18. Zurück in Hogwarts
Der Sturm ließ nicht nach. Er tobte die ganze Nacht und schien sogar immer noch stärker zu werden.
Lupin, Moody, Shacklebolt, Tonks und Suzette und die fünf Neuankömmlinge tapsten wie begossene Pudel durch die Eingangshalle, die Treppen hinauf zum Wasserspeier vor dem Eingang des Direktorenbüros. Sie hinterließen Pfützen und Fußspuren, wo sie hintraten und Suzette konnte schon ahnen, dass Filch und die Hauselfen am nächsten Morgen nicht gerade begeistert sein würden.
Sie klopften an die hölzerne Tür von Dumbledores Büro, nach dem sie am Wasserspeier vorbei und die Wendeltreppe hinauf getapst waren.
Von drinnen kam eine leise, alte Stimme: „Augenblick noch!", und sie warteten, bis Professor Dumbledore „Herein!", rief.
In dem engen, runden Turmzimmer war Dumbledore in dieser Nacht nicht allein. Severus Snape stand bei ihm und machte ein missmutiges und erschöpftes Gesicht. Es trug seinen üblichen fledermausartigen schwarzen Umhang, doch er schien dreckiger und ungepflegter als sonst.
Dumbledore hingegen trug ein himmelblaues Seidengewand mit einem Sternenmuster darauf und lächelte die Neuankömmlinge freundlich an. Die jedoch konnten nicht zurücklächeln. Sie waren viel zu geschafft.
„Unangenehmer Sturm da draußen!", stellte er fest und Nat nickte ehrfürchtig, „Aber wie ich sehen, sind ja alle wohlauf.".
„Es gibt ein Problem, Albus!", knurrte Moody, „Ein zerbrochener Besen hängt noch da oben fest. Es darf nicht abgetrieben werden. Wenn sie vielleicht eine Eule...".
„Ich schicke später eine, Alastor. Ich denke wir haben im Augenblick alle dringendere Bedürfnisse. Zum Beispiel ein weiches Bett oder eine warme Dusche?".
Des' Gesicht verzog sich zu einem erwartungsvollen Lächeln. Sie hatte Dumbledore immer gemocht.
„Aber zuerst...", wollte der Schulleiter anfangen, als Severus ihn unterbrach: „Was hat das hier zu bedeuten?", knurrte er missgelaunt.
„Das sind ein paar Austauschschüler. Sie werden einige Zeit bei uns...".
„Albus, nimm mich nicht auf den Arm! Ich kenne diese Leute! Die beiden haben es an dieser Schule nicht mal ein Jahr ausgehalten und die anderen sind Muggel! Glaubst du wirklich, dass das eine gute Idee ist, nach allem, was hier passieren wird! Albus, Hogwarts ist kein sicherer Ort, auch wenn du das gerne glauben würdest!".
„Uns bleibt nichts anderes übrig, Severus. Ich kenn sie nicht ständig von meinen Auroren beschatten lassen und einen gewissen Schutz kann diese Schule ihnen zumindest für die folgenden Monate bieten.".
Snape knurrte etwas unverständliches und schaute die neuen Schüler missbilligend, wenn nicht sogar hasserfüllt an.
„Darf ich mich vorstellen.", sagte Dumbledore schließlich zu den Fünfen, „Ich bin Professor Dumbledore, Schulleiter dieser Institution. Ich freue mich euch in unserem Schloss willkommen heißen zu können. Ich denke, sie wissen, warum ich sie hierher holen musste.". Die Fünf nickten.
„Lord Voldemort", alle anwesenden Hexen und Zauberer zuckten ein weinig zusammen, die drei Muggel rührten sich nicht, „ist zurückgekehrt und plant Vergeltung für etwas, was eure Freundin Suzette ihm angetan hat. Er hält sie für tot, doch ist es fast sicher, dass er auch an euch, die ihr Suzette nahe standet Rache zu üben sucht.".
„Was hat Sue denn so schlimmes getan?", fragte Des neugierig, die Augen zu Schlitzen verengt.
„Sie hat sein Vertrauen missbraucht und ihn... von oben bis unten aufgeschlitzt!", Dumbledore lachte ein wenig bei dem Gedanken, doch Nat fühlte einen widerwärtigen Ekel in sich aufsteigen und auch die beiden Jungs waren mit einem Mal auf einen besonders großen Abstand zwischen sich und Suzette bedacht.
„Wir werden sie als Austauschschüler tarnen und folglich mit ihnen so verfahren, wie mit echten Austauschschülern. Sie werden am Unterricht teilnehmen und die Prüfungen ablegen. Ich werde jedoch die Lehrer unterrichten, dass ihre Leistungen völlig außer Konkurrenz laufen. Bitte verhalten sie sich entsprechend. Bitte geben sie keinen Anlass zu Misstrauen oder Provokation. Einige unserer Schüler sind Kinder aus Todesserfamilien.".
„Wie stellen sie sich das bitte vor?", fragte Michael, der immer praktisch dachte, „Wir können mit diesen Dingern doch gar nichts anfangen!", er zog seinen neuen Zauberstab heraus.
„Sagen sie, sie können mit diesem auf englischem Standart genormten Zeug nicht arbeiten.", schlug Moody vor und ermahnte sie noch einmal: „Aber versuchen sie es gar nicht erst! Zauberstäbe spüren die Schwäche ihres Meisters!".
„Bevor ich sie allerdings entlassen kann, müssen wir sie auf die Häuser verteilen.", sagte Dumbledore, „Severus, wenn du so freundlich wärst und die Hauslehrer hierher rufst?".
Snape verschwand mit einer ruckartigen Drehung durch die Tür die Wendeltreppe hinunter.
Die latente Anspannung in Nats Gesicht löste sich ein wenig.
„Sie werden jetzt diesen Hut aufsetzen und er wird sie nach ihren charakterlichen Stärken einem der vier Häuser zuordnen.", Dumbledore stieg auf einen Schemel und holte eine alten, schäbigen Filzhut aus dem Regal.
„Ihr beiden kennt ja bereits eure Hauszugehörigkeit, also fangen wir doch mal mit ihnen an!", er setzte Daniel des Hut auf sein tropfnasses, dunkelblondes Haar.
Der Hut war im viel zu groß und rutschte ihm über die Augen, wenn auch nicht ganz so weit wie so manchem Erstklässler. Es dauerte nicht lange, da verkündete der Hut durch einen Riss im Filz, der offensichtlich ein Mund war: „Hufflepuff!"
„Sehr gut! Sie gehen nachher mit Professor Sprout in zu ihrem Schlafssaal.", sagte Professor Dumbledore und nahm ihm den Hut ab, um ihm Michael auf den Kopf zu setzten.
In diesem Augenblick ging die Tür auf und Professor Snape trat mit den Professoren McGonagall, Flittwick und Sprout durch die Tür. Alle außer McGonagall versteckten nicht, dass sie müde waren und gerade aus dem Bett geschmissen wurden. Die Verwandlungslehrerin hingegen stand würdevoll, aber auch skeptisch dem Spektakel in Dumbledores Büro gegenüber.
Erst als der Hut für Michael „Gryffindor!" verkündete, erklärte der Schulleiter, wer diese Menschen waren. Es sagte die ganze Wahrheit und wie auch Snape vorhin, was McGonagall nicht gerade begeistert: „Albus, ich bin skeptisch, ob das die richtige Lösung ist.".
„Vertrau mir, Minerva!", lächelte Dumbledore und zog dem Jungen den Hut vom Kopf.
Flittwick und Sprout schauten ebenfalls nicht begeistert, sagten aber nichts.
Dann bekam Penny den Hut auf, der bei ihr sehr lange überlegen musste, bis er sprach: „Slytherin!".
McGonagall konnte sich nicht verkneifen zu sagen: „Da haben sie es! So etwas musst ja passieren!".
Dumbledore ignorierte diesen Einwand und sagte: „Ich bitte die Hauslehrer ihre neuen Schüler in ihre Schlafsäle zu bringen. Sie sind gewiss sehr müde.".
Und so zogen Flittwick mit Nat, McGonagall mit Michael und Des, Sprout mit Daniel und Snape mit Penny davon. Snape zischte vorher Suzette zu, dass sie ihm gefälligst folgen solle und so trippelte sie hinter der griesgrämigen Penny und Snape, der der Explosion nahe schien, leise und unauffällig nach, hinunter in die Kerker Slytherins.
Wortlos wies Snape Penny den Weg in ihren Schlafsaal bei den Siebtklässlern und begab sich mit Suzette in sein Büro. Er bot ihr eine Tasse Tee an, die sie nicht ablehnen konnte, denn Suzette fror erbärmlich.
„Es würde Konsequenzen haben, das war klar, nicht wahr!", sagte er mit einer düsteren, sarkastischer Stimme.
Suzette zuckte mit den Schultern und seufzte: „Penny in Slytherin! Das macht es nicht gerade leichter, was?".
Snape schüttelte den Kopf.
„Wie geht's Draco?", fragte Suzette plötzlich.
Diesmal seufzte Snape: „Das wird nichts, fürchte ich.".
„Was sagt Dumbledore?", fragte Suzette leise.
„Dumbledore!", Snapes Augen blitzten wütend, „Dumbledore verlangt von mir, dass ich Dracos Seele schütze! Er will, dass ich Draco davon abhalte den Mord zu begehen!", sein Gesicht strotzte vor purem Hass, aber auch vor Nervosität, die Suzette noch nie bei Severus beobachtet hatte. Dann verdunkelte sich sein Gesicht noch weiter, als er Suzette durchdringend ansah: „Was sind das für Gerüchte?".
Suzette sah keinen Grund zu lügen oder zu leugnen, Snape wusste es ohnehin: „Moody hat es mir erzählt.", sagte sie matt.
„Was fällt dir eigentlich ein? Hundert mal haben wir dir gesagt, dass du dich unsichtbar machen solltest! Ich dachte immer, du wärst nicht so dumm wie der Rest der leichtsinnigen Idioten an dieser Schule.".
Suzette nickte und wand den Blick ab.
Snape rümpfte die Nase: „Was glaubst du eigentlich, was es mir für eine Arbeit macht, diese Gerüchte zu zerstreuen? Es geht nicht nur um dein Leben, sondern auch um meine Glaubwürdigkeit!".
Suzette nickte und starrte weiterhin auf den Boden.
„Suzette, ich habe genug Arbeit!".
„Ich weiß!", sagte das Mädchen leise.
„Pass in Zukunft besser auf! Wir wollen doch nicht, dass Malfoy etwas davon mitbekommt, dass du noch am Leben bist!", zischte Snape und nahm einen Schluck Tee.
In diesem Augenblick klopfte es an der Bürotür.
„Wer ist da?", fragte Severus barsch.
„Ich bin es, Severus!", kam von draußen die gedämpfte Stimme von Albus Dumbledore.
Snape stand auf und schloss die Kerkertür auf. Der Schulleiter trat ein und sagte mit einem müden Lächeln auf den Lippen: „Ah Suzette! Ich wusste, dass sie noch hier sind.".
Suzette versuchte zurückzulächeln, doch ihre Gesichtszüge wollten einfach nicht.
„Ich wollte ihnen nur mitteilen, dass wir einen kleinen Schritt vorangekommen sind, in unserer Arbeit. Harry hat mir eine Erinnerung für mein Denkarium besorgt. Ich glaube, ich habe eine Idee, was die letzten beiden sein könnten.".
„So?", fragte Suzette interessiert.
„Aber das besprechen wir nicht heute. Alastor Moody berichtet mir, dass Rosmertha sich auffällig verhält?", fragte Dumbledore.
„Sie putzt bei Sturm und mitten in den Nacht den Gehweg.", erklärte Suzette.
„Ist ihnen sonst nichts aufgefallen?".
„Nein, eigentlich nicht.", sagte Suzette, ohne eigentlich darüber nachzudenken. Ihr genügte es, was Moody gesagte hatte: Wenn sie unter dem Fluch eines Todessers stehen würde, dann wäre sie schon tot. Dem konnte folglich nicht so sein.
„Wirklich nicht?", hakte er nach, beließ es aber dabei, „Ich wünsche eine gute Nacht.", und er verließ den düsteren Kerkerraum, die schwere Tür hinter sich schließend.
Auch Suzette verabschiedete sich von Snape und begab sich auf den Rückweg nach Hogsmeade.
Sie schlich sich in den Wald und disapparierte von hier aus bis vor die Haustür der Drei Besen.
