15. Die Auroren
Doch bevor Draco seine Eule schickte, tauchte ein anderes Tier auf. Es war Pip.
Suzette freute sich natürlich ihren Freund zu sehen, doch er brachte unangenehme Nachrichten. Sie ahnte es schon, denn Pip war seit einigen Abenden nicht mehr zu ihr gekommen, was nur daran liegen konnte, dass Dumbledore in den Besuchen einen Gefährdung der Sicherheit den jungen Hexe in ihrem Versteck sah.
Pip streckte sein Bein aus und reichte Suzette einen kleinen Zettel, der an ihm befestig war.
Pip ärgerte sich jedem Mal, wenn er wie eine gemeine Posteule behandelt wurde und hüpfte beleidigt und ohne auch nur einen Krächzer auszustoßen auf die Fensterbank.
Dumbledore schrieb folgende bedrohliche Nachricht:
„Askaban ist befreit! Wir müssen sofort handeln! Tonks kommt dich morgen abholen. Deine Freunde sind in großer Gefahr!"
In der folgenden Nacht konnte Suzette kaum schlafen. Wieso sollte sie plötzlich doch wieder in Aktion treten? Nicht dass sie etwas gegen Dumbledores Vertrauen oder die Aufgabe gehabt hätte, aber sie konnte nicht leugnen, dass sie Angst hatte. Sie hatte große Angst. Wenn Dumbledore schon seinen Auroren nicht traute, ihrer Freunde unbeschadet nach Hogwarts zu bringen, sondern sie dafür einspannte? Was musste das für eine gefährliche Angelegenheit sein?
Suzette hatte keine Ahnung, was die Todesser wussten, wo sie suchten und wo sie ihre Informationen herbekamen.
Wussten sie etwas? Etwa, wo sich Suzettes Freunde aufhielten? Wussten sie, dass sie kommen würden, um sie von dort fort zu bringen? Würden sie angreifen?
Es ging alles so schnell. Sie hätte gerne noch einmal mit Dumbledore darüber geredet. Die Situation hatte sich jetzt ja auch gänzlich geändert.
Als Dumbledore ihr anbot, mit zu gehen, wenn die Auroren ihre Freunde nach Hogwarts begleiteten, waren die Todesser zum größten Teil hinter Schloss und Riegel und ihre Reise wäre fast schon sicher gewesen. Suzette wäre mitgegangen, damit ihrer Freunde wenigstens ein bekanntes Gesicht vorfinden würden und dem ganzen Vertrauen entgegen bringen würden.
Jetzt mussten sie jeder Zeit mit einem Angriff rechnen und Suzette wusste nicht, ob sie das riskieren konnte. Sie konnte zwar kämpfen, doch fiel es ihr schwer die Situation einzuschätzen. Wie viele würden es ein? Wo würden sie angreifen? Wer würde sie angreifen? Mit Malfoy würde sie fertig werden, aber mit Bellatrix?
Es fiel ihr schwer all die Gedanken und Fragen in ihrem Kopf zu sortieren. Es war nicht gerade ihre Stärke sich auf kommende Ereignisse vorzubereiten. Sie schob einfach alles bis zum bittren Ende vor sich her.
Und so war sie immer noch völlig ahnungslos, ideenlos und überrascht, als am nächsten Morgen in aller Frühe Steinchen an ihr Fenster flogen.
Es war Tonks, die es aus irgendeinem Grund nicht wagte, das Lokal zu betreten.
Suzette apparierte nach unten und machte sich, wie Dumbledore und die Auroren – nicht unbedingt Tonks, aber man konnte ja nie wissen – es von ihr verlangen würden, unsichtbar.
Tonks sah nicht gut aus. Ihr Haar war grau und spröde, ihr Gesicht fahl und kränklich, doch sie versuchte zu lächeln und begrüßte Suzette: „Hey, Sue! Na, biste so weit?".
Suzette seufzte: „Ja. Auf geht's!". Sie klang nicht überzeugt und ihr Stimme ließ jeglichen Tatendrang vermissen.
„Wir nehmen Besen. Apparieren können wir mit ihnen so weit nicht.".
„Ich bin mit Penny mal bis nach Südfrankreich appariert?", sagte Suzette.
„Und sie hat sich kein bisschen seltsam gefühlt danach?", fragte Tonks interessiert und überrascht.
„Na ja... vielleicht wohl schon!".
„Hör mal, wir wollen es ihnen so langsam und schonend wie möglich beibringen. Wenn sie erst mal auf einem Besen sitzen, gewöhnen sie sich vielleicht viel schneller daran, dass sie jetzt bei uns leben müssen und außerdem kontrolliert das Ministerium die Apparierzauber.".
„Und denen trauen wir immer noch nicht?", fragte Suzette.
„Na ja... wohl besser nicht!", meinte Tonks und versuchte wieder zu lächeln.
„Warum bist du nicht reingekommen?", fragte Suzette, bevor die junge Aurorin ihr einen Besen zum Abflug reichte.
„Rosmertha sollte mich nicht sehen. Anweisung von Dumbledore.", mehr wusste auch Tonks nicht und so schwangen die beiden sich elegant auf ihre Besen, wobei man Suzettes Eleganz leider nicht sehen konnte, und erhoben sich in die Luft.
Es sah aus, als flöge Nymphadora Tonks auf einem Besen, mit einem zweiten Besen mal kurz ins nächste Dorf, um einzukaufen. Der zweite Besen diente dabei als Lastenträger.
Erst als die beiden Hexen die dichten Wolken durchbrachen, wurde Suzette wieder sichtbar. Ihr war ganz übel und sie wollte sich übergeben, was Tonks aber verhinderte, indem sie ihrer Freundin gut zu redete.
Tatsächlich war Dora Suzette eine bessere Freundin als alle die, die sie jetzt abholen würden, auch wenn Suzette die Aurorin wohl nicht immer nur nett behandelt hatte.
„Wissen sie Bescheid, dass wir kommen?", fragte Suzette.
„Sie wissen von dem Vorhaben und Dumbledores Plan aber nicht wer sie abholen kommt und dass wir heute kommen. Deshalb bist du ja dabei. Damit sie uns trauen, weil sie uns ja nicht kennen.".
„Dich müssten sie doch kennen.", warf Suzette ein, denn Dora war im gleichen Jahrgang gewesen wie sie, auch wenn sie eine Hufflepuff gewesen war.
„Keine Ahnung, ich erinnere mich jedenfalls nicht!", lachte Tonks und gab noch ein bisschen mehr Gas in Richtung Süden.
„Sag mal, Tonks,", fragte Suzette schließlich, „Was ist eigentlich los mit dir? Was hast du mit deinen Haaren gemacht?".
„Ach, ich hab im Augenblick einfach keine Lust dazu.", lautete die Antwort.
„Keine Lust?", machte Suzette ungläubig.
„Ich verschwende so viel Zeit damit mir zu überlegen, welche Haarfarbe ich mir heute zulegen soll und was für eine Nase mir gut steht. Das bringt doch alles nichts!".
„Ob du dir da nicht selbst was einredest?", grübelte Suzette.
„Und wenn es so wäre?", giftete Tonks plötzlich, denn sie wollte nicht darüber sprechen, „Was macht das schon? Wie ich aussehe, ist doch völlig egal!".
Suzette wechselte das Thema, nachdem ihre Unterhaltung abzubrechen drohte: „Wo treffen wir uns eigentlich?".
„Camden, Bahnhof.", sagte Tonks schon wieder freundlich, „Von da aus gehen wir sie dann zu Fuß abholen, fahren mit dem Zug raus und steigen dann auf die Besen.".
„Ich weiß nicht, ob es wirklich so gut war, dass ihr mich mitnehmt.", flüsterte Suzette, als wollte sie im Grunde nicht, dass man ihre Zweifel hörte.
„Wieso? Es ist doch gut, wenn sie einen von uns kennen. Sie vertrauen uns, wie gesagt, eher.".
„Aber sie mögen mich nicht besonders. Mit Penny hab ich Streit. Des und Nat haben mich von ihrer Party geschmissen und ihre Freunde kenn ich kaum. Sie halten nicht viel von mir und wahrscheinlich noch weniger, seit sie wissen, dass ich eine Hexe bin, in Slytherin war und immer noch Verbindung zur magischen Gesellschaft hab.".
„Ach Quatsch! Sue, sie befinden sich in Lebensgefahr. Sie können gar nicht anders als dir vertrauen und dankbar sein!", meinte Tonks.
„Hat Dumbledore die Schüler vorbereitet, dass sie kommen werden?", fragte Suzette plötzlich.
„Er hat es beiläufig beim Abendessen erwähnt. Es will keine große Sache daraus machen. Das ganze soll ja wie ein Schüleraustausch aussehen. Sie werden wohl kaum auffallen. Schon nach ein paar Tagen hat sich die Aufregung um die Neuankömmlinge gelegt, wirst schon sehn. Sie müssen sich halt nur schön langweilig machen.", Tonks lachte und löste ihre Hände vom Besenstiel, „Kuck mal! Freihändig!", sie drehte sich in der Luft mehrfach um die eigene Achse und flog schließlich mit dem Kopf nach unten hängend und sich nur mit den Beinen am Besen festhaltend. Sie wollte Suzette ein wenig auf andere Gedanken bringen und sich selbst am besten gleich mit.
„Na da kann ich aber mithalten!", rief Suzette und hob ein Bein über den Stiel. Sie saß nun seitlich auf dem Besen. Sie ließ sich nach unten baumeln, wo sie schließlich auch ihre Hände vom Besen löste. Ihr Fluggerät schaukelte gefährlich.
„Wo habt ihr eigentlich die Besen her?", fragte Suzette, der die schwarzen Haare ins Gesicht geweht wurden, wie sie so nach unten hing.
„Keine Ahnung! Mad-Eye hat sie besorgt!", rief Tonks, der das Blut in den Kopf lief und die somit langsam endlich Farbe ins Gesicht bekam.
„Na wenigstens nicht Mundungus!", rief Suzette gegen den Wind.
„Oh der! Der ist doch im Hauptquartier eingebrochen und hat da einige Sachen mitgehen lassen.", erzählte Tonks und machte einen Looping, sodass sei wieder oben auf saß nur jetzt leider in die falsche Richtung flog. Sie drehte.
„Was?", auch Suzette setzte sich wieder normal auf ihren Besen.
„Ja, er verscherbelt jetzt überall wertvolle Erbstücke der Blacks!".
„Wahnsinn!", stöhnte Suzette. Eigentlich mochte sie die unkomplizierte Denkweise von Mundungus Fletcher, aber das fand sie dann doch ein bisschen pietätlos, wo doch ein rechtmäßiger Erbe existierte.
Nach einiger Zeit des Smalltalks und kleinen Kunststückchen in der Luft, rief Tonks: „Hier gehen wir runter! Da ist der Bahnhof!".
„Mitten in der Stadt?", fragte Suzette ungläubig.
„Wart's ab!", lachte Tonks, zückt ihren Zauberstab, richtete ihn nach unten und rief: „Caligo Totalus!".
Sofort bildete sich unter ihnen eine dichte, schier undurchdringliche Nebelschicht.
Tonks stieg hinunter und schon bald konnte Suzette sie nicht mehr sehen. Auch sie selbst fand sich schließlich umhüllt von einer weißen Wolke wieder, in der man kaum einen halben Meter sehen konnte.
„Tonks, bist du sicher, dass das nicht ein bisschen viel...", weiter kam sie nicht, denn sie knallte mit vollem Karacho auf den Boden: „Autsch!", rief sie und sah sich um.
Sie konnte niemanden und nichts sehen, außer weißem Nebel. Es kam ihr vor als sei sie eingesperrt, völlig allein in klaustrophobischer Enge.
„Tonks?", fragte sie noch einmal und von ein paar Metern Entfernung hörte sie schließlich: „Sue? Alles okay? War vielleicht doch ein bisschen zu dicht...".
Suzette richtete sich auf, prüften, ob ihre Knochen noch alle funktionierten und zwinkerte ein wenig, sodass der Nebel sich etwas lichtete und sie Tonks auf dem Boden hocken sah. Sie stützte sich gerade auf ihrem Besen ab und stand auf.
„Sie sind noch nicht da, was?", fragte Suzette und sah sich noch einmal um.
„Nein, wir sind wohl die ersten.".
„Wer kommt denn alles?", fragte Suzette, doch die Antwort erübrigte sich, denn durch den Nebel traten plötzlich drei Gestalten auf die beiden Hexen zu. Eine war klein und hinkte, die andere ging etwas gebeugt und die dritte schritt schließlich groß, gerade und würdevoll.
Mad-Eye saß am besten durch den Nebel mit Hilfe seines magischen Auges und schritt sicher auf die beiden Mädchen zu. Bevor man ihn begrüßen konnte, donnerte er auch schon los: „Nymphadora, wir hatten halb drei abgemacht!".
Suzette blinzelte in Richtung Bahnhofsuhr und erkannte, dass es bereits viertel nach drei war.
Dora senkte den Kopf.
„Und was sollte der Nebel? Glaubst du vielleicht es sei unauffällig, urplötzlich eine schier undurchsichtige Wolkenwand herauf zu beschwören?".
„Entschuldigung.", machte die junge Aurorin.
Bevor Moody noch weiter schimpfen konnte, mischte sich jedoch ein schäbig aussehender kleiner Mann in einer gebückten Haltung ein: „Komm lass sie Alastor, du kannst es jetzt sowieso nicht mehr rückgängig machen.".
„Aber sie muss es lernen, Lupin!", meinte der alte und erfahrene Auror.
Der dritte Mann, Kingsley Shacklebolt, hielt sich gänzlich aus dem Streit heraus.
Sie packten ihre Besen in magische Taschen mit extra großem Innenraum und waren gespannt auf Moodys Erläuterungen.
Mad-Eye schnaubte und zog schließlich einen kleinen Zettel aus seiner Tasche. Darauf standen vier Adressen, die Suzette nur zu gut kannte.
„Also, der Plan lautet wie folgt.", setzte er an, „Wir gehen alle zusammen zu Fuß zu diesen Häusern und holen die fünf Jugendlichen ab. Versucht um Gottes Willen unauffällig zu wirken! Dann müssen wir noch in die Winkelgasse. Dafür nehmen wir die U-Bahn. Wir fahren schließlich mit dem Zug raus nach Dundee. Von dort aus können wir sie auf unsere Besen verfrachten und über Land gegen Norden nach Hogsmeade fliegen.".
Unauffällig, dachte Suzette und ließ ihren Blick von einem zum anderen schweifen. Lupin sah völlig abgerissen aus, mit seinem struppigen Haar und dem geflickten Umhang, auch war er dreckig und blass. Shacklebolt trug einen Umhang mit einem Sternenmuster in dunkelblau. Moody selbst fehlten diverse Körperteile und stellte dies gerne und stolz zur Schau. Außerdem sah sein magische Auge alles andere als alltäglich aus. Tonks trug einen für Muggel-Verhältnisse verbotenen grell pinken Reiseumhang, der ihr bis zu den Füßen reichte und Suzette selbst trug ihren zwar modischen, aber in der Muggelwelt unüblichen schwarzen Umhang mit dem draufgestickten Familienwappen der Slytherins.
„Wollen wir uns nicht vielleicht vorher wenigstens halbwegs wie Muggel kleiden?", flüsterte sie leise, mehr zu sich als zu den anderen, doch sie bekam keine Antwort. Keiner von den anderen hatte überhaupt eine Ahnung, wie man sich als Muggel kleidete.
Zum Glück befanden sie sich in Camden, dem Tummelplatz für alle Freaks in London, dachte Suzette und folgte Moody, der voran ging, da er im Nebel am besten sehen konnte.
„Mad-Eye?", Suzette lief nach vorne zu ihm, „Besteht Gefahr, dass wir angegriffen werden?".
Moodys Auge wirbelte wahnsinnig in seiner Höhle herum, nach hinten um aus seinem Hinterkopf hinaus: „Es ist eher unwahrscheinlich. Aber man kann sich natürlich nie sicher sein. Wir wissen nicht, wo er seine Spione versteckt hat.", er blickte Suzette durchdringend an und das machte ihr Angst und Bange, „Wir wissen nicht, was er vor hat. Sicher ist ein Angriff auf die fünf geplant, nur wann wissen wir nicht. Die Todesser, die frei gekommen sind, müssen sich allerdings im Augenblick noch bedeckt halten. Sie werden gesucht. Mehr schlecht als recht zwar, aber sie werden gesucht.", er wollte zwar noch weitersprechen, doch Suzette unterbrach ihn jäh: „Wie sind sie überhaupt freigekommen?".
Jetzt meldete sich Kingsley Shacklebolt zu Wort. Mit seiner beruhigten und dunklen Stimme erklärte er: „Die Dementoren haben Askaban verlassen. Sie achten keine Befehle des Ministeriums mehr. Das ist ein schlechtes Zeichen. Es bedeutet, dass die Machtverhältnisse sich verändern. Das Ministerium wird schwächer und er stärker und die Dementoren...".
„...wenden sich dem zu, der die größte Macht inne hat.", beendete Lupin den Satz, dem Shacklebolts Sprechweise zu langsam war.
Lupin wirkte generell ungeduldig und angespannt, dabei war gerade Neumond. Er sprach nervös und rannte fast hinter dem hinkenden Moody her. Er hielt sich ganz offensichtlich fern von Tonks, die ihrerseits ihre Blick niemals auf ihm ruhen ließ. Es war mehr als offensichtlich, dass zwischen den beiden etwas vorgefallen sein musste.
