19. Die sieben Eckpfeiler der Macht
Der Raum der Wünsche war eine Raum der ausschließlich Schülern vorbehalten war. Keinem Lehrer war es möglich dort hinein zu gelangen. Er verwandelte sich in genau das, um was der jeweilige Schüler ihn bat. Er konnte einmal eine einfache Abstellkammer sein, dann wieder eine Toilette oder eben ein Raum zum Trainieren und Üben.
Suzette hatte diesen Tipp mit Absicht gegeben, denn so wusste sie zumindest, wo Potter und seine Gefolgschaft sich aufhielten, wenn sie sich trafen. Vielleicht würde sie es irgendwie schaffen können sich einzuschleichen oder Pip einzuschleusen.
Schneller als gedacht waren die vier Tage Bedenkzeit für Suzette vorbei. Sie hatte sich wirklich bemüht, sich zu konzentrieren und nachzudenken. Doch das war eben genau nicht Suzettes Stärke. Suzette hockte nicht rum und dachte nach. Sie machte einfach! Suzette saß ja auch nicht da und lernte. Sie konnte es einfach. Sie hatte einfach nie gelernt sich auf eine Sache zu konzentrieren.
Müde und unsicher schlich sie die Treppen zu Professor Dumbledore nach oben. Sie wusste nicht, was sie ihm sagen sollte. Sie hatte immer noch keine Ahnung, wo sie hin wollte. Sie wollte sich partout nicht entscheiden müssen. Sie wollte nicht müssen.
„Ah, Suzette. Ich habe bereits auf sie gewartet.", sprach Dumbledore als das Mädchen sich unaufgefordert in den Stuhl vor dem Schreibtisch des Schulleiters fallen ließ.
„Es ist ihnen schwer gefallen sich zu entscheiden, nicht wahr?", er lächelte mild und wie Suzette fand abscheulich.
„Ich werde mich niemals gegen die Dunklen Künste entscheiden können. Und ich werden mich niemals gegen meine Freiheit entscheiden!", sagte Suzette und versuchte stolz zu klingen.
„Also darf ich davon ausgehen, dass sie hier bleiben?".
„Ja.", seufzte Suzette.
„Ich bin stolz auf sie, Suzette. Sie haben so eben bewiesen, dass sie die freiheitsliebende Künstlerin sind, für die ich sie immer gehalten habe. Sie haben sich selbst nach ihren eigenen Maßstäben entschieden und somit Voldemort überlistet, der sie dann unter Kontrolle hat, wenn sie nicht ernsthaft über ihre Entscheidungen nachdenken.", sagte Dumbledore feierlich.
„Ich schätze, ich bin jetzt Ordensmitglied und ihnen verpflichtet.", seufzte Suzette noch erbärmlicher als zuvor.
„Sie sind nur sich selbst verpflichtet. Tun sie, was sie für richtig halten. Ich denke, dass das die Philosophie einer Slytherin-Schülerin sein sollte. Ach und Suzette, sie müssen mir natürlich nicht sagen, wenn Voldemort auf sie zu kommt. Vielleicht ist er das ja schon. Ich weiß, dass sie mit ihm fertig würden, es wäre nur viel leichter mit dem Orden im Rücken.".
„Er hat mich noch nicht...", begann Suzette.
„Gerufen? Oh, ich glaube nicht, dass er sie rufen würde. Voldemort taktiert unterschwellig. Möglicherweise schickt er ihnen Botschaften in Träumen oder Visionen. Aber es sollte ihm derzeit eher schwer fallen, da sie erstens eine ausgezeichnete Okklumentikerin sind und zweitens gerade eine für ihn nicht voraussehbare Entscheidung getroffen haben. Seien sie trotzdem vorsichtig.", erklärte Dumbledore und schloss seinen Ausführungen folgenden Frage an: „Sagen sie, was treibt denn unser Freund Potter?", er lächelte und sah Suzette wieder in die Augen.
„Ich habe ihn im Auge.", meinte Suzette knapp.
„Sie wollen es mir nicht sagen?", amüsierte sich der Schulleiter.
Suzette schwieg.
„Suzette, ich weiß es längst. Glauben sie ich lasse Potter nach Hogsmeade gehen, ohne dass ein Ordensmitglied in der Nähe ist? Sie sind fähig, Suzette, aber eben keine Informationsquelle. Sie sind zu ehrlich, zu verschwiegen!".
„Mundungus?", fragte Suzette und erinnerte sich an Fletcher, der ebenfalls anwesend war, als die Gruppe sich im Eberkopf zur Gründung getroffen hatte.
„Ja, Suzette. Sie haben ihn erkannt? Dann muss ich ihm gleich eine Rüge erteilen, er sollte eigentlich in der Lage sein, sich besser zu tarnen. Ich möchte, dass sie diese Gruppe im Auge behalten und mir sofort Bericht erstatten, sollte Umbridge Verdacht schöpfen.".
Suzette nickte.
Noch am gleichen Abend schickte sie Pip aus, um am Fenster des Raums der Wünsche Wache zu halten. Der Raum besaß nämlich ein Fenster nach außen, das ein einseitiges Loch darstellte. Man konnte nur von außen hineinsehen, aber von innen nicht hinaus. Das ganze war die Idee von Minerva McGonagall gewesen. Der Raum der Wünsche war ausschließlich eine Einrichtung für Schüler, doch seit der Zeit, als eine Gruppe Rumtreiber dort ihre schlechten Scherze geplant hatten, bestand die Lehrerschaft darauf, dass man den Raum der Wünsche im Zweifelsfall überwachen konnte. Dies war seit dem Schulabschluss von Black, Potter, Pettigrew und Lupin nicht mehr nötig gewesen, doch das einseitige Loch bestand zur Sicherheit immer noch.
So hockte sich Suzettes Rabe auf den Fenstersims und wartete darauf, dass sich innen etwas tat.
Suzette wollte sich gerade zu Bett legen und überdenken, was sie gerade in Dumbledores Büro gesagt und gehört hatte, da bemerkte sie etwas feuchtes an ihrer linken Hand. Sie richtete sich auf und erkannte, dass das Mal wieder blutete.
Nur widerwillig und langsam richtete sie sich auf und schlich sich aus den Kerkern, aus dem Schloss, über das Schulgelände in den Wald. Sie wartete noch eine Weile vergeblich auf Snape und apparierte schließlich allein zu einem Ort, den der Dunkle Lord in ihren Kopf gepflanzt hatte.
Sie landete in einem dreckigen Vorort von London. East-End. Verrottende Industrie wurde von dunkelgrünem Unkraut überwuchert. Es dämmerte und das Abendrot glühte gefährlich vor der Kulisse einer verlassenen Fabrik, deren Fenster alles samt mit Steinen eingeworfen waren. Graffiti an den Hauswänden. Rostende Eisenbahnschienen. Ein staubiger Gehweg direkt vor ihr.
Sie beschritt den Weg und lief ihn entlang zu einem großen, ehemals weiß getünchten Haus. Sie betrat den Weg, doch niemand nahm von ihr Notiz. Um sie herum tobten Kinder auf einem Spielplatz. Sie ging auf die große, hohe Holztür zu, die in das Gebäude führte. Eine Frau Ende dreißig rannte sie fast um, würdigte Suzette aber keines Blickes. Es war, als wäre sie unsichtbar. Niemand nahm sie wahr.
Suzette fand die Szene äußerst gespenstig. Autos fuhren wie selbstverständlich durch die Straße, an diesem seltsamen Haus vorbei. Kinder quiekten auf ihren Wippen und Schaukeln. Es waren kleine Kinder, höchstens fünf Jahre alt.
Suzette drehte sich suchend um. Voldemort war nirgends zu sehen. Sollte sie in das Haus hineingehen?
Sie entschied sich dafür, das Gebäude nicht zu betreten und stattdessen einmal um das Anwesen herum zu gehen. Vielleicht würde sie dann den Dunklen Lord treffen oder noch besser: Vielleicht würde sie ihn nicht treffen.
Das große, viktorianische Haus stand frei, umringt von einem Garten, in dem es lauter Kinderspielzeug gab, sowie einen kleinen Kräutergarten, in dem jedoch auch kleine Bälle und Gummitierfiguren verstreut lagen. In einer Ecke des Gartens stand ein kleiner Schuppen und Suzette hatte, sobald sie ihn erblickt hatte, das Gefühl, dort hin gehen zu müssen.
Kaum stand sie zwischen einem Rasenmäher, einigen Besen und Harken, ploppte es auch schon hinter ihr und Suzette sah in das Schlangengesicht Voldemorts, als sie sich umdrehte.
Sie erschrak unmerklich, wie sie es immer tat, wenn sie diese Gesicht, diese Ausgeburt an Hässlichkeit erblickte.
„Weißt du, wo wir hier sind, Suzette?", fragte er mit seiner heißeren Stimme.
„Nein.", hauchte Suzette.
„Du musst nicht flüstern. Ich habe den Ort verhext. Niemand hier kann magische Menschen sehen oder hören.", erklärte Voldemort.
„Wo sind wir?", fragte Suzette.
„Das hier ist der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Sie ihn dir an. Ein schäbiges Muggelhaus! Heute ist es ein Kindergarten. Zu meiner Zeit war es ein Waisenhaus.".
Suzette schaute sich scheinbar interessiert um.
„Sieh dich nur um! In diesem Schuppen wurde ich mir meines magischen Blutes bewusst. In diesem Schuppen reifte mein Plan. In diesem Schuppen verstaute ich meine Trophäen, die ich über die Jahre meiner erbärmlichen Kindheit gesammelt hatte. In diesem Schuppen lernte ich, was Macht bedeutet und wie man sie einsetzt.", erzählte Voldemort.
„Wie das, My Lord?", fragte Suzette mit dünner Stimme.
„Ich lernte Muggel Schmerzen zu zufügen und sie dazu zu bringen, das zu tun, was ich wollte, mir zu geben, was ich wollte, mich zu fürchten.".
Suzette verzog ein wenig das Gesicht.
„Sie hatten es nicht anders verdient, Suzette. Niemand hat es verdient, wenn er es sich nicht zu erkämpfen weiß!".
„Was zu erkämpfen weiß?".
„Alles, Suzette! Einfach alles!".
Ein Zeit lang herrschte Stille zwischen ihnen, dann sprach Voldemort: „Ich habe dich einst in dieses Waisenhaus gebracht, weil ich wollte, dass du wie ich aufwächst und deine Magie wie ich kennen lernst. Aber dieser unverbesserliche Dumbledore schaffte es, es in die Wege zu leiten, dass man dich zu einer Muggelfamilie brachte, in der du aufwuchst und die Märchen von Liebe und Gleichberechtigung gelehrt wurden.".
„Dumbledore? Er hat...?".
„Er hat überall seine Finger drin. Doch, Suzette, wir werden es ändern! Wir werden Dumbledore stürzen und bekommen alles, was uns zusteht!", versprach der Dunkle Lord feierlich.
Voldemort machte eine gelangweilte Handbewegung und ein lockerer Bachstein in der linken, hinteren Ecke des Schuppens löste sich. Ein verwitterter Schuhkarton schwebte heraus, direkt in Voldemorts ausgestreckte Hand: „Siehst du das? Das sind meine gesammelten Trophäen.". Er öffnete die Schachtel und Suzette erkannt allerlei altes Spielzeug: zerrissene Puppen, zersplitterte Holzpferde und ein zerrissenes Plastikarmbändchen.
„Wertloser Plunder, nicht wahr?", fragte er.
„Ich denke nicht, wenn ihr mich so fragt.", antwortete Suzette und erwartete noch mehr Horkruxe.
„Oh, es ist wertloser Plunder. Aber für die Kinder hatte er damals einen hohen Wert. Alles hat immer nur den Wert, den man ihm gibt.".
„Wenn es aber euch nichts bedeutet, dann war es der reinste Neid, der euch es stehlen ließ?", meinte Suzette.
„Es war meine Überlegenheit! Für diese Kinder waren diese Spielzeuge etwas besonderes. Für mich war ICH etwas besonderes. Es stand mir zu, egal, ob ich es brauchte oder nicht.".
Man will immer das, was man nicht bekommen kann, dachte Suzette.
„Es sind meine Trophäen! Symbole meines schon frühen... meines ewigen Triumphes! Ich gebe ihnen diesen Wert.", erklärte der Lord, „Ich möchte, dass du erkennst, dass du etwas besonders bist und dich abhebst von diesem Abschaum. Ich möchte, dass du den kommenden Triumph wertschätzen kannst, dass du dich selbst wertschätzen lernst! Dies sind Symbole für einen Lebensabschnitt von mir. Ich möchte, dass du die Symbole deines Lebens wertschätzest.".
Er wollte schon wieder auf Horkruxe hinaus, bemerkte Suzette.
„Du musst verstehen, woraus Macht besteht und dass allein Macht dich unsterblich macht. Die sieben Eckpfeiler der Macht sind die Erfahrung, der Stolz, das Talent, die Stärke, die Unbeugsamkeit, die Strebsamkeit und der Wille. Diese Spielsachen symbolisieren meine Strebsamkeit, der Ring, den ich dir beim letzten Mal gezeigt habe, ist mein Symbol für die Unbeugsamkeit.".
„Ihr habt sieben Horkruxe?", entfuhr es Suzette erschaudernd.
„Nein, diese Spielsachen sind kein Horkrux. Ich besitze sechs Seelensplitter in fremden Körpern, der siebte ist noch in mir. Sieben. Die magische Zahl. Siehst du die Symbolkraft?", rief er fast hysterisch.
Suzette nickte angewidert.
„Das heißt,", er wurde kleinlaut, „ich besaß sechs Horkruxe. Einer wurde zerstört.".
Suzette sah ihn an.
„Mein Tagebuch wurde, wie Lucius mir berichtete, vor etwas mehr als 2 Jahren in Hogwarts zerstört. Mein Wille ist dennoch ungebrochen. Man darf es eben auch nicht zu weit treiben mit den Symbolen.", gab er matt lächelnd zu und Suzette fragte nicht weiter.
Voldemort disapparierte und ließ das Mädchen allein zurück.
