14. Unvergessen
Gleich zwei Tage nach ihrem Ausflug nach Hogwarts klopfte wiederum eine schneeweiße Eule an ihr Fenster und einen Zettel in der schwierig zu lesenden Handschrift des Draco Malfoy:
„Heute Abend. In den Drei Besen!"
Mehr schrieb er nicht, mehr bekam Suzette nicht als Information. Was konnte er nur wollen? Wie wollte er sich nach Hogsmeade schleichen?
Draco musste sehr verzweifelt sein, wenn er Suzette so schnell wieder kontaktierte, wenn er die Gefahr auf sich nahm, die Schule verbotenerweise zu verlassen.
Sie wartete also auf den Jungen und beschloss sich überraschen zu lassen.
Er kam. Spät am Abend und mit hochrotem Kopf trat Draco keuchend und völlig außer Atem durch die Tür des Wirtshauses. Rosmertha ließ ihn ohne Frage, ohne sich über sein Erscheinen zu wundern, hinein und begleitete ihn wie automatisch nach oben zu Suzette.
Der Junge trat ein und versuchte irgendwie gebieterisch, überlegen und überheblich zu wirken. Leider durchschaute Suzette ihn sofort, verbarg es allerdings.
„Guten Abend, Suzette.", sprach Malfoy.
„'Nabend.", nuschelte Suzette lässig, „Heute nicht im Schloss?".
„Nein, im Augenblick ist es so sicherer. Crabbe und Goyle müssen es ja nicht unbedingt wissen und das sollte in deinem Interesse sein.".
Suzette zuckte mit den Schultern: „Mit denen werde ich schon fertig.".
„Bevor sie es ihren Eltern berichten könnten?", fragte Draco diebisch.
„Bevor sie überhaupt den Namen Suzette aussprechen könnten...", lachte Suzette, „Was gibt es?".
„Im Raum der Wünsche befindet sich ein Verschwindekabinett.".
„Ich weiß, Montague wurde letztes Jahr da hineinverfrachtet.".
„Es ist kaputt. Schon seit Jahren. Aber du musst mir helfen es zu reparieren.".
„Wo führt es denn hin?", wollte Suzette wissen.
„Das hat dich nichts anzugehen! Auf der anderen Seite wird schon dafür gesorgt werde, dass es funktioniert.".
„Was soll ich tun?".
„Wie funktionier so ein Verschwindekabinett?", fragte Draco etwas verlegen, er hatte keine Ahnung, wo er überhaupt anfangen sollte.
„Ich müsste es mir ansehen.", erwiderte Suzette, sie wollte nicht weiterbohren, sie würde schon noch erfahren, wo das Ding hinführte und vielleicht könnte sie mit dieser Information sogar Dracos Vorhaben manipulieren. Sie wusste, dass das ihre Eigentliche Aufgabe sein müsste, wenn sie sich auf Draco einließ, aber im Grund wollte sie ihm helfen, da beim reibungslosen Ablauf seines Plan, Snape vielleicht nicht seine Seele auf's Spiel setzten musste.
„Hast du schon einen Plan, was du damit machen willst?", fragte sie.
„Das geht dich ebenfalls nichts an! Suzette, ich vertraue dir nicht und dass du mir hilfst, ist einzig meiner Gnade zu verdanken! Ich brauche keine Tipps! Tu einfach, was ich dir sage!".
Suzette lächelte: „Nun, ganz so selbstsicher scheinst du ja nicht zu sein, sonst wärst du nicht hier.".
„Ich habe nur bereits etwas zu viel Zeit verstreichen lassen. Das ist alles. Meinem Plan steht nichts im Weg!".
„Nun, warum bist du hier? Es ist gefährlich, sich aus dem Schloss zu schleichen und ein Verweis würde dein Vorhaben nur noch erschweren.", fragte Suzette emotionslos, „Es muss dir ja wohl doch recht dringend sein.".
„Lass diese Anspielungen!", kommandierte Malfoy, der zunehmend unsicher wurde, „Ich habe das hier in deinem Zimmer gefunden.", er zog die schwarze, kalte, metallene Kugel unter seinem Umhang hervor.
Suzette nahm sie ihm aus der Hand und betrachtete sie ungläubig: „Was hast du in meinem Zimmer verloren?".
„Es war eine Anweisung es zu durchsuchen!", log Malfoy.
Suzette nickte verständig.
„Was ist es und was kann es?".
Suzette zog ihren Zauberstab hervor und tippte gegen die Kugel. Es tat sich nichts: „Nichts kann sie offensichtlich.".
„Suzette, ich habe das Ding in deinem Zimmer gefunden. Du weißt, was es ist!".
„Hast du es denn noch nicht selbst herausgefunden?".
„Wer kann ahnen, ob es mich nicht eventuelle umbringt, wenn ich es versuche in Gang zu setzen.", konterte Malfoy.
„Du hast es also gar nicht probiert?", fragte Suzette mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen.
„Tu nicht so überheblich! Ich kann dich jeder Zeit umbringen lassen!", schnarrte Draco plötzlich.
„Tu es doch selbst!", sagte Suzette.
Draco schwieg.
„Du brauchst mich, Draco! Du wirst mir nichts tun! Du brauchst mich dringend!".
Das saß. Malfoys Gesicht wurde kreidebleich, denn er erkannte, dass sie Recht hatte und sie ihn und nicht er sie in der Hand hatte.
„Siehst du, Draco, jemandem eine Aufgabe zu übertragen, der dem nicht gewachsen sein wird, ist immer ziemlich unüberlegt. Auch wenn es eine Bestrafung für deine Familie sein soll. Wem kannst du schon vertrauen? Und du musst dir Vertraute suchen, sonst kannst du das ganze Vorhaben vergessen. Aber wehe, einer deiner Vertrauten verrät dich! Sie haben dich alle in der Hand!", stichelte Suzette weiter und Draco wurde mit jedem Wort bleicher. Als Suzette ihn schließlich an seine Familie erinnerte, wurde ihm plötzlich ganz schwindlig und er setzte sich auf den Sessel neben dem Fenster an Suzettes Bett.
„Aber... Du kannst mich nicht hintergehen... Du... würdest umgehend getötet werden!".
„Und? Kannst du dir das leisten?", fragte Suzette, als wäre es eine offene Frage, „Aber keine Sorge, Draco! Du kannst mir vertrauen.".
Das half Draco wenig. Er war in eine verfahrene Situation hineingeschlittert und hatte sich nur noch tiefer hinein bugsiert.
„Hier. Nimm das wieder an dich!", sie reichte ihm die Kugel zurück und die gegenwärtige emotionale Aufgewühltheit in Dracos Seelenleben, ließ das Synästhesium blutrot und gefährlich aufleuchten.
Sowohl Draco als auch Suzette erschraken. Diese Farbe hatte selbst Suzette noch nicht gesehen.
Malfoys Gehirn begab sich auf eine weite Reise. Es war ihm, als würde sein Bewusstsein von seinem Körper hinfort gerissen werden, hinein in eine Welt, die er erst nach einiger Zeit des Wunderns und Erschreckens erkannte: Es waren Gedanken. Gedanken, die er vage wiedererkannte als seine eigenen. Dinge, die er nie zu Ende gedacht hatte. Gefühle, die er nie zugelassen hatte. Ideen und Einfälle, die er verworfen hatte. Träume, die ihn bewegt hatten, die er dann aber verdrängt und nicht ernst genommen hatte. Unangenehme Wahrheiten, die unverdaut immer noch in ihm drin an seinen Nerven und seiner Seele nagten.
Es waren schreckliche Bilder, zumeist verschwommen, undeutlich und abstrakt. Teilweise sah er nur Farben ohne Form, oder Formen ohne Farben. Einiges davon war wirklich passiert, anderes erschien ihm völlig surreal, trotzdem aber viel zu nahe bei sich.
Vor ein paar Monaten, als Bellatrix mit ihm Okklumentik geübte hatte, hatte er schon einmal solche Erinnerungsschübe und Visionen gehabt. Allerdings hatte Draco nun gelernt diese zu unterdrücken, was er nun auch mit aller Kraft versuchte.
Er war auf den Boden gefallen, das hatte er gespürt, doch er wehrte sich weiterhin, gegen die Bilder und Gefühle, gegen die Farben und Formen und zunehmen auch gegen die Klänge, die immer Lauter in seinem Kopf wurden.
Worte schossen von einer Seite seines Gehirns zur anderen, prallten ab und flogen ungebremst zurück. Es wurden immer mehr, sie bildeten Sätze und Aussagen. Dazu Bilder von Lucius, wie er ihn in Askaban sitzen sah, seine Mutter vergraben in ihrem dunklen Zimmer, in einem Haus, das lägst nicht mehr das seiner Familie war.
Er kniff die Augen fester zusammen, denn er hoffte, dass ihm das alles dann erspart blieb, doch die Bilder wurden deutlicher: Tante Bellatrix, wie sich lachte und feixte, seine Freundin Pansy Parkinson, wie sie sich diebisch darüber freute, wenn sie einen Erstklässler, der sich für seinen Zaubertrankunterricht in den Kerkern verirrt hatte, piesackte, Crabbe und Goyle, wie sie nichtsnutzig durch die Gänge stolzierten um sich Respekt zu verschaffen, den sie allein durch ihren Körperumfang erlangen konnten.
Wie angewidert Draco davon auf einmal war. Keiner von denen erkannte seine Situation oder den größeren Zusammenhang der Dinge, die gerade passierten. Immer mehr durchbohrte ihn die Erkenntnis, dass er völlig allein war.
Er öffnete sein linkes Auge einen Spalt um zu sehen, ob der Spuk ein Ende gefunden hatte, doch der Raum war immer noch in ein tiefes, dunkles und gefährliches Rot gehüllt.
Suzette saß angespannt auf ihrem Bett und blickte auf Malfoy, der sich auf dem Boden verkrampft hatte.
„Schlimme Sache, was?", sagte sie ruhig und mitfühlend, als sie bemerkte, dass Draco sie kurz angeschaut hatte.
„Was weißt du schon?", knirschte Draco gequält.
Suzette sagte nichts und wartete weiter.
Nichts geschah. Das Licht blieb, die Farbe blieb und die Kugel selbst zeigte ein Bild, dass sowohl Draco, als auch Suzette einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen ließ: Der Dunkle Lord, sein kaltes, schlangenartiges Gesicht, die roten, schlitzartigen Pupillen und der lippenlose Mund, als stünde er genau vor ihnen.
Draco konnte sich das Szenario nicht noch einmal ansehen und ließ alles heraus, was sich aufgestaut hatte, in der Hoffnung, die unverarbeiteten Gefühle, die hochgekommen waren mit der Berührung der Kugeln, mochten verschwinden.
Er schrie. Er weinte. Er krisch verzweifelt, als er versuchte sich vom Boden aufzusetzen.
Suzette nahm ihm die Kugel aus der Hand und schon ließ das blutrote Licht nach und verwandelte sich in ein weiches orange.
Draco wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und fragte so stolz er noch konnte: „Was ist das für ein Ding?".
„Das ist ein Synästhesium, ein Gefühlsumwandler. Es wandelt Gedanken, Gefühle und Eindrücke in Licht und Farbe um. Und es hilft dir mit vergessenen und begrabenen, unverarbeiteten Gedanken zurecht zukommen. Entschuldige, wenn ich dich vorhin ein bisschen provoziert habe, aber ich musste ein bisschen an der Oberfläche kratzen, damit du es zulassen würdest, dass diese Dinge zurück nach draußen kommen. Es würde dich krank machen, wenn du dich dem nicht stellst.".
Draco schaute, doch sagte nichts.
„Schau, ich will dir helfen, mit dir selbst klar zu kommen, damit du mit deiner Aufgabe klar kommst. Wenn du alle Zweifel in dir vergräbst, wirst du schnell leichtsinnig oder verlierst den Blick für den Stand der Dinge und die Relation. Du warst schon sehr leichtsinnig, als du Katie die verfluchte Kette in die Hand gedrückt hast. Leichtsinnig, weil einfallslos! Und weil du dir selbst nicht mehr traust! Du musst in alle Richtungen denken, wenn du ein schwarzer Magier werden willst, auch in die unangenehmen Richtungen!".
„Ich... komme klar!", meinte Draco wieder eine Mauer der Kälte und der Unnahbarkeit um sich bauend.
„Okklumentik ist eine gute Sache, Draco, aber eine sehr gefährliche obendrein, wenn du dir nicht auch ein paar Freiräume lässt, um mal einen Gedanken zu Ende zudenken. Die Okklumentik erstickt den rationalen Teil deines Verstandes, wenn du nicht aufpasst. Du stehst unter einem enormen Druck und deshalb ist ein scharfer Verstand um so wichtiger. Du musst lernen zu relativieren! Ausgeglichener werden!".
„Lass das esoterische Gesülze!", fauchte Malfoy schließlich.
Suzette lachte: „Willst du hören, was das Synästhesium noch so kann? Es zeigt nämlich nicht nur Bilder...".
„...es lässt einen auch... singen!", erinnerte sich Malfoy.
„Oh, du hast also doch schon deine Erfahrungen gemacht?", amüsierte sich die junge Hexe.
„Ich werde jetzt gehen! Ich schicke dir eine Nachricht!", Draco nahm sich die Kugel, die sofort erkaltete und schwarz wurde, trat aus dem Zimmer und machte sich auf den Weg zurück in den Honigtopf, wo er durch ein Fenster, das er selbst hatte offen stehen lassen, stieg und durch einen Geheimgang zurück ins Schloss schlich.
