26. Zweifel
Draco seufzte. Natürlich war er erleichtert, dass er es so weit geschafft hatte, aber der schwerste Teil würde noch kommen und das unter den Augen der Todesser.
Was würde sein Vater am Ende von Ihm halten? Was würde Voldemort von ihm halten? Wenn er es schaffte? Und was, wenn er es nicht schaffte?
Immer noch hielt Suzette ihm die metallne Kugel hin und forderte ihn auf, sie zu nehmen.
Automatisch und unkontrolliert streckte er seine Arme aus und nahm es an sich. Augenblicklich war der Raum in das gefährliche blutrote Licht getaucht.
Suzettes schaute ihn sorgenvoll an: „Immer noch?", fragte sie.
Draco zeigte keinerlei Reaktion. Er war schon wieder weit, weit weg in seinen Gedanken eingesperrt.
„Father Lucifer
You never looked so sane
You always did prefer the drizzle to the rain
Tell me that you're still in love with that liar
How's the lizards
How's your Jesus Christ been hanging
Nothings gonna stop me from floating
Nothings gonna stop me from floating
He says he reckons I'm a watercolor-stain
He says I run and then I run from him
And then I run
He didn't see me watching"
Suzette zog die Augenbrauen zusammen: „Was soll das denn?".
„Die Todesser!", keuchte Draco und die diesem Moment ließ er alle arrogante Fassade fallen. Er erbleichte mit einem Mal.
„Und?", fragte Suzette.
„Ich hab sie gesehen!".
„Davon ging ich aus.", meinte Suzette unverständig.
„Ich war dabei.", erzählte Draco schließlich, „Als er mir der Auftrag gegeben hat. Er hat ihn mir persönlich gegeben, weißt du.".
„Und sie haben vermutlich alle um dich herum gestanden?", überlegte Suzette.
„Alle die noch übrig waren und ein paar neue Anhänger. Aber darum geht es nicht: Alle Todesser werden hierher kommen und ich darf nicht versagen! Ich darf nicht versagen!".
„Nein, tatsächlich besser nicht.", sagte Suzette nachdenklich,
„Wie ist Voldemort so drauf im Augenblick? Stark?".
„Ja, er ist wirklich auf voller Höhe seiner Kraft. Ich hab noch nie einen mächtigeren Zauberer gesehen.", meinte Draco ein wenig bewundernd.
„Er bevorzugt das Nieseln dem Regen!", lachte Suzette, „Nette Formulierung um zu sagen, dass er ein egoistischer Machtmensch ist!".
„Er arbeitet einfach für seinen Vorteil. Ich finde das nicht verwerflich.", erklärte Draco und sah Suzette scharf an.
„Reden wir nicht von Meinungen, ja?", warnte Suzette, „Aber du machst dir Sorgen, du könntest versagen, nicht wahr? Ernsthafte Sorgen!".
„Was würdest du tun?", funkelte Malfoy sie an.
„Du hattest keine andere Wahl als der „Lügnerin" zu trauen. Ich kann dich beruhigen! Aber ich finde deinen Plan an sich nicht schlecht.", gab sie zu.
„Ob er es auch so sieht?", fragte Draco und schaute Suzette durchdringen an.
„Er erwartet gar nicht, das du es schaffst! Er will dich vorführen! Du musst es ihm beweisen, Draco, und ich glaube, du bist jetzt schon weiter, als er es je für möglich gehalten hatte.".
„Er glaubt, ich bin ein Angsthase. Er hat mich ausgelacht, vor versammelter Mannschaft! Er meinte, jetzt könne ich nicht mehr weglaufen. Er meinte, das wäre die letzte Chance für einen Malfoy Verantwortung beweisen können! Er meinte, ich müsse die Familienehre retten.".
„Aber am liebsten wärst du wirklich abgehauen!", vermutete Suzette, aber Draco war zu stolz dazu etwas zu sagen.
„Und?", fragte er schließlich, „Was rätst du mir jetzt?", er klang nicht, als erwartete er eine Antwort. Seine Miene war wieder versteinert und so hochmütig wie eh und je. Das rote Licht ebbte ab. Draco hatte die Okklumentik wieder angeschaltet.
Suzette überlegte: „Na ja, lass dich nicht verrückt machen! Du hast schon mehr geschafft als sie alle von dir erwartet hätten und denk daran, dass du immer noch Professor Snape auf deiner Seite hast.".
Draco verzog das Gesicht, sagte nichts, hielt aber auch nichts von Suzettes beruhigenden Worten.
Formell reichte Suzette Draco die Hand und wünschte ihm Glück, dann verschwand sie aus dem Raum der Wünsche mit dem Gedanken, alles getan zu haben, was ihr möglich gewesen ist, zufrieden und in angstvoller Erwartung davor, was in dieser Nacht passieren würde.
Sie wurde sofort unsichtbar und schlich sich hinunter zu Snape, um ihn darauf vorzubereiten, denn sie wusste, dass Draco sich diese Blöße nicht geben würde und seinen Lehrer am Ende doch noch um Hilfe beten.
Sie schloss die Tür hinter sich, wurde sichtbar und stand Snape gegenüber: „Heute Nacht passiert es!", flüsterte sie.
Snape verzog sein Gesicht unmerklich, sagte dann aber: „Woher weißt du das?".
„Ist doch egal! Es ist wichtig, dass du dich vorbereitet hast!".
„Woher?", knurrte Snape bedrohlich.
„Heute Nacht werden die Todesser ins Schloss kommen und Draco wird...", doch Suzette kam nicht weiter.
„Ich werde!", bellte Snape, „Der Schulleiter ist nicht im Schloss zur Zeit. Wenn er zurück kommt, werde ich es tun.".
„Du weiß es also schon.", sagte Suzette resigniert, „Ihr habt also schon euer Abkommen getroffen.".
„Du deine offensichtlich auch, Suzette!", knurrte Snape und schaute sie scharf an.
Sie reagierte nicht darauf und wandte sich zum Gehen.
„Du hast Draco also doch geholfen!", stellte Snape fest.
„Er brauchte Hilfe!", verteidigte sich Suzette.
„Er wollte keine!", sagte Snape.
„Von dir wollte er keine. Er wollte nicht, dass jemand dem Dunklen Lord erzählen würde, er hätte es nicht allein geschafft.".
„Er ist ein Narr!", sagte Snape.
„Ich wollte, dass lieber er es tut, als du!", erklärte Suzette.
„Er war von Anfang an klar, wer es tun würde.", sagte Snape und rollte das Pergament vor sich auf dem Schreibpult zusammen, „Hör zu! Du versteckst dich heute Nacht besser in den Kerkern. Der Astronomieturm ist eine Sackgasse und hier unten werden wohl kaum Todesser herumlaufen und nach Dumbledore suchen. Meinen Schülern habe ich Arrest verpasst. Niemand wird hier herumlaufen.".
Suzette nickte und wandte sich wiederum um, um zu bleiben, wo sie war.
„Na, dann erzähl' mal.", forderte Snape nach einer längeren Pause des Schweigens.
„Malfoy hat mich bei Rosmertha gesehen und statt mich zu verpfeifen oder zu töten, bat er mich um Hilfe bei seinem geheimen Projekt. Wir haben zusammen das Verschwindekabinett repariert. Oben im Raum der Wünsche, in dem Montague letztes Jahr verschwunden ist. Es führt in die Nocturngasse und von dort werden die Todesser ins Schloss gelassen.".
Snape brummte etwas, das Suzette nicht verstand, was aber weniger nach Unmut, als nach Anerkenntnis klang.
„Und wo ist Dumbledore?", fragte Suzette schließlich.
„Ich weiß es nicht, aber ich vermute, er hat Potter mitgenommen.".
„Wie kommst du darauf?", fragte Suzette.
„Die beiden klüngeln schon seit Wochen etwas aus!".
Und urplötzlich wusste Suzette, wo sie hingegangen sein mussten: Die Grotte! Sie waren heute Nacht unterwegs um das Medaillon zu vernichten! Sie ließ sich ihr Wissen jedoch nicht anmerken.
„Wird vor seinem Tod noch was zu erledigen haben.", vermutete Suzette, „Er weiß doch davon?".
„Natürlich weiß er alles!", kam es von Severus zurück, „Er weiß, dass er nicht mehr lange hat.".
„Ich meine, ob er weiß, dass es heute sein wird?".
„Er vermutete es wohl. Und er hat das Talent immer verdammt gut zu vermuten.", sagte Snape zerknirscht.
Die Zeit schleppte sich zäh dahin. Stunde um Stunde starrten Snape und Suzette sich an. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Suzette war sauer, weil Snape sich nicht mehr gewehrt hatte, weil er der heutigen Nacht offenbar gelassen entgegentreten wollte, weil er sich nicht darum kümmerte, was er mit seiner Seele anstellte und weil er es ihr offensichtlich übel nahm, dass sie Draco geholfen hatte. Er schien fast so, als glaubte Snape, Suzette sei ihm in den Rücken gefallen und das fand sie ungerecht.
Snape hingegen hatte alle Mühe sich äußerlich ruhig zu geben, denn in seinem Innern kochte Abscheu, Hass und Ekel gegenüber Dumbledore, Malfoy, Potter, der ganzen Sache, die von Anfang an falsch gelaufen war und ihm selbst, der er es laufen gelassen hatte. Er hatte sie alle in Gefahr gebracht und er war Schuld an allem, was passiert war und jetzt musste er als letzte Konsequenz auch noch das tun, was scheinbar das Ende des Widerstandes, der Schule und eines halbwegs geordneten Lebens in diesem Land einläuten würde.
Dies würde die Nacht sein, in der er all sein erarbeitetes Vertrauen verlieren würde und eine schwierige Zeit nach sich ziehen würde.
