7. Der Edle Imperius

Erst am Nachmittag des selben Tag hellte sich ihre Stimmung und ihr Blickfeld auf. Sie hörte, dass eine Versammlung der Ordens angesetzt war, bei der Severus Snape, einen Vortrag darüber halten würde, was er unter den Todessern herausgefunden hatte. Suzette würde nicht bei der Versammlung dabei sein dürfen, denn sie war kein Mitglied des Ordens und darauf legte sie Wert. Aber sie hoffte, dass sie vielleicht zwischen Tür und Angel ein paar Worte mit ihrem Mentor sprechen konnte, dass er vielleicht zum Abendessen blieb.

Am Nachmittag trudelten nach und nach die Auroren und übrigen Ordensmitglieder ein, nur Dumbledore blieb der Versammlung fern. Molly hatte das Konferenzzimmer hergerichtet, den großen Tisch abgewischt und die Vorhänge von ekligen Krabbeltieren befreit.

Als alle schon auf ihrem Platz saßen, trat als letzter Severus Snape durch die Haustür am Grimmauldplatz Nummer 12. Suzette lugte vom oberen Stockwerk nach unten, als sie dir Tür sich öffnen hörte. Snape reichte Molly seinen schwarzen Reiseumhang und zischte ihr entgegen: „Halt sie von mir fern! Ich will sie nicht sehen!". Mrs. Weasley nickte, aber Suzette wollte sich damit nicht abfinden. Sie MUSSTE mit Snape sprechen, wenn sie auch mit sonst niemandem reden wollte!

Er verschwand vor Molly im Konferenzsaal, der daraufhin von innen magisch versiegelt wurde.

Sogleich krochen die Zwillinge aus ihrem Zimmer und scharwenzelten um die geschlossene Tür herum. Sie versuchten Langziehohren unter der Tür durch zu schieben, verbrannten sich dabei aber nur die Finger. Sie fluchten über die Konsequenz mit der ihre Mutter sie aus dem Orden fern hielt. Ginny, Ron und Harry kamen dazu, doch ihnen blieb nichts anderes übrig als darauf zu warten, dass sich die Tür von allein öffnete. Auf die Idee Suzette zu fragen, die mit Leichtigkeit einseitige Löcher in Wände zaubern konnte, durch die man von der einen Seite hindurch sehen, aber von der anderen Seite selbst ungesehen blieb, kam keiner.

Auch Suzette lauerte im Flur des oberen Stockwerks an der Treppe darauf, dass die Tür sich öffnete und Snape heraustrat. Sie wollte ihn einfach abfangen und zur Rede stellen oder ihm auch nur ihr Leid klagen. Sie wusste, warum er nicht mit ihr reden wollte, so etwas konnte er nicht ab. Wenn jemand ihm sein Leid klagte... Er würde wissen, wie sie sich hier fühlte, schließlich entschloss er sich ja selbst dazu nicht länger als nötig hier zu bleiben.

Endlich knarrte die Tür und ein großer, schlanker Auror trat in den Gang. Ihm folgte Sirius Black, Bill Weasley, Remus Lupin und Severus Snape. Er unterhielt sich mit einer kleinen, knochigen Hexe mit weißen, trockenen Haaren, die nach allen Seiten von ihrem Kopf abstanden. Molly blickte böse auf ihrer Kinder, die offensichtlich wieder versucht hatte ihre Sitzung zu belauschen.

Suzette schritt langsam, aber nicht zu langsam, die Treppe hinunter. Sie wollte nicht getrieben wirken, aber auch nicht gleichgültig. Außerdem hatte sie Snape genau im Blick, denn sie kannte ihn. Er war sehr gut darin sich vor Veranstaltungen zu drücken oder diese frühzeitig und unbemerkt zu verlassen.

Aber Suzette war schlauer. Sie stellte sich vor den schwarz gekleideten, dünnen Mann, der sie betont nichtssagend ansah.

So hatte ihn Suzette seit ihrer Schulzeit nicht mehr angesehen. Es war der Blick, den Snape seinen Schülern schenke, wagen Bekannten, jedenfalls nicht seinen Vertrauten. Er zeigte es nicht, aber Suzette wusste dieses Verhalten so zu deuten, dass es ihm nicht abging, dass sie ihn zwischen die Finger bekommen hatte.

„Severus, was soll das hier?", fragte sie scharf. „Ich verstehe ja, dass du es nicht magst, aber da musst du durch!", antwortete er gleichgültig und aalglatt. „Sie halten mich hier gefangen! Sie nehmen mir meine Freiheit, Severus. Sie zwingen mich...". „Wozu zwingen sie dich, Suzette?", fragte er dazwischen. „Der Orden! Ich will mit diesem Orden nichts zu tun haben! Ich habe zugestimmt während der Schulzeit Potter zu bewachen, aber nicht mich von Dumbledore hierfür instrumentalisieren zu lassen!", zischte Suzette, leise, denn sie wollte nicht die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sie beide lenken. Auch Snape blieb ruhig und scheinbar gleichgültig: „Wir bereiten uns auf den Krieg vor. Jeder Zauberer wird eine Seite wählen müssen.". „Dieses Haus macht mich wahnsinnig!", Suzette wechselte das Thema. „Suzette, du muss dir bewusst werden, wer du bist! Der Dunkle Lord hat bereits eine Vorstellung, wie er dich gerne haben möchte. Werde! Werde um Gottes Willen nicht zu dem, wohin er dich führen will!", sagte Snape langsam und unergründlich auf sie einstarrend.

„Und was will Dumbledore, das ich werde?", fragte Suzette zornig. „Er will dich vor den Manipulationen des Dunkeln Lords schützen.", antwortete er. „Er ist selbst manipulativ!", brummte Suzette düster, „Wie kann er von mir verlangen...". „Er glaubt an das Gute im Menschen. Hör zu, Suzette! Ich weiß, es mag hart sein für dich hier. Abgeschnitten von... Du fühlst dich leer und verlassen, nehme ich an? Das geht vorbei! Es ist eine Gewöhnungssache, nichts weiter. Du musst dich wieder daran gewöhnen allein zu sein.". Suzette verstand nicht. „Der Dunkle Lord hat dich begleitet. Er hat dich beobachtet und er hat deine Umgebung beeinflusst. Er will dich auf seiner Seite! Hast du nicht noch vor ein paar Tagen einen plötzlichen Hass auf alle Muggel verspürt? Was hat das Haus deiner Mutter in dir bewegt? Nichts! Suzette!".

„Woher weißt du das?", fragte Suzette wutentbrannt. Sie wollte nicht, dass Snape diese Gedanken kannte.

„Wenn ich es nicht wüsste, wäre ich ein schlechter Spion, was?", er grinste bitter, „Du solltest das eigentlich noch gar nicht wissen, Dumbledore meint, es würde dir leichter fallen, dich von der indirekten Fremdbestimmung zu erholen, wenn du nichts davon weißt. Aber du scheinst den Ernst der Lage nicht zu begreifen: Deine Freundin Penny befindet sich seit zwei Tagen im St. Mungo, weil sie unter einem permanenten Imperiusfluch zusammengebrochen ist. Ganz Südfrankreich befindet sich im Nebel brütender Dementoren. London ist verseucht von ihnen. Du bist hier, weil der Dunkle Lord nicht damit rechnet, dass Dumbledore dir als ehemaliger Todesserin so weit vertraut, dass er dich im Hauptquartier seines Ordens aufnimmt.".

„Penny ist im St. Mungo?", fragte Suzette aufgebacht und fühlte sich plötzlich selbst dafür verantwortlich.

Snape ging nicht darauf ein: „Was du im Augenblick durchmachst ist ein reiner Selbstfindungsprozess, vergleichbar mit einer verspäteten Pubertät. Du hast dich verloren und musst dich wiederfinden. Am besten funktioniert das in der Isolation. Deshalb wollte ich nicht mit dir sprechen. Ich denke, zum Schulanfang, sollte sich das erledigt haben.".

„Aber weiß denn der Dunkle Lord nicht, dass ich ab September wieder in Hogwarts sein werde? Dann könnte er doch wieder anfangen...", fragte Suzette.

„Du weißt doch jetzt Bescheid. Ich halte dich durchaus für so intelligent, mit diesem Wissen, dem Dunklen Lord nicht Seele und Verstand zu öffnen. Versuch einfach ein bisschen weniger Künstlerin und ein bisschen mehr Okklumentikerin zu sein. Wie geht es deinem Unterarm?", fragte er schließlich.

„Er blutet immer noch leicht die ganze Zeit, aber er schmerzt nicht mehr so stark. Wahrscheinlich liegt das an deinem Verband. Hin und wieder, wenn er seine Todesser ruft, wird mir noch schwarz vor Augen, aber es geht.", antwortete Suzette.

Dieses Gespräch war für Suzette aufschlussreicher als jede Sitzung, die sie beim Orden des Phönix hätte miterleben können. Sie kannte diese Art der Fremdbestimmung. Euphemisten nannten sie den „edlen Imperiusfluch". Die Person, die man kontrollieren wollte behält ihren freien Willen, wird aber durch ihre Umgebung zu dem Punkt getrieben, an dem man sie haben will. Es ist etwas mehr Aufwand, aber so gewinnt man treue Anhänger, dachte Suzette, welche, die aus Überzeugung zu einem halten.

Sie musste zugeben, dass ihr diese neue Einsicht, nicht einmal große Angst machte, sie war eine gute Okklumentikerin. Sie ging nun etwas gelassener mit ihrer Situation um, denn sie war ein Verstandsmensch, wenn es darauf ankam. Trotzdem konnte sie nicht leugnen, dass sie sich fortwährend schlecht und wertlos fühlte. Ihr Dasein kam ihr täglich sinnloser vor, doch sie zwang sich, nicht daran zu denken, ihre Gefühle zu ignorieren, sich ihnen gegenüber zu verschließen. Sie ekelte sich vor ihnen, das sie spürte, dass es nicht ihre eigenen waren.

Es funktionierte ganz gut, wenn sie sich es nur bewusst machte, dass sie von nun an jede Regung in ihr analysieren musste, um sich selbst darüber neu zu definieren.

Nach ein paar Tagen fühlte sie sich mit sich soweit sicher, dass sie anfing sich für das Leben der andern in diesem Haus zu interessieren.

Suzette bekam mit, dass Harry tatsächlich einen Brief vom Zaubereiministerium bekommen haben musste, in dem man ihn beschuldigte, einen Patronuszauber mitten auf der Straße in Little Whinging ausprobiert zu haben. Anklage auf Zauberei Minderjähriger in der Öffentlichkeit zum wiederholten Male. Er hatte sogar einen Termin für eine Verhandlung.

Suzette schaffte es fast für den kleinen ein wenig Mitleid aufzubringen, denn auch sie hatte schließlich zu Unrecht vor diesem Gericht gestanden, aber Potter selbst schien sich kaum Gedanken darüber zu machen, dass man ihm den Zauberstab abnehmen könnte, also brauchte sich Suzette erst recht keine zu machen. Ihre Arbeit begann am ersten September und, wenn Potter bis dahin von der Schule geflogen war, gar nicht.

Die Tage tropften dahin. Suzette bemühte sich bewusst zu leben und zu erleben, um wieder einen Blick für die Realität zu bekommen. Hin und wieder schauten Ordensleute vorbei. Dumbledore selbst kam einmal und sprach ein paar Minuten mit Harry.

Die Aufregung darüber, dass Hermine und Ron Vertrauensschüler wurden und Harry nicht, interessierte Suzette nicht. Sie machte sich ernsthafte Sorgen um Penny. Wenn sie im St. Mungo, dem Zaubererkrankenhaus, lag, musste es wirklich etwas ernstes sein.

Die Arbeit im Haus dauerte an. Sirius ging mit Harry seine Familienerbstücke durch und warf sie allesamt fort, etwas, was Suzette nicht verstehen konnte. Hätte sie einen solchen Familienstammbaum gehabt, sie hätte alles über ihrer Vorfahren wissen und aufbewahren wollen. Man will immer das, was man nicht bekommt, dachte Suzette und schüttelte den Kopf über Sirius, der ziemlich kindisch mit Kreacher um ein altes Photo zankte.

Suzette wusste sich nicht nützlich zu machen. Das einzige, was sie für den Orden tat, war das Aufbewahren einiger Kupferkessel für Mundungus, deren Herkunft mehr als im Dunklen lag, in ihrem Zimmer und das Verstecken dieser heißen Ware vor Molly. Sie mochte Mundungus einfach irgendwie.