26. Gedanken über...

Sie hatte es geschafft! Sie hatte über den Dunklen Lord triumphiert! Sie war seinem Todesurteil entgangen. Sie rannte euphorisiert über die verschneite Wiese zwischen verbotenem Wald uns dem Schloss. Jetzt war noch nicht die Zeit dazu sich zu fragen, ob es das richtige war, was sie getan hatte, warum die Dementoren nur sie angegriffen hatten, nicht aber die Flüchtenden und wo zur Hölle das Synästhesium hergekommen war. Sie brauchte erst mal ein bisschen Abstand, bevor Suzette es zulassen konnte, dass diese Fragen sie quälten.

Sie war viel zu aufgeregt zum Schlafen und machte sich gleich auf dem Weg zum Frühstück, wo sie sich mit Schokolade voll stopfte.

„Wo warst du heute Nacht?", knurrte Snape fast unhörbar und Suzette schüttelte den Kopf, denn Umbridge betrat gerade die große Halle.

Doch sie konnte diesem unangenehmen Gespräch nicht entgehen. Noch vor dem Mittagsessen hatte Severus es geschafft Suzette allein zur peitschenden Weide zu schleppen und ihr die Frage erneut, nur noch weitaus ungeduldiger, zu stellen: „Also? Wo warst du?".

Suzette sagte nicht und starrte nur auf den Boden.

„Erklär mir das hier!", er hielt ihr eine aktuelle Ausgabe des Tagespropheten unter die Nase: Auf der Titelseite konnte man die Schlagzeile lesen, dass Sirius Black letzte Nacht zehn seiner Todesser-Kollegen zur Flucht aus Askaban verholfen hatte. Wie er das gemacht hatte, wusste man nicht, nur dass jetzt zehn der schlimmsten Verbrecher der Geschichte wieder auf freiem Fuß seien. Den Rückschluss, dass Voldemort wieder da war, zog man allerdings nicht.

„Hast du was damit zu tun?", knurrte Snape wütend.

Suzette wollte und konnte keine Geheimnisse vor Severus haben, früher oder später würde er alles herausfinden und er hatte obendrein ein Recht darauf alles zu wissen, also rückte sie heraus mit der Sprache: „Er hat es mir aufgetragen! Ich konnte nicht anders! Er... Ich glaube er ist misstrauisch! Er ahnt etwas und...", erklärte Suzette schnell.

„Bist du wahnsinnig geworden? Alleine in Askaban reinzuspazieren und die zehn gefährlichsten noch lebenden Verbrecher zu befreien! Suzette, das war der pure Leichtsinn!", echauffierte sich Snape.

„Der Dunkle Lord...", fing Suzette an. Sie wurde wütend, denn Snape macht gerade so, als hätte sie eine Wahl gehabt.

„Und du bist lebendig wieder raus gekommen! Respekt!", erklärte der Tränkemeister mit einem bitteren Lächeln auf den dünnen Lippen, „Ich denke, du hast seine Prüfung bestanden.".

„Weiß Dumbledore etwas davon?", fragte Suzette plötzlich.

„Niemand kann sagen, was genau er alles weiß.", lautete die Antwort.

„Das Synästhesium! Es ist mir plötzlich aus der Tasche gefallen und hat mir das Leben gerettet.", erzählte Suzette.

„Nun, du hast es wohl gebraucht.", sagte Snape geheimnisvoll.

„Also doch ein Auffindezauber!", stellte Suzette fest.

„Der Schulleiter ist sehr an deiner Sicherheit interessiert. Ich denke, dass er das Synästhesium mit diesem Zauber belegt hat, damit es dich in genau solchen Situationen daran erinnert, wer du bist. Professor Dumbledore ist nicht so naiv, wie sein Humor vielleicht vermuten lässt. Er weiß genau, in welche Situationen der Dunkle Lord seine Gefolgsleute bringt, wenn er sie prüfen will. Dementoren ernähren sich von positiver Energie, von glücklichen Erinnerungen und Gefühlen. Keine Okklumentik der Welt kann ihnen deine Seele verbergen, aber du kannst die Dementoren austricksen. Der Patronus ist ein geballter Spiegel deiner Seele, der sie ablenkt und das Lied, welches das Synästhesium in dir weckt, erleichtert diesen Vorgang. Er lässt deine Gefühle an die Oberfläche dringen und konserviert sie in deinem Lied. Dort sind sie sicher vor Dementoren und sie bilden gleichzeitig einen Schutzwall vor ihrem Einfluss.".

Suzette nickte zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.

„Aber wieso haben die Dementoren die fliehenden Todesser nicht angegriffen? Nur mich?!", wollte Suzette weiter wissen.

„Dementoren können nicht sehen. Sie spüren nur die Seelen. Und jetzt entscheide: Welche Seele ist wohl die begehrenswertere? Bellatrix' oder deine? Ich nehme an die Todesser strahlen einfach kaum eine innerliche Regung aus, die ein Dementor wahrnehmen kann. Diese Leute haben immer nur gehasst!".

„Du wusstest von meinem Auftrag, nicht wahr?", fragte Suzette und blickte ihm mit einem Mal scharf in die Augen.

„Ich wusste davon und ich habe gehofft, dass du es mit Hilfe des Synästhesium schaffst und dir meine Ratschläge zu Herzen genommen hast.", meinte Snape, drehte sich um, drückte auf den Wurzelknoten am Fuß der peitschenden Weide, sodass diese wie wild um sich zu schlagen begann und ging wieder zurück in Richtung Schloss.

Suzette wich vor den Ästen des Baumes zurück und schlich dann ebenfalls zurück ins Schloss. Sie war froh, dass die Sache endlich geklärt war, dass sie es jemandem erzählt hatte und Snape ihre Tat nicht verurteilte.

Dumbledore und Snape arbeiteten also sogar zusammen, wenn es darum ging, ihren Auftrag für Voldemort zu erfüllen? Wessen Spielball war sie hier eigentlich? Ein wenig verwirrte sie die ganze Konstellation.

Dumbledore hatte einmal gesagt, dass sich alle Zauberer, jetzt entscheiden mussten: Zwischen dem einfachen und dem richtigen Weg. Suzette kamen beide Wege weder einfach noch richtig vor. Es war die Entscheidung an sich, mit der sie sich schwer tat und das wusste sie und das wusste der Dunkle Lord und Dumbledore sowieso.

Da war sie also! Zurück von ihrer Kamikaze-Mission in Askaban. Ihre eigene künstlerische Seele hatte ihr diesmal das Leben gerettet. Hier war sie! Die zehn schlimmsten Verbrecher befreit und immer noch in der Gunst des alten Mannes stehend!

Sie fühlte sich mehr als allein in diesem Augenblick. Sie hatte keine Ahnung, was um sie herum geschah und was irgendjemand über ihren Kopf hinweg plante. Sie misstraute mit einem Mal jedem.

Snape hatte von ihrem Auftrag gewusst, ihr aber keine Hilfe angeboten! Dumbledore hat das Synästhesium verhext, damit es sie in einer solchen Situation retten würde, ihr aber nicht gesagt, dass sie in eine solche Situation überhaupt hinein geraten könnte!

Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihr nicht. Am folgenden Samstag, dem Valentinstag, war ein Hogsmeade-Ausflug angesetzt und Suzette hatte herausgefunden, dass Cho sich mit Harry in diesem Kitschcafé verabredet hatte.

Nie im Leben würde sie dorthinein einen Fuß setzen, das hatte sie sich schon während ihrer Schulzeit in Hogwarts geschworen. Und so entschied sie sich, Potter und seiner Freundin nicht allzu dicht auf die Pelle zu rücken. Sie verstand ohnehin nicht, warum sie ihn immer noch observieren musste, wo doch der gesamte Orden, die besten Auroren ein Auge auf ihn hatten und sie denen mehr als verdächtig vorkommen musste. Auch glaubte sie Potter nicht in akuter Gefahr. Niemand hatte es auf ihn abgesehen, höchstens er selbst konnte sich in gefährliche Situationen bringen.

Potter vor sich selbst zu schützen war eine undankbare Aufgabe, denn der Junge wollte einfach keine Lehre annehmen.

Er vertraute Suzette nicht. Er hasste sie. Er verachtete sie. Obwohl er wusste, dass sie ihm zu Seite stehen würde, dass sie ihm zwei Mal das Leben gerettet hatte, drang der Gedanke, dass sie auf seiner Seite stand, nicht zu ihm durch.

Er glaubte nicht, dass er Hilfe benötigte und es war ihm unangenehm ständig unter Beobachtung zu stehen.

Potter kam sich großartig vor, glaubte Suzette. Er macht einen auf Lehrer, auf erfahren im Umgang mit den Dunklen Küsten. Er hielt sich für wichtig. Ihm war sein Ruhm zu Kopf gestiegen!

Suzette war suspendiert worden! Wieso war sie überhaupt noch hier? Was lag Dumbledore an ihr? Harry konnte immer noch nicht verstehen, wie sein Schulleiter es zwei Todessern erlauben konnte an seiner Schule zu leben.

Potter hatte keine Ahnung, wo er hinein geraten war. Er war naiv und Suzette musste das ausbaden!

Suzette gab sich hochnäsig, ganz so wie eine echte Slytherin, die er so verabscheute. Er verabscheute Menschen, die sich mit den Dunklen Küsten einließen, einfach nur, weil sein Vater das auch getan hatte.

Potter war leichtsinnig wie sein Vater, den Suzette nur aus den Erzählungen Snapes kannte. Er überschätzte sich selbst und machte sich gerne wichtig, ohne der Wert der anderen schätzen zu lernen. Suzette fragte sich, wie Ron es nur im eingebildeten Schatten dieses Typen aushalten konnte. Und noch dazu war er faul und ungeschickt im Zaubern.

Suzette hatte in ihrem Leben, ihn ihrem kurzen Leben, bewiesen, dass sie Dumbledore nicht loyal war. Wie konnte er ihr also erneut vertrauen? Potter fühlte sich in der Nähe dieses Mädchens immer irgendwie unter Druck gesetzt. Sie wollte immer alles besser wissen und spionierte ihm hinterher. Und noch dazu war sie eine faul und ungeschickt im Zaubern.

Die Blicke der beiden trafen sich, als Potter gerade etwas zu Cho sagte und in einem ausweichenden Blick aus dem Fester sah und unvermittelt Suzette erspähte, wie sie mit ihrem Raben auf der Schulter die Straße scheinbar ziellos entlang flanierte.

Potters Narbe brannte kurz auf und auch Suzette bemerkte den stechenden Blick in ihrem Herzen, als würde ihr Blut mit einem Mal schockgefroren.

Es dauerte nicht lange, da rannte Cho Chang auch schon heulend aus dem niedlich rosa dekorierten Kitschcafé. Potter hatte es mal wieder geschafft. Suzette amüsierte sich über die kindliche Ungeschicklichkeit des Jungen und hatte gleichzeitig ein wenig Mitleid mit Hermine, die als einziges Mädchen in der Clique von Potter und Weasley offensichtlich niemals als solches wahrgenommen worden war.

Potter kam ebenfalls aus dem Café geschlichen. Er hatte einen hochroten Kopf der sich als Mischung aus peinlicher Berührung und Wut deuten ließ. Er stob an Suzette vorbei, ohne sie einen Blickes zu würdigen und hielt stur, ohne nach links oder rechts zu sehen, ohne auch nur nach links oder rechts zu denken, auf die Drei Besen zu.

Er betrat das Lokal mit einem finsteren Blick. Eine solche Begrüßung hatten Hermine und Ron sich sicherlich nicht vorgestellt. Auch hatten sie erwarten, dass Cho Harry begleiten würde. Sie fragten nicht danach.

Suzette wagte es nicht das Lokal zu betreten, denn sie hatte dort immer noch Hausverbot. Es wurde nie aufgehoben, obwohl sie heute wohl nicht mehr hinausgeworfen worden wäre, nachdem sie bewiesen hatte, dass sie auf der „guten" Seite stand. Sie hatte einfach ihren Stolz. Man hatte sie hier ungerecht behandelt, als würde man hier auf ihre Anwesenheit und ihr Geld verzichten müssen.