24. Okklumentik

Kaum war sie zurück im Schloss, kam auch schon Snape auf sie zu: „Ich möchte, dass du heute Abend in meinem Büro bist. Potter wird seine ersten Okklumentik-Stunde bekommen und der Dunkle Lord hat mir einige Dinge anvertraut, die dich auch interessieren sollten.".

Er sprach sie mit keinem Wort darauf an, dass ihr Gesicht völlig verheult war und sie immer noch schniefte.

„Außerdem würde es dir ganz gut tun, wenn du deine Okklumentik ein bisschen auffrischen würdest!", er schritt fledermausartig an ihr vorbei in sein Klassenzimmer und ließ Suzette auf dem Gang stehen.

Sie musste sich vorbereiten! Wie kam man nach Askaban? Wohin sollte sie apparieren? Wie kam sie an hunderten von Dementoren vorbei? Wie sollte sie die ehemaligen Todesser finden, die sie doch gar nicht kannte?

Am Abend fand sie sich wie besprochen in Snapes Büro ein, wo sie auf Potter warteten. Snape war ein wenig gereizt und Suzette tat gut daran, ihn nicht anzusprechen. Er war damit beschäftigt, einige seiner Gedanken in Dumbledores Denkarium einzugeben und wirkte dabei seltsam nervös.

Endlich trat der verschüchterte Junge durch die Tür zum Büro des Tränkemeisters.

„Guten Abend Potter! Lassen sie mich eines klar stellen: Ich bin und bleibe ihr Lehrer! Sie nennen mich Professor oder Sir! Sollte sie jemand fragen, was sie abends in meinem Büro tun, sagen sie ihm, ich erteile ihnen Nachhilfe in Zaubertränke. Niemand wird das anzweifeln, sie hätten es bitter nötig.".

Potter nickte und blickte von Snapes verhärtetem Gesicht auf Suzette die scheinbar ins Leere starrte und völlig in Gedanken versunken schien.

„Okklumentik ist die Kunst seinen Geist vor dem Eindringen Dritter zu verschließen. Man sagte mir, sie hätten schon einiger Erfahrung darin, sich gegen den Imperius-Fluch zu wehren, also denke ich, dass ihnen dies hier nicht mehr allzu schwer fallen wird.".

„Professor Snape, Sir, können sie mir sagen was mit mir passiert ist, als...", fragte Harry zaghaft.

„Sie haben eine seltsame Verbindung zum Dunklen Lord, die zweifellos daherrührt, dass sie es waren, der sein Verschwinden vor 15 Jahren begründet hat. Der Dunkle Lord selbst war sich dieser Verbindung immer bewusst. Dass er ihnen, diesen Traum mit dem Überfall auf Arthur Weasley geschickt hat, war jedoch ein Unfall. Wir müssen verhindern, dass er sie für seine Pläne missbraucht!", erklärte Snape.

„Bin ich die Waffe, von der Professor Dumbledore gesprochen hat?".

Suzette horchte auf. Welche Waffe? Was lief da hinter ihrem Rücken im Orden ab?

Snape antwortete nicht darauf: „Der Dunkle Lord wird sicher versuchen diese Verbindung für sich zu nutzen. Sie müssen also lernen, wie sie sich vor dem Eindringen fremder Gedanken schützen.".

„Aber...", wollte Harry anfangen, doch Snape war schneller: „Bei der Okklumentik geht es darum seinen Geist leer zu machen von Gefühlen und Gedanken, sodass ein Angreifer dort drin nichts vorfindet, was er gegen sie verwenden könnte. Ich werde jetzt per Legilimens in ihren Geist eindringen und sie werden versuchen sich zu wehren.".

„Entschuldigen sie, was ist Legilimens genau? Was werden sie tun? Wie soll ich...".

„Mit Hilfe der Legilimentik kann ich in ihren Verstand eindringen und ihre Erinnerungen durchstöbern, mir ansehen, was sie gesehen haben, was sie fühlen und was sie bewegt. Man benötigt dazu für gewöhnlich Augenkontakt und einen offenen Geist.", erklärte Snape.

„Eine Art Gedankenlesen?", fragte Potter.

„Da sehen wir mal wieder, was ihnen hier, wie auch beim Tränkebrauen fehlt Potter! Feingefühl für die Details. Der menschliche Verstand lässt sich nicht aufklappen und lesen wie ein Buch. Ich kann nur das sehen, was sie mir bereitwillig zeigen. Bei der Okklumentik geht es darum ihre Gefühle wegzuschließen, sodass ich sie gerade NICHT finde. Dummköpfe, die stolz das Herz auf der Zunge tragen, die ihre Gefühle nicht beherrschen können, die in traurigen Erinnerungen schwelgen und sich damit leicht provozieren lassen - Schwächlinge, mit anderen Worten - sie haben keine Chance gegen die Kräfte des Dunklen Lords! Ich werde versuchen in ihren Verstand einzudringen und sie versuchen sich dagegen zu wehren. Am besten mit ihrem bloßen Willen, oder durch einen Zauber. Verschließen sie alle ihre Gedanken, Erinnerungen und Gefühle!".

Snape hob seinen Zauberstab und richtete ihn direkt auf Harry, als er ganz leise, fast unhörbar murmelte: „Legilimens!".

Harry verdrehte die Augen, als verließe er selbst gerade seinen Körper. Er taumelte und brach nach vorne zusammen.

Snape grinste, zog den Stab weg von Harry, der wieder zu sich kam und erst jetzt realisierte, dass er gefallen war.

Suzette kam dieses Szene äußerst unwirklich vor. Es machte ihr Angst, denn die ganze Übung schien Harry sehr nahe zu gehen, er litt und er wirkte schwach.

„Wem gehörte der Hund?", fragte Snape belustigt.

„Meine Tante, sie züchtete diese Viecher.".

„Wollen wir es noch einmal versuchen?", fragte Snape, ohne dass er auf ein Nein eingegangen wäre, „Legilimens!".

Harry war noch gar nicht breit gewesen und fiel wiederum zu Boden.

„Aufstehen!", knurrte Snape und Harry richtete sich langsam und umständlich auf.

„Können wir eine Pause machen?", fragte er um Luft ringend. „Der Dunkle Lord macht keine Pausen!", lautete die Antwort und Snape richtete seinen Zauberstab wiederum auf den Jungen: „Legilimens!".

In diesem Moment schritt Suzette ein: „Gib ihm doch Zeit durchzuamten! Er macht das zu ersten Mal! Er... Siehst du nicht, dass das so nichts bringt?!". Snape blickte kurzzeitig von Harry zu Suzette und wollte etwas sagen. Doch Harry nutzte diese Unachtsamkeit seines Lehrers, hob seinen Zauberstab und sprach: „Protecto!".

Snape fiel zurück auf den Boden und es dauerte einen Augenblick, bis er seine Sinne wieder beisammen hatte.

„Hmm... Das war doch schon mal ein Anfang!", gab Snape zu, „Doch sie können den Dunklen Lord nicht mit einem Bannzauber von ihrem Geist fern halten!".

„Entschuldigen sie, Sir...", begann der Junge, doch Snape wollte nicht über das sprechen, das Harry gerade in seinen Gedanken gesehen hatte.

„Verschließen sie ihren Geist...".

„Halt!", rief Suzette, „Schau ihn dir an! Das wird heute nichts mehr! Der Junge ist fertig!". Suzette wusste nicht, was ihr plötzliches Mitgefühl mit Potter begründete, aber sie hatte unglaubliche Angst, dass der Legilimens-Zauber Potters Geist womöglich erst recht öffnete, dass der Junge seine eigenen Erinnerungen nicht mehr in den Griff bekam und seine Augen ein offenes – ein noch offeneres – Fester für Voldemort werden könnten.

Snape senkte seinen Zauberstab und genehmigte Potter eine Pause.

„Eine Frage, Professor, Sir! Wie kann Voldemort ohne Augenk...".

„Etwas mehr Respekt!", rief Snape wütend.

Potter wusste nicht, was er falsch gemacht hatte. Snape musste als Todesser die Nennung des Namens doch ertagen können.

„Der Dunkle Lord ist einer der größten Magier unserer Zeit, womöglich der Geschichte. Die Nennung seines Namens ist nur denjenigen vorbehalten, die ihm ebenbürtig sind! Und davon sind sie noch weit entfernt, Potter!".

„Dumbledore nennt ihn beim Namen!", gab Potter frech zurück und Snape richtete seinen Zauberstab erbarmungslos auf den Jungen: „Legilimens!".

Harry fiel sofort zu Boden und begann zu schreien. Snape ließ nicht locker, auch als Suzette ihn ermahnte, ihn anbettelte, ihn anschrie.

Dann ganz plötzlich löste Snape die Legilimentik ließ Harry aufstehen und blickte ihn besorgt an: „Genug für heute!".

Suzette und Harry atmeten gleichermaßen auf.

„Ihre Aufgabe ist es, zu üben ihren Geist zu verschließen, bevor sie einschlafen! Ich warne sie, ich werde es herausfinden, wenn sie nicht üben! Bedenken sie, dass es äußerst wichtig ist. Wichtiger als – sagen wir – ein kurzer Kuss im Mondschein?", Snape grinst überheblich.

Potter verließ schnellen Schrittes die Kerker ohne sich umzublicken.

„Findest du das nicht ein bisschen hart?", fragte Suzette schließlich.

„Er muss es lernen und er muss es schnell lernen! Der Dunkle Lord schickt ihm bereits Träume um ihn zu manipulieren, du weißt es und ich habe es gerade gesehen! Er zeigt Potter den Gang zur Mysteriumsabteilung! Weiß der Teufel warum! Er muss es so schnell wie möglich, so gut wie möglich lernen. Da haben wir keine Zeit für Pausen oder einen sanften Einstieg! Das hier ist ernst!", sagte Snape aufgebracht.

„Die Mysteriumsabteilung? Was will er dort?", fragte Suzette.

„Ich weiß es nicht, aber wir müssen Potter davon abhalten...".

„Er wird doch nicht etwa versuchen...".

„Schon viele Zauberer haben ihre Fähigkeiten überschätzt und damit ihr Leben aufs Spiel gesetzt!", sagte Snape und blickte dabei Suzette durchdringend in sie Augen.

Doch sie war sich sicher, Severus musste nichts von ihrem Auftrag. Er konnte es nicht wissen, da es eine Bestrafung war.

„Potter ist so arrogant und so selbstgefällig wie sein Vater, deshalb fällt es ihm schwer seine Gedanken zu kontrollieren. Er ist mit allem viel zu schnell bei der Sache. Er ist einer dieser Narren, die jedem ihre innersten Gefühle anvertrauen. Er vertraut zu leicht!", überlegte Snape.

„Er ist noch fast ein Kind! Was erwartest du?".

„Disziplin!", lautete die knappe Antwort, „Er ist sich nicht bewusst, wohinein er geraten kann mit seinem Leichtsinn!".

„Er kann doch nichts dafür...", etwas besseres fiel Suzette nicht ein.

„Wovor hast du Angst, Suzette?", fragte Snape und blickte sie an.

„Was, wenn das alles hier in die Hose geht? Ich meine, wenn du seine Gedanken so durcheinander bringst, dass er sie selbst nicht mehr sortieren kann und er womöglich noch angreifbarer wird? Wenn du ihm mit dem ständigen Legilimens seinen Geist erst recht öffnest?", sagte Suzette endlich.

„Wovor hast DU Angst?", wiederholte sich Snape.

„Der Dunkle Lord könnte durch seine Augen uns sehen. Und Dumbledore und alle Geheimnisse der Ordens!".

„Deshalb soll er ja Okklumentik lernen! Wenn der Dunkle Lord erste einmal herausgefunden hat, wie er es am besten anstellt, wie er die Verbindung am effektivsten ausnutzen kann, dann hat er ein glasklares Fenster zum Phönixorden und seinen Feinden! Noch hat er es aber nicht gänzlich herausgefunden, was man daran sieht, dass er Potter die Vision mit Arthur Weasley unwillentlich geschickt hat. Wir haben nicht mehr lange Zeit, bis er die Okklumentik beherrschen muss!", erklärte Snape.