9. Das Blut der Hydra
Gleich am nächsten Tag bekam Suzette zu spüren, dass Professor Umbridge ihre Position in Frage stellte. Sie verpasste Potter wegen irgendwas Nachsitzen, hieß ihn allerdings zu seiner Hauslehrerin zu gehen, statt zu Suzette in den Nachsitzraum, um sich eine Strafpredigt anzuhören. Das tatsächliche Nachsitzen sollte schließlich in den folgenden Tagen in Umbridges Büro stattfinden. Suzette schäumte vor Wut.
Sie klopfte blindlings an Umbridges Bürotür und stürmt hinein, als man sie einließ.
„Miss Umbridge!", sprach sie und wurde jäh unterbrochen: „Für sie immer noch Professor Umbridge!".
„Miss Umbridge!", Suzette ließ sich nicht beirren, sie war zu aufgebracht, „Ich leite das Nachsitzen. Ich muss sie bitten die Schüler nächstens zu mir zu schicken, aber ich nehme an, dass Professor McGonagall sie schon darauf hingewiesen hat. Auch wenn sie neu sind, gehe ich davon aus, dass Professor Dumbledore ihnen mitgeteilt hat, dass ich das Nachsitzen leite und die Schüler dabei beaufsichtige.".
„Miss Smith...", begann die Kröte ruhig und mit einem Lächeln auf den Lippen, das von Dumbledore nicht ekelerregender hätte sein können. Suzette drehte sich um und knallte die Tür hinter sich zu, bevor sie Umbridge anhören konnte.
Sie zog sich zurück in ihr Zimmer und wartete darauf, dass sie trotz herzhaftem Zorn einschlafen konnte. Sie schlief schließlich ein paar Stunden, bis sie von einem ungeduldigem Klopfen an ihre Tür geweckt wurde.
Mit einem Gähnen sprengte sie im Halbschlaf die Kerkertür und erkannte verschwommen die Silhouette von Severus Snape: „Wach auf!", flüsterte er heißer, „Komm mit! Ich muss dir etwas mitteilen. Aber pass auf, dass uns keiner sieht!".
Suzette kroch aus ihrem Bett, zog sich einen Morgenmantel über und taumelte Snape nach in sein Büro, das er auf der Stelle hinter Suzette magisch verschloss. Sie gähnte noch einmal, bevor sie dem Meister der Zaubertränke zuhören konnte: „Nimm den Verband ab!", befahl er und Suzette wickelte, das in eine Zaubertinktur getränkte Stück Stoff von ihrem Arm. Sofort musste sie zusammenzucken, denn das Dunkle Mal schmerzte ohne den Einfluss der Tinktur erbärmlich. Auch blutete es immer noch. Die Narben verheilten einfach nicht.
Snape nahm ihren Arm und betrachtete die verstümmelte Stelle, zog sich mit einer Pipette eine Probe von Suzettes Blut und tröpfelte es in ein Reagenzglas mit einer grünlichen Flüssigkeit, die sich als bald rot, wie das Blut verfärbte. Snape nickte zufrieden: „Ich glaube, ich hab eine Heilmittel für das hier gefunden.", verkündete er triumphierend.
Suzette schwieg, sie würde ohnehin gleich erfahren, was es war.
„Ich habe mir schon so etwas gedacht. Diese Wunden sind fast unheilbar. Der Dunkle Lord hat das Dunkle Mal so verhext, dass jeder, der Hand daran anlegt, vergiftet wird. Aber der Dunkle Lord selbst fürchtet nichts mehr als den Tod und er trägt das Dunkle Mal. Es muss also eine Möglichkeit geben. Er konnte wieder auferstehen. Potter sagte, er habe es mit Hilfe eines Trankes geschafft. Es gibt nur eine Flüssigkeit, die gleichzeitig Unsterblichkeit verleiht und den sofortigen Tod herbeifügt, je nach Dosierung.", erklärte Snape.
„Glaubst du das Dunkle Mal ist versetzt mit diesem Stoff?", fragte Suzette. „Womöglich. Es gibt ihm selbst einerseits Kraft, andererseits kann es Abtrünnige sofort töten. Diesen Stoff, den er in sich trägt, ließ ihn erst überleben.", antwortete Snape.
„Und was soll das sein, Severus?".
„Das Blut der Hydra.", sagte Snape und Suzette schaute ihn schief an, bevor er erklärte: „Die Hydra ist ein schreckliches Schlangentier mit neun Köpfen. Schlägt man einen ab, so wachsen zwei dafür nach. Der mittlere Kopf ist zudem unsterblich. Das Blut der Hydra ist dazu das wohl stärkste Gift, das wir kennen. Das Tier wurde besiegt und nur der unsterbliche, mittlere Kopf lebt noch, verborgen unter einem Berg irgendwo in Griechenland. Aber es gibt Halbhydren, welche aussehen, wie gewöhnliche Schlangen und wir müssen davon ausgehen, dass Nagini eine solche Halbhydra ist. Sie hat ihm zur Auferstehung verholfen. Ihr Blut fließt in seinen Adern und ihr Gift schlummert in jedem Dunklen Mal. Lucius Malfoy hat dir das Mal eingebrannt...".
„... indem er mir von seinem Blut zutrinken gab und meinen Arm damit einrieb. Er hat eine seltsame Formel gesprochen und da war es.", vervollständigte Suzette Snapes begonnenen Satz, „Und wie kann ich meinen Arm heilen?", fraget sie vorsichtig, denn sie war trotz allem nicht sicher, ob sie ganz mitgekommen war, immerhin war sie müde und gerade aus dem Schlaf gerissen worden.
„Das Blut der Hydra ist gleichzeitig Gift und Heilmittel. Es wird allerdings in der magischen Heilkunst nicht verwendet, weil es einfach viel zu selten und es unvorstellbar gefährlich ist da ran zu kommen. Das Gift bewirkt ein Aussetzen der Blutgerinnung. Es blutete einfach immer weiter, du kannst froh sein, dass deine Schnitte nicht tiefer waren. Das einzige, was diesem Gift entgegenwirkt, ist es selbst. Wir müssen aus Naginis Blut einen Trank brauen, oder an das Blut des Dunklen Lords kommen.", sprach Snape emotionslos.
„Ich werde also sterben, wenn ich nicht das Blut des Dunklen Lords stehle?", fragte Suzette.
„Ich werde sehen, was ich tun kann!", knurrte Snape.
Suzette stutze kurz und rief dann viel zu laut für Snapes Geschmack: „Oh nein, Severus! Du wirst dich nicht in noch größere Gefahren begeben, als du ohnehin schon musst! Nicht für mich! Ich gehe selbst!".
Snape verzog ein wenig das Gesicht, nickte aber schließlich. Er wusste, was es Suzette bedeutet selbstständig zu sein.
„Hör zu! Dumbledore weiß nichts davon. Er soll es auch nicht wissen! Diese Mission ist gefährlich und nicht vereinbar mit den Pflichten, die ich für den Orden übernommen habe. Es muss unser Geheimnis bleiben oder die eine oder die andere Seite wird uns lynchen. Ich werde dich einweisen müssen in die Kunst der Spionage. Du musst dich als Todesserin ausgeben. Suzette, die Sache ist höchst gefährlich, vor allem für dich!".
„Ich kann es auch sein lassen!", meinte Suzette gleichgültig, „Aber du wirst für mich keine Gefahren eingehen!".
Severus blickte Suzette durchdringend und ernst an, sodass Suzettes Gleichgültigkeit völlig Fehl am Platze schien: „Ich werde es tun!".
„Dann tue ich es für dich!", schnarrte Suzette und blitzte Snape scharf in die Augen, dass er sich abwenden musste.
Am nächsten Morgen schlief Suzette lange aus. Nachdem sie aufgestanden war drückte sie sich in der Bibliothek herum und durchstöberte die Bücher nach Hinweisen über Hydren und deren Gift, ihrem Blut.
In den offiziellen Schulbüchern, die auch für die Schüler zugelassen waren, fand sie nichts. Erst als Suzette sich in die verbotene Abteilung für schwarzmagische Literatur schlich, fand sie einen kurzen Abschnitt über Hydrengift in einem Buch namens „Magische Kriegführung: Waffen und Strategien". Es beschrieb die Wirkung des Blutes des Schlangentiers als überaus grausam. Sein Einsatz in einem Gefecht sei höchst verwerflich, ein Kriegsverbrechen. Über die Eigenschaft der Unsterblichkeit der Hydra fand Suzette allerdings kein Wort, in keinem Buch. Sie begann an Snapes Worten zu zweifeln.
Zwar wusste sie, dass die tiefste schwarze Magie nicht in den Büchern der Bibliothek zu finden war, dass Dumbledore diese Bücher sicher verwarte, Bücher, in denen es um das Thema Unsterblichkeit ging, ins besondere, denn er wusste von Voldemorts Bestreben, das durch deren Literatur erst geweckt wurde und er wollte unbedingt verhindern, dass ein weiterer Schüler in Hogwarts danach trachtet, seine Seele ewig untot durch die Welt irren zu lassen, aber zumindest hätte sie doch erwartet einen mythischen Text in einem Geschichtsbuch zu finden. Nichts! Woher Snape das alles nun wusste?
„Ich habe es von Anfang an geahnt.", sagte Snape, „Als du nach Hogwarts kamst und vor den Schultoren fast verblutet bist, wurde mir klar, was mit dem Dunklen Mal auf sich hat. Er kontrolliert unsere Loyalität damit. Ich konnte den größten Teil des Gifts in deiner Wunde neutralisieren, aber eben nicht die Blutung gänzlich stoppen. Nicht mal der Bezoar konnte es heilen. Und das einzige Gift, bei dem der Bezoar nicht wirkt, ist das Hydrenblut, das nur Anwendung in der tiefsten schwarzen Magie findet. Du hast kein einziges Buch darüber gefunden, nicht wahr?". Suzette nickte.
„Dumbledore will nicht, dass die Schüler auf solche Zauber stoßen und hat alle schwarz-magisch Bücher aus der Schülerbibliothek verbannt. Ich selbst besitze ein Buch über die Anwendung des Blutes der Hydra und nur deshalb konnte ich dir helfen. Um die Vergiftung vollständig zu stoppen und dein vorzeitiges Ableben zu verhindern, brauchen wir das Blut der selben Schlange, die dich vergiftet hat, um daraus ein Gegengift zu brauen. Es handelt sich um einen hochkomplizierten Trank und nicht einmal ich kann dir garantieren, dass er gelingen wird. Das Hydrengift ist, wie gesagt, ziemlich unerforscht und zutiefst schwarz-magisch.". Suzette nickte.
„Wenn du mit mir zu den Todessern und dem Dunklen Lord kommen willst, musst du darauf vorbereitet sein. Ich gehe davon aus, dass du genügend Okklumentik beherrschst, um dich vor ihnen zu schützen.". Suzette nickte.
„Halte dich bedeckt! Keine Ausbrüche! Fahr deinen Stolz runter, auch wenn du Lucius Malfoy begegnest! Halte dich zurück! Du darfst niemandem zu sehr auffallen. Du willst keine Geheimnisse stehlen, also musst du dich nicht unnötig in Gefahr bringen.".
„Und wie genau soll ich an das Blut kommen? Ich marschiere da rein und schneide Nagini den Kopf ab? Oder was?", fragte Suzette.
„Da ich dich mitnehmen werde, wirst du dich leider benehmen müssen. Ich glaube kaum, dass du den Dunklen Lord bei deinen ersten Besuchen überhaupt zu sehen bekommen wirst. Die meisten Todesser sind dumm, aber der Dunkle Lord ist es nicht! Du musst sein Vertrauen gewinnen, wenn du in seine Nähe kommen willst. Du wirst ein bisschen schauspielern müssen. Das sind nicht mehr die Todesser, die noch vor ein paar Jahren schwarze Magie zum Spaß betrieben haben um Kinder zu erschrecken. Das hier ist ernst! Und du solltest das niemals vergessen!".
„Du meinst, ich soll die Gefahren richtig einschätzen. Glaub mir, ich bin mir durchaus bewusst darüber, dass Malfoy nicht nur schwarz-magischen Nippes sammelt!", Suzette schaute finster zu Boden, als sie sich daran erinnerte, wie ihr einstiger Lehrer in Sachen Dunkler Künste ihr vor ein paar Wochen einen demütigenden Crucio verpasst hatte.
„Und denk daran! Kein Wort zu Dumbledore oder irgendwem!", wiederholte Snape, als Suzette die dunkle Tränkeküche verließ.
