32. Kurzschluss

Suzette verwandelte Pip sofort in einen Raben zurück, denn sie verstand ihn als Spatz nicht und machte sich nach dem Bericht des Vogels sofort auf die den Weg Potter abzufangen, wenn er nach draußen geschickte wurde.

Keuchend und verschwitzt stolperte der Junge schließlich auf Suzette zu. Er hatte gemerkt, dass es ernst war und er ihre Hilfe brauchte.

Harry schaffte es nicht seinen Kopf hochzuheben und starrte fest und mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden. Damit er nicht zusammenbrach, klammerte er sich mit einem Mal an Suzettes Umhang fest und flüsterte: „Bitte! Du musst mir helfen! Sirius!".

„Potter, kommen sie, sie gehören in den Krankenflügel.", sagte Suzette um Zeit zu schinden.

„Nein!", rief Potter. „Nein! Sirius! Er... Ich habe ihn gesehen... er...".

„Was haben sie gesehen?", schrie Suzette, als der Junge zögerte. Sie zog Potters Kopf nach oben und sah im durchdringen in die Augen. Sein Geist war so weit geöffnet, dass man keine Legilimens benötigte um zu sehen, was Potter gesehen hatte. Doch ehe das Bild sich vor Suzettes innerem Auge komplett aufgebaut hatte, färbten sich Potters Augen feuerrot und trafen auf Suzettes.

Sie ließ von dem Jungen ab, der augenblicklich davon lief, als er bemerkte, dass er hier nicht die Hilfe bekommen würde, die er sich erhoffte hatte.

Das Mädchen konnte gerade noch erkennen, wie Potter die Treppe hinauf stolperte, bevor ihr linker Arm von einem unmenschlichem Brennen heimgesucht wurde, schlimmer als je zuvor.

Dünnes Blut rann in Strömen aus ihrem Ärmel und sie rannte kopflos hinunter in die Kerker.

Blind vor Schmerz suchte sie eine halbe Ewigkeit, bis sie Severus fand, der ihr nicht gerade Mut machte, als er sagte: „Wir haben nicht mehr viel Zeit. Du musst den Dunklen Lord um sein Blut bitten! Heute!".

Sie rannte zurück in den dunklen Gang, dort bildete sie sich ein, waren die Schmerzen nicht gar so schlimm, als sie offensichtlich in jemanden hineinstolperte und zu Boden fiel.

Ihr unscharfer Blick verriet ihr erst einige Zeit später, dass es Malfoys Hand war, die ihr aufhelfen wollte. Vor ihr stand einen ungeduldige Gruppe Slytherins mit den Schärpen des Inquisitionskommando bestückt. „Komm schon Draco! Wir müssen los! Sonst entwischen sie uns!", rief ein kuhhässliches Mädchen.

Suzette wollte gar nicht wissen, was Umbridge jetzt schon wieder im Schilde führte, sie wollte einfach nur irgendwohin. Nur weg von hier!

Sie griff nach Dracos Hand und sagte leise und so ruhig es ging mit einem bemühten Lächeln auf den Lippen: „Danke, Mr. Malfoy. Es freut mich, dass sie sich so für die Einhaltung der Schulregeln engagieren. Ihr Vater wäre stolz auf sie!".

„Das ist er, Suzette! Sei unbesorgt!", lautete die Antwort und das Kommando verschwand die Treppen hinauf.

Auch Suzette kämpfte sich die Treppen nach oben. Wenn ihr Mal brannte, dann rief der Dunkle Lord sie. Sie musste also apparieren, wenn sie nicht wollte, dass es noch schlimmer wurde.

Ein junger Slytherin rannte wie ein Schatten an ihr vorbei und rief nach Professor Snape: „Professor! Professor! Bitte kommen die mit! Professor Umbridge braucht sie! Sie braucht einen Trank von ihnen! Professor Snape!".

Der selbe schritt sogleich durch die Kellerflure nach oben an Suzette vorbei, die Mühe hatte noch etwas anderes als verschwommen Figuren und Schatten zu erkennen. Sie vernahm jedoch die geflüsterten Worte ihres Mentor, als er scheinbar gleichgültig an ihr vorbei glitt: „Nun mach schon! Er wartet!".

Suzette rannte Hals über Kopf und blindlings ohne auf Deckung oder sonstigen Schutz zu achten in den Wald um zu disapparieren.

Snape mochte glauben, dass der Dunkle Lord ihr sein Blut geben würde, doch Suzette wusste es besser: Er hatte sie enttarnt! So wie sie es immer geahnt hatte, hatte er sie durch Potters Augen sehen können! Es war ihr Fehler gewesen, sie hatte unüberlegt gehandelt. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was sie erwarten würde, aber er würde Rache nehmen, dafür, dass sie ganz offensichtlich auf Dumbledores Seite stand. Er musste es eben in ihrem eigenen Verstand gesehen haben.

Sie apparierte nach Malfoy Manor. Dort traf sie zu ihrer Überraschung auf jede Menge anderer Todesser, in schwarzen Umhängen gekleidet und die dunkle Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

Lucius unterhielt sie mit den Dunklen Lord. Sie flüsterten und so konnte Suzette nicht verstehen, worum es ging.

Die Todesser um sie herum schauten verächtlich zu Suzette hinab, was diese gekonnt ignorierte, doch als Voldemort auf sie aufmerksam wurde, unterbrach er seine Unterhaltung mit Lucius. Es wurde still im Salon des Manor und alle Augen richteten sich auf Lord Voldemort.

„Nun, Suzette?", sprach er ruhig und höflich, „Keine Angst, du wird nicht an der Mission teilnehmen müssen. Was bist du so bleich?". Seine Stimme wurde schon höhnischer: „Du wirst dich erinnern, wie ich mit Verrätern zu verfahren pflege, nicht wahr?".

Die Meute lachte und Suzette rümpfte die Nase, sie hatte keinen Grund mehr eine Rolle zu spielen.

„Du bist meine Großnichte, Suzette.", sprach der Dunkle Lord, „Du hast mich sehr enttäuscht. Du hast mich getäuscht. Du hättest die Chance ergreifen müssen. Du hättest groß sein können! Dumbledores Zeit ist abgelaufen, Suzette. Wir sind die Zukunft dieser Welt! Du hast es verspielt, Suzette!".

„Was wolltest du, dass ich werde, Voldemort?", kläffte Suzette, „Ein schlangengesichtiger Mörder, der ängstliche Speichellecker um sich scharen muss, um den Verlust seiner Seele zu kompensieren? Eine lächerliche Witzfigur von einem Zauberer? Deine Marionette? Voldemort?".

Die roten Augen des Dunklen Lords blitzten sie gefährlich an.

„Was wolltest du, das ich werde?", wiederholte Suzette und in diesem Augenblick trat Narcissa Malfoy in den Salon um zu melden: „Severus Snape wartet im Foyer, My Lord.".

„Gut. Ich brauche ihn später.", wimmelte Voldemort das Gespräch ab.

„Ich wollte, dass du die bist, die deine Herkunft dir vorgibt zu sein!", knurrte Voldemort, „Aber du bist meine Nichte, nichtsdestotrotz.". Er machte eine Pause, bevor er hinzufügte: „Suzette, hast du einen letzten Wunsch? Lord Voldemort ist gnädig!".

„Durchaus!", sprach Suzette, klappte die Augenbrauen noch etwas weiter nach unten, zog ihren Zauberstab, drehte sich blitzartig um und fixierte Malfoy: „Lucius, würdest du bitte, die Kapuze abnehmen? Ich will dich ansehen.".

Auf den Wink des Lords hin, tat er, wie geheißen und blickte nun direkt in Suzettes Augen: „Wir haben noch eine Rechnung offen, Lucius.".

Der blonde Hüne begann zu schwitzen, als Suzette ihren Zauberstab hob und leise wie genüsslich „Crucio!" aussprach.

Malfoy wand sich auf dem Boden und rang nach Luft. So wie er einen Zug machen konnte, schrie er vor Schmerz auf.

Suzette wand sich von ihm ab und stand nun direkt vor Voldemort, dessen Augen sich zu Schlitzen verengten.

„Es ist also soweit, Suzette!", sagte er würdevoll und wies Avery an, Suzettes Zauberstab an sich zu nehmen.

„Meine Todesser, es ist Zeit für euch zu gehen! Der Junge erwartet euch bereits! Ich erwarte einen Erfolg, Lucius!". Die Gruppe schwarzgekleideter Zauberer disapparierte aus dem Anwesen und ließ Voldemort, Suzette, Narcissa und Snape im Vorzimmer, zurück.

Der Dunkle Lord widmete sich schließlich sofort der Verräterin , die ihrer gerechten Strafe ins Gesicht blicken sollte und so richtete er seinen Zauberstab auf seine Großnichte. Er ließ sich Zeit bevor er seinen Mund wieder öffnete um seinen Fluch auszusprechen.

Suzette hingegen streckte den Zeigefinger nach ihm aus, verengte ebenfalls die Augen und rief in einer Kurzschlussreaktion, die ihr vorerst das Leben retten sollte: „Sectumsempra!".

Sogleich riss Voldemorts schlangeartige Haut von dort, wo eigentlich sein Bauchnabel hätte sein sollen, bis zum Hals auf und er brach zusammen.

Geistesgegenwärtig schnappte sich Suzette eine Phiole vom Kaminsims, ließ den sich darin befindlichen Raumduft verschwinden und beugte sich damit über Voldemort. Hektisch gelang es ihr das kleine Glasgefäß mit dem dickflüssigen, dunkelrotem Blut des Lord zu füllen, ehe der sich wieder soweit fasste, dass er den Erfinder des Sectumsempra und den einzigen Zauberer auf der Welt zu sich rief, der den Gegenfluch kannte: „Snape! Snape, komm her!", rief er mit brüchiger, schwacher Stimme und die Salontür flog auf.

Der schwarzgewandete Mann trat schnellen Schrittes und ohne ein Wort oder einen Blick an Suzette zu verschwenden auf Voldemort zu, um sich über den mittlerweile am Boden liegenden Lord zu beugen.

Snape begann etwas zu murmeln, das sanft und weich klang wie ein Lied, das zum Träumen anregen sollte. Die Wunden des Lord schlossen sich so schnell wie sie aufgeplatzt waren.

Voldemort stand mühsam auf und schob Severus bei Seite: „Das hast du dir zu einfach vorgestellt, Suzette. Dachtest du, ich wusste nicht, dass deine einzige Chance zu überleben das Blut aus meinen Adern ist?". Er lachte düster, aber dennoch amüsiert.

„Du bist sehr naiv, Suzette. Das hätte ich nicht von dir gedacht!".

Er blufft, dachte Suzette und blickte hilfesuchend hinüber zu Snape, dessen Gesicht versteinert schien. Sie konnte nur hoffen, dass nicht er auch aufgeflogen war, dass der Dunkle Lord nicht so weit dachte.

„Severus!", sprach Voldemort ruhig, „Du gibst mir Anlass zu Misstrauen!".

Snape sagte nichts.

„Ich hielt dich immer für loyal und ich halte dich weiterhin für intelligent genug, um zu wissen, was gut für dich ist.".

Snape schwieg.

„Es gibt einen Grund, warum du hier bist, Severus.".

Suzette spürte, dass dies der richtige Zeitpunkt gewesen wäre um schreiend davon zu laufen, doch sie blieb wie angewurzelt stehen.

„Ich habe alle meine Todesser fort geschickt. Alle bis auf euch beide!", der Dunkle Lord machte eine bedeutungsvolle Pause und ließ die erdrückende Stille im riesigen Manor auf alle anwesenden wirken.

„Ich würde dich wirklich nur ungern verlieren, Severus. Deshalb möchte ich, dass du mir etwas beweist.", die roten Augen funkelten erst Snape, dann Suzette an.

„My Lord?", fragte Snape, als dieser nicht mit der Sprache rausrücken wollte.

„Ich nehme an, dass du es warst, der meiner Großnichte von dem Heilmittel für Hydrengift erzählt hast?".

„Ja, My Lord.".

„Nun, dann werden wir ja jetzt sehen, wen von uns beiden, du angelogen hast, Meister der Okklumentik!".

„My Lord, ich wusste nicht, dass sie gegen euch arbeitet!", empörte sich Snape.

„Sei nicht albern, Severus! Auf Hogwarts gibt es so gut wie nichts, was dir entgeht. Und wäre es anders, so wärst du mir als Spion wertlos und ich müsste dir nicht diese Chance geben, dich zu beweisen. Snape. Severus Snape. Töte sie!", die letzten Worte kamen hervor wie das Zischen einer Schlange und für einen kurzen Augenblick kam es Suzette so vor, als hätte sie gerade Parsel verstanden.

„My Lord?", fragte Snape vorsichtig nach.

„Du hast recht gehört, Severus! Zeig mir, wie treu du mir bist!".

Suzette und Severus sahen sich an, beide wussten nicht, wie sie ihre Hilflosigkeit aus ihren Gesichtern verbergen konnten.

Suzette wollte auf keinen Fall Snapes Leben gefährden, schon allein weil er allein das Gegengift zum Hydrengift in ihrer Wunde nicht brauen konnte. Außerdem konnte sie nach allem, was er für sie getan hatte, nicht zulassen, dass Severus in eine Zwickmühle geriet. Snapes Position im Orden, seine Mission als Doppelagent, durfte unter keinen Umständen gefährdet werden.

Severus und Suzette gingen zeitgleich die selben Gedenken durch den Kopf, doch sie kamen zu verschiedenen Ergebnissen.

Suzette war sich sicher, dass es keinen Ausweg mehr gab und die einzige Möglichkeit, dass wenigstens einer seine Tarnung behielt, darin bestand, dass Snape sie unverzögert töten musste.

Was Snape dachte, drang nicht zu Suzettes Gehirn. Seine Okklumentik hatte eine meterdicke Mauer um seine Gefühle und Gedanken hinaufgezogen. Das war notwendig gewesen, denn auch Lord Voldemorts Augen befanden sich in unmittelbarer Umgebung.

Snape Gesicht starrte sie entsetzt, aber auch voller Hass an, doch er rührte sich nicht. Suzette zuckte ein mal mit den Augenbrauen zum Zeichen, dass er sich dazu überwinden müsse, dass er jetzt langsam loslegen müsse.

Severus hob seinen Zauberstab und sprach: „Protecto!". Sofort erschien ein gelber Lichtschild zwischen Suzette und Snape. Es war totenstill im ganzen Manor. Narcissa, die sich im oberen Stockwerk befand und nicht wagte darüber nach zu denken, was sich wohl gerade unten abspielte, zitterte vor Angst. Spannungen lagen in der Luft.

Den Schildzauber hätte Snape sich sparen können. Suzette hatte nie vorgehabt, ihren Mentor anzugreifen und hätte sie es, dann hätte sie es ohne Probleme durch das lächerliche Schild hindurch genauso gut hinbekommen. Snape wollte Zeit schinden, doch es war nutzlos, denn es führte kein Weg an jenem unverzeihlichen Fluch vorbei. Entweder tötete er Suzette oder Voldemort würde ihn und das Mädchen als Verräter selbst hinrichten.

Suzette zuckte ein weiteres mal ungeduldig mit der Augenbraue, um ihn aufzufordern es jetzt endlich hinter sich zu bringen. Ja, er musste es wieder tun!

Snapes Zauberstab war nun auf Suzette gerichtet, als er sprach „Avada Kedavra!".

Ein gleißend gelber Blitz fuhr aus dem Stab direkt in Suzettes Brust.