10. Das Spinnennetz
Am Abend hatte Suzette sich vorgenommen, wollte sie bei Umbridge vorbeischauen, während Harry bei ihr nachsaß. Sie lungerte also vor ihrem Büro herum und konnte schließlich den schmächtigen Jungen sehen, wie er widerwillig und mit hängenden Schultern auf die Bürotür der neuen Lehrerin zu schlich.
Und jetzt stand da auch noch dieses Mädchen! Er warf Suzette einen abschätzigen Blick zu, der sie ein wenig belustigte: „Fünf Punkte Abzug für Gryffindor, Potter! Ein wenig sozialen Ungehorsam hätte ich von ihnen in dieser Situation schon erwartet!".
Harry schnaubte nur und öffnete die Tür zum Büro der Kröte. Suzette hielt sie lässig mit dem Fuß davon ab zuzufallen und stand hinter Harry, der Umbridge darum bat, den Termin für die Strafarbeit zu verschieben. Er hätte noch Quiddich-Training. Dolores lächelte sanft und verneinte dann.
Suzette stand stumm und scheinbar unbemerkt in der Tür. Umbridge würdigte sie keines Blickes.
Sie reichte Harry eine Schreibfeder und hieß ihn den Satz „Ich soll keine Lügen erzählen" auf ein Stück Pergament schreiben.
Bevor Harry die Feder ansetzen konnte, fuhr Suzette die dickliche Dame an: „DAS ist ihre Strafarbeit? DAS? Ich weiß, sie sind neu hier, aber ich denke Professor Dumbledore hat ihnen bereits erklärt, dass Strafarbeiten sinnvolle Arbeiten zu Gunsten aller sein sollten! Davon hat doch nun wirklich keiner etwas, Miss Umbridge!".
„Miss Smith, ich möchte sie bitten nicht meine Kompetenzen in Frage zu stellen. Des Weiteren bin ich für sie, wie ich ihnen bereits sagte, Professor Umbridge. Sollten sie sich noch einmal mir gegenüber im Ton vergreifen, werde ich dem Ministerium berichten müssen, dass sie leider immer noch nicht charakterlich dazu geeignet sind, einen Zauberstab zu besitzen.".
Suzette war drauf und dran ihren Stab zu greifen und ihr vor die Füße zu werfen, doch sie überlegte, dass es bei den Todessern wohl von Vorteil sein würde einen Stab zu besitzen. Sie fuhr in einem gedämpfteren Ton fort: „Was hat Potter überhaupt verbrochen, dass nicht ich, sondern sie, seine Strafe festlegen?".
„Er erzählt fortwährend Lügen. Der, der nicht genannt werden darf, sei zurück... Er habe mit ihm gekämpft...". Suzette hob eine Augenbraue: „Und sie treiben ihm das jetzt mit schwarz-magischen Schriebfedern aus? Ich weiß, sie sind neu hier, aber ich denke, dass Professor Dumbledore ihnen gesagt hat, dass derartige Grausamkeiten an dieser Schule abgeschafft wurden.".
„Miss Smith, sie sind nicht in der Position meine Methoden in Frage zu stellen und auch Professor Dumbledore steht nicht über den Beschlüssen den Zaubereiministeriums.", antwortete Umbridge süßlich.
„Und das hat beschlossen, Potter zu zwingen mit seinem Blut zu leugnen, was er mit eigenen Augen gesehen hat?", blitzte Suzette über Potters Kopf hinweg, der sich jetzt verwundert umdrehte. Er konnte nicht fassen, dass Suzette sich für ihn so offen einsetzte. Klar, sie war seine Leibwächterin im Geheimen, aber für gewöhnlich kümmerte sie sich nicht um die Gerechtigkeit zwischen Lehrern und Schülern. Sie selbst war schließlich für ihre Ungerechtigkeit verschrieen.
„Das Zaubereiministerium ist darauf bedacht, jegliche Hetze und Panikmache aus Dumbledores Gerüchteküche im Keim zu ersticken. Miss Smith...".
Jetzt konnte Suzette nicht mehr: „Es heißt Lecroix! Und ich möchte sie darum bitten...".
„In meinen Akten steht nach wie vor Smith, deshalb bleibe ich bei dem korrekten Namen, wenn es ihnen nichts ausmacht. Miss Smith, sofern sie die Absicht haben, Potter Gesellschaft zu leisten, kann ich ihnen nur raten so weiter zu machen. Ich werden dem Minister berichten, was für einen unberechenbare Person sie nach wie vor sind! Es war ein Fehler, sie hier her zu holen und ich werde einen Bericht verfassen!".
„Dann kann ich ihnen nur raten, nehmen sie doch eine ihrer schwarz-magischen Schreibfedern. Damit lassen sich Lügen besonders gut ausformulieren!", Suzette knallte die Tür zu und ließ Harry allein mit Umbridge in ihrem Büro zurück, wo er endlich die Schreibfeder auf dem Pergament ansetzte und sich mit jedem Strich selbst ins Fleisch schnitt, sodass sich die Worte „Ich soll keine Lügen erzählen" auf seinem Handrücken abzeichneten.
„Es war dumm von dir, sie so anzufahren, Suzette.", meinte Snape an folgenden Morgen beim Frühstück, als sie am Lehrertisch saßen, Dolores Umbridge allerdings noch nicht anwesend war, „Du machst es dir nur schwerer. Was interessiert dich Potter? So lange er sich innerhalb dieser Mauern befindet, ist der sicher.
„Sie ist widerlich! Niemand hat es verdient so behandelt zu werden!", erwiderte Suzette bitter.
„Du musst lernen, so etwas in Kauf zu nehmen.", meinte Snape kühl und schlürfte an seiner Tasse Tee als Dolores sich gerade mit einem großmütterlichen „Guten Morgen" an den Tisch setzte. Niemand erwiderte ihren Gruß. Professor McGonagall vertiefte sich sogar demonstrativ in ein belangloses Gespräch mit Professor Flittwick, der sich ebenso von der süßlich lächelnden Frau abwandte.
Sie schien die Abneigung, die ihr entgegengebracht wurde nicht wahrzunehmen und fing an zu plappern: „Wie ich höre, sind die Schüler schon fleißig dabei Leute für die Quiddich-Mannschaften zu suchen.".
Niemand antwortete ihr.
„Ich finde, dass solche Schülergruppierungen mehr vom Lehrkörper kontrolliert werden sollten. Wie ich das mitbekommen habe, trainieren diese Mannschaften autonom?".
Niemand antwortete.
„Ich denke ich werde einen Brief an den Zaubereiminister schreiben, in dem ich ihm davon berichte. Ich denke, Jungendlichen sollte man nicht allzu freie Hand lassen, was das Klüngeln betrifft.".
McGonagall drehte sich zu Umbridge um, schaute einmal böse, verkniff sich aber jeden Kommentar. Snape grinste ein wenig überlegen und Suzette, schloss die Augen, um nicht in das fett-feiste Gesicht dieser Person sehen zu müssen, wie sie seelisch ihr Leberwurstbrot in sich hineinstopfte.
Dumbledore trat an den Tisch. Er kam immer als letzter der Lehrerschaft zum Frühstück. Es schlief gerne länger aus und mochte morgens ohnehin nicht viel zu sich nehmen.
„Ah, Professor Dumbledore!", quiekte Dolores, als sie den Schulleiter erblickte, „Ich wollte sie davon in Kenntnis setzen, dass ich in die Wege geleitet habe, dass das Flohnetzwerk an der Schule überwacht wird. Ich habe versucht, sie gestern in ihrem Büro aufzusuchen, aber der Wasserspeier wollte mich nicht nach oben lassen.". Dumbledore nickte nur müde, doch Suzette öffnete schlagartig verächtlich ihre Augen und fixierte Umbridge. Sie überlegte, welchen Fluch sie ihr an den Hals hetzen sollte, wie groß die Furunkel in ihrem Gesicht sein sollten und welche Farbe der Eiter haben sollten, der aus ihnen hinausquellen würde. Sie sagte nichts.
In den folgenden Tagen akklimatisierte sich die Stimmung in Hogwarts. Alle Lehrer, bis auf Umbridge schickten ihre Schüler zum Nachsitzen zu Suzette und die freute sich über das entgegengebrachte Vertrauen auch von Minerva McGonagall.
Harry hingegen musste bei Umbridge schmoren und Abend für Abend seinen Satz schreiben.
Suzette übte sich darin nicht immer gleich auszuflippen, wenn Umbridge ihren Mund öffnete. Sie versuchte sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass sie auch nur ihre Arbeit tut, aber irgendwie wollte es sie nicht beruhigen.
„Das Flohnetzwerk zu kontrollieren, ist Freiheitsberaubung!", sagte sie zu Severus, als sie ihm auf dem Weg zu seinem Klassenzimmer folgte.
„Du kannst doch apparieren oder?", meinte er kühl.
„Es geht nicht um mich...", fuhr Suzette fort.
„Ach komm, als würdest du dich um die Belange der Schüler kümmern! Es ist dir so egal wie mir, ob ihre kleinen konspirativen Lerngruppen überwacht werden, du steigerst dich in einen Hass auf Professor Umbridge hinein.".
Suzette winke genervt ab und bog in einen anderen Gang ein, der sie zu den Schlafräumen der Slytherin-Schüler führte. Dort wollte sie eigentlich gar nicht hin, sie wollte lediglich Snape aus dem Weg gehen und ihn nicht in ihren Gedanken lesen lassen, dass er Recht hatte.
Unglücklicherweise kam ihr ausgerechnet jetzt Draco Malfoy, sowie seine Anhängsel Crabbe und Goyle entgegen, die das Frühstück hatten ausfallen lassen und jetzt unterwegs zum Unterricht waren.
Suzette machte sich auf eine hochnäsige Beleidigung gefasst und überlegte sich schon mal eine passende Antwort, da kam von dem schmalen blonden Jungen nichts weiter als ein „Guten Morgen", bevor er und seine Handlanger an ihr vorbeizogen.
Suzette grüßte überrascht zurück und erklärte sich die plötzliche Freundlichkeit Malfoys damit, dass die schwarz-magischen Kreise wohl tatsächlich an ihrer Person interessiert sein mussten. Allerdings fand sie das im Augenblick sogar recht angenehm. Potter grüßte sie jedenfalls nie, wenn er sie den Gang runterschlendern sah oder sie ihn gerade das Leben gerettet hatte.
Noch am selben Tag bat Professor Dumbledore Suzette schließlich in sein Büro. Er hatte ihr durch einen verschüchterten Hufflepuff-Erstklässler einen Nachricht zukommen lassen, dass sie am Nachmittag zu ihm kommen und das Synästhesium mitbringen solle.
Ohne ein Passwort zu verlangen ließ der Wasserspeier Suzette passieren. Er musste gewusst haben, dass der Schulleiter sie erwartete. Suzette stieg die unzähligen, steilen Wendeltreppenstufen nach oben und klopfe an die massive Holztür, die sich sogleich geschmeidig öffnete und ihr den Weg in das kleine, zugestellte, runde Turmzimmer frei gab.
„Setzen sie sich!", bat Dumbledore und Suzette tat wie geheißen, „Sehr gut! Sie haben an das Synästhesium gedacht!".
Sie hob die fußballgroße, schwarze Kugel auf den Schreibtisch des Schulleiters. „Nun, ich möchte nicht hinterlistig erscheinen, aber ich muss sie bitten die Kugel in die Hand zu nehmen und mir vorzusingen, was ihnen durch den Kopf kommt.", sagte er emotionslos und ohne die Absicht eine Erklärung zu geben.
Suzette stutzte, wieso bat er sie darum? Was glaubte er zu hören? Er kannte ihre Geschichte. Sie wartete also einen Augenblick ab, um Dumbledore mit ihren Augen zu fixieren. Ohne Zweifel hatte er in diesem Augenblick jedes einzelne Gefühl in sich abgeschaltet. Fürchtete er sich vor Suzettes Legilimentik?
Schließlich sah sie ein, dass sie mal wieder keine Chance hatte und griff nach der kalten Kugel und schloss die Augen.
Es dauerte lange, bis sich in ihrem Kopf eine Melodie formte und Worte dazu kamen. Alles rannte wie diffus hin und her in ihrem Kopf und sie wusste kaum, was davon sie verwerten sollte und was nicht. Sie verkrampfte sich ein bisschen, denn sie wollte Dumbledore unter keinen Umständen etwas über Snapes und ihre Pläne zutragen. Mit Okklumentik ein Lied zu schreiben kam Suzette und ihrem Unterbewusstsein fast unmöglich vor, als es ihr fast unkontrolliert aus dem Mund sprudelte. Das Synästhesium färbte sich blau, als Suzette folgenden Text zu singen begann:
„If a black man is racist, is it okay?
When it's the white man's racism that made him that way,
Because the bully's the victim they say,
By some sense they're all the same.
Because the line between,
Wrong and right,
Is the width of a thread,
From a spider's web.
The piano keys are black and white,
But they sound like a million colours in your mind."
Suzette öffnete die Augen und sah, wie sich die Augenbrauen des Schulleiters kritisch kräuselten. Er sagte vorerst nichts und Suzette fürchtete, dass sie etwas verraten hatte.
