24. Potters Schulbücher
Suzette seufzte einmal tief und wurde dann unsichtbar. Sie hoffte, dass sie es so lange aushalten würde, bis sie unten in den Kerkern ankam.
Und tatsächlich hatte sie gerade den Fluch vor Severus' Bürotür überwunden und war eingetreten, da musste sie auch wieder sichtbar werden.
Snape saß an seinem Schreibpult über ein Pergament gebeugt, dass er mit einer Lupe lesen musste. Er erschrak, zeigte es aber kaum: „Was willst du hier?", knurrte er missgelaunt.
„Guten Tag!", rief Suzette gespielt fröhlich.
Snape verzog den Mund.
„Der Schulleiter schickt mich zu dir, du sollst mir dein Herzeleid klagen!", piepste Suzette ausgelassen und kicherte.
Snape schaute sie finster an und musste offensichtlich mit sich kämpfen, dass er nicht sein Tintenfass nach Suzette warf.
„Was ist los?", fragte sie jetzt wieder ernsthaft, „Dumbledore sagt, du...".
„Dumbledore sagt... Wen interessiert, was er sagt?", brüllte Snape, „Es interessiert ihn genauso wenig wie mich, was er sagt!".
Suzette war doch einigermaßen geschockt, wie sehr es Severus auf sein Gemüt geschlagen ist.
„Hör mal, ich weiß, worum es geht, aber...".
„Was, aber? Was denkst du? Findest du, ich sollte jemanden umbringen, weil er mich darum bittet? Viel mehr, weil jemand anderes jemanden bittet ihn umzubringen, nur um dessen verkorkste Seele zu retten? Aber meine Seele, die interessiert ihn nicht! Was denkst du Suzette?", in Snapes Tonfall lag etwas bedrohliches, das Suzette sagte, dass diese Fragen rein rhetorisch gemeint waren.
„Ich...", begann Suzette, „Weißt du...", sie brach ab. Es hatte keinen Sinn. Sie war genau Snapes Meinung und für Dumbledores Vorstellungen konnte sie sich noch nie begeistern, „Ich werde dann mal wieder gehen und dich nicht weiter nerven. Aber dass du Dumbledore ja sagst, dass ich bei dir gewesen bin!". Suzette verließ den Raum und wurde mit dem Zuschlagen der Tür unsichtbar.
Zu spät! Aus dem Jungenklotür etwas weiter im selben Korridor heraus kam gerade Malfoy, der sich die Nase putzte und offenbar in seinen Gemeinschaftsraum wollte. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er Suzette sehen können und stolzierte jetzt geradewegs auf sie zu.
Er flüsterte, denn er wollte Suzette und sich selbst nicht enttarnen: „Was machst du hier?".
Suzette griff Malfoys Ärmel und zerrte ihn zurück in das Jungenklo, dessen Tür Malfoy sperrangelweit offen gelassen hatte. Wäre die Tür zugefallen, hätte Suzette als Mädchen keinerlei Möglichkeit gehabt dort hinein zu gelangen, außer vielleicht, wenn sie die Mauer gesprengt hätte.
Sie schloss die Tür und wurde sichtbar: „Ich wohne wieder im Schloss!", sagte sie, „Dumbledore will es so.".
„Du hast ihm nichts...", setzte Draco an.
„Nein, es gibt nichts mehr, was er von mir erfahren wird!", beruhigte Suzette ihn.
„Was hast du ihm denn schon alles verraten?", fragte Malfoy und sah sie scharf an.
„Nichts, was für dein Vorhaben und deine Aufgabe von Bedeutung ist.", sagte Suzette und schwieg über genaueres.
„Was wolltest du bei Snape?".
„Mich unterhalten.", erklärte Suzette unverbindlich.
„Worum ging es?".
„Natürlich ging es um deine stümperhafte Arbeit bis jetzt, Draco! Severus ist mitverantwortlich, wenn du versagst! Natürlich macht er sich langsam Sorgen! Wie weit bist du?".
Zu Suzettes größter Überraschung reagierte Malfoy gar nicht mehr hochmütig. Die ganze Angelegenheit schien langsam an seinen Nerven zu fressen. Draco war morbide geworden. Er sagte gar nichts und starrte auf seine Füße.
„Was ist los? Wie weit bist du?", versetzte Suzette erneut.
Ein scharfer Blick von Suzette genügte und Draco begann zu schluchzen: „Ich schaff es nicht!", wimmerte er, „Es wird nicht funktionieren!".
Das hatte Suzette nun wirklich nicht erwartet. Ihr fiel nichts besseres ein, als ihn zu trösten: „Aber Draco, ich bin doch hier um dir zu helfen.", sprach sie und versuchte den Jungen in den Arm zu nehmen. Er sträubte sich jedoch.
In diesem Moment flog die Tür auf und Suzette wurde schon unsichtbar als sie nur das Heruntergedrücktwerden der Türklinke beobachtete. Vor ihnen stand Potter.
„Na, Malfoy? Was treibst du hier? Zusammen mit Suzette?", er hielt ein altes Pergament in der Hand, das ihm offensichtlich irgendwie verraten hatte, dass Suzette auch hier war. Als Malfoy nicht antworten wollte, sondern sich stattdessen einige Tränen aus den Augen wischte, sprach Potter selbstgefällig und überheblich weiter: „Es gibt Gerüchte, Malfoy! Was treibt ihr hier?", er sah sich suchend nach Suzette um, doch die bewegte sich nahezu lautlos auf die offene Tür zu um, nicht mehr hier zu sein, wenn sie wieder sichtbar werden musste.
Draco wurde panisch. Er wusste nicht mehr, was er tun sollte und zückte seinen Zauberstab. Er fluchte irgendwas, alles durcheinander, doch kein Lichtblitz wollte Potter treffen. Kein Lichtblitz bedeutete überhaupt irgendetwas. Draco war im Augenblick weder fähig Harry Wabbelbeine noch eine Hornzunge anzuhexen.
Potter stand da und starrte Malfoy an. So hatte er ihn noch nie gesehen: Verzweifelt und schwach. Trotzdem verlor er mit einem Mal die Geduld: „Malfoy, was zur Hölle treibst du hier? Ich weiß, dass du es warst, der Katie verflucht hat!".
„Ich weiß nicht, was du meinst!", brüllte Malfoy, „Ich habe nichts damit zu tun! Es geht dich überhaupt nichts an, was ich hier treibe!".
„Wo ist Suzette? Sie hintergeht Dumbledore!", schrie Potter aufgebracht.
Malfoy wusste schließlich keinen Ausweg mehr: „Crucio!".
Der Fluch verfehlte sein Ziel nicht, doch er war machtlos und Potter musste sich nicht mal nach vorne krümmen. Doch auf sein Gesicht legte sich eine ungeduldige und überhebliche Miene das Hasses. Er überlegte kurz und rief dann: „Sectumsempra!".
Suzette hörte das Wort, als sie schon im Korridor dabei war, sich aus dem Staub zu machen, und wusste sofort, was passieren würde. Sie rannte hinüber zu Snape.
Drinnen in der Toilette spielte sich eine schreckliche Szene ab: Potter hatte Malfoy mit seinem Fluch voll getroffen und ihn so vom Bauchnabel aufwärts bis zum Hals aufgeschlitzt.
Das reine Blut Malfoys vergoss sich auf dem Fußboden und er fiepte erbärmlich um Hilfe.
Potter erschrak sich fast mehr als Malfoy und kniete sich sofort zu ihm hinunter und wusste nichts besser als sich zu entschuldigen, was Draco leider herzlich wenig nutzte: „Das wollte ich nicht, Malfoy! Das wollte ich nicht!", seine Stimme zitterte vor Angst. Er wusste nicht, was er tun sollte. Hilfe holen und Draco alleine lassen? Oder hier bleiben und auf Hilfe warten?
Potter hockte da wie gelähmt, als etwas durch die Tür gerauscht kam. Es war Snape.
Suzette rannte, so schnell es ihr unsichtbar möglich war, hinüber zu Snapes Büro, wurde vor Schreck sichtbar und berichtete außer Atem und schockiert: „Potter hat Malfoy angegriffen! Er hat ihn aufgeschlitzt! Sectumsempra!".
Snape ließ es sich nicht zweimal sagen und eilte, so schnell es bei einem würdevollem Gang möglich war, den Gang hinunter zum Jungenklo, wo er die Tür sperrangelweit offen vorfand und Harry über Draco gebeugt.
Der junge Malfoy war blutüberströmt zusammen gebrochen.
Snape stieß Potter zur Seite, sodass er mit dem Rücken auf den Boden fiel. Wieder beteuerte er: „Das wollte ich nicht! Ich... hab DAS hier nicht gewollt.".
Snape schien es zu überhören und widmete sich dem Gegenfluch des Sectumsempra, einem leisen, melodischen Singsang den er so oft wiederholte, bis die Wunde auf Malfoys Körper zugeheilt war.
Jetzt erst drehte Snape sich zu Potter um und knurrte: „Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet du deine Nase so tief in die Dunklen Künste vergraben hast, Potter.". Seine Augen funkelten ihn böse an, als er Malfoy auf seine Arme hievte und sagte ganz ruhig und gefährlich freundlich: „Ich bringe Mr. Malfoy in den Krankenflügel, vielleicht ist es noch möglichen eine Narbenbildung zu verhindern. Sie bleiben hier! Ich werde zu ihnen zurück kommen und dann werden wir weiter sehen.".
Suzette wartet vor der Tür des Jungenklos, musst aber davoneilen, weil ihr mit einem Mal ungemein übel wurde, was an ihrer Unsichtbarkeit lag. Sie rannte in Snapes Büro und wartete dort.
Es war der falsche Ort gewesen, an dem sie sich versteckt hatte, denn schon nach ein paar Minuten kam Snape zur Tür herein und schleifte Potter mit sich.
„Suzette?", der Junge blickte sie unverwandt an und auch die Angesprochene kam nicht umhin ein wenig schockiert aus der Wäsche zu blicken. Snape jedoch blieb eiskalt: „Es hat sie nichts anzugehen, wer sich in meinem Büro aufhält, Potter! Erklären sie mir lieber, woher sie diesen Fluch kennen!".
Harry fiel nichts ein und so schwieg er beharrlich. Natürlich konnte er Snape damit nicht beeindrucken, er hatte schon eine ganz genaue Vorstellung davon, wo der Junge den Fluch herhatte: „Potter, sie werden jetzt hoch in ihren Gemeinschaftsraum gehen, alle ihre Schulbücher zusammensuchen und mir unverzüglich vorlegen!". Er ließ Potters Umhang los und der Junge glitt immer noch kreidebleich und geschockt über alles was gerade passiert war und alles, was gleich passieren würde, aus dem Kerker, die Treppen hinauf in den Gryffindor-Turm, wo er seine Schulbücher zusammenklaubte.
„Woher kennt er den Fluch?", fragte Suzette, als Potter verschwunden war mit angestrengter Miene.
„Ich würde vermuten, er hat ihn aus einem alten Schulbuch.", flüsterte Snape gehässig.
„Es ist dein Fluch!", stellte Suzette fest, „Er wird kaum in einem Schulbuch...".
„Er steht in MEINEM alten Schulbuch, Suzette!".
„Wie sollte er da herankommen?".
„DAS will ich von ihm erfahren!", knurrte Snape und sie warteten.
Harry brauchte lange, bis er wieder kam. Er brauchte so lange, als hätte er noch einen Umweg durch das ganze Schloss gemacht, doch er kam schließlich und reichte Snape mit einem verräterisch triumphierenden Blick, den sogar Suzette bemerkte, einen Stapel seiner Schulbücher.
Snape beachtete sie alle nicht, bis auf das Zaubertrankbuch, das er sich sogleich sorgfältig zu Gemüte führte.
Offensichtlich fand er jedoch nicht, was er suchte und fragte in einem scharfen Ton, der Harry und Suzette zusammenfahren ließ: „Ist das ihr Buch, Potter?".
„Ja.", es war offensichtlich eine Lüge.
„Dann erklären sie mir doch bitte eins: Wieso steht ihr Name nicht drin?".
„Ich schreibe meinen Namen nicht...", doch Snape führte seine Frage von vorhin unerwartet fort: „Wieso steht hier „Dieses Buch gehört Lonald Weasey"?".
„So nennen mich meine Freunde.", ganz offensichtlich schon wieder eine Lüge.
„Nachsitzen, Potter, Nachsitzen! Nachsitzen bis zum Ende des Schuljahres oder bis sie mir erklären, wo sie diesen Fluch her haben!", bellte er und dann beugte er sich vor und blickte Potter ganz nahe und durchdringend in die Augen: „Und weil sie gelogen haben, Potter, gibt es 50 Punkte Abzug für Gryffindor! Des weiteren werden sie sich von Mr. Malfoy fern halten. Es geht sie einen feuchten Dreck an, was er hier unten im Haus Slytherin treibt, Mr. Weasey!".
„Sie können es mir nichts beweisen!", stieß Potter hervor.
„Nein, das kann ich nicht.", sagte Snape ruhig, „Aber der Verdacht bleibt bestehen!".
„Aber... die Quidditch-Saison?", seine Stimme wurde immer leiser und Snape bewegte sein bedrohliches Gesicht keinen Millimeter von Harrys fort: „Ihre Quidditch-Mannschaft wird nun wohl ohne sie zurecht kommen müssen.".
Harry wand sich unwirsch ab und verließ den Kerker ohne einen Gruß.
„Eingebildeter, arroganter Besserwisser!", knurrte Snape aufgebracht und wand sich nun Suzette zu: „Was machst du noch hier? Was hast du mit Malfoy zu schaffen?".
„Ihm geht es nicht gut und im Gegensatz zu dir, will er sich helfen lassen!", behauptete Suzette kühl.
„Es gibt Gerüchte und sie sind wirklich bald nicht mehr zu widerlegen. Der Schulleiter weiß es! Du solltest aufhören dich einzumischen!".
„Ich tue, was ich für richtig halte!", meinte Suzette stolz.
„Na dann erklär mir doch bitte wenigstens Dracos Plan.".
„Nein!", Suzette wurde unsichtbar und verließ die Kerker um sich in ihren Raum nahe des Astronomieturms zu begeben.
