17. Im Sturm

Ähnlich unangenehme Fragen wurden bei Mme. Malkin nicht gestellt, was daran lag, dass die gute Frau sich nicht an jeden Anzug und jedes Gesicht erinnerte, die sie in all den Jahren in ihrem Laden gesehen hatte. Es genügte zu sagen, dass sie Anzüge für Hogwarts benötigten und schon begann die gemütliche Frau damit Stoffe abzustecken und die Umhänge magischen nähen zu lassen.

Daniel und Michael bemühten sich nicht allzu staunend dreinzuschauen, aber ein bisschen beeindruckt waren sie schon.

Es dauerte nicht lange, da waren die vier Umhänge für Hogwarts auch schon fertig. Moody bezahlte mit dem Geld, das Dumbledore ihm dafür gegeben hatte und sie verließen die Schneiderei.

„Ist das der Scherzartikelladen der Weasley-Zwillinge?", rief Tonks vergnügt, „Da müssen wir unbedingt hin kucken gehen!".

„Nein!", verbot Moody und sie machten sich auf den Weg zurück zum magischen Tor.

Erst jetzt fiel Suzette auf, wie runtergekommen die Winkelgasse doch war. Überall waren Geschäfte geschlossen, zugenagelt und mit Plakaten beklebt, die erklärten, wie man sich vor den dunklen Mächten schützen konnte. Sowohl Suzette, als auch Moody wussten, dass diese Richtlinien komplette Augenwischerei waren.

Die Gasse war nahezu menschenleer und wenn sie doch jemanden trafen, dann eilte er nur grußlos und offensichtlich unsicher und verängstigt an ihnen vorbei.

Keine Gute Stimmung. Auch nicht bei Suzette.

Nach einem weiteren kleinen Fußmarsch zur nächsten U-Bahn-Station, fuhren sie schweigend zum Bahnhof Kings Cross.

Von dort aus nahmen sie den Zug nach Dundee.

„Lupin hat es dir erzählt, nicht wahr?", knurrte Moody plötzlich, als sie allem im Zug am Wegdösen waren.

Suzette nickte.

„Ich halte dich für klug genug, dass du dir deine eigenen Gedanken dazu machst.".

Suzette nickte wieder und langsam richtete sich die Aufmerksamkeit aller auf das fast geflüstert gesprochene, was Suzette recht unangenehm fand. Nat und Des sollten nicht mehr als nötig von ihr wissen.

Moody verstummte wieder und so blieb es auch die ganze restliche Fahrt über.

Jeder machte sich so seine Gedanken über das, was bei Ollivander gesprochen wurde, über das, was vor ihnen lag und das, was bereits hinter ihnen lag. Ganz großer Bockmist, dachte Suzette! Das ist alles!

Es war bereits später Abend und stockfinster als sie nach einem ordentlichen Fußmarsch auf einem Feld in der Nähe von Dundee angekommen waren.

Sie zogen ihre Besen aus ihren Taschen und wieder einmal gab es eine Möglichkeit zu Üben, nicht erstaunt dreinzublicken.

„Nun gut, jeder von ihnen nimmt einen auf seinen Besen.", erklärte Mad-Eye, „Ich fliege voran. Wir werden in große Höhe, über die Wolken steigen. Wir bleiben unter allen Umständen in Formation, egal was passiert! Egal, auch wenn wir angegriffen werden! Egal, ob jemand dabei draufgeht!".

Die Umstehenden schluckten.

„Sie gehen zu Suzette!", Moody wies auf Desirée, „Sie zu Nymphadora!", er meinte Natalie, „Lupin fliegt mit ihnen.", er zeigte auf Daniel und winkte Michael gleichzeitig zu Kingsley Shacklebolt, „Sie kommen mit mir!", und Penny trat einen zaghaften Schritt auf den rüde aussehenden Auror.

Sie stiegen auf die Besen und ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass die fünf noch nie, beziehungsweise schon lange nicht mehr auf einem Besen gesessen haben, schossen sie mit einer durchschnittlichen Besengeschwindigkeit – so bei etwa 200 Stundenkilometer- senkrecht in die Höhe.

Die Mädchen gaben gellende Schreie von sich, die Jungs krallten sich am Besenstil, auf dem sie saßen fest.

Moody und Penny flogen voran, dahinter in einer Dreiecksformation der Rest der Gruppe. Suzette war jetzt schon genervt von Des, die hinter ihr saß und sprach kein Wort.

Sie flogen über den Wolken, wo ein eisiger Wind ihnen ins Gesicht blies. Tonks zitterte fürchterlich, denn sie hatte mal wieder nicht vorgesorgt und keine Handschuhe angezogen. Moody wusste, sie würde es so lange vergessen, bis ihr ein oder zwei Finger abfrieren würden. Er sagte nichts mehr dazu. Er glaubte, junge Leute müssten aus Erfahrungen lernen und nicht aus Strafpredigten.

Es begann leicht zu regnen und der Wind hielt an. Der Regen ging erst in Graupel und dann in Schnee über, je nördlicher sie kamen. Als sie schon ganz in der Nähe von Hogsmeade waren, hatte sich die steife Briese in einen mächtigen Sturm ausgewachsen und die Dreiecksformation war etwas auseinander gerissen.

Es schneite so stark, dass man nichts mehr vor sich sah. Suzette glaubte den Anschluss zu verlieren und rief gegen den Wind nach Tonks, doch es kam keine Antwort.

Eine kräftige Böe schleuderte den Besen herum und Suzette und Des hingen nun kopfüber kilometerweit über der Erde. Des schrei aus Leibeskräften. Sie war nie eine gute Fliegerin gewesen und nach ihrem ersten Schuljahr hatte sie nie wieder auf einem Besen gesessen. Quidditch hatte sie niemals gespielt. Sie kannte kaum die Regeln.

„Halt dich fest!", rief Suzette, „Ich versuch es umzudrehen!". Sie zerrte am Stiel des Fluggerätes und bewirkte, dass sie nun schlagartig senkrecht nach oben flogen. Des rutschte fast ab, denn der Stil war glitschig und der Schnee der auf sie fiel in der Zwickmühle zwischen tauen und festfrieren.

Der Wind trieb die beiden wohin er wollte und Suzette rief erneut nach den anderen, ohne eine Antwort zu bekommen.

„Lass uns runtergehen!", schrie Des in Panik, „Runter!".

Doch daran dachte Suzette nicht einmal. Sie zwinkerte einmal kurz und schlagartig öffnete die dichte Wolkendecke vor ihnen eine ruhige Schneise.

Suzette hatte den Sturm geteilt. Dieser Zauber würde nicht lange anhalten, aber zumindest konnten sie kurz auf die Erde schauen um sich zu orientieren. Sie waren genau über dem verbotenen Wald, also nur ein klein wenig vom Kurs abgekommen.

Und schon schloss sich die Wolkendecke auch schon wieder und Suzette und Desirée befanden sich wieder mitten im Wintersturm.

Suzette ging ein wenig tiefer und erkannte nicht weit entfernt die vagen Umrisse des Dorfes, sie ließ den Besen weiter absteigen, bis sie schließlich mitten auf dem Marktplatz landeten.

Sofort bekam Suzette wieder ein schlechtes Gewissen, weil sie es wieder nicht für nötig hielt sich unsichtbar zu machen, doch sie fand das Gefühl einfach zu ekelhaft und passiert war es nun sowieso schon.

Von den anderen war keiner zu sehen. Suzette und Des drehten sich suchend um, starrten an den Himmel, doch sie erkannten nichts.

Es war mitten in der Nacht und kein Mensch auf den Straßen. Suzette sagte zu Des: „Warte hier! Ich geh sie suchen!".

Sofort schwang sie sich wieder auf ihren Besen und stieg hinauf. Des ließ sie schmollend und zitternd, aber auch verblüfft zurück.

Suzette stieg nicht ganz so hoch wie vorhin, denn sie befand sich über einem Gebiet das ausschließlich von Zauberern und Hexen bewohnt war, für die es nichts außergewöhnliches war, wenn einer mit einem Besen durch den Sturm flog.

Sofort geriet sie wieder ins Taumeln. Der Wind trieb sie hin und her und der eiskalte und gefrorene Schnee peitschte ihr ins Gesicht.

Sie rief in die Dunkelheit und durch die Wolken nach Tonks oder Mad-Eye, doch sie bekam keine Antwort.

Suzette stieg höher und rief noch einmal. Und erblickte plötzlich schräg vor sich rote Funken durch den Sturm blitzen.

Sofort begab sie sich dorthin, ihren Zauberstab griffbereit und mindestens zehn Flüche auf den Lippen.

Sie musste mit dem schlimmsten rechnen und rechnete deshalb mit einem Todesserangriff aus der Deckung dieses Sturms heraus. Wieder funkte es vor ihr. Suzette wusste nicht genau, wie sie das deuten sollte. Rief jemand nach Hilfe oder war es tatsächlich die Verteidigung auf einen Angriff?

Sollte sie sich zeigen oder lieber das Überraschungsmoment auf ihrer Seite behalten.

Sie raste weiter in die Richtung aus der die roten Funken geleuchtet hatten, doch noch immer konnte sie niemanden am Himmel erkennen, doch plötzlich tauchte vor ihr der seltsame Umriss zweier Personen auf einem mehr als schief in der Luft hängenden Besens auf.

Das war kein Angriff! Die beiden dort riefen eindeutig nach Hilfe. Suzette rast zu ihnen durch den starken Wind und erkannte, dass es sich um Remus mit Daniel handelte, deren Besen sich nicht mehr lenken ließ. Als Suzette näher kam erkannte sie, dass das Ding in der Mitte durchgebrochen war und nur noch an durch die Fasern im Holzstil zusammenhielt.

Remus erspähte Suzette. Daniel war so in Panik, dass er überhaupt nichts mehr sah und drohte in die Tiefe zu stürzen. Lupin hatte seine liebe Not mit ihm ihn oben zu halten.

„Suzette!", keuchte er erleichtert.

„Was...?", fragte Suzette, doch Lupin erklärte auch ohne die zeitraubende Frage: „Morsch! Er bewegt sich nicht mehr, will nicht runter! Nimm du den Jungen mit runter! Ich disappariere!".

Lupin und Suzette hievten den stocksteifen, völlig verängstigten Daniel irgendwie hinüber auf Suzettes Besen, die mit ihm wieder nach unten nach Hogsmeade flog.

Unten angekommen traf sie auch auf Des und Lupin der appariert war.

„Wenn du nicht gekommen wärst, hätte ich mit ihm apparieren müssen!", sagte Lupin, „Und das wäre wirklich unangenehm geworden.".

„Wir haben jetzt ein ganz anderes Problem, Remus!", hörten sie eine tiefe und autoritäre Stimme hinter ihnen sagen. Es war Moody, der mit Penny gerade gelandet war: „Wie kriegen wir den Besen da wieder runter? Er darf unter keinen Umständen in eine Muggelgegend geweht werden!".

„Hallo?", machte Suzette, denn sie konnte nicht verstehen, dass der Besen im Augenblick das größte Problem sein sollte: „Wo sind die anderen?".

In diesem Augenblick kippte Daniel ohnmächtig zu Boden. Das alles war zu viel für ihn. Desirée stürzte sich auf ihn und schenkte den umstehenden mörderische Blick.

Suzette konnte sich damit nicht befassen, sie mussten Tonks und Shacklebolt finden.

Suzette fragte sich ob Apparieren für Muggel so schädlich sein konnte, dass man ihnen eher einen solchen Höllenritt zumutete. Sie seufzte: „Ich geh sie suchen!".

Doch in diesem Moment stieg ein weiterer Besen von den schwarzen Wolken herab. Es war Kingsley, der mit Michael unbeschadet auf dem Boden aufsetzte: „Das mit der Formation hat wohl nicht so ganze geklappt bei dem Sturm, Mad-Eye.", sagte er völlig ohne einen Vorwurf zu machen, „Wir haben euch gesucht da oben. Wo ist Tonks?".

„Wie üblich zu spät!", knurrte Moody, doch das fand Suzette höchst ungerecht in diesem Fall.

Sie mussten nur ein paar Minuten warten und schon kam auch Tonks unversehrt auf durch den Sturm nach unten gelandet, hinter ihr auf dem Besen, Nat, die blass, wenn nicht sogar leicht grünlich wirkte.

Tonks lachte schon wieder: „Wilde Fahrt durch dieses Wetterchen. Wir haben den Weg verloren. Plötzlich waren wir in dieser riesigen Wolke!".

„Wir waren alle in dieser riesigen Wolke!", knurrte Moody und er schaute sich um, als fühlte er sich beobachtet, „Nun dann! Auf nach Hogwarts!", er zeigte den Weg hinaus aus dem Dorf den Berg hinan.

Es war jetzt stockdunkel und der Weg zum Schloss war nicht ausgeleuchtet. Die kleine Gruppe war völlig durchnässt, froh und die Muggel unter ihnen, sowie ihre Freundinnen hatten keine große Lust jetzt noch eine Wanderung zum Schloss auf sich zu nehmen.

Die beiden Jungs hielten sich klein, denn sie wussten, dass diese Gesellschaft etwas völlig anderes war, als das, was sie vom Leben gewohnt waren. Doch Des konnte nicht umhin sich zu beschweren: „Es ist eine Zumutung! Jetzt noch bis da oben hin zu laufen! Pah! Und bei dem Sturm!".

Suzette glaubte in Nats Augen eine Träne zu erkennen, obwohl es natürlich auch nur eine geschmolzene Schneeflocke hätte sein können. Sie zwinkerte einmal kurz und reichte jedem, der es nötig hatte, einen sturmresistenten Regenschirm.

Sie wagten es nicht Licht zu machen, schon Des' lautes Gemecker war auffällig genug gewesen und hatte Moody ein böses Knurren entlockt.

Doch schon hörten sie hinter sich eine helle, freundliche Stimme: „Alastor Moody, der Auror?".

Sie drehten sich alle schlagartig um. Es war Rosmertha, die mitten in der Nacht, mitten im Sturm den Gehweg vor ihrem Gasthaus kehrte: „Dass ich sie des Nachts hier antreffe und noch dazu in derartiger Begleitung!".

„Ein Auftrag Dumbledores. Schulangelegenheit.", sagte Moody und der Freundlichkeit halber und um es nicht allzu verdächtig wirken zu lassen, zog er nun seinen Zauberstab und sprach: „Lumos!". Nun standen Rosmertha, Lupin und Moody im Licht der Zauberstabspitze und die Wirtin schaute sich die nächtlichen Rumtreiber genau an: „Remus Lupin? Sie wieder im Lande?".

Er antwortete nicht, denn Moody schaute kritisch mit seinem magischen Auge auf Rosmertha, was immer bedeutete, dass man jetzt lieber kein Wort zu viel verlor.

Auch den anderen kam es seltsam vor, dass die Wirtin um diese Zeit und bei diesem Wetter die Straße reinigte. Suzette fiel außerdem ein, dass Tonks ihr gesagt hatte, dass Dumbledore nicht wollte, das Rosmertha etwas von dieser Aktion mitbekam.

Moody sprach ruhig und überlegte. Er gab dabei Informationen preis, die Rosmertha eigentlich nichts angingen und die auch nicht notwendig gewesen wären, aber sie waren glaubhaft und es erschien nicht mehr ganz so, als sei dies eine streng geheime Mission des Phönixordens, sondern eine routinemäßige Eskorte zur Schule: „Das sind Austauschschüler vom Festland. Sie haben sich eine ziemlich dunkle Zeit ausgesucht um sich Hogwarts anzusehen, aber sie wollten unbedingt. Sie kennen sich hier noch nicht so aus und sie sehen ja das Wetter... Wir haben sie abgeholt und bringen sie hinauf zum Schulleiter. In den Ferien werden sie sich dann perfekt einleben können, damit sie später dem Unterricht mit voller Aufmerksamkeit folgen können! Wissen sie, da drüben auf dem Festland arbeitet man ja mit ganz anderen Methoden und Utensilien! Die haben sogar andere Stäbe... Sie müssen alles ganz neu lernen.".

Rosmertha unterbrach ihn nicht, hörte aber aufmerksam zu und schaute von einem der pitschnassen Ankömmlinge zum nächsten und als ihr Blick auf Suzette fiel, schaute die nicht, wie die anderen zu Boden, sondern der Wirtin direkt in die vom Licht des Zauberstabes angestrahlten Augen. Sie waren leer und kalt und wirkten so, als gehörten sie nicht zu der sonst recht attraktiven, koketten jungen Hexe. Suzette wusste nicht, was es war, aber sie misstraute ihr mit einem Mal und das musste sie unbedingt Dumbledore sagen. Sie wohnte schließlich in ihrem Wirtshaus und außerdem wollte sie nicht noch mehr Fehler machen. Je früher man die Dinge anging, desto besser, dachte sie nun und hoffte, dass ihre Beobachtung und ihr Verdacht die schrecklichen Fehler, die sie zuvor begangen hatte, einigermaßen revidieren konnten.

Es schien fast so, als stünde Rosmertha unter einem Imperiusfluch. Einem recht schwachen, wie es ihr schien, aber trotzdem agierte sie seltsam, wischte den Gehweg in einer stürmischen Nacht.

Suzette war sich sicher, auch Moody hatte solche Gedanken.

Endlich konnten sie sich losreißen, als Moody glaubte, Rosmertha hätte den Köder geschluckt.

Sofort als sie aus dem Dorftor schritten entzündete einer nach dem anderen ein „Lumos" auf seinem Zauberstab, auch Natalie und Desirée und Suzette eilte nach vorne zu Mad-Eye um ihn nach seinem Verdacht zu befragen, was Rosmertha anging.

„Es wirkt sehr verdächtig, was sie tut. Wenn es tatsächlich ein Imperius ist, dann ist es ein sehr schwacher, denn man erkennt auf den ersten Blick, dass mit ihr etwas nicht stimmt.".

„Ich sollte also besser nicht mehr zu ihr zurückkehren?", fragte Suzette.

„Wenn sie für dir Todesser spionieren würde, dann wärst du wohl längst tot, meine Liebe!", sprach Moody und hatte damit vermutlich Recht. Über den Rest schwieg er sich aus.