28. Der Verdacht
An einem Abend war Snape sehr ungehalten. Der Tee, den er kochte, war so stramm, dass Suzette keinen Schluck davon nehmen konnte und schon beim Einatmen der Dämpfe Halluzinationen bekam.
„Was ist los?", fragte sie den böse drein stierenden Lehrer.
„Er lernt es nicht! Heute habe ich gesehen, was er träumt. Er hat den Dunklen Lord gesehen, wie er mit den Todessern gesprochen hat. Er hat den Flur der Mysteriumsabteilung gesehen. Ich habe das Gefühl, dass es zu spät ist. Er ist viel zu neugierig, um sich diesem Bild zu entziehen! Er übt nicht!", bellte Snape außer sich.
„Keinerlei Fortschritte?", fragte Suzette vorsichtig nach.
„Ein kleiner Schildzauber. Mehr nicht!".
„Er ist sich der Situation nicht bewusst und Dumbledore klärt ihn nicht auf! Es bleibt alles an mir hängen und mir vertraut der Dummkopf nicht.".
„Wenn ich mal mit ihm rede?", versuchte Suzette zu vermitteln.
„Untersteh dich! Du hast Umbridge gehört! Ein falsches Wort und die fliegst ganz offiziell aus der Zauberergemeinschaft!", mahnte Snape, doch Suzette beschloss diese Warnung in den Wind zu schlagen. Es war ihre Aufgabe, Potter zu beschützen, nach wie vor. Und wie konnte es Dumbledore gemeint haben, wenn nicht so. Auroren und Kämpfer hatte er genug um sich, aber keinen, der ihm konkrete Warnungen geben konnte.
„Was sagst du zu Firenze?", fragte Suzette, um von Thema und ihrem gefassten Entschluss abzulenken.
Professor Trelawney war am Nachmittag suspendiert worden, woraufhin Dumbledore Firenze als neuen Lehrer für Wahrsagen eingesetzt hatte, um dem Ministerium zuvorzukommen, was das Anstellen eines neuen Lehrers betraf. Trelawney hatte eine denkwürdige Szene hingelegt, war besoffen von ihrem Turm heruntergetorkelt, durfte aber schließlich doch weiterhin in ihrem Zimmerchen wohnen.
„Geschickter Schachzug!", gab Snape zu, „Aber ob ein Zentaur... Ich meine, seine Herde wird ihn höchstwahrscheinlich umbringen, sollte er auch nur einen Huf zurück in den Wald setzen.".
Suzette nickte abwesend.
„Da siehst du, zu was das Ministerium dieser Tage fähig ist. Ich sag dir Hagrid ist der nächste! Und wenn Minerva so weiter macht, dann wackelt ihr Stuhl ebenfalls enorm.", Snape grinste fies.
„McGonagall ist zu gut, als dass die sie rauswerfen! Sie kann es sich leisten und sie weiß es auch.", sagte Suzette, aber Snape antwortete nicht.
Ende März gab es Osterferien, recht früh dieses Jahr. Von Pip wusste Suzette, dass ein letztes DA-Treffen angesetzt war und sie wollte endlich mit Potter sprechen.
Seit einiger Zeit hatte sie es vor sich her geschoben, doch es geb keine besonderen Vorkommnisse. Die Schüler lernten für unzählige Tests und Okklumentik lief schleppend wie zuvor. Der Dunkle Lord rief sie nicht und in der Lerngruppe übten sie den Patronuszauber. Suzette hatte sich eine Zeit lang der Idee hingegeben, der Krieg stünde nicht unmittelbar bevor und es sei ein ganz normales Schuljahr für Harry und die anderen.
Erst als Pip ihr zuflüsterte, er hätte auf der verzauberten Münze von Neville Longbottom das Datum des nächsten Treffens lesen können, erinnerte Suzette sich an ihr Vorhaben, Potter noch einmal ein zu schärfen, er müsse Okklumentik lernen.
Sie hetzte hinüber zum Gryffindor-Turm, wo sie plötzlich hinter sich einen energisch trippelnden Gang vernahm. Sie drehte sich erschrocken um. Natürlich wollte sie hier nicht erwischt werden, doch es war zu spät. Umbridge hatte sie gesehen.
Die dicke Frau zerrte eine kleine Ravenclaw-Schülerin hinter sich her, die ihr Gesicht und ihr Weinen hinter ihren Händen verbarg. Das Mädchen war ganz aufgelöst, doch Umbridge hatte im Augenblick nur Interesse für Suzette: „Miss Smith!", sie grinste triumphierend über das ganze teigartige Gesicht, „Ich denke, ich habe auch ohne ihre Informationen, Potters geheimer Untergrundorganisation Einhalt gebieten können. Sie sehen also, das Ministerium ist nicht zu umgehen. Ich wünsche, dass sie mir folgen!".
„Wieso?", fragte Suzette überrascht und schockiert.
„Sie haben mir, der Großinquisitorin von Hogwarts, die Aussage verweigert. Ich finde es nur gerecht, dass auch sie eine Strafe erhalten. Ihr Verhalten war ohne Zweifel gegen die Autorität des Ministeriums und meine Person gerichtet. Sie haben somit eine verbrecherische Organisation gedeckt!".
In Suzette begann die Wut hoch zu kochen: „Sind sie wahnsinnig geworden? Was...".
„Kind! So reden sie nicht mit mir!", sprach der Froschmund und formte sich zu einer fiesen Grimasse, „Sie werden Potter übrigens nicht hier finden. Ich denke mein Inquisitionskommando hat ihn bereits ausfindig gemacht und gefasst.".
„Ihr was?", rief Suzette erzürnt.
„Mister Malfoy und seine Freunde waren so nett, mir zu helfen, die neuen Regeln durchzusetzen. Ich denke, sie haben die kriminellen Elemente bereits aufgestöbert und verhaftet.".
„Aber wo...", setzte Suzette an.
„Kommen sie mit mir. Der Schulleier und der Minister erwarten uns bereits.".
Suzette folgte der dicken Frau und dem flennenden Mädchen an ihren Hand, das sie wie ein Kleinkind hinter sich her zog.
„Was haben sie im Gryffindor-Turm zu suchen gehabt? Was wollten sie Potter mitteilen? Was wissen sie, Suzette?", röchelte Umbridge ohne sich umzuschauen mit unüberhörbarer Tücke in der Stimme.
Suzette antwortete nichts. Bei Umbridge konnte sie nur zu gut auf stur schalten.
Sie kamen in Dumbledores Büro an und tatsächlich wartete dort nicht nur der Schulleiter, sondern auch Cornelius Fudge, der Zaubereiminister. Außerdem erkannte Suzette Professor McGonagall, einen der Weasley-Kinder, sowie zwei Auroren aus dem Phönixorden, die sich an der Tür postiert hatten.
Nur ein paar Augenblicke nach Suzette zerrte auch schon Draco Potter in das kleine Turmzimmer und die Standpauke konnte losgehen.
„Nun Potter", Dolores Umbridge erhob ihre großmütterliche Stimme, „Sie sind auf frischer Tat ertappt und haben nichts zu ihrer Verteidigung zu sagen!".
„Aber...", wehrte sich Potter.
„Ich habe eine Zeugin!", Umbridge wies auf das verschüchterte Ravenclaw-Mädchen, die jedoch keinen Ton vor sich gab. Auch als die Beamte ihr gut zu sprach, sie anbettelte, hier in aller Öffentlichkeit zu wiederholen, was sie ihr schon verraten hatte, blieb das Mädchen still und weinte vor sich her.
Endlich konnte Suzette auch erkennen, warum sie so eingeschüchtert wirkte: Auf ihrem Gesicht war in knallroten Pickeln das Wort „Petze" zu lesen und Suzette musste ein wenig schmunzeln. Das konnte nur auf Hermines Mist gewachsen sein! Gar nicht schlecht für eine 15jährige!
„Gut, wenn sie nicht reden will... Ich habe noch andere Beweise!", mit einem Mal zückte sie ein Stück Pergament aus ihrem Umhang und breitete es auf Dumbledores Schreibtisch aus. Sie grinste triumphierend: „Ich denke, damit haben wir die Übeltäter ALLE überführt!".
Auf dem Pergament konnte Suzette sämtliche Namen der Mitglieder der Dumbledores Armee lesen. Und darüber stand auch noch feierlich geschrieben, wie sich die konspirative Gruppe selbst genannt hatte.
Suzette dachte daran, dass sie schon vorher gewusst hatte, dass dieses Schriftstück noch einmal gegen sie verwendet werden könnte. Leichtsinnige Gryffindors!
„Ich nehme an diese Elemente werden von der Lehranstalt umgehend verwiesen?", sprach Umbridge zu Dumbledore. Sie war zwar Großinquisitorin von Hogwarts, doch die Stellung des Schulleiters hatte sie damit noch lange nicht inne.
Dumbledore lächelte müde, zuerst Umbridge und dann Fudge an: „Haben sie mich also doch noch erwischt?!".
Alle starrten ihn verdutzt an.
„Es stimmt! Diese illegale Lerngruppe existierte.", sagte er langsam und leise.
„Albus!", entfuhr es McGonagall, doch sie sprach nicht weiter.
„Sie nennen sich „Dumbledores Armee"!", warf Fudge ein.
„So ist es!", sprach Dumbledore, „Ich habe sie wohl unterschätzt, Cornelius!".
„Sie dachten, sie kämen damit durch?", keifte Umbridge mit einem Mal.
„Sie wussten davon?", fragte Fudge noch einmal vorsichtig und der Weasley-Junge neben ihm schrieb alles geschwind mit.
„Oh ja! Ich wusste davon!", gab Dumbledore zu.
„Woher!", griff die Kröte ihn an, „Von dieser Person?", sie deutete auf Suzette, die etwas zusammenzuckte.
„Suzette? Oh! Sie hatte keine Ahnung, Professor Umbridge. Sie ist so ein naives Mädchen, treu, doch leider völlig ungeeignet, was die Revolution angeht. Viel zu gut für diese Welt!", kaum erkennbar zwinkerte er Suzette zu, die das Spiel weiter zu spielen verstand: „Ich sagte es ihnen! Ich habe es ihnen immer gesagt! Ich weiß nicht, wovon die sprechen!", log sie.
„Sie ist Potters Leibwächterin!", rief Umbridge und Weasley schaute erstaunt auf, „Sie können mir nicht weiß machen, dass sie keine Ahnung hat, was der Junge in seiner Freizeit treibt!".
„Ich bin nicht Potters Leibwächterin.", erklärte Suzette ruhig, „Ich bin Professor Snapes Assistentin. Sie haben mich selbst aller Ämter enthoben.".
„Woher wussten sie von der Gruppe?", fauchte Umbridge wiederum in Richtung Dumbledore.
„Nun, sie heißt Dumbledores Armee, nicht? Es liegt doch wohl auf der Hand, dass ich sie selbst ins Leben gerufen habe.".
Acht überraschte Augenpaare schauten den Schulleiter einen Augenblick sprachlos an und der nickte schließlich zur Bekräftigung.
„Ja, ich habe einige meiner besten Schüler zu meiner Elitetruppe ausbilden lassen. Sie haben mich erwischt.".
Er sagte es mit seiner sanftesten, heuchlerischsten Stimme, dass Suzette ihr Abendbrot fast wieder hoch kam.
„Nun, wenigstens sind sie geständig.", stellte Fudge fest, „Ich muss sie nun festnehmen lassen, Professor. Alles, was sie sagen, kann und wird geg...". Weiter kam der Minister nicht, denn Dumbledore blinzelte einmal, was nur Suzette bemerkte und schon brach eine riesige Explosion ein riesiges Loch in die Turmwand, Regals fielen um, der Boden wackelte, alle Personen, die sich im Zimmer befanden fielen vor Schreck oder durch die Erschütterungen zu Boden, schützten ihre Köpfe, mit Ausnahme von Dumbledore und Suzette.
„Wow!", machte Suzette, „Sie können auch diese Sache mit den Augen?".
„Im Gegensatz zu ihnen musste ich hart dafür trainieren. Niemand nimmt ihnen ihre besondere Fähigkeit weg, Suzette, keine Angst.", er lächelte und sah sich im Raum um. McGonagall raffte sich als erste wieder auf, dann Harry und schließlich die beiden Auroren.
„Was werden sie tun?", fragte Minerva etwas beängstigt, „Sie müssen sich verstecken!".
„Ich werde mich nicht verstecken, Minerva. Haben sie Vertrauen zu mir!", dann wandte er sich Harry zu: „Harry, ich werde einige Zeit nicht hier sein können, pass gut auf dich auf und - bitte – gib dir ein bisschen mehr Mühe in der Okklumentik! Es ist sehr wichtig, dass du es lernst! Du wirst es später verstehen!".
Die Blicke der beiden kreuzten sich und Suzette zuckte ein wenig zusammen, denn plötzlich hatte sie wieder das Gefühl unmittelbar in der Nähe des Dunklen Lord zu stehen, dass er sie in diesem Moment ansah.
Dumbledore machte dem Spuck ein Ende, indem er sich wegdrehte, nach Fawkes Schwanzfedern griff und im Disapparieren Suzette zurief: „Bitte seien sie jetzt besonders vorsichtig, Suzette!".
