19. Die schwarze Taube
Das schlechte Wetter ließ auch in den nächsten Tagen nicht nach. Es stürmte tagaus tagein als läge über dem Schloss und dem Dorf ein starker Schlechtwetterfluch.
In Hogwarts hatte Pip es sich auf der Schulter von Professor Snape gemütlich gemacht, der mit völlig emotionsloser Mine den Schülern verkündete, dass fünf Austauschschüler vom Festland an der Schule untergebracht waren. Er stellte sie namentlich vor und erwähnte, in welche Häuser sie gekommen waren.
Die fünf Jugendlichen erweckten für ein paar Minuten Neugier, doch die erstarb schnell, als sich herausstellte, dass die zwei Jungen und drei Mädchen kaum des Englischen mächtig schienen.
Nur Penny am Slytherintisch hatte ein paar Probleme sich den seltsamen Fragen ihrer Mitschüler zu entwinden.
„Wo kommst du her?" „Aus welcher Zaubererfamilien stammst du?" „Wie reinblütig bist du?" „Auf welche Schule gehst du?" „Was wird dort gelehrt? – Die Dunklen Künste?"
Penny bekam einen hochroten Kopf als sie sich Dinge ausdachte, die sie beiläufig mal bei Suzette aufgeschnappt hatte, als sie mit ihr noch zusammen gewohnt hatte.
Nur einer interessierte sich nicht für die Neuankömmlinge. Es war Draco Malfoy, dem jetzt permanent der Schweiß auf der Stirn stand. Was sollte er nur tun? Wie sollte er es nur tun?
Er entschloss sich schließlich Suzette eine Eule zu schicken. Sie sollte kommen, noch bevor die Ferien vorbei waren, damit sie ruhig und ungestört arbeiten konnten.
Am nächsten Morgen flatterten zwei Eulen in Suzettes geöffnetes Fenster hinein.
Beide verlangten ungefähr das gleiche: Sie sollte heute unverzüglich ins Schloss kommen!
Draco Malfoys winzige, hastige Schrift ließ erahnen, dass er völlig aufgewühlt und hilflos war. Professor Dumbledore hingegen schien sich zu freuen Suzette etwas zeigen zu können, was sie bis jetzt noch nicht wusste.
Suzette machte sich gleich und ohne Frühstück auf den Weg ins Schloss.
Den Termin mit Dumbledore hatte sie erst am Nachmittag, also wollte sie sich morgens so viel Zeit wie möglich für Draco freihalten.
Draco hatte geschrieben, er wolle sie gleich im Raum der Wünsche treffen, sie solle sich in die Abstellkammer wünschen, wenn sie hineinkommen wollte.
Der Raum der Wünsche konnte alle möglichen Formen annehmen, doch wenn sich jemand darin befand, konnte niemand mehr hinein, der sich nicht das gleiche wünschte, wie derjenige, der bereits drin war.
Suzette musste darauf achten nicht im Schloss gesehen zu werden und so entschloss sie sich dazu einmal etwas richtig zu machen und ließ sich unsichtbar werden, sowie sie die Schwellen zur Eingangshalle betrat.
Es waren immer noch Ferien und kaum Schüler in den Hallen von Hogwarts geblieben. Suzette begegnete niemandem auf ihrem Weg hinauf zum Raum der Wünsche, wo sie bemerkte, dass Draco noch nicht einmal Wachen aufgestellt hatte, die ihn warnen sollten, wenn jemand den Korridor entlang ging und in den Raum der Wünsche wollte.
Das fand Suzette sehr unvorsichtig.
Sie klopfte gegen die Wand, an der sich noch keine Tür aufmachen wollte und wünschte sich mental in die große Abstellkammer für Dinge, welche die Schüler vor den Lehrer oder dem Hausmeister verstecken wollten.
Langsam, sehr langsam erschien eine große, hölzerne Tür mit schönen, eingedrechselten Ornamenten als Verzierung. Suzette trat schnell ein und schloss die Tür, die sich sofort wieder in Luft auflöste und nichts weiter als eine kahle Wand zurückließ.
Suzette atmete aus und wurde wieder sichtbar. Gerade noch rechtzeitig, denn sonst hätte sie sich mitten in den Raum der Wünsche übergeben müssen, so widerlich fand sie das Unsichtbarsein.
Draco war bereits da. Es kniete vor dem Verschwindekabinett und werkelte mit seinem Zauberstab darin herum. Er sah sich um und ohne aufzustehen sagte er mit einem fiesen, aber gespielten Grinsen auf den Lippen: „Guten Morgen, Suzette! Am besten machen wir uns gleich an die Arbeit.".
„Zu erst musst du mir sagen, wohin dieses Ding führen soll!", sagte Suzette lässig.
„Das werde ich dir nicht sagen! Es muss auch so gehen!".
„Wieso hast du mich jetzt schon zu dir gerufen? Wird die Zeit knapp?", Suzette lachte.
„Es sind Ferien und es ist sicherer, wenn wir dann arbeiten, wenn kaum Schüler in der Schule sind.", sagte Malfoy gelangweilt.
„Bist du dir sicher? Im Trubel des Schulalltags...", weiter kam Suzette nicht, denn Malfoy fiel ihr ins Wort er schrie sie voller Zorn an: „Das hier ist meine letzte Chance! Es muss klappen und ich werde es nicht bis auf den letzten Drücker hinauszögern!".
Suzette legte den Kopf schief: „Deine letzte Chance? Was ist denn noch alles schief gegangen?".
„Das geht dich nichts an!".
„Ich habe später noch ein Treffen mit Professor Dumbledore, er wird es mir sicher verraten.", sagte Suzette leise, aber es hatte seine Wirkung.
„Du wirst ihm nichts sagen, hörst du! Du wirst im NICHTS sagen!", etwas besseres, ein Argument zum Beispiel, fiel Draco nicht ein. Er wendete sich wieder dem Verschwindekabinett zu.
Suzette tat zunächst einmal gar nichts und stand nur daneben, bis Draco wieder aufsah und etwas gedämpfter zugab: „Es führt zu Borgin und Burkes in der Nocturngasse.".
„Aha!", Suzette kniete sich zu ihm und besah sich das alte, völlig marode Kabinett.
„Na ja, mit einem Reparo wird das wohl nichts.", sagte Suzette und seufzte.
Sie setzte sich zurück und sah sich Draco an, der die Schultern hängen ließ und plötzlich noch blasser schien als früher: „Draco, du siehst nicht gut aus!".
Draco drehte sich um und blitzte Suzette böse an: „Was glaubst du denn?".
„Irgendetwas ist wieder schief gegangen.", vermutete Suzette.
„Weasley!", bellte Malfoy.
„Was ist mit ihm?".
„Er hat mein Gift...".
„Du hast Gift in der Schule verteilt?", rief Suzette entsetzt.
„Ich wollte es durch Slughorn Dumbledore zu kommen lassen. Aber der fette Trottel hat es lieber seinen Schülern ausgeschenkt!", erklärte Draco und Suzette schaute erschüttert und enttäuscht.
„Hast du gedacht... Dir musste doch klar sein, dass das nicht funktionieren würde!", sagte Suzette und fand keine weiteren Worte.
Auch Draco schwieg dazu und wollte sich wieder dem Verschwindekabinett widmen, doch Suzette griff nach seiner Schulter und blickte ihm ins bleiche Gesicht: „Komm, mach mal ne Pause und...", Suzette zögerte und ließ ihren Blick zum Synästhesium schweifen, das Draco mitgenommen, dann aber achtlos in einer Ecke liegen gelassen hatte.
„Was soll ich damit?", fragte Draco genervt.
„Pip hat mir erzählt, dass es dir ganz gut getan hat.", lächelte Suzette, „Ich würde gern mal dein Liedchen hören.".
Malfoys Gesicht nahm eine ganz zartrosa Farbe an und er verengte die Augen.
„Okay.", sagte Suzette, „Ich fang an.", sie trat ein paar Schritte zu der Ecke, in welcher die runde Kugel lag. Sie griff danach und sofort wurde das schwarze Metall unter ihren Fingern warm und orange.
Sie setzte sich zurück auf den Boden zu Draco und ließ sich von den Energien des Synästhesiums durchströmen, bis plötzlich die Worte aus ihrem Herz in ihren Mund tropften:
She was a January girl, she never let on how insane it was,
In that tiny kind of scary house,
By the woods, by the woods, by the woods, by the woods...
By the woods, by the woods, by the woods, by the woods...
Black-dove... Black-dove...
You're not a helicopter, you're not a cop-out either, honey.
Black-dove... Black-dove...
You don't need a space ship. They don't know you've already lived...
On the other side of the galaxy.
The other side of the galaxy. The other side of the galaxy.
She had a January world. So many storms not right somehow.
How a lion becomes a mouse...
By the woods, by the woods, by the woods, by the woods...
By the woods, by the woods, by the woods, by the woods...
And I'll give away my black, black dress... black, black dress.
The snakes- they are my kin, are my kin.
„Was war das denn?", fragte Draco überrascht, aber Suzette war noch weitaus überraschter: „Ich habe keine Ahnung!"
Nach einer Pause sagte Suzette: „Hier! Du bist dran!", sie reichte ihm die Kugel.
Draco nahm sie und atmete tief ein. Wieder war der Raum uns sie her in das gefährlichen scharlachrot getaucht, dass sie schon von Suzettes Zimmer in Hogsmeade kannten.
Es dauerte lange, unglaublich lange, bis Malfoy es zuließ, dass Wort aus seinem Mund drangen, doch schließlich flüsterte er den Text, den er damals im Waschsaal der Vertrauensschüler so heilsam gefunden hatte:
„So it ends so it begins
I'm my father's son
Plant another seed of hate
In a trusting virgin gun
Steady boy watch them pray
To you I suspect
If you keep my flesh firm
I'll ready those sacraments"
Suzette blieb der Mund offen stehen, so verblüfft war sie, dass Draco tatsächlich in der Lage war, Gefühle auszudrücken, dass er sich ihnen bewusst zu sein schien.
„Wow!", sagte sie und blinzelte freundlich, „Hätte nicht gedacht, dass du zu sowas im Stande bist!".
„Was sagt es mir?", fragte Malfoy beiläufig, als würde es ihn eigentlich nicht interessieren.
„Ne ganze Menge!", antwortete Suzette, „Du bist dir ziemlich im klaren, was hier passiert oder? Willst du das denn überhaupt?".
„Ich muss doch!".
„Die Geschichte wiederholt sich immer und immer wieder, was?", sagte Suzette geheimnisvoll, „Und die Menschen lernen nicht! Die Generation heute wird die gleichen Fehler machen wie ihre Väter und sie fallen auf die gleichen Reden und Vorspielungen falscher Tatsachen herein.".
„Was willst du mir damit sagen?", sprach Malfoy und hatte Mühe seine Wut zu kontrollieren, denn er merkte natürlich sofort, dass Suzette ihn und seine Familien offen angriff, „Ich bin nicht verbohrt und wenn du meine Familie angreifen willst... Was ich will... Was wir wollen ist eine Neuordnung!".
„Das wollten sie schon damals und es hat sich als furchtbare Tyrannei herausgestellt.", konterte Suzette.
„Für alle die, die es nicht anders verdient hatten!", knurrte Malfoy.
„Du bist wahnsinnig stolz auf das, was du bist, Draco! Aber es kommt nicht darauf an, was du bist, sondern auf das war du geleistet hast!", sagte Suzette scharf.
„Sieh her! Sieh her, was ich zu leisten im Begriff bin!", fauchte Malfoy und wies auf das Verschwindekabinett, was Suzette nur müde lächeln ließ.
„Ein vermoderter Schrank?", stellte sie fest und Draco sagte nichts dazu.
„Draco, du willst das doch überhaupt nicht tun!", wiederholte sich Suzette.
Der angesprochene rümpfte die Nase: „Natürlich will ich es! Sonst wäre ich nicht hier! Sonst...".
„Es ist die erste Aufgabe mit der man dich betraut und sie wächst dir über den Kopf. Willst du wirklich weitermachen?".
„Er hat mir versprochen, dass...", fing Draco an, doch Suzette wusste schon Bescheid: „Er hat dir das Dunkle Mal versprochen, nicht wahr?".
„Ja.", nickte Malfoy, „Aber... Steckt das alles in meinem Text da?".
„Du musst aufpassen, wann du das Synästhesium benutzt! Es steckt eine ganze Menge mehr darin: Der Dunkle Lord, er misstraut dir und deiner Familie, aber wenn du es schaffen solltest, deine Aufgabe zu erledigen, dann wird er dich belohnen, nicht wahr? Und die Todesser? Sie haben sich doch über dich kaputt gelacht, als sie hörten, das DU deine Familie retten solltest! Dabei kannst du nicht. Dabei willst du nicht.", Suzette verzog das Gesicht zu einer Schnute, „Es ist immer das gleiche und du bist mitten drin gelandet. Kommst nicht mehr raus, Draco! Hast dein Vertrauen verscherbelt!".
„Ich bin vielleicht unerfahren, aber das ist und war jeder am Anfang.", meinte Draco plötzlich und setzte den stolzen Blick des Okklumentikers auf. Er hatte genug von sich preisgegeben und wollte jetzt endlich mit der Arbeit fortfahren: „Was genau will Dumbledore von dir?".
Suzette ließ es gut sein und antwortete: „Nichts von Bedeutung. Wahrscheinlich immer noch wegen der Austauschschüler. Ich weiß es nicht, aber er hat schon seit Monaten nichts mehr bedeutendes von mir verlangt. Mir scheint er misstraut mir.". Sie hoffte diese Lüge würde genügen. Sie konnte Draco unmöglich die Wahrheit über den Orden des Phönix und die Horkruxe verraten.
