13. Malfoy Manor

Am Abend tat sie, was McGonagall von ihr verlangt hatte. Sie stand ab zwanzig vor sechs vor dem Eingang des Gryffindor-Turms und wartet auf Harry, der pünktlich um viertel vor sechs aus dem Portraitloch gekrochen kam.

Es gab kein Wort der Begrüßung. Potter folgte Suzette, als diese ihn zu ihrem Nachsitzraum brachte.

Er war nicht der einzige, den sie heute zu betreuen hatte. Wie üblich fanden sich nach und nach grinsende Slytherins, sie sich immer noch über einen wüsten Streich, den sie einem kleinen Hufflepuff-Jungen gespielt hatten, amüsierten, ein Zweitklässler aus Gryffindor, der die ganze Woche jeden Tag erscheinen musste, weil er versucht hatte, einem seiner Mitschüler bei Snape aus der Patsche zu helfen, indem er ihm eine Probe seines eigenen Tranks zum Abgeben mitgab - naiv zu glauben, Snape würde es nicht merken! -, sowie ein Mädchen aus Ravenclaw, das seine Hausaufgaben für Professor Flittwick zum wiederholten Male vergessen hatte, im beängstigenden Kellerraum ein. Suzette hatte ihren Schützlingen Einhornschweifhaare beschafft, die sie durchkämmen, entfilzen, waschen und zu Bündeln verschnüren sollte, damit man sie zu Ollivander senden konnte, der daraus Zauberstäbe fertigen würde.

Mitten in der Arbeit der Schüler und mitten in Suzettes Vertiefung in ein Buch über die Herstellung von Zauberstäben, klopfte es plötzlich hysterisch an der Tür. Suzette ließ sie mit einer lässigen Handbewegung auffliegen und erkannte, wen sie erwartet hatte: Dolores Umbridge.

Sie hielt einen Schreibblock in der Hand und trug ein impertinentes Grinsen im Gesicht: „Ich komme zu einer Inspektion ihrer Arbeit.", erklärte sie kurz und sah sich gespielt interessiert im Raum um: „Was machen die Schüler hier?", fragte sie immer noch gespielt interessiert.

„Sie bereiten Einhornschweifhaare zur Weiterverarbeitung vor. Es ist eine nützliche Arbeit.", erwiderte Suzette ruhig und so freundlich es ging.

„Wieso ist Potter hier?", fragte sie schließlich mit ekelerregend falscher Unschuld in der Stimme.

„Er hat Nachsitzen auferlegt bekommen, sagte man mir.", sagte Suzette kühl.

„Es hat Nachsitzen BEI MIR auferlegt bekommen!", erklärte Umbridge.

„Oh, ich wusste nicht, dass sie meine kleine Ausführung damals nicht verstanden haben: Ich bin für das Nachsitzen zuständig. Jeder Lehrer an dieser Schule vertraut mir und schickt seine Schüler zu mir, so auch Professor McGonagall. Sie war übrigens besonders daran interessiert, dass Potter eine nützliche Arbeit verreichtet, während er seine Zeit absitzt.", sagte Suzette lächelnd.

„Miss Smith, das Licht in diesen Räumlichkeiten ist mehr als schlecht. Wie sollen die Schüler, denn hier etwas ordentliches arbeiten können?", fügte die Großinquisitorin an.

„Fragen sie doch die Schüler, ob sie lieber HIER so etwas machen, oder sich BEI IHNEN die Haut aufschlitzen!".

„Es geht nicht darum, was die Schüler wollen. Es geht, im Gegenteil, um ihre Bestrafung!".

„Es geht darum, dass sie, wenn sie einen Schaden verursacht haben, diesen Schaden wieder gut machen!".

„Es geht darum, dass in ihren Kopf reingeht, dass sie sich zukünftig anders verhalten sollen!".

„Indem sie Selbstmitleid und zusätzliche Aggression fördern?", fragte Suzette schließlich.

„Nennen sie es wie sie wollen, Suzette! Ich werde erwirken, dass zukünftig das Nachsitzen in mein Büro verlegt wird und sie mit Sanktionen wegen unerlaubtem Apparieren zu rechnen haben. Ich habe genug gesehen.".

Sie drehte sich um, schritt durch die Tür und schloss diese äußerst vorsichtig hinter sich. Suzette hätte ihr am liebsten sämtliche Flüche nachgesandt, die sie kannte, aber sie setzte sich wieder auf ihr Pult, nahm sich ihr Buch vor und tat, als wäre nichts geschehen.

Einige Schüler schauten sich beängstig an, denn sie mochten Suzette zwar nicht, aber ihre Nachsitzstunden war immer fair abgelaufen. Nach dem, was sie von Dolores Schreibfedern wussten, wollten sie auf keinen Fall dort ihre Abende verbringen.

Nachdem sie die Schüler nach dem Nachsitzen in ihrer Gemeinschaftsräume geschickt hatte, schlenderte sie rüber zu Snape, um den Abend ausklingen zu lassen.

„Na, hat sie dich inspiziert?", fragte er halb amüsiert, halb besorgt.

„Jep! Ich denke, ihr seid mich bald los!", erwiderte Suzette.

„Dumbledore wird dich nicht gehen lassen.", stellte Snape knapp fest.

„Ich hab den Termin für das nächste Treffen der Todesser mit dem Dunklen Lord.", flüsterte Snape schließlich nach einer Pause, „Ich hab den Dunklen Lord darauf vorbereitet, dass du mitkommen wirst. Er glaubt, du interessierst dich für die Dunklen Künste und willst, dass er sie dir beibringt.".

„Nicht, dass ich bei ihm mitmachen will?", fragte Suzette vorsichtig.

„Es wäre zu gefährlich, ihm so etwas vorzumachen. Am Ende betraut er dich mit einer Mission. Dieses Risiko können wir nicht eingehen. Der Dunkle Lord wird dich unterrichten, auch wenn du keine Todesserin sein willst. Es reicht ihm vorerst, wenn du mit ihm sympathisierst und eindeutig nicht auf Dumbledores Seite stehst.".

Suzette nickte verständig: „Er scheint wirklich großen Wert darauf zu legen mich dabei zu haben, so geduldig wie er ist.".

„Du musst davon ausgehen, dass er versuchen wird, dich ganz auf seine Seite zu ziehen. Du musst aufpassen, hörst du! Er kann sehr schnell die Geduld verlieren, wenn du ihm nicht glaubhaft machst, dass du es in Erwägung ziehst zurück zu kommen. Du musst ihn hinhalten, bis er dir gänzlich vertraut! Dann kannst du ihn um sein Blut bitten. Du wirst ihn darum bitten! Du wirst es ihm nicht mit Gewalt entziehen und du wirst dich auch nicht von ihm heilen lassen! Es wird wohl einige Wochen, vielleicht Monate dauern, bis du ihn soweit hast. Das ist eine verdammt lange Zeit, halte dich gut mit den Todessern! Aber das sollte kein Problem sein, denn die haben alle die Instruktion freundlich zu dir zu sein. Es wird anstrengend und gefährlich werden. Willst du es immer noch?", beendete Snape seine Rede.

„Soll ich krepieren? Wann ist es?".

„Übermorgen!", lautete die Antwort, „Übermorgen in Malfoy Manor!".

Suzette schreckte zusammen: Ausgerechnet!

Was hatte sie schon zu verlieren? Ihren Job hatte sie gerade verloren, ihr Leben würde folgen, wenn sie es nicht tun würde.

Suzette war aufgeregt, aber nicht so sehr wie die Situation es von ihr verlangt hätte. Sie wusste das und es machte ihr Angst. Ein Schauspieler muss, bevor er auf die Bühne geht Lampenfieber haben, damit es verfliegen kann, wenn er drauf steht.

Snape gab sich indes undurchschaubar aber scheinbar gelassen, was darauf hindeutet, dass er es nicht war.

Beide waren sie in schwarze Umhänge gekleidet, als sie unbemerkt, im Schatten von einem Hinterausgang des Schlosses zum verbotenen Wald liefen. Suzette konnte unter ihrem Verband das Dunkle Mal brennen spüren, doch sie schluckte den Schmerz hinunter und folgte Snape, der sich vor ihr durch das schier undurchdringliche Unterholz schlug, bis sie endlich an einer Stelle angekommen war, die jenseits des Schulgeländes lag und von der aus man bequem apparieren konnte.

Das Anwesen der Familie Malfoy war riesig und von beneidenswerter Lage. Es lag auf einem malerischen Hügel mitten in einer sattgrünen Graslandschaft. Fast machte es den Eindruck einer spanischen Finka. Der Garten um Malfoy Manor wirkte peinlichst gepflegt und beherbergte unzählige Blumen verschiedenster Farben, die zauberhafte Düfte verbreiteten. Narcissa mochte das so, Lucius hatte kein Gespür für so etwas, aber so lange er Hauselfen hatte, die ihm die Gartenarbeit abnahmen, erlaubte er seiner Frau derartige Extravaganzen. Das Haus selbst war vollkommen weiß getüncht. An den Fenstern waren zur Zierde Holzbeschläge angebracht. An der Haustür hing ein einladender Blumenkranz und ein Schild mit der Aufschrift: „Malfoy Manor".

Suzette und Snape schritten durch das geöffnete Gartentor, über den weißen Kiesweg hin an zum malfoyschen Familiensitz. In der Eingangshalle standen bereits die Gastgeber und begrüßen die ankommenden.

Lucius würdigte sie keines Blickes, was natürlich reiner Selbstschutz war, denn hätte er sie angegriffen, wären seine Stunden als Todesser und womöglich als lebendiges Wesen gezählt gewesen und sie freundlich zu grüßen brachte er nicht über sich. Er war ein stolzer Zauberer, das musste man ihm lassen.

Suzette nahm ein Glas Elfensekt von Narcissa in Empfang und schaute sich in der riesigen Eingangshalle des protzigen Landhauses um.

Es hatte sich nicht viel verändert, seit sie ihr ausgezogen war. Das Haus erschien ihr immer noch merkwürdig leer und kalt. Es war ein ungeheuer helles Anwesen, darauf legte Narcissa wiederum Wert und die Hauselfen hielten die Gänge und Vorzeigezimmer peinlich sauber. Doch Suzette kannte auch die anderen Zimmer, die keinen repräsentativen Zweck erfüllten, Lucius' Zimmer. Diese waren düster und mit allerlei Tand zugestellt. Kein Hauself durfte dort hinein, kein Unbefugter, nicht einmal sein Sohn. Es waren die Räume in denen er sich den Dunklen Künsten widmete, die Räume, die das Ministerium in seinem Haus unbedingt finden wollte, als sie sein Haus durchsuchten und nichts fanden, die Räume, in denen er Suzette alles beigebracht hatte, was er wusste und wo sie in einer illustren Herrenrunde das Dunkle Mal der Todesser von ihm empfing.

Suzette war plötzlich schrecklich aufgeregt. Sie hatte das Gefühl, sich nicht ordentlich vorbereitet zu haben. Es ging ihr wie immer: Eine ganze Weile hatte sie Zeit gehabt sich auf etwas einzustellen, wusste genau, dass sie sich darauf einzustellen hatte, tat es aber nicht. Sie hasste sich für diese Blauäugigkeit.

Gleich würde der Dunkle Lord persönlich diese Räumlichkeiten betreten. Sie würde ihm wieder gegenüberstehen und sie hatte nicht das Gefühl, dass sie es diesmal länger aushalten würde ohne in Panik davon zu laufen.

Sie durfte Severus nicht enttäuschen und seine Tarnung nicht auffliegen lassen und die musste selbst eine überzeugende Rolle spielen, ja nicht zu viel, ja nicht zu weit gehen. Suzette begann zu schwitzen, obwohl es ihr ausgesprochen kalt war. Irgendwann konnte sie nicht mehr anders und begann erbärmlich zu zittern.

Severus unterhielt sich derweil mit Narcissa, machte ihr Komplimente und dem Sekt, winkte McNair zu, der gerade appariert war und auch Suzette ein anerkennendes Nicken schenkte. Sie nickte so selbstbewusst wie möglich zurück.

Suzette hasste Empfänge. Sie hasste sie, auch wenn sie keine Rolle spielen musste, oder ihr Leben auf dem Spiel stand, wenn sie ihre Rolle vergaß.

Es war Zeit die Okklumentik einzuschalten, dachte Suzette und hoffte dabei auch ein wenig die Angst zu verlieren. Sie machte sich also frei von jeglichen Gedanken, Gefühlen und Meinungen. Ihre Mimik versteinerte sich und sie sah nun fast aus wie ein Malfoy, der gelangweilt und selbstgefällig auf alle anderen herabsah.

Nott trat durch die Tür, verweigerte den Sekt und küsste der Hausherrin in einer überheblichen Geste den Handrücken. Narcissa kam sich geschmeichelt vor und kicherte.

Langsam trudelten sie alle ein: Die Carrow-Geschwister, Crabbe, Goyle, Avery, Dolohov, Rookwood, Jugson, Trevers, Yaxley, ein paar wild aussehende Typen, die Suzette nicht kannte und die, so wie sie aussahen, wohl unter anderen Umstanden Malfoy Manor niemals hätten betreten dürfen, und schließlich Peter Pettigrew.

Als er auftauchte, war dies das Zeichen für alle Anwesenden Platz im Salon zu nehmen, denn der Dunkle Lord würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Suzette folgte Snape, der immer noch hier und das Konversation führte, Smalltalk hielt. Suzette hatte noch niemand angesprochen und sie nahm sich vor, das nicht seltsam, beängstigend oder verdächtig zu finden.

An dem großen ovalen Tisch waren Platzkarten aufgestellt, die jedem einen Sitzplatz zuwiesen. Die Malfoys saßen als Gastgeber zur rechten des Lords, der wiederum am Kopfende sitzen sollte. Snape fand seinen Platz zur Linken des Unaussprechlichen und Suzette wiederum neben Snape. Alles andere interessierte sie nicht. Sie saß viel zu nah an ihm, dachte sie. Sie würde seinen Augen nicht entkommen können und wenn sie nicht aufpasste, würde er ihre Gedanken lesen.

Narcissa brachte noch einen Eimer mit eisgekühlten Elfenweinflaschen und fragte in die Runde, wer denn noch sein Glas gefüllt haben wolle.

Und dann trat er durch die Tür. Die plötzliche Stille wummerte in Suzettes Ohren. Ihr kam es vor als wäre es gerade zehn Grad kälter geworden, als wäre ein Dementor im Raum.

Voldemort bewegte sich langsam und überlegt. Er schritt am Tisch entlang auf seinen Platz zu, der als einziger noch leer geblieben war. Er setzte sich bedeutungsvoll, aber nicht übertrieben. Er atmete zufrieden ein, dann wieder aus und betrachtete seine Anhänger teils zufrieden, teil mit einer gewissen Missbilligung, aber niemals arrogant, wie Lucius neben ihm. Eines war sicher: Führungsqualitäten besaß dieser Mann!