23. Slughorns Erinnerung

Heimlich, still und leise zog Suzette also noch am selben Abend in Hogwarts ein.

Allerdings konnte sie ihr Kerkerzimmer, das sie früher bewohnt hatte, nicht mehr beziehen, weil sie hier in unmittelbarer Nähe der Slytherins hätte leben müssen und denen sollte sie, wenn möglich, nicht unter die Augen kommen.

Sie richtete sich provisorisch einen Turmzimmer in der Nähe der Astronomieklassenräume ein, wo nicht allzu viel Schülerverkehr stattfand.

So verbrachte sie die ersten Tage, bis ein kleiner Papierflieger zu ihr hinein flatterte und ihr mitteilte, dass sie sich unverzüglich im Büro des Schulleiters melden sollte, Potter hätte endlich das beschafft, was zu Vervollständigung des Gesamtbildes noch gefehlt hatte.

„Ah Suzette, da sind sie ja.", sprach Dumbledore und winkte sie ungeduldig hinein. Potter war schon da.

„Harry hat uns eine kleine Erinnerungsszene von Professor Slughorn besorgt, die das fehlende Puzzleteil zum Gesamtbild des Charakters und der Vergangenheit bildet.", er lächelte milde und wies auf sein Denkarium.

Und ehe sie es sich versah, schwurbelte sie schon hinunter in die Vergangenheit des Lord Voldemort aus der Sicht seines Zaubertrankprofessors.

Sie befanden sich in einem Klassenraum in den Kerkern von Slytherin, wo eine Gruppe Siebtklässler sich um ihren Lehrer, einen deutlich verjüngten Professor Slughorn scharte.

Unter ihnen war auch Tom Riddle, des jetzt den Mund öffnete und fragte: „Professor sagen sie, wird Professor Merrythought nächstes Jahr tatsächlich in Pension gehen? Ich habe da so ein Gerücht gehört.".

Slughorn antwortete: „Ich bin erstaunt, Tom, wie sie es immer wieder schaffen an Informationen zu gelangen, die sie eigentlich nichts angehen sollten.", er klang dabei allerdings keineswegs vorwurfsvoll, sondern aufrichtig beeindruckt: „Ja, sie wird uns nächstes Jahr verlassen.".

„Die Stelle für Verteidigung wird also frei werden?", fragte Tom und man konnte einen rötlichen Schimmer in seinen Augen aufflackern sehen, der allerdings auch eine Spiegelung einer der Fackeln, die an der Kerkerwand befestigt waren, sein konnte.

„Tom, ich kann und will nicht zurückhalten, dass sie einer meiner besten Schüler an dieser Schule waren. Sie könnten groß sein. Ihnen steht eine große Karriere bevor und wenn sie möchten, könnte ich mich für sie im Ministerium stark machen.".

Riddle unterbrach ihn: „Nein, nicht nötig Professor. Ich komme schon allein zurecht. Ich habe bereits Pläne gefasst.".

„Tatsächlich? Das überrascht mich nicht, so ein musterhafter Schüler wie sie, plant sein Leben natürlich zeitig im Voraus.", Slughorn lachte.

Es kam Suzette vor, als würden sie um einige Minuten in der Zeit voranspringen, denn das Bild um sie herum wurde verschwommen und die Wort, die gesprochen wurden undeutlich. Als das Bild der Situation wieder klar wurde, war es Nacht geworden und niemand außer Riddle und Slughorn befanden sich noch in dem Klassenraum.

Riddle erhob die Stimme erneut zu einer Frage: „Professor, was sind Horkruxe?".

Slughorn schluckte und wartete ab, bis er sich fähig sah, eine Antwort zu geben. Er atmete und seufzte tief bis er ansetzte: „Tom, das ist wirklich nichts, womit sie sich beschäftigen sollten.", er machte eine Pause, bevor er auf einen drängenden Blick Riddles hin, doch mit der Sprache herausrückte: „Es ist... sagen wir es so: Ein Zauberer kann seine Seele aufspalten und deren Teile in leblosen Körpern oder anderen Lebewesen aufbewahren. Doch es ist eine schreckliche Sache, seine Seele zu zerstören. Es gelingt nur, wenn selbst schreckliche Dinge an anderen Menschen verübt. Der Zauberer, der seine Seele zerstört, zerstört sich selbst damit, Tom. Lassen sie bloß ihre Finger davon!".

„Es kann einen aber theoretisch unsterblich machen?", fragte Tom und klang dabei beiläufig und ruhig, als hätte er gerade nach einem Glas Kürbissaft gefragt.

„Wenn der Körper des Zauberer stirbt bleiben seine Seelenteile, die Horkruxe zurück und können in einem lebendigen Körper wieder erwachen. Aber Tom, lassen sie die Finger davon! Zauberer, die sich einen Horkrux gemacht haben, hatten fortan kein richtiges Leben mehr. Ihnen fehlte ein Teil ihrer Seele! Ihnen fehlte ein Teil von sich selbst! Bedenken sie, dass viele Magier, die auch nur einen Horkrux herstellten daraufhin verrückt geworden sind!".

Tom bohrte weiter: „Und dann stirbt also der echte Körper und die Seele bleibt hier?".

„Weil sie selbst ja in einem intakten Körper steckt, ja.", sagte Slughorn mit leicht zittriger Stimme.

„Und wissen sie, wie genau...?".

„Tom!", fiel Slughorn ihm ins Wort, „Sie können keinen Horkrux herstellen. Zauberer, die dies tun, nutzen ihre eigene Unmenschlichkeit zum physischen Überleben! Das kann und darf nicht ihr Ziel sein!".

Riddle ließ sich jedoch nicht beeindrucken: „Wie viele Horkruxe sind theoretisch möglich aus einer Seele herzustellen?".

„Keinen, Tom!", reif Slughorn, „Selbst ein einziger Horkrux würde... Es ist nicht gut, Tom!".

„Ich bin stark, Professor.", wand Tom ein, „Ich dachte daran, so etwa sieben Teile meiner Seele zu hinterlassen.", er klang gelassen und überhaupt nicht hintertrieben.

„Tom, sie haben doch nicht im Ernst vor, selbst...", keuchte der Lehrer erschrocken, „Es ist ein verbotener Zauber und hier an der Schule sowieso tabu! Versprechen sie mir, dass sie...", doch Riddle hatte den Raum so eben verlassen.

Es schwurbelte wieder um sie herum und bevor sie es sich versahen, standen Dumbledore, Harry und Suzette wieder im Büro des Schulleiters.

„Wer ist Professor Merrythought?", fragte Suzette.

„Sie war Lehrerin für Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu Voldemorts Zeiten und ging, als er seinen Abschluss machte, im folgenden Jahr in Pension. Eine sehr, sehr intelligente Frau, war sie.", erklärte Dumbledore, „Aber, was wir hier erkennen sollten, ist etwas anderes.", er wandte sich an Harry: „Horkruxe! Ich vermutete schon länger, dass er sich mit Horkruxen unsterblich zu machen versucht. Lord Voldemort fürchtet nichts mehr, als den Tod, müsst ihr wissen, denn für ihn gibt es keine stärkere Macht auf dieser Erde, als ihn. Er selbst jedoch strebt nach der absoluten Macht und fürchtet somit alles, was möglicherweise stärker sein könnte, als er. Oder er ignorierte es einfach...", Dumbledore lächelte ganz kurz und verschmitzt zu Suzette hinüber und fuhr dann fort: „Wir kennen bereits fünf seiner Horkruxe: Das Tagebuch, das Medaillon, den Becher, seine Schlange und den Ring. Es fehlt als nur noch einer, von dem wir nicht wissen, was es ist. Höchstwahrscheinlich eine Antiquität aus dem Besitz von Rowena Ravenclaw. Darüber haben wir bereits gesprochen. Wichtiger ist folgendes: Die Horkruxe müssen zerstört werden! Es sind noch vier Stück übrig. Sie müssen gefunden, geborgen und zerstört werden! Erst dann kann Voldemort selbst getötet werden!".

„Und das werde ich tun müssen, Sir!", sagte Harry matt, wobei Suzette ihn unverwandt ansah: „Wieso das denn?", fragte sie.

„Die Prophezeiung...", begann Harry, doch Dumbledore unterbrach: „Die Prophezeiung verlangt zunächst einmal gar nichts von dir, Harry!".

„Welche Prophezeiung?", fragte Suzette mit einem kritischen Blick.

Dumbledore antwortete ruhig: „Vor Harrys Geburt wurde eine Prophezeiung gemacht, die besagte, dass jemand geboren würde, der im Stande sei, Voldemort zu besiegen...".

„... und dass keiner der beiden Leben kann, solange der andere überlebt!", vervollständigte Harry.

Suzettes Augenbrauen zogen sich zusammen: „Und nur deshalb hat er versucht...".

„Nur deshalb hat er meine Eltern umgebracht!", fauchte Harry plötzlich aggressiv, denn Suzettes Tonfall und der Wort „versucht", passten ihm nicht.

„Aber du verstehst nicht, was das bedeutet, Harry!!, wand Dumbledore ein, „Nicht eine Prophezeiung bestimmt ein Schicksal, sondern unsere Entscheidungen! Ich habe es Suzette schon versucht beizubringen, und jetzt bist wohl du an der Reihe, Harry.", wieder lächelte Dumbledore kurz in Richtung Suzette, „Voldemort hat sich entschieden die Prophezeiung als sein Schicksal zu betrachten und deshalb hat er seinen Zauberstab gegen deine Eltern und dich erhoben. Nicht die Prophezeiung hat dich auserwählt, Voldemort war es selbst! Er hatte eine Wahl und er hat sich entschieden sich selbst einen Feind zu schaffen, der heute, da er fast erwachsen ist, persönliches Interesse daran hat, ihn tatsächlich zu töten. Und du hast wiederum die Wahl, Harry, Du kannst entweder kämpfen und Voldemort besiegen, ihn angreifen oder du kannst nur passiv handeln und reagieren, wenn er dich angreift. Was möchtest du tun?".

„Ich werde kämpfen!", sprach Potter stolz und ohne zu zögern, was kurz Suzettes Gesichtszüge entgleiten ließ, bevor sie sich wieder fing. Was hatte sie erwartet? Ein leichtsinniger Gryffindor war er!

„Das ist gut, Harry!", sagte Dumbledore, „Das ist sehr gut! und ich glaube, dass du eine gute Chance hast ihn zu besiegen, denn du besitzt, wie gesagt eine Macht, die stärker ist als die Voldemorts und die stärker ist als der Tod. Nicht wahr Suzette?".

Suzette nickte kurz und abwesend, sich mochte diesen Pathos in Dumbledores Stimme nicht.

„Die wichtigste Säule der Macht, Harry! Du hast sie!", sprach Dumbledore und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl sinken: „Ja ja, auch ich werde alt!".

Eine kurze Zeit lang breitete sich eine Stille in dem engen Turmzimmer aus. Suzette wusste nicht, ob sie jetzt gehen konnten, oder ob Dumbledore noch etwas sagen wollte.

„Suzette, ich bin froh, dass sie wieder an unserer Schule sind.", sprach er schließlich scheinbar völlig zusammenhangslos, „Vielleicht könnten sie einmal ein kleines Gespräch mit Severus halten. Er wirkt in letzter Zeit ziemlich überarbeitet und gestresst und ich bin mir sicher, dass sie den Grund dafür bereits kennen.". Suzette nickte düster.

„Ich hoffe, dass, wenn sie einmal mit ihrem Verstand, statt mit ihrem Herz denken, auf die gleiche Schlussfolgerung kommen wie ich.".

Ganz gewiss nicht, dachte Suzette, nickte aber wieder.

„Unsere neuen Schüler haben sich ja bereits sehr gut eingelebt.", es wirkte, als wollte Dumbledore unbedingt Konversation halten, damit Harry und Suzette nicht den Raum verließen.

„Wirklich?", fragte Suzette gespielt interessiert.

„Oh ja! Wusste sie, dass Penny, wirklich perfekt nach Slytherin passt? Wer hätte das gedacht, nachdem sie sich so gestritten haben!".

Suzette sagte nichts dazu und weil Potter merkte, dass er hier offensichtlich nicht mehr gebraucht wurde trat er langsam zur Tür hin.

„Ach Harry! Warte bitte noch einen Augenblick!", rief Dumbledore ihm nach, „Ich werde demnächst aufbrechen um einen weiteren Horkrux zu suchen, wenn du möchtest, kannst du mich begleiten.".

Sofort strahlte der Junge über das ganze Gesicht: „Ja! Gerne, Sir! Mit Vergnügen!", er verließ den Raum und Suzette tat es ihm gleich.