11. Spannungen

„Wenn das so ist, werden wir wohl sofort reden müssen, Suzette!", sagte Dumbledore schließlich düster und zutiefst ernst, „Ich habe sie etwas anders eingeschätzt, aber ihr Auftreten scheint wirklich keine Fassade zu sein. Das ist gefährlich, ernsthaft gefährlich!".

„Wieso?", fragte Suzette.

„Sie sind wahrhaft unentschlossen! Ich hatte geglaubt, sie auf meiner Seite zu haben, Suzette. Ich habe auf sie gezählt!".

Wollte er ihr jetzt etwa ein schlechtes Gewissen machen?

„Sehen sie, das Lied, das sie mir gerade vorgetragen haben – wie immer natürlich ein Vergnügen für meine alten Ohren", er lächelte schwach, „ Es drückt ihre seelische Verfassung im Augenblick aus. Da sie die Okklumentik beherrschen, musste ich auf diese Methode zurückgreifen.".

Suzette fühlte sich betrogen und das war der Sache Dumbledores nicht gerade zuträglich. Plötzlich bemerkte sie, dass sie den Schulleiter in der Hand hatte. Offensichtlich brauchte er sie.

„Sie sind unentschlossen! Sie wissen nicht, wohin sie gehen wollen! Habe ich recht? Sie spielen mit ihren Gedanken!", fuhr Dumbledore fort.

„Ich zweifle, das ist alles!", entgegnete Suzette.

„Sie zweifeln zu viel, Suzette! Sie müssen lernen zu vertrauen und sie müssen lernen, wem sie vertrauen können!".

„Ich vertraue Severus Snape!", entfuhr es ihr.

„Dann sind wir schon zwei.", Dumbledore lächelte, doch die Spannung löste sich nicht.

„Ich zweifle daran, dass die Welt sich in gut und böse unterteilen lässt und ich zweifle daran, dass eine der beiden Seiten, für die ich mich entscheiden soll, vollkommen gut oder vollkommen böse ist!", erklärte Suzette.

„Und sie verkriechen sich in ihrer eigenen kleinen Welt!", sagte Dumbledore, „Sie müssen Verantwortung zeigen.".

„In meiner Welt gibt es aber mehr Farben als Schwarz und Weiß!", zischte Suzette.

„Und Lord Voldemort ist nur kein Schulrowdy, der im Grunde Opfer des Systems ist?", fragte Dumbledore.

„Sie sagen es!", schnaubte Suzette zurück, rümpfte die Nase und sah plötzlich glasklar die Parallele zwischen sich und dem Dunklen Lord: Sie beide waren Opfer Albus Dumbledores!

„Suzette, sie wissen gar nicht wie lange ich das geglaubt habe! Tom Riddle, der missverstandene Schulrowdy! Aber das ist er nicht! Er hat... Ich kann es nicht verstehen, aber vielleicht können sie es ja!", Dumbledore war wütend, so wütend wie Suzette ihn noch nie erlebt hatte und das amüsierte sie. Er stand auf und lief drei Schritte hinter seinem Schreibtisch hin und wieder zurück, bevor er sich wieder hinsetzte: „Suzette, ich dulde keinen Rassismus an meiner Schule! Sollten sie ein solches Gedankengut vertreten, muss ich sie von der Schule verweisen!".

Suzette blickte in Dumbledores Augen, der die seinen von ihr abgewandt hatte: „Haben sie den Text nicht verstanden? Rassismus kommt nicht von Ungefähr! Was haben die Muggel den Zauberern in der Vergangenheit nicht alles angetan? Sie wurden auf Scheiterhaufen verbrannt! Ihre und meine Vorfahren! Und heute gibt es Institutionen der Zauberergemeinschaft, welche die Muggel vor jeglicher Magie schützen sollen?", zischte Suzette.

„Es ist auch Selbstschutz, Suzette! Ich leugne nicht, dass viele große Zauberer unter dem Aberglauben der Muggel zu leiden hatten, aber verdienen die Muggel deshalb nicht unser Mitleid? Suzette, sie waren es doch, die lange Jahre in er Muggelgesellschaft gelebt hat, wie können sie jetzt so reden?".

„Ich erkläre ihnen den Grund für den Rassismus in der magischen Gemeinschaft! Das hat nichts mit mir zu tun! Aber sie müssen doch auch einmal diesen Blickwinkel sehen! War Salazar Slytherin böse, schwarz, weil er Muggelgeborene nicht in Hogwarts zulassen wollte? Oberflächlich betrachtet ist das gemein, ja. Aber haben sie mal darüber nachgedacht, dass Slytherins gesamte Familie von fanatischen Muggeln niedergemetzelt wurde? Er wollte damit die Zauberergemeinschaft sicher halten.".

„Und das gleiche will das Ministerium mit ihren Schutzzauberern.", erwiderte Dumbledore.

„Das Ministerium und Dolores Umbridge? Da hat man ja ein paar fähige Zauberer unter eine Decke gesteckt!", meinte Suzette und grinste höhnisch.

„Ich erkenne sie nicht wieder, Suzette.", sagte Dumbledore schwach und öffnete mit einem Wink seines Zauberstabs sie Tür zum Zeichen, dass Suzette jetzt gehen sollte.

Sie war zu weit gegangen, das merkte Suzette, als sie allein in ihrem Zimmer hockte. Das schwächliche Abendlicht drang durch ihr kleines Kellerfenster, aber es erhellte weder den Raum noch Suzettes Stimmung. Wie konnte sie nur den Rassismus Voldemorts verteidigen? Wie konnte sie nur Voldemort in Schutz nehmen, wo er doch ihre eigenen Eltern getötet hat? Wie konnte sie Dumbledore zeigen, dass sie unentschlossen war?

In solchen Situationen kam für gewöhnlich Pip zu ihr, um sie zu trösten, aber der Rabe kam nicht. Niemand kam. Auch zum Nachsitzen kam keiner. Es war Suzette egal, sie trottete wie gewöhnlich in Snapes Tränkeküche, wo sie sich auf einen Aufmunterungstrank freute.

„Suzette, ich habe beschlossen, dass es für dich zu gefährlich ist, mit mir zu den Todessern zu gehen!", begann Snape und schaute kaum von seinem Kessel auf.

„Du hast ihm doch nicht etwa...?", rief Suzette auf.

„Ich habe dem Schulleiter nichts erzählt, aber er hat mir erzählt, dass du doch weit mehr unter dem Einfluss des Dunklen Lords gestanden hast, als wir angenommen haben.".

„Es tut mir Leid!", rief Suzette, „Ich habe es nicht so gemeint, ich war nur so wütend, weil er in meiner Seele rumstochern wollte, weil er mich das Lied hat singen lassen und weil er die Welt allzu gerne in Schwarz und Weiß aufteilt. Ich wollte nicht... Ich meine, ich will nicht...".

„Der Dunkle Lord will aber, Suzette!", zischte Snape dazwischen.

„Ich werde gehen! Und wenn ich alleine geh, aber du wirst es nicht für mich machen!", sagte Suzette und Snape schwieg dazu.

Noch in der selben Nacht, als sie nicht einschlafen konnte und von Schuldgefühlen geplagt wurde, schlich sie sich durch das Schloss zu Dumbledores Büro, wo der Wasserspeier sie wider Erwarten kommentarlos an sich vorbei ließ. Eigentlich hatte Suzette vorgehabt einen entschuldigenden Brief an eben jenem Wasserspeier zu befestigen. Jetzt würde sie ihn eben dem Schulleiter auf den Schreibtisch legen.

Schon als sie die Treppen langsam und lautlos hinaufstieg konnte sie gedämpfte Stimmen aus dem Dumbledores Büro vernehmen. Durch die massive Holztür und die schallende Akustik in dem steinernen Treppenhaus hinauf zum Turm konnte sie die Stimmen nicht eindeutig zu ordnen. Erst als sie näher an die Tür herankam, erkannte sie Dolores Umbridges Stimme, die mit Dumbledore stritt: „Hören sie auf, es zu leugnen, Dumbledore! Und hören sie auf derartige Lügen zu verbreiten! Ich sage es ihnen im Namen des Ministers und im Guten: Es wird sich hier einiges ändern müssen!".

„Tun sie, was ihnen aufgetragen wird! Nichts anderes erwarte ich von meinen Mitarbeitern.", hörte Suzette die ruhige Stimme des Schulleiters.

„Professor, ich warne sie, sich in Acht zu nehmen. Sie werden keine andere Wahl haben, als mich tun zu lassen!", keifte Umbridge, „Ihr Kollegium ist überdies in einem maroden Zustand. Ich denke nicht, dass Menschen wie Trelawney an dieser Schule unterrichten sollte. Und was ist überhaupt mit dieser unverschämten Person, die sie Erzieherin schimpfen? Etwas respektloseres ist mir noch nie untergekommen! Soweit ich mich erinnere hat man dieser Suzette Smith den Zauberstab abgenommen, wie kommt sie wieder nach Hogwarts? Und wieso hat sie wieder einen Stab? Was bezwecken sie damit, Dumbledore?".

„Suzette Lecroix hat ihren Zauberstab auf einen rechtmäßigen Antrag meinerseits zurückbekommen. Ich war dazu berechtigt, weil ich der jenige war, der sie anklagte. Sie ist hier auf meine besondere Bitte und sie wird bleiben.".

„Ich werde dieses Mädchen beobachten und sobald mir etwas verdächtiges auffällt, ist ihre Position Geschichte, Professor!".

Suzette konnte hören, wie Umbridge ihren massigen Körper über die Holzdielen bewegte. Gleich würde sie durch die Tür kommen und Suzette entdecken. Wie verdächtig wäre das denn bitte?

Suzette schluckte all ihren Ekel herunter und belegte sich selbst mit einem Unsichtbarkeitszauber. Sie hasste diesen Fluch. Sie hasste ihn so sehr wie die Wirkung des Vielsafttrankes oder den Animaguszauber, den sie nur so verbissen übte, weil er der einzige Zauber war, der ihr nicht gelingen wollte. Sie mochte es nicht, ihre Gestalt zu verändern.

Suzette hatte nicht damit gerechnet, dass Umbridge so fett war, dass es unmöglich war sie in dem engen Treppenhaus nicht zu steifen. Suzette betete, dass sie es nicht verdächtigt fand, als ihr Ellenbogen für eine Sekunde ihre Schulter berührte, doch sie ging einfach weiter.

Nach einer Minute wurde Suzette wieder sichtbar und stieg die letzten Stufen zur Tür Dumbledores hinauf und klopfte vorsichtig.

„Herein.", rief eine gelassene Stimme und als er Suzette in der Tür stehen sah, nickte Dumbledore anerkennend.

Sie sagte: „Ich bin noch mal gekommen, um mich zu entschuldigen für das, was ich heute Mittag gesagt habe. Ich meinte es nicht so, wie sie es verstanden haben. Ich... Ich habe mich... Ich werde mich nicht für den Dunklen Lord entscheiden, aber ich werde eben auch nicht dem Phönixoden beitreten.".

Dumbledore nickte: „Es war nicht notwenig, dass sie noch zu so später Stunde gekommen sind. Ich habe schon verstanden, Suzette. Vielleicht habe ich auch ein wenig überreagiert. Wir beide sind Charaktere, die man sehr vorsichtig behandeln muss, nicht wahr?", er lachte und Suzette schämte sich, für was wusste sich nicht genau.

„Ich hoffe Dolores hat sie nicht eben da auf der Treppe gesehen?", Dumbledore lachte. „Nein, hat sie nicht.", erklärte Suzette matt, „Ich werde mich wohl etwas zurückhalten müssen.".

Dumbledore schien immer noch amüsiert zu sein und kicherte: „Ach, sagen sie nur ihre Meinung. In ihrem Job trifft sie viel zu wenig Leute, dich sich das trauen.".

„Und wenn sie mich der Schule verweist?".

„Über die Einstellung von Personal bestimme immer noch ich, Suzette, machen sie sich keine Gedanken. Umbridge hat eine große Klappe, aber sie blufft.".

Suzette machte ein skeptisches Gesicht und wandte sich dann zum gehen.

„Ich glaube, die Chance, sie jemals wieder singen zu hören, habe ich vertan, was?".

Suzette antwortete nicht.