20. Im Denkarium

Suzette konnte nicht hier darüber nachdenken, was ihr Lied nun wieder zu bedeuten hatte, denn sie wusste nicht wie gut Draco in Legilimentik war, aber es wurmte sie stark.

Sie bosselten noch ein wenig wortlos an dem Verschwindekabinett herum, brachten die abgebrochenen Türen in Ordnung und versuchten irgendwie, wenn auch nur verbal Kontakt mit der Nocturngasse herzustellen. Es gelang nicht und so ging dem Mittag dahin.

Draco und Suzette verließen gemeinsam den Raum der Wünsche, denn Suzette hatte ihren Termin bei Dumbledore und allein konnte Draco hier nicht weiterarbeiten, das wurde ihm schnell bewusst.

Sie traten durch die Tür, Suzette zuerst und sie musste wie von Donner gerührt stehen bleiben: Vor ihr stand niemand anderer als Desirée Thong, die sich offensichtlich verlaufen hatte.

Malfoy hatte keine Wachen aufgestellt, die sie hätten warnen können, doch Des verstand die Situation ohnehin mal wieder völlig falsch: „Was machst du denn hier, Sue? Was genau treibst du denn mit minderjährigen Zauberschülern in einem Besenschrank?".

Suzette drehte sich um und tatsächlich hatte der Raum der Wünsche prompt die Gestalt eines Besenschrankes angenommen.

Suzette rollte mir den Augen, sagte nichts dazu und schritt mit hoch erhobener Nase an Des vorbei. Malfoy kümmerte sich nicht um derlei blöde Anmachen von Aushilfs-Gryffindors.

Suzette erklärte allerdings, damit Malfoy nicht zu seltsamen Spekulationen kam: „Sie hat auf meinem Besen gesessen. Ich hab sie hergeflogen. Ist eine dieser Austauschschüler. Ganz blöde Ziege!".

Malfoy gab sich zufrieden.

Unsichtbar und über einen Umweg schlich Suzette schließlich hinauf zum Büro des Schulleiters.

Fast wäre Professor Trelawney über sie gestolpert, die gerade völlig geistesabwesend aus dem Schulleiterbüro gekommen sein musste.

Sie kam etwas zu spät und musste feststellen, dass sich nicht nur er und Dumbledore, sondern auch Potter hier eingefunden hatten.

„Ah, Suzette! Gut, dass sie gekommen sind.", sagte Dumbledore und führte sofort sein Gespräch mit Harry fort: „Du hast noch keine besonderen Strategien erarbeitet, um deine kleine Hausaufgabe zu erfüllen, wie ich höre.".

Potter wurde rot im Gesicht und schüttelte den Kopf.

An Suzette gewand erklärte er: „Ich habe ihn gebeten von Professor Slughorn eine Erinnerung zu beschaffen, verstehen sie?".

Suzette nickte und wusste nicht, ob sie diese Information jetzt interessant oder nebensächlich finden sollte: „Worum geht es denn dabei?", fragte sie.

„Es geht darum wie Tom Riddle erfahren hat, was Horkruxe sind und wie man sie herstellt.", sagte Dumbledore freundlich und gelassen.

„Sie meinen, er hat es von Professor Slughorn?", fragte Suzette.

„Soviel ist sicher!", sagte der Schulleiter, „Wir haben uns in den vergangenen Monaten mit der Vergangenheit von Tom Riddle beschäftigt, so wie ich ihn kannte und so wie er sich ihnen erklärt hat. Ich glaube wir sind nun an einer Stelle angelangt, an der sie eventuell noch ein paar Informationen haben. Außerdem glaube ich, dass es immer besser ist, wenn man zwei Mitwisser über einen Plan hat, vor allem wenn der Feind seine Hausaufgaben mit etwas mehr Gewissheit zu erledigen weiß.", er sah Harry mit einem verschmitzen Blick an, sodass der Junge wieder puterrot im Gesicht anlief. Doch Suzette verstand den Seitenhieb: Dumbledore war nicht entgangen, was Malfoy trieb. War ihm auch nicht entgangen, was Suzette trieb?

Nun, jedenfalls war sie hier und der Schulleiter schien ihr etwas anvertrauen zu wollen.

Dumbledore begann einen kleinen Vortrag und sowohl Harry als auch Suzette wagten nicht den alten Zauberer zu unterbrechen. Harry hatte ein schlechtes Gewissen, weil er eine offensichtlich wichtige Aufgabe nicht angegangen war. Außerdem stieg ein seltsamer Ekel in ihm auf, wenn er dieses Mädchen schon wieder vor sich stehen sah. Das ganze Jahr schon war ihm dieser Vogel auf den Fersen, wie es ihm vorkam und jetzt begann sie sich wohl wieder einzumischen.

Suzette hatte ein schlechtes Gewissen, weil Dumbledore ihr mal wieder vertraute, obwohl sie insgeheim Draco unterstützen musste, obwohl sie alle seine Warnungen ignoriert hatte und viele Menschen in große Gefahr gebracht hatte. Außerdem stand dieser widerwärtige Junge vor ihr, keinen Funken Talent aber für etwas berühmt, was er selbst nicht erklären kann. Aber aufspielen, das konnte er sich! Auch wenn er ein grausiges Schicksal geerbt haben mochte, brauchte er nicht stolz darauf zu sein, brauchte er nicht so arrogant durch die Schule zu stolzieren, wie Pip es ihr wiederholt bereichtet hatte. Er wollte immer alles besser wissen. Er wollte immer im Mittelpunkt stehen und er wollte immer Recht behalten.

Dumbledore sprach und beinahe hätten Suzette und Harry den Anschluss verpasst: „Nun, wir haben darüber gesprochen, wie Riddle aufgewachsen ist und über seine Schulzeit in Hogwarts. Heute wollen wir darüber sprechen, wie es ihm nach seinem Abschluss ergangen ist. Wir wissen, dass er ein exzellenter Schüler und sogar Schulsprecher war, dass er freundlich aufgetreten ist und ein unvorstellbares Talent besaß. Ein Musterschüler. Und so kam es schließlich, dass er sich nach seinem Abschluss an dieser Schule unverzüglich als Lehrer für das Fach Verteidigung gegen die Dunklen Künste bewarb. Damals noch bei Professor Dippet als Schulleiter. Der jedoch wies ihn ab, da er gerade mal 18 Jahre alt war und wenig Erfahrung in der weiten Welt sammeln konnte. Er schickte ihn hinaus, sein Leben in die Hand zu nehmen und als er wiederkam, fand er schließlich mich auf dem Direktorenstuhl. Hatte ihm wohl nicht so ganz in den Kram gepasst. Aber der Reihe nach!", Dumbledore lächelte und machte eine Pause, denn Harry braucht ein wenig Zeit zu verarbeiten, was er gerade gehört hatte: „Er hat sich als Lehrer beworben? Hier an dieser Schule?".

„Und wenn er ein paar Jahre älter gewesen wäre, hätte Professor Dippet ihn mit Sicherheit auch genommen.", fügte Dumbledore hinzu.

„Hätte man durch eine Berufung zum Professor nicht jede Menge Leid und Terror verhindern können?", fragte Suzette nachdenklich, aber mit einem gefährlichen Blitzen in den Augen.

Dumbledore antwortet mit einer ruhigen, fast belustigten Stimme, die Suzette wieder daran erinnerte, warum sie diesen Mann im Grunde hasste: „Er war damals schon voller Hass. Die Stelle als Lehrer war niemals sein Lebenstraum. Riddle wollte Macht, nichts weiter! Er wollte in eine Position um Gefolgsleute um sich scharen zu können, eine Position der Respekt gebührt. Und da er von der Zaubererwelt bis dato nichts weiter als die Schule kennen gelernt hatte, wollte er es sich leicht machen und einfach dort bleiben.".

Suzette zweifelte daran, sagte aber nichts mehr.

Dumbledore fuhr fort: „Er ging also in die Welt hinaus, wie Professor Dippet es ihm nahe gelegt hatte und bewarb sich für eher unmotivierte Aushilfstätigkeiten in der schwarz-magischen Szene. Er arbeitete bei Borgin und Burkes, den Antiquitätenhändlern in der Nocturngasse als Assistent und Botenjunge. Eine Arbeit weit unter seinen Fähigkeiten und das wusste er und das wusste ich. Es war nur eine Frage der Zeit bis er wieder kommen würde, um sich um einen Posten zu bewerben. Er kam also, doch mittlerweile war Professor Dippet von uns gegangen und ich an seine Stelle getreten. Aber das sollten wir und am besten später live an sehen. Zunächst habe ich hier eine Erinnerung die unsere Suzette interessieren könnte. Es handelt sich um eine Erinnerung der Hauselfe Honkey, die zu einer alten Dame namens Hepzibah Smith gehörte. Die Dame war rech wohlhabend und außerdem eine Antiquitätensammlerin. Sie interessierte sich für seltene und besonders wertvolle Stücke bedeutender Zauberer der Vergangenheit und so war sie wohl eine gute Kundin bei Borgin und Burkes. Ich vermute, dass Riddle sie von dort her kannte.".

Dumbledore zückte seinen Zauberstab und rührte ein wenig in der halb gasförmigen, halb flüssigen Masse im Denkarium neben ihm herum, bis er den Erinnerungsfetzen gefunden hatte, nach dem er gesucht hatte: „Bitte nach ihnen!", sagte er und erst Harry, dann Suzette und schließlich der Schulleiter selbst stiegen hinein und das uralte Steingefäß.

Sie landeten in einem noblen Herrenhaus mit sehr altmodischer Dekoration. Sie standen abseits und beobachteten die Situation: Eine beleibte, ältere Dame in einem lindgrünen Kleid, das mit blitzenden Kristallen besetzt war, stand mitten in einem überladen ausstaffierten Salon. Vor ihr in einem samtbezogenen, roten Sesseln saß ein gutaussehender, smarter Junge mit dunkelbraunem Haar und einem schlichten, unaufdringlichen schwarzen Umhang, ganz offensichtlich Tom Riddle im Alter von 18 oder 19 Jahren.

Hinter der Dame drückte sich außerdem ein kleiner Hauself, der zwei Artefakte in der Hand hielt.

Die Frau sprach: „Und hier sind zwei meiner wertvollsten Stücke. Ich bin besonders stolz darauf sie zu besitzen. Es ist ja so großartig, dass es noch junge Leute gibt, die sich für die Schätze ihrer Vorfahren interessieren!". Sie nahm einen goldenen Becher, der mit Edelsteinen prunkvoll besetzt war: „Das hier ist ein echter Becher auf dem Nachlass von Helga Hufflepuff. Ja, tatsächlich! Helga Hufflepuff, die Gründerin von Hogwarts. Sie waren doch in Hogwarts?".

Riddle nickte und sein Blick klappte um in unermessliche Gier. Mrs. Smith schien es nicht zu bemerken und fragte munter weiter: „Welches Haus, wenn ich fragen darf?".

„Slytherin.", sagte Riddle knapp, aber in freundlichem Ton, die Augen nicht von dem Becher abwendend.

„Oh, dann wird sie mein nächster Schatz besonders interessieren.", sie nahm dem Hauself eine Kette ab und zeigte sie dem jungen Antiquitätenhändler: „Das ist eine echte Kette aus dem Erbe von Salazar Slytherin persönlich. Ja, Salazar Slytherin!".

Riddles Augen ließen einen leichten roten Schimmer aufblitzen, der Harry und Suzette einen eiskalten Schauer über den Rücken jagten. Mrs. Smith bemerkte nichts.

Das Bild um die drei Beobachter wurde undeutlich und bevor sie es sich versahen wirbelten sie schnell herum und standen wieder im Büro des Schulleiters.

Dumbledore erklärte: „Vier Tage später wurde Hepzibah Smith ermordet in ihrem Haus aufgefunden. Der Hauself Honkey legte ein umfassendes Geständnis ab, obwohl sie angab sich an nichts erinnern zu können. Außerdem waren die beiden eben gesehen Artefakte verschwunden. Es ist offensichtlich, was sich in Wirklichkeit abgespielt hat: Riddle hat die Dame ermordet und die Erinnerung des Hauselfen verändert, sodass sie die Tat gestand und er ungeschoren davonkam.".

Einen Augenblick lang herrschte Stille in dem runden Turmzimmer, bis Suzette die Stimme erhob: „Das war das Medaillon, das...".

„Ganz genau! Das war das Medaillon, das seine Mutter einst aus akutem Geldmangel versetzen musste.".

„Ein Horkrux!", sagte Suzette.

Harry wagte gar nichts zu sagen, denn er hatte das Gefühl er verstehe von alle dem ohnehin nur Bahnhof.

„Was glauben sie, könnte der Becher nicht auch ein Horkrux sein?", fragte Dumbledore.

„Möglicherweise, er hat sich ja immer besonders wertvolle Dinge für seine Horkruxe ausgesucht.", meinte Suzette.

„Trophäen!", verbesserte Dumbledore, „Nicht wahr, Harry?".

Potter nickte abwesend.

Suzette überlegte, welche Säule der Macht dem Becher entsprechen könnte.

„Ich glaube, Voldemort hat sich gezielt Dinge aus dem Nachlass der vier Gründer von Hogwarts gesucht.", verlautete Dumbledore.

„Er hatte was von Slytherin, was von Hufflepuff...", zählte Suzette.

„Von Gryffindor hatte er wohl nichts, denn die einzige bekannte Antiquität von ihm steht gut behütet in diesem Büro.", er wies auf das silberne Schwert, das an seiner Wand hing.

„Bleibt Ravenclaw.", stellte Suzette fest.

„Ganz genau. Aber dazu habe ich nun leider keine Erinnerung finden können, bis jetzt.", meinte Dumbledore.

„Moment.", unterbrach Potter, „Wir haben also: Das Tagebuch – zerstört!".

Suzette zählte in Gedanken mit: Sein Wille.

„Der Ring – zerstört!".

Seine Unbeugsamkeit!

„Seine Schlange!".

Seine Stärke!

„Dieses Medaillon!".

Sein Stolz!

„Der Becher!".

Entweder sein Talent oder seine Erfahrung! Suzette tippte spontan auf die Erfahrung, denn sie passte einfach besser zur sprichwörtlichen Strebsamkeit Hufflepuffs.

„Sie haben also schon über die Horkruxe geredet?", fragte Suzette und Dumbledore erwiderte: „Ja, aber wir sind noch nicht ganz dahinter gekommen, woher er wusste, wie man sie herstellte und was man damit machen konnte.".

Dumbledore rührte wieder in seinem Denkarium herum und sagte schließlich, als er das gesuchte gefunden hatte: „Ich habe noch eine zweite Erinnerung für heute Nachmittag. Wie gesagte, ist Riddle einige Zeit später zu mir gekommen, um sich bei mir als Lehrer zu bewerben. Aber seht selbst!".

Wieder traten sie näher an die Steinschale und tauchten in einen Schwurbel aus weißem Licht ein, bis sie genau dort landeten, wo sie vorhin gestanden hatten: Im Büro des Schulleiters von Hogwarts, nur einige Jahre früher. Albus Dumbledore hingegen, war bereits im Amt und saß gerade hinter seinem Schreibtisch, als Tom Riddle, auch einige Jahre jünger, als derzeit, dennoch aber nicht mehr menschlich anzusehen, zu ihm herein trat.

„Na, Tom?", sagte der junge Dumbledore.

„Professor, ihr Vorgänger hat mich abgewiesen, ich sei zu jung und unerfahren und ich dachte, jetzt...".

Dumbledore fiel ihm ins Wort: „Wollen sie das denn wirklich, Tom? Sind sie sich sicher?".

„Nennen sie mich nicht so!", zischte Riddle.

„Was verlangen sie von mir? Dass ich sie Lord nenne, wie ihrer Gefolgsleute?" sagte Dumbledore ruhig aber bestimmt.

„Es gebührt sich, mich so zu nennen!", sagte Voldemort.

„Tut es das tatsächlich? Nachdem, was ich von ihren Machenschaften berichtet bekam.", sagte der Schulleiter und sah Voldemort in die glühend roten Augen.

„Das tut hier nichts zur Sache.", knurrte Voldemort.

„Ich kann ihnen die Stelle nicht geben. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie der richtige Mann für dieses Amt und dieses Amt nicht das richtige für sie sind.".

Voldemort stand kerzengerade auf, drehte sich um und verließ das Turmzimmer, nicht ohne kurz nach deinem Zauberstab zu zucken.

Die Erinnerung war beendet und die drei Beobachter landeten wieder im derzeitigen Büro des Schulleiters.

Harry blickte enttäuscht und verwirrt zu Dumbledore auf und der

Erklärte schließlich mit einem Seufzen: „Seither hat es kein Lehrer im Fach Verteidigung gegen die Dunkle Künste länger als ein Jahr ausgehalten. Er hat das Fach verflucht, denn es war das erste mal, dass er nicht das bekommen hat, was er gewollt hatte.".

„Warum wollte er denn so unbedingt hier Lehrer werden, wenn er doch schon seine Anhänger und alles hatte?", fragte Harry.

„Ich glaube, dass nach wie vor Hogwarts für ihn ein Symbol für ein zu Hause war, außerdem ist dieses Schloss eine wahre Fundgrube der magischen Geheimnisse, die Quelle des magischen Wissens sozusagen. Außerdem kann man als Lehrer die absolute Macht über seine Schüler genießen.".

Harry dachte sofort grimmig an Snape, doch Dumbledore sprach weiter: „Es gibt noch einen vierten Grund, den ich ihnen beiden allerdings erst erörtern kann und will, wenn Harry seine kleine Aufgabe erfüllt hat.".

Wieder wurde Harry rot im Gesicht.

„Also dann, das war's für heute. Ich wünsche einen schönen Abend! Suzette, ich werde ihnen eine Eule schicken.".

Und so verließen die beiden das Büro des Direktors. Suzette machte sich unsichtbar, als sie die öffentlichen Korridore betraten und begab sich hinab zu den Kerkern.