17. Todesser oder Phönixorden?

Noch vor ein paar Monaten war ihr die Entscheidung leicht gefallen: Sie musste sich gegen Voldemort entscheiden. Er war der Mörder ihrer Eltern. Sie war Dumbledore verpflichtet und musste sich eingestehen, dass ihre Dunklen Künste so viel Schaden angerichtet hatten, dass sie ihn nur so wieder gut machen konnte.

Doch jetzt stellte sich die Situation in ihrem Kopf ganz anders da: Sie war nicht Schuld am Tod des Jungen damals! Was hätte sie tun können? Es war eine Dummheit, die ihr Zeit geraubt hatte, die Magie weiter und intensiver zu studieren.

Was hätte sie bei ihren Eltern für ein Leben erwartet? Bei einem Squib und einem Muggel? Wie hätte sie sich entfalten sollen? Es war schon schwer genug sich in einem reinen Muggelhaushalt zu behaupten, wie sie wusste. Was wäre das geworden, wenn sie bei einem magiehassenden, neidzerfressenen Squib hätte leben müssen? Sie hatte plötzlich ein Bild ihres Vaters vor Augen, wie er ihr jegliche Magie verbot, weil er selbst aus der magischen Gesellschaft hatte fliehen müssen und diese so hasste, wie Suzette sie gehasst hatte, als man ihr ungerechtfertigterweise ihren Zauberstab abgenommen hatte. Sie kannte ihre Eltern ja noch nicht einmal, wieso sollte sie also trauern?

Erst eine Stunde, nachdem Voldemort disappariert war, ließ auch Suzette die Hütte mit der seltsamen Aura und dem Horkrux zurück. Sie fror erbärmlich, als sie wieder im verboten Wald angekommen war.

Sie entschied sich Severus nichts genaueres über ihr Treffen zu erzählen und sagte ihm, als er sie fragte: „Er hat mir verboten darüber zu sprechen.".

In ihrem Kopf trug Suzette einen wahren Krieg aus, der sie die nächsten Tage nicht mehr losließ. Was hatte Dumbledore ihr noch zu sagen? Sie konnte sich nun ganz allein entscheiden.

Die Todesser waren ihr im Grunde wesentlich sympathischer als die Ordensmitglieder, diese Gutmenschen. Anarchie war ihr viel sympathischer als die Regeln und Gesetze der weißen Magie und die Aussicht darauf groß und bedeutend werden zu können erschien ihrer Künstlerseele äußerst schmackhaft.

Andererseits hatte sie den Jungen vor Augen, der von den Kindern einiger Todesser getötet worden war. Sie sah Voldemort ihre Eltern töten. Der ganze Weg zur Macht des Lords war mit Leichen gepflastert und wenn das nötig war um einem Menschen, dem die Macht angebliche rechtmäßig zustand, diese zu beschaffen, musste Suzette sehr daran zweifeln, dass Lord Voldemort der rechtmäßige Erbe seines imaginären Throns war.

Was wollte Suzette selbst? Diese Frage, die Dumbledore ihr im Hauptquartier gestellte hatte, wurde nun schwerer und schwerer zu beantworten. Sie wusste, was sie nicht wollte: Sie wollte keine Schuld auf sich laden. Sie wollte keinen Menschen töten oder foltern. Sie wollte nicht Teil einer Gruppe sein. Sie wollte nicht in einer Masse untergehen. Sie wollte nicht von Gesetze und Regeln eingeengt werden.

Snape bemerket, das bei Suzette etwas nicht stimmte, die sie war die letzten paar Abende nicht bei ihm zum Tee erschienen. In den ersten Tagen konnte er die Einsamkeit noch genießen, aber schließlich siegte die Sorge um Suzette.

„Sag mir, was der Dunkle Lord zu ihnen gesagt hat!", knurrte er, als er in Suzettes Tür stand und sie überraschte, wie sie auf ihrem Bett lag und scheinbar ins Nichts starrte.

„Er hat es mir verboten!", log sie.

„Du brauchst also noch Zeit?", meinte Snape höhnisch, „Nun die haben wir nicht. Ich möchte dich auf eine Tasse Tee einladen. Wir haben einiges zu besprechen!".

Sie gingen also gemeinsam in Snapes Büro, wo der Tränkemeister bereits eine Kanne Tee aufgebrüht hatte.

Zu spät erkannte Suzette den Trick. Sie hatte bereits den ersten Schluck genommen. Nie hätte sie erwartet, dass Snape sie so hintergehen würde!

„Nun, was hat der Dunkle Lord dir gesagt?", fragte ölig er mit einem höhnischen Grinsen auf den Lippen.

Es sprudelte nur so aus ihr heraus. Sie konnte gar nichts dagegen tun. Sie erzählt Snape alles, was in der Hütte geschehen war und was Voldemort zu ihr gesagt hatte. Nur das Wort Horkrux schaffte sie zu vermeiden. Nicht einmal das Veritaserum schaffte es, eine so starke Magierin wie Suzette gänzlich zu manipulieren. Sie wollte noch nicht, dass einer davon wüsste. Schließlich wollte sie es sich mit Voldemort nicht gleich versauen.

„Und wie hast du dich entschieden?", fragte er schließlich.

„Ich weiß es nicht!", antwortete Suzette und der Raum füllte sich mit einem mal mit vollkommner Stille.

Suzette ärgerte sich über Snape und über sich selbst. Wie konnte sie nur so dumm sein? Jetzt würde er sofort zu Dumbledore rennen und ihm erzählen, dass sie sich auf die Seite der Todesser geschlagen hatte.

Sie stand schlagartig auf und rauschte grußlos aus Snapes Büro zurück in ihr Zimmer.

Im folgenden Tag kam ein kleiner Ravenclaw-Schüler bei Suzette vorbei und brachte ihr eine Notiz des Schulleiters: Sie solle sich sofort bei ihr einfinden. Es sein wichtig.

Er wusste es also, dachte Suzette und überlegte sich, ob sie schon mal ihre Sachen packen sollte.

Sie entschied sich schließlich dazu zunächst zum Schulleiter zu gehen und sich anzuhören wie abscheulich er sie fand.

Der Wasserspeier ließ sie bereitwillig durch und sie stieg die steile Steintreppe nach oben zum Büro des Schulleiters. Sie klopfte an und wurde prompt eingelassen.

Dumbledore bedeutete sie sich zu setzen: „Es gibt keinen Grund mehr vor ihnen Geheimnisse zu haben, Suzette.", begann er.

„Es hat keinen Sinn es zu verheimlichen. Wir befinden uns alle in großer Gefahr, auch sie.".

Suzette sagte erst einmal nichts.

„Lord Voldemort wird auf sie zu kommen und sie zu sich ziehen wollen, seien sie sicher. Es wird ihnen verlockende Angebote machen und weiß Gott, sie wären nicht die erste fähige Magierin die von Macht verführt worden wäre. Sie sind sich unsicher und das ist gefährlich. Ich muss sie deshalb um etwas bitten, das ihnen nicht gefallen wird. Es ist allerdings zu ihrem aller besten auch wenn sie dabei MIR vertrauen müssten: Ich möchte sie bitten dem Orden des Phönix beizutreten.".

Zorn stieg in Suzette auf. Wie konnte er sie so offen darum bitten? Er wusste doch genau...

„Ich weiß, wie sehr sie die Freiheit und ihrer Selbstbestimmung lieben, aber um diese zu schützen müssen sie sich in die Obhut des Ordens begeben. Sie wissen wofür der Orden steht. Ich muss es ihnen nicht erklären. Ich kann sie nur bitten einzutreten. Es ist ihre Entscheidung und sie wissen, Entscheidungen bestimmen das Leben. Es ist ihre Bestimmung sich zu entscheiden. ...Würde ein herrliches Lied abgeben, nicht wahr?", der alte Mann lächelte freundlich und hob unwesentlich den Kopf, den er die ganze Zeit auf seinen Schreibtisch gerichtet hatte. Er war Suzettes Blicken ausgewichen und hatte ihr nicht ein einziges Mal in die Augen gesehen.

Suzette war nicht sicher, ob er etwas wusste. Sie sagte: „Was wäre, wenn ich nicht eintreten würde?".

„Sie wären verloren, Suzette. Ich müsste sie vom Schloss verweisen, weil sie eine Gefahr für unsere Sache darstellen würden. Bis jetzt hatte ich immer die Hoffnung sie würden sich für mich entscheiden. Sollten sie es jetzt nicht unmissverständlich tun, muss ich davon ausgehen, dass sie sich gegen mich entscheiden werden und somit zu einer Feindin würden.".

„Ich kann mich nicht gegen die Dunklen Künste und meine Freiheit entscheiden.", entgegnete Suzette.

„Ich gebe ihnen vier Tage Bedenkzeit. Und ich bitte sie, ihre Aufgabe nicht zu vernachlässigen. Ich habe den Verdacht, dass Potter und seine Freunde etwas verbotenes aushecken.".

„Sie vertrauen mir immer noch Potter an?", fragte Suzette überrascht.

„Sie haben sich noch nicht entschieden und so nehme ich das beste in ihnen an.", Dumbledore hob immer noch nicht seinen Kopf und starrte ununterbrochen auf seinen Schreibtisch.

Suzette stand auf und trat durch die Tür, die Treppe hinunter, am Wasserspeier vorbei. Sie hatte einiges nachzudenken.

Es ging nicht nur um schwarze oder weiße Magie. Es ging um sie persönlich. Wo war sie am besten aufgehoben? Politik war nie ihre Stärke gewesen, sie fand sich nirgends wieder.

Dumbledore war sehr theatralisch geworden, als er sagte, sie sei verloren, wenn sie sich nicht für ihn entscheide. Was würde schon passieren? Sie ginge zurück nach Malfoy Manor und hätte dort ein gutes Leben. Sie würde vom Dunklen Lord höchstpersönlich großartige neue Zauber erlernen. Und später seinen Platz einnehmen...

Seinen Platz einnehmen? Seinen Platz?

Darum? Darum bemühte der Dunkle Lord sich so sehr um sie? Er instrumentalisierte sie! Wie Dumbledore, der vorgab an ihrer Freiheit interessiert zu sein!

Und all die mächtige Magie? Einzig um Suzette als Nachfolgerin zu missbrauchen?

All die Dunkle Magie! Sie würde sich niemals gegen die Dunklen Künste entscheiden können! Sie würde sich niemals gegen ihrer Freiheit entscheiden!

Wofür hatte sich Snape entscheiden? Er hatte den Orden gewählt und war alles andere als frei! Er hatte Schuld auf sich geladen. Aber er praktizierte schwarze Magie.

Suzette hatte zwar auch Schuld auf sich geladen, aber ihrer Jugend und Unerfahrenheit, sowie ihrer Reue wegen, fiel diese kaum noch ins Gewicht.

War sie frei, wenn sie sich den Todessern anschloss? Wollte sie sich denen überhaupt anschließen? Anscheinend wäre dies allerdings die einzige Möglichkeit, wenn Dumbledore sie vom Schloss verweisen würde?

Und was sagte ihre Moral dazu? Was stellte für sie erstrebenswerte Gerechtigkeit da? In welcher Gesellschaft wollte sie leben?

Sie würde sich nie gegen ihre Freiheit entscheiden!.