6. Die Ordensleute

„Ah! Nymphadora hat es mal wieder geschafft!", lachte Dumbledore, der hier übernachtet haben musste. „Suzette, ich möchte ihnen die Mitglieder den Ordens des Phönix vorstellen! Zumindest die anwesenden.", er lächelte und Suzette bemerkte messerscharf, wie gekünstelt es war. Sie lächelte nicht.

„Nymphadora kennen sie ja schon. Sie hat gerade ihre Prüfung zur Aurorin bestanden. Das hier sind Hestia Jones, Dädalus Diggle und Alastor Moody.". „Wir kennen und vom Sehen.", bemerkte Suzette trocken und sah in die Gesichter der Personen vor ihr. Hestia sah langweilig aus, aber Dädalus hatte einen interessanten Hang zur Exzentrik und der violette Zylinder, mochte zwar entsetzlich, aber trotzdem lustig aussehen.

„Das ist Remus Lupin, er...", Suzette unterbrach: „...ist ein Werwolf!". Sie blickte erschaudernd auf die kleine, heruntergekommene Gestalt Lupins, der sogar bei dem Wort „Werwolf" ruhig und gelassen geblieben war. Er lächelte verständig. „Sirius Black...", Dumbledore wies auf den grimmig blickenden Hauseigentümer und Suzette meinte: „Konnte ich auch schon kennen lernen.". Dumbledore wies auf die rothaarige Familie, die gerade durch die Tür getreten war: „Die Weasleys. Molly, Arthur, Bill, Charlie. Ron, George, Fred und Ginny kennen sie ja schon. Dann haben wir da hinten noch Hermine Granger...". Was machte die denn hier, überlegte Suzette, musste sich aber sofort wieder anderen Gesichtern zuwenden: „Das ist mein guter Freund Elphias Doge.", er wies auf einen alten Zauberer mit spröden, weißen Haaren und einem widerlich unterwürfigen Gesicht. „Und das schließlich ist Emmeline Vance.". Die ältere Dame nickte freundlich zu Suzette, die keinerlei Regung zeigte.

Suzette hatte so wenig mit diesen Personen gemeinsam. Das erkannte sie auf den ersten Blick. Sie war eine Einzelkämpferin. Sie war unorganisiert und sie hielt sich an keine Regeln. Ihr Herz begann zu brennen, als ihr ein Gedanke durch den Kopf schoss: Sie war hier gefangen! Sie war hier allein unter einem Haufen Ergebenen! Sie fühlte sich eingeengt, übergangen und verkannt. Aber sie konnte nichts dagegen tun, als ihre Missgunst zu zeigen, indem sie sich einfach umdrehte und zurück in ihr Zimmer ging. Sie zog einen Stuhl vor und setzte sich zu den anderen Ordensmitgliedern an den Tisch.

„Wieso bin ich hier?", fragte sie und versuchte nicht hilflos zu klingen. „Es ist zu ihrem eigenen Schutz, Suzette. Voldemort beobachtet sie nicht, er kontrolliert ihr Fatum.", erklärte Dumbledore. „Was?", fragte Suzette, die kein Wort verstanden hatte. „Suzette, die Geschichte ist noch nicht geschrieben, aber wir alle schreiben daran. Sie können leicht irgendwo hineingeraten, wohin SIE eigentlich nicht wollten. Wenn sie nichts weiter tun als reagieren, werden ihnen die Dinge passieren, die jemand FÜR sie geplant hat. Sie müssen anfangen zu agieren. Sie müssen anfangen sich zu entscheiden, nach Gesichtspunkten, die für SIE wichtig sind. Voldemort verliert sie immer dann aus den Augen, wenn sie etwas tun, was nicht in sein Konzept passt.".

„Das hat Tonks schon gesagt, aber was hat Voldemort mit meinem Leben und meinen Entscheidungen zu tun?", wollte Suzette wissen.

„Er wollte, dass sie so aufwachsen und leben, wie er es musste. Deshalb hat er zum ersten Mal in ihr Leben eingegriffen, als er ihre Eltern tötete. Sie kamen in ein Waisenhaus. Doch als eine Muggelfamilie sie bei sich aufnahm, verlor er sie aus seinem Blick. Die Smiths haben ihre Sache gut gemacht. Dann geschah dieser schreckliche Unfall in Hogwarts und Voldemort fand sie wieder, genau dort, wo er sie haben wollte: tief verwurzelt in den Dunklen Künsten. Erst als sie ihre erste eigene Entscheidung getroffen hatten, nämlich Malfoy Manor zu verlassen und in der Muggelwelt zu leben, als sie anfingen sich für Kunst zu interessieren, konnten sie seinem Einfluss wieder entrinnen. Ich fürchte, dass er sie bei seiner Rückkehr wieder gefunden hat und fortwährend ihre Umgebung manipuliert hat.", sagte Dumbledore und das Gespräch wurde von Molly Weasley unterbrochen, die erklärte das Essen sei fertig und Kingsley Shacklebolt gerade gekommen und warte im Esszimmer.

Suzette trottete den Ordensmitgliedern ins schäbige, spinnenverwebte Esszimmer nach und ärgerte sich. Alle wollten, dass sie sich entschied. Für das eine oder für das andere, aber wenn sie sich hätte entscheiden können, dann hätte sie sich gegen beides entschieden. Ausgerechnet Dumbledore! Ausgerechnet der manipulative Dumbledore wollte ihr etwas über den freien Willen erzählen! Ohne Zweifel wollte er sie für den Orden gewinnen und nichts anderes. Wie konnte er sich sicher sein, dass sie sich für ihn entscheiden würde? Suzette jedenfalls hätte an Dumbledores Stelle ihr kein so großes Vertrauen entgegen gebracht. Sie fühlte sich nicht geschmeichelt. Sie fühlte sich hintergangen. Auch wollte sie nichts essen und ließ das gute Mahl von Molly Weasley stehen.

Kingsley Shacklebolt war ein großer, muskulöser, dunkelhäutiger Mann, der willentlich Glatze trug. Sein goldener Ohrring im linken Ohr, ließ ihn weniger langweilig erscheinen, als seine ruhige, tiefe Stimme ihn einschätzen ließ.

„Und sie sind also Suzette Lecroix?", fragte er mit einem Hühnerknöchelchen zwischen den Zähnen. Suzette nickte eingeschüchtert und ließ sich betrachten.

„Sagen sie, Professor Dumbledore", fragte sie schließlich, als ihr sie Stille peinlich wurde, „Wie konnten sie wissen, dass Dementoren nach Little Whinging unterwegs waren?".

Der alte Mann lächelte und erklärte: „Kingsley hier hat es mir zugetragen. Eine gewisse Dolores Umbridge hat sie zu Harry versandt, weiß Gott warum, als schließlich Mundungus disappariert war, konnte mich Mrs. Figg warnen, dass Harry schutzlos war.".

„Mundungus war im Ligusterweg?", fragte Suzette überrascht. „Wir müssen sein Haus Tag und Nacht bewachen. Du siehst ja, was so passieren kann.", antwortete Dumbledore gelassen.

„Wieso sind sie disappariert?", fragte Suzette Mundungus Fletcher. „Geschäfte!", lautete die kleinlaute Antwort und Molly Weasley polterte los: „Geschäfte, die wichtiger sind als das Leben von Harry Potter? Mundungus, das kann nicht dein Ernst sein! Wie kann man nur so unverantwortlich handeln? Was, wenn Dumbledore nicht gewusst hätte, dass Dementoren zu ihm unterwegs waren? Was, Mundungus?". Der massige Kerl sank immer tiefer in seinen Stuhl und sagte kein Wort mehr.

„Mrs. Figg?", fragte Suzette weiter. „Sie lebt in der Nachbarschaft der Dursleys und beobachtet Harry schon seit einiger Zeit im Auftrag des Ordens. Sie ist eine Squib und kann ihn deshalb nicht beschützen, aber sie ist eine außerordentlich aufmerksame Beobachterin.".

„Ich denke, wir sollten ihn in drei Tagen holen.", sprach Shacklebolt und Tonks erwiderte: „In drei Tagen? Wieso nicht heute Nacht? Er ist doch da draußen nicht sicher!".

„Nymphadora, glauben sie mir. Er ist dort sicherer als irgendwo sonst. Sirius, du wenn deinem Patenkind vielleicht eine Nachricht zukommen lassen könntest?". Sirius nickte: „Wenn ich mir Pigwidgeon noch mal ausleihen dürfte?". „Klar!", Ron verschluckte sich fast, als er Sirius Antwort gab, so gierig stopfte er sein Hühnchen in sich hinein.

Nach dem Essen löste sich die Versammlung auf. Die Weasleys, Granger und Sirius blieben, die Auroren verließen das Haus, um ihrer regulären Arbeit für das Ministerium nachzugehen und Dumbledore verabschiedete sich damit, dass er noch einiger unangenehme Sachen im Bezug auf das neue Schuljahr in Hogwarts bearbeiten müsse.

Suzette seufzte, sie fühlte wie das große, dunkle, dreckige Haus sie einengte und in sich verschloss. Sie trottete die Treppe nach oben in ihr Zimmer.

„Wieso muss sie nicht helfen?", murrte Ginny hinter Suzettes Rücken, als ihre Mutter ihr eine unangenehme Aufgabe zur Säuberung des Hauses auftrug.

„Lass sie, Ginny, sie muss sich erst noch eingewöhnen.", meinte Molly und drückte ihrer Tochter einen magischen Staubwedel in die Hand, der alle Arten von Schutz absorbierte, wenn man ihn schwang wie einen Zauberstab.

Suzette gewöhnte sich auch in den nächsten Tagen nicht ein. Sie trat den ein- und ausgehenden Ordensmitgliedern missgünstig entgegen. Sie wollte nicht mit ihnen an einem Tisch essen, denn sie fühlte sich mehr und mehr als ihre Gefangene. Wie konnten sie es wagen, ihr etwas vorzuschreiben? Ihr vorzuschreiben, dass und wie sie sich entscheiden sollte. Dieser Gedanke schoss ihr immer wieder und immer schmerzhafter durch den Kopf.

Obwohl sie beide es niemals zugegeben hätten, waren sich Sirius und Suzette sich in dieser Situation sehr ähnlich. Beide waren ungeduldig, nervös und reizbar. Sie hielten es nicht aus gezwungen zu sein.

Sirius erledigte die ihm aufgetragenen Aufgeben im Haushalt nur widerwillig und Suzette gar nicht. Es war ihre Art von Protest, den niemand als solchen wahrnahm. Man hatte nur Mitleid mit ihr, was Suzette zusätzlich erzürnte. Was nutzte ihr schon Mitleid?

Am Abend des vierten Tages nach ihrer Ankunft, kamen schließlich die Auroren mit Harry Potter im Schlepptau an.

Das Hallo war groß unter den Jugendlichen, obwohl Harry scheinbar keinen Schimmer hatte, wo er war und was er hier sollte.

Hermine, Ron und Ginny nahmen ihn sofort in Beschlag und erklärten ihm die Zusammenhänge. Suzette wollte mit ihnen nichts zu tun haben. Sie gingen ihr gehörig auf die Nerven, so fröhlich wie sie waren, während sie hier gefangen gehalten wurde.

Sie saß im Zimmer neben Rons und Harrys, wo sie sich konspirativ trafen, und hörte plötzlich, wie Harry vor Wut zu explodieren schien. Recht so, dachte Suzette und grinste düster in sich hinein.

Suzette selbst interessierte sich nicht für all die Zusammenhänge, die die Weasleys und Granger nun Harry erklärten. Was der Orden war, wusste sie bereits, wer seine Mitglieder waren ebenfalls und Percy Weasleys Strebertum im Zaubereiministerium hatte mit ihr ebenfalls nichts zu tun. Trotzdem waren die Ausführungen der Zwillinge nicht zu überhören. Auch schienen sie sich auf den alten Hauselfen eingeschossen zu haben und die Tatsache, dass sie nicht zu den Sitzungen des Ordens zugelassen wurden oder eintreten durften.

Erst als Suzettes Name fiel, wusste keiner so recht, was man denken sollte. Sollten sie es gut finden, dass sie auf ihrer Seite stand, Harry zum zweiten Mal das Leben gerettet hatte, oder sollten sie sich ärgeren, dass sie im Haushalt keinen Finger krumm machte?

„Dumbledore vertraut ihr!", warf Hermine ein und Suzette konnte es durch die Wand gut verstehen. „So wie ich das sehe, vertraut sie sich nicht mal selbst!", überlegte Ron, „Die weiß doch selbst nicht, auf welcher Seite sie steht.".

„Ich halte sie für gefährlich!", sagte Ginny. „Aber sie hat Harry zwei Mal das Leben gerettet!", sagte Hermine, „Dumbledore weiß, was er tun!". Und bei diesen Worten verkrampfte sich Suzettes Magen vor Wut. Sie griff ein Tintenfass von ihrem Schreibtisch und pfefferte es durch ihr geschlossenes Fenster nach draußen, wo es schon begonnen hatte zu dämmern.

Die Nacht war lau und so reparierte sie das Fenster vorerst nicht.

Mrs. Weasley rief zum Abendessen und aus allen Winkeln und Räumen des Hauses strömten seine freiwilligen oder unfreiwilligen Bewohner in den Salon, wo man sich von Kreacher, dem Hauselfen, bedienen ließ.

„Wer ist das da in der Eingangshalle auf dem Portrait?", fragte Harry seinen Paten. „Das ist meine fanatische Mutter.", brummte Sirius angewidert, „Sie hat das Bild magisch an der Wand festgeklebt. Wir können es nicht abhängen. Es ist eine Schande!".

Suzette wünschte sich nichts mehr als Stille. Ruhe. Niemanden sehen. Niemanden hören. Sie wollte keine Gespräche um sich. Keine Gesichter. Sie steigerte sich hinein in dieses Gefühl des Ekels vor menschlicher Gemeinschaft. Ihr wurde heiß und kalt gleichzeitig und konnte schließlich nicht anders und schleuderte ihren Stuhl vom Tisch weg, stand auf und eilte blind vor Angst, Panik und Wut aus den Salon. Dieses Haus tat ihr nicht gut!

Würde es etwas bringen, wenn sie ihre Flucht plante? Würde sich vor sich selbst versagen, wenn sie sich mit der Situation abfand? Sie sperrte sich in ihrem Zimmer ein und überhörte gar Tonks, die freundschaftlich zu ihr nach oben gekommen war und an Suzettes Tür klopfte: „Suzette? Komm schon! Ich verstehe ja, dass du dich hier nicht wohl fühlst. Ich meine, klar ging das alles ziemlich schnell, aber wir müssen doch alle handeln! Suzette mach auf!". Suzette antwortete nicht. Ihr Herz schlug immer noch in Panik. Sie legte sich schlafen und wünschte sich dabei nie wieder aufzuwachen oder zu mindest nicht bis zum ersten September, wenn sie dieses Haus verlassen könnte, um in Hogwarts ähnlich gefangen zu sein.

Doch sie wachte auf. Am nächsten Morgen befand sie sich immer noch in diesem vermaledeiten Haus. Sie konnte nicht anders als die Tränen laufen zu lassen. Sie wusste nicht, was es war, aber sie fühlte sich in ihrem Stolz verletzt.

Sie schubste mit getrübtem Blick die Zwillinge zur Seite, als sie die Treppe hinunter stürzte und Sirius's Mutter mit einem verzweifelt bösem Blick zum schweigen brachte. Sie wusste nicht, wen sich suchte, aber gefunden wurde sie von Molly Weasley, die gerade ein stinkendes Insektengift im Flur zwischen Eingangshalle und Küche verteilte.

„Kind, was ist denn mit dir los?" rief sie entsetzt und Suzette war ihr Auftritt schlagartig peinlich geworden. Mrs. Weasley lies die Giftspitze falle und tat das einzige, was einer Mutter in einem solchen Moment einfällt: Sie nahm Suzette in den Arm und tätschelte ihr den Rücken.

„Ich weiß, du willst nicht hier sein.", sagte Molly ruhig und langsam, „Aber es ist zu deinem eigenen besten. Es ist notwendig.". „Ich will nicht,... dass... Sie sperren mich ein!", schluchzte Suzette, doch sie bekam als Antwort nur ein weiteres Tätscheln auf den Rücken, „Gehen sie in die Küche und machen sie sich Frühstück. Ich werde Dumbledore schreiben, dass sie sich nicht wohl fühlen, aber ich glaube kaum, dass er sie gehen lassen wird.".

Wo wollte sie denn auch hin, fragte sich Suzette. Aber wäre es nicht eine von diesen eigenmächtigen Entscheidungen gewesen, die Voldemort von ihr fern hielten, wenn sie jetzt flüchten würde? Sie dachte ernsthaft darüber nach und fühlte dabei doch diese seltsame Leere in sich.

Wie ein Junkie auf Entzug wankte sie den Rest des Vormittags nutzlos durch das Haus am Grimmauldplatz Nummer 12.