4. Der Ligusterweg

Los, Penny! Wir müssen zurück!", rief Suzette und griff nach dem Arm ihrer ehemaligen Freundin. Sie ließen alles zurück, das Zelt, ihr Gepäck, Luc.

Suzette setzte Penny vor ihrer Wohnung ab und bevor sie anfangen konnte ihrer Mitbewohnerin zu verfluchen, war diese auch schon wieder weiter appariert.

Mit einem leisen Plopp erschien sie schließlich mitten in einem Vorgarten im Ligusterweg. Es war allerdings schon so dunkel, dass niemand mehr auf der Straße war oder aus dem Fenster sah.

Suzette trat etwas beschämt aus dem gepflegten und nun zerstörten Blumenbeet, hexte es wieder in Ordnung und sah sich in der Nachbarschaft um. Sie sah niemanden, kein Mensch, kein Dementor. Kein Geräusch wollte an ihr Ohr dringen, bis sie plötzlich Stimmen vernahm. Sie kamen näher und schienen sich plump zu unterhalten oder zu streiten. Die Art und Weise wie gesprochen wurde erinnerte Suzette verheerend an Draco Malfoy. Dass Jungen in diesem Alter in Anführer und Handlanger aufteilen musste, wunderte sich Suzette, als sie die vier bulldoggengesichtigen Figuren aus der Dunkelheit auf sich zu kommen sah. Bei dem schlechten Licht konnte Suzette kaum Unterschiede bei den Jungen feststellen, sie waren alle breit, bis fett gebaut und lachten über etwas belangloses. Doch den Anführer konnte Suzette sofort ausfindig machen. Es war der fetteste, der am lautesten und über seine eigenen Sprüche lachte. Suzette kannte sich mit solchen Typen aus. Potentielle Todesser, dachte sie und erinnerte sich an die Kerle, mit denen sie in dem Alter rumgehangen hatte und die schließlich einen unschuldigen Jungen zum Spaß überfallen und getötet hatten.

Das hier waren allerdings harmlose Muggel und das ließ Suzette neben der Abscheu gegen ihr Verhalten gleichzeitig ein wenig Spott spüren.

Suzette blieb einfach vor einer Garage stehen, bei dem Haus vor sie appariert war. Der Ligusterweg war nicht besonders lang und wenn hier Dementoren vorbeischweben würden, würde sie die von hier aus bestens sehen können.

„Hey! Was machst du denn noch um diese Zeit allein auf der Straße?", rülpste der fetteste Suzette ins Gesicht, offensichtlich hatten sie heimlich Alkohol getrunken. Er stützte seinen Arm neben ihr am Garagentor ab und wollte mit der anderen Hand Suzette gerade an die Haare fassen als diese sein Handgelenk griff, fest umklammerte und dem Jungen eine fette Verbrennung ersten Grades beifügte. Er erschrak, wollte es vor seinen Freunden allerdings nicht zeigen und blieb äußerlich ruhig.

Suzette hob die Augenbraue und fragte: „Na wie geht's euch? Gut drauf heute Abend?". „Na Logo!", machte einer der andern Typen und Suzette wusste, dass die Dementoren noch nicht in der Nähe waren.

„Wie heißt du?", fragte der Typ, der Suzette Weg und Sicht mit seinem Arm versperrte. „Suzette.", sagte sie und bedeutete ihn mit einem Blick, ihr seinen Namen zu sagen: „Nenn mich Big D!", machte er großkotzig und Suzette musste sich zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. Sie nickte nur, als sie plötzlich einen verdächtigen Schatten wahrnahm. Etwas kam auf sie zu gerannt. Gerannt! Also war es kein Dementor.

Nur einige Augeblicke später stand auch schon ein böse dreinschauender Junge vor ihnen. „Dudley, lass das Mädchen...", rief er, bevor er verwundert den Mund offen stehen ließ.

„Ich komm zurecht, Potter!", sagte Suzette lässig und grinste. „Was machen sie hier?", fragte er, seinen Zauberstab unbemerkt wieder in den Hosenbund steckend.

Suzette antworte nicht, sondern lachte stattdessen: „Dudley? Das ist ein Name?".

Niemand sagte etwas, bis Potter fragte: „Holen sie mich ab? Was geht eigentlich vor in der Welt? Warum...".

„Shhh! Potter!", rief Suzette, die plötzlich ein ihr wohlbekannte Kälte auf der Haut spürte. Auch Harry merkte auf und sah sich um, als beide gleichzeitig die düsteren Gestalten, die auf sie zu schwebten erkannten. Es waren zwei Dementoren. Die Muggel konnten die Askabanwächter nicht sehen, fühlten aber dennoch Panik in sich aufsteigen, die alle vier zu einer überstürzten Flucht bewegte. Dudley war zu langsam und war schon nach ein paar Metern aus der Puste. Harry starrte. Suzette starrte, als einer der Dementoren auf den fetten Jungen zuhielt, während der andere der Hexe und dem Zauberer näher kam.

Harry zog seinen Zauberstab heraus und rief: „Expecto Patronus!", doch es erschien nur ein fahriger, silbriger Nebel, der den Dementor vor ihnen allerdings erst mal in Schach hielt.

Suzette wurde währenddessen innerlich zerfressen von Selbstzweifeln, vor Selbstmitleid, vor Scham und Wut wegen Penny. Sie wachte wie aus einer Trance aus, als Harry ein zweites Mal verzweifelt versuchte einen Patronus zu beschwören. Wieder trat nur ein dünner Neben aus seinem Zauberstab.

Suzette kam zu sich, versuchte so gut es ging, die Nähe der Dementoren zu ignorieren. Sie blickte auf Dudley, der sich auf dem Boden krümmte, irgendwie versuchte vorwärts zu kriechen in eine Hauseinfahrt, und wie sich über ihn der andere Dementor beugte. Die sind ja völlig außer Kontrolle, dachte Suzette und zog zu Sicherheit ihren Zauberstab hervor.

Sie glaubte nicht, dass sie den Patronus in der Nähe von zwei Dementoren ohne Hilfsmittel zustande bringen könnte. Sie richtete den Stab auf Dudley und sprach so ruhig sie konnte: „Expecto Patronus!". Doch noch bevor sie es zu Ende gesprochen hatte erstieg auf ihrer Hand eine silbrige, weiße Möwe, die den Dementor über dem Muggeljungen störte und von ihm abbrachte. Die Möwe schaffte es schließlich auch, dass die Dementoren ganz aufgaben und in die Lüfte hinauf schwebten und verschwanden.

Sogleich öffnete sich die Tür des Hausen, vor dem sich die ganze Szene abgespielt hatte. Heraustraten zwei erwachsene Muggel. Die pferdegesichtige Frau stürzte sofort auf den am Boden liegenden Dudley zu, der schnauzbärtige Mann griff sich Harry uns schüttelte ihn gehörig durch: „Was hast du mit meinem Sohn gemacht?", schrie er ihn an und Harrys Augenbrauen klappten zusammen und aus seinen Augen blitzte der reine Hass.

Suzette glaubte nicht mehr gebraucht zu werden und wollte gerade den Schauplatz des Dementorenangriffs verlassen, als Dudleys Vater das Mädchen zurückrief: „Hey! Du! Du bist doch auch so eine! Was geht hier vor?". Suzette trottete zurück und folgte Mutter, Sohn, Vater und Harry in das kleine Reihenhaus.

„Was haben sie mit meinem Sohn gemacht?", schrie er die Hexe an. Dudley musste von seiner Mutter gestützt werden, als er sich auf einen Sessel sinken ließ.

„Ich hab seine Seele gerettet.", antwortete Suzette gleichgültig.

„Dementoren!", erklärte Harry düster. „Wie kommen die hier her?", fragte Suzette und bekam nur ahnungsloses Schulterzucken als Antwort.

„Ich habe nichts gesehen!", schrie der Vater aufgebracht. „Du hast meinen Dudley verzaubert!".

„Dumbledore muss davon gewusst haben.", sagte Suzette, „Er hat mir einen Patronus geschickt. Er hat gewusst, dass sie kommen würden.". „Aber wer hat sie geschickt?", fragte Harry, „Miss Suzette, bitte sagen sie mir endlich, was los ist!".

„Ich habe keine Ahnung. Ich war bis vorhin noch im Urlaub, wohin ich jetzt auch gleich wieder zurück gehe!", log Suzette, denn sie hatte nicht vor zurück nach Frankreich zu apparieren, auch nicht um nur ihrer Kleider zu holen. „Ach und Potter! Sollten sie demnächst einen Brief des Ministeriums erhalten, weil man einen Zauber in ihrer Straße registriert hat, dann sagen sie denen doch bitte, dass in Les-Saintes-Maries-De-La-Mer ein Vergiss-Mich gebraucht wird.", sagte Suzette kühl, zog die Haustür der Dursleys auf und trat wieder auf die Straße.

Harry rannte ihr blindlings nach: „Suzette! Ich muss wissen, was gerade passiert! Was sollte das?". „Ich weiß es nicht!", wiederholte Suzette wütend, „Ich halte es für besser, wenn sie ins Haus gehen, Potter!".

„Ins Haus! Wollt ihr, dass ich in diesem Haus versaure?".

„Du hättest gar nicht raus gehen dürfen! Was hast du da auf der Straße gemacht!", zischte Suzette auf einmal.

„Darf ich noch nicht einmal...", schrie Harry ungehalten. „Sie haben das zu tun, was der Schulleiter ihnen sagt und ich meine er hätte zu ihnen gesagt, dass sie lediglich in diesem Haus geschützt sind! Sie haben ja gesehen welche Gefahren auf sie lauern.".

Diese Mädchen machte Harry krank. Er hasste Suzette, ihr ganze Art, ihre unergründliche Art. Er mochte es schon an Snape nicht, dass man ihn nie einschätzen konnte, aber er schob diese Attitüde einzig auf seiner Verbittertheit, aber Suzette war jung und hübsch, wieso gab sie sich so unnahbar und kalt?

„Was ist mit ihrer Narbe, Potter?", fragte Suzette schließlich. Wie konnte sie das wissen? Seine Narbe tat schon seit Tagen steig weh. Er wollte das allerdings nicht zugeben, schon gar nicht vor Suzette. Die ging das gar nichts an. „Was macht ihr Dunkles Mal?", fragte Harry frech zurück. Suzette verstummte und in diesem Augenblick wäre es ihr lieber gewesen, Potter wäre eben gerade dem Dementor zum Opfer gefallen.

Tatsächlich erkannte sie plötzlich, dass auch sie keine Ahnung hatte, was vor sich ging. Ihr Handgelenk blutete stetig, aber Snapes Verband hielt die meisten Schmerzen von ihr fern. Der Tagesprophet hatte nichts in Richtung Voldemort berichtet. Dumbledore hatte ihr keine Briefe geschrieben. Voldemort selbst suchte keinen Kontakt zu ihr.

Sie hätte eigentlich froh über diese Ignoranz sein müssen, aber so wie sie Potter sah, ahnungslos, innerlich aufgewühlt, fragte sie sich, ob es nicht auch ihrer Pflicht sein müsste, sich zu kümmern. Die reine Neugier begann an Suzettes Verstand zu nagen. Voldemort musste etwas planen und Dumbledore ebenfalls. Sie wusste, dass er den Phönixorden wiederbeleben wollte.

Suzette apparierte zurück nach Camden und drückte die Türklingel von Pennys Studentenwohnung. Penny riss die Tür auf und blickte Suzette so böse in die Augen, dass diese ihrer Freundin gar nicht wiedererkannte. „Ich hole deine Kleider zurück...", versuchte sie Penny zu beruhigen, „Es tut mir leid, ich musste...".

„Suzette, ich will dich hier nicht mehr sehen! Du ziehst aus! Raus hier!". Suzette starrte verdattert. „Los! Verschwinde! Du bist seltsam!". „Ich...", fing Suzette an, ohne zu wissen, wie sein den Satz beenden sollte. Das musste sie auch gar nicht, denn Penny knallte die Haustür vor ihrer Nase zu.

„Penny!", rief Suzette, „Was ist los mit dir? Es tut mir leid! Was ist mit meinen Sachen?".

Die Tür flog wieder auf und Penny stierte mit hochrotem Kopf in Suzettes Gesicht: „Kannst sie dir doch heraushexen!". Knall! Die Tür flog wieder zu.

Suzette braucht ein paar Minuten um das zu verkraften. Ihr zerzauster Rabe Pip landete auf ihrer Schulter. Der Vogel lebte die meiste Zeit draußen auf sich allein gestellt, aber er erinnerte sich dennoch immer daran, wie Suzette ihn als Küken aufgezogen hatte und blieb ständig in ihrer Nähe. Er rieb seinen Schnabel an ihrem Ohr und schnatterte etwas beruhigendes.

„Wohin?", fragte Suzette den Vogel.