2. Die Stadt ihrer Mutter

Sag mal, Suzette, Wo sollen wir überhaupt übernachten?", fragte Penny, als die beiden wieder über einen einsamen Feldweg in Richtung Les-Saintes-Maries-De-La-Mer spazierten.

Ich dachte mir, dass ich und ein vergängliches Zelt heraufbeschwöre.", meinte Suzette vorsichtig. „Ein was?", rief Penny aus. „Na ja, ich könnte einen Baumstumpf oder so etwas kurzzeitig metamorphiern. Es ist umweltfreundlich und billig und er verwandelt sich zurück, wenn du dich nicht drin befindest.", erkläret Suzette, etwas kleinlaut.

Ich soll in einem Baumstumpf schlafen?", fragte Penny entsetzt. „In einem Baumstumpf oder auf der Straße.", antwortete Suzette und begann ihre Schritte zu beschleunigen, denn sie hatte einige Häuser hinter einem Hügel hervorlugen sehen.

Penny kam kaum noch hinterher, als Suzette, die ja kein belastendes Gepäck tragen musst, zu rennen begann. Penny keuchte hinterher und gab es schließlich auf, ihrer Freundin nachzuhetzen. Sie war viel zu unsportlich, viel zu unmotiviert.

Sie fragte sich ohnehin, was sie hier tat. Wenn Suzette einen heilenden Selbstfindungstrip unternehmen wollte, dann war sie fehl am Platze. Genauso kam sie sich vor: Fehl am Platze. Sie konnte mit Frankreich nichts anfangen, verstand kein einziges Wort, mochte das Wetter und das Essen nicht und Zelten war so ziemlich das letzte, was sie sich unter Urlaub vorstellte.

Suzette wartete auf ihrer notorisch schlecht gelaunte Freundin auf dem Gipfel des Hügels und wippte ungeduldig von den Fersen auf die Zehenspitzen: „Da ist es! Das ist es!", rief sie und ihr Augen glänzten vor Freude, was Penny allerdings gänzlich kalt ließ. Suzette hatte gut reden, sie schleppte nicht seit sieben Kilometern einen kiloschweren Koffer mit sich herum.

Endlich hatte auch Penny den höchsten Punkt des Hügels erreicht und blickte hinab in ein durchaus pittoreskes Dörfchen mit kleinen Häusern, Palmen in den Vorgärten und staubigen Straßen und Gehwegen.

Wieder konnte Penny nur hinterher trotten, als Suzette die Straße hinunter in den Ort lief. Sie hatte gar keine Ambitionen mehr zu ihr aufzuschließen, Suzette ging ihr auf die Nerven.

Dieses Mädchen ging ihr schon immer auf die Nerven! Einmal verkriecht sie sich wochenlang in ihrem Zimmer und lässt sich nicht blicken, aber dann glaubt sie, alle müssten springen, wenn sie sich in den Kopf gesetzt hatte einen Trip nach Frankreich zu machen! Was fiel Suzette eigentlich ein, davon auszugehen, dass Penny mitwollte? Sicher, Suzette erledigte den Haushalt und alle unangenehmen Arbeiten, die Penny nicht machen wollte mit Leichtigkeit, aber irgendwo hatte die Dankbarkeit Grenzen! Penny war es noch nie so stark aufgefallen, als in den letzten drei Wochen, dass Suzette anders war, dass sie eine Hexe war.

Früher hatte sie es amüsant gefunden, heute fand sie es befremdlich und seltsam. Seit Suzette aus diesem Hogwarts zurück war, verhielt sie sich anders: Manisch.

Penny sah dem schwarzhaarigen, zierlichen Mädchen nach, wie es mitten über die Fahrbahn ging und so versuchte die ganze Atmosphäre der Straße in sich einzusaugen. Penny selbst kam sich elendig plump vor, vor allem weil sie diesen dämlichen Koffer schleppen musste. Ihr Rücken schmerzte unmenschlich und sie hatte Durst. Suzette vor ihr schwebte, tanzte dahin mit einer Leichtigkeit, die Penny wütend vor Neid und Missgunst machte.

Penny war nie ein fröhlicher Mensch gewesen. Sie besaß zwar alles, was sie sich wünschen konnte, aber sie hatte keinen Respekt davor und so war sie verbittert, wie Suzette fand.

Suzette!", rief Penny schließlich, als sie es nicht mehr aushielt, Suzettes Ausgelassenheit von hinten betrachten zu müssen, „Jetzt wart mal!". Suzette blieb stehen und bot Penny ein weiteres Mal an, ihren Koffer zu verzaubern. Sie lehnte genervt ab.

Das Dorf war recht klein, trotzdem verwinkelt und voller geheimer Ecken, die Suzette am liebsten alle auf einmal erforscht hätte. Sie war so neugierig auf alles, was sie hier verpasste hatte. Sie wollte ihr Elternhaus finden und die Kappelle, die ihr das Synästhesium in Hogwarts gezeigt hatte. Sie wollte Menschen treffen, die ihre Mutter kannten und sich noch an sie erinnerten. Sie wollte einfach ein paar Tage so tun, als wäre ihr Leben anders verlaufen, so verlaufen, wie ihre Mutter es vielleicht geplant hatte.

Sie kamen durch eine kleine Promenade, auf deren Straßenpflaster sich ein Kreidegemälde an das nächste reihte. Die Künstler hockten entweder noch bei der Arbeit oder in einem Straßencafé.

Suzette, lass und was trinken, ja?", sagte Penny und Suzette stimmte widerwillig zu. Sie mochte zwar Straßecafés aber nicht jetzt! Jetzt wollte sie so viele Eindrücke wie möglich bekommen und nicht ihre Zeit in einem Café verschwenden.

Es war zwar erst früher Nachmittag, aber Penny schwor, dass sie keinen Schritt weiter machen konnte. Ihr Rücken, ihre Füße brachten sie um und sie wollte jetzt endlich ins Zelt!

Suzette seufzte und führte Penny wieder aus der Stadt heraus, irgendwo auf eine freie Fläche, wo sie einen kleinen Felsen in ein Zelt verwandelt. Penny war beeindruckt, aber nicht so sehr, dass sie es zeigte.

Du, Penny, macht es dir was aus, wenn...", begann Suzette vorsichtig. „Nein! Hau schon ab!", murrte Penny, die sich sogleich auf einem Sofa in Suzettes vergänglichem Zelt niedergelassen hatte.

Suzette zog also alleine los und fühlte sich ein wenig bedrückt, denn sie hatte in Pennys Gedanken lesen können, dass sie im Grunde keinen Spaß hier hatte. Suzette hatte es nur gut gemeint und wollte ihre Freundin mal rausholen aus dem versmogten London. Außerdem dachte sie, dass sie sich mehr zu sagen hätten, nachdem sie sich ein Jahr nicht gesehen hatte.

Penny hatte ja nicht mal versucht mit ihr zu reden, dabei hätte sie einen derartigen Versuch sicherlich zu schätzen gewusst, wenngleich sie natürlich nicht geantwortet hätte. Man will immer das, was man nicht bekommen hat, dachte Suzette bei sich. Aber es traf sie doch sehr, dass sie Penny offensichtlich so dermaßen auf die Nerven ging. Es bekümmerte sie, dass ihre Freundin so wenig für ihre Belange übrig hatte, und sich nicht mit ihr freuen konnte, wenn sie ihren Heimatort besuchte.

Sie lief noch eine Weile durch die Gassen von Les-Saintes-Maries-De-La-Mer, bis auch sie schließlich müde wurde. Ihr Elternhaus hatte sie auf Anhieb nicht gefunden, aber das machte ihr im Augeblick nichts aus. Morgen würde sie gezielter danach suchen. Heute ging es einzig um einen Gesamteindruck von der Gegend und den Menschen.

Dass diese alte Fischerfrau ausgerechnet eine Squib sein musste, dachte Suzette und schmunzelte, bevor sie, im Großen und Ganzen zufrieden, jedenfalls zufriedener als in den Wochen zuvor, einschlief.

Viel zu früh, für Pennys Geschmack jedenfalls, sprang Suzette am nächsten Morgen aus ihrem Bett, brachte ihre Haare in Ordnung und zog sich frische Klamotten an. „Mensch Suzette!", brummte Penny unfreundlich. „Du bist eine Spielverderberin, Penny!", maulte Suzette zurück, „Wieso kannst du nicht einmal... Wir haben Urlaub! Wieso bist du immer noch so mürrisch? Das ist ja furchtbar!". „Mir tut jeder Knochen weh! Ich wollte gar nicht mitkommen, Suzette, dafür hab ich echt viel auf mich genommen! Jetzt lass mich wenigstens ausschlafen!", schnauzte Penny sie an. „Ich wollte dir einen Gefallen tun! Immerhin haben wir uns ein Jahr nicht gesehen und uns auch kaum geschrieben... Ich dachte du freust dich.", erwiderte Suzette.

Ich freu mich? An einem Tag sperrst du dich in dein Zimmer ein und kommst wochenlang nicht mehr raus, lässt keinen mit dir reden und dann erwartest du, dass ich spontan mit dir nach Südfrankreich appariere! Du erwartest echt viel!".

Du hast ja noch nicht mal versucht mit mir zu reden!", sagte Suzette schließlich wütend, „Was bin ich eigentlich für dich? Wenn ich deinen Haushalt schmeiße, bin ich dir gut genug, aber wenn ich meine Freizeit mit dir verbringen will, dann wirst du plötzlich eingeschnappt!".

Eingeschnappt?", Penny setzte sich auf und blitzte böse zu der Hexe hinüber, „Seit du von dieser Schule heimgekommen bist, erkenne ich dich nicht wieder! Früher warst du ausgeglichen und normal! Jetzt stolperst du von einem Extrem ins andere. Du erzählst mir nicht, was du in dem Jahr in dieser Schule getrieben hast, erwartest aber totales Verständnis, blindes Verständnis!".

„Ich hab keine Lust mir von dir Vorwürfe machen zu lassen! Du bist permanent schlecht gelaunt und weißt nicht zu schätzen, was du hast! Schlaf doch aus! Verschlaf doch den Tag und dein ganzes Leben! Gutes Nacht! Ich bin weg!", schrie Suzette und polterte aus dem Zelt.

Suzette war richtig wütend auf Penny. Wenn sie ehrlich war, hatte sie mit Penny ohnehin mehr Streit als guten Zeiten in Erinnerung. Wieso verschwendete sich überhaupt ihrer Zeit mit dieser undankbaren Person? Wenn sie etwas hasste, war das Undank!

Sicherlich waren diese spontanen Gefühle eher Produkt ihrer momentanen Erregung, als ein generelles Empfinden, aber in diesem Augenblick wollte sie Penny am liebsten auf den Mond schließen.

Suzette streunte also allein durch die Straßen des kleinen Fischerdorfs. Und sie musst auch gar nicht lange suchen, das erblickte sie ein altes, sakrales Gebäude, das die restlichen Häuser überragte. Es handelte sich um einem alte Wehrkirche, die Suzette sich sogleich von innen ansehen musste. Kärglich fand sie den Innenraum, so fast ganz ohne Fenster, eine Kirche nur in Kerzenlicht getaucht.

In jeder Ecke fand sie Madonnenstauen und Täfelchen mit Bittgesuchen. Suzette konnte kaum französisch und verstand die Tafeln nicht, aber sie fragte sich, ob ihre Mutter wohl auch eine hat anbringen lassen.

Suzette verließ die Kirche und suchte weiter nach der kleinen Kapelle, die sie kurz im Synästhesium gesehen hatte. Sie musste unmittelbar in der Nähe der Hauses stehen, in dem Voldemort ihre Mutter getötet hatte.

Les-Saintes-Maries-De-La-Mer war nicht besonders groß und man musste nur genau schauen, dann entdeckte man seine Geheimnisse. Gestern hatte Suzette keine Muse und keine Ruhe gehabt sich die Winkel und Gässlein genau anzuschauen, doch heute glaubte sie hinter jedem Mülleimer ein Stück ihrer selbst finden zu können.

Und dann erblickte sie Suzette: Eine kleine, heruntergekommene Kappelle etwas außerhalb. Sie lief schnurstracks hin und untersuchte das Bauwerk. Ohne Zweifel war diese Kappelle so baufällig, dass sie eigentlich nicht mehr hätte stehen können. Die Wände waren brüchig und mit Rissen durchzogen, das Dach halb abgedeckt. Suzette war sich sicher: Diese Kappelle stand nur noch mit Hilfe von Magie! Die Muggel kümmerten sich wohl nicht mehr darum und ließen sie verfallen, aber irgendein Zauberer musste Erbarmen mit der kleinen Gebetsstätte gehabt haben. Es war natürlich eine Marienkappelle und Suzette erkannte sofort die Figur einer schwarzen Madonna hinter dem kleinen Altar, als sie eingetreten war. Es stimmte sie zufrieden, dass die Puzzleteile immer besser zusammen passten.

Suzette trat wieder an die frische Luft und bemerkte wieder erschaudernd, dass sich der Nebel über ihr einfach nicht verziehen wollte.

Es dauerte nicht lange, da war sie auch schon quer über die verlassenen Kreuzung gelaufen, auf das letzte Haus der äußersten Straße, die aus dem Dorf hinausführte, zu, welches das Haus ihrer Mutter gewesen sein musste.

Suzette stand davor. Auch es war ziemlich runtergekommen. Niemand schien das Haus betreten zu haben seit Kiki Lecroix darin ermordet worden war. Suzette schaute lange durch ein staubiges Fenster, durch das sich ein Riss quer durch zog.

Sie erkannte nicht mehr als einen leeren Raum. Keine Möbelstücke, kein Teppichboden, kein Kinderbett, keine Tapete und kein Heiligenbild mehr an der Wand.

Sie erkannte nichts wieder. Eigentlich hatte sie gehoffte, dass sie sich vielleicht an etwas erinnern würde, wenn sie live vor dem Zimmer stehen würde, das sie in er leuchtenden Kugel in Hogwarts gesehen hatte, aber alles erschien ihr fremd und je länger sie schaute, um so mehr stieg ein Ekel in ihr auf, den sie nicht erklären konnte.

Suzette starrte einige Minuten lang durch das blinde Fenster, bis ein älterer Mann sie wütend von hinten antippt und etwas auf französisch schnarrte, was Suzette nicht verstand. Sie fragte langsam auf englisch: „Das ist das Haus von Kiki Lecroix? Sie ist hier gestorben?". Der Mann antwortete auf englisch: „Ja, aber das ist Jahre her! Ihr Katastrophentouristen macht mich krank! Lassen sie doch der Frau und ihrem Kind ihren Frieden! Scheren sie sich weg! Dieser Ort ist ohnehin verflucht!".

Ich BIN Suzette Lecroix!", erklärte Suzette so kalt wie möglich.

Der Mann machte große Augen und entschloss sich schließlich dem Mädchen nicht zu glauben. Er rief einen anderen Mann, der mit seiner Frau die Straße entlang promenierte herbei und erklärte ihm, dass diese junge Frau behaupte Suzette Lecroix zu sein. Der gebückte, glatzköpfige Mann und seine große, breite Frau machten ebenfalls ungläubige Gesichter.

Suzette fing vorsichtig an zu sprechen: „Ich bin Suzette Lecroix. Man hat mich entführt, nachdem man meine Mutter getötet hat. Ich bin in England aufgewachsen. Was wissen sie über meine Mutter?".

Die Leute blieben skeptisch und ein paar weitere Frauen und Männer traten heran, als sie bemerkten, dass sich ein Pulk zusammenschloss.

Sagen sie schon! Was wissen sie von meiner Mutter?".

Eine schmale spitznasige Frau sagte etwas schnippiges auf französisch und es folgte ein unterschwelliges Gemurmel in der Menge. Endlich entschloss sich ein etwa vierzigjähriger Mann dazu Suzette eine Auskunft zu geben: „Sie war eine seltsame Frau. Eine begnadete Tänzerin, aber leider sehr seltsam! Sie glaubte an Magie und diesen bizarren esoterischen Kram. Sie kam aus Paris und war bereits schwanger. Sie sagte, ihr Mann sei ein Magier gewesen. Ein Trauma womöglich.". Suzette nickte.

Das Haus steht leer?", fragte Suzette. „Seit damals!", sagte der Mann von vorhin und der erste Kerl, der Suzette angetippt hatte ergänzte: „Dieser Ort ist verflucht!". „Er glaubt diesen Kram mit den Magiern.", erklärte der Wortführer müde lächelnd. Suzette fiel es schwer die Leute hier einzuschätzen, sie verstand viel zu wenig ihrer Sprache und die Mimik in ihrer Gesichtern, war gänzlich unenglisch. Dass dieser Ort verflucht war, konnte sie sich allerdings durchaus vorstellen.

Suzette war enttäuscht von ihrem Elternhaus, aber was hatte sie auch erwartet.

Plötzlich wurde Suzette bewusst wie blauäugig sie war, wie wenig voraussehend, wie wenig planend. Sie war impulsiv, ja, aber so unüberlegt, dass sie von London nach Südfrankreich reiste, ohne zu wissen, was sie davon erwarten sollte?

Suzette mochte die Idee nicht, etwas zu tun, bevor man darüber nachdachte, doch je mehr sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass sie genau so handelte. Was erwartete sie? Sie wusste es nicht. Sie hatte das Gefühl mittlerweile gar nichts mehr zu wissen. Alles schien ihr schwer zu sein. Jede einzelne Entscheidung, jeder einzelne Gedanke, jede einzelne Situation. Das Leben war komplexer geworden und Suzette fühlte sich verwoben in eine Sache, der sie nicht gewachsen war.

Sie entschloss sich schließlich einfach nur enttäuscht zu sein. Sie fühlte sich nicht anders als vorher. Vielleicht war ihrer Vergangenheit auch nicht so aufregend, wie sie es gerne gehabt hätte. Sie hatte sich großartige Dinge vorgestellt, ein interessantes Leben als Künstlerin, stattdessen fand sie ein leeres, baufälliges Haus. Sie hatte gehofft dieser Ort würde etwas in ihr bewegen, aber er blieb ihr egal. Das Haus blieb ihr egal. Vielleicht gar ihre Mutter.