20. Vorbereitungen

Ausnahmsweise musste Suzette nicht lange nachdenken, was sie tun wollte. Voldemort ekelte sie an mit seinen Horkruxen.

„Severus!", rief sie, als sie in der folgenden Nacht ins Schafzimmer des Tränkemeisters stürzte.

„Bitte? Immer zu ihren Diensten!", machte der äußerst genervte Snape, „Nicht genug, dass ich morgen diese fürchterlichen Zweitklässler unterrichten muss und ich einen komplizierten Trank auf dem Feuer habe. Nein! Missy kommt nachts um zwei Uhr noch auf wichtige Gedanken, die keinen Aufschub zulassen! Was verschafft mir die Ehre?".

„Der Dunkle Lord! Ich weiß, wie er überleben konnte!", erklärte Suzette aufgebracht. „Entschuldige, dass ich es nicht schon früher...".

„Entweder du sagst es jetzt, oder ich lege mich wieder schlafen, bis du zum entscheidenden Teil des Satzes gekommen bist!", schnarrte Snape.

„Horkruxe!", sagte Suzette, „Er hat sechs Stück!".

„Nun, so etwas hatte ich mir gedacht.", sagte Snape gelassen.

„Du wirst Dumbledore davon berichten?", fragte Suzette.

„Erst, wenn du mir sagen kannst, was das für Horkruxe sind.", meinte der gelangweilte Tränkeprofessor.

„Ein Ring in einer kleinen Hütte, in der die Gaunts gelebt haben müssen! Sein Tagebuch, das schon zerstört ist. Er hat sechs Stück... Sechs Horkruxe plus eine Kiste mit Kindheitstrophäen. Sieben Dinge, die den Weg für seinen Sieg bereiten! Sieben Säulen der Macht! Sieben, die Seelenteile! Sieben, die magische Zahl!", rief Suzette aufgeregt.

„Ja, ja... Er hat diese Schwäche für Symbole.", sagte Snape und gähnte.

Suzette war enttäuscht, dass Severus sich so wenig dafür interessierte.

„Du sagst es Dumbledore?", fragte sie abermals.

„Ich werde es ihm sagen, wenn ich eine Erklärung dafür finde, wie ich es herausgefunden habe. Wir können ihm nicht sagen, dass du dich mit dem Dunklen Lord triffst. Ich werde es ihm sagen, wenn er es nicht schon längst selbst herausgefunden hat... Würdest du mich jetzt bitte...".

„Ich geh ja schon!", murrte Suzette eingeschnappt und verließ etwas geknickt das Schlafzimmer Snapes.

Bevor sie einschlafen konnte, ging Suzette noch einmal die sieben Eckpfeiler der Macht durch: Unbeugsamkeit – der Ring, Wille – das Tagebuch, zerstört, Stolz, Talent, Stärke, Erfahrung, Strebsamkeit – die Spielzeuge, keine Horkruxe.

Aber viel mehr fragte sich Suzette, was diese Dinge für sie bedeuteten. Unbeugsam war sie sicher nicht. Sie musste sich schon viel zu oft unterordnen und klein beigeben. Willenkraft besaß sie ohne Zweifel, doch der allein genügte meist nicht. Stolz war sie definitiv, auch talentiert. Auch wenn McGonagall das gerne bestritt. Über ihre Stärke konnte sie nichts sagen. Sicher konnte sie einen Menschen mit einem Expelliarmus fast umbringen. Aber war das erstrebenswert? Erfahren war sie nicht, dazu hatte sie zu lange bei Muggeln gelebt und ihre Schule nicht fertig gemacht und auch strebsam was sie nie gewesen. Sie war es gewohnt, dass ihr alles in den Schoß fiel. Sie kannte es nicht für ihre Noten büffeln zu müssen.

Sie machte diese Überlegungen eigentlich nur so zum Spaß und stellte schließlich fest, dass sie kein Machtmensch sein konnte: Viel zu faul, viel zu selbstgefällig, viel zu desinteressiert!

Am nächsten Morgen, auf dem Weg zum Frühstück, trat Snape an Suzette heran. Er grinst verschmitzt: „Falls es dich noch interessiert: Es gibt acht Stützen der Macht!". Der schwarze Fledermausartige Umhang flatterte an ihr vorbei und ließ Suzette verdutzt zurück.

Acht? Aber dann passte doch gar nichts mehr zusammen! Sie ertappte sich dabei, dass sie es schade fand, dass die schöne Symbolik flöten ging.

Als so selbstvergessen und grübeln im Gang stand flatterte Pip heran und wollte Suzette Bericht erstatten über das erste Treffen von Potters Lerngruppe. „Jetzt nicht, Pip!", sie schubste den Vogel von ihrer Schulter und trottete in die große Halle zum Frühstück.

„Ich denke, in der Bibliothek wirst du etwas darüber finden.", meinte Snape scheinbar zusammenhangslos am Frühstückstisch zu Suzette, die sich gerade setzte und provozierte damit so einige verwirrte Blicke von Seiten der übrigen Lehrer.

Suzette nahm sich den Rat zu Herzen und verkroch sich den ganze Vormittag in der Schulbibliothek.

Schnell hatte sie ein Buch gefunden: „Die Geheimnisse des Erfolgs – Ein Ratgeber für Lehrer, Politiker und Despoten".

Dort fand sie die Pfeiler der Macht aufgelistet, wie Voldemort sie ihr erklärt hatte und zusätzlich einen Begriff, bei dem Suzette sofort verstand, dass er ihn aus seiner Horkruxsammlung ausgespart hatte: Liebe. „Stärker als der Tod ist die Liebe!" stand dort als Erläuterung.

Aber Voldemort war nicht der Typ, der sich einen Krieg entgehen ließ und stattdessen womöglich eine Ehe einging. Suzette grinste über dem Gedanken.

Die Liebe also! Dumbledores Geheimwaffe! Dumbledores Allheilmittel! Ja, die Liebe war Suzette auch um einiges sympathischer als beispielsweise Strebsamkeit.

„Stärker als der Tod, ist die Liebe! Wie kitschig ist das denn?", fragte Suzette Snape bei der nächsten Gelegenheit.

„Der Schulleiter glaubt daran.", lautete die knappe Antwort.

„Du nicht?", fragte Suzette vorsichtig weiter.

„Nein...", sagte Snape überzeugt.

„Ich auch nicht.", fügte Suzette schnell an.

Am Nachmittag wollte Suzette sich schließlich endlich dem Bericht ihres Raben widmen, doch Pip war schmollend auf einen hohen Baum geflattert und harrte dort aus.

Es dauerte bis zehn Uhr Abends, bis der Vogel sich bewegte und zu seiner Freundin durchs Fenster gehopst kam, nach dem diese ihm Stunden lang gut zu reden musste.

Der Vogel erzählte, was er gesehen hatte: Die Gruppe sei erschienen. Es seien verzauberte Goldmünzen verteilt worden, auf denen sie ihre Termine verbreiten würden. Sie hätten Potter zum Leiter gewählt und sich einen Namen gegeben: „Dumbledores Armee". Suzette lachte. Gar nicht mal so doof!

Dann hätten sie harmlose Verteidigungszauber geübt: Entwaffnungszauber. Laut Pip hätten sie sich extrem dämlich angestellt, aber er war ja auch Suzettes Magie gewohnt und nicht die Magie von weißmagischen Fünftklässlern. Harry habe eine Karte, die ihm verrate, wann die Luft rein ist, erzählte Pip und Suzette hob eine Augenbraue. Die hatte sie doch schon einmal gesehen... Und vor allem: Wie kommt Potter an eine solche Erfindung? An eine im Grunde schwarzmagische Erfindung?

Der Alltag in der Schule hielt Suzette in den nächsten Tagen von schwierigen Gedanken fern. Das erste Quiddich-Spiel der Saison musste vorbereitet werden. Die Spannung zwischen den Häusern, vor allem natürlich Gryffindor und Slytherin schaukelte sich nach oben. Umbridge hatte beim Nachsitzen viel zu tun. An jedem Abend stritten sich die Teams um den Platz als Trainingsgelände und meistens gewann das Team aus Slytherin, weil Snape einfach die furcheinflößendere Gestalt war. McGonagall machte ihrerseits Druck: „Ich erwarte, dass ihr den Pokal gewinnt! Er steht sein gut vier Jahren in meinem Büro und es würde mir wirklich etwas ausmachen, wenn ich ihn an diesen Muffkopf aus den Kerkern abgeben müsste!".

Snape seinerseits grinste seine Konkurrentin nur süffisant an, wenn er ihr im Lehrerzimmer begegnete. Sie hatte Angst um ihren Pokal, das konnte er riechen!

Aber auch die Schüler der anderen Häuser ergriffen Partei für eines der konkurrierenden Quiddich-Teams. Die meisten Hufflepuffs schlossen sich Gryffindor an, viele Ravenclaws allerdings waren für Slytherin.

Suzette unterstützte natürlich ihr Haus. Sie musste zwar ein Auge auf Potter haben und sie mochte die meisten Spieler des derzeitigen Slytherin-Teams nicht, aber beim Quiddich ging es nicht um Personen. Sie war immer eine wahre Slytherin gewesen und sie stand für alle Tugenden und zu allen Fehlern dieses Hauses.

Auch Dumbledore war vom Fieber angesteckt worden. Er lief schon Tag zuvor nur noch in Gryffindor-Fan-Kluft durch das Schloss. Er machte gar keinen Hehl daraus, dass sogar er parteiisch war bei so einem Spiel. Wie Snape Suzette genervt erzählte, hatte der Schulleiter sogar alle Sitzungen und Geheimtreffen mit Ordensmitgliedern auf nach dem Spiel verschoben.

Die einzige, die sich nicht anstecken ließ und die Ruhe selbst zu sein schien, war und blieb wie immer Mme Hooch. Sie war eine bewundernswerte Person. Selbst bei so hochemotionalen Sachen wie Quiddich musste sie gerecht und unparteiisch bleiben.

Kurzzeitig hatte Suzette ein unbeschwertes Gefühl der Sorglosigkeit. Für einen kurzen Moment war es wieder so wie früher: Die Häuser kabbelten sich wegen einem Sportereignis, niemand sprach über die Dunkle Bedrohung und Snape machte sich über die Schüler der andern Häuser lustig, zog genüsslich Punkte ab und zankte sich mit McGonagall.

Für ein paar Tage dachte Suzette weder an den Orden noch an die Todesser, noch daran, dass sie mittendrin hing.

Noch nicht einmal Dolores Umbridge konnte die Stimmung trüben, denn sie musste das Gryffindor-Team einfach als Schülervereinigung genehmigen, auch wenn es ihr missfallen mochte. Sie hatte sich lange gesträubte eine Gruppe zu erlauben, in der Potter Mitglied war, aber einen Grund für das Verbot einer Quiddich-Mannschaft fand sie nicht.