5. Das Hauptquartier
Suzette hockte am Straßenrand und starrte düster in die Nacht. Was war nur in Penny gefahren? Sicher, es war frustrierend nie einen Typen abzubekommen, aber das war doch nicht Suzettes Schuld. Und wie um alles in der Welt kamen Dementoren nach Little Whinging?
Seltsam hatte Penny sie genannt! Seltsam! Ein Freak war sie also für ihre beste Freundin. Sie hatte geglaubt, dass Penny in der Lage war zu verstehen, dass Magier und Muggel im Grunde nicht wirklich verschieden waren. Suzette war genau so ein Mensch wie Penny, nur dass sie eine gewisse Fähigkeit besaß, Dinge geschehen zu lassen. Sie sollte am besten wissen, dass Magie nichts seltsames war, sondern etwas natürliches, menschliches. Sie ist wie alle Muggel, dachte Suzette plötzlich. Intolerant und ignorant! Sie ist verklemmt und lässt ihren Frust an mir aus. Daraus spricht der pure Neid! Sie ist kein bisschen besser als die Muggel, die in grauer Vorzeit alle Magie verdammt und Hexen und Zauberer auf Scheiterhaufen verbrannt hatten. Penny war ein neidzerfressener, pummliger Muggel! Ihr Herz füllte sich mit Hass, als plötzlich hinter ihr ein leises Plopp erklang und Suzette sich unverwandt umdrehte.
Hinter ihr stand ein breiter, lustig dreinschauender Mann in einem schäbigen Umhang. Er stank widerlich nach Alkohol und Zigaretten. Eine verschwitzte Strähne seines halblangen graublonden Haars hing ihm übers Gesicht und er strich sie hastig hinter sein Ohr, wo sie aber nicht halten wollte. Er lächelte verschmitzt und Suzette fand den Mann irgendwie sympathisch. Er sah räudig aus, klar, aber seine listigen Augen und das heimtückische Lächeln auf seinem unrasierten Gesicht, steckten Suzette an und sie grinste ebenfalls. Ein Zauberer! Endlich jemand, der sie nicht für seltsam hielt! Vielleicht passte sie doch nicht in die Muggelwelt, dachte sie, als sie bemerkte wie viel wohler sie sich in der Nähe eines Magiers fühlte, wenn sie ihre Fähigkeiten nicht verleugnen oder verstecken musste.
„Guten Abend.", machte der hässliche Kerl und streckte die Hand aus. Suzette stand auf, schüttelte sie und wartete auf eine Erklärung für sein Erscheinen: „Mein Name ist Mundungus Fletcher. Sind sie Suzette Lecroix?". „Ja!", erwiderte sie. „Dumbledore schickt mich. Er richtet ihnen seinen Dank aus und bittet sie mit mir zu kommen.".
Suzette sah den Typ schief an, der daraufhin ein wenig beschämt lächelte: „Ja ja, ich weiß schon! Es tut mir Leid!". „Was tut ihnen Leid?", fragte Suzette.
„Ich hätte nicht disapparieren sollen! Aber es ist ja noch mal alles gut gegangen.", erklärte er. Suzette schaute Mundungus völlig verwirrt an, entschied sich aber nicht weiter nachzuhaken: „Wohin soll ich mitkommen?", fragte sie stattdessen. „Dumbledore sagte, sie sollen ins Hauptquartier kommen. Es geschehen seltsame Dinge.", antwortete Fletcher und Suzette musste sich zusammenreißen um nicht bei dem Wort „seltsam" völlig auszuflippen. „Trifft sich gut, ich bin nämlich gerade zu Hause rausgeflogen.", sie lächelte bitter, „Was für ein Hauptquartier?". „Der Orden des Phönix.", sagte der massige Zauberer. „Ich dachte, er wollte mich nicht zwingen, da einzutreten...", sagte Suzette zu sich selbst, aber ihr fiel im Augenblick keine andere Unterkunft ein und so ließ sie sich darauf ein und klammerte sich an Mundungus Fletcher, der sofort mit ihr disapparierte.
Sie ploppten und standen in einer düsteren, feuchten und stinkenden Gasse irgendwo im East-End. Mundungus setzte sich in Bewegung und Suzette folgte ihm. Die Gasse mündete in einen dreckigen kopfsteingepflasterten Platz, der von müden Straßenlaternen beschienen wurde.
„Kommen sie schon!", drängte Mundungus und Suzette hatte keine Zeit sich die Umgebung genau anzusehen. Er zerrten ihrem Ärmel und die beiden traten vor eine massive Häuserwand. Zwei unglaublich schäbige Gebäude erhoben sich von Suzette und Mundungus, Hausnummern elf und 13. Suzette blickte den dreckigen Mann fragend an, der kramte in seinem Umhang, bis er ein kleines Stückchen Pergament fand und Suzette zu lesen gab. Sie las: „Grimmauldplatz Nummer zwölf, Hauptquartier des Ordens des Phönix".
Kaum hatte sie diese Worte durch ihr Gehirn gejagt, da schoben sich die beiden Häuser sanft zu Seite und machten Platz für ein weiteres schäbiges Arbeiterklassehaus zwischen ihnen, das sich nahtlos zwischen Nummer elf und 13 quetschte.
„Los schnell! Lassen sie uns eintreten!", flüsterte Fletcher und stieg die Hautreppe hinauf und klingelte. Sogleich flog die Tür auf und eine kugelrunde, rothaarige Frau stand im Eingang. „Mundungus, du sollst nicht klingeln! Wie oft muss man dir eigentlich Anweisungen geben, damit du sie befolgst? Disappariert einfach von seinem Posten...", sie schüttelte den Kopf und ließ Suzette und ihren Begleiter eintreten.
Eine keifende Stimme begrüßte die beiden: „Abschaum! Dreckige Verräter! Blutsverräter!". Suzette starrte das verlässerte Portrait einer verhärmten Hexe verwundert an und fragte: „Begrüßen sie die Erbin Slytherins immer so freundlich?". Die Hexe verstummte und ihr Bild erstarrte im Rahmen.
„Kommen sie mit, Miss Suzette!", hieß sie Molly Weasley und das Mädchen stolperte über einen Trollbein-Schirmständer, als sie ihr folgte.
Suzette schaute betroffen auf all die Unordnung, den ganzen Dreck und Schimmel in allen Ecken der Zimmer. Es miefte ungesund und erschreckt stellte sie fest, dass es überall nur so vor Käfer, Schaben und Ameisen wimmelte. Sie entledigte sich einer klebrigen Spinnenwebe im Gesicht, als sie in ein großes, notdürftig auf Vordermann gebrachtes Zimmer traten.
In seiner Mitte stand ein großer, runder Tisch und alt ehrwürdige Stühle, auf denen einige Mitglieder des Ordens Platz genommen hatten. Sie kannte keinen von ihnen näher außer Dumbledore, der gerade einen ordentlichen Zug aus seinem mit Elfenwein gefüllten Kristallglas nahm.
Der Orden konnte nicht vollzählig sein, sehr viele Plätze waren leer. Suzette erkannte einige Weasleys an ihren roten Haaren, es mussten Bill, Charlie und ihr Vater sein. Außerdem nahm nun auch Mundungus Fletcher Platz und grinste Suzette zu, sie solle sich doch auch setzen. Es widerstrebte ihr allerdings, denn ein Hinsetzen zu diesen Leuten hätte bedeutet, sie sympathisierte mit dem Orden, wolle eventuell beitreten. Ihr widerstrebten Organisationen dieser Art. Ihr widerstrebten Gruppierungen und die aus ihnen resultierende Unterordnung des einzelnen. Sie setzte sich.
Durch die Tür trat nun der echte Mad-Eye Moody zusammen mit einer lustigen, jungen Frau. Suzette erkannte Nymphadora Tonks, die nur ein paar Jahre älter war als sie selbst und mit ihr nach Hogwarts gegangen war. Eine Hufflepuff, dachte Suzette, ohne das werten zu wollen. Dora war eine sympathische Person, deren Charme sich auch Suzette nicht entziehen konnte. Sie teilten außerdem ein gemeinsames Schicksal: Sie besaßen besondere, seltene Fähigkeiten. Der Unterschied zwischen ihnen lag allerdings darin, dass Tonks in Hogwarts sehr beliebt gewesen war und man sie für ihre Verwandlungskunst bewunderte. Suzette hatte man, ob ihrer zerstörerischen, unkontrollierten, stummen Flüche gefürchtet und gemieden. Dementsprechend hatte Nymphadora sich auch der weißen, reinen und Suzette sich der schwarzen Magie angeschlossen. Eine logische Konsequenz, dachte Suzette, wenn man keine Feinde hat, muss man nicht ständig darüber nachdenken, wie man sich verteidigt, wie man stärker wird als seine Gegner. Wenn man von allen geliebt wird, kann man seine Zeit damit vertun, seinem Gesicht lustige Formen und Farben zu geben. So entscheidet sich in der Schulzeit, welchen Weg man einschlägt. Und was genau ist jetzt gut und böse?
„Suzette, ich bin froh, dass sie hier sind.", fing Dumbledore an, „Ich muss ihnen danken, dass sie kurzfristig eingesprungen sind und unseren Harry gerettet haben. Ich muss mich entschuldigen, dass ich sie aus ihrem wohlverdienten Urlaub rufen musste, aber es wird zu gefährlich für Potter und sie. Wir werden ihn bald herholen, damit ihr beide hier so sicher wie möglich seid.".
„Aber ich möchte nicht hier bleiben! Ich finde bestimmt was eigenes! Ich habe Ferien!", entgegnete Suzette und ihr wurde grausam bewusst, dass sie zugestimmt hatte ein weiteres Jahr in Dumbledores Diensten zu stehen. In den Orden wollte sie aber auf keinen Fall!
„Nun, ich glaube, dass sie in der Muggelwelt nicht nur sich, sondern auch alle Menschen in ihrer Nähe gefährden. Sie müssen sich bewusst werden, dass Voldemort nicht mehr nach ihnen suchen muss. Er weiß ganz genau, wo sie sich aufhalten! Und er lauert! Ich muss sie warnen, dass Lord Voldemort fortwährend versuchen wird, sie zu sich zu holen. Suzette, ich möchte sie nicht verlieren!", sprach Dumbledore weiter und Suzette musste sich wiederum über den alten Mann ärgern. Wie kam er überhaupt dazu, zu glauben, zu wissen, was sie wollte, beziehungsweise für sie zu entscheiden, was sie wollte?
Die Tür öffnete sich plötzlich und Sirius Black betrat offensichtlich erzürnt den Raum: „Dumbledore, ich will keine Todesser in meinem Haus haben! Es reicht schon, dass du Leuten wie Snape die Erlaubnis erteilst MEIN Haus zu betreten, aber diese Person will ich nicht hier haben!", bellte er, dass es Suzette angst und bange wurde.
Dumbledore lächelte den impulsiven Mann sanft an und flüsterte, sodass Suzette es nicht hören konnte: „Sie ist die Waffe, der sich Voldemort bemächtigen will und wir müssen sie für unsere Seite gewinnen.". Sirius verstummte und blickte nur böse auf das Mädchen, das vorsichtshalber ihren Geist verschloss, gegen Dumbledore und sein Gefolge.
„Kommen sie, Suzette!", Molly Weasley betrat den Raum. Sie führte das Mädchen nach oben in ein Zimmer, das sie für sie hergerichtet hatte. Suzette bedankte sich und ließ sich auf dem alten Bett nieder. Im Zimmer war es stockdunkel und Suzette fing an zu gähnen.
Sie schaffte es gerade noch so, mit einem müden Augenblinzeln einige ihrer wichtigsten Habseeligkeiten auf Pennys Dachbodenzimmer heraufzubeschwören, aber im Grunde brauchte sie weder den Schreibtisch, noch ihre Truhe, in der sie Briefe, Photos und Erinnerungen aufwahrte. Was sie vielleicht brauchen könnte waren ihre Bücher, ein paar magische Instrumente und Tränkezutaten. Doch so stark sie sich bemühte, ihren Zauberstab schwang und die Formel sprach, nichts davon wollte auftauchen. Penny hatte alle magischen Utensilien von Suzette bereits in den Kamin geworfen. Ein paar Kleider ließ sie noch erscheinen, bevor sie sich hinlegte und einschlief.
So sehr Molly am nächsten Morgen auch an Suzettes Tür klopfte, sie öffnete nicht. So hatte Suzette sich das nicht vorgestellt! Er hatte es mal wieder geschafft! Er hatte sie rekrutiert! Er hatte sie eingeplant!
Die einen schienen sich um sie zu reißen, die anderen schienen sie zu hassen! Genau so fühlte sich Suzette auch innerlich. Einerseits war sie stolz, war sie selbstbewusst, andererseits hasste sie sich selbst für Dinge, die sie getan hatte und die gerade mit ihr passierten. Nichts gab es dazwischen!
Es ploppte kurz und ein widerlich hässlicher Hauself apparierte mitten in ihrem Zimmer mit einem Tablett: „Ihr Frühstück!", quiekte er kurz und angewidert. „Danke.", flüsterte Suzette, nahm das Tablett, stellte es achtlos auf ihren Schreibtisch und rührte es nicht mehr an. Der Elf verschwand sofort.
Nach einer gewissen Zeit der Stille, klopfte es wieder an der Tür. Suzette seufzte auf und es war die Stimme von Tonks zu vernehmen: „Suzette? Hey! Lässt du mich rein?". Suzette erhob sich und öffnete die Tür per Hand und ließ das lustige Mädchen mit den verrückten Haaren ein. Sie schloss die Tür.
„Komm schon runter! Du musst doch alle kennen lernen! Es ist gar nicht schlimm hier!", plapperte sie. „Ich gehöre hier nicht her!", erwiderte Suzette, „Ich will das alles nicht, was ihr mit mir vorhabt!".
„Es tut mir Leid, aber ich glaube du hast keine Wahl!", meinte Tonks. „Ich habe eine Wahl!", sagte Suzette und blickte zu ihrem staubigen Fenster, auf dessen Sims nun Pip gelandet war und um Einlass bat. Suzette hexte das Fenster auf und der Rabe hopste herein auf Suzettes Schulter. „Glaubst du an Schicksal?", fragte Suzette Tonks. „Glaubst du...?", begann sie, aber Suzette kam ihr zuvor: „Glaubst du man kann es in die Hand nehmen?". Tonks wusste keine Antwort und Suzette wechselte das Thema: „Wenn der Dunkle Lord weiß, wo ich bin, wieso holt Dumbledore mich dann in sein geheimes Hauptquartier?". „Das hat Sirius ihn auch gefragt. Dumbledore meint, dass Du-weißt-schon-wer dich schon mal aus den Augen verloren hat, als du für eine schwarze Magierin untypische Entscheidungen getroffen hast: Als du von Muggeln adoptiert wurdest, als du dich entschlossen hast, bei Muggel zu leben, nachdem du die Malfoys verlassen hast... Ich kenn deine Geschichte nicht so gut, aber Dumbledore sagte, dass der Dunkle Lord für dich ein Leben geplant hatte und er dich immer dann verloren hat, wenn seine Pläne durchkreuzt wurden. Ach, was weiß ich? Soll Dumbledore doch machen! Er weiß, was er tut!".
„Du verlässt dich voll und ganz auf ihn?", fragte Suzette, „Ich meine ohne ihn zu hinterfragen?". „Ich vertraue ihm einfach! Er ist viel erfahrener und intelligenter als wir.". „Und du willst nicht deine eigenen Erfahrungen machen?", fragte Suzette weiter. „Doch natürlich! Deshalb bin ich ja hier! Erfahrungen sammeln! Ist in meinem Job ziemlich wichtig!", sie grinste, „Jetzt komm schon mit runter!", sie zog Suzette auf und mit sich aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und wieder in den großen Versammlungssaal.
