23. Der Auftrag
Dumbledore hatte gewollt, dass Suzette im St. Mungo Stevie Blade begegnete. Davon war Suzette überzeugt. Er wollte ihr vor Augen führen, welche Konsequenzen unbedachtes Handeln haben kann. Doch hatte er bedacht, dass der Dunkle Lord durch Harry Augen wie durch Fenster sehen konnte? Zumindest möglicherweise? Eines Abends tauchte Snape am Grimmauldplatz Nummer 12 auf und verlangte Harry Potter zu sprechen. Harry Potter und niemand anderen! Suzette befand sich gerade in ihrem Schlafzimmer und so bemerkte sie die Ankunft ihres Mentors nicht. Er redete nur kurz mit Potter und verschwand daraufhin auch wieder, ohne Mollys Angebot anzunehmen noch etwas zu Abend zu essen.
Bei eben diesem Abendessen erfuhr Suzette schließlich den Grund für das kurze Gespräch. Potter erklärte etwas genervt und unsicher: „Dumbledore will, dass Snape mir Okklumentik beibringt.". man hörte in seiner Stimme den Ekel gegen den Menschen Severus Snape, aber auch die Unsicherheit, was das Fach Okklumentik betraf. Er hatte keinen blassen Schimmer davon.
Suzette machte sich ernsthafte Sorgen, als der Lord sie wochenlang nicht mehr zu sich rief. Wollte Dumbledore, dass Potter das Verschließen des Geistes lernte, damit der Dunkle Lord nicht durch ihn hindurch ihn und alle seine Geheimnisse ansehen konnte? Hatte er eine Ahnung, welche seltsame Beziehung zwischen Voldemort und dem Jungen bestand?
Die Ferien gingen zu Ende, das neue Jahr begann und der Alltag kehrte ein im Schloss. So lange hatte noch nie ein Treffen auf sich warten lassen. Er rief sie nicht allein und er rief auch Snape nicht. Der machte sich schließlich ebenfalls Sorgen, seine Tarnung könne aufgeflogen sein. Er sagte zwar nichts, doch Suzette ahnte es anhand seiner verhärteten Gesichtszüge, die von Abend zu Abend immer ernsthafter und angespannter wurden.
„Potter konnte durch die Augen von Nagini sehen. Er war Nagini.", sagte Severus eines Abends, „Es besteht eine Verbindung zwischen dem Dunkeln Lord und Potter. Und das ist extrem gefährlich.".
„Meinst du der Dunkle Lord kann auch durch die Augen von Potter sehen?", fragte Suzette daraufhin vorsichtig. Sie konnte sich die Frage nicht beantworten, aber vielleicht hatte Snape mehr Erfahrung auf diesem Gebiet der Legilimentik.
„Es ist ein mächtiger Zauber ein Wesen mit seinem Bewusstsein zu besetzen, so wie er es mit Nagini gemacht hat. Er gelingt nur, wenn das Wesen, das man besetzen will sich in unmittelbarer Nähe befindet und man benötigt Augenkontakt. Aber der Dunkle Lord ist mächtig. Jedoch verlieren die Wesen, die besetzt werden ihren eigenen Willen. Potter hat Visionen, er hat Träume. Er IST nicht der Dunkle Lord. Ich glaube nicht, dass er über diese Distanz und ohne Augenkontakt eine Verbindung lange aufrecht erhalten kann, während Potter selbst wach ist.".
Das hätte Suzette eigentlich beruhigen müssen, doch sie machte sie dennoch Sorgen. Potter verhielt sich seltsam. Er war seltsam gereizt. Als er sie angesehen hatte, hatte ihr Dunkles Mal gebrannt. Voldemort musste eine Ahnung haben! Es konnte nicht anders sein! Er hatte seine Mittel und Wege, wie er an Informationen kam. Er beherrschte Zauber, an die sich noch nicht einmal Snape gewagt hätte.
Ihr blieb nur zu warten.
Und endlich spürte Suzette wieder das unangenehme Brennen auf ihrem linken Unterarm. Sie fragte sich, was der Dunkle Lord wohl heute mit ihr vorhatte. Warum hatte er sich so lange warten lassen? Wollte er sich jetzt für ihre Untreue umbringen?
Mit weichen Knien schlich sie sich in den Wald und apparierte zum Treffpunkt.
Sie landete vor einem leeren Herrenhaus in der Nähe eines Waldes, der ihr bekannt vorkam. Das Haus ragte auf einem Felsen in den schwarz-blauen Nachhimmel empor. Suzette entdeckte die offene Tür und trat ein. Drinnen war es dunkel, dreckig und furchtbar muffig. Man hätte hier ohne weiteres einziehen und wohnen können, wenn man es nur renoviert hätte, gesäubert und durchgeheizt. Die winterliche Kälte war in alle Räume gezogen. Kein Zweifel: Diesen Haus war vor Jahren verlassen und niemals danach wieder betreten worden.
Suzette stieg eine knarrende Treppe nach oben in den ersten Stock, so sie in einem Zimmer, dessen Tür offen stand, einen schwachen Lichtschein erkennen konnte.
Sie trat näher und erkannte in einem alten Schaukelstuhl, der mit Spinnenweben übersäht war, Lord Voldemort sitzen, wie er das Kinn seiner Schlange streichelte: „Da bist du ja!", sagte er und schaute auf, ihr in die Augen. Lange hatte ihr niemand mehr so intensiv in die Augen gesehen, dachte Suzette und musste ganz schön an sich halten, dass sie nicht alle Okklumentik fallen ließ.
„Ich habe dir viele meiner Geheimnisse anvertraut, Suzette!", fing er an, „Es gibt noch zwei weitere, die ich dir nicht so ohne weiteres zeigen kann.".
„Noch zwei Horkruxe?", fragte Suzette mit zittriger Stimme.
„So ist es.", antwortete der Dunkle Lord mit seiner leisen und seltsam hohen Stimme, „Weißt du, wo wir uns heute befinden?", fragte er, ohne auf die Frage von vorhin näher einzugehen.
„Nein.", sagte Suzette.
„Sieh aus dem Fenster.".
Suzette tat es und nachdem ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte erkannte sie die dunklen Fichten im Wald unter ihnen und zwischen drin ein kleines Hüttchen, dem das Dach und ein erheblicher Teil einer Wand fehlte: „Dort unten ist die Hütte! Die Hütte der Gaunts.", stellte Suzette fest.
„Ganz recht! Dies ist das Elternhaus meines Vaters. Es ist das Haus der Riddles.".
„Es steht leer?", fragte Suzette.
„Niemand wagt es hier einzuziehen, nachdem alle seine einstigen Bewohner auf unerklärliche Weise verstarben.", Voldemort lachte, „Die wird unser letztes Treffen dieser Art sein, Suzette.".
Das Mädchen schluckte.
„Ich habe die meine Vergangenheit gezeigt und dir erklärt wie ich zu dem wurde, was ich bin und jetzt liegt es an dir zu werden. Zwei Horkruxe fehlen noch, du hast ganz recht! Einer liegt sicher verwart an einem Ort, an dem er mir noch gute Dienste erweisen wird, der andere wird seinen gebührenden Platz bald finden. Zwei Horkruxe und zwei Dinge, die du bald erlangen wirst: Erfahrung und Stolz.".
„Es fehlt noch ein letzter Horkrux!", bemerkte Suzette, als sie nachgezählt hatte, „Das Symbol für eure Stärke, wenn ich mich nicht irre.".
„Oh! Du irrst dich nicht! Sehr aufmerksam! Meine Stärke! Ich nehme an, du hast von Arthur Weasley gehört?".
Suzette nickte und sah mit einer unbändigen Abscheu auf Nagini.
„Ganz Recht!", nickte der Dunkle Lord.
„Ein Lebewesen?", fragte Suzette, denn das war sehr ungewöhnlich für einen Horkrux.
„Genug! Lenk nicht vom Thema ab! Ich möchte, dass du nun anfängst zu werden! Suzette ich habe einen Auftrag für dich!".
Das Mädchen schluckte wiederum und die Angst breitete sich von ihrem Herzen aus in ihrem ganzen Körper aus. Sie sagte jedoch nicht, was Voldemort offensichtlich missfiel. Er hätte es gerne gehabt, wenn Suzette ihn nach ihrer Aufgabe gefragt hätte.
„Die Dementoren von Askaban sympathisieren mit uns, doch das Ministerium hat sie immer noch unter Kontrolle. Dementoren haben wie du weißt keinen eigenen Willen. Sie befolgen Befehle. Noch hat Fudge das letzte Wort, doch Fudge ist schwach und er wird schwächer mit seiner Ignoranz.".
Suzette nickte.
„Die Dementoren gehorchen nur dem, der stark ist. Ich habe meine Todesser im Ministerium eingeschleust und sie sind stark. Du bist stark! Es sollte dir ein leichtes sein, die Dementoren von Askaban zu kontrollieren und die treusten meiner Anhänger endlich aus diesem unwürdigen Loch zu befreien.".
„Was?", entglitt es Suzette.
„Ich will, dass du nach Askaban gehst und Bella, Rodolphus, Rabastan, Mulciber und die anderen, die mir nach wie vor treu sind, befreist! Sie haben schon viel zu lange auf mich warten müssen. Du kannst nicht direkt nach Askaban apparieren, als rate ich dir einen Besen mitzunehmen, um zur Gefängnisinsel zu gelangen. Du wirst niemandem ein Wort davon sagen, auch Severus nicht! Du wirst das allein durchführen, denn du allein bist es würdig, diese Aufgabe für mich zu übernehmen. Du hast zwei Wochen!", er disapparierte und ließ Suzette im stockdunklen Zimmer zurück. Es roch immer noch modrig und die Stille schien sich in ihren Kopf zu fressen, bis sie bitterlich anfing zu weinen.
Es war ein Test, ohne Zweifel! Er wollte sie testen. Testen oder bestrafen, dafür, dass sie mit Dumbledore klüngelte. Niemals würde sie es schaffen die Gefangenen aus Askaban zu befreien! Das war ein Todesurteil!
Suzette verbrachte die ganzen restliche Nacht in dem verkommenen Herrenhaus am Waldrand. Sie wandelte von Zimmer zu Zimmer, ohne zu wissen, was sie suchte. Sie fand nichts weiter als Staub, morsche Möbel und zersplitterte Dielen und Holzerverkleidungen.
Nach Askaban!
Zwei Wochen!
Und kein Wort zu Snape!
Sie erinnerte sich an Severus' Ratschlag: „Halte dich an alle Regeln, die deine Feinde dir auferlegen!"
Mit einem rötlichen Lichtschimmer am östlichen Horizont kündigte sich erbarmungslos der Morgen an. Der Wald bekam langsam seine dunkelgrüne Farbe zurück und ein Hahn krähte in der Nachbarschaft. Es würde ein schöner Tag werden. Keine Wolke schwebte am Himmel, doch es war kalt. Das Gras am Boden war mit einer kristallenen Eisschicht überzogen und sogar im Haus konnte man seinen Atem als Dampf sehen.
Weiter im Norden, in Hogwarts, lag schon seit Wochen, seit den heftigen Winterstürmen eine geschlossene Schneedecke, hier war nur der Boden gefroren.
Suzette wischte sich die kalten Tränen und das angetrocknete Salz aus dem Gesicht, stieg die Treppe hinunter und trat ins Freie. Ein Rabe landete auf einem kahlen, knöchernen Baum wie ein Todesbote. Er schimpfte über Suzette. Wie konnte sie es wagen, die Ruhe und den Frieden dieses Hauses zu stören?
„Ist ja schon gut!", murmelte Suzette dem Vogel zu und disapparierte.
