15. Totale Überwachung
Ein Wochenendausflug nach Hogsmeat stand an und Suzette musste Potter wie üblich auf den Fersen bleiben.
Sie fühlte sich immer noch bedrückt, wegen der Rolle, die sie nun vor dem Dunklen Lord persönlich spielen musste, dass sie Dumbledore ihre missliche Lage verheimlichen musste und dass Potter doch wirklich jede Möglichkeit nutzte an den Wochenenden in die Stadt zu gehen.
Es wunderte Suzette etwas, als das Trio im Eberkopf einkehrten und nicht wie sonst in den Drei Besen. Nun gut, dachte Suzette, wenigstens hatte sie hier kein Hausverbot.
Potter musste zwar wissen, dass sie ihm folgen würde, aber er musste sie nicht unbedingt erkennen, also hatte sie alle ihren Ekel vor äußerlicher Veränderung hinuntergeschluckt und sich die Haare blond gefärbt, die Zähne schief verdreht, die Augenfarbe von blau auf braun geändert, ihre Nase verlängert, was sie sehr viel Mühe kostete – Wie Tonks das nur machte?. Ihre Haut bekam einen dunkleren Teint und sie zog ein helles, weites Kleid an.
Sie trat kurz nach den Kindern in die Kneipe und setzte sich an den Tresen, wo sie unter dem Schleier einer dicklichen Hexe Mundungus Fletcher erkannte. Sie ließ sich nichts anmerken. Er hatte sie offensichtlich nicht erkannt und das musste auch nicht sein. Fragte sich nur, was er hier machte. Potter bewachen? Wie damals im Ligusterweg? Auf Dumbledores Befehl? Vertraute Dumbledore IHR den Job allein nicht mehr zu?
Suzette hatte keine Zeit mehr sich mit derartigen Gedanken zu beschäftigen, denn die Tür der Pubs ging erneut auf und eine weitere Gruppe Hogwarts-Schüler trat herein. Noch zwei, drei weitere Male öffnete sich die Tür, bis in dem Raum etwas 25 Schüler der Hogwarts-Schule versammelt waren.
War dies ein konspiratives Treffen? Suzette fühlte sich plötzlich wirklich wie eine Spionin und es gefiel ihr gar nicht. War es überhaupt ihre Aufgabe herauszufinden, was Potter plante? Eigentlich sollte sie ihm nur bei Gelegenheit das Leben retten.
Suzettes Neugier gewann. Sie blieb sitzen und lauschte.
Es waren vor allem Schüler aus Gryffindor gekommen, aber auch ein paar Ravenclaws und Hufflepuffs. Natürlich waren alle Weasleys anwesend und Potters kleine Freundin Cho. Mit Bedenken bemerkte sie, dass alle Vertrauensschüler der Häuser Gryffindor, Hufflepuff und Ravenclaw anwesend waren. Das sollten Vorbilder sein?
Suzette entdeckte keinen einzigen Slytherin in der Runde, aber das überraschte sie nicht. Slytherins schlossen keine Geheimbünde. Slytherins schlossen sich dem an, der gerade an der Macht war und pickten sich die Rosinen heraus. Slytherins handelten auf Nummer sicher für ihr eigenes Wohl.
Suzette wusste jetzt schon, dass diese Potter-Idee scheitern musste. Egal, was sie aushecken würden, gegen Umbridge und ihr Regime würden sie nicht ankommen. Wie immer bewiesen die Gryffindors ihren Leichtsinn, die Ravenclaws ihre Weltfremdheit und die Hufflepuffs ihre Naivität, wenn sie glaubten um alles in der Welt rebellieren zu müssen.
Suzette gab zwar zu, dass sie selbst Umbridge nicht loyal gegenüber trat, aber sie befand sich auch in einer anderen Position als die Schüler. Sie konnte womöglich etwas bewegen. Diese Schüler würden nur Ärger bekommen, vielleicht von der Schule fliegen, wie sie, zum wiederholten Mal sogar. Suzette seufzte. Es nutzte alles nichts, sie musste zugeben, dass sie sich nicht wie eine Slytherin verhalten hatte und sich ihren Emotionen hingegeben hatte. Das und nur das hatte sie ihre Stellung gekostet: Mangelnde Selbstkontrolle, schlechte Okklumentik!
Suzette widmete sich den konspirierenden Schülern. Er wurde munter durcheinander gequasselt. Es ging um den Basiliken, den Harry einst besiegt hatte und darum, dass Harry einen gestaltlichen Patronus heraufbeschwören konnte, was viel Eindruck schindete. Fragen über Cedric Diggorys Tod hingegen wurden abgewiesen.
Endlich sprach Hermine und es kehrte Ruhe ein: „Wir haben uns hier getroffen, um eine alternative Lerngruppe zur Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu gründen, weil Professor Umbridge uns in ihrem Unterricht keine Praxis beibringt. Unterrichten soll und Harry, da er schon diverse Erfahrungen im Kampf gegen die schwarze Magie gesammelt hat. Sind wir uns da einig?". Alle nickten.
„Wir glauben, dass das Zauberministerium und Professor Umbridge geschickt hat, damit uns keine solchen Zauber beigebracht werden, weil es sich davor fürchtet, Dumbledore könne sich eine Privatarmee aufbauen und damit das Ministerium übernehmen.".
Einen Raunen ging durch die Schülerschaft. Es schien absolut absurd, was Hermine gerade gesagt hatte.
Nur eine kleine blonde Ravenclaw-Schülerin erklärte den Anwesenden verträumt, dass sie das schon lange wusste, schließlich beschäftige Fudge deswegen auch eine Armee aus Heliopathen zu seinen Schutz. Einige Schüler verdrehten die Augen, andere wandte sich ab. Es begann eine Diskussion über die Existenz oder Nicht-Existenz von Heliopathen, bis die jüngste Weasley endlich zu Ruhe bat: „Wir können uns ein anderes Mal mit der Existenz von Heliopathen beschäftigen. Wir sind hier um diese Gruppe zu gründen!". Die Schüler wurden langsam wieder ruhiger.
Angelina Johnson warf ein, dass man die Termine für die Treffen mit den Quiddich-Trainingseinheiten vereinbaren müsse und die Quiddich-Spieler der anderen Häuser stimmten zu.
„Wie oft sollen wir uns treffen?", fragte ein kleiner Gryffindor. „Einmal die Woche fände ich angebracht.", meinte Hermine und erntete Zustimmung, „Wir werden einen Raum organisieren und euch dann Bescheid geben. Ich muss euch jetzt noch bitten eure Unterschrift auf diese Liste zu setzen.". Sie hielt ein leeres Stück Pergament und eine Feder in die Runde.
Einige kuckten Hermine schief an und Zacharias Smith, ein Hufflepuff, musste gar überredet werden, seinen Namen verbindlich nieder zu schreiben. Schließlich taten es aber alle und die verschwörerische Gruppe löste sich auf.
Suzette wusste nicht, was sie davon halten sollte. Potter wollte ihnen Verteidigung beibringen? Sie war nicht sicher, ob das effektiv sein würde, entschied sich aber dann den Kindern ihren Spaß nicht zu verderben und dicht zu halten.
Sie folgte Ron, Hermine und Harry zurück zum Schloss. Es war schon dunkel geworden und so brauchte sie sich nicht im Gebüsch zu verstecken um nicht gesehen zu werden. Sie lief einfach in gebührenden Abstand hinter ihnen her. Jeden Augenblick erwartete sie, dass der große schwarze Hund über das Feld zu ihnen gerannt kam, doch Sirius tauchte nicht auf. Ob Harry ihm die warnende Eule geschickt hatte? Ob Harry sich überhaupt um ihre Warnung gekümmert hatte?
Wie sich später herausstellen sollte, hatte er sich nicht gekümmert.
Für alle, Lehrer und Schüler, gleichermaßen überraschend schmückte am drauffolgenden Montag die Ankündigung des Ausbildungserlasses Nummer 24 die schwarzen Bretter der vier Häuser: „Alle Schülergruppen, zu denen mehr als drei Schüler sich regelmäßig treffen, müssen von der Großinquisitorin genehmigt werden. Schülerinnen und Schüler, die an einer nicht-genehmigten Gruppe teilnehmen, werden von der Schule verwiesen.".
Suzette fragte sich sofort, wer Harry und seine Gruppe verraten hatte, doch dann erinnerte sie sich, dass es sie eigentlich nichts anging.
Im Grunde ging sie überhaupt nichts mehr an. Beim Frühstück hatte Dolores Umbridge noch einmal offiziell Suzettes Beurlaubung bekannt gegeben und Schüler und Lehrer angewiesen das Nachsitzen in ihr Büro unter ihre Aufsicht zu verlegen. Suzette grinste bösartig zu ihren Worten und einige Schüler schreckten darüber gar angstvoll zusammen.
Suzette war es ganz recht. Sie musste sich nicht noch unnötig mit Nachsitzen belasten, sie hatte andere Probleme und Aufgaben.
Sie nahm sich vor, Snape ein wenig unter die Arme zu greifen, ihm im Unterricht zu assistieren oder Botengänge für ihn zu erledigen. Es ließ sich nicht von der Hand weisen, Suzette hatte Angst und drückte sich absichtlich permanent in der Nähe des Tränkemeisters herum, weil er eine unheimliche Sicherheit ausstrahlte.
Suzette war gerade unterwegs, um für Snape etwas im Lehrerzimmer in Dumbledores Fach zu legen, eine Liste über Tränkezutaten, die bestellt werden mussten, als sie Potter völlig abgehetzt in der Tür stehen sah.
Auf seiner Hand hockte seine Schneeeule, die einen ziemlich lädierten Eindruck machte. „Kann ich helfen?", fragte Suzette, als Harry sich suchend umgesehen hatte.
„Ist Professor Raue-Pritsche da?", fragte er kalt. Suzette sah sich in dem hellen, hohen Raum um, der während des Unterrichts für gewöhnlich leer zu sein pflegte. „Nein! Worum geht es denn?".
„Meine Eule! Irgendwas stimmt nicht mit ihr!".
Suzette hielt ihre Hand vor Hedwigs Bauch und diese kletterte bereitwillig zu Suzette hinüber, sodass die sie sich genauer betrachten konnte. Suzette kannte sich mit der Pflege von Vögeln gut aus, schließlich hatte sie Pip aufgezogen.
Plötzlich trat vom Gang her Professor McGonagall ins Lehrerzimmer und fragte mit ihrer misstrauischsten Stimme: „Was geht denn hier vor, Potter, Miss Lecroix?".
Suzette antwortete: „Seine Eule muss in einen Kampf geraten sein. Ich bringe sie hoch in die Eulerei und sehe, was ich tun kann.".
„Potter, sie senden doch nicht etwa Nachrichten per Eulenpost zu ihrem Paten?", meinte McGonagall, nachdem sie sich umgesehen und vergewissert hatte, dass niemand sonst in der Nähe war. Harry sah etwas betröppelt auf den Boden und Suzette ihm etwas besserwisserisch in die niedergeschlagenen Augen. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Eulenpost kontrolliert wird. Schicken sie keine geheimen Nachrichten damit, Potter! Sie gefährden damit sich selbst und den Orden!".
Suzette glaubte, nichts mehr zu dem Gespräch beitragen zu können und schritt mit Hedwig nach oben in die Eulerei, wo sie den gebrochenen Flügel der stolzen Schneeeule verarzte.
Zu gerne hätte sie gewusst, was Sirius ihm geschrieben hatte.
Durch diesen Zwischenfall kam Suzette zu spät zu Snape zurück. Der Unterricht der Gryffindors und Slytherins der fünften Klasse hatte schon begonnen und Snape schaute wie üblich äußerst missgelaunt drein. Gerade hatte es eine Auseinandersetzung zwischen Malfoy und Longbottom gegeben, die dazu geführt hatte, dass Neville den heutigen Abend bei Umbridge verbringen musste.
Suzette sortierte seitlich an einem Schrank Kräuter und füllte leergewordene Tiegel und Phiolen wieder auf, die den Schülern als Tränkezutaten zur Verfügung gestellt wurden, als sich ganz leise die Tür zu dem kalten, feuchten Kerkerraum öffnete.
Dolores Umbridge stand mit einem Schreibblock zwischen der Tür und Snapes Pult und räusperte sich erbärmlich. Suzette reagierte nicht auf sie, Snape nur geringfügig, indem er sich kurz umdrehte, wahrnahm, dass sie da stand und sich dann wieder Malfoys Gebräu zuwandte.
„Professor Snape?", sagte sie schließlich mit eine ekelerregend glockenhellen Stimme.
„Bitte?", fragte Snape aalglatt und überfreundlich.
„Wie lange unterrichte sie schon an dieser Schule?".
„16 Jahre."
Sie schrieb es auf.
„In ihren Akten steht, dass sie sich mehrfach um die Stelle für das Fach Verteidigung gegen die Dunklen Küste beworben haben?".
„So ist es!", meinte Snape und führte Draco die Hand, als er ein Giftefeublatt richtig zerteilen sollte.
„Nun, wieso haben sie die Stelle nie bekommen?".
„Da müssen sie den Schulleiter fragen. Er entscheidet das, wenn ich mich nicht irre.".
„Er muss ihnen doch einen Grund genannt haben, wenn er sie... wenn ich richtig gezählt habe... 15 Mal abgelehnt hat.".
„Ich habe ihn nie danach gefragt. Wissen sie, Tatsachen werden nicht weniger real, wenn man ihnen auf den Grund geht. Ich denke, der Schulleiter, weiß was er tut und warum.".
„Was hat diese Person in ihrem Unterricht zu suchen? Ich dachte, ich hätte sie der Schule verwiesen?".
Suzette sagte nichts, denn die glaubte, es wirkte besser, wenn Snape das übernahm: „Nachdem sie nun nicht mehr der Schule untersteht, untersteht sie auf besonderen Wunsch des Schulleiters mir und ich habe Arbeit für sie.".
Suzette tat so als kümmerte sie das Geschehnis hinter ihr nicht und polierte mit einem hämischen Grinsen auf den Lippen einen Reagenzkolben.
„Nun gut!", machte die Kröte, nach einer Pause, „Sie waren der letzte, dem es zu inspizieren galt. Die Ergebnisse liegen heute Abend vor. Ich muss den Lehrkörper also bitten, sich gegen sechs Uhr im Lehrerzimmer einzufinden.". Sie drehte sich um, als wollte sie gehen, hielt dann aber doch noch einmal inne: „Sie da!", sie zeigte auf Neville, der wie Espenlaub zitterte. Nicht nur, dass dies die schlimmste Stunde der Woche für ihn war, jetzt wurde auch ausgerechnet er ausgewählt etwas über den Stoff der Stunde zu referieren. „Sie haben Nachsitzen, nicht wahr? Sie kommen trotz allem heute Abend um halb sechs in mein Büro. Ich erteile ihnen eine Aufgabe, die sie auch in meiner Abwesenheit erledigen können.". Sie ließ die Tür hinter sich zu schnappe und war verschwunden.
Suzette wunderte sich: Woher wusste sie jetzt schon von Nevilles Nachsitzen? Wurden jetzt auch schon die Klassenzimmer abgehört? Etwa durch die Kamine?
