutung beschäftigten.
Darüber wollte Suzette nichts lesen.
Im Augenblick jedoch war ihr jedes Buch recht, dass sie zum Einschlafen brachte.
Rosmertha hatte ihren großen Bücherschrank im Flur stehen, auf dem auch Suzettes Zimmer lag. Jeder Gast konnte sich dort heraussuchen, was er wollte.
Im fahlen Licht, das Suzette aus ihre Faust scheinen ließ, erkannte sie sogleich ein Buch, das ihr vielleicht Aufschluss über die Blutrosen geben konnte: „Wesen und Pflanzen der Finsternis – Wie wir ihr Unheil erkennen und abwehren".
Sie klemmte das dicke Werk unter den Arm und tapste in ihr Zimmer zurück.
Das Buch erwies sich als äußerst zweifelhaft. Das Kapitel über Werwölfe beispielsweise behauptete, Menschen, die von einem Werwolf gebissen würden, hätten geringe Chancen auf Heilung, sollten sie innerhalb von 24 Stunden nach dem Biss einen Trank aus den zerstäubten Zähnen eines bei Neumond erlegten Säbelzahn-Luchses zu sich nehmen. Ein solches Tier existierte nach Suzettes Wissen noch nicht einmal.
Endlich hatte sie den Abschnitt über die Blutrosen gefunden, in dem geschrieben stand:
„Die Legende der Blutblume – oder auch Blutrose genannt – geht auf eine alte Volksweise der magischen Gemeinschaft des Mittelalters zurück, die bemerkte, dass jene Pflanzen besonders gut in der Nähe von Scheiterhaufe und auf Galgenbergen gediehen.
„You gave him your blood
And your warm little diamond
He likes killing you after you're dead
Blood Roses
Blood Roses
Back on the streets now
At least when you cry now
He can't hear you
Sometimes you're nothing but meat"
Dieses Lied beschrieb die Eigenschaft der Pflanze, scheinbar den Tod eines Menschen herauf zu beschwören und noch über den Tod hinaus das Leben zu verspotten.
Die Blume galt und gilt unter Magiern weiterhin als schlechtes Omen. Sie kündigt Tod, Leid und Verderben an.
Wie jede Pflanze ernährt sie sich vom Ableben anderer Lebewesen und scheint dabei einen so guten Instinkt entwickelt zu haben, dass die den Tod vorahnen kann.
Man glaubt zudem, dass sie sich durch Angst und Vorahnungen, die sie verbreiten, fortpflanzt, wie gewöhnliche Pflanzen durch Pollen.
Die Blutblume blüht zu jeder Jahreszeit an jedem Ort unabhängig von Bodenverhältnissen oder Wasservorkommen. Ihre Blütenblätter sind zunächst strahlend weiß, doch verfärben sie sich rot, sobald das Blut vergossen ist, weswegen sie sich angesiedelt haben.
Die blutige Rose neigt dazu stark zu ranken und Mauern und Wände hinauf zu kriechen.
Außerdem weist die Blume weder Giftstoffe auf, noch findet sie als Heilmittel Verwendung.
Um das Jahr 1000 war die Blutblume Bestandteil im Wappen der Zaubererfamilie der Slytherins, da sie, wie Salazar selbst behauptet haben soll, alle Eigenschaften eines wahren Magiers verkörpere: Neutralität zum Selbstschutz und ein untrügerisches Gespür für den persönlichen Vorteil. Das Wappen wurde jedoch geändert nachdem Slytherin als Mitgründer der Zaubererschule Hogwarts zu Ehre und Ansehen gekommen war. Slytherin kommentierte dies der Legende nach so: „Es ist mir von Vorteil die Blume herauszunehmen, also tue ich es."".
