16. Das Erbe der Gaunts
Die Ergebnisse der Inspektionen blieben nicht lange geheim, obwohl Umbridge versuchte eine Geheimnis drum zu machen und Suzette offiziell auslud zu der Versammlung.
Gegen 18 Uhr 30 konnte man auf dem Gang vor dem Lehrerzimmer bereit Sybil Trelawney randalieren hören: „Das ist eine Unverschämtheit! Das mir! Einer anerkennten Seherin! Es ist ein Skandal! Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Eine Frechheit, sich so etwas zu erlauben! Unter Aufsicht unterrichten? Die hat doch keine Ahnung was ihrer negative Energie für Auswirkungen auf das fragile Zusammenspiel der magischen Kräfte hat! Das mir! Diese infantile Schachtel. Diese klotzköpfige Kröte! Keinerlei Gespür für die wahr Magie!".
Auch wenn Trelawney meist für nicht ganz voll genommen wurde, obwohl sie wohl meist recht voll war, provozierte ihr leidenschaftlicher, verzweifelter Auftritt doch einiges Mitleid unter den Schülern, die ihn mitbekamen.
Die anderen Lehrer waren noch mal davon gekommen. Keine anderer stand unter Bewährung und würde in den folgenden Wochen ständig überwacht werden.
Zwei Tage später jedoch passierte das, wovor Suzette in den Tagen zuvor unterschwellige Angst gehegt hatte: Ihr Dunkles Mal begann zu brennen und stärker zu Bluten. Es war Abend und sie saß gerade bei Severus und trank mit ihm eine Tasse Tee, als sie sich vor Schreck verschluckte und Snape sie ernsthaft anstarrte. Sein Mal hatte sich nicht gerührt.
„Er will dich allein sprechen! Beeil dich! Ich halte dich für intelligent genug...".
Suzette war schon aus dem Raum gestürzt und rannte im Schatten des Schlosses in den verbotenen Wald.
Suzette kannte das Bild nicht, dass plötzlich vor ihrem geistigen Auge erschein, doch sie wusste instinktiv, dass sie dorthin apparieren sollte und so tat sie dies.
Sie landet in einer staubigen, niedergebrannten Hütte an einem Waldrand irgendwo im Nirgendwo. Sie sah sich um und konnte nichts finden als verrottende, zerbrochene Möbelstück, morsche Bodendielen, zerschlagene Fester, Stofffetzen und leergeschimmelte Konservenbüchsen. Es stank modrig und Suzette begann vor Kälte zu zittern. Das einzige Licht, dass den Raum erhellte stammte von einer winzigen Kerze, die eigentlich schon aus Sicherheitsgründen längst gelöscht sein müsste, denn sie war nahezu herunter gebrannt und drohte das Holz anzustecken, auf der sie angebracht war. Doch die Kerze brannte nicht weiter hinunter. Sie war magisch zum stehen gebracht worden. Die dunklen Fichten, die um die Hütte herumstanden nahmen ihr jeden Strahl des fahlen Mondlichts.
Die Hütte besaß kein Dach mehr und so blies der Wind ungebremst um Suzettes Kopf, sodass ihre Haare wild und wirr durcheinander geweht wurden. Es begann zu nieseln. Oder war es der feuchte Nebel, der sich über den Wald legte?
Suzette fröstelte und sah sich weiter um. Nichts. Der Dunkle Lord ließ auf sich warten. Was sollte sie hier? Langsam begann sie sich Sorgen zu machen, als sich etwas an ihren Füßen regte. Sie erschrak fürchterlich und konnte sich gerade so zurückhalten laut aufzuschreien. Als sie nach unten blickte und die flackernde Kerze ihr schwaches Licht kurzzeitig auf ihre Füße warf, erkannte sie den dicken Leib Naginis, die es sich zu ihren Füßen gemütlich machte. Suzette wagte es nicht sich zu bewegen, wer wusste, wann dieses Vieh zum letzten Mal etwas zu fressen bekommen hatte?
Und endlich regte sich eine leise, hohe Stimme, die Suzette von hinten ansprach: „Sehr schön. Du hast also hergefunden!".
Suzette drehte sich erschreckt um und blickte in das schlangenhafte Gesicht von Lord Voldemort. Sie nickte, denn sie brachte kein Wort heraus.
„Wie gefällt es dir?", fragte er gönnerhaft und ohne auf eine Antwort abzuwarten, sagte er: „Wir sind zu Hause, Suzette. Dies ist unser Erbe, Suzette. Das Erbe Slytherins!".
Suzette blickte ihn fragend an und er beantworte ihrer ungestellte Frage selbst: „Ja, du hast Recht! Es ist schäbig! Aber es ist das Haus unserer Vorfahren. Es ist das Haus der Gaunts. Wie gefällt es dir jetzt?".
Suzette sprach leise, langsam und ängstlich: „Es ist... ärmlich.".
„Oh ja, das ist es! Eine Schande, nicht wahr? Eine der größten Zaubererfamilien muss in einer solchen Hütte leben! Wurde in eine solche Hütte getrieben!".
Es gab eine Pause, in der sich Suzette noch einmal in dem einzigen Raum umsah, den diese Hütte besessen hatte.
„Ich war bereits einmal hier, musst du wissen.".
Suzette blickte ihn wieder interessiert an.
„So schäbig dieser Ort auch aussehen mag, er birgt eine Kostbarkeit!", der Dunkle Lord bückte sich scheinbar beliebig und zog unter dem Sand und dem verrottenden Holz, das einmal der Fußboden gewesen war einen staubigen Ring hervor. Er reichte ihn Suzette und sagte: „Wie fühlt er sich für dich an?".
„Er ist kalt und heiß zugleich!", bemerkte Suzette erstaunt, „Er brennt, aber er verbrennt die Haut nicht. Er ätzt, aber verätzt nicht. Er friert aber gefriert nicht.".
„Sehr gut.", sagte Voldemort und nahm das Schmuckstück wieder an sich, „Ich habe dich zu mir gerufen, weil ich dir etwas über die Dunklen Künste bebringen möchte. Noch nie ist mir ein magisches Wesen begegnet, dessen Fähigkeiten mit meinen vergleichbar gewesen wären, aber du, du wirst in der Lage sein ähnlich außergewöhnliche Zauber zu vollbringen. Du wirst in der Lage sein, solche... Ringe herzustellen und du wirst begreifen, warum allein die schwarze Magie zur Macht führt und warum Macht unsterblich macht! Wollen wir das nicht alle, Suzette?".
Suzette nickte langsam, um Verständnis bemüht.
„Nun, für Horkruxe ist es vielleicht noch zu früh.", meinte Voldemort und Suzette zuckte zusammen. Hatte er gerade „Horkruxe" gesagt?
„Ich nehme an, Lucius hat dich vor allem mit allerlei halb-schwarzmagischem Kram genervt, als du bei ihn gelebt hast?". Suzette nickte.
„Nun, schwarze Magie besteht nicht nur als kleinen Einbrecherspielzeugen. Sie ist ein Machtinstrument. Es gibt keine Regeln! Tu was du willst! Und wenn es noch keinen Zauberspruch gibt für das, was du tun willst, dann erfinde einen. Schwarze Magie ist Freiheit, Suzette! Es ist die komplette Freiheit zu tun, was einem beliebt und wenn du noch dazu eine derartige Begabung hast, wie du und ich sie haben, dann ist es die logische Konsequenz, dass uns die größte Macht zusteht! Suzette, wir müssen uns nehmen, was uns zusteht! Wie es in den Naturgesetzen angelegt ist! Der Stärkere hat das alleinige Recht zu überleben! Meine Mutter und dein Vater haben diesen Grundsatz missachtet und bekamen, was sie verdienten.".
„Aber wir beide verfügen über außergewöhnliche, magische Fähigkeiten und sind Halbblüter. Meint ihr nicht, dass es vielleicht DESWEGEN sein könnte? Wegen der Mischung des Blutes?", fragte Suzette und machte sich auf einen Cruciatus gefasst.
Der Lord lachte: „Mit Muggelblut gemischtes Magierblut soll die magischen Fähigkeiten erhöhen? Was redest du für einen Blödsinn? Es ist wahnsinniges Glück, was aus uns geworden ist! Glück und ein uralter Stammbaum, gegen den das dreckige Muggelblut wohl nicht angekommen ist.".
Voldemort, der die ganze Zeit mit dem Ring in seiner Hand gespielt hatte, bückte sich abermals und vergrub das Erbstück wieder im Staub.
„Wieso vertraut ihr mir das an, My Lord?", fragte Suzette, als er sich wieder erhoben hatte.
„Ich vertraue dir und dem Blut, das in deinen Adern fließt. Du weißt, wo du hingehört und wo deine Familie ist. Du hast dem Jungen das Leben gerettet, nicht wahr?".
„Ja.", bestätigte Suzette knapp.
„Gut gemacht! Wir brauchen ihn noch!", sagte Voldemort kühl, ohne mehr erklären zu wollen.
Eine Zeit lang herrschte Stille und auf dem Gesicht des Dunklen Lord zeichnete sich ein bösartiges Grinsen ab, das Suzette ziemliche Angst einflößte.
„Wie man hört hat Dumbledore seinen Phönixorden wieder zusammen gerufen.", sagte der Lord schließlich und Suzette schrak zusammen.
„Ich weiß es nicht. Ich stehe nicht mehr in seinem Dienst.", erklärte Suzette.
„Oh, das weiß ich bereits! Ich frage mich allerdings, wo du im August diesen Jahres abgeblieben bist. Ich habe dich beobachtet. War ganz in deiner Nähe, aber dann bist du einfach disappariert.".
„Ihr habt Penny mit dem Imperius-Fluch belegt!", platzte es plötzlich wütend aus dem Mädchen heraus, ohne dass sie es wollte.
„Was kann sie dir bedeuten? Sie ist nur ein jähzorniger Muggel!".
Was sollte sie dem Dunklen Lord nur erzählen, wo sie die letzte Juli-Woche und den ganzen August über gewesen war? Tat es überhaupt etwas zu Sache, ob sie ihm die Wahrheit sagte? Sie war dem Orden nicht verpflichtet und sympathisierte noch nicht mal mit ihm.
Doch Voldemort verlangte gar nicht nach einer Antwort und meinte schließlich: „Behalte diesen Ort in Ehren, Suzette. Denk nach über das, was ich dir gesagt habe. Ich werde dich rufen.", und er disapparierte mit Nagini und einem leisen Plopp.
Suzette stand allein in der schäbigen Hütte am Waldrand und der Wind blies plötzlich die heruntergebrannte Kerze endgültig aus. Stockdunkel war es nun um Suzette. Stockdunkel und eiskalt.
Mit einem ungesagten Lumos-Zauber hielt sie schließlich einen warmen Lichtkegel in der Hand, kniete sich auf den Boden und suchte im Sand nach dem Ring der Gaunts.
Sie fand ihn und betrachtete ihn sich noch einmal genau. Der plumpe Ring hatte eine Einfassung mit einem schwarzen Stein, in dem das Wappen einer alten Zaubererfamilie eingraviert war. Der Ring fühlte sich befremdlich ab und schmerzte Suzette auf Dauer auf der Haut. Das war dann auch der Grund, warum sie ihn zurück auf den Boden warf und nicht mitnahm. Unter andern Umständen hätte sie gerne dieses Andenken an ihre Vorfahren mitgenommen. Auch die Tatsache, dass dies ein Horkurx war, machte ihr Angst. An so etwas traute nicht mal sie sich.
Suzette konnte nicht leugnen, dass Lord Voldemort einen gewissen Eindruck auf sie hinterlassen hatte. Seine Logik war zwar zutiefst rassistisch, aber er hatte eine Logik. Das musste Suzette zugeben. Die schwarze Magie stellte tatsächlich einen anarchischen Umgang mit der Zauberkunst dar. Sie bedeutete vollkommene Freiheit und das interessierte Suzette. Freiheit! Was Voldemort über Macht gesagt hatte interessierte sie nicht. Darauf war sie nicht aus, auch wenn es ihr Schicksal sein sollte. Sie wollte frei sein, nichts weiter und wenn Macht dazu der Schlüssel war, dann musste sie sich für die dunkle Seite entscheiden.
Todesser oder Orden des Phönix? In beiden Vereinigungen mochte sie die Struktur der Gruppe nicht und auch die Tatsache, dass überhaupt als Gruppe agiert und gedacht wurde.
Dumbledore oder Voldemort? Beide spielten sich als Machtperson auf, aber bei Voldemort hatte Suzette die Chance selbst nach oben zu kommen, wo sie keine Befehle mehr ausführen musste, sondern womöglich welche geben konnte. Beide spielten den Anführer und dieses Gehabe widerte Suzette bei beiden an. Sollte hier jetzt die typische Slytherin-Attitüde entscheiden? Moral oder persönliches Wohlbefinden?
