21. Verdächtigungen

Es musste schnell gehen, denn lange konnte Suzette nicht unsichtbar bleiben.

Im Waschsaal der Vertrauensschüler Slytherins wurde sie wieder sichtbar und fand genau den vor den sie gesucht hatte: Draco Malfoy.

„Draco?", flüsterte Suzette vorsichtig.

Er drehte sich um, wischte sich offensichtlich eine Träne aus dem linken Auge und nickte.

„Pass auf, du machst folgendes.", sagt das Mädchen und senkte die Stimme, obwohl sie allein waren, „Ich werde jetzt zurück nach Hogsmeade gehen, wenn du mich brauchst, rufst du mich! Vielleicht kannst du aber schon mal dafür Sorgen, dass die andere Seite des Kabinetts in der Nocturngasse repariert wird.".

„Das habe ich schon längst in die Wege geleitet!", schnarrte Malfoy naserümpfend.

„Gut! Dann könntest du es von Ungeziefer reinigen und mal nachsehen ob es vielleicht irgendwo verstopft ist oder es eine schwache Stelle in den Wänden zwischen Hogwarts und Borgin und Burkes gibt. Außerdem könnten die Scharniere mal geölt werden.", erklärte Suzette und Draco blieb nichts anderes übrig als zu nicken, denn das, was dieses Mädchen zu ihm sagte, war die einzige Möglichkeit für ihn noch mal mit einem blauen Auge davon zu kommen.

„Suzette, es ist folgendes:", sagte Draco schließlich, „Ich bin ein bisschen in Verzug geraten, weil ich das Gefühl habe Potter und seine Anhängsel hegen Verdächtigungen gegen mich. Sie schnüffeln herum.".

Suzette zog die Augenbrauen zusammen: „Nun, das müssen wir natürlich abstellen!", gab sie zu, wirbelte herum und wurde im gleichen Augenblick unsichtbar. Sie schlich heraus über den düsteren Flur hinüber zu Snapes Büro.

Nachdem sie sich umgesehen und sich versichert hatte, dass sie allein war, öffnete sie die Tür und wurde sichtbar: „Severus?".

Snape erschrak nur unerheblich und seine Mimik blieb steinern: „Was ist los, Suzette?".

„Der Schulleiter hat Potter und mich gerade zu sich bestellt. Ich habe Grund zu der Annahme, dass sich Potter mal wieder in Angelegenheiten mischt, die ihn nichts angehen. Ich sagte, er hätte Malfoy bei verdächtigen Tätigkeiten beobachtet. Ich glaube nicht, dass das sowohl gut für uns, als auch gut für Potter oder gut für Malfoy ist. Vielleicht könntest du dich darum kümmern, dass Potter in nächster Zeit etwas weniger Gelegenheit haben wird, anderen Schülern hinterher zu spionieren.".

Snapes linke Augenbraue hob sich und er ließ ein bösartiges Grinsen sehen: „Das sieht im ähnlich, diesem Potter! Mischt sich doch immer in Angelegenheiten ein, von denen er nichts versteht! Er zieht den Ärger magisch an. Ich werde da schon etwas finden, mit dem ich ihn beschäftige, keine Angst. Aber jetzt, mach du dich zurück nach Hogsmeade. Ich glaube, du bist schon viel zu lange hier!".

Suzette tat, wie ihr geheißen wurde und zog sich zurück in ihr Zimmer in den Drei Besen.

So verlebte sie ein paar ruhige Tage ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt, bis eines Abends plötzlich Pip vor ihrem Fenster auftauchte und aufgeregt mit dem Schnabel gegen die Scheibe hämmerte.

Pip hatte schlechte Nachrichte: „Sie haben dich gesehen!", krähte er.

Suzette riss die Augen auf: „Wer?".

„Der Hauself aus Grimmauldplatz Nummer 12 und noch einer.".

„Hauselfen?", rief Suzette überrascht.

„Dieser Hauself ist jetzt Potters oder?", fragte sie nach einer kurzen, nachdenklichen Pause.

Pip bestätigte.

„Sie haben es Potter berichtet.", er war weniger eine Frage als eine Feststellung.

„Sie haben dich mit Draco gesehen.", sagte Pip.

Suzette runzelte die Stirn: „Und?".

„Natürlich hat er es seinen Freunden erzählt.", erklärte Pip leise.

Es kam Suzette so vor, als wollte der Rabe mit etwas nicht so recht rausrücken.

„Der... der... fast der ganze Gryffindor-Turm weiß... hat einen Verdacht.", krähte der schwarze Vogel langsam.

Suzette zuckte zusammen.

„Des weiß Bescheid.", sagte der Rabe und das Mädchen sank nun entgültig in sich zusammen.

Es würde nicht mehr lange dauern, dann wüsste Dumbledore von ihrem doppelten Spiel, dann wüsste Snape Bescheid, dass sie Draco half, richtig half, nicht nur, indem sie veranlasste Potter von ihm fern zu halten, während seine Hilfe verschmäht blieb und dann wüssten bald auch die Slytherins von ihrem Überleben und würden es ihren Todesser-Eltern weitererzählen und...

Suzette atmete tief ein, um sofort danach wieder tief auszuatmen. Ihr fiel keine Lösung ein, außer dass sie Potter persönlich einschärfen musste, dass alles seine Richtigkeit hatte. Nur: Würde er ihr glauben? Er hasste sie und von seinem Standpunk aus betrachtet, wäre misstrauen sehr wohl berechtigt gewesen.

Jetzt konnte Suzette nur hoffen, dass Dumbledore sie so schnell wie möglich wieder zu sich rufen würde, damit sie alles, was im Augenblick am Schieflaufen war, wenigstens halbwegs behelfsmäßig und vorübergehend scheinbar geradebiegen konnte.

Pip verbrachte viel Zeit im Gemeinschaftsraum der Gryffindors und so bekam er genau mit, was Potter mit seinen Elfen-Spitzeln beredete: Sie sollten Draco beobachten und ihm berichten, wo er sich rumtrieb und welchen Plan er verfolgte. Außerdem bat er Dobby, einen weiteren Hauselfen darum, seinen eigenen Elf Kreacher wiederum zu überwachen.

Kreacher hielt sehr viel von Draco, aber Dobby war ein Schleimer und nahm seine Aufgabe sehr viel ernster als der alte Elf aus Grimmauldplatz Nummer 12.

So erfuhr Harry, dass Draco sich immer häufiger allein im Raum der Wünsche aufhielt, was erklärte, warum Harry, der wie ein Spion seinen Lageplan des Schlosses absuchte, den jungen Malfoy öfters nicht darauf entdecken konnte. Außerdem wollte Dobby an einem Morgen Suzette, sich selbst mit einem Unsichtbarkeitszauber belegt habend, in Begleitung von Malfoy gesehen haben.

Das war zu viel der ungewöhnlichen Zufälle für Harrys Geschmack. Mochte Dumbledore den beiden trauen, er tat es nicht! Und so beschloss er ganz vorsichtig seinen Freunden aus dem Gryffindor-Haus einige seiner Verdächtigungen zu unterbreiten: „Malfoy plant etwas Verbotenes im Raum der Wünsche!". „Malfoy ist ein Todesser!". „Malfoy hat einen Auftrag von Voldemort!". „Snape unterstützt Malfoy und hintergeht Dumbledore!". „Suzette unterstützt Malfoy!". „Suzette versteckt sich mit ihm im Raum der Wünsche!".

Die meisten seiner Freunde schienen ihm jedoch nicht zu glauben: „Suzette ist tot!", führte Longbottom an. „Snape ist ein Lehrer und Dumbledore hat seine Gründe, warum er ihm vertraut!", meinte Pavarti Patil.

Aber Desirée, eine der Austauschschülerinnen, die nach Gryffindor gekommen war, schien sich dafür zu interessieren und Harry fühlte sich selbst bestätigt. Wenigstens eine glaubte ihm. Warum sonst befand sich dieser nervtötende Vogel immer in seiner Nähe?

„Ich hab sie auch gesehen!", gab Des eines Tages zu, „Sie ist mit so einem blonden Jungen aus einem Besenschrank geklettert. Du meinst doch Suzette? Sie hat mich vom Bahnhof abgeholt. Zusammen mit ein paar Auroren.".

Harry nickte und war sich nicht sicher, ob diese Information schon erlaubte, dass er sein Schweigen brechen sollte und das Geheimnis, dass Suzette noch am Leben war, nicht doch ausplaudern sollte.

Des war noch nie gut darin gewesen, sich aus irgendwas herauszuhalten.

Sie hatte Suzette nun mal in dieser seltsamen Situation gesehen und es irritierte sie, dass sie offensichtlich unsichtbar durch das Schloss schlich und wenn dann noch Harry Potter, der Junge mit dem untrügerischen Gespür für schwarze Magie und Dunkle Kräfte, der außerdem regelmäßige Privataudienzen mit dem Schulleiter zu haben schien, schon solche Verdachte von sich gab, dann war hier etwas ziemlich faul!

Hatte Sue nicht selbst zugegeben einmal Todesserin gewesen zu sein? Hatte sie nicht selbst jahrelang bei der Familie Malfoy gelebt? Und war Draco Malfoy nicht Sohn eines Todessers?

Des verließ das Gefühl nicht, dass dieses Schloss untergraben wurde. Alles deutete darauf hin: Sie selbst waren angeblich von Todessern ins Visier genommen worden und mussten hier herkommen. Schuld daran hatte offensichtlich nur Suzette. Dann sieht sie Suzette mit diesem Todessersohn, wie sie offensichtlich geheime Machenschaften vertuschen will und nun bestätigte dies auch Harry Potter!

Natürlich sah Des sich in Gefahr und traf sich unverzüglich mit ihrem Freund im Korridor zum Astronomie-Turm.

Daniel, der in das Haus Hufflepuff gekommen war, hatte sich bereits mit der Stimmung seines Hauses angesteckt und misstraute allem, was nicht nach Plan lief, vor allem auch deswegen, weil er, wie auch seine Hausmitglieder, nicht mit besonderem magischen Talent gesegnet war und deshalb immer auf Nummer Sicher gehen wollte.

Und schon ein paar Tage später hatte sich das Gerücht von Suzettes Überleben und ihren Machenschaften auf das Haus Hufflepuff ausgebreitet.

„Und du bist dir ganz sicher, dass sie dabei war, als sie euch vom Bahnhof abgeholt haben?", fragte man Daniel, der nun endlich einmal im Mittelpunkt stehen konnte und er beantwortete gerne Fragen bezüglich Suzettes Abbleiben, obwohl er natürlich keine wirkliche Ahnung hatte.

Pavarti Patil tat ihr übriges und trug das Gerücht hinüber zu den Ravenclaws, zu denen ihre Zwillingsschwester zählte und auch hier wusste Nat einiges um die Geschichte auszuschmücken: „Sie muss sich verstecken, müsst ihr wissen, weil die Todesser sie suchen, aber in Wirklichkeit ist sie selber eine von ihnen. Mein Freund Michael, er ist nach Gryffindor gekommen, hat mir gesagt, dass sie außerdem schon mal mit einem Muggel quer über den Kontinent appariert ist. Das weiß er von Penny, sie ist nach Slytherin gekommen und kennt Suzette schon länger.". Die sich anschließende Frage, wie es kommt, dass Penny Suzette schon länger kannte, wenn sie doch Austauschschüler vom Festland waren, beantwortete Nat nicht minder reißerisch: „Suzette ist eine Französin! Wusstet ihr das nicht? Sie wurde in Frankreich geboren, wo man sie heute noch beim Namen kennt, weil ihre Familie dort wirklich eine Schande gewesen sein muss! Das Haus ist heute noch unbewohnbar, in der ihre Mutter damals gehaust hat. Ach der ganze Ort ist eine dieser schmuddeligen, kleinen Zigeunersiedlungen. Ihr wisst ja, alles Verbrecher! Diebe, Betrüger und Mörder!".

Die einzige, die sich an ihre Schweigepflicht erinnerte, und die somit unbewusst wahre Freundschaft und Loyalität bewies, war schließlich Penny, die sich in den dunklen Kerkern unter den hochnäsigen und abschätzigen Blicken der Slytherins absolut nicht wohl fühlte. Hier sollte sie hingehören? Der Hut musste sich geirrt haben!

Sie hatte außerdem mitbekommen, dass man sich hinter ihrem Rücken hier unten über ihrer Leistungen im Unterricht lustig machte, sie könne nicht einmal einen Zauberstab richtig herum halten. Und ihr Hauslehrer war der reinste Sadist!

Snape schien sie vom ersten Augenblick an auf dem Kicker zu haben. Das merkte sie sofort und Penny glaubte zu wissen, warum: Er wollte sie nicht hier haben! Suzette wollte sie nicht hier haben! Suzette und dieser Snape waren ein Kaliber und steckten hundertprozentig unter einer Decke!

Zu blöd, dass sie geschworen hatte, ihre ehemalige Freundin nicht zu verraten!