Autor: Moku
E-Mail:
Beschwerden via ENS XD
Disclaimer: JKR, und ich bin gar nicht daran interessiert wer noch. Fakt ist, ich bin nicht JKR, ansonsten hätte Band Sieben definitiv anders geendet.
ABER es gibt das Lied „IN WHICH DRACO AND HARRY SECRETLY WANT TO MAKE OUT" wirklich. Es ist von den Whomping Willows. ^__^ Also, da auch ein Disclaimer...
Pairings: BZ/PP, DT/GW, RW/LB – nur die festen Pairings aufgelistet
Genre: Shonen-Ai, Kumor
Widmung: Yune (das Miststück _)
Bemerkung:
Musik: Eh, es wird euch überraschen, aber ziemlich viel... Okay, schlechter Witz, aber hauptsächlich: Viva la Vida (Coldplay); Apologize (One Republic); Tanz der Vampire (Tanz der Vampire [Oo? Ich wunder mich über mich selbst]); Gypsy (Fleetwood Mac); My back pages (The Byrds); Ring the bell (James), She moves in her own way (The Kooks), The Prayer (Bloc Party), How to save a life (The Fray), Broken Hearts and torn up letters (Lostprophets), My Paper Heart (AAR) und natürlich, für die gute Laune, Sugar Baby Love (The Rubettes) uvm... ich kenn meine Listen nicht auswendig -.-°
Quidditch: Oh ja, das leidige Thema. Also, Dean ist in der Mannschaft. Ich weiß, dass er eigentlich nur mitspielt, weil Katie in Band sechs ausgefallen ist (und wir wissen alle wieso...), aber ich behaupte jetzt einfach, dass sie mit der Grippe krank im Bett liegt. ^^v
Ansonsten: Ich hasse Quidditch. Es ist so ultraschwer zu schreiben. _
Und: Sagen wir es so... ich war relativ schlampig, was die Recherchen zu diesem Thema angehen... zwar habe ich relativ unwichtige Fakten in Erfahrungen bringen können, wie zum Beispiel, dass England die Deutschen in der „Quidditch"-EM (*zwinka zwinka*) besiegt haben, aber zu den Hardcore-Regeln habe ich mich nicht vorgewagt, also verzeiht eventuelle Fehler. Ich hatte auch so schon genug Stress... ^^°
Übrigens habe ich bis zur letzten Überarbeitung das Spiel mit einem Unentschieden enden lassen, weil ich mir so unsicher war. Aber so wie ich es jetzt habe, gefällt es mir doch am besten.
Draco: Ja, also, so widerlich das jetzt klingen mag, aber ich denke, durch die ganze Sache kommt er nicht, ohne einmal geweint zu haben. So, und jetzt sagt ihr mir, in welcher Szene. Wer es richtig errät... eh... ja... hehe, der bekommt, öhm, ja... Regentropfen? Ich habe noch welche in meinen Items. Großartig, oder? XD
Nee, der wirkliche Grund ist, dass ich gern wissen möchte, wie die Szene ausgelegt wurde, wenn sie denn so ausgelegt wurde, wie ich es bezweckt habe.
:Dracos Gerede in Harrys Kopf:
‚Harrys Gedanken'
Mir ist schlecht... ich stand zehn Stunden auf dem Weihnachtsmarkt und ließ mich dämlich von meinem Chef anpöbeln. Meine Füße schmerzen und ich will nur noch schlafen, aber nein, ich habe mir in den Kopf gesetzt, dass ich das Monster zu Heiligabend hochlade, also musste ich noch einmal alles durchgehen und ich denke, da sind unheimlich viele fehler drin und ach, ihr könnt mich alle mal, ich leg mich pennen.
Die Hälfte ist gebetat, die andere nicht, aber ich werde die überarbeitete Fassung umgehend hochladen, sobald ich sie habe, versprochen. Ich schäme mich schließlich für die Rechtschreibung und ich weiß, da müssten einige hundert herumlaufen... dort... auf den letzten 60 Seiten... *augen rollt* Wenn euch was auffällt, behaltet es für euch, ihr würde die Kommentare sprengen. XD
Egal... Grüße mach ich über ENS... Ich hab sie vergessen... Ich überarbeitet das eh noch mal... Schlaf... Schlaaa~aaf...
Reden ist Gold II
Harry fühlte sich am nächsten Tag etwas... bedrängt.
Zwischen seinen Unterrichtsstunden schien Ginny mit ihrem penetranten Blick Löcher in seinen Rücken bohren zu wollen. In den Stunden, in denen er mit ihm zusammen Unterricht hatte, konnte anscheinend auch Dean seine Augen nicht von Harry abwenden.
Harry wusste, was das Problem der beiden war und er hatte sich den gesamten Tag Gedanken darüber machen müssen. Schließlich hatten sie am Nachmittag das Spiel gegen Slytherin und keiner von ihnen konnte sich auch nur einen Moment der Unachtsamkeit leisten.
Aus diesem Grund hatte er im Laufe des Tages beschlossen, dass er, ob er wollte oder nicht, ihr Problem vor dem Spiel ansprechen müsste. Zumindest musste er als Teamkapitän einige Worte an sie richten, obwohl er nicht einmal ansatzweise wusste, wie die beiden darauf reagieren würden.
„Ginny, Dean, könntet ihr bitte warten?", fragte er, als die Mitglieder seines Teams die jeweiligen Umkleidekabinen verließen und dabei waren, zum Quidditchplatz zu gehen. Die beiden angesprochenen Gryffindor sahen ihn mit einem wissenden Blick an, nickten und folgten ihm zurück in die Umkleide.
„Sobald wir auf dem Quidditchfeld sind", begann er, drehte sich zu seinen Teammitgliedern um, „müssen wir vergessen, was zwischen uns steht. Danach können wir uns von mir aus mit Blicken traktieren, aber auf dem Feld müssen wir uns konzentrieren. Die anderen verlassen sich auf uns und sie tragen keine Schuld an dem, was momentan zwischen uns steht."
Dean senkte leise seufzend den Kopf, doch noch bevor er ansetzen konnte, etwas zu erwidern, fuhr Ginny ihm dazwischen. „Ich denke nicht, dass wir das Problem sein werden, oder?", knurrte das rothaarige Mädchen, verstärkte den Griff um ihren Flugbesen. „Schließlich wissen wir, was wir wollen." Mit diesen Worten stürmte sie aus der Umkleidekabine, ließ die Tür laut hinter sich zu knallen, während die beiden Jungs ihr perplex nachsahen.
„Na ja...", begann Dean nach einer Weile, sprach aber nicht weiter und zuckte stattdessen hilflos mit den Schultern.
„Das wird schon wieder", murmelte Harry alles andere als überzeugend mit einem schwachen Grinsen, während Dean nur zweifelnd die Augenbrauen zusammenkniff. Nach einiger Zeit schüttelte er letztendlich den Kopf und gab Harry einen unbeholfenen Klaps auf die Schulter, schenkte ihm ein unsicheres Lächeln. „Falls es hilft, ich gebe dir nicht die Schuld", meinte er mit gesenkter Stimme, bevor er sich seinen Besen schnappte und die Umkleide verließ.
Der Gryffindorsucher seufzte einmal schwer, massierte mit einer Hand seinen Nacken.
Es erleichterte ihn tatsächlich, dass Dean nicht wütend auf ihm war.
So hatte er wenigstens ein Problem weniger.
Als er sich umdrehte, um sich ebenfalls auf den Weg zum Quidditchplatz zu machen, bemerkte er aus dem Augenwinkel eine Bewegung, entdeckte Ron, der mit vor der Brust verschränkten Armen an dem Rahmen der Tür lehnte und ihn geduldig musterte.
„Hat Ginny es dir erzählt?", begann er unverwandt.
„Nein, Hermine", antwortete der rothaarige Junge nüchtern, kam einige Schritte auf ihn zu. „Aber die hat es von Ginny."
„Dann kennst du wenigstens die richtige Version", vermuteteHarry, fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, griff dann nach seinem Flugbesen und wollte die Umkleidekabine verlassen, doch Ron hielt ihn auf.
„Ich würde gern eines wissen", begann er leise, sah ihn mit einem festen Blick an. „Wer hat Ginny abgelehnt? Warst du es – oder Malfoy?"
Der Dunkelhaarige wollte erst über diese Frage lachen, doch als er das ernste Gesicht seines Freundes bemerkte, hielt er sich zurück, dachte ernsthaft über die Worte des anderen nach.
„Ich denke... Malfoy", antwortete er schließlich.
„Ich hatte gehofft, dass du ‚Harry' sagst."
Über Harrys Lippen lief ein bitteres Lächeln. „‚Harry' wäre vermutlich ohne zu zögern darauf eingegangen. Denn ‚Harry' ist nicht so perfekt, wie alle denken."
Rons Lippen formten sich zu einer geraden Linie und die Stirn runzelnd sah er ruhig auf seinen Freund hinab. „Niemand denkt das – und das erwartet auch keiner", antwortete er aufrichtig. „Wenn ‚Harry' perfekt wäre, würde ich ihn vermutlich hassen."
Zu sagen, dass die Stille, die auf diese Offenbarung folgte, beklemmend war, war zumindest in Harrys Augen eine gravierende Untertreibung. Zu sehen, wie ernst es seinem Freund mit dieser Aussage war, ließ jedes Wort der Erwiderung in seinem Kopf stotternd sterben, weshalb er seinen Blick abwandte, um den dreckigen, aber dennoch furchtbar interessanten Steinfußboden zu mustern.
„Außer im Quidditch!", unterbrach Ron plötzlich die unangenehme Stille. „Da musst du perfekt sein! Wenn du dir den Snitch von Malfoy vor der Nase wegklauen lässt, hexe ich dich ins nächste Jahrhundert!"
Harry ging dankbar auf das Ablenkungsmanöver ein und warf seinem Freund ein zuversichtliches Grinsen zu. „Diesen Snitch klaut mir keiner."
Ron nickte nur bestimmt und zusammen verließen sie die Umkleidekabine, keine Sekunde zu spät, denn sie konnten bereits hören, wie Madam Hooch die Kapitäne der Mannschaften aufs Feld bat. Am Spielfeldrand trennte sich Harry von Ron und ging weiter bis zum Zentrum des Quidditchplatzes. Malfoy wartete bereits auf ihn, musterte ihn mit einem gleichgültigenGesichtsausdruck. Dennoch wusste Harry, dass Malfoy leicht angesäuert war, da der andere Sucher so lange auf sich hatte warten lassen.
Einen Malfoy ließ man schließlich nicht warten, wenn, dann war es andersrum.
Der Blonde hatte anscheinend seine Gedanken gelesen, denn er runzelte verärgert die Stirn, streckte dann seine Hand aus. Harry akzeptierte diese mit einem selbstbewussten Lächeln, hatte keinen Zweifel daran, dass Malfoy, wie all die anderen Spiele zuvor auch, nicht einmal annähernd in die Nähe des Snitches kommen würde.
:Ich werde gewinnen:, hörte er plötzlich Malfoys Stimme.
:Definitiv.:
Harry antwortete nicht darauf, ließ die Hand los, während er, ob der siegessicheren Haltung des anderen die Stirn nachdenklich in Falten legte, doch dann wandte er sich um, strebte die Bänke an, warf einen flüchtigen Blick gen Himmel.
Graue Wolken zogen auf.
Harry konnte nur hoffen, dass es nicht anfangen würde zu regnen.
Als er sein Team erreichte, nickte er ihnen einmal zuversichtlich zu, bevor sich alle in Position in die Luft erhoben und Harry einen letzten Blick auf Dean und Ginny warf.
Er wusste, dass Dean, trotz seiner wenigen Erfahrung, von seiner Einstellung recht professionell war und nicht zulassen würde, dass die eigenen Gefühle sein Handeln beeinflussten. Doch Ginny andererseits, ließ sich gern einmal von ihren Emotionen verleiten. Er hoffte, dass er keinen Fehler gemacht hatte, indem er die Rothaarige für dieses Spiel eingesetzt hatte. Aber hätte er es nicht getan, wäre diese Entscheidung vor der gesamten Mannschaft zu rechtfertigen gewesen – und das war etwas, was er unbedingt vermeiden wollte.
:Viel Glück, Potter:, fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf und er sah sich überrascht um, wandte seinen Blick von Madam Hooch ab, die in diesem Moment das Spiel anpfiff. :Möge der Bessere gewinnen.:
Harry warf einen irritierten Blick auf Malfoy, der mit seinen Augen das Feld absuchte. Unter ihnen begannen ihre Mannschaften das Spiel und die lärmenden Stimmen der Zuschauer brachten ihn dazu, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Blonden zu ignorieren, auch wenn er sich im Hinterkopf fragte, was Malfoy geplant hatte.
:Du bist immer so misstrauisch, Potter.:
‚Lass mich zufrieden, Malfoy.', knurrte der Dunkelhaarige zur Antwort, wich einem Klatscher aus, der vermutlich nicht ganz so zufällig, wie Crabbe es hatte aussehen lassen wollen, haarscharf an ihm vorbeigeflogen war. ‚Konzentrier dich lieber auf das Spiel.'
:Sagt mir die Person, die genau in diesem Moment daran denkt, die Weaslette flachzulegen.:
Harry wollte es nicht, dennoch schnellte sein Kopf abrupt in die Richtung seines blonden Gegenspielers, als erneut ein Klatscher an ihm vorbeiflog, ihn dabei an der Schulter streifte, sodass er für einen kurzen Augenblick sein Gleichgewicht verlor, doch schnell, unter den überraschten Ausrufen der Zuschauer, seine Balance wiederfand.
‚So willst du das Spiel also spielen,' murrte er wütend, berührte mit einer Hand die getroffene Stelle an seiner Schulter. Zwar schmerzte sie nur minimal, doch es war nicht die Prellung, die ihn aufregte, sondern die Tatsache, dass Malfoy solch dreckige Methoden anwandte.
:Sie sind nicht dreckig,:, kam die Antwort von Malfoy, doch Harry reagierte nicht auf die Worte, ließ seinen Blick nun unbeirrt über das Quidditchfeld gleiten und konzentrierte sich auf die Suche nach dem Snitch.
:Übrigens hast du nicht wirklich daran gedacht.:
‚Das ist kein Trost, Malfoy.'
:So war es auch nicht gemeint,: entgegnete der Slytherin und aus dem Augenwinkeln bemerkte Harry, wie dieser sich ihm langsam näherte, seinen Blick suchend hin und her schweifen ließ, plötzlich einem Klatscher auswich – vermutlich ein Racheakt eines seiner Teammitglieder, doch Malfoy hatte für solche Aktionen nur ein müdes Lächeln übrig.
Er hatte es nie bemerkt, doch Malfoy wirkte selbst auf dem Rennbesen elegant. Seine Bewegungen schienen in der Luft wie auch auf dem Boden grazil und kalkuliert, aber dabei nicht minder ungezwungen. Obwohl der Blonde nur ruhige Kreise über dem Quidditchfeld zog, konnte man sofort erkennen, wie natürlich er sich auf dem Besen bewegte.
Er schüttelte seinen Kopf, wandte seinen Blick ab.
Er konnte seine Zeit nicht mit Gedanken an Malfoy verschwenden. Hatte er Ginny und Dean gerade daran erinnert, dass sie sich auf dem Feld konzentrieren müssten, hielt er sich selbst nicht an seine Worte.
Bemüht konzentriert musterte er seine Umgebung, bemerkte unbewusst durch die Rufe von den Zuschauertribünen und den vereinzelten Worten, die er ab und zu aufschnappen konnte, dass die Slytherin scheinbar Probleme mit ihrer Defensive hatten, da Gryffindor ein Tor nach dem nächsten erzielte.
Harry ignorierte es.
Wenn Slytherin auch noch so weit zurück lag, mit dem Snitch könnten sie alles herumreißen. Er musste bei der Sache bleiben, er konnte seine Gedanken nicht wandern lassen.
Er musste diesen Snitch haben.
Plötzlich bemerkte Harry aus dem Augenwinkel, wie Malfoy blitzschnell an ihm vorbei flog und durch den Lärm auf den Tribünen konnte er das Wort ‚Snitch' verstehen. Er folgte Malfoys Blick, entdeckte sofort den flatternden Ball unweit von sich entfernt. Ohne nachzudenken beschleunigte er das Tempo, zielte direkt den walnussgroßen Ball an, ignorierte vollkommen Malfoy, den er bereits so weit eingeholt hatte, dass sie nun Seite an Seite flogen, nur ein Ziel vor Augen, keiner bereit, auch nur eine Millisekunde zu zögern, keinen Zentimeter zu weichen.
Über Harrys Lippen stahl sich ein belustigtes Lächeln.
Malfoy konnte tricksen, versuchen ihn abzulenken, Harry würde gewinnen, denn beim Fliegen ging es nur um die Tempo und wie gut sie ihren Besen bei erhöhter Geschwindigkeit unter Kontrolle hatten.
Er war dem Slytherin überlegen.
Er wusste es.
Doch für einen kurzen Augenblick sah er, wie sich ebenfalls ein amüsiertes Lächeln auf die Lippen des Blonden legte, dann, wie der Snitch plötzlich einen Haken schlug, die Richtung wechselte. Harry konnte seinen Blick nicht von dem Ball abwenden, wenn er das Spiel gewinnen wollte – und genau das wollte er.
Der kühle Wind zerrte an seiner Kleidung. Sein Griff verstärkte sich um den Flugbesen, sodass seine Knöchel weiß hervortraten und er wusste, dass er abbremsen müsste, dass er den Besen sonst nicht unter Kontrolle halten könnte, doch er konnte nicht riskieren noch mehr Zeit zu verlieren.
Stattdessen beschleunigte er, strebte den Pfosten einer Tribüne an, ohne einen genauen Plan im Kopf zu haben. Er streckte seinen Arm aus, griff um den Pfosten und riss sich herum, ändert so seine Flugrichtung ohne an Geschwindigkeit zu verlieren. Er ignorierte den kurzzeitig aufflackernden Schmerz in seinem Handgelenk und griff erneut um den Schaft seines Feuerblitz. Über eventuelle Verletzungen konnte er sich nach dem Spiel Gedanken machen.
:Klatscher, Potter,: säuselte plötzlich eine Stimme in seinem Kopf.
Harry ignorierte die Worte. Es war ein Ablenkungsmanöver, ein mieser Trick, doch er registrierte eine Bewegung aus dem Augenwinkel, senkte unbewusst die Spitze seines Besens, um dem vermeintlichen Geschoss auszuweichen.
:Hm, das Unterbewusstsein,: raunte Malfoy, preschte in diesem Moment an Harry vorbei und dem Snitch hinterher, während Harry in einem gedrosselten Tempo seinem Rivalen irritiert nachsah, bis er bemerkte, dass die von ihm registrierte Bewegung unmöglich ein Klatscher hätte sein können; waren sie doch mittlerweile einige Meter über den anderen Spielern und am völlig falschen Ende vom Feld.
Wütend knirschte er mit den Zähnen, akzelerierte.
Malfoy würde so nicht gewinnen.
Dieser Gedanke trieb ihn an, ließ ihn immer weiter vorpreschen und kurz bevor der Slytherin-Sucher den Snitch ergreifen konnte, rotierte dieser um die eigene Achse, schoss direkt auf Harry zu, scherte nur wenige Meter vor ihm scharf zur Seite aus und verschwand so schnell wie er gekommen war aus ihrem Blickfeld.
Schwer atmend schnappte der Gryffindorsucher nach Luft, bemerkt erst in diesem Moment, wie angespannt sein Körper während der Hetzjagd gewesen war. Er lockerte seine um den Stielverkrampften Hände, rollte seine Schultern zurück, bevor er einen Blick auf Malfoy warf, der atemlos, mit einem verstimmten Gesichtsausdruck, einen Blick auf die Punktetafel warf.
Harry folgte seinen Augen, während er versuchte, langsam und ruhig zu atmen, sich eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht strich.
Sie führten bereits mit 40 Punkten, doch noch konnte Slytherin aufholen.
:Der Klatscher, Potter,: murmelte Malfoy desinteressiert, :war eine Haarsträhne. Die Kraft der Suggestion, nehme ich an.:, fuhr er fort, wandte mit diesen Worten seinen Blick auf den Gryffindor, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.
Harry biss sich leicht auf die Unterlippe, wandte sich dann ab und distanzierte sich von dem blonden Sucher, richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Quidditchfeld.
Seine Mannschaft war gut.
Dean, Demelza und Ginny spielten überraschend gut zusammen und Jimmy und Richie verhinderten ein Tor nach dem anderen, während Ron den meisten Angriffen der Slytherin stand hielt. Es dauerte nicht lange, bis sie überwältigende 16 Tore Vorsprung hatten, während der Snitch sich in dieser Zeit kaum bis gar nicht zeigte.
Doch wann immer Harry den goldenen Ball entdeckte, war Malfoy sofort an seiner Seite und jegliche Versuche ihn abzuschütteln scheiterten angesichts des verwandelten Flugstils des anderen jämmerlich. Er kannte den blonden Slytherin so nicht; der Flugstil war stets kalkuliert, war elegant und risikofrei gewesen, doch umso länger das Spiel dauerte, desto übermütiger und gewagter wurden seine Manöver.
Ein Pfeifen riss Harry aus seinen Gedanken und überrascht sah er auf.
Malfoy hatte den Snitch?
Doch der blonde Sucher sah nicht so aus, als hätte er den goldenen Ball gefangen, setzte nur zur Landung an, während sein Team ihm an den Spielfeldrand folgte. Ein leises Raunen ging durch die Tribünen und auch die Gryffindorspieler warfen sich irritierte Blicke zu, bis sie plötzlich von dem Kommentator hörten, dass Slytherin eine Auszeit verlangt hatte.
In den gesamten letzten Jahren war Harry dies noch nie untergekommen, wenn es keinen auffällig triftigen Grund wie zum Beispiel eine Verletzung gab. Mit skeptisch zusammengekniffenen Augenbrauen beobachtete er Malfoy, der sich, seine Mitspieler ignorierend, etwas weiter abseits auf eine Bank fallen ließ. Die anderen Slytherinspieler verteilten sich auf den restlichen Bänken, unterhielten sich leise, während ihre Blicke zur Punktetafel wanderten.
Sobald Harry gelandet war, kam er, den Blick weiterhin auf die gegnerische Mannschaft gerichtet, auf seine eigene, die sich mittlerweile auch auf die Bank hatte fallen lassen, zu.
„Was geht hier vor?", fragte Jimmy Peaks, fuhr sich mit einer Hand durch sein schweißnasses kurzes Haar. Die anderen zuckten als Antwort nur mit den Schultern.
„Ich habe noch nie gesehen, dass die Slytherin so mies spielen. Haben die irgendwelche Probleme?", murmelte Richie Coote, zupfte an seinem Oberteil, trocknete sich dann mit diesem das Gesicht ab.
„Das kann uns egal sein, vielmehr würde ich gern wissen, was mit unserem Kapitän los ist", mischte sich Demelza ein, warf einen vorwurfsvollen Blick auf Harry, der sich in diesem Moment von dem Slytherin-Team abwandte, stattdessen die Augen über seine eigene Mannschaft gleiten ließ.
„Es wird so ablaufen", meinte er, ignorierte Demelzas Kommentar. „Wie es scheint, hatten die Slytherin eigentlich nur eine Möglichkeit, dieses Spiel zu gewinnen, und die war, den Snitch so früh wie möglich zu fangen. Ich weiß nicht wieso, aber irgendetwas scheint mit ihnen nicht zu stimmen. Wie auch immer, wir liegen nun mit 160 Punkten vorn, also werden sie vermutlich auf einen Notfallplan zurück greifen."
Die anderen warfen ihm einen fragenden Blick zu, doch Harry zuckte nur mit den Schultern. „Malfoy wird versuchen, mich daran zu hindern, den Snitch zu fangen, bis sein Team aufholen kann. Sie werden jetzt auf Zeit spielen. In Ausdauer sind sie uns weitaus überlegen und das wissen sie."
„Und was sollen wir jetzt machen?", fragte Dean, stützte sich auf der Bank nach hinten ab und starrte scheinbar seelenruhig in den Himmel.
„Richtet eure Aufmerksamkeit auf Malfoy", meinte er an Richie und Jimmy gewandt.
„Malfoy wird damit rechnen", entgegnete Letzterer.
„Gerade weil er damit rechnet, wird er von sich aus vorsichtiger werden. Konzentriert euch deshalb nicht zu stark auf ihn, aber wenn ihr bemerkt, dass er unvorsichtig wird, erinnert ihn daran, dass er besser aufpassen sollte."
Über die Lippen der beiden Jungs lief ein hinterhältiges Grinsen. „Mit Freuden", antworteten sie wie aus einem Munde.
„So aggressiv hast du noch nie gespielt, Harry", kommentierte Ron, verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich wollte auch noch nie so sehr gegen Malfoy gewinnen."
„Dafür stellst du dich heute aber extrem dämlich an", knurrte Ginny, fuhr sich mit einer Hand durchs Haar, bevor sie sich erneut einen Pferdeschwanz band. „Nennen wir es doch einfach beim Namen: Du bist heute nicht ganz auf der Höhe. Du solltest aufhören und mir das Suchen überlassen."
Harry war sich sehr wohl bewusst, dass dies eine öffentliche Herausforderung war, doch er konnte nicht darauf eingehen, schließlich hatte das Mädchen recht. Vermutlich wäre es sogar besser, Ginny an seiner Stelle weiterspielen zu lassen, doch dies käme einer Niederlage gleich. Für ihn ging es mittlerweile kaum noch um Quidditch, hier ging es einzig und allein um Malfoy und ihn.
„Harry ist vermutlich genauso verunsichert wie wir alle", mischte sich Dean plötzlich ein. „Schließlich haben wir es doch auch bemerkt, oder nicht? Malfoys Flugstil – ich habe ihn noch nie so übermütig und wild fliegen sehen – als würde langsam aber sicher eine Sicherung bei ihm durchbrennen."
„Wie nett. Harry fliegt doch genauso", lachte Demelza, streckte sich einmal und wandte sich dann zu Madam Hooch um, die ihnen das Zeichen gab, dass das Spiel weiterging. Langsam standen sie von der Bank auf und strebten das Quidditchfeld an, doch bevor sich Harry auf seinen Rennbesen schwingen konnte, wurde er von Ron an der Schulter zurück gehalten.
„Harry—"
„Mach dir keine Sorgen. Wir führen und wenn ich den Snitch habe, gewinnen wir mit 210 Punkten." Mit diesen Worten lächelte er Ron aufmunternd zu, bevor er sich umdrehte und sich ebenfalls in die Lüfte erhob.
Er würde sich nicht besiegen lassen.
Nicht von Malfoy.
Nicht im Quidditch.
Harry warf einen Blick auf Malfoy, der nur wenige Meter von ihm entfernt über dem Feld schwebte, die Augen geschlossen und die Stirn in Konzentration kraus gezogen; wandte dann seinen Blick auf die Jäger der Slytherin, die sich untereinander mit Gesten verständigten, bis Madam Hooch zur Fortsetzung pfiff. Sofort ging der Kampf unter ihnen weiter, während Harry und Malfoy nach dem Snitch Ausschau hielten.
Der Blonde wirkte müde, doch das interessiert Harry nicht, wie er sich einredete und wann immer sein Blick nachdenklich zu dem gegnerischen Sucher glitt, ermahnte er sich schnell und konzentrierte sich auf den Snitch – oder eher, auf die Suche danach.
Es dauerte nicht lange, bis Harry den goldenen Ball entdeckte, seinen Besen herumriss und ihm sofort nach eilte,Malfoy dicht auf seinen Fersen, dann an seiner Seite.
Er warf einen gereizten Blick auf den blonden Jungen, beschleunigte immer wieder sein Tempo, doch Malfoy kopierte seine Bewegungen postwendend. Sie flogen riskante Manöver mit einer halsbrecherischen Geschwindigkeit. Harry wusste selbst, dass es mittlerweile gefährlich war, dass der Wind schneidender wurde, seine Augen anfingen zu brennen und er sie kaum offen halten konnte, doch er wollte diesen Snitch!
Er wollte ihn so sehr, dass, allein bei dem Gedanken, er könnte ihn nicht fangen, sich ein flaues Gefühl in seine Bauchgegend schlich, sich sein Magen verkrampfte. Er wollte ihn so sehr, weil es das erste Mal wäre; das erste Mal, dass er ihn gegen diese Person gewann, die ihn seit seinem ersten Jahr gedemütigt und diskreditiert hatte, ihn im zweiten Jahr nicht nur vor gesamt Hogwarts, sondern auch vor seinem Vater blamiert hatte.
Es war alles, woran er denken konnte; als er dem davon schnellenden Ball nach jagte, alles um sich herum ignorierte, sogar die Person, die mit ihm um das flatternde Gold kämpfte.
Er wollte ihn.
Egal, ob sein Team verlor, wenn er ihn jetzt ergriff.
Es war sein Sieg.
Sein Sieg über Harry Potter.
Der dunkelhaarige Gryffindor riss überrascht seine Augen auf, zerrte seinen Besen herum, bevor er direkt in eine der Tribünen raste, drosselte jäh sein Tempo.
Er hatte nicht aufgepasst, er hatte sich nicht konzentriert – wie hatte er den Snitch aus den Augen lassen können?
Mit einem wilden Blick sah er sich um, entdeckte Malfoy, der in einem rasanten Tempo den Snitch verfolgte, der wiederum direkt auf Harry zusteuerte.
Schweißnasse Strähnen fielen ihm ins Gesicht, sein Atem war schnell, doch Harry musste diesen Snitch haben!
Ohne nachzudenken steuerte er auf den goldenen Ball zu, streckte seine Hand aus. Er war näher an dem Snitch als Malfoy, auch wenn es nur einige Zentimeter waren - er war näher, er war schneller, er konnte den Sieg förmlich schmecken.
Doch er rechnete nicht damit, dass Malfoy sich plötzlich auf seinem Besen aufrichtete, bis an die Spitze des Schafts glitt; rechnete nicht damit, dass der so auf Sicherheit bedachte Slytherin sich nur mit den Beinen um den Stiel klammernd auf dem Besen halten und mit beiden Händen nach dem Snitch greifen würde.
Und wie in Zeitlupe sah er, wie der Blonde den flatternden Ball mit seinen Händen einfing, den Halt verlor, als sich sein Rennbesen abrupt absenkte und er die Kontrolle verlor, frontal auf den Boden stürzen würde, wenn er sie nicht schleunigst wieder erlangen würde.
Harry dachte nicht nach, als er dem fallenden Jungen folgte, überholte und eine Hand nach dem blonden Slytherin ausstreckte, der genau in dem Moment, in dem er Harrys Hand ergriff, den Rennbesen aus seiner Beinklammerung löste.
Der Gryffindor spürte nur einen plötzlichen harten Ruck, als er durch das Gewicht des anderen heruntergerissen wurde und halb auf dem Besen liegend, kämpfte er um seine Balance, ignorierte den stechenden Schmerz in seiner Schulter, das Brennen an seinem Handgelenk, an das sich Malfoy mit einem festen Griff klammerte.
Der Wind rauschte in seinen Ohren, die Rufe und Schreie von den Zuschauertribünen waren ein dumpfes Wirren im Unterbewusstsein. Er riss die Spitze seines Besens hoch, bevor sie dem Boden zu nahe kamen und für einen kurzen Moment, ohne jeglichen Hintergedanken, ließ er seinen Blick zu dem anderen Jungen schweifen.
Trotz ihrer Situation, ungeachtet der Tatsache, dass die Schulter des Blonden höllisch brennen und schmerzen musste, konnte er in dem leicht verzerrten Gesicht nichts als ehrliche Freude entdecken. Ob es an dem Link zwischen ihnen lag, Harry wusste es nicht, doch er wurde von Malfoy angesteckt und es stahl sich ein erfreutes Lächeln über seine Lippen.
Sicher auf dem Boden angekommen hielt der Slytherinsucher jedoch desinteressiert den Snitch hoch, um allen zu zeigen, dass er diesen gefangen hatte. Dennoch, Harry konnte Malfoys Freude spüren, wusste, dass die Gleichgültigkeit nichts weiter als eine Maske war und spontan gab er dem Blonden einen gutmütigen Klaps gegen den Hinterkopf, warf dann einen unschuldigen Blick zur Seite, als der andere ihn aus dem Augenwinkel verärgert anfunkelte.
„Slytherin hat den Snitch! Der Punktestand 190 zu 150. Gryffindor hat das Spiel gewonnen!"
Diese Worte jedoch holten Harry schlagartigin die Realität zurück.
Gryffindor hatte gewonnen.
Doch etwas stieß Harry bitter auf.
Es waren vereinzelte Jubelschreie von den Tribünen zu hören – von den Slytherin-Tribünen.
Er war nicht Malfoy und sie spielten auch nicht im gleichen Team.
Harrys Team hatte gewonnen, doch die Zurufe und Freudenschreie der Slytherin schienen die der Gryffindor zu übertönen.
„Was zur Hölle ist hier los?", rief Ginny über das Feld, stampfte einmal wütend auf und ging dann auf eine Bank zu, ließ sich mit vor der Brust verschränkten Armen frustriert darauf fallen, während die restlichen Mitglieder des Gryffindor-Teams sich zu ihr gesellten. Harry musterte sie einen Augenblick, bevor er sich entschied, zu seinem Team zu gehen, warf aus dem Augenwinkel einen Blick auf Malfoy, der lediglich auffordernd eine Augenbraue hob, sich dann mit einem süffisanten Lächeln umdrehte.
„Und du! Was war mit dir los?", rief die Rothaarige, sobald sich Harry seinem Team genähert hatte. „Du hättest diesen Snitch fassen können – mehrmals!"
„Ginny, wir haben gewonnen."
„Wir hätten mit 340 Punkten Vorsprung gewinnen können, wenn unser Herr Sucher nicht am helllichten Tag geträumt hätte", unterbrach sie barsch ihren Bruder.
„Ich versteh dein Problem nicht", mischte sich nun auch Demelza in das Gespräch ein. „Ob Harry den Snitch hat oder nicht—"
„Weil du keine Ahnung hast!", fuhr Ginny sie an. „Weil du kein Sucher bist!"
„Wieso streiten wir, während die Slytherin sich mehr freuen als wir, obwohl wir gewonnen haben?", mischte sich Dean ein, warf einen kurzen Blick auf die Rothaarige, die schwer schluckte, bevor sie einmal tief Luft holte.
„Es geht den Slytherin nicht um den Punktestand", meinte Harry ruhig, und die anderen sahen ihn fragend an. „Es geht ihnen darum, dass sie den Snitch haben." Mit diesen Worten wandte er sich ab, stampfte energisch über das Feld, vorbei an den Slytherin, die sich um ihren Sucher sammelten.
Harry richtete stur seinen Blick geradeaus, verschwand mit schnellen Schritten in der Umkleidekabine.
Er hatte verloren.
Frustriert ließ er sich auf eine der Bänke fallen, stützte seinen Kopf in die Hände.
Er hatte gegen Malfoy verloren.
Weil er sich so leicht von dem Anderen hatte manipulieren lassen, weil Malfoy solch faule Tricks angewandt hatte – und es gab überhaupt nichts, dass Harry dagegen hatte tun können. Er konnte sich nicht auf Fouls berufen, er konnte sich nicht vor seinem Team rechtfertigen, er konnte sich nicht einmal vor sich selbst rechtfertigen.
Denn im Endeffekt hatte Malfoy ihn in einem fairen Eins-zu-Eins besiegt.
Doch Malfoy hatte nur gewinnen können, weil er Harrys Flugstil übernommen hatte.
Aber Malfoy flog rasanter als Harry es je gewagt hätte.
Trotzdem war alles Malfoys Schuld.
„Verdammt!", fluchte er unwillig, stand ruckartig auf und trat mit dem Fuß gegen eine Bank, die daraufhin zurückkippte, fluchte laut als er erneut gegen die Holzbank trat, versuchte seine Aggressionen abzubauen.
Gryffindor hatte gewonnen.
Wen interessierte das?
Harry Potter hatte an Draco Malfoy den Snitch verloren.
Wut staute sich immer weiter in seinem Inneren an.
Wut auf Draco Malfoy, auf den Zauberspruch. Wut auf sich selbst und seine Unfähigkeit, der Situation Herr zu werden. Wut darauf, dass er keine Ausrede für seine Ohnmacht und seine persönliche Niederlage hatte.
„Harry."
Der Dunkelhaarige wirbelte überrascht herum und Ron setzte vermutlich unbewusst einige Schritte zurück, musterte ihn eine Zeit lang unschlüssig.
„Ja?", fragte Harry bemüht beherrscht, als ihm die Stille zu lange andauerte.
Der Rothaarige öffnete den Mund, schloss ihn dann wieder, bevor er erneut ansetzte, doch offensichtlich nicht aussprach, was er eigentlich hatte sagen wollen. „Malfoy müsste gleich aus der Umkleide kommen", murmelte er letztendlich und verließ den Raum.
Harry starrte eine Weile nachdenklich auf den Besen, den er vorher achtlos auf den Boden hatte fallen lassen, bevor er kurz entschlossen aus der Umkleidekabine stampfte, noch rechtzeitig Malfoy erblickte, der sich allein auf den Weg zurück zum Schloss machte.
„Malfoy", rief er wütend, zog damit die Aufmerksamkeit der noch anwesenden Schüler auf sich. Malfoy blieb abrupt stehen und drehte sich mit einem nonchalanten Blick zu ihm um. Aus dem Augenwinkel bemerkte Harry, wie Ron und Hermine, die sich vorher etwas abseits unterhalten hatten, ihm schnell folgten.
„Malfoy, du widerlicher—"
„Du hättest das Gleiche getan", unterbrach der Slytherin unbeeindruckt die angefangene Beleidigung.
„Nie im Leben hätte ich—"
„Du hättest das Gleiche getan", wiederholte Malfoy die Worte mit mehr Nachdruck. „Ich weiß es. Ich habe es gesehen."
„Das würde ich nicht!"
„Wirklich", raunte Malfoy trocken, ohne jegliche Emotion in der Stimme. „Dann möchte ich dich an das hier erinnern", meinte der Blonde, hob seine Hand und schnipste einmal, entzündete somit das Ende von Harrys Robe, machte dann eine wegwerfende Handbewegung, die das Feuer sofort wieder löschte. „Du hast vergessen, dass du es auch kannst."
Der Gryffindor sah den Blonden überrascht an, versuchte jeden aufkeimenden Gedanken zu unterbrechen, aus Angst, die These des anderen zu bestätigen, doch über Malfoys Lippen lief ein höhnisches Grinsen.
„Du hättest das Gleiche getan, Potter."
„Harry hätte nie solche faulen Tricks benutzt", mischte sich nun auch Ron ein, der mit Hermine hinter Harry zum Stehen kam und versuchte, seinen Freund in Schutz zu nehmen. „Er ist nicht so niederträchtig und hinterhältig wie du."
Malfoy schürzte die Lippen. „Glaubst du das wirklich?"
„Natürlich", fuhr Ron aufgebracht fort. „Glaubt ihr, wir würden uns auf das Niveau von Slytherin runterlassen?"
Der Blonde hob ruhig eine Augenbraue, während Harry irritiert die Stirn runzelte. „Schließlich sind alle Slytherin böse und gemein", höhnte er mit einem kühlen Lächeln. „Wir laben uns an dem Unglück anderer wie gemeine Assgeier – wir sind nur zufrieden, wenn andere leiden, richtig?"
„Ganz genau", bestätigte der Rothaarige nickend, doch Harry witterte genauso wie Hermine einen Haken.
„Glaubt ihr das wirklich?"
Die Gryffindor reagierten nicht darauf, doch der Blonde ließ ihnen auch kaum Zeit für eine Reaktion.
„Zabini und ich entdeckten vor ungefähr zwei Jahren drei Hasen dort hinten am Baum", begann der Blonde ohne Vorwarnung, scheinbar gelangweilt, deutete mit einer abfälligen Geste in die ungefähre Richtung, doch Harry konnte die krankhafte Wut des anderen spüren, war nahezu beeindruckt, wie der Slytherin nach außen hin so gelassen und kühl wirken konnte. „Wir beobachteten sie eine Weile, dann zog ich meinen Zauberstab, suchte mir willkürlichen einen der Hasen aus der Gruppe heraus und hob ihn mit einem Zauberspruch an, während Zabini belustigt daneben stand."
Harry runzelte ob des indifferenten Tons angewidert die Stirn.
„Während ich also diesen Hasen in der Luft hoch und runter, und von links nach rechts schwenken ließ, versammelten sich langsam weitere Slytherin, die sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls auf der Wiese befanden, und beobachteten unter lautem Lachen das Spektakel. Ihr könnt euch denken, dem Hasen schien diese raue Behandlung keineswegs zu gefallen und die anderen beiden Hasen kauerten sich zitternd zusammen."
„Genau das meine ich!", entfuhr es Ron angewidert.
„Ihr Slytherin seid echt abscheulich", meinte Hermine, nicht minder von der Geschichte abgestoßen und Harry konnte nur bestätigend auf die Worte nicken.
„Natürlich mischte sich keiner ein", meinte Draco in einem passiven Ton, musterte gelangweilt seine Fingernägel und ließ die Beleidigungen einfach an sich abprallen, „doch letztendlich unterband ein Professor unseren Spaß – viel zu früh für meinen Geschmack."
„Du Scheusal!", knurrte Hermine, doch Malfoy winkte gelangweilt ab, während Harry noch immer nicht wirklich wusste, was diese Geschichte mit ihrer Situation zu tun hatte – schien sie doch nur Rons Beleidigung zu unterstützen.
Malfoy warf auf diesen Gedanken hin ein humorloses Lächeln in Harrys Richtung.
„Ich hoffe, ihr wurdet angemessen für dieses abscheuliche Verhalten bestraft", donnerte die Brünette weiter, doch Harry war sich langsam nicht mehr sicher, ob das weitere Beleidigen des Slytherins wirklich so eine gute Idee war.
„Der Hase", raunte der Blonde plötzlich ernst, sah mit kalten, kalkulierenden Augen auf, „war ich." Mit diesen Worten wandte er sich ab, würdigte ihnen keines Blickes, als er seinen Weg zum Schloss fortsetzte.
darüber nach, Potter.:
oOoOoOo
Draco holte einmal tief Luft, sobald er den Quidditchplatz und die Gryffindor hinter sich gelassen und das Schloss betreten hatte.
Er war wütend gewesen.
Der Blonde ballte seine Hände zu Fäusten, holte ein weiteres Mal tief Luft, bevor er seinen Weg fortsetzte.
Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so wütend gewesen zu sein.
Mit schnellen, zielsicheren Schritten näherte er sich dem Kellergewölbe.
Er wusste nicht einmal, was genau ihn so wütend gemacht hatte. Er hatte nicht zum ersten Mal die scheinfrommen Worte der Gryffindor, die alle so dermaßen von sich eingenommen waren, dass sie ihre eigene Verwerflichkeit nicht sehen konnten, hören müssen.
Sie alle sahen auf die Slytherin hinab, stempelten sie als den Abfall der Zauberwelt ab – war es da ein Wunder, dass die Slytherin einen Schutzwall aufbauten, durch den sie niemanden hindurchlassen wollten – außer vielleicht ihresgleichen? Immer wieder wurden sie mit der Geschichte ihres Hauses konfrontiert – einer Geschichte, mit der sie nicht einmal etwas zu tun hatten, die sie aber akzeptierten. Doch die heiligen, die perfekten, mutigen, starken Gryffindor konnten nicht einmal über ihren eigenen Schatten springen und Vergleiche ziehen, sie konnten nicht sehen, dass sie sich kein bisschen von den Slytherin unterschieden – dass sie alles einfach nur aus einem anderen Blickwinkel betrachteten.
Die Augenbrauen nachdenklich kraus ziehend beobachtete er, wie einige Slytherin sich vor dem Eingang zum Gemeinschaftsraum versammelt hatten und abschätzende Blicke in den Raum warfen. Sobald sie allerdings Draco bemerkten, flüsterten sie aufgebracht untereinander, bis letztendlich Malcolm aus ihrer Mitte hervor geschubst wurde und einige Schritte auf den Blonden zustolperte, während er einen wütenden Blick auf die Gruppe hinter sich warf.
Draco hielt in seinem Schritt inne, hob fragend eine Augenbraue als der brünette Drittklässler vor ihm zum Stehen kam, ihn mit einem festen Blick musterte, bevor er distanzierend die Arme vor der Brust verschränkte. „Du darfst noch nicht in den Gemeinschaftsraum", meinte der Jüngere bestimmt.
Der Blonde nahm Malcolm nicht einmal ernst, wollte sich schon wieder weiter auf den Weg machen, doch der kleinere Zauberer hielt ihn am Arm zurück. „Ich meine es ernst, Malfoy."
„Bitte?", fragte Draco mit passiver Kälte und sah auf Malcolm hinab.
„... Ich bin nur der Überbringer der Nachricht!"
Draco schüttelte mit einem genervten Seufzer den Kopf, legte eine Hand an seine Stirn.
Er spürte bereits die Ansätze einer Migräne.
„Ich habe keine Geduld dafür", meinte er leicht gereizt.
„Draco, wenn sie sagen, dass du noch nicht rein kannst, dann gehst du da gefälligst noch nicht rein."
„Ich bin nicht in der Stimmung, Zabini", entgegnete er, drehte sich zu seinem Freund um, der mit Pansy im Schlepptau hinter ihm zum Stehen kam.
„Das hör ich in letzter Zeit ziemlich oft von dir", schnurrte Blaise in einem anzüglich unterlegten Ton, doch bevor Draco darauf reagieren konnte, sprach er weiter. „Aber mal zu einem anderen Thema: Was hast du zu Potter gesagt? Als die Trinität uns entgegen kam, fiel dein Name ziemlich häufig in ihrem Gespräch, und das in einem nicht wirklich besonders netten Kontext."
„Ich erzählte ihnen, dass wir Hasen gequält haben", erklärte er ruhig und bemerkte aus dem Augenwinkel eine fliehende Bewegung, vermutlich Malcolm, der auf seine Worte hin zusammengezuckt war.
„Ah, dein Trauma", schmunzelte Pansy, setzte aber, sobald sich Dracos Blick auf sie richtete, ein unschuldiges und vor allem sympathisierendes Lächeln auf.
„Musstest du mich als Beispiel nehmen?", entgegnete Blaise stattdessen gespielt entrüstet. „Wenn die Gryffindor deine Parabel nicht verstehen, dann denken sie nachher, ich wäre ein Tierquäler. Ich bin kein Tierquäler! Ich liebe Tiere!"
Draco rollte die Augen, schüttelte leicht den Kopf und wandte sich ab.
„Moment! Wo willst du hin? Du hast gehört, was Malcolm gesagt hat. Kein Gemeinschaftsraum", instruierte ihn Blaise sofort, hielt Draco an der Robe zurück, während dieser einen diabolischen Blick auf den armen Drittklässler warf, der vermutlich in diesem Moment beschloss, dass es Zeit für seinen unauffälligen Abgang wäre und langsam zu der Gruppe vor der Tür zurück schlich.
„Es wird wirklich nur noch ein paar Minuten dauern", versicherte Malcolm, bevor er blitzschnell mit der Gruppe im Gemeinschaftsraum verschwand.
„Ist er nicht niedlich", schwärmte Blaise, warf einen väterlichen Blick auf die Tür, hinter der sein selbsternannter Schützling verschwunden war.
„Ja, voll", meinte Draco abwertend, biss sich auf die Zunge, als er registrierte, was er gesagt hatte.
Seine Freunde entschieden sich, kommentarlos über den Ausrutscher hinweg zu sehen.
„Wissen sie bereits, worum es ging?", fragte Pansy plötzlich und Draco sah sie mit einem gleichgültigen Blick an, zuckte dann mit den Schultern. Er hatte zurzeit die Nase voll von Potter und er war sehr erfreut darüber, dass er diesen mittlerweile vollständig ausblenden konnte wenn er wollte.
„Keine Ahnung", meinte er gelangweilt. „Ich—"
„Draco, du hast den Snitch", warf Blaise unvermittelt ein und über Dracos Lippen schlich sofort ein zögerliches Lächeln, und jeder Versuch, es sich zu verkneifen, resultierte lediglich in einer seltsamen Grimasse, die aber noch immer nicht seine Freude verstecken konnte.
„Glückwunsch", meinte Pansy und er ließ es zu, dass sie ihn mitten im Gang freudig umarmte und fest an sich drückte. „Dann freu dich gefälligst und zieh nicht so ein Gesicht", befahl Blaise währenddessen, verschränkte die Arme vor der Brust. „Lass dir das nicht von den Gryffindor vermiesen."
„Blaise hat recht", mischte sich die brünette Hexe ein und lächelte Draco aufmunternd an. „Denn, ganz ehrlich, Draco—"
„Vorsicht!", wurde sie unterbrochen, als ein älterer Schüler an ihnen vorbeistürmte, Pansy dabei an der Schulter anstieß und sie ins Wanken brachte. „Sorry!", rief der Junge, drehte sich im Laufen nur einmal kurz um, bevor er im Gemeinschaftsraum verschwand, während Pansy verärgert die Arme in die Hüften stemmte.
„Dieser Withers", meinte sie, kräuselte angewidert die Nase. „Der freut sich bestimmt darauf, dass er sich wieder betrinken kann."
„Ja, die Frage ist nur, welchen Grund er dieses Mal vorschiebt.", meinte Draco abwertend.
„Wobei es vermutlich nur darauf hinauslaufen wird, dass seine Freundin ihn mit Alkohol abfüllt, damit er wieder seine Imitationen zum Besten gibt", prophezeite Blaise, schien allerdings im Gegensatz zu seinen beiden Freunden von der Vorstellung eher angetan als abgeneigt.
Plötzlich drang laute Musik gedämpft aus dem Gemeinschaftsraum; und Blaise, wahrscheinlich neugierig geworden, näherte sich der Tür, öffnete sie, wodurch die Musik nur noch lauter an ihre Ohren drang, und warf einen forschenden Blick in den Raum. „Ich geh schon mal rein", rief er den anderen beiden zu und verschwand mit einem verschmitzten Grinsen hinter der Tür.
„Na toll, wenn ich dich jetzt hier allein stehen lasse, wirst du mir das vermutlich ewig vorhalten", murmelte Pansy, die ebenfalls wissen wollte, was die Meute geplant hatte und immer wieder verstohlene Blicke auf die Tür warf.
„Ganz genau", bestätigte Draco.
Doch bereits einen Moment später kam Malcolm aus dem Gemeinschaftsraum gestolpert, warf einen gereizten Blick zurück, bevor er sich dem Blonden zu wandte und ihn mit einem breiten Grinsen hereinbat. „Sie dürfen."
„Komm, Draco", drängte Pansy, hakte sich bei dem Jungen unter und zog ihn in den Gemeinschaftsraum, wo er, kaum dass er diesen betreten hatte, sofort von wildem Applaus, Glückwünschen und blendenden Lichtern begrüßt wurde, während Pansy sich von ihm löste, und Blaise, der an der Seite stand, anstrebte.
Der Blonde ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und war nicht sonderlich überrascht, dass das Banner von „Wir haben vielleicht verloren, aber wir sehen dafür besser aus" zu „Wir haben den Snitch und sehen trotzdem besser aus" umgetextet wurde.
Draco fragte sich, ob irgendeiner der Slytherin bemerkt hatte, dass sie das Spiel verloren hatten.
Direkt unter dem Banner war ein riesiges Plakat befestigt, das in einer Wiederholungsschleife zeigte, wie er, auf dem Besen vorgebeugt, den Snitch direkt unter Potters Händen wegschnappte – und wie er daraufhin das Gleichgewicht und den Halt auf seinem Besen verlor.
„Wie unelegant", kommentierte er trocken und einige Slytherin in seiner Nähe begannen zu lachen, bevor die Musik wieder lauter gestellt wurde.
„Ganz ehrlich", hörte er plötzlich eine ihm vertraute Stimme und ruckartig drehte er sich um. „Hättest du trotz dieser riskanten und extrem stillosen Aktion den Snitch nicht gefangen, würden sich alle ewig darüber lustig machen", beendete Markus Flint seinen Satz, hob dann zum Gruß eine Hand, während Draco den dunkelhaarigen Jungen überrascht musterte. „Oder sie würden es als Druckmittel benutzen – so oder so, alle hätten ihren Spaß daran gehabt, bis auf dich natürlich."
„Marcus Flint", begrüßte er den Älteren mit einem kurzen, distanzierten Nicken, obwohl er nicht behaupten konnte, dass er sich von dem unerwarteten Auftreten gestört fühlte.
„Doch trotz deiner nicht vorhandenen Eleganz sagen wir feierlich: Glückwunsch, Malfoy", rief jemand anderes, der, sollte Dracos Erinnerung ihn nicht getäuscht haben, ebenfalls Hogwarts bereits verlassen hatte – und er warf einen Blick nach links, wo, etwas weiter von Flint und in der Menge leicht versteckt, Terence Higgs stand und ihm mit einem Glas zuprostete.
„Sprachlos?", meinte der brünette Junge amüsiert und näherte sich Flint und Draco, während letzterer nur abwertend eine Augenbraue hob.
Die beiden Älteren hatten stets hinter ihm gestanden, wenn es um irgendwelche Entscheidungen bezüglich Quidditch ging. Er hatte damals immer gedacht, dass dies am Einfluss seines Vaters läge, aber das unveränderte Auftreten der beiden ließ ihn langsam an diesem Gedanken zweifeln.
„Nie", entgegnete er trocken. „Ich überlege nur, ob man neuerdings als Auror-Anwärter wirklich soviel Zeit hat, um mal eben eine Feier des ehemaligen Hauses zu besuchen – und das, obwohl besagtes Haus das Spiel verloren hat."
„Du weißt, dass es ein moralischer Sieg ist. Du hast den Snitch gegen Potter geholt, da nimmt man sich spontan frei! Pat hat es uns sofort erzählt und hier sind wir – mit Snapes Unterstützung, versteht sich." Draco rollte die Augen. „Übrigens sind die anderen auch irgendwo hier", fuhr Flint fort, streckte seinen Arm aus, um auf jemanden zu zeigen, suchte mit den Augen nach den anderen ehemaligen Mitgliedern, doch entdeckte niemanden in der Menge und machte nur eine wegwerfende Handbewegung nach links. „... vermutlich da, wo der Alkohol ist."
Draco hob eine Augenbraue, suchte mit seinen Augen den mit unechten, flatternden Snitchs geschmückten Gemeinschaftsraum ab, entdeckte Pat Withers, der sich von seiner Freundin Cleo Metisse ein Glas Feuerwhiskey nach dem anderen einschenken ließ. Blaise würde später ziemlich viel Arbeit haben, um all die betrunken Slytherin irgendwie im Gemeinschaftsraum zu verteilen, damit sie nicht die Schlafräume komplett verschmutzten.
„Allerdings bin ich überrascht, dass Dennis gespielt hat", riss Flint ihn aus seinen Gedanken, warf einen forschenden Blick auf einen dunkelhaarigen Jungen, der etwas Abseits aufgeregt mit den restlichen Teammitgliedern der derzeitigen Quidditchmannschaft plauderte, dabei wild gestikulierte, sodass man auch ohne seine Worte zuhören, genau wusste, worüber er redete.
„Gegen Ravenclaw und Hufflepuff hätten wir keine großen Probleme gehabt", entgegnete Draco, wandte seinen Blick von seinem Hüter ab und richtete ihn stattdessen missgünstig auf Higgs, der sich bei einem Fünfklässler eine Flasche Feuerwhisky bestellte.
„Aber Gryffindor ist auch ohne Sucher noch immer ein starkes Team. Dennis' Krankheit zeigte sich zu einem ungünstigen Zeitpunkt", ergänzte Flint die unausgesprochenen Gedanken des Blonden, der so tat, als hätte er die Worte des anderen nicht gehört.
Dennis war nicht sterbenskrank und er war auch nicht der einzige Grund, dass Slytherin auf dem Feld total versagt hatte, sondern—
„Schalt mal etwas ab und entspann dich endlich, Malfoy", meinte Higgs letztendlich mit einem freundlich Klaps auf Dracos Schulter und wandte sich von ihm ab, um Metisse in ihrem Vorhaben, ihren Freund mit Whiskey abzufüllen, zu unterstützen, während Draco ob diesem Verhalten, nur seufzend den Kopf schüttelte.
„Recht hat er. Ihr habt verloren, aber was anderes habt ihr doch nicht erwartet, oder? Mal davon abgesehen, dafür hast du den Snitch", meinte Flint amüsiert. „Nun denn, ich habe Pat schon lange nicht mehr betrunken gesehen. Das wird ein Spaß." Mit diesen Worten holte er eine Flasche Feuerwhiskey unter seinem langen Mantel hervor und schritt, fröhlich pfeifend, auf sein Opfer zu.
„Es sind nicht einmal zehn Minuten vergangen", entrüstete sich Draco kopfschüttelnd, bahnte sich einen Weg durch die tanzenden Schüler auf der Suche nach einem etwas ruhigeren Platz, als er von einigen Mädchen aufgehalten und zur Seite gezogen wurde. „Foto, Malfoy, Foto", riefen die Siebtklässlerinnen und bevor er reagieren konnte, stand auch schon Graham Pritchard mit einer Kamera vor ihm und drückte auf den Auslöser, genau in dem Moment, in dem zwei Mädchen sich zu dem Sucher vorbeugten und ihm einen Kuss auf je eine Wange drückten, während die restlichen Mädchenlaut „Sniiiitch" riefen.
Mit dem Blitzlicht verschwanden auch die Mädchen – vermutlich der eingebaute Slytherininstinkt, denn wenn sie noch immer da gewesen wären, sobald Dracos Gehirn mit den Umständen aufgeholt hatte, wären sie vermutlich nicht ungestraft davongekommen. Angewidert wischte er sich mit dem Ärmel seiner Robe über die Wangen und versuchte das Gefühl von feuchten Lippen zu vertreiben.
Jetzt musste er nur noch Pritchard finden und ihn zwingen, das Foto zu vernichten.
„Lass uns tanzen, Draco", forderte ihn Pansy plötzlich auf, die vermutlich amüsiert das Treiben beobachtet hatte. „Es läuft gerade ein ruhiges Lied!"
„Pansy, Darling, Draco hat mir den nächsten Tanz versprochen", mischte sich Blaise ein und griff nach Dracos Arm, zog ihn auf die Tanzfläche,während Pansy ihre Arme in die Seite stemmte, wütend ihre Augen zu Schlitzen verschmälerte.
„Blaise, ich werde nicht—"
Draco wurde von einem Blitzlicht unterbrochen, runzelte die Stirn und wandte sich dem Jungen zu, der soeben ein Foto von Blaise und ihm gemacht hatte, auf dem sein dunkelhaariger Freund sich gerade schwungvoll zu ihm umdrehte, um Dracos andere Hand zu ergreifen, während der Blonde durch die Rotation ungewollt seine Hand dem anderen entgegenstreckte.
Blaise ignorierte den jüngeren Slytherin und Dracos angefangenen Einspruch und begann, zu Dracos Unbehagen, provozierend nah an ihm zu tanzen.
„Nein, Blaise", meinte er bestimmt, drückte seinen Freund von sich. „Ich tanze lieber mit Pansy", fügte er an, hob gespielt herausfordernd eine Augenbraue und ging auf das brünette Mädchen zu, reichte ihr die Hand. Blaise sah sich nur einen kurzen Moment suchend um, bis er sein nächstes Opfer entdeckt hatte und zog ohne Vorwarnung Vincent auf die Tanzfläche.
„Wenn er es wagen sollte ein Mädchen aufzufordern", meinte Pansy leise, ließ ihre Augen nicht von dem unglücklichen Tanzpaar, „zerreiße ich ihn in Stücke."
Draco reagierte nicht auf ihre Worte, konzentrierte sich stattdessen darauf, sein Gesicht nicht schmerzhaft zu verziehen, während er mit einem Lächeln ignorierte, dass Pansy noch immer schlecht im Tanzen war und ihm andauernd auf die Füße trat. Obwohl das Mädchen von Haus aus Tanzunterricht gehabt hatte, gab es keinen Tanzlehrer, der es mit ihr länger als zwei Wochen ausgehalten hatte.
„Ich war schon mal schlimmer", verteidigte sich Pansy als hätte sie seine Gedanken gelesen, und Draco senkte seinen Kopf etwas, um Pansy in die Augen sehen zu können. „Im Vergleich zu damals bin ich mittlerweile eine wahre Ballerina."
„Da muss ich dir widersprechen, Darling", neckte der blonde Slytherin, drehte sie, sodass er Vincent und Blaise im Auge hatte, weshalb Pansy nicht bemerkte, dass Blaise sich soeben von seinem Tanzpartner trennte. Draco fing den Blick des Dunkelhaarigen auf, nickte einmal auffordernd und sofort kam Blaise auf sie zu, tippte Pansy auf die Schulter, die sich umdrehte, bereit, Draco an wen auch immer abzugeben.
„Viel Spaß", säuselte Draco, trennte sich von Pansy und ließ seine beiden Freunde auf der Tanzfläche stehen. Wenn Blaise unbedingt tanzen wollte, dann bitte mit Pansy. Dracos Füße hatten seid ihrer Kinderzeit unter mangelndem tänzerischen Talent leiden dürfen, nun war Blaise an der Reihe.
„Hey, hey, Malfoy!"
Der Angesprochene stellte sich taub.
Dies war allerdings keine gute Idee, wenn man sich mit einem Mädchen namens Christina Bellamy konfrontiert sah – ihres Zeichens ehemalige Vertrauensschülern, bevor sie den Posten freiwillig abgegeben hatte, mit der Begründung, die Slytherin würden sie zu sehr auf Trab halten.
Draco konnte es nachvollziehen.
„Stehen bleiben!", knurrte die blonde Siebtklässlerin und einen Moment später fand Draco sich in einem Stupefy wieder.
Augenrollend dachte Draco an den Gegenzauber und nur einen Moment später entließ seine offene Hand einen fahlen Lichtstrahl, der postwendend den Stupefy aufhob und es ihm erlaubte, sich wieder frei zu bewegen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bellamy jedoch bereits aufgeholt und sich direkt vor ihm positioniert.
„Du wünschst?", fragte Draco desinteressiert, verschränkte die Arme vor der Brust und hob provozierend den Kopf.
„Ein bessere Attitüde deinerseits", antwortete die Ältere unbeeindruckt.
Draco hatte definitiv etwas an Respekt einbüssen dürfen und er hatte das ungute Gefühl, dass das nicht allein daran lag, dass er nicht länger Vertrauensschüler war.
„Utopisch."
„Du hast den Snitch. Kann ich mal ein Lächeln von dir sehen?"
Er war selbst überrascht darüber, wie sehr er sich bemühen musste, das Lächeln zu unterdrücken, doch letztendlich hob er lediglich skeptisch eine Augenbraue. „Ist das alles?"
„Ich persönlich hätte mir nicht einmal die Mühe gemacht", meinte sie ohne Umschweife mit einem verächtlichen Blick auf ihre Hand. „Aber Withers hat darauf bestanden, dass wir ihn ... uns leihen. Mittlerweile ist der allerdings so betrunken, dass er ihn dir nicht persönlich geben kann." Die Blonde deutete mit ihrem Kinn auf den besagten Jungen, der auf einer Couch lag und noch immer von Metisse abgefüllt wurde, während Flint und Higgs und einige andere Slytherin johlend zusahen und das Mädchen weiter anfeuerten.
„Alkohol ist etwas wirklich Infames", murmelte Bellamy, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Blonden richtete. „Der ist für dich", war alles was sie sagte, drückte Draco etwas in die Hand und presste ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen, bevor sie sich augenzwinkernd wieder zu ihrer Gruppe durchdrängte und sich nahezu in Higgs Arme warf.
Der Atem des Mädchens hatte nach Alkohol gerochen, stellte Draco nüchtern fest, fuhr sich leicht angewidert mit dem Handrücken über die Lippen und notierte sich auf seiner mentalen Liste, dass er unbedingt wieder auf Distanz gehen musste, wenn mehr Kontakt zu den Bewohnern seines Hauses bedeutete, von jedem Mädchen in der Umgebung geküsst und umarmt zu werden.
Doch dann öffnete er seine Hand, entdeckte den walnussgroßen Snitch, der nun reglos auf seiner Handfläche ruhte und Draco realisierte erst in diesem Moment, dass er Potter tatsächlich besiegt hatte.
Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, während er den Snitch betrachtete, als er plötzlich aus dem Augenwinkel ein Blitzlicht bemerkte. Abrupt schnellte er mit dem Kopf herum, wunderte sich nicht, dass Graham Pritchard an seiner Seite stand und ihm ein unsicheres Lächeln zuwarf.
„Du gehörst mir", knurrte Draco, runzelte gereizt die Stirn, während er den Snitch in seine Tasche steckte und Pritchard einen Vorsprung von wenigen Sekunden ließ, dann laut Accio rief, den Arm hob und den Fotoapparat, der auf ihn zuschnellte, mit einer Hand auffing, während Pritchard sich verblüfft zu ihm umdrehte.
Der Blonde hatte allerdings nicht einmal Zeit, selbstgefällig zu grinsen, als ihm auch schon der Fotoapparat aus der Hand genommen und ein Arm um seine Schulter gelegt wurde. „Danke Graham. Ich werde mir das Foto von Draco und dem Snitch übers Bett hängen", meinte Blaise, drückte auf einen Knopf auf dem Apparat, bevor er ihn an Pansy, die neben ihm stand, weitergab, die den Film herausholte und mit einem Zauberspruch in ihrer Hand verschwinden ließ. „Du bekommst alle Bilder zurück, außer die von Draco, okay?", meinte das Mädchen, zwinkerte dem Jüngeren zu als sie ihm seine Kamera reichte. Der Drittklässler lief rot an, nickte aber folgsam und verschwand wieder in der Menge tanzender Schüler.
„Wir haben so gut wie keine Fotos von dir, also lass uns diese", bettelte Blaise nahezu, entfernte auf Dracos gefährlich zuckende Augenbraue hin den Arm von dessen Schulter und stellte sich stattdessen neben Pansy, die sich nun wieder zu ihm umdrehte. „Wir versprechen, dass die niemand zu sehen bekommt", fügte sie an, doch Draco schüttelte nur den Kopf und wandte sich von den beiden ab, bahnte sich einen Weg durch die tanzenden Schüler zu der Treppe, die zu den Jungenschlafzimmern führte.
Er vertraute in dieser Hinsicht seinen Freunden so weit, wie er sie werfen konnte.
Und das war nicht sehr weit.
Er hatte es bereits einmal ausprobiert.
„Glückwunsch, Malfoy", hörte er, als er fast am Ende der Treppe angekommen war vom unteren Ende und er drehte sich fragend zu Malcolm um, der mit auf dem Treppenpfeiler abgestützten Armen zu ihm aufsah, ein übermütiges Lächeln auf den Lippen. „Zu deinem persönlichen Sieg gegen Potter." Damit wandte sich der Brünette ab, gesellte sich zu Pritchard, der auf einer Bank saß und mit einem verstimmten Gesichtsausdruck einen neuen Film in seinen Fotoapparat legte.
Draco hob amüsiert eine Augenbraue, bevor er sich abwandte, um seinen Weg fortzusetzen. In seinem Schlafzimmer ließ er sich müde auf sein Bett fallen und schloss für einen kurzen Moment die Augen, massierte dabei seufzend seine Schläfen.
Er wusste mittlerweile schon gar nicht mehr, wie sich ein Kopf ohne Schmerzen anfühlte, denn egal, ob er die ankommende Flut von Potters Gedanken in seinen Kopf ließ oder ob er versuchte, sie fernzuhalten, letztendlich verursachte beides unerträgliche Qualen.
Er öffnete die Augen, starrte an die Decke seines Himmelbettes und runzelte die Stirn in Konzentration, bevor er sich in Potters Gedanken klinkte.
Wie es schien hatte der Gryffindor tatsächlich über Dracos Parabel nachgedacht, was ihn etwas verwunderte, hatte er doch angenommen, dass der Dunkelhaarige sich nicht weiter um seine Worte kümmern würde. Stattdessen wusste Potter bereits, worauf Draco sich bezogen hatte, auch wenn dieser nicht einsehen wollte, dass er im Unrecht gewesen war – schließlich hatte nicht er ihn in ein Frettchen verwandelt, sondern Moody und überhaupt hätte er nie gelacht, wenn es nicht Malfoy gewesen wäre.
Sobald dieser Gedanke durch Potters Kopf schoss, schien plötzlich alles still zu stehen und über Dracos Lippen stahl sich ein leicht triumphierendes Lächeln, das allerdings sofort wieder verschwand, als Potter gekonnt den letzten Gedanken ignorierte und wieder dazu ansetzte, weitere, für ihn plausible, Ausreden zu finden, die zuweilen die Grenzen der Selbsttäuschung sprengten und in Draco einen Wechsel zwischen Wut und Belustigung hervorriefen.
Gerade als Potter bei einer interessanten These, die einen angeblich irgendwann einmal gesehenen Film beinhaltete, angelangt war, schaltete sich der Urheber dieser Gedanken persönlich ein.
‚Ich weiß, dass du zuhörst, Malfoy! Ich kann deine Belustigung spüren!', kam es von dem Gryffindor und Draco schmunzelte, reagierte aber nicht auf die Worte. ‚Du kannst ruhig antworten, ich weiß genau, dass du da bist!' Er schüttelte nur den Kopf, schloss seine Augen.
Sollte der Dunkelhaarige allein herausfinden, dass nichts so war, wie es schien und dass man alles aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten sollte, um das Gesamtbild erkennen zu können.
‚Ich bin mir wirklich keiner Schuld bewusst, Malfoy! Du hast mit deinen Provokationen geradezu darauf gewartet, dass jemand dich irgendwann einmal verhext.'
:Ich hatte einen Angriff erwartet, Potter, aber von dir. Auf dich war ich vorbereitet.:
‚Ich hatte nicht gewusst, dass Moody sich einschalten würde!'
:Aber es hat dich auch nicht gestört.:
‚Weshalb hätte es mich stören sollen?'
:Potter! Du hast überhaupt nicht verstanden, was ich dir sagen wollte!:
‚Was sprichst du auch in Rätseln!'
:Es gibt Menschen, die in unserer Welt nur etwas gelten, weil ihre Fehler die der Gesellschaft sind - und du, Potter, gehörst zu dieser Kategorie!:
‚In deiner Welt gehörst du doch auch zu dieser Kategorie, Malfoy!'
Draco öffnete die Augen, starrte an die Decke und runzelte die Stirn.
Das war nicht das, was er hatte sagen wollen.
‚Du hast es aber gesagt. Denk nach, bevor du den Mund aufmachst.'
Er runzelte irritiert die Stirn. Die Worte, er hatte sie nicht an Potter gerichtet – vielleicht unbewusst?
:Ob etwas ‚gut' oder ‚böse' ist:, begann der Blonde ruhig, versuchte seine Gedanken zu sammeln, was unter Potters ständigem Leugnen um einiges erschwert wurde, :ist doch in Wirklichkeit nur abhängig von dem Betrachter.:
Potter schwieg, doch seine Gedanken rasten – und Draco klinkte sich aus, schloss erneut die Augen, wollte das dumpfe Pochen in seinem Kopf beruhigen und spielte tatsächlich mit dem Gedanken, dafür einen Zauberspruch auszuprobieren, den er noch nie benutzt hatte.
Doch bevor er seine Gedanken in die Tat umsetzen konnte, kam plötzlich Blaise in sein Zimmer gestürmt und warf sich heftig auf das Bett, direkt auf seine Beine.
„Sag mal, Blaise, spinnst du?", knurrte er fassungslos und Blaise rollte sich perplex zur Seite, sah ihn lange an, bevor er in lautes Lachen ausbrach.
„Ich sollte das wirklich aufnehmen!", murmelte er mehr zu sich selbst als zu dem anderen und setzte sich nun auf, während Draco seine Beine anzog, damit Blaise es sich auf dem Bett einigermaßen gemütlich machen konnte.
„Ich brauchte ein bisschen Abstand von den anderen", meinte der Dunkelhaarige letztendlich erklärend. „Flint und Higgs haben Withers endlich soweit betrunken bekommen, dass der mit seinen Parodien wieder anfängt. Aber nach seiner Imitation von Snape wurde es mir zu laut. Mann, Withers ist aber auch gut darin!"
„Hat er mich schon parodiert?", hakte Draco nach, war sich durchaus im Klaren, dass er auf jeder Party, auf der Withers betrunken war, mindestens einmal parodiert wurde – und er war überhaupt nicht der Meinung, dass die Imitation ihm glich.
Seine Freunde waren da vollkommen anderer Meinung.
„Die Leute können sich was wünschen, von daher denke ich nicht, dass heute etwas über dich kommen wird – es sei denn Withers spielt nach, wie du den Snitch gefangen hast. Um es mit deinen eigenen Worten zu sagen: ‚Wie unelegant.'" Blaise lächelte spöttisch, während Draco angewidert das Gesicht verzog.
Er konnte sich nicht daran erinnern ein Wort wie „unelegant" in den Mund genommen zu haben, allerdings schien teilweise Potters Sprache in den unmöglichsten Situation durchzubrechen – wobei seine sprachlichen Ausrutscher in jeder Situation unpassend waren.
„Mach dir nichts draus, die, die es bemerken, ignorieren es", versuchte Blaise ihn scheinbar zu trösten, krabbelte auf allen vieren übers Bett und ließ sich längs neben Draco fallen. „Und denk dran, wir sehen trotz allem gut aus."
Draco reagierte nicht darauf, schloss lediglich die Augen und lehnte sich auf dem Kissen zurück, während Blaise an seiner Seite gutgelaunt Withers Parodie von Snape und Dumbledore nacherzählte. Doch er spürte, wie die begeisterte Stimme langsam immer weiter in den Hintergrund gedrängt wurde, sich die Körperwärme—
—und als er die Augen wieder öffnete war alles dunkel um ihn herum.
Überrascht richtete er sich auf, sah sich um, runzelte angewidert die Stirn, als ihm auffiel, dass er noch immer komplett angezogen war, registrierte dann ein leises Nuscheln an seiner Seite.
Irritiert bemerkte er, dass das Geräusch von Blaise kam, der, dicht an Draco gedrängt, neben ihm schlief, allerdings aufgrund der Bewegung schläfrig die Augen öffnete.
„Was'n Dray?", fragte der Dunkelhaarige, warf dem Angesprochenen einen fragenden Blick zu, doch der Blonde konnte nicht auf die Frage eingehen.
Er spürte nur ein plötzliches Kribbeln in seinem Bauch, bemerkte, wie sein Körper langsam unruhig wurde.
„Draco?", fragte Blaise verwundert, richtete sich ebenfalls auf und rückte näher an ihn heran, seine Stimme nun etwas klarer.
Er kannte dieses Gefühl, auch wenn es dieses Mal etwas Fremdes an sich hatte. Doch die Reaktion seines Körpers war die Gleiche.
„Verschwinde, Blaise", presste Draco als einzige Antwort hervor, wandte seinen Blick von dem Dunkelhaarigen ab, wollte sowohl sein Gesicht verstecken als auch den Anblick des anderen vor seinem inneren Auge verbannen.
„... Was?"
„Ich habe gesagt, dass du abhauen sollst", wiederholte er seine Aufforderung aggressiver, griff mit einer Hand nach der Bettdecke und holte einmal tief Luft, biss sich leicht auf die Unterlippe, um etwaige verräterische Laute zu unterdrücken.
„Stimmt was nicht? Dein Gesicht—" Blaise wollte gerade dazu ansetzen, seine Hand auf Dracos Stirn zu legen, als dieser sie zur Seite schlug, bevor sie ihm zu nahe kommen konnte.
„Potter", raunte der Blonde leise. „Potter hat einen Traum... der besonderen Art."
„Der besonderen... Art?", wiederholte Blaise irritiert; doch dann bemerkte er, wie sich das Gesicht des anderen langsam rötete, der Atem sich etwas beschleunigte und er wusste genau, dass er, würde er seinen Blick weiter südlich wandern lassen, einen eindeutigen Beweis für seine These bekäme.
„Blaise, wenn du nicht gleich abhaust—"
„Dann fällst du über mich her? Aber gern doch!", beendete er euphorisch den angefangen Satz, beugte sich neckisch grinsend vor, stützte seine Hände an je einer Seite von Dracos angewinkelten Beinen ab. Der Atem des Blonden wurde etwas schneller, stockte für wenige Sekunden, als Blaise mit seinem Gesicht immer näher kam.
„Schön, dass wenigstens du deinen Spaß hast", knurrte Draco dennoch nur als Antwort, griff mit einer Hand nach einem Kissen und schleuderte es dem anderen ins Gesicht. „Und jetzt verschwinde!"
„Okay, okay." Mit diesen Worten öffnete der Dunkelhaarige den Vorhang einen Spalt, stand dann lachend auf. „Wir sehen uns in ein paar Stunden. Ich wünsche dir – oder Potter? – sehr viel Spaß." Auf diese Aussage folgte ein zweites Kissen, das Blaise jedoch geschickt abfing. „Damit werde ich heute Nacht von dir träumen", raunte er lasziv und schloss den Vorhang.
Draco dagegen biss sich auf die Lippe, schluckte einmal und versuchte, sich wieder zu beruhigen, schloss konzentriert die Augen, wollte die Worte seines Freundes aus seinem Kopf verdrängen, wollte das Gesicht des Dunkelhaarigen aus seinem Gedächtnis verbannen.
Potter, so musste der blonde Slytherin irritiert feststellen, ließ Dracos Selbstkontrolle langsam aber sicher bröckeln, denn, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, so hatte er dennoch mit dem Gedanken gespielt, das scherzhafte Angebot seines Freundes anzunehmen.
oOoOoOo
Er wollte ihn küssen.
Das war sein einziger Gedanke, seit er aufgestanden war.
Er konnte an nichts anderes denken, und er wusste nicht einmal, wen er küssen wollte, bis die Person vor ihm stand und der Drang ihn überkam wie eine Flutwelle und seine Gedanken nur einen einzigen Satz formulieren konnten:
Er wollte ihn küssen.
Nur ein einziges Mal.
„Müsst ihr schon wieder darauf rumhacken?", rief Hermine plötzlich über den Tisch einigen jüngeren Gryffindor zu und Harry wandte überrascht seinen Blick vom Slytherintisch und richtete ihn stattdessen auf seine Freundin, danach auf die jüngeren Gryffindor.
„Aber du musst schon sagen, dass sie recht haben", mischte sich Seamus ungefragt ein. Der rotblonde Junge ließ sich der brünetten Hexe gegenüber auf einen Stuhl fallen, hatte allerdings den abschätzenden Blick auf Harry gerichtet, der nur irritiert eine Augenbraue hob.
Er hatte keine Ahnung, worum es ging.
„Wenn jemand von einem Besen fällt, würdet ihr ihn dann nicht abfangen?", fragte Hermine fast schon vorwurfsvoll.
„Natürlich würden wir es machen - es sei denn, er ist ein Slytherin", entgegnete Seamus mit einem provozierenden Grinsen.
Spätestens jetzt wusste er es.
Seit dem Spiel gestern schienen die Gryffindor kein anderes Thema zu haben. Dass sie gewonnen hatten, war vollkommen nebensächlich, aber was alle am meisten interessierte, war, dass Harry ohne zu zögern Malfoy aufgefangen hatte.
Harry ließ sich von dem Gerede nicht stören. Das Einzige, was ihn rasend machte, war Peeves, der durch dieses Erlebnis ein neues Lieblingslied hatte und es natürlich in jeder Situation anbringen musste.
Apropos Peeves.
Suchend sah er sich um, um sich zu vergewissern, ob der Poltergeist in der Nähe war, seufzte einmal erleichtert, als er ihn nicht entdeckte und auch sonst keine Anzeichen für dessen Anwesenheit bemerkte. Das Letzte, was er im Moment brauchte, war ein Quälgeist, der ihn über den Rand seiner Selbstkontrolle stoßen wollte.
„Ich hätte Malfoy abgefangen", meinte Dean plötzlich ruhig von seinem Platz aus und alle warfen ihm einen überraschten Blick zu. Der dunkelhaarige Junge sah nur desinteressiert auf. „Unabhängig davon, wer er ist. Vermutlich hätte ich nicht einmal darüber nachgedacht."
„Ich hätte es auch gemacht", meinte Ron laut, doch als er die skeptischen Blick seiner Freunde bemerkte, rutschte er unsicher auf dem Stuhl hin und her. „Okay, ich hätte es nicht gemacht. Aber wenn ich Harry gewesen wäre, hätte ich es auch gemacht."
„Im Gegensatz zu euch hat Harry genug Verantwortungsbewusstsein, um über seinen eigenen Schatten zu springen", fuhr Hermine gereizt fort und stand abrupt auf, warf sich ihren Rucksack über die Schulter. Sie wollte gerade mit einem letzten, demonstrativ angewiderten Blick den Tisch verlassen, als Peeves in die Große Halle geschwebt kam und sich betont in der Mitte positioniert.
Harry seufzte resignierend und senkte seinen Kopf, als er die ersten Worte des Liedes hörte.
„Draco Malfoy, what's your problem? You're lookin' kinda mopey and forlorn this morning."
Alle Anwesenden begannen laut zu lachen, selbst die Slytherin, doch Draco Malfoy zeigte sich nicht einmal gestört, redete stattdessen einfach unbeeindruckt mit seinen Freunden. Harry konnte auch keine unterdrückte Wut spüren – scheinbar störte Malfoy das Lied tatsächlich nicht.
„Harry Potter, what's your deal? Are you having trouble with the feelings that you feel?"
Harry würde Peeves umbringen.
Es musste einen Zauberspruch geben, er würde einen erfinden oder entwickeln, aber er würde, nein, er musste Peeves endgültig umbringen.
:Ja, ja, Peeves, die antisoziale Stimme der Vernunft.:, hörte er plötzlich Malfoy in seinem Kopf und überrascht sah er zu dem Slytherin, der sich vorher mit Parkinson unterhalten hatte, dann aber aufsah und ihm ein hämisches Grinsen zuwarf.
‚Warum stört dich das nicht?', fragte Harry, stand von seinem Stuhl auf und folgte Ron und Hermine, die sich bereits auf den Weg machten, die Große Halle zu verlassen, während Peeves weiterhin sein Lied zum Besten gab.
:Weil nicht ich dich aufgefangen habe:, kam die ruhige Antwort und danach schien die Verbindung unterbrochen zu werden. Harry warf noch einen letzten Blick auf den Slytherintisch, bevor er die Große Halle verließ, doch sobald er den dunkelhaarigen Jungen entdeckte, schoss erneut nur ein einziger Gedanke durch seinen Kopf:
Er wollte ihn küssen.
Es war wie ein Zwang, doch Harry versuchte ihn zu unterdrücken, zu verdrängen, nicht daran zu denken und dies gelang ihm die ersten Stunden auch relativ gut, aber es reichte bereits der Bruchteil einer Sekunde, ein flüchtigerBlick und in seinem Kopf existierte nur noch dieser Junge – und der kaum zu bändigende Drang, seine gesamte Selbstkontrolle, seine so mühsam aufrechterhaltene Vernunft einfach in den hintersten Winkel seines Gewissens zu treten und den Dunkelhaarigen gegen irgendeine Wand zu drücken, oder auf eine Couch, oder—
„Beruhigt euch, beruhigt euch", bat Slughorn und Harry sah überrascht auf, ließ seinen Blick durch den kalten Klassenraum wandern. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, mit Hermine und Ron den Raum betreten, geschweige denn die restlichen Stunden davor überstanden zu haben – zu fixiert waren seine Gedanken, zu fixiert war sein Blick auf den dunkelhaarigen Slytherin. Fasziniert hatte er jede Bewegung beobachtet, hatte jedes Mal, wenn der andere mit seiner Freundin gesprochen hatte, ein saures Gefühl, das er nur allzu gut als Eifersucht kannte, unterdrücken müssen. Doch gleichzeitig spürte er ein Stechen in seiner Brust, gefolgt von einem marternden Selbsthass.
Harry hatte das Gefühl, dass er zwischen Liebe und Hass hin- und hergerissen wurde; er hatte das Gefühl, dass er jeden Moment den Verstand und damit seine hart aufgebaute Selbstkontrolle verlieren würde – und zwischen all diesem Wirrwarr schlich sich langsam die Angst in sein Herz.
Er hatte Angst, diese Freundschaft zu zerstören, er hatte Angst, die beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben zu verlieren, er hatte Angst vor jeder Berührung des anderen, hatte Angst, dass einer der beiden hinter sein Geheimnis kommen würde.
Er hatte bittere Angst.
Doch er wollte ihn küssen.
Nur ein einziges Mal.
Wenn auch nur flüchtig – vielleicht konnte er es als Spaß abtun? Als Witz?
Aber er wusste, dass er sich mit diesem einen Mal nicht zufrieden geben würde, er wusste, dass er—
„Harry, du starrst ihn an."
Überrascht schreckte der dunkelhaarige Zauberer aus seinen Gedanken, sah sich um und warf dann einen Blick auf Ron, der neben ihm saß und ihn irritiert musterte.
„Ich habe niemanden angestarrt", verteidigte sich Harry schwach, warf einen flüchtigen Blick auf die Slytherin, bevor er in sein Buch sah, allerdings aus dem Augenwinkel bemerkte, dass die Klasse bereits einige Seiten weiter war.
„Doch. Malfoy – hat er irgendetwas gesagt?"
Harry schwieg, blätterte stumm einige Seiten um. „Nein", antwortete er einsilbig in einem gereizten Tonfall. „Ehm... Wo sind wir?", fragte er jedoch einige Sekunden später leise und warf einen zögerlichen Blick auf Ron, der abweisend die Worte ‚Golpalotts Drittes Gesetz' murmelte. „Hermine hat es gerade erklärt."
„Oh", war alles, was der Dunkelhaarige darauf antwortete und seltsamer Weise konnte er sofort etwas mit diesem Gesetz anfangen, auch wenn er sich sicher war, nie zuvor etwas davon gehört zu haben. „Danke."
„—und deshalb", schnappte Harry die Worte ihres Zaubertränkelehrers auf, hob den Kopf, um diesen anzusehen, „möchte ich, dass Sie alle nach vorne kommen und sich je ein Flakon nehmen. Sie sollen bevor die Stunde endet ein Gegengift für das darin enthaltene Gift entwickeln. Viel Glück und denken Sie an Ihre Schutzhandschuhe!"
Als Reaktion auf diese Worte standen die Schüler von ihren Plätzen auf und näherten sich dem Schreibtisch des Professors, holten sich ein Fläschchen und schütteten den Inhalt sofort in ihren Kessel. Harry allerdings musterte einige Sekunden das längliche Gefäß in seiner Hand, bevor er es zur Seite legte und die Vorratskammer anstrebte, seelenruhig die einzelnen Gefäße durchsuchte, bis er letztendlich einen kleinen Behälter mit der Aufschrift Bezoar entdeckte. Sobald er das Kästchen öffnete, entdeckte er einige braune Steine, die jedoch eher Rosinen glichen.
Er nahm sich einen und verließ damit die Vorratskammer, setzte sich auf seinen Platz neben Ron, während seine Freunde ihm einen fragenden Blick zu warfen.
„Harry—" begann Hermine verwirrt, hielt einige Sekunden in ihrer Arbeit inne.
„Frag mich nicht, Hermine. Malfoys Wissen hat es mir erzählt", entgegnete er, warf einen Blick auf den blonden Slytherin, der allerdings ebenfalls dabei war, verschiedene Zaubersprüche auszuprobieren, um ein Gegenmittel zu ermitteln.
Harry runzelte die Stirn.
Wenn die Bezoar eine Eingebung von Malfoy gewesen war, dann müsste dieser doch genau das Gleiche wie Harry machen.
„An deiner Stelle", meinte Hermine, widmete sich ihrer eigenen Arbeit, „solltest du trotzdem versuchen, Golpalotts Drittes Gesetz anzuwenden."
Er stimmte ihr nickend zu und versuchte, durch plötzliche Geistesblitze, die gar nicht mal so schlecht zu sein schienen, ein ihm theoretisch unbekanntes Gesetz anzuwenden, doch letztendlich hatte er ein seltsames Gemisch, das im Endeffekt, wie er bemerkte, Malfoys ähnelte, aber noch nicht vollständig war, während eine penetrante Stimme in seinem Kopf immer wieder leise vor sich hinmurmelte, dass er nur noch eine Minute brauchte, nur noch eine Minute, eine Minute – doch Slughorn ließ ihnen nicht diese eine Minute, sondern unterbrach mit den Worten „Die Zeit ist um!", das geschäftige Treiben im Zaubertränkeraum.
Langsam bahnte sich der Zaubertränkelehrer einen Weg durch die Sitzreihen, warf hin und wieder abwertende oder anerkennende Blicke in die Kessel. An Malfoys schien er scheinbar desinteressiert vorbei zu laufen, würdigte den blonden Slytherin nicht mal eines Blickes und in Harry stieg kalte Wut auf, die aber sofort wieder versiegte, vermutlich wegen der Worte seines dunkelhaarigen Freundes, der Malfoy lediglich mit einem Lächeln etwas ins Ohr flüsterte.
„Und Harry, was hast du für mich?", fragte Slughorn, der plötzlich vor seinem Kessel stehen geblieben war, neugierig, und Harry sah ihn überrumpelt an, griff blind und ohne nachzudenken nach der Bezoar und hielt sie dem Professor hin.
„Harry", stöhnte Hermine leise, während Ron, leicht panisch, einen Blick auf Slughorn warf, der allerdings nach einer kurzen Pause in schallendes Lachen ausbrach.
„Ich muss schon sagen, das hätte ich nicht erwartet", meinte der ältere Mann, nahm die Zutat in seine Hand und musterte sie abschätzend. „Wirklich clever! Es stimmt, dass die Bezoar diesen Zaubertrank – wenn nicht sogar viele andere – neutralisieren kann. Da muss deine Mutter in dir durchkommen."
„Verflucht, Potter", hallte es plötzlich genervt durch den Raum und Draco Malfoy stand mit einem wütenden Blick auf, wollte den Dunkelhaarigen scheinbar mit Pfeilen durchbohren. „Kannst du nicht einmal das tun, was gefragt wurde?"
Harry wusste wirklich nicht, wovon der andere sprach.
:Das war nicht die Aufgabe gewesen!:, lärmte es als Antwort auf seine Gedanken in seinem Kopf und er hielt sich aus Reflex die Ohren zu, was ihm jedoch nur verwundete Blicke seiner Klassenkameraden einbrachte.
‚Also war es doch dein Wissen?'
:Natürlich war es mein Wissen, oder glaubst du, dass der Einfluss deiner Mutter sich nicht schon etwas früher gezeigt hätte, wenn du auch nur annähernd etwas von ihr geerbt hättest?:
„Mister Potter?"
Harry wandte seinen Blick von Malfoy auf den Zaubertränkeprofessor, der seine Augen noch immer auf ihn gerichtet hatte.
„Es... ist nichts", antwortete er.
„Wie auch immer", wechselte Slughorn mit einer wegwerfenden Handbewegung das Thema, rollte die Bezoar zwischen seinem Daumen und seinem Mittelfinger hin und her, ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen. „Wirklich beeindruckend, das muss ich schon sagen. 30 Punkte für Gryffindor."
„Danke... Sir", erwiderte Harry, versuchte Malfoys mental verbalen Wutausbruch in seinem Kopf zu ignorieren, und sich auf etwas anderes zu konzentrieren – den Slytherin aus seinem Kopf zu vertreiben, zum Beispiel.
Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie der blonde Junge aufgebracht seine Bücher in die Tasche packte, mit nur einer Handbewegung seinen Arbeitsplatz reinigte und aus dem Raum stürmte, während seine Freunde ihm stirnrunzelnd nach sahen, sich dann zu Harry umdrehten und ihm einen genervten Blick zuwarfen.
Es war doch nicht seine Schuld gewesen, dass Malfoy der Meinung gewesen war, dass eine einfache Bezoar nicht die Antwort auf die Frage gewesen war – was sie, ehrlich gesagt, auch nicht war, aber hätte der andere ebenfalls eine Bezoar hingehalten, hätte er das gleiche Resultat erzielt.
:Das war aber nicht die Aufgabe gewesen, Potter! Du hast einfach nur mal wieder das getan, was du wolltest.:
‚Aber Slughorn war beeindruckt.
:Wenn du aus einer Feder ein Buch machen solltest, würdest du doch auch nicht einfach nur die beiden Gegenstände austauschen!? Die Aufgabe war nicht einfach nur ein Gegenmittel zu finden, wir sollten ein Gegenmittel mit Hilfe des Golpalotts Gesetz finden – das war die Aufgabe! Und dass du dafür auch noch—Argh!:
Harry konnte tatsächlich die Empörung spüren, hatte sogar vor seinem inneren Auge ein Bild von Malfoy, wie er mit schnellen energischen Schritten durch die Gänge eilte, während er versuchte, seine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen und dabei eine desinteressierte Maske auf zu setzen.
‚Malfoy, beruhige dich', seufzte Harry leise, räumte seinen Arbeitsplatz auf, indem er ebenfalls eine einfache unbedachte Handbewegung machte. Sobald er dies registrierte hielt er für einen Augenblick inne, betrachtete nachdenklich seine Handfläche.
Er hatte es nicht selbst gelernt, doch er spürte jedes Mal, wenn er diese Magie anwandte, wie viel Arbeit dahinter gesteckt hatte – und damit auch Malfoys Stolz, als er zum ersten Mal in seinem Leben ohne Zauberstab einen kleinen Gegenstand bewegen konnte, danach einen Tisch und dann sein Bücherregal, spürte die ehrliche Freude und die Euphorie, als er lernte, auch andere Zaubersprüche ohne Zauberstab zu benutzen – und allein für diese Leistung fühlte Harry einen Funken Respekt für den Slytherin.
„Wach auf, Potter", meinte plötzlich eine Stimme neben ihm und er sah abrupt auf. „Ich will mit dir reden", raunte Blaise, deutete mit seinem Kinn nach draußen, warf dann einen Blick auf Hermine und Ron, die irritiert die Stirn runzelten. „Allein."
Die plötzliche Nähe des Jungen überwältigte ihn und er starrte ihn lange wortlos an; musterte die markanten Gesichtszüge, die warmen braunen Augen und die schmalen Lippen und er bemerkte, wie er unbeabsichtigt einen Schritt vortrat, seine Hand ausstreckte, wie um nach dem anderen zu greifen – doch in diesem Moment trat Blaise stirnrunzelnd einen Schritt zurück.
„In Ordnung", meinte Harry bemüht ruhig, sobald er mit mäßigem Erfolg seine unbeherrschte Anziehung unter Kontrolle gebracht hatte, schloss für einen kurzen Moment die Augen und atmete einmal tief durch.
Es war absurd – was auch immer es war, es war absurd.
Doch der Gedanke begann erneut an ihm zu nagen, sich wie Säure in sein Inneres zu fräsen.
„Harry, willst du wirklich mit ihm allein sein?", fragte Ron besorgt.
„Er ist Malfoys Freund, er wird mir nichts tun", antwortete Harry mit einem gezwungenen Lächeln, setzte dazu an, dem dunkelhaarigen Slytherin, der bereits einige Schritte gegangen war, zu folgen.
„Da stimmt etwas nicht in deiner Logik", meinte sein rothaariger Freund mit einem höhnischen Unterton. „Aber mach doch, was du willst."
Harry schmunzelte leicht über den Beschützerinstinkt des anderen, richtete dann aber seinen Blick auf Blaise' Hinterkopf, versuchte sich dabei vorzustellen, wie das dunkle, kurze Haar sich anfühlen würde. Langsam und mit einer Intensität, dass Harry sich wunderte, weshalb der Slytherin ihn noch nicht bemerkt hatte, ließ er seinen Blick weiter wandern, über den Nacken, der halb vom Kragen der Robe verdeckt war, über die Schulterblätter – Blaise' Rücken. Harry wusste, wie dieser Anblick ihn beruhigte; wusste, wie sich dieser schlanke Körper gegen seinen eigenen anfühlte, die warme Haut unter seinen zumeist kühlen Händen, die Blaise immer wieder einen empörten Laut entlockten, wenn er sich im Schlaf unbewusst gegen Harrys Körper geschmiegt hatte und Harry vermeintlich erfolglos versucht hatte, ihn etwas von sich zu drücken, um Abstand zwischen sie zu bringen.
Er mochte keinen Körperkontakt, dennoch, Blaise' Wärme und Nähe, er hieß sie willkommen, sie beruhigte ihn, er würde es nie offen zugeben, aber wenn er könnte, so würde er ihn niemals gehen lassen.
„Es geht um Draco", begann der dunkelhaarige Slytherin plötzlich, schnellte herum, und, aus seinen Gedanken gerüttelt, bemerkte Harry erst jetzt, dass sie in einem ihm weitestgehend unbekannten Gang standen, das Gelächter und Gerede vereinzelter Schüler kaum noch an seine Ohren drangen. Doch dies interessierte Harry nicht, er schien den Blick nicht von dem anderen lassen zu können, selbst wenn er sich zwang, selbst wenn eine Stimme in seinem Kopf ihn immer und immer wieder dazu aufforderte, sich ab zu wenden; ihn anflehte, diesen einen kurzen Schritt nicht näherzutreten, weil der Abstand zu dem anderen Jungen das Einzige war, was seine am seidenen Faden hängende Selbstkontrolle nicht zum Fallen brachte – aber er ignorierte sie.
Denn er wollte ihn küssen.
Er wollte ihn küssen.
„Ich weiß, die Situation ist nicht leicht für euch—"
Er hörte die Stimme, aber nicht die Worte, sein Blick war auf die sich langsam bewegenden Lippen gerichtet, doch bedächtig wanderte er weiter, über die etwas schräge Nase, zu den Augen, die ihn nicht ansahen, sondern gedankenversunken scheinbar irgendeinen imaginären Punkt hinter ihm fixierten, die leicht gesenkten Wimpern, die geschwungenen Augenbrauen—
„Hey? Jemand zu Hause?"
Er wollte ihn küssen.
Ein einziges Mal—
—und langsam näherte er sich dem anderen, griff mit einer Hand nach dem Handgelenk, um ihn festzuhalten, doch Blaise rührte sich keinen Millimeter, hatte nur fragend die Augenbrauen hoch gezogen.
Ein einziges Mal.
Er schloss seine Augen, holte einmal tief Luft, versuchte, die Gedanken zu verdrängen und plötzlich tauchte Pansys Gesicht vor seinen Augen auf, plötzlich sah er Bilder von seinen Freunden, wie sie zusammen auf dem Bett lungerten, über irgendetwas lachten; Pansys Geständnis, als sie ihm gebeichtet hatte, dass sie wirklich in Blaise verliebt wäre, und dass es ihr Leid täte; Blaise, der ihm genau das Gleiche nur einige Tage vorher erzählt hatte – er erinnerte sich an den Schmerz, an das Stechen in seiner Brust, verletzende Worte, die Kälte des Wassers—
„Potter?"
—und ohne Vorwarnung zog er Blaise an sich, klammerte sich mit der anderen Hand an die linke Schulter, öffnete seine Augen, bevor er die letzten Zentimeter, die ihre Lippen getrennt hatten, überbrückte und sie aufeinander presste – doch das anfängliche Hochgefühl verflüchtigte sich im Bruchteil einer Sekunde, wurde ersetzt durch Schmerz – als er spürte, dass sich die Lippen unter seinen nicht bewegten; und er konnte fühlen, wie Verzweiflung in ihm aufstieg, Selbsthass, wie er die Kontrolle über all seine Emotionen verlor und sie wie eine Welle über ihm zusammenbrachen – als zwei Hände hart seine Schulter packten und ihn rücksichtslos zurückstießen – und als er aufsah und bemerkte, dass die sonst so warmen Augen ihn kalt anfunkelten, schien irgendetwas in ihm zu brechen.
Harry hatte keine Zeit für eine Rechtfertigung oder Entschuldigung, denn Blaise fuhr sich nur angewidert mit dem Handrücken über seine Lippen, fluchte laut und sagte etwas, dass er über das laute Pochen in seinem Ohr nicht hörte, bevor er sich wütend umdrehte und sich mit schnellen Schritten entfernte, Harry allein im Gang zurück ließ.
Er hatte es gewusst.
Es war nicht genug gewesen.
Es war zu viel gewesen.
Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Sein Herz krampfte sich zusammen.
Was hatte er getan?
Panisch fuhr er sich mit einer Hand durch sein Haar, seine Gedanken rasten – er konnte Blaise nicht nachlaufen und alles erklären, Blaise würde ihm nicht zuhören. Er wusste nicht, was er machen sollte—
Er hatte seinen besten Freund geküsst.
Pansy.
Pansy wüsste vielleicht Rat.
Doch so schnell, wie dieser Gedanke gekommen war, verschwand er auch wieder, als er sich daran erinnerte, mit wem Blaise überhaupt zusammen war.
Er musste mit jemandem—
„Wir müssen reden, Harry."
Ruckartig richtete er sich kerzengrade auf und sah langsam zu dem Mädchen, das ihn angesprochen hatte. Diese funkelte ihn, mit vor der Brust verschränkten Armen, wütend an, hatte leicht provozierend das Kinn angehoben und die Augen zu Schlitzen verschmälert.
„Ginny", hauchte er leise, warf einen verwirrten Blick zur Seite, als sich seine Augen sofort vor Erkenntnis weiteten.
Malfoy würde ihn umbringen!
Das war vermutlich noch zu harmlos. Wenn Malfoy erfuhr, was er getan hatte – Harry wollte sich nicht einmal vorstellen, was der Slytherin mit ihm anstellen würde.
„Harry?", knurrte Ginny, etwas gereizt, doch der Angesprochene schüttelte nur ablehnend den Kopf.
„Nicht heute", entgegnete er müde, fuhr mit beiden Händen über sein Gesicht, bevor er versuchte, die definitiv aufkeimenden Kopfschmerzen im Voraus zu besänftigen.
„ ‚Später', ‚nicht jetzt', ‚nicht heute'. Das ist alles, was ich von dir höre!"
„Was willst du sonst von mir hören?", fuhr Harry sie barsch an, hatte zu viel in seinem Kopf, als dass er sich jetzt mit dem Mädchen und ihrem anscheinend viel zu anmaßenden Ego auseinander setzten wollte. „Was genau willst du hören? Dass ich auf Dean eifersüchtig war, weil ich vielleicht in dich verliebt war? Ist es das, was du hören willst?"
Die Gesichtszüge des Mädchens wurden plötzlich etwas weicher, doch die Schärfe in ihrer Stimme verebbte nicht. „Weißt du, dass ich deine Blicke gespürt habe?", begann sie und Harry hob fragend eine Augenbraue. „Ich bin nicht so blind, wie du vielleicht glaubst, Harry! Ich habe sofort bemerkt, dass etwas nicht mit dir stimmte, als du von Dean und mir gehört hast! Aber ich dachte mir, dass ich dir mehr Zeit geben sollte, ich dachte, wenn ich länger mit Dean zusammen wäre und es dir immer und immer wieder vor Augen halten würde, dass du irgendwann deine Gefühle bemerkst! Und jetzt... und jetzt lässt du mich einfach sitzen wegen... wegen..."
„Wegen was?", hakte Harry nach, runzelte abwartend die Stirn.
Das Mädchen schwieg für einen kurzen Moment, bevor sie erneut ansetzte. „Ich habe euch gesehen. Eben gerade. Du... Wie... Du lässt mich sitzen wegen eines anderen Jungen? Wegen eines widerlichen Slytherins? Und dann auch noch Malfoys Schlampe?"
Panik konnte nicht annähernd beschreiben, was in diesem Moment durch Harrys gesamten Körper fuhr. Es war ein heilloses Chaos aus Wut, Verzweiflung, Hass, Angst – eine geballte Ladung an Aggressionen, die scheinbar tief in seinem Inneren gebrodelt hatten und sich langsam einen Weg nach außen bahnen wollten.
„Nenn ihn nicht so", knurrte Harry leise mit eisiger Kälte in seiner Stimme.
„Wenn ich Ron und Hermine davon erzähle—"
„Das wirst du nicht!"
„Aha?" Über die Lippen des rothaarigen Mädchens lief ein humorloses Lächeln, bevor sie die Arme in die Hüften stemmte, den Kopf seitlich neigte. „Was soll mich daran hindern?", höhnte Ginny mit einem provozierenden Grinsen, hob fragend eine Augenbraue.
„Ich lass nicht zu, dass du mir das kaputt machst", raunte Harry, verengte die Augen zu Schlitzen und ohne nachzudenken, ohne irgendeine Vorwarnung, bevor er selbst wusste, was er tat, näherte er sich dem beunruhigten Mädchen mit schnellen Schritten, packte sie am Kragen und drückte sie brutal gegen eine Wand, bevor er seine rechte Hand auf ihre Stirn presste.
„Harry? Was soll das?"
Er musterte sie für einen kurzen Moment aus emotionslosen Augen, die direkt ihre verängstigten trafen, dann stahl sich ein kaltes Lächeln auf seine Lippen. „Obliviate", flüsterte er leise, mit unterkühlter Stimme, und ein bläulicher Schimmer verließ seine Handinnenfläche, schien direkt in das Mädchen, das versuchte, sich loszureißen, einzudringen, bevor es nach dem Bruchteil einer Sekunde wieder verschwand.
„Lass mich in Ruhe, Weasley", raunte er gefährlich nah an ihr Ohr gelehnt, „und sprich mich nie wieder an." Mit diesen Worten trat er von dem Mädchen, das verwirrt mit den Augen blinzelte, weg, nahm ihr damit den einzigen Halt, den sie hatte, sodass sie an der Wand entlang zu Boden glitt. Doch er warf ihr nur einen verhassten Blick zu, bevor er sich von ihr abwandte und mit zielstrebigen Schritten den Gang entlang ging.
Aber umso weiter er sich von dem Mädchen entferntet, desto schwächer wurde die brodelnde Wut in seinem Inneren und langsam schlich sich die Realität an das, was er soeben getan hatte, in sein Gehirn.
Er hatte nicht nur Blaise geküsst.
Er hatte auch noch der rothaarigen Gryffindor einen Teil ihrer Erinnerungen geraubt.
Aber er hatte Blaise geküsst!
Harry hielt erneut abrupt in seinem Schritt inne.
Er musste mit jemanden reden, doch er wusste nicht, zu wem er gehen sollte.
Unter normalen Umständen wäre Harry sofort zu Blaise geflüchtet, doch er war die letzte Person, die Blaise in diesem Moment sehen wollte und Pansy konnte er nicht fragen – Nott, nein, Nott würde ihm nur seltsame Antworten geben, Gregory ... zu Gregory konnte er auch nicht gehen, auch wenn dieser gewusst hatte, wie er für Blaise fühlte, so würde er ihm keinen Rat geben können. Vincent... wäre vermutlich nur vollkommen mit der Situation überfordert.
Plötzlich sah er auf – es war seine einzige Möglichkeit nicht den Verstand zu verlieren. Und ohne über die späteren Folgen nachzudenken, setzte er sich einfach in Bewegung und suchte sich seinen Weg durch die verwirrenden Gänge Hogwarts, bis er letztendlich vor einer einfachen Holztür zum Stehen kam und laut dagegen hämmerte, bis endlich die Tür von innen geöffnet wurde.
„Sev!", rief er aus, bevor sein ehemalige Mentor und Freund auch nur irgendein Wort über die Lippen gebracht hatte. Er stürmte wie selbstverständlich an dem älteren Mann vorbei und warf sich ungefragt auf die verschlissene, alte Couch, drückte sein Gesicht in eines der Kissen und versuchte sich Worte zurechtzulegen, um alles so schnell wie möglich zu erklären.
„Ich weiß nicht, was ich machen soll", begann er schließlich zögerlich, wusste nicht einmal, ob Severus seine durch das Kissen gedämpfte Stimme überhaupt verstehen konnte, doch das war ihm egal. „Und mit den anderen kann ich darüber nicht reden." Er hörte wie die Tür leise geschlossen wurde, aber keine Schritte, die sich ihm näherten. „Ich weiß nicht einmal, wie ich es dir sagen soll."
Der Zaubertränkemeister reagierte nicht und Harry sah mit einem mutlosen Blick auf, bemerkte, dass der andere ihn abschätzend musterte. „Sev", fuhr er mit leiser Stimme fort, senkte seinen Blick und betrachtete den alten, farblosen Teppich. „Ich habe Blaise geküsst." Als er diese Worte zum ersten Mal laut aussprach, spürte er wie sich sein Magen zusammenzog und er das Gefühl hatte, sich jeden Moment übergeben zu müssen, doch er schloss nur seine Augen und versuchte das erdrückende Gefühl zu verdrängen.
Plötzlich räusperte sich der ältere Mann, schien offensichtlich leicht unbehaglich, doch Harry dachte sich, dass es nach solch einem Geständnis ein Wunder war, dass der Zaubertränkemeister noch immer so ruhig geblieben war. Aber als sich die Stille immer weiter ausdehnte, wurde es auch Harry mulmig zumute und er sah seinen alten Freund zögerlich an, sah in dessen Augen etwas, das er noch nie zuvor gesehen hatte. Der ältere Mann räusperte sich erneut, warf einen schnellen Blick zur Seite, bevor er ihn wieder auf Harry richtete.
„Mister Potter?", begann Severus und mit einem Schlag schien Harry aus seinem Zustand zu erwachen. Seine Augen weiteten sich überrascht und er richtete sich ruckartig auf der Couch auf, sah den Zaubertränkemeister schockiert an, doch bevor dieser noch etwas sagen konnte sprang Harry auf und stürmte aus dem Zimmer.
„'Tschuldigung", stammelte er noch schnell, bevor er die Tür hinter sich heftig zu schlug und Richtung Gryffindorturm flüchtete.
Malfoy würde ihn definitiv umbringen.
oOoOoOo
Draco lag seelenruhig auf seinem Bett, war gerade dabei, die Zaubertränkestunde zu vergessen, indem er ein langweiliges Buch über Giftpflanzen und ihre Wirkungen durchblätterte und gelegentlich inne hielt, um vereinzelte Passagen zu lesen, als Blaise plötzlich ins Zimmer gestürmt kam und ohne eine obligatorische Begrüßung direkt im angrenzenden Badezimmer verschwand.
Der blonde Junge nahm sein Buch runter und warf einen fragenden Blick auf die Badtür, während Gregory von seinem Magazin aufsah. Selbst Nott unterbrach seine Hausaufgaben, um in die Richtung zu sehen, aus der sie zwischen dem Laufen des Wasserstrahls und diversen Gurgelgeräuschen, Worte wie „Igitt", „Widerlich" und „Was zur Hölle" vernehmen konnten.
Draco wollte sich gerade wieder seinem Buch widmen, als er die Blicke der anderen beiden auf sich spürte, kurz zwischen ihnen hin und her sah und sich dann laut seufzend schwerfällig aufrichtete. Er näherte sich dem Badezimmer, lehnte sich gegen den Türrahmen und beobachtete, wie sein dunkelhaarige Freund dabei war, Wasser aus zu spucken und nebenbei ein großes Stück Seife auf zu schäumen.
Anfänglich hatte Draco angenommen, dass es sich nur um Blaise' typische Theatralik handelte, aber die akzentuierte Vehemenz, mit der er seine Hände wusch, über das Handgelenk; das feuchte Haar, das ihm wild ins Gesicht fiel, vermutlich weil er dieses vorher befeuchtet hatte, Blaise' verkrampfte Haltung und sein verstörter Blick – Draco bemerkte sofort, dass etwas mit seinem Freund nicht stimmte.
„Blaise?", fragte Draco irritiert, konnte allerdings jegliche Anzeichen von Besorgnis aus seiner Stimme halten.
„Ich fühl mich so schmutzig!", sprudelte es aus dem Jungen ohne jegliche Erklärung heraus. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie angewidert ich bin!" Mit dieser Behauptung wandte Blaise seinen Kopf zu ihm um, hatte die Augen verärgert zu Schlitzen verengt, während Draco auffordernd eine Augenbraue hob.
Aber noch während der blonde Slytherin auf seine Antwort wartete, nahmen die Gesichtszüge des anderen einen konsternierten Ausdruck an, bevor er einen Augenblick später nachdenklich die Stirn in Falten legte und Draco intensiv musterte. Der Blonde konnte förmlich sehen wie die Gedanken hinter diesen braunen Augen begannen zu rasen und zu arbeiten.
„Blaise?", fragte Draco nach einer Weile ungeduldig, doch weiter kam er nicht, denn kaum hatte er dessen Namen ausgesprochen, weiteten sich die Augen des Dunkelhaarigen panisch, bevor seine Lippen scheinbar krampfhaft versuchten, irgendwelche Worte zu formen.
„Scheiße!", entfuhr es Blaise schließlich und Draco zuckte überrascht zusammen, während der andere sich entgeistert abwandte und sich mit beiden Händen durch das Haar fuhr. „Verdammte Scheiße!"
„Wie bitte?", bemerkte Draco spöttisch, wobei er allerdings mehr als nur perplex über den plötzlichen Ausbruch seines Freundes war.
Soweit Draco sich erinnern konnte, hatte er Blaise so gut wie noch nie ernsthaft fluchen gehört, eigentlich noch nie.
Er hatte keine Zeit, sich über das seltsame Verhalten des anderen zu wundern, denn im nächsten Moment stieß der Dunkelhaarige ihn an der Schulter zur Seite und stürmte aus dem Zimmer, während er irgendetwas von wegen „Etwas vergessen" murmelte und die Tür hinter sich zuschlug.
„Das... war seltsam", kommentierte Nott von seinem Platz am Schreibtisch aus, hatte sich auf dem Stuhl umgedreht, um die anderen im Raum sehen zu können.
„Vielen Dank, Nott, dafür, dass du mal wieder das Offensichtliche geäußert hast", erwiderte Draco sarkastisch, rollte genervt die Augen, doch Nott antwortete auf diese Worte lediglich mit einem desinteressierten ‚Nichts zu danken'.
Der blonde Slytherin warf einen Blick auf die zugeschlagene Tür.
Blaise würde schon sagen, was sein Problem war. Denn im Gegensatz zu ihm verspürte sein dunkelhaariger Freund jedes Mal das Bedürfnis, jeden an seinen Problemen teilhaben zu lassen – ob er nun wollte oder nicht.
Aber er spürte noch immer die Wucht des Stoßes in seiner Schulter.
Draco wandte sich wieder seinem unbedeutenden Buch zu und dachte darüber nach, welche dieser Pflanzen auf welche diversen Wege im Essen des Wunderbaren Helden der Zauberwelt landen könnten, während er eine plötzlich einsetzende Unruhe in seinem Körper verspürte.
„Potter scheint heute wieder gut drauf zu sein", murmelte er zu sich selbst, fest entschlossen, sich wieder in die langweilige Lektüre zu vertiefen, doch kaum hatte er es sich längs auf dem Bett bequem gemacht und ein Kissen unter seinem Bauch zurecht gerückt, als plötzlich Malcolm unaufgefordert ins Zimmer kam. „Malfoy, Professor Snape ruft dich", meinte der Brünette knapp und wandte sich ohne Weiteres wieder um.
Draco seufzte leise, richtete sich genervt auf und klappte das Buch zu, machte sich dann auf den Weg zu den persönlichen Räumen des Professors.
Er konnte sich nicht wirklich vorstellen, was der ältere Mann von ihm wollte. Er hatte keine Zaubertränke in die Luft gejagt, er hatte sich nicht im Labor aufgehalten – ob sein Hauslehrer von Potter und der Bezoar gehört hatte?
Für einen kurzen Moment hielt er in seinem Schritt inne, um den Gedanken weiter zu verfolgen, doch Snape konnte nicht beweisen, dass Potter die Information von ihm hatte. Es war nicht so, dass Draco der einzige andere Mensch in der Zauberwelt war, der wusste, dass dieser Stein fast jedes Gift neutralisieren konnte – schließlich hatte sein ehemaliger Mentor die Rede, in der er genau das erwähnte, immer und immer wieder vor den Neuzugängen im ersten Schuljahr gehalten.
Also konnte es auch nicht das sein – gab es sonst noch etwas? Hatte er vielleicht von seinem relativ lauten Ausrutscher erfahren? Draco hatte nicht vorgehabt, auch nur irgendetwas in dieser Art zu sagen. Es war ihm wirklich nur raus gerutscht. Es war Potters Schuld!
Während er weiterhin nachdenklich verschiedene Gedankengänge verfolgte, kam er letztendlich vor Professor Snapes Zimmer zum Stehen, wollte gerade anklopfen, als sich die Tür von innen öffnete und ihm eine grüne, geruchlose Wolke entgegenkam. Irritiert wich er einige Schritte zur Seite aus, bis sich der Rauch aufgelöst hatte und nun Professor Snape enthüllte, der ihn mit einem abschätzenden Blick musterte.
„Komm rein, Draco."
Sein Vorname.
Also etwas Privates.
Der Blonde leistete der Aufforderung sofort Folge und betrat das Zimmer seines Mentors, entdeckte in einer Ecke einen Kessel, aus dem ein giftgrüner Nebel emporstieg, der die Decke rosa färbte. Draco rümpfte die Nase, kräuselte dann aber irritiert die Stirn.
Er hatte noch nie zuvor von einem Zaubertrank gehört, der Wände rosa färbte – zumindest nicht als Nebenwirkung.
„Setz dich", forderte Severus ihn ohne Nachdruck auf, deutete mit einer schnellen Handbewegung auf den Sessel, auf dem sich Draco nach kurzem Überlegen setzte.
„Zuallererst möchte ich dir gratulieren, dass du den Snitch gefangen hast", begann Severus langsam und Draco witterte sofort eine Falle, lächelte jedoch nur höflich und nickte dankend mit dem Kopf. „Ich hätte es bereits früher getan, allerdings hätte ich bei dem Anblick eines betrunkenen Withers eure Siegesfeier zu einem unglücklichen Ende bringen müssen." Die Stimme des älteren Mannes war kalt, geradezu schneidend und als er sich dem Jüngeren gegenüber elegant auf die Couch setzte, bohrten sich seine Augen direkt in Dracos.
Er weiß es, war der erste Gedanke des Blonden, doch er ignorierte ihn vorerst, setzte stattdessen sein charmantestes Lächeln auf. „Danke, Sev." Über die Lippen seines Mentors lief ein kühles, humorloses Lächeln, was die Anspannung in Draco nur vergrößerte, doch er durfte sich nichts anmerken lassen. Severus hatte vermutlich nur irgendeine vage Vermutung und diese durfte Draco durch ein untypisches Verhalten nicht noch verstärken.
„Ich weiß doch, dass du viel zu tun hast", säuselte der blonde Schüler gönnerhaft, lehnte sich im Sessel entspannt zurück, Ellenbogen auf der Armlehne abgestützt.
„Dein Vater war damals auch gut in Quidditch, er wäre vermutlich stolz auf dich gewesen."
Dracos Lächeln gefror für den Bruchteil einer Sekunde, doch dann hob er fragend eine Augenbraue. Er hatte nicht einmal gewusst, dass Vater selbst Quidditch gespielt hatte, dies allerdings erklärte dessen Ergeiz für Draco, dass auch sein Sohn in dieser Sportart brillierte.
„Vermutlich schon", entgegnete er ruhig.
„So konnte er natürlich auch das Herz deiner Mutter gewinnen, obwohl sie doch eher ein Bücherwurm war. Sie hat sich bis zum Schluss auch angeblich nichts aus Quidditch gemacht."
Draco konnte sich seine Mutter nicht einmal als Bücherwurm vorstellen, doch desto länger er darüber nachdachte, desto stärker manifestierte sich ein Bild von seinen Eltern – wie sie vermutlich hier in Hogwarts ausgesehen hatten.
Mutter hatte vermutlich damals schon langes, blondes Haar gehabt, das sie sich, wie zu dieser Zeit typisch, zu einem französischen Dutt gebunden hatte. Vater hatte vermutlich kurzes blondes Haar gehabt, vielleicht genauso zurückgekämmt, wie er es von ihm immer verlangt hatte.
„Wobei ich mir bis heute nicht denken kann, was Lily an ihm gefunden hat."
„Der Name Malfoy beeindruckt schon", entgegnete Draco hilfreich, warf ein kesses Lächeln auf Snape, der jedoch nur eine Augenbraue hob.
„Da hast du vermutlich recht. James musste mit seinem Namen auch immer um sich werfen."
„Kann ich mir vorstellen."
„Haben deine Eltern dir je erzählt, wie sie zusammengekommen sind?"
Draco versuchte sich zu erinnern, doch ihm fiel nichts Bestimmtes ein. Er war vermutlich noch zu jung gewesen, um solche Geschichten zu verstehen, geschweige denn erzählt zu bekommen. Doch er konnte sich seine Mutter gut mit den blonden – falsch, roten Haaren vorstellen, ihre stechend grünen Augen, die er angeblich geerbt hatte... hatte sie nicht blaue? Sein Vater – hatte er wirklich blondes Haar – waren sie nicht strubbelig, dunkelhaarig, genau wie seine eigenen?
Er war sich nicht mehr sicher.
Hieß seine Mutter wirklich Lily... sie war nach einer Blume benannt. War ihr Name nicht Narcissa, mit rotem, langem, glattem Haar und blauen Augen – oder doch grün? Sie waren wie seine – silbergrau? Und Vater... Vater hatte blondes Haar, strubbelig blondes? Oder glattes schwarzes Haar?
„Haben sie nicht", antwortete er schließlich langsam, warf einen irritierten Blick auf Snape, nicht Severus? -, der sich auf seiner Couch zurücklehnte und ihn aus wachen Augen musterte.
„Severus...", murmelte er leise, runzelte die Stirn. „Wie sahen meine Eltern damals aus?"
„Deine Mutter trug ihr Haar meistens offen oder in einem Pferdeschwanz." Die Stimme des Professors war kühl, distanziert und er beschrieb ohne jegliche Emotion. „Rot, natürlich."
Stimmt, Mutter hatte langes rotes Haar gehabt, wie konnte er daran zweifeln?
„Vom Äußeren ähnelst du aber eher deinem Vater, er hatte genauso unbändiges, schwarzes Haar wie du."
„Hatte er das?", fragte Draco angespannt, spürte eine undefinierbare Unruhe in seinem Körper und er rutschte nervös auf seinem Sitz hin und her – und mit einer Hand fuhr er sich durch das Haar, spürte, wie es glatt nach hinten gekämmt war und seine Augen weiteten sich überrascht, während Severus ihn nur einen kurzen Moment musterte, bevor er aufstand und sich ohne ein weiteres Wort dem Zaubertrank widmete, der in der Ecke vor sich hinbrodelte.
„Draco—"
„Du hast mich reingelegt", knurrte Draco und sobald er diese Worte ausgesprochen hatte, wurde ihm bewusst, was tatsächlich passiert war. Er hatte Potters und seine Erinnerungen verwechselt, Severus hatte ihn manipuliert – schließlich betrachtete er Potters Wissen und Erinnerungen als die seinen – aber woher—
„Du kannst gehen", meinte der Zaubertränkemeister ungerührt, machte eine Handbewegung zur Tür.
„Was zum—"
„Geh!", wurde er jedoch barsch unterbrochen.
Wütend wandte sich der Blonde um, riss die Tür auf und stürmte aus dem Zimmer, knallte die Tür hinter sich zu, doch als er den lauten Aufprall hörte, zuckte er zusammen. Er hatte noch nie die Türen zugeknallt, er hatte sie stets ruhig geschlossen.
Verdammt!
Snape wusste es, dessen war Draco sich sicher, doch er wusste nicht, woher oder von wem und vor allem, was genau... Allerdings, woher hatte sein Hauslehrer gewusst, dass er mit Potter synchronisierte... es sei denn—
„Draco, ich habe dich überall gesucht!", hörte er plötzlich und überrascht sah er auf, entdeckte Pansy direkt vor sich, die ihn mit einem genervten Blick musterte. „Die Trinität macht in unserem Gemeinschaftsraum gerade einen Aufstand", knurrte sie und warf einen angewiderten Blick in die bestimmte Richtung.
„Was ist passiert?", fragte Draco schnell, verdrängte vorerst seine Gedanken um Snape, setzte sich schnell in Bewegung und näherte sich mit weiten Schritten dem Gemeinschaftsraum.
„Ich weiß nicht", meinte Pansy, versuchte, mit ihrem Freund Schritt zu halten. „Ich verstehe kein Wort von dem, was Potter sagt."
„Verständlich. Das tut keiner." Der Blonde rollte mit den Augen.
„Nein, ich meine, ich verstehe ihn nicht. Er spricht eine andere Sprache."
Der Blonde hielt abrupt inne, sodass das Mädchen hinter ihm an ihm vorbei lief, sich dann zu ihm umdrehte, als sie registriert hatte, dass er stehen geblieben war. Irritiert hob er eine Augenbraue.
„Wie ‚er spricht eine andere Sprache'?"
„Ich weiß nicht, er tut es einfach!"
„Warum...", knurrte Draco, fuhr sich mit einer Hand durchs Haar bevor er sich erneut in Bewegung setzte, den Gemeinschaftsraum anstrebte, während er versuchte, aus Pansy herauszubekommen, welche Sprache Potter sprach, doch sie konnte ihm nichts Konkretes sagen.
Die einzige Sprache, die Draco gelernt hatte, war Französisch. Ein Tag in der Schweiz, weil seine Mutter dort irgendetwas sündhaft Teueres kaufen wollte, er war auch einmal in Italien gewesen, aber das auch nur für eine Woche. Das Haus hatte er in der Zeit so gut wie nie verlassen und bis auf eine ältere Haushälterin kam er mit der Sprache nicht weiter in Kontakt. Mal davon abgesehen hätte Pansy ihm sagen können, wenn es eine dieser Sprachen gewesen wäre, schließlich hatten ihre Eltern ein Ferienhaus in Italien und auf Kreta und wenn die Brünette nicht unbedingt im verregneten England festsitzen wollte, machte sie gelegentliche Abstecher dorthin.
Sie konnte ihm nicht einmal sagen, ob es überhaupt eine europäische Sprache war.
Draco hatte in seinem gesamten Leben Europa nicht verlassen!
oOoOoOo
Harry spürte bereits, dass Malfoy den Raum betreten würde, noch bevor sich die Türen öffneten. Ruckartig schnellte er herum, ignorierte Malcolm Baddock und die restlichen Slytherin, die sich scheinbar köstlich auf seine Kosten amüsierten.
Er hatte in diesem Moment nur einen Gedanken und der war, Malfoy mit bloßen Händen zu erwürgen.
Allerdings hatten Hermine und Ron auf seine Bewegung schneller reagiert, als er gedacht hätte und sofort schritten sie auf den blonden Slytherin, der in diesem Moment durch die geöffneten Türen trat, zu. „Malfoy, was ist das?", rief die brünette Hexe, zeigte mit einer Hand auf Harry, der versuchte, sich nicht sofort auf den Blonden zu stürzen.
"فارشی هاشتی? فارشی هاشتی? میشهع کع ثهیزی دیگع بوشهع, بع جوهع فارشی?" „Farsi hasti? Farsi hasti? Mishe ke chizi dige boshe, be johe farsi? "
Die Betonung lag auf ‚versuchte'.
„Ich übersetzte", rief Malcolm plötzlich den restlichen Slytherin im Raum zu, „Wieso hast du mir den Snitch weggenommen? Ich will den Snitch und wenn ich ihn nicht bekomme, hasse ich dich für immer!"
Während Malfoy als Antwort lediglich skeptisch eine Augenbraue hob, begannen die Slytherin laut zu lachen.
Harry verschränkte dagegen die Arme vor der Brust und hob auffordernd eine Augenbraue, was er allerdings sofort unterließ, als er bemerkte, dass das eigentlich Malfoys Marotte war. Genau in diesem Moment bemerkte er, wie der Slytherin die Verbindungen zu ihnen öffnete, während er mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck flüchtig seine Gedanken durchforschte.
„Baddock", murmelte der Slytherin plötzlich und die Verbindung brach ab, hinterließ eine erschreckende Leere in seinem Kopf. Dies war offensichtlich kein gutes Zeichen, dachte Harry bei sich, während er beobachtete, wie der brünette Drittklässler, der versucht hatte, sich unauffällig im Hintergrund zu verstecken, bei seinem Namen überrascht aufsah.
„Malfoy?"
„Sag mir bitte, dass du verstanden hast, was Potter gesagt hat und nicht, dass du dir einfach irgendeine Übersetzung ausgedacht hast."
Harry rollte die Augen. Als hätte der Junge auch nur ansatzweise irgendetwas verstanden. Er hatte Harry lediglich zur Weißglut gebracht und alle Worte, die seinen Mund verlassen hatten, gedeutet, wie es ihm gerade in den Sinn gekommen war.
„Du möchtest also, dass ich lüge", stellte Malcolm trocken fest.
"ثهعکات دععووونع هاشت. خع مالثوم دیگع کور نا دوری کع ماشکارا میکونی با کیشی نافار." „Chekat deevoone hast..........ke Malcom dige kor na dori ke maskara mikoni ba kisi nafar", säuselte Harry abwertend, warf einen gereizten Blick auf den brünetten Drittklässler, der vermutlich seinen Namen gehört hatte.
„Ach, du sei still", zischte Malfoy genervt, drückte sich an den Gryffindor vorbei, strebte die Treppe zum Vertrauensschülerbereich an. Wie es aussah, wollte Malfoy alles in Ruhe in Blaise' Zimmer besprechen, doch Harry war der Meinung, dass das alles andere als eine gute Idee war. Offensichtlich hatte der Dunkelhaarige noch nicht mit seinem besten Freund geredet, denn dann würde Malfoy nicht so selbstverständlich das Zimmer anstreben.
Harry rührte sich keinen Millimeter.
Allein der Gedanke, jetzt auf Blaise zu treffen, bereitete ihm Übelkeit.
Seine Freunde wurden bereits ungeduldig, hatten Malfoy folgen wollen, doch weil Harry sich nicht bewegte, waren sie verunsichert stehen geblieben.
Er sollte sich eine Ausrede einfallen lassen. Nicht, dass die anderen die verstehen würden. Aber ein Versuch wäre es wert.
„Draco Malfoy, what's your issue? Do you need a hug or maybe a tissue?"
Daran hatte Harry nicht gedacht, als der Poltergeist quer durch den Slytheringemeinschaftsraum schwebte, einige Vasen umwarf und beiläufig grundlos Bücher aus den Regalen riss.
„Harry Potter, give us a sign. You can't commit to Ginny, so what do you have in mind?"
"خهافع شهu پععوعش!"
"Khafe shu, peeves!"
„Peeves, halt die Klappe!" knurrte Malfoy, ohne sich umzusehen und stieg die Treppen hinab, während Harry nicht daran denken wollte, dass der Slytherin und er zur gleichen Zeit die gleichen Worte ausgesprochen hatte. Sein einziger Trost war dabei nur, dass sie zwei unterschiedliche Sprachen benutzt hatten.
„Give me three guesses:"
Harry schien vor die Wahl gestellt, entweder er folgte Draco und konnte nur hoffen, dass Blaise nicht anwesend war, oder er setzte sich dem Spott der Slytherin aus.
Er entschied sich spontan für den Spott, denn nichts konnte schlimmer sein als ein Zusammentreffen mit der Person, die er im Moment als letztes sehen wollte.
„Is it Professor McGonagall?"
Das war akzeptabel, redete er sich ein, ignorierte das Grinsen der Slytherin, während er den fragenden Blicke seiner Freunde auswich.
„Is it Lavender Brown?"
„Potter?"
Er reagierte nicht auf seinen Namen, obwohl er wusste, was der Blonde damit sagen wollte und er sich entschieden hatte, keinen Schritt weiter zu gehen. Wenn Hermine und Ron nicht gewesen wären, wäre er vermutlich nicht einmal zu den Slytherin gekommen. Er hätte sich zurück gezogen und gehofft, dass es irgendwann vorbeiginge.
„No, it's Draco and Harry sitting in a tree. S-N-O-G-G-I-N-G!"
„Beweg dich", knurrte der Slytherin und Harry bemerkte die skeptischen Blicke seiner Freunde.
Blaise wollte vermutlich allein sein.
Er würde sich nicht irgendwo aufhalten, wo seine Freunde ständig reinplatzen würden, oder?
Langsam, zögernd, folgte er dem Blonden, hoffte inständig den Dunkelhaarigen nicht anzutreffen, warf seinen beiden Freunden ein zögerliches Lächeln zu, bevor sie zusammen die Stufen hinab stiegen.
„It's Draco and Harry sitting in a tree. F-A-L-L-I-N-G in love!"
Noch am Ende der Treppe konnte er das laute Lachen der Slytherin hören, auch wenn Peeves Stimme mittlerweile nur noch ein leises Murmeln war.
Irgendwann würde Harry diesen Poltergeist endgültig ins Jenseits schicken, dachte er erneut, als er Malfoy dabei beobachtete, wie dieser scheinbar mürrisch und ziemlich schwungvoll die Tür zum Zimmer des Vertrauensschülers aufschlug, als sie plötzlich jemanden aufgeschreckt Lumos rufen hörten.
Die Stimme ließ etwas in seinem Bauch kribbeln, doch löste sie gleichzeitig eine Woge von Panik aus. Malfoys und seine Gefühle schienen in diesem Moment aufeinander zu prallen, doch während sich der andere vermutlich freute, wollte er nur schnellst möglich das Weite suchen und nie wieder auch nur annähernd in die Nähe des Dunkelhaarigen kommen.
„Könnt ihr nicht klopfen?", konnte er Blaise knurren hören, und er klang alles andere als erfreut, Malfoy jetzt zu sehen. Harry wollte nicht wissen, was passierte, sobald er das Zimmer betreten würde. Also nahm er einen Schritt zurück, dachte sich, dass Flucht wirklich die beste Lösung für sein Problem war, doch Pansys Finger um sein Handgelenk ruinierten seinen unausgereiften, aber dennoch wahrscheinlich recht effizienten Plan.
„Wohin, Potter?", wollte sie wissen, hob fragend eine Augenbraue, zog ihn aber, ohne auf eine Antwort zu warten, in den Raum, wo er sehen konnte, dass Blaise im Schneidersitz auf dem Bett saß und sich mit einer Hand durch die Haare fuhr, und Harry bemerkte sofort, dass die oberen Knöpfe von Blaise' Hemd geöffnet waren und wie durch die Armbewegung des dunkelhaarigen Slytherin das—
„Weshalb sitzt du im Dunkeln?", fragte Malfoy irritiert, unterbrach durch diese Worte Harrys Gedanken, holte ihn zurück in die Realität und schuldbewusst wandte er seinen Blick ab, als er den intensiven Blick seines momentanen Fixpunktes auf sich spürte.
„Nachdenken", antwortete dieser letztendlich schroff, richtete seine Aufmerksamkeit auf die anderen beiden Gryffindor, die nun hinter Harry das Zimmer betraten. „Aber lasst mich raten, ihr habt ein Problem und braucht meine Hilfe." Harry war überrascht, wie kühl die Stimme in seinen Ohren klang und da war er offensichtlich nicht der einzige, denn Pansy und Malfoy warfen ihrem Freund einen fragenden Blick zu, bevor das brünette Mädchen zu einer Antwort ansetzte.
„Nein. Nur dein Zimmer."
„Das heißt, ihr könnt auf mich verzichten?", konterte Blaise frostig, war bereits im Begriff, von seinem Bett auf zu stehen, als Pansy plötzlich einmal laut in ihre Hände klatschte und damit sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zog.
„Blaise hat einen schlechten Tag", meinte sie trocken. „Und Draco ist dabei. Das muss ich mir rot im Kalender eintragen."
Harry wusste sofort, worauf sie sich mit dieser Aussage bezog – konnte sich daran erinnern, wie sie sich bei Malfoy beschwert hatte, dass sie die Einzige wäre, die Blaise' schlechte Tage ab bekommen würde, da der Dunkelhaarige scheinbar chronisch gute Laune in der Nähe des Blonden zu haben schien. Malfoy hatte dies nur schmunzelnd als Gerücht abgetan und sich wieder seinem Buch gewidmet, während die brünette Slytherin sich eingeschnappt neben ihn auf die Couch hatte fallen lassen.
"وون مuشیبات میشهع." "Oon musibat mishe," murmelte er, senkte seinen Blick, hatte nicht damit gerechnet, dass irgendjemand im Raum ihn gehört hatte, doch Malfoy richtete sofort seinen Blick auf ihn, während er sich mit seltsam außergewöhnlicher Eleganz auf die Couch setzte. Harry konnte sich nicht vorstellen, dass auch nur ein anderer Mensch sich so hinsetzte und er hoffte, dass er dies nicht übernehmen würde, weshalb er sich demonstrativ plump auf den Sessel fallen ließ – am weitesten weg von Malfoy und Blaise. Ron dagegen setzte sich mit einem angewiderten Blick auf einen Stuhl am Schreibtisch, wollte nicht unbedingt neben dem blonden Slytherin sitzen, wenn es nicht zwingend nötig war. Hermine allerdings fackelte nicht lange und setzte sich direkt neben Malfoy auf die Couch.
„Potter, wenn du weißt, welche Sprache du sprichst, könntest du nicken?", begann Malfoy nach einiger Zeit, wandte sich dem dunkelhaarigen Gryffindor zu, der als Antwort zögerlich nickte, bis ihm die Bedeutung der Worte plötzlich einholte.
"Yani che fekhr mikoni? Age maan midoonam che zaboon harf mizanam?"
"يانی ثهع فعکهر میکونی »آگع ماان میدوونام ثهع زابوون هارف میزانام«?"rief er überrascht, sprang vom Sessel auf. "Shoma bayad khoob behdoonam.....in ilme shoma has"
"سهوما باياد کهووب بعهدوونام? ین یلمع شهوما هاش"
„Blaise, hast du hier irgendwo eine Karte?", ignorierte ihn sein Rivale allerdings galant und Harry ließ sich empört wieder mit vor der Brust verschränkten Armen auf den Sitz fallen. Was sollte das heißen, Malfoy wusste nicht, welche Sprache er sprach? Es war verdammt noch mal sein Wissen, nicht Harrys!
„Nicht wirklich", antwortete der Dunkelhaarige mürrisch, holte allerdings gemächlichseinen Zauberstab hervor, murmelte leise eine recht lange Zauberformel, die plötzlich eine Weltkarte an eine der Wände projizierte. „Ich hoffe, das reicht. Kann ich jetzt gehen?"
„Jederzeit", antwortete Malfoy passiv, doch Harry spürte in seinem Inneren einen gewissen Argwohn, der allerdings so schnell verflog, wie er gekommen war. Zögerlich ging er auf die Karte zu, ließ seinen Blick darüber schweifen, bis er sich nach einiger Zeit schulterzuckend zu den Anderen umdrehte. Er hatte keine Ahnung, welches von den Ländern der „Iran" war.
„Potter, du Idiot! Das ist eine einfache Weltkarte! Du wirst doch wohl zumindest ein bisschen Ahnung von Geographie haben", empörte sich Malfoy, während Hermine scheinbar beschämt eine Hand vor ihre Augen legte und Pansy leise kicherte.
"sauket esme baad na begoo....dige esme nist!"
"ساuکعت عشمع بااد نا بعگوو! دیگع عشمع نیشت!",knurrte er wütend, doch die Slytherin reagierten nicht darauf, wandten sich nur an Blaise, der es mittlerweile bis zur Tür geschafft hatte, allerdings sofort innehielt, als er die auf ihm ruhende Aufmerksamkeit spürte, einen kurzen Blick auf den Türknopf warf, bevor er, ergeben seufzend, wieder zum Bett zurück schlich und sich darauf fallen ließ. Missgelaunt richtete er seinen Zauberstab erneut auf die Weltkarte und innerhalb von wenigen Sekunden tauchten in goldenen, verschnörkelten Lettern die Namen der verschiedenen Länder auf.
„Sieh im Osten nach", riet Pansy höhnisch, als Harry seine Finger über Skandinavien gleiten ließ.
Er hatte keine Ahnung von Geographie. Damals in der Grundschule hatte er es nicht gelernt und in Hogwarts wurde so etwas auch nicht unterrichtet. Er war froh, dass er Britannien von anderen Ländern unterscheiden konnte, alles andere hatte er sich irgendwann nebenbei aneignen wollen.
„Warum im Osten?", fragte Ron irritiert, warf Hermine einen fragenden Blick zu, doch diese reagierte auf die Frage nur mit einem genervten Kopfschütteln.
Harry ließ sich davon nicht ablenken, überflog die Karte weiterhin mit den Augen, bis er das Wort Iran las. "Oonja!""وونجا!", rief er aus, tippte mit dem Zeigefinger auf das kleine Land im Osten.
„Was steht da?", wollte Pansy wissen, schritt auf die Karte zu und blieb neben Harry stehen. „Iran? Welche Sprachen spricht man dort?" Keiner antwortete auf ihre Frage und sie stemmte die Hände in die Hüften, während sie weiterhin die Karte skeptisch musterte. „Armenisch", meinte sie dann nach kurzem Nachdenken, erntete jedoch nur spöttische Blicke. „Das war damals eine sehr wichtige Sprache!"
„Aserbaidschanisch, dann?", meinte Blaise nonchalant, eigentlich nur, um irgendeine mögliche Debatte zu unterbinden.
„Amtssprache ist erst einmal Persisch", mischte Hermine sich ein.
"MUBARAK!!! Dahto nukte baraye Gryffindor!"
"مباراک! داهتو نuکتع بارايع چريففیندور"
„Ich kann kein Persisch", entgegnete Malfoy irritiert und stand von der Couch auf, stellte sich prüfend neben Harry vor die Weltkarte.
„Aber er spricht Persisch."
„Aber ich kann kein Persisch", wiederholte Malfoy erneut mit mehr Nachdruck und warf Hermine einen bitterbösen Blick zu, der das Mädchen definitiv zum Schweigen bringen sollte.
„Sicher, dass du noch nie im Iran warst?", hakte Blaise trocken nach.
„Positiv", entgegnete Malfoy, während Harry daraufhin bestimmt den Kopf schüttelte.
"Ghataan ke to oonjaii! Ba'd az be donya omadanet pisheh madret boodi chon mesle ahmaghha nafas mikeshidi"
"چهاتاان کع تو وونجایی! با'د از بع دونيا ومادانعت پیشهعه مادرعت بوودی ثهون معشلع اهماگهها نافاش میکعشهیدی",knurrte er verstimmt und verschränkte die Arme vor der Brust. Malfoy warf ihm nur einen flüchtigen Blick zu, bevor er genervt von ihm abwandte.
„Kennt einer von euch jemanden, der Persisch spricht?", mischte Pansy sich ein, doch die anderen zuckten nur mit den Schultern oder schüttelten verneinend den Kopf.
„Vielleicht sollten wir Narcissa mal fragen?", warf Blaise ein. „Ich mein, sie ist deine Mutter, sie müsste wissen, ob du Persisch kannst oder nicht."
„Glaubst du nicht, dass ich das besser wissen sollte?"
"Hame chi tahte control hast"
"حامع ثهی تاهتع ثونترول هاشت.", murmelte Harry spöttisch und Malfoy warf ihm einen gehässigen Blick zu. Der Gryffindor wusste, dass es den anderen störte, dass Harry Persisch sprach, was er nur durch die Synchronisation gelernt haben konnte und der Blonde das selbst allerdings nicht beherrschte.
„Potter, halt den Mund! Dich versteht eh keiner!"
"Man baladam."
"مان بالادام."
„Draco Malfoy, level with me, you used to be so enthralled with Pansy."
„Peeves!", riefen die Insassen zusammen aus und sahen sich im Raum nach dem Poltergeist um, der plötzlich aus Blaise' Schrank geschwebt kam. „Harry Potter, don't be shy. You got no luck with women, so perhaps you need a guy?"
„Ich habe eine Idee", meinte Blaise plötzlich, ignorierte den Geist, der hinter ihm vorbei flog und weiterhin das Lied in einer widerlich höhnischen Stimme sang – und dabei keinen einzigen Ton traf. „Wir stellen uns einfach in die Große Halle und rufen einen Satz aus. Irgendeiner wird vielleicht darauf reagieren. Potter, sag mal was Lustiges."
„There's nothing wrong with it."
"Man mikoshan.....hatman"
"مان میکوشهان. هاتمان", brummte Harry trocken, konnte seinen Blick nicht von dem nervigen Poltergeist lassen.
„Hörte sich nach einer Morddrohung an", bewertete Blaise. Harry wandte sich nur ab und schnaubte verächtlich. „Seht ihr, er stimmt mir zu." Er rollte mit den Augen - Ja, es war eine Morddrohung gewesen, aber es wäre das Einzige, das er an diesem Tag noch sagen würde, denn es spiegelte seine Gefühle perfekt wider.
„Das kannst du doch gar nicht wissen", meinte Ron, und Harry hob fragend eine Augenbraue.
„Und jetzt fragt er sich, weshalb du das gesagt hast", meinte Blaise, deutete mit seinem Zeigefinger in Harrys Richtung, der auf diesen Kommentar hin mit den Augen rollte und kaum merklich den Kopf schüttelte. „Und damit will er sagen, dass ich dich nicht weiter reizen soll – Stimmt das, Potter?"
Der Gryffindor nickte zögerlich, warf einen flüchtigen Blick auf seinen besten Freund.
„Woher weißt du das?", fragte Ron missgestimmt.
„Das ist offensichtlich Dracos Mimik", antwortete Pansy belustigt für ihren Freund und Harry holte tief Luft, versuchte die aufkeimende Anspannung zu unterdrücken.
„So wie die sich verstehen, sicher, dass ihr kein Paar seid – Malfoy und Zabini?", entgegnete Ron genervt, doch kaum wurde diese Frage ausgesprochen, verhärteten sich im Bruchteil einer Sekunde Blaise' zwischenzeitlich etwas gelockerte Gesichtsmuskeln erneut zu einer verspannten Maske und Harry sog zischend die Luft ein, konnte förmlich spüren, wie die Temperatur im Raum schlagartig sank.
„Ich bin mit Pansy zusammen", antwortete der Dunkelhaarige kühl und Pansy warf ihm einen überraschten Blick zu, doch er sah lediglich zu Malfoy, der sich mittlerweile wieder im Schneidersitz auf die Couch gesetzt hatte und ihn ebenfalls nachdenklich musterte. „Und Draco weiß das."
Harry konnte die Überraschung des Blonden spüren, er konnte fühlen wie sich die Unruhe in seinem Körper ausbreitete, doch er wusste auch, dass Malfoy sich nicht sicher war, was der Ursprung der schlechten Laune seines Freundes war – nur, dass er scheinbar irgendetwas damit zu tun hatte.
„Um auf das eigentliche Problem zurück zu kommen", meinte Malfoy, um das Thema zu wechseln, sah die anderen an. „Ich bezweifle, dass wir einen Übersetzer brauchen werden. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis er wieder aufhört Persisch zu sprechen."
„Wie lange geht das schon?", fragte Pansy.
„Keine Ahnung", antwortete Hermine leichthin, zuckte mit den Schultern. „Als er vom Gespräch mit Zabini zurück kam, hat er bereits Persisch gesprochen." Sie warf einen Blick auf Harry, vermutlich, um eine Bestätigung zu bekommen.
Doch Harry reagierte nicht, bemerkte nur den kalkulierenden Blick des blonden Slytherins.
Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis er plötzlich Malfoy in seinem Kopf spürte, wie dieser die Gedanken durchwühlte, die Harry verzweifelt versuchte zu verbergen – doch desto stärker er sie verdrängen wollte, desto offensichtlicher wurden sie und von einer Sekunde auf die nächste wurde Malfoys Gesicht aschfahl – und Harry wandte betreten seinen Blick ab.
Es herrschte eisige Stille in dem Raum. Selbst Ron schien die plötzliche Anspannung zu spüren und Peeves verschwand kleinlaut aus dem Zimmer. Malfoys Gedanken waren stumm, doch Harry wagte nicht, sich dem Blonden zu zuwenden. Ihm drehte sich bereits der Magen um, er musste nicht Malfoys Blick sehen – etwas in seinen Augen, dass ihm schmerzlich nahe bringen musste, noch schmerzhafter als die Erinnerungen, dass Malfoy kein eiskalter Bastard war, wie er all die Jahre angenommen hatte.
„Wir ... sollten...", begann Harry, nicht realisierend dass er zu seiner Muttersprache zurückgefunden hatte. Ohne auf irgendeine Reaktion zu warten, stand Harry auf, und deutete den anderen an, ihm zu folgen, dirigierte Pansy, die ihm nur einen fragenden Blick zuwarf, sacht an den Schultern nach draußen.
Er hatte Malfoy nicht beobachtet, hatte versucht, Augenkontakt zu meiden und so schloss er leise hinter sich die Tür, nachdem alle bis auf Blaise und Malfoy den Raum verlassen hatten.
oOoOoOo
Draco hatte nicht bemerkt, wie die anderen den Raum verlassen hatten und die Tür leise geschlossen wurde.
Seine Gedanken kreisten nur um die Erinnerung, die er in Potters Kopf entdeckt hatte.
Egal, wie stark das Verlangen manchmal auch war, egal, wie drängend der Gedanke an ihm nagte, egal, wie oft ihm eine Situation zugespielt wurde oder wie schmerzhaft allein die Anwesenheit des anderen gelegentlich war.
Er hätte ihn nie geküsst.
Draco hätte Blaise nie geküsst.
Zu wichtig war ihm die Freundschaft, nicht nur zu Blaise, sondern auch zu Pansy. Zu wichtig war ihm Blaise, als dass er irgendetwas getan hätte, das ihre Freundschaft auch nur ansatzweise ernsthaft bröckeln ließe.
Blaise müsste wissen, dass er nie etwas Dergleichen getan hätte.
Doch die eisige Stille, die im Raum herrschte, sagte etwas anderes.
Und Draco war zu perplex, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen, während Blaise, Blaise... Draco hatte keine Ahnung, was in Blaise vor ging. Er war auf so eine Situation nicht vorbereitet, er hatte geglaubt, dass niemand hinter seine Fassade sehen könnte, er hatte nicht mit Potter gerechnet.
Potter – der Gryffindor war... nein, war er nicht...
Draco konnte nicht einmal wütend auf den Dunkelhaarigen sein. Er war in Panik ausgebrochen, er hatte sich geweigert, Blaise' Zimmer zu betreten, dennoch, wenn Potter nicht gewesen wäre... vielleicht hätte Draco es sogar selbst getan, doch Potter hatte... es ging aber nicht um Potter. Es ging um...
Ein leises Knarren holte ihn aus seinen wirren Gedanken; Blaise, der von seinem Bett aufgestanden war, seine kaum vernehmbaren Schritte auf den harten Steinboden. Sein Atem stockte unmerklich, irrationale Befürchtung, dass der andere sich ihm näherte, doch die Schritte entfernten sich von ihm, näherten sich stattdessen der Tür.
Draco wagte nicht aufzusehen.
Vielleicht wollte Blaise gehen. Vielleicht war es das Beste, das er im Moment tun konnte. Vielleicht wäre das sogar für Draco das Beste. Sie könnten so tun, als wäre nie etwas passiert. Blaise sah gewöhnlich über alles großzügig hinweg, egal, wie belastend das auch für ihn war.
Aber Blaise verließ nicht das Zimmer.
Draco war sich nicht sicher, ob er auf irgendetwas wartete. Auf seine Verteidigung, auf irgendetwas, doch Draco würde schweigen.
Es gab nichts, was er seinem Freund erzählen konnte, wusste nicht einmal, wie es passiert war, wann es angefangen oder wann die Eifersucht sich in sein Herz geschlichen hatte oder die Tatsache, dass er sich in der Gegenwart des Anderen immer am wohlsten fühlte.
Er wusste es nicht, er wollte es auch nicht wissen, wollte nicht wissen, wie lang er schon mit diesen Gefühlen, die er so geschickt hatte unterdrücken können, durchs Leben gegangen war. Er wollte es nicht wissen – und je weiter sich die Stille ausdehnte, umso sicherer wurde er sich, dass sein Freund es in Wirklichkeit auch nicht wissen wollte.
Vor allem, weil Draco nicht bereit war zu zugeben, dass er überhaupt verliebt war.
Nicht vor Blaise.
Nicht vor sich selbst.
Vor Niemandem.
Selbst wenn es offensichtlich war, selbst wenn es nicht mehr zu retten war, es laut auszusprechen würde es zu real machen – würde es ihm schmerzlich nahe bringen, dass es wahr war – und er wusste, dass Blaise ihn ablehnen würde. Sein gesamtes abweisendes Verhalten von dem Moment an, indem er es scheinbar realisiert hatte, sprach Bände, und wenn Draco es nicht sagen, nicht aussprechen würde, so konnte er sich noch immer in Evasionen flüchten.
Er brauchte keine ausgesprochene Ablehnung.
Blaise gab keinen Laut von sich. Draco sah langsam auf, konnte nur Blaise' angespannten Schultern sehen, seine zu Fäusten geballten Hände. Sein Gesicht war abgewandt, er schien irgendeinen Punkt auf der Tür zu fixieren.
Draco hätte nicht aufsehen sollen. Er hätte warten sollen, bis Blaise das Zimmer verlassen hatte oder ihn dazu aufforderte, zu verschwinden. Seine Augen ruhten auf der vertrauten Linie des Dunkelhaarigen, der ihm noch nie mit so viel Ablehnung gegenübergestanden hatte.
Der andere Slytherin schien seinen Blick gespürt zu haben, denn er wandte abrupt seinen Kopf um und ihre Blicke trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sich Blaise' Gesicht zu einer wütenden Grimasse verzog. „Halt dich von mir fern", knurrte er wütend, riss die Tür auf und schlug sie mit voller Wucht hinter sich zu, während Draco verwundert, nicht schockiert, denn schockiert wäre zu emotional, in dem Zimmer zurückblieb.
Er hatte noch nie soviel Wut in den Augen des anderen gesehen, wie in dem Moment, in dem sich ihre Blick getroffen hatten – und etwas in Draco begann langsam zu schmerzen, doch er ignorierte es. Blaise' Reaktion interessierte ihn nicht, Blaise würde sich schon wieder beruhigen, Blaise würde am nächsten Tag alles wieder vergessen haben, redete er sich ein.
Blaise' Reaktion verletzte ihn nicht.
Aber sie tat es, und er wusste es, und dieser Gedanke widerte ihn selbst an, führte er ihm doch nur vor Augen, wie erbärmlich er selbst war.
Und so stand er auf.
Machte das, was er in solchen Situationen immer tat.
Er tat so, als würde es nicht ihm passieren, sondern einem Fremden.
Als würde es nicht ihn verletzen, als wäre es nicht schmerzhaft.
Als wäre er jemand anderes.
Und so verhärteten sich seine Gesichtszüge zu einer eisernen Maske, und so schienen seine Augen plötzlich gleichgültig, strahlten eine eisige Kälte aus.
Und so bewegte er sich langsam auf die Tür zu, öffnete sie langsam, und entgegnete dem leeren Raum, bevor er die Tür hinter sich schloss, in einem gleichgültigen Ton mit den gelogensten Worten.
„Kein Problem."
oOoOoOo
Sie hatten gerade unter den neugierigen, aber hauptsächlich belustigten Blicken der Slytherin deren Gemeinschaftsraum verlassen, als Harry einen plötzlichen Schmerz in seiner Brust spürte und überrascht zusammen zuckte.
Irritiert legte er eine Hand auf seine Brust, warf einen flüchtigen Blick auf die nun geschlossenen Türen zum Aufenthaltsort der Slytherin, bevor er mit einem mulmigen Gefühl seinen Weg fortsetzte. Allerdings wollte er weder in den Gemeinschaftsraum der Gryffindor, noch mit seinen Freunden zusammen sein – aber er hatte keinen anderen Ort, wo er sich hätte zurück ziehen können – und so folgte er seinen Freunden mit langsamen Schritten weiter durch die Gänge von Hogwarts, lauschte mit geteilter Aufmerksamkeit ihrem Gespräch, Blick durch die sporadisch auftauchenden Fenster auf den Schwarzen See gerichtet, vereinzelte Regentropfen die Oberfläche durchbrachen und quellende Schwingungen hinterließen.
„Harry?"
Der Dunkelhaarige sah fragend auf, wandte sich Ron zu, der ihn perplex musterte.
Harry spürte wie sich etwas Feuchtes einen Weg über seine Wange bahnte, dachte einen Moment an den Nieselregen, doch sie waren innerhalb Hogwarts. Irritiert wischte er sich mit einer Hand über seine Augen, betrachtete die Feuchtigkeit an seinen Fingerspitzen, fuhr mit seinem Daumen über die benetzten Stellen.
„Wieso weinst du?"
Die Augen des Gryffindor weiteten sich überrascht, während die Tränen weiterhin bedächtig über seine Wangen rannen.
Nicht er weinte, schoss es ihm durch den Kopf und er schnellte herum, lief den Weg zurück, den sie gerade gekommen waren.
Nicht er weinte.
Es waren nicht seine Tränen.
Er brauchte nur einen Moment, um herauszufinden, wohin Malfoy gehen würde, wenn er allein sein wollte. Es gab nur einen Ort, den er in so einem Moment aufsuchen würde.
Und das war sein Labor – sein Refugium.
Die Tränen rannen weiter unaufhaltsam über seine Wangen, doch er gab keinen Laut von sich, presste nur die Lippen aufeinander, während sich sein Schuldgefühl mit Malfoys Trauer vermischte, Übelkeit in ihm aufstieg.
Er lief an der Holztür zum Gemeinschaftsraum vorbei, passierte Snapes Gemächer, vorbei an den Gemälden der Slytherinhauslehrer, bog in einen abgelegenen Gang ein, entdeckte Malfoy der mit einer Hand den Wandteppich zur Seite schob.
Harry stoppte abrupt.
Er atmete schwer, beobachtete nur den Blonden, der in diesem Moment den Wandteppich zurückfallen ließ, seinen Kopf in Harrys Richtung wandte und abrupt aufsah, der gewärtigen Ausdruck schnell einem emotionslosen Blick wich.
„Potter?"
„Es ... tut mir leid...",murmelte er leise, setzte sich wieder in Bewegung, kam langsam auf den Slytherin zu.
„Weinst du, Potter?"
„Du bist es doch, der weint!", rief Harry aus, während weiterhin lautlose Tränen über seine Wangen rollten, sich an seinem Kinn sammelten und ab tropften, bevor er die Möglichkeit hatte, sie mit seinem Ärmel ab zu wischen. „Du müsstest doch weinen! Warum... warum weine ich für dich? Wieso ... bist du so... kalt... Wie kannst du so eiskalt sein, dass du nicht einmal weinst, wenn es dich innerlich zerreißt?"
Malfoy presste seine Lippen aufeinander, senkte seinen Blick.
„Potter, nicht jetzt", murmelte der Blonde leise, und Harry konnte in diesen silbergrauen Augen plötzlich den Schmerz lesen, den der andere die gesamte Zeit versucht hatte zu unterdrücken, konnte die Verzweiflung und den Selbsthass sehen und er wunderte sich nicht einmal, dass die Schwere der Traurigkeit auf ihn überging, ihn wie eine eiskalte Hand umfasste, seine Tränen zum Stillstand zwangen und er verstand, dass Malfoy nicht weinen konnte, selbst wenn er wollte, dass der Schmerz zu stark war, dass selbst Weinen ihn nicht lindern konnte.
Harry wusste nicht was er sagen sollte – ob es überhaupt irgendetwas gab, dass er hätte sagen können und so stand er unschlüssig vor dem Blonden, der sich mit einem zögerlichen Kopfnicken abwandte, den Wandteppich zur Seite schob und in dem kurzen Gang verschwand.
oOoOoOo
Draco blieb hinter dem Wandteppich stehen, lauschte den sich entfernenden Schritten, bevor er einen Arm hob, um seine zitternde Hand zu betrachten, die er wütend zu einer Faust ballte, kurz davor, einfach gegen die Steinmauer zu schlagen, doch er schloss für einen kurzen Moment tief einatmend die Augen, setzte sich wieder in Bewegung und betrat das Labor.
Womit hatte er sich beschäftigt, bevor Potter ihn mit diesem Zauber belegt hatte?
Suchend sah er sich um, entdeckte ein etwas abseits auf einem Nachttisch abgelegtes Buch, nahm es in die Hand, öffnete es mit dem schmalen, verblassten roten Band, das zwischen die Seiten gelegt wurde.
Felix Felicitas.
Er hatte versuchen wollen, ihn selbst zu brauen.
Das Zittern unterdrückend drehte er sich mit dem Buch in der Hand um, strebte eine verschlossene Truhe an, legte seine Hand an das Schloss und der Verschluss sprang auf, während der Riegel sich von allein zur Seite schob. Mit geübten Händen öffnete Draco die Klappe der Truhe, betrachtete die darin befindlichen Gläser, Holzkästen und Metallgefäße, bevor er, ohne auch nur die Etiketten zu lesen, einige Zutaten heraus holte und auf den Tisch stellte.
Er hatte sich vor Wochen schon die Zusammensetzung herausgesucht, die Zutaten gesammelt und trocknen lassen. An dem Tag, an dem Potter ihn verhext hatte, hatte er eigentlich mit der Zubereitung anfangen wollen.
Er fragte sich, warum er nicht mehr dazu gekommen war.
Mit einer Handbewegung ließ er einen Kessel an seiner Seite erscheinen, mit einem Schnipsen entzündete er das Feuer darunter, füllte eine zähflüssige, grüne Flüssigkeit in das Gefäß, noch bevor er darüber nachgedacht hatte. Es war Routine, etwas, worüber er nicht mehr nachdenken brauchte. Seine Hände arbeiteten von allein und Dracos Gedanken waren nahezu leer, während seine Augen den Text im Buch überflogen.
Vier Milligramm pulverisierte Schuppen einer Nixe.
Drei Tropfen Iskla-Saft.
Er hatte sich so lange mit der Zubereitung beschäftigt, dass er sie auswendig konnte, dennoch las er mit – ohne auch nur ein einziges Wort zu registrieren.
Ruhig rührte er mit einer Kelle in dem sich langsam lindgrün färbenden Gemisch, griff mit einer Hand nach einer bläulichen Flasche, gefüllt mit dem Blut eines Qilin, aber sein Griff war zu locker und das Glas zerbrach in tausend kleine Scherben auf dem kalten, grauen Steinboden, und wie das Glas schien auch etwas in Draco zu zerbrechen und seine kühle, apathische Maske fiel, während sich die rötliche Flüssigkeit auf dem Boden verteilte, schleppend in die Steinritzen sickerte.
Der Stress der letzten Tage, die Wut, die Hilflosigkeit, die Verzweiflung, sein Schmerz - sie wollten nur noch ausbrechen, doch er biss die Zähne knirschend zusammen, wollte nicht, dass seine Gefühle die Oberhand gewannen, war alles, was ihm blieb, nur noch seine Selbstkontrolle, die jedoch stetig immer und immer weiter bröckelte.
Er zitterte.
Aber es war alles in Ordnung, redete er sich ein.
Es schien überall zu schmerzen.
Doch es war alles in Ordnung.
Einen Arm vor dem Bauch verschränkt ging er in die Hocke, wollte versuchen, den Schmerz zu lindern, nein, wollte nur die Scherben einsammeln.
„Es ist alles in Ordnung", murmelte er leise, schloss seine Augen, wiederholte diese fünf Worte wie ein Mantra. Er müsste nur einmal tief Luft holen, der Schmerz war nicht körperlich, der Schmerz war nicht da. Es war etwas, was er sich einbildete, etwas, was sein Kopf ihm vorspielte, chemische Reaktionen. Worte konnten ihn nicht brechen.
Es war alles in Ordnung.
Es war alles in Ordnung.
Doch er hatte das Gefühl, dass seine Welt um ihn herum zerbrach.
oOoOoOo
Sein Körper verlangte nach Schlaf, seine Augen begannen zu schmerzen, doch sein Kopf stellte sich dazwischen. Gedanken rasten an ihm vorbei, von denen er wusste, dass es nicht seine waren, von denen er wusste, dass sie nur dazu da waren, den Urheber ab zu lenken, dass sie dazu dienten, die Stunden bis zum Sonnenaufgang erträglicher zu machen.
Zaubertränke, Zutaten, Zaubersprüche, Bücher – es war nahezu unerträglich laut, ein geordnetes Chaos und dazwischen seine eigenen Gedanken, die lauter als alles andere sein mussten, doch immer wieder kampflos untergingen.
Es schmerzte.
Malfoy war es nicht anders ergangen, doch wie hatte er es ausgehalten?
Harry konnte nicht schlafen.
Es war bereits fünf Uhr früh.
Doch es waren nicht die Gedanken des Blonden, es war nicht der Lärm, der ihn qualvoll wach hielt – es war etwas anderes, von dem er wusste, dass es von Malfoy kam, denn dieser konnte aus dem gleichen Grund nicht schlafen.
Das Dröhnen wurde stärker, er konnte sein Blut in seinem Kopf pulsieren hören, ein stetiges Pochen rhythmisch zu seinem Herzschlag, selbst der Wind, das Rascheln der Bäume, die stetigen Regentropfen, die gegen die Fensterscheiben prasselten – es war alles zu laut, viel zu laut.
Doch über all diesem Lärm konnte er einen Satz hören, wie ein Mantra, das ihnen beiden half, nicht langsam durch zu drehen und den Verstand zu verlieren. Ein Satz, den Malfoy sich in seiner Situation immer wieder vor betete, der Malfoy half, alles Unangenehme zu verdrängen.
Es war alles in Ordnung.
Es war alles in Ordnung.
Harry selbst flüsterte die Worte in einer andauernden Endlosschleife vor sich hin, wenn ein dumpfer Schmerz durch seinen Körper fuhr, die Gedanken für einige Sekunden wie auf einem Schlag lähmte, den Schmerz in seinem Kopf für kurze Zeit betäubte.
Dieser Satz war alles, was zwischen ihm und der Realität stand, war das Einzige, das die Welt daran hinderte, über seinem Kopf zusammen zu brechen, doch auch er konnte den nähernden Sonnenaufgang nicht verhindern, und mit jeder mühsam vergehenden Sekunde wurde er nervöser, wurde das Gefühl in seinem Bauch immer drängender – denn sie wussten, was der anbrechende Tag mit sich bringen würde.
Allein das Frühstück würde unerträglich werden und es gäbe vermutlich niemanden, dem es nicht auffallen würde. Die Distanz zwischen Blaise und ihnen, die Zurückhaltung. Harry grauste allein der Gedanke, mit dem Schwarzhaarigen an einem Tisch zu sitzen, wohl wissend, dass die eigene Anwesenheit dem anderen unangenehm war.
Vielleicht könnte er sich krank melden, vielleicht hätte Madam Pomfrey Mitleid mit ihm und würde ihn einen Tag im Krankenflügel verbringen lassen. Ein Tag allein, das würde reichen - am Wochenende könnte er sich etwas einfallen lassen, ein Tag war alles, was er brauchte und desto länger er diesen Gedanken verfolgte, umso logischer erschien er ihm und nach einer Weile richtete er sich schleppend auf, öffnete die Vorhänge seines Bettes und schlüpfte in seine Hausschuhe, sah sich im Zimmer um, bevor er aufstand und mit unruhigen Schritten den Raum verließ, die Treppe hinuntersprintete und durch den leeren, dunklen Gemeinschaftsraum huschte.
Es war kein weiter Weg bis zu Madam Pomfrey, aber die Gänge erschienen ihm quälend lang und weitläufig, die Treppen bis zum dritten Stock schier unendlich, bis er plötzlich Malfoy erblickte, der ihn scheinbar bereits erwartet hatte, das Gesicht blasser als gewöhnlich, schwarze Ränder unter seinen Augen – und Harry wusste sofort, dass er Malfoy zum ersten Mal ohne seinen Zauber sah. Der Blonde wollte Blickkontakt herstellen, doch Harry richtete seine Augen auf die kahlen Wände, näherte sich mit angespannten Schritten dem anderen.
Er wollte etwas sagen, als er neben dem Blonden stand und sie ausdruckslos und müde zu Boden blickten, doch kein Wort kam ihm über die Lippen. Stattdessen klopfte er nach Sekunden des Schweigens zögerlich an der dunkelbraunen Holztür und für einen Moment war alles still, bis sie hinter der Tür ein Poltern hörten, Madam Pomfreys hektische Stimme und sich letztendlich die Tür von allein öffnete, während die ältere Frau mit in den Hüfte gestemmten Händen die beiden abgespannten Jungen vor sich musterte – ihr Blick dabei etwas länger auf Malfoy ruhte als auf Harry.
„Severus informierte mich bereits, dass Sie irgendwann kommen würden", meinte sie nach einer Weile ruhig. „Er sagte auch, ich sollte keine Fragen stellen, sondern Sie einfach ins Bett schicken. Von einer Standpauke sagte er allerdings nichts." Ihr Blick ruhte erneut auf Malfoy, der langsam seinen eigenen hob und sie aus matten Augen musterte. „Aber ich denke, die kann warten." Mit diesen Worten wandte sie sich um und ging auf zwei Betten zu, die bereits mit frischer Bettwäsche bezogen waren und mit geübten Händen nahm sie die Decken und breitete sie auf dem Bett aus, deutete den beiden Jungs an, sich hin zu legen.
Harry nickte einmal dankend, bevor er sich in Bewegung setze, während Malfoy einen Augenblick zögerte, an der betagte Frau vorbei schlich und ein leises ‚Danke' murmelte, bevor sie, einen Moment stockend, den Raum verließ und in ihre eigenen Quartiere zurückkehrte.
Es dämmerte bereits, doch keiner der beiden konnte schlafen.
Die Regentropfen prasselten stärker gegen die Fensterscheiben, der Himmel verfärbte sich grau, und nur vereinzelte, spärliche Sonnenstrahlen drangen durch die verhängte Wolkenschicht.
Harry wollte nur schlafen.
Malfoy hatte den gleichen Wunsch.
Doch sie schwiegen, sprachen kein Wort, taten so, als würde der andere schlafen, obwohl sie genau wussten, dass dies nicht der Fall war – schließlich konnten sie es selbst nicht.
Hogwarts erwachte langsam zum Leben und sie konnten Stimmen hören. Ältere Schüler, die lachend an der Tür vorbei gingen, Erstklässler, die schreiend und freudig kreischend das Schloss verließen und in den Regen hinaus liefen, doch sofort wieder von den Professoren herein gerufen wurden.
Harry schloss nur seine Augen und versuchte, alle Geräusche aus zu blenden.
Es war nur eine Frage der Zeit, bis seine Freunde vor dem Frühstück auftauchen und ihn mit Fragen bombardieren würden.
Schließlich hatte er sich gestern nach dem kurzen Treffen mit dem blonden Slytherin zurück gezogen, hatte sich bis es dunkel geworden war in Hagrids Hütte versteckt, wo er lediglich eine Tasse heißen Kakao bekam und nicht ausgefragt wurde, während der Halbriese seinen Aufgaben nach gegangen war oder aus einem Holzklotz einen Drachen geschnitzt hatte, den er Harry mit einer kindlichen Freude geschenkt hatte. Sobald er die Hütte verlassen hatte, hatte er sich einfach in den Schlafsaal zurückgezogen und sich auf sein Bett gelegt, es mit Zaubersprüchen belegt, dass er von außen nichts hören und niemand die Vorhänge öffnen konnte.
„Wir haben auf ganzer Linie versagt", unterbrach der blonde Junge ein Bett weiter plötzlich leise murmelnd seine Gedanken und Harry öffnete die Augen, drehte sich halb zum Anderen um.
„Wir haben noch drei Tage", erwiderte er zögerlich.
„Wen interessiert schon Hermines Ultimatum?", fuhr ihn Malfoy plötzlich an, setzte sich in seinem Bett auf und zog die Beine an seine Brust, umschloss die Knie mit den Armen. „Wir hätten es gar nicht so weit kommen lassen sollen." Harry tat es ihm nach, setzte sich ebenfalls auf, legte seinen Kopf schräg auf die Knie, um den anderen besser beobachten zu können. „Wenn du nur etwas aktiver gewesen wärst..."
„Du weißt genau, warum ich nicht mit geholfen habe!", knurrte Harry gereizt.
Malfoy antwortete mit einem abwartenden Blick auf seinen Ausruf, hob auffordernd eine Augenbraue.
„Du willst, dass ich es laut ausspreche", stellte Harry nüchtern fest, wandte seinen Blick ab. Er hatte es eigentlich gewusst, sobald Malfoy das Thema angesprochen hatte. Doch es war eine Sache, im Kopf zu zugeben, dass man Angst hatte sich zu blamieren und eine vollkommen andere, es laut vor einer anderen Person aus zu sprechen.
Harry hatte eine Woche lange erfolglos versucht, heraus zu finden, wie er den Zauberspruch rückgängig machen könnte, während Malfoy nach nur einmaligen Lesens bereits die Quintessenz verstanden hatte und danach die Formel dechiffrieren konnte.
Er selbst hatte es nicht einmal nach einer Woche richtig verstanden.
Harry weigerte sich, das auch nur einer anderen Person laut zu erklären, selbst wenn es jemand war, der es sowieso schon wusste.
„Feigling."
„Du musst gerade reden", warf Harry aggressiv zurück. „Du hättest Blaise schon vor Jahren erzählen können, was du für ihn fühlst!"
„Potter, das ist eine vollkommen andere Situation."
„Das ist doch egal! Im Endeffekt hast auch du gekniffen!"
„Ich hatte auch nie vor, irgendjemanden auch nur irgendetwas davon zu erzählen."
„Alles, was ich höre, ist eine flaue Rechtfertigung! Hättest du auch nur einmal deine Klappe aufgemacht, hätte ich diesen Horrortrip nicht miterleben brauchen. Vielen Dank dafür. Ich werde nie wieder irgendjemanden unter die Augen treten können."
„Was soll ich denn sagen? Du hast meinen besten Freund geküsst, nur weil du dich nicht kontrollieren kannst!"
„Wie soll man so starke Gefühle kontrollieren? Sie haben mich förmlich überrannt! Weißt du, wie sich das angefühlt hat?"
„Machst du dich über mich lustig?"
Harry hielt inne, noch bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, musterte den Blonden, der mittlerweile auf seinem Bett kniete und vermutlich nur eine Sekunde davon entfernt war, ihn brutal anzugreifen.
„Noch dazu erzählst du mir, dass ich mich anderen gegenüber öffnen sollte? Befolge du erst einmal deinen eigenen Rat, bevor du ihn weitergibst."
„Das ist unfair", murmelte Harry leise.
„Erzähl mir nichts von unfair. Unser einziges Glück ist nur, dass der Zauberspruch nicht ganz so verläuft, wie ich gedacht habe."
„Natürlich tut er das."
Malfoy warf ihm einen fragenden Blick zu, setzte sich wieder zurück auf das Bett, runzelte nachdenklich die Stirn.
„Das heißt—"
„Genau."
„Seit—"
„Gestern, vorgestern um präziser zu sein. Mein Vorteil ist allerdings, dass du, indem du meine Gedanken abblockst, gleichzeitig deine versperrst, weshalb ich sie nur höre, wenn du deine Blockade öffnest oder du extrem aufgewühlt bist – so wie jetzt."
„Das erklärt, warum es mir in letzter Zeit leichter fiel, unsere Gedanken zu trennen."
„Aber nicht, weshalb ihr hier seid", unterbrach sie plötzlich eine weibliche Stimme und die beiden Jungen wandten sich ihr zu, entdeckten Hermine, die mit in den Hüften gestemmten Armen in der offenen Tür stand und sie beide mit strafenden Blicken musterte. Ron stand hinter ihr, warf ihm ein zögerliches Lächeln zu.
Draco stöhnte nur laut und ließ sich zurück auf das Bett fallen, drehte sich um, sodass er sein Gesicht in das Kissen pressen konnte, die jeweiligen Enden hob und gegen seine Ohren drückte. Harry konnte ihn verstehen. Er verspürte den gleichen Drang, Hermines definitiv bevorstehende Standpauke einfach auszuschalten, doch er setzte ein unschuldiges Lächeln auf, das die Brünette ihm allerdings offensichtlich nicht abkaufte. Stattdessen setzte sie sich nur mit forschen Schritten in Bewegung und, in der Befürchtung, von ihr geohrfeigt zu werden, zuckte er leicht zusammen, als sie vor ihm zum Stehen kam. Doch dann wurden ihre Gesichtszüge plötzlich weicher und sie fiel ihm um den Hals, drückte ihn fest an sich.
„Du musst uns ja nicht alles sagen", meinte sie leise und Harry, der wie erstarrt auf seinem Bett gesessen hatte, schlang nun seine Arme um ihre Hüften, vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge, während die bräunlichen Haare ihn leicht kitzelten. „Aber kannst du uns nicht wenigstens Bescheid sagen, bevor du dich irgendwo verkriechst? Ron und ich haben uns Sorgen gemacht, als wir dich nicht in deinem Bett gefunden haben."
Harry warf einen flüchtigen Blick auf den Rothaarigen, der nun näher kam und unsicher an seiner Bettseite hielt. „Alles klar, Kumpel?", fragte er leise und Harry lächelte ihm zu, drückte Hermine sanft von sich. „Wir sind nicht hier, weil wir krank sind", meinte er erklärend. „Wir brauchten nur eine Auszeit."
„Das heißt, ihr schwänzt", schlussfolgerte Hermine mit einem vorwurfsvollen Blick, verschränkte die Arme vor der Brust.
„So kann man es natürlich auch nennen."
Das Mädchen seufzte erleichtert. „Ich bin froh, dass es dir gut geht."
„Du hättest sie mal auf dem Weg hierher hören sollen", mischte sich Ron plötzlich ein, grinste hinterhältig. „Sie hatte tausend Horrorvisionen und wäre fast umgekommen vor Sorge. ‚Was ist, wenn Harry in einer Erinnerung die Orientierungen verloren hat? Oder von—'"
„Ron, sei still", grummelte die brünette Hexe angesäuert, während die beiden Jungs sich ein schelmisches Grinsen zu warfen. Doch kurz darauf spürte Harry einen leichten Stich und er warf einen Blick auf Malfoy, der sein Gesicht von ihnen abgewandt hatte, durch die Fenster nach draußen starrte und den Regen beobachtete.
Blaise wäre normalerweise bereits angelaufen gekommen und hätte den Notstand ausgerufen.
Oder hätte ihn mit unendlich vielen Pepper Imps versorgt.
Oder angeboten, Krankenschwester zu spielen.
Oder angeboten, den Schuldigen auf seine Art zu bestrafen.
Oder…
Blaise wäre einfach nur da gewesen.
Allerdings wussten sie beide, dass Blaise nicht kommen würde.
Und Harry wusste, dass es dem Blonden egal war, was Blaise für ihn empfand. Sollte er ihn mit seiner Anwesenheit quälen, Draco brauchte ihn in seiner Nähe, Draco brauchte ihn zur Beruhigung, er brauchte ihn jetzt nicht als Liebhaber, sondern als Freund. Genauso wie Harry Ron und Hermine in solchen Momenten brauchte.
—und erst in diesem Moment bemerkte Harry, dass der Blonde Blaise nicht als Liebhaber wollte, unabhängig von seinen starken Gefühlen, sondern als Freund. Er hatte dem Anderen nicht seine Gefühle verheimlichen wollen, weil er befürchtete, abgewiesen zu werden, sondern weil er nicht gewollt hatte, dass ihre Freundschaft sich änderte.
Draco wollte...
Vielleicht sollte er—
—doch Harry stoppte den Gedanken sofort.
Malfoy würde das nicht glücklicher machen.
Und so wandte er sich wieder seinen Freunden zu und unterhielt sich über Nevilles Unfall im Gemeinschaftsraum und Seamus, der versucht hatte zu helfen, allerdings nur alles verschlimmert und sich dabei die Augenbrauen verbrannt hatte. Ron und Hermine ließen das Frühstück ausfallen, unterhielten sich mit Harry, der diese ungezwungenen Gespräche schon viel zu lange vermisst hatte.
„—und die Chudley Cannons werden dieses Jahr definitiv einen Sieg davon tragen", versicherte Ron mit einem energischen Kopfnicken, während Hermine nur zweifelnd eine Augenbraue hob und Harry seinem Freund zwangsläufig zustimmte. Ehrlich gesagt glaubte keiner mehr an einen Sieg, nicht einmal die Quidditch-Mannschaft selbst – wenn ihr Motto ‚Lasst uns auf das Beste hoffen' irgendein Hinweis war. „Sie werden wirklich gewinnen", wiederholte Ron bestimmt, runzelte ernst die Stirn, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ seine Beine vom Bett baumeln. „Und wenn ich sie persönlich bei jedem Spiel anfeuern muss!"
„Ich bezweifle, dass das etwas bringen würde", erwiderte Hermine nüchtern, schmunzelte allerdings amüsiert.
„Mal davon abgesehen würde Lavender das auch gar nicht zulassen."
Während Ron auf seine Worte hin nur zusammengezuckt war, kniff die brünette Hexe die Augenbrauen zusammen, warf dann einen erbitterten Blick auf den rothaarigen Jungen neben sich.
Harry spürte sofort, dass er irgendetwas Falsches gesagt hatte.
„Ihr habt nicht miteinander gesprochen?", fragte sie ungläubig und Ron wandte beschämt seinen Blick ab, kratzte sich verlegen an der Nasenspitze.
„Nun ja, ich hatte einige Male versucht, Harry darauf anzusprechen..." Er beendete seinen Satz nicht, wandte stattdessen seinen Blick ab, während Harry irritiert zwischen den beiden hin und her sah.
Was war mit Lavender?
Hatten die beiden sich gestritten?
Harry hatte nichts Dergleichen gehört.
„Lavender und ich haben uns getrennt", antwortete Ron, warf dann einen nachdenklichen Blick zur Seite. „Oder eher, ich mich von ihr."
„Wa—Wieso?", rief Harry perplex, starrte seinen Freund nahezu entgeistert an.
Wie hatte er nichts davon bemerken können?
„Wir hatten ein paar Probleme", antwortete der Rothaarige einsilbig.
„Ich hatte Ron meine Hilfe angeboten, aber er sagte mir, dass er mit dir darüber reden wollte", fuhr Hermine ihm ins Wort, warf einen finsteren Blick auf Harry, der nachdenklich die Stirn runzelte.
Er konnte sich nicht erinnern—
Doch plötzlich fiel ihm ein, wie Ron, bevor sie nach Hogsmeade wollten, etwas hatte ansprechen wollen; und ein paar Tage später, beim Schachspiel genau das Gleiche—und Harry sah überrascht auf, warf einen Blick auf Malfoys Rücken, doch der Blonde reagierte nicht, aber er war sich sicher, dass der Slytherin ihn daran erinnerte, denn Harry hatte diese Situationen so gut wie gar nicht wahr genommen. Er hatte gedacht, Ron wollte über sein Verhalten oder Ginny oder den Zauberspruch reden – er hatte gedacht, dass es um ihn ging, weshalb er seinen Freund nicht einmal hatte ausreden lassen.
„Wieso hast du nicht mit Harry gesprochen?", fragte Hermine an Ron gewandt, der als Antwort jedoch nur mit den Schultern zuckte. Harry wandte seinen Blick auf das Mädchen, das nach ihrer Frage die Lippen fest aufeinander gepresst hatte, ihn aus vorwurfsvollen Augen musterte, weil sie vermutlich ganz genau wusste, was der Grund gewesen war.
„Es hat sich nicht angeboten", erwiderte Ron, versuchte mit einem fröhlichen Grinsen die Situation zu überspielen.
„Ron—"
„Es ist alles in Ordnung! Harry hatte seine eigenen Probleme."
Hermine öffnete den Mund um etwas zu erwidern, doch sie schloss ihn wieder, verkniff sich einen weiteren Kommentar, doch Harry wusste ganz genau, dass es nicht in Ordnung gewesen war.
Harry hatte seinen besten Freund in Stich gelassen.
—und das tat tatsächlich weh.
„Es ... tut mir Leid", murmelte Harry leise, doch Ron sah sofort auf und ein verlegenes Lächeln umspielte seine Lippen.
„Keine Sorge, du hattest mehr Probleme als ich."
„Du wolltest mit mir über etwas reden und ich habe dich einfach abgewiesen, weil ich nicht einmal annähernd auf die Idee gekommen bin, dass du Probleme haben könntest."
Der Rothaarige antwortete nicht, hob nur seinen Blick und starrte an die Decke, doch Harry bemerkte, dass die Ohrenspitzen seines Freundes etwas errötet waren.
„Harry, das ist mir jetzt etwas peinlich...", gab der andere Junge zu, grinste dann verlegen. „Aber wenigstens hat es keiner gehört…."
„Malfoy ist hier", bemerkte Hermine trocken.
„Der zählt nicht. Der hätte es auch so erfahren – außerdem ist er vermutlich der Grund, warum Harry überhaupt so etwas zu mir sagt."
Das war unüberlegt – und Harry wusste, dass es nicht böse gemeint war, doch die letzten Worte waren wie ein Schlag mit einem schweren, kantigen Gegenstand auf seinen Hinterkopf, der einen langen, penetrant stechenden Schmerz hinterließ.
War er die letzten Jahre wirklich so schlimm und unerträglich gewesen, dass Ron der Meinung war, dass er sich nicht einmal für einen Fehler, den er begangen hatte, entschuldigen würde? Sicherlich, sie hatten ein paar Probleme und Missverständnisse gehabt, aber diese hatten sie immer lösen können—
„Ich halt's nicht mehr aus", rief Malfoy plötzlich von seinem Bett aus, richtete sich gereizt auf und warf dem Gryffindor einen angewiderten Blick zu.
„Würdest du bitte aufhören, ständig im Selbstmitleid zu ertrinken? Wenn dich etwas stört, dann sag es einfach, wie sonst können deine Freunde wissen, was du willst? Denk nicht immer, dass die gesamte Welt dich hasst, denn das tut sie nicht. Ich hasse dich, ja, die restlichen Slytherin vielleicht auch, aber die meisten Menschen kennen dich nicht einmal gut genug, um dich zu hassen."
„Ich könnte jetzt wieder sagen, ‚du musst gerade reden'", entgegnete Harry nüchtern, rollte die Augen, während Hermine und Ron die beiden Jungs überrascht musterten.
„Ich versinke nicht in Selbstmitleid, ich versuche lediglich einzuschlafen, was bei eurem lauten Getratsche absolut nicht möglich ist! Also versuche ich es etwas abzukürzen, einverstanden?" Der Blonde holte einmal Luft und dem Dunkelhaarigen schwante Böses.
„Ron, denk öfter darüber nach, was du sagst und wenn du uns das nächste Mal etwas zu sagen hast, dann sei gefälligst ein bisschen aggressiver und lass dich nicht so schnell aus dem Konzept bringen. Hermine, sei nicht immer so dogmatisch und fordernd – wir wollen auch manchmal nach unserem Tempo handeln, auch wenn dir das gelegentlich zu langsam ist. Lerne einfach Geduld zu haben! So, und jetzt verschwindet! Wir wollen schlafen!" Damit warf der Slytherin sich wieder auf sein Bett und rollte sich demonstrativ mit den Rücken zu den Gryffindor auf die Seite.
„Hat er mich gerade ‚Ron' genannt?", fragte der Rothaarige und verzog angeekelt das Gesicht.
„Ich fand es ganz angenehm, endlich mal nicht ‚Schlammblut' genannt worden zu sein", kommentierte Hermine, hob ihre Tasche an und warf sie sich über die Schulter.
„Er hat mich wirklich ‚Ron' genannt, oder?"
„Aber Malfoy hat recht", fuhr die brünette Hexe unbeirrt fort, ignorierte das Gejammer ihres Freundes. „Wir müssen uns langsam auf den Weg machen, sonst kommen wir zu spät zum Unterricht." Mit diesen Worten wandte sie sich ab und verließ, gefolgt von Ron, das Krankenzimmer, während Harry einen Blick auf den blonden Slytherin im anderen Bett warf.
Wenn Harry etwas diesbezüglich geäußert hätte, wäre die Formulierung vermutlich anders gewesen, doch die Aussage an sich war genau das, was er seinen Freunden in diesem Moment wirklich am liebsten gesagt hätte.
Vielleicht sollte er—
„Wag es nicht", knurrte der Slytherin, noch bevor Harry etwas sagen konnte, doch der Gryffindor lächelte lediglich amüsiert, bevor er sich nach hinten auf die Kissen fallen ließ und nach einem flüchtigen Blick auf den Blonden nachdenklich an die Decke starrte.
oOoOoOo
Der Vormittag verging ruhig, bis auf einen lauten verbalen Kampf zwischen Draco und Madam Pomfrey, die versuchte, dem blonden Jungen irgendetwas Übelriechendes und Matschiges als Mittagessen vorzusetzen. Natürlich war Draco alles andere als begeistert von dem Essen gewesen und hätte es ihr fast mit dem Tablett ins Gesicht geworfen, wenn die Heilerin nicht plötzlich damit gedroht hätte, sämtliche Restbestände an Tranquilizern für ihn aufzubrauchen.
Also wartete der Slytherin, bis die betagte Frau ihnen den Rücken zu wandte und er sein komplettes Essen, samt seltsam lila verfärbtem Nachtisch, einfach auf Potters fast vollständig leeren Teller fallen ließ. Nicht, dass Potter dies aufgegessen hatte, er hatte es lediglich Ms. Norris hingestellt, die in diesem Moment ins Krankenzimmer geschlichen gekommen war, ihn zwar argwöhnisch gemustert, aber dennoch glücklich alles aufgefressen hatte.
Kurz darauf war Pansy vorbei gekommen.
Sie hatte sich zu Draco ans Bett gesetzt, aber ihr Blick war stumm auf ihre im Schoss gefalteten Hände gerichtet gewesen. Sie hatte sich eine Strähne hinter das Ohr gestrichen, während Draco weiterhin den langanhaltenden Regenschauer musterte.
Sie brauchten keine Worte, um zu verstehen, was in dem jeweils anderen vorging. Es war offensichtlich, dass Pansy wusste, was zwischen Blaise und ihm vorgefallen war – es war offensichtlich, dass Draco wusste, dass Pansy es auch wusste.
„Er...", begann sie einmal leise, brach dann aber wieder ab und seufzte frustriert, während die angespannte Stille sich weiter ausdehnte.
„Ich hasse das!", rief sie jedoch plötzlich aus und Potter und Draco sahen das Mädchen, das in ihrem Ärger aufgesprungen war, überrascht an. „Ich wusste es! Ich hätte vorher etwas sagen sollen! Ich hätte mehr—Wieso weiß er es überhaupt? Er hat doch—", knurrte sie aufgebracht und stampfte einmal mit dem Fuß auf. Doch sobald ihr Blick auf Dracos Gesicht fiel, sie sah, wie er nachdenklich die Stirn gekräuselt hatte, wurde ihre Stimme etwas sanfter. „Er hat doch vorher auch nie etwas bemerkt."
„Wie lange", fragte Draco leise, musterte sie aus kalten, durchdringenden Augen und er wusste, dass sie sofort den Sinn seiner Frage verstanden hatte. Pansy seufzte einmal müde, setzte sich dann wieder auf den Stuhl. „Ich glaube, von Anfang an."
„Du hast nie etwas gesagt", stellte er fest, senkte seinen Blick und spielte ungeduldig mit dem Zipfel seiner Bettdecke.
„Ich dachte, es wäre besser für uns", antwortete sie ruhig. „Ich dachte, es wäre besser, wenn ich nur die übereifersüchtige Freundin spielen würde. Ich dachte, ich könnte dir damit helfen. Ich dachte, du würdest irgendwann nicht mehr… Aber vielleicht war ich zu naiv… vielleicht hätte ich—"
„Danke", murmelte der blonde Junge, sah plötzlich auf und direkt in das verzweifelte Gesicht seiner Verlobten, die zögerlich eine Hand hob, sie auf seine legen wollte, sich jedoch stoppte – und ein trauriges Lächeln zierte Dracos Lippen, als er seine Hand auf ihre legte und das Zittern spürte.
Doch er ignorierte es, umklammerte ihre Hand, bis das Zittern verebbte, bis das Mädchen bereit war aufzustehen und, mit gespielter Gelassenheit, ihre Tasche schulterte, eine Weile besorgt auf ihn hinab sah.
„Er wird nicht kommen", meinte Pansy leise, und Draco hatte nichts anderes erwartet, ihr nur aufmunternd zu gelächelt. „Das heißt", begann sie erneut, neigte ihren Kopf etwas nach hinten, „nicht rein." Damit versuchte sie zu lächeln, drehte sich dann um und verließ das Krankenzimmer, bevor die nächste Stunde begann. Dracos aufgesetzte Lächeln zerfiel erst, als er sich nach hinten fallen gelassen und die Decke über sein Gesicht gezogen hatte.
Er hatte gewusst, dass Blaise vor dem Krankenzimmer stand. Er hatte dessen Präsenz deutlich spüren können und auch wenn ihn das Wissen, dass er sich noch immer um ihn Sorgen machte, dass er sich noch immer kümmerte, etwas beruhigte, so linderte es nicht den Schmerz zu wissen, dass dies dennoch nichts an ihrer Situation ändern würde.
„Malfoy?"
„Du spinnst, Potter", antwortete er leise.
„Ich hätte trotzdem Lust."
„Ich hatte aber nicht geplant, Wochen hier zu verbringen", murmelte er, schlug die Bettdecke zurück und musterte kühl den Gryffindor, der mittlerweile unauffällig an sein Bett getreten war.
„Was interessiert es uns?"
„Du bist zu leichtsinnig."
„Du weißt es selbst am besten."
Bei diesen Worten wandte sich der Blonde um, warf erneut einen Blick nach draußen, dann seufzte er leise. „In einer halben Stunde", entgegnete er letztendlich und über die Lippen des Gryffindor lief ein siegessicheres Lächeln.
Es war vermutlich eh seine Idee gewesen, dachte Draco, Potter hatte sie nur für ihn ausgesprochen.
oOoOoOo
Harry wartete bereits am Quidditchplatz.
Es goss wie aus Kübeln, doch die kalte Nässe störte ihn nicht. Er schlenderte langsam zu den Tribünen, wollte dort auf den Slytherin warten, als er plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung registrierte. Überrascht schnellte er herum, bemerkte sofort das unverkennbare blonde Haar des Slytherin, der ihn mit schnellen Schritten anstrebte. Nasse Strähnen, die er versuchte hinter seine Ohren zu streichen, fielen ihm ins Gesicht, während er verärgert die Stirn runzelte.
Über die Lippen des Gryffindor lief ein amüsiertes Grinsen.
Es war ihm nie aufgefallen, was für eine ausgeprägte Mimik und Gestik der Blonde hatte. Es war ehrlich gesagt kein Wunder, dass Blaise ihn zuweilen lesen konnte wie ein offenes Buch.
Harry wusste ehrlich gesagt nicht, ob diese Erkenntnis Resultat der Verbindung zwischen ihnen oder der Zeit, die sie miteinander verbringen mussten, war.
„Hör auf, an mich zu denken", befahl Malfoy, sobald er vor dem Dunkelhaarigen zum Stehen kam, allerdings einen Blick gen Himmel warf und erneut seufzte, als ihm eine Haarsträhne ins Gesicht fiel.
„Ich korrigiere mich", fuhr der Blonde fort, musterte den Anderen verärgert. „Es war deine Idee. Ich habe mich nur auf Grund der Verbindung so leicht dazu überreden lassen."
„Was auch immer das Leben für dich erträglicher macht", entgegnete Harry ruhig und mit einem entspannten Lächeln auf den Lippen wandte er sich ab und schwang sich auf seinen Besen, erhob sich mit einem forschen Blick in Malfoys Richtung in die Lüfte.
„Glaubst du, dass du mich einholen kannst?", rief er dem Blonden zu, der provozierend sein Kinn hob und scheinbar verächtlich zu ihm hinauf blickte, während Regentropfen über sein Gesicht rannen, sich am Kinn sammelten und ebenfalls mit trainierter Leichtigkeit abhob.
„Jederzeit", antwortete der Blonde herablassend, reagierte mit einem skeptischen Blick auf die offensichtliche Provokation.
Über Harrys Lippen lief ein verspieltes Lächeln und ohne Vorwarnung preschte er los, sah sich nicht um, denn er wusste, dass Malfoy hinter ihm sein würde, dass der Blonde seine Bewegungen perfekt imitierte und sie beinahe synchron durch den Regen über den Quidditchplatz und über den schwarzen See fliegen würden, während der Regen fortwährend auf sie nieder prasselte.
Doch stattdessen raste der Blonde mit halsbrecherischem Tempo an ihm vorbei, flog mit einem Übermut und einer Aggressivität, die Harry bisher noch nicht einmal bei Quidditchspielen erlebt hatte.
„Hey, Malfoy!", rief er durch den Wind, doch der Blonde schien ihn nicht zu hören, machte zumindest nicht die kleinste Andeutung. Stattdessen beschleunigte er sein Tempo nur noch weiter, steuerte den Verbotenen Wald an, hinter dem nur vage durch den langsam aufziehenden Nebel die langgezogenen Gebirgsketten zu erkennen waren.
‚Ich hatte nicht wirklich ein Wettrennen im Kopf. Eher... einen schnellen Spaziergang?', versuchte er es über die mentale Schiene, doch er konnte den anderen förmlich in seinem Kopf verächtlich Schnauben hören.
Harry war einige Meter hinter dem Slytherin, musste ob des Regens seine Augen zu Schlitzen verengen, während er den schneidenden kalten Wind, der an seiner Kleidung zerrte, ignorierte.
Sie rasten vorbei an Bäumen, über den Verbotenen Wald hinweg und Malfoy drosselte für keinen Moment seine Geschwindigkeit; als er versuchte seinen gesamten Stress durch das Fliegen zu kompensieren, als hätte er soviel Wut angestaut, dass er nicht einmal mehr wusste wohin damit und sie nur auf irgendeine Weise destruieren wollte.
Dennoch, Harry machte sich mittlerweile geringe Sorgen um ihre Sicherheit.
Sie froren, ihre Gliedmaßen zitterten, ihre Finger waren eiskalt. Der Regen hatte schon lange ihre Kleidung vollständig durchnässt und sie konnten die schwere Feuchtigkeit auf ihrer Haut spüren. Der schneidende Wind ließ ihre Gesichter vor Kälte brennen, sie konnten kaum noch ihre Augen offen halten, während der Regen mit einem stetig steigenden Druck auf sie nieder prasselte.
Harry spürte, dass es Zeit für sie war, eine Pause einzulegen, denn er konnte den Besen kaum noch geradeaus lenken und seine Flugmanöver schienen immer ungewandter und holpriger zu werden.
„Malfoy!", versuchte er erneut gegen den Wind anzuschreien, doch Malfoy reagierte nur, indem er eine scharfe Wendung machte und zur Seite ausscherte.
‚Ich weiß, dass du mich hörst.'
„Sei still, Potter!", hörte er plötzlich die durch den Regen und Wind gedämpfte Stimme des anderen, der ihm nur einen flüchtigen Blick zu warf, dann wieder stur nach vorn blickte und, wie um dem Gryffindor zu spotten, erneut das Tempo beschleunigte.
Harry hob lediglich genervt eine Augenbraue und kopierte das Verhalten des Anderen, hatte bereits den Überblick darüber verloren, wo sie sich befanden und wie weit von Hogwarts sie entfernt waren.
„Ich brauch das!", rief Malfoy und Harry sah überrascht auf, bemerkte, dass der andere stehen geblieben war und er nun an ihm vorbei raste, dann ebenfalls abrupt inne hielt.
Sie waren einige Meter voneinander entfernt, dennoch bemerkte er die verwirrten Haarsträhnen im Gesicht des anderen, den schweren Atem und erst in diesem Moment bemerkte er, dass er selbst nahezu atemlos war.
„Ich habe es satt—", fuhr Malfoy leiser, ruhiger fort, als hätte er seine Kontrolle wieder erlangt, doch Harry runzelte nur verstimmt die Stirn.
„Ich versteh dich nicht!", rief er ihm zu, hob auffordernd eine Augenbraue.
„Ich sagte—"
„Lauter!"
Malfoy hielt für einen Moment inne, bevor er erneut ansetzte. „Vergiss—"
„Lauter!"
„Ich habe es so satt, Potter!", schrie Malfoy plötzlich gegen den Wind. „Ich brauche eine Pause von all den Zaubertränken, den Konflikten, den Erfahrungen! Ich will an nichts mehr denken, ich will alles vergessen, will alles verdrängen. Ich habe einfach keine Lust mehr, mir ständig Gedanken machen zu müssen." Der Blonde schnappte einmal nach Luft, während Harry versuchte ein triumphierendes Grinsen zu unterdrücken. „Ich bin überfordert! Ich komm mit der Situation nicht mehr zurecht! Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen! Ich weiß, dass ich an den Zauber denken sollte, aber ich kann nicht, denn alles, woran ich denken kann... alles, woran..."
Malfoy unterbrach sich selbst, schien den Griff um seinen Besen nur zu verstärken, während Harry sich etwas zurück lehnte, stoisch das Gesicht des Blonden musterte. Er konnte deutlich erkennen, wie Malfoys beherrschte Maske fiel und einem Ausdruck der Machtlosigkeit wich.
„Woran kannst du nur denken?", schrie der Gryffindor plötzlich zurück und Malfoy zuckte unmerklich zusammen, als wäre er schon lange mit seinen Gedanken woanders gewesen, hatte vollkommen vergessen, dass sie im strömenden Regen auf ihren Besen saßen, ihre Gelenke schmerzten und ihre Glieder nahezu steif vor Kälte waren.
Der Slytherin sah mit einem wehmütigen Lächeln auf, bevor er seinen Blick ab wandte, auf irgendetwas richtete, das nur er allein vage in diesem Nebel erkennen konnte, während er sich mit einer flüchtigen Bewegung die Haare aus der Stirn strich, die Regentropfen stetig auf sein Gesicht tropften und langsam bis zum Kinn herunter rannen – und natürlich wusste Harry, womit die Gedanken des anderen angefüllt waren, was sie fesselte und nicht mehr frei ließ; und frustriert wandte er ebenfalls seinen Blick auf den unbekannten Fixpunkt.
:Ich bin müde, Potter.:
Harry sah überrascht auf, lächelte schwermütig.
„Du bist nicht allein", antwortete er mit leiser Stimme, doch er wusste, dass Malfoy ihn verstanden hatte und ihre Blicke trafen sich für einen flüchtigen Moment, bevor der Slytherin sich in Bewegung setzte, seinen Besen antrieb, und Harry sich dazu entschloss, sich auf dem Astronomieturm nieder zu lassen.
Draco hatte sich eine Auszeit verdient.
oOoOoOo
Es hatte lange gedauert, bis er sich beruhigt hatte und der Meinung gewesen war, dass es Zeit war, sich wieder der Realität zu stellen.
Widerstrebend hatte er zu einer holprigen Landung angesetzt, sich die Haare aus der Stirn gestrichen, bevor er einen flüchtigen Blick auf Potter, der vom Astronomieturm geflogen kam, geworfen hatte, um sich zu versichern, dass dieser ihm folgte.
Erst im Schloss hatte er bemerkt, wie unterkühlt er war; wie sehr seine Glieder vor Kälte schmerzten und zitterten und noch während er eine seiner Hände musterte, gesellte sich Potter zu ihm, öffnete nur unter missmutigen Lauten und mit steifen Fingern seinen Mantel.
Draco sah ob der gequälten Geräusche neben sich auf, doch kaum hatte er das Gesicht des Gryffindor gesehen, fielen ihm seine Worte wieder ein und jedweder Kommentar bezüglich Potters Grazie beim Öffnen der Knöpfe starb auf seinen Lippen. Abrupt wandte er sich ab und stolzierte schweigend durch die hallenden und leeren Gänge von Hogwarts, während Potter, sichtlich amüsiert, langsam hinter ihm her trottete.
Sie wussten beide ganz genau, dass sie in ihrem Zustand Madam Pomfrey nicht unter die Augen kommen durften – vor allem nicht, nachdem sie das Krankenzimmer ohne Vorwarnung verlassen hatten. Doch sie brauchten beide dringend ein warmes Bad und das Einzige, das ihnen einfiel, war das der Vertrauensschüler.
Während ihre Kleider eine tropfende Spur auf dem trockenen Stein hinterließ, begann Draco seinen Mantel auszuziehen, doch auch sein Pullover war nicht einmal annähernd trocken. Frustriert seufzend warf er seinen Mantel über einen Arm. „Ich sag dir, Potter, wer auch immer diese Mäntel regenfest gemacht hat, hat so was von geschlampt", knurrte er gereizt, warf einen bösen Blick auf den Mantel.
„Im Regen hat es dich nicht gestört", erinnerte der Gryffindor schulterzuckend, hatte seinen Mantel angelassen.
„Das ist etwas anderes."
„Ist es das nicht immer?"
„Spar mir deinen Sarkasmus."
„Deinen Sarkasmus."
Draco antwortete nicht mit Worten, sondern nahm lediglich seinen Mantel und warf ihn dem Dunkelhaarigen entgegen, der das schwarze, feuchte, dreckige Ungetüm reflexartig auffing, dann blinzelnd aufsah und den anderen fragend musterte.
„Nimm du ihn, wenn dich die Nässe nicht stört", war alles, was der Blonde entgegnete, wandte sich wieder um und setzte seinen Weg fort.
„Mit dem allergrößten Vergnügen, Draco", meinte Potter mit einem charmanten Lächeln und warf einen amüsierten Blick auf den Blondschopf, der ruckartig in seinem Schritt inne hielt, den Blick stur geradeaus richtete.
Ginny.
Das Mädchen hatte anscheinend gerade die Bibliothek verlassen, den Blick konzentriert auf den Titel eines der Bücher, die sie auf ihren Armen trug, gerichtet, als sie ihre Stimmen gehört hatte und daraufhin stehen blieb, aufsah. Sie musterte die beiden aus beherrschten Augen, warf dann ihr rötliches Haar hinter die Schulter, das Kinn provozierend angehoben.
„Wie es aussieht scheint Peeves recht zu haben", höhnte sie mit gelassener Kühle, neigte ihren Kopf etwas zur Seite. „Und für so etwas lässt du mich fallen?", fragte sie, musterte Draco abfällig, was ihn tatsächlich mehr störte, als es eigentlich sollte. Dann rückte sie die Bücher auf ihren Armen zurecht, bevor sie sich erneut in Bewegung setzte und an ihnen vorbei stolzierte. „Ich hoffe nur, er ist es wert."
Die beiden Jungs reagierten nicht, bis das Mädchen außer Hörweite war, doch dann seufzten sie leise.
„Anscheinend hat dein Obliviate funktioniert."
„Wenigstens ein Zauberspruch, den ich beherrsche", kritisierte Potter sich selbst, runzelte dann irritiert die Stirn, während sich ein amüsiertes Grinsen auf Dracos Lippen stahl.
„Aber irgendwie erinnert Ginny mich voll an deine Mutter", bemerkte der Blonde einen Moment später, setzte sich wieder in Bewegung, während der dunkelhaarige Zauberer ihm folgte.
„Und das hättest du voll nie gesagt."
„Tu nicht so, das ist schließlich dein Sprachstil."
„Gewöhn dich besser daran. Denn wie es aussieht, wird es nämlich unser Sprachstil", konterte Potter, bis die Worte des anderen ihn schließlich einholten, Draco auf Grund der Verzögerung ein genervtes Aufatmen entlockten.
„Was hast du gerade gesagt?"
„Dass Ginny mich an deine Mutter erinnert."
Abrupt blieb der Gryffindor stehen.
Und Draco konnte es förmlich in seinem Kopf poltern hören, die schreienden Gedanken des Gryffindor, der tatsächlich ernsthaft über seine dahin geworfenen Worte nach dachte und sich bewusst wurde, dass es tatsächlich einige, minimale Parallelen zwischen diesen beiden Personen gab.
„Hey, Potter—", begann der Blonde etwas irritiert. „So war das nicht gemeint..." Doch der Gryffindor schüttelte lediglich den Kopf, nahm einige Schritte zurück, bevor er sich umdrehte und in die entgegengesetzte Richtung stürmte.
„Tut mir Leid, ich brauch etwas Abstand!", hörte er nur noch den davon flüchtenden Jungen rufen und Draco hob abwertend eine Augenbraue.
„Abstand, sagt er", murmelte er, als er sich selbst wieder in Bewegung setzte und das Badezimmer der Vertrauensschüler anstrebte. „Ich höre doch trotzdem alles... Idiot..."
oOoOoOo
Sie hatten beide rote Haare.
Sie waren beide Klassenbeste gewesen.
Aber das war alles oberflächlich.
Er hatte nie wirklich darüber nach gedacht, aber es gab tatsächlich einige Parallelen zwischen Ginny und dem, was er von seiner Mutter durch Hörensagen in Erfahrung hatte bringen können.
:Potter, hör auf daran zu denken!:, unterbrach ihn der blonde Slytherin, doch Harry schüttelte den Kopf. :Mir wird schlecht!:
Was glaubst du, wie es mir geht? Ich muss damit leben!
:Ich auch, falls du es vergessen hast!:
Das ist nicht das Gleiche!
:Hör auf mich immer zu zitieren!:
Das mach ich nicht mit Absicht! Oh Gott!, stieß der Gryffindor angewidert aus, als er plötzlich realisierte, dass er in die gleiche Richtung wie Ginny gelaufen war und das lange rötliche Haar bemerkte.
:Ödipus, hör auf mit dem Scheiß!:, knurrte Draco entrüstet.
Hör du auf so zu sprechen!
:Wenn ich könnte, würde ich es tun!:
Ach, halt die Klappe, Draco!
Ohne ein Wort zu sagen, beschleunigte Harry seine Schritte und stürmte an dem Mädchen vorbei. Sie war vermutlich genauso wie er jetzt auf dem Weg zum Gryffindorgemeinschaftsraum und bevor er den gesamten Weg in einem bemühten Abstand hinter ihr gehen würde, entschloss er sich lieber die Flucht nach vorn anzutreten.
Sie würde ihn nicht aufhalten, dafür war sie vermutlich zu wütend. Zumindest hoffte Harry das, als er mit ihr auf gleicher Höhe war, aus dem Augenwinkel bemerkte, dass sie einen kurzzeitig überraschten Blick auf ihn warf, bevor sich ihr Gesicht zu einer harten Maske versteinerte.
Der Gryffindor sagte nichts, doch er wäre am liebsten los gelaufen... oder eher, davon gelaufen?
„Malfoys Mantel", hörte er plötzlich von dem Mädchen. Anfänglich konnte er mit den Worten nichts anfangen, bis er bemerkte, dass noch immer ein durch Nässe erschwertes Gewicht auf seinen Armen lagerte.
„Es ist deine Schuld, weißt du?"
Harry hielt inne, hörte, wie das Mädchen hinter ihm immer näher kam.
„Deine Zeichen - sie waren zu ambivalent."
Er wollte sich nicht zu ihr umdrehen, doch er spürte plötzlich eine Berührung an seinem Ärmel, ein abruptes Zupfen, eine stille, aber zugleich laute Aufforderung.
„Schickst du mich weg? Ignorierst du mich wieder? Du kannst mir nicht einmal mehr in die Augen sehen. Warum tust du, als wärst du das Opfer und ich der Täter?"
„Ginny—"
„Wenn ich dich jetzt festhalte, wenn ich dich jetzt nicht entwischen lasse, wendest du dann wieder Magie an?"
Harrys Augen weiteten sich überrascht und er wandte sich um, sah direkt in das Gesicht des Mädchens.
„Wie—?"
„Es war nur eine Vermutung. Ich wusste, dass ich dich aufsuchen wollte, danach setzt meine Erinnerung aus." Der Griff um seinen Ärmel verstärkte sich und er konnte deutlich die unterdrückte Wut des Mädchens spüren, konnte deutlich in ihren Augen den Kummersehen. „Was ist passiert, dass du soweit gehen würdest? Was habe ich getan, nein, was hast du getan, dass du zu solch einem Mittel greifen würdest."
„Ich...", begann der Gryffindor stotternd, versuchte sich ihrem Blick und seinem schlechten Gewissen zu entziehen, doch sie hielt ihn fest. „Ich war nicht... ich selbst."
„Du bist seit Wochen nicht du selbst", giftete das Mädchen, ließ seinen Arm los und stieß ihn stattdessen von sich. Ihre gesamte Haltung änderte sich plötzlich und Harry konnte kaum glauben, wie der letzte Funken Trauer plötzlich verschwunden sein konnte, sodass nur noch die Wut übrig geblieben war.
„Ich... Ich komm mir so dumm vor", rief die Rothaarige, während Harry wie versteinert war. „Du machst mir Hoffnungen und zertrümmerst sie im nächsten Moment. Das ist grausam. Das ist grausam, Harry!"
Harry konnte keine klaren Gedanken fassen. Er war nahezu überwältig von ihrer Intensität.
„Sag mir nicht, dass du nichts von mir willst, weil ich mit Dean zusammen war. Du bist nicht so nett! Du kümmerst dich nicht so um andere! Also, was ist der Grund? Gibt es eine andere? Jemand, der dir wichtiger ist? So wichtig, dass du mich fallen lässt, ohne an meine Gefühle zu denken?"
Er antwortete nicht.
Es gab auf diese Frage keine Antwort.
„Ich bin kein Wesen ohne Emotionen! Wenn man mich so behandelt, wie du es getan hast... hast du überhaupt eine Ahnung, wie man sich fühlt? Glaubst du, ich kann danach so tun, als wäre nie etwas passiert? Wie kannst du das auch nur ansatzweise von mir erwarten?"
„Ich..."
„Ich habe schon verstanden", wurde er unterbrochen, „dass du dich nicht für mich interessierst, ich konnte dich wirklich vergessen. Aber als du in diesem Jahr... wie du reagiert hast... sag mir, dass ich das nicht falsch verstanden habe. Sag mir wenigstens, dass ich in diesem Moment richtig gelegen hatte. Dass du mich, wenn auch nur in diesem Moment, wirklich... wirklich..."
Er wusste nicht, ob es ihre stillen Tränen waren, oder ihre Worte, ihre Wut, die sie vielleicht zu Recht auf ihm ablud, aber plötzlich schien irgendetwas in ihm umzuspringen, als würde er sich selbst von innen beobachten und zuhören.
„Hör auf mich unter Druck zusetzen", murmelte er und das Mädchen sah ihn aus geweiteten Augen an. Seine Stimme wurde etwas weicher und ein ruhiges Lächeln legte sich auf seine Lippen, doch er wusste ganz genau, dass dieser Ausdruck nichts mit seinen momentanen Gefühlen zu tun hatte. Das war nicht er, der dort redete und handelte. „Ginny, verstehe bitte. Ich will nicht vor dir davon laufen, aber ich möchte dir ehrlich antworten und dafür brauche ich Zeit. Bitte gib mir noch etwas Zeit. Lass mich dir ehrlich antworten, wenn wir darüber reden. Warte bitte solange, bis ich meine Antworten selbst gefunden habe."
Das Mädchen reagierte nicht auf seine Worte, doch obwohl sie noch wütend sein müsste, obwohl sie noch immer den Schmerz offensichtlich mit sich herum trug, so senkte sie lediglich resignierend den Kopf, holte einmal Luft, bevor sie erneu aufsah, bemüht ruhig.
„Aber ich kann dir nicht versprechen, dass du die Antworten bekommst, die du hören möchtest."
„Malfoy muss auf dich abfärben...", murmelte sie leise.
„Vermutlich", entgegnete er, warf einen flüchtigen Blick auf den Mantel in seinem Arm, den er in diesem Moment als seinen Besitz bezeichnete, obwohl er im Unterbewusstsein wusste, dass er einer anderen Person gehörte. „Mehr als du denkst."
Ginny hob fragend eine Augenbraue, schüttelte jedoch nur den Kopf, wandte ihr Gesicht ab, während sie scheinbar versuchte, ein nervöses Wippen zu unterdrücken.
Sie wartete auf etwas.
Und Harry konnte sich denken, was es war.
„Es...", begann er leise und das Mädchen wandte ihren Kopf um, sah ihm abwartend in die Augen. „Es tut mir Leid, dass ich deine Erinnerung gelöscht habe."
Sie atmete ruhig aus, presste die Bücher auf ihrem Arm fester gegen ihren Körper. „Und mir tut es Leid, dass ich dich so unter Druck gesetzt habe." Sie sah mit einem ernsten Blick auf, setzte dazu an, ihren Weg fortzusetzen. „Und den Rest", fuhr sie fort, während sich Harry ebenfalls wieder in Bewegung setzte, „besprechen wir dann ‚später', hm?"
Harry antwortete nicht.
Er war froh, dass zwischen ihnen nicht mehr diese angespannte Atmosphäre herrschte. Auch wenn das für ihn bedeutete, dass eine Beziehung mit Ginny für ihn nichts Ernstes gewesen wäre, dass diese kurzzeitige Anziehung nicht einmal Liebe gewesen war.
Er war verblüfft über sich selbst, dass er tagelang keinen einzigen Gedanken an Ginny verschwendet hatte, dass es ihn nicht einmal ansatzweise gestört hatte, sie nicht zu sehen oder von ihren kalten, ablehnenden Blicken taxiert zu werden. Natürlich hatte er sich unbehaglich gefühlt, aber das auch nur, weil er nicht wusste, wie ihr Verhalten auf Außenstehende wirkte.
Wie es aussah war sein Problem wirklich nur, von anderen gemieden oder nicht gemocht zu werden; dass er noch immer versuchte, es allen recht zu machen, während er halbherzig andere Ziele verfolgte, die er jedoch nie erreichte und sie so schnell wieder aufgab, wie sie gekommen waren.
Und es war überraschend, wie schnell sich das durch Malfoys Einfluss geändert hatte.
Harry wusste, dass er unter Ginnys Monolog kein Wort herausgebracht hätte, sondern sich einfach nur feige verdrückt hätte. Er wusste, dass das, was seinen Mund verlassen hatte, von Malfoy ausgesprochen worden war. Doch wenigstens, so dachte er, während er das Mädchen aus dem Augenwinkel beobachtete, wenigstens war die Entschuldigung von ihm gekommen, dessen war er sich sicher. Denn wenn es etwas gab, was Draco nie machen würde, so wäre es sich bei jemand anderem zu entschuldigen.
Wenigstens das war etwas, was Harry dem blonden Slytherin beibringen konnte – wenn auch nicht mehr, denn Malfoy war ihm, so unwahrscheinlich das klang, sogar in sozialen Kompetenzen Meilen voraus.
Nicht unbedingt tröstend, wenn man sah, wie ungeschickt und nahezu tollpatschig selbst Draco sich anderen gegenüber verhielt. Vermutlich waren sie beide soziale Krüppel, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau.
Über Harrys Lippen lief ein kurzes Lächeln, als er den noch immer feuchten Mantel betrachtete, dann mit einer Hand darüber fuhr, während er leise eine Zauberformel vor sich hin murmelte, die eine trockene Spur nach seiner Hand hinterließ.
Draco benutzte immer Drama, wenn ihm etwas peinlich war. Der Blonde hätte eigentlich wissen müssen, dass Harry dies bereits wusste, weshalb jegliche Beschwerden über wasserdurchlässige Mäntel offensichtlich nicht mehr den Schein wahrten.
Kurz vor dem Gemeinschaftsraum hielt er an, war kurz davor, der Dicken Dame das Passwort der Slytherin zu zurufen, wenn Ginny nicht schneller gewesen wäre. Es wurde mittlerweile immer schwerer, das Wissen des anderen von seinem eigenen zu trennen und wenn sie nicht bald etwas dagegen tun würden, würde das nur in einem Chaos enden.
Im Gemeinschaftsraum angekommen sah er sich einmal kurz um, registrierte aus dem Augenwinkel Ginny, die sich zu ihm umdrehte.
„Übrigens, Harry", begann sie ruhig und er hob fragend eine Augenbraue. „Ich wäre der bessere Sucher gewesen." Mit diesen Worten wandte sie sich ab, setzte sich auf eine Couch vor dem Kamin und legte die Bücher an ihrer Seite ab.
Harry grinste nur leicht, steuerte dann direkt die Treppen zu den Jungenzimmern an. Er wollte allein sein, sich einige Gedanken über Ginny und den Zauberspruch machen, wollte endlich mal nützlicher sein, als er es bisher gewesen war.
„Wo willst du hin?", hielt ihn jedoch eine Stimme auf und er drehte sich überrascht um, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürte. „Mister Potter wird gefälligst hier bleiben, denn wir haben Großartiges mit ihm vor!"
„Seamus?"
„Repräsentativ für den Rest der Meute", entgegnete der rotblonde Junge mit einem breiten Grinsen, während er mit dem Daumen hinter sich deutete. „Uns fehlt noch ein Spieler, also musst du ran."
„Ich wollte—
„Egal."
„Ich bin nass. Und mir ist kalt", versuchte Harry erfolglos weiter zu argumentieren, doch Seamus musterte ihn nur mit einem abschätzenden Lächeln, bevor er seinen Zauberstab zückte.
„Das haben wir gleich", entgegnete er unbeirrt, murmelte eine kurze Zauberformel.
Wenn Harry irgendetwas an der Zauberwelt störte, so war es die Tatsache, dass es wirklich für alles eine Zauberformel gab, dachte er verstimmt.
:Außer vielleicht für einen nichtexistenten Zauberspruch:, fügte Draco mental an, während Harry nur resigniert die Schultern hängen ließ und Seamus' Drängen nachgab, dabei die Frage nach dem Slytherinmantel auf seinem Arm resolut ignorierte.
Seamus führte ihn zielstrebig auf einen Tisch zu, an dem bereits Ron, Dean und Neville saßen, jeder mit einem Stapel Karten vor sich. „Und hier haben wir unseren fünften Mann", rief der Ire aus, drückte den Dunkelhaarigen auf einen Stuhl und zog einen Stapel Karten vor ihn, bevor er sich selbst setzte und den letzten Stapel aus der Mitte vor sich legte.
„Die Regeln sind bekannt, nehme ich an?", öffnete Dean das Spiel, doch Harry rutschte lediglich verunsichert auf seinem Stuhl hin und her, bevor er Ron einen hilflosen Blick zu warf.
„Nicht wirklich", meinte der Rothaarige daraufhin, „Erzähl noch mal, Dean, wie geht ‚Wizard' doch gleich?"
oOoOoOo
„Ich wusste, dass du hier sein würdest", wurde Draco begrüßt, als er mit nassen Haaren das Badezimmer nach einem wohlverdienten heißen Bad verlassen wollte. Eine Hand an der runtergedrückten Klinke hielt er überrascht inne und warf Malcolm, der gegenüber der Tür im Gang an der Steinwand lehnte, einen irritierten Blick zu.
„Ich hab dich draußen mit Potter fliegen sehen. Ich habe mir gedacht, dass du hierher kommen würdest", schien der andere auf seinen Blick hin zu antworten, doch Draco war nicht irritiert davon, dass der Jüngere wusste wo er war, sondern eher, dass er überhaupt etwas von ihm wollte.
Ruhig schloss er die Tür hinter sich und trat in den Gang, strebte den Slytheringemeinschaftsraum an, während Malcolm ihm folgte. „Und du hast hier auf mich gewartet, weil?"
„Als ich in mein Zimmer kam, saß Zabini auf meinem Bett und leerte unsere letzte Flasche Feuerwhiskey", erklärte der Brünette mit einem zynischen Lächeln auf den Lippen, während Draco hörbar genervt ausatmete, sich dann zu dem Jüngeren umdrehte.
„Als er die Flasche ausgetrunken hatte und sich auf meinem Bett breit machte und ich schon dachte, dass er demnächst an einer Alkoholvergiftung sterben würde, sprang er plötzlich auf, rief ‚Das ist es' und fiel wieder bewusstlos auf mein Bett zurück. Er wird vermutlich den Rest des Tages und hoffentlich auch die Nacht durchschlafen."
Draco musterte ihn kurzzeitig aus kühlen Augen, bevor er antwortete. „Wieso habt ihr Drittklässler Feuerwhiskey?"
Malcolm grinste tückisch, bevor er die Arme vor der Brust verschränkt. „Nachdem alle auf der letzten Party sturzbetrunken waren, habe ich Graham und Tamy dazu gebracht, sämtliche verschlossene Flaschen einzusammeln. Wir verkaufen sie seitdem an die Siebtklässler und Zabini hat es heraus gefunden, aber nichts dagegen gesagt... Stattdessen verbraucht er lieber unsere sämtlichen Vorräte", fügte der Brünette mit einem bitteren Unterton an, rollte genervt mit den Augen. „Aber wir wissen beide, dass es nicht darum geht", wechselte der Jüngere zurück zum ursprünglichen Thema, während seine Augen plötzlich verfinsterten.
„Wieso säuft sich mein selbsternannter ‚Meister' ins Koma?"
„Ich denke mal, dass dich das nichts angeht", entgegnete Draco gleichgültig und wandte sich wieder um, um seinen Weg zu einem Ziel, das er mittlerweile aus den Augen verloren hatte, fortzusetzen.
„Dann formuliere ich die Frage um." Doch Malcolm sprach nicht weiter und Draco hob fragend eine Augenbraue. Er herrschte Stille und ihre Schritte, die im Gang hohl wieder hallten, waren das einzige Geräusch das diese durchbrach. Plötzlich hörte Draco, wie die Schritte hinter ihm immer schneller wurden, ihn einholten, er eine Hand auf seinem Arm spürte, die ihn dazu zwangen, anzuhalten und ihrem Besitzer ins Gesicht zu sehen. „Weshalb bist du jetzt nicht bei ihm?"
Dracos Augen weiteten sich überrascht, ob der Schärfe, mit der der Jüngere sprach, doch er fing sich schnell wieder. „Glaubst du wirklich, dass ich jemand bin, der sich um Andere kümmert?"
„Ja", erwiderte Malcolm mit einem festen Blick. „Wenn diese ‚Anderen' deine Freunde sind."
Über die Lippen des Älteren lief ein amüsiertes Grinsen, bevor er provozierend eine Augenbraue hob. „Ich weiß nicht, ob ich dich wegen deiner Naivität bemitleiden oder bewundern soll, aber da ich von jeher niemanden bewundere, wähle ich die erste Option."
Ein verächtliches Schnauben war Malcolms einzige Reaktion. „Hast du dich nie gefragt, warum ein Muggle-Normalo wie ich einen Muggle verachtenden Snob wie dich bewundert? Glaubst du, dass es diese Einstellung von dir ist?"
„Ich glaube, dass du deine eigenen absurden Gründe hast – und dass vermutlich leicht masochistische Tendenzen irgendeine Rolle dabei spielen."
Der Jüngere lachte einmal laut auf, bevor er einige Schritte vor lief, sich umdrehte und rückwärts den Gang entlang ging, damit er Draco direkt in die Augen sehen konnte. „Ehrlich gesagt, als ich dich das erste Mal gesehen habe, habe ich mir fest vorgenommen, dich aufs Äußerste zu meiden. Man sah dir sofort an, dass du ein ausgesprochener Bastard sein kannst. Allerdings, deinen Freunden gegenüber bist du so loyal, dass es schon wieder an Altruismus grenzt."
„Da wirft jemand mit großen Worten um sich."
„Und dass du jetzt nicht bei Zabini bist, bedeutet einfach, dass du der Grund bist, weshalb er sich ins Koma säuft, was wiederum die Frage auf wirft, was du, der im Hintergrund so sehr versucht, alles im Gleichgewicht zu behalten, getan haben könntest, dass jemand wie Zabini, der über alles großmütig hinweg sieht, derart reagiert."
„Du bist etwas zu neugierig, Baddock."
Draco wusste nicht einmal, worauf der Brünette hinaus wollte, ob er sich wirklich nur ohne Grund in etwas einmischen wollte, das ihn überhaupt nichts anging, oder ob doch einige unlautere Motive dahinter steckten. Er mustere bedächtig das Gesicht des anderen.
Er hatte keine Lust auf mentale Spielchen. Der Drittklässler sollte sagen, was er wollte, bevor Dracos Geduldsfaden riss.
„Sag, was du willst", forderte er den brünetten Slytherin letztendlich auf und Malcolm schien nur darauf gewartet zu haben.
„Zabini ist betrunken ziemlich gesprächig. Du brauchst also auf keine meiner Fragen antworten, ich weiß Bescheid." Draco hob fragend eine Augenbraue, verschränkte dann die Arme vor der Brust. „Ich wollte lediglich austesten, wie wichtig dir meine Verschwiegenheit wäre", beantwortete der Brünette die unausgesprochene Frage, setzte ein schelmisches Lächeln auf seine Lippen. „Und wie hoch ich den Preis ansetzen kann."
Der Blonde wusste sofort, worauf der Jüngere hinaus wollte, doch ein Malfoy ließ sich nicht erpressen. Ohne Vorwarnung streckte er seine Hand aus, wollte diese dem Anderen auf die Stirn legen, doch der Brünette ging schleunigst einige Schritte zurück.
„Das brauchst du nicht versuchen. Ich habe für den Fall, dass du mein Gedächtnis löschen möchtest, gewisse Vorkehrungen getroffen."
„Ich sage es nur einmal", begann Draco ungerührt, „Ein Malfoy lässt sich nicht erpressen."
„Oh, ich wollte dich nicht erpressen", erwiderte der Drittklässler mit einem unschuldigen Lächeln, „Ich wollte lediglich eine Kollaboration mit dir eingehen. Und im Gegenzug blieben meine Lippen versiegelt."
„Eine Kollaboration", wiederholte Draco, hob dann unmerklich das Kinn.
„Ich will Zaubertränke in Hogwarts verkaufen, allerdings fehlen mir sowohl die Materialien als auch das Wissen, um komplexere Tränke herzustellen. Aber mit dir könnte ich vermutlich sogar Extrawünsche erfüllen."
Der Blonde schürzte die Lippen. So gesehen sah er das Potential in dem Plan, sogar den Gewinn, den sie daraus schlagen könnten. Dennoch, dieses Angebot unter solchen Umständen unterbreitet zu bekommen war alles andere als nach seinem Geschmack.
„Du würdest 10% des Gewinns bekommen."
„Lächerlich."
„15?"
„Dafür würde ich nicht einmal den kleinen Finger rühren", erwiderte er ruhig und drehte sich auf dem Absatz um.
„Und was ist mit deinem Geheimnis? Ich werde es jedem erzählen."
„Ich wüsste nicht, welchen Vorteil du daraus schlagen könntest."
„Gar keinen, aber ich dachte mir—"
„Sei still", schleuderte er die Worte dem Jüngeren kalt entgegen, drehte sich halb zu ihm um. „Die einzige Person, die nichts davon wissen sollte, weiß es bereits. Mir ist egal, wer es sonst noch erfährt."
Er konnte förmlich sehen, wie es hinter den braunen Augen arbeitete bis sich plötzlich das Gesicht des Brünetten rötete und er entsetzt seinen Mund öffnete, wieder schloss, erneut öffnete.
„Oh mein Gott!", raunte der Drittklässler plötzlich fassungslos. „Ich dachte, das wäre nur ein Gerücht! Ich meine, offensichtlich ist es nur ein Gerücht, also, der größte Teil, aber ich hätte gedacht, ich meine, ich dachte immer, dass es Zabini—"
„Wovon—", begann Draco irritiert, unterbrach sich selbst. „Du hast von dem anderen gesprochen?"
„Du hast noch mehr?", rief der Jüngere indigniert.
Es dauerte eine Augenblick bis Draco bewusst wurde, welchen Fehler er begangen hatte, bevor sich binnen einer Sekunde ein amüsiertest Lächeln auf Dracos Lippen setzte. „Heh", begann er bitter vergnügt und wandte sich wieder ab. „Du hattest keine Ahnung. Du hast geblufft."
Der Jüngere kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Na ja, nur dass Zabini irgendetwas erzählt hat. Der hält selbst im betrunkensten Zustand dicht, egal wie sehr ich versucht habe ihn auszuquetschen", erklärte er ohne einen Funken Reue. „Aber hey, Malfoy! Kannst du nicht trotzdem darüber nachdenken?"
Draco reagierte nicht, setzte nur seinen Weg fort. Er konnte verstehen, was Blaise in dem Jüngeren gesehen hatte. Wenn sie Hogwarts verließen, würde er vermutlich die alte Schule ziemlich aufmischen. Aber bis es soweit war, hatte Malcolm noch einiges zu lernen.
Allerdings wollte er sich zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich Gedanken über die Zukunft eines Anderen machen.
Er wollte seine Ruhe, doch nicht einmal das Labor schien ansprechend, erinnerte es ihn nur an seine gescheiterten Versuche, Felix Felicis herzustellen. In seinem Zimmer würde er keine Ruhe haben und der Gemeinschaftsraum stand außer Frage.
Also irrte er rastlos durch die Gänge, wusste nicht, wo er hin gehen sollte, ob er überhaupt Gesellschaft wollte oder nicht – und wenn doch, von wem.
Er wusste, dass er mehr Zeit mit Pansy und besonders mit Gregory und Vincent, die er in den letzten Tagen so gut wie gar nicht gesehen hatte, verbringen müsste, dennoch konnte er sich nicht dazu überwinden. Er konnte momentan nicht in seinem eigenen Körper allein sein, also wollte er wenigstens auf eine andere Art versuchen, Ruhe zu finden.
Als er sich langsam dem Slytherinterritorium näherte, hielt er an einer Nische, warf einen abwesenden Blick durch das mit bunten Glasscheiben durchsetzte Fenster. Musterte den anhaltenden Regenschauer, während er in weiter Ferne ein dumpfes Grollen vernehmen konnte. Gerade als er seinen Weg fortsetzen wollte, bemerkte er aus dem Augenwinkel eine dunkel gekleidete Person, die die Richtung der Peitschende Weide einschlug.
Eigentlich hätte er sich nicht weiter dafür interessiert, doch etwas an dieser Person kam ihm bekannt vor, und so kniete er sich auf das gepolsterte Fensterbrett, rückte näher an das Fenster heran.
Es war Blaise.
Draco war sich sicher, auch wenn er das Gesicht nicht sehen, auch wenn er die Figur unter diesem weiten Mantel nicht einmal erahnen konnte.
Mit einer abrupten Kopfbewegung riss er sich von der Silhouette los, lehnte stattdessen seine Stirn gegen die kühle Scheibe und schloss konzentriert seine Augen.
Er wollte Blaise nur noch aus seinen Gedanken verdrängen und das so schnell wie möglich.
Einfach ausradieren.
oOoOoOo
Harry saß mit Bauchschmerzen am Gryffindortisch in der Großen Halle. Doch es hatte nichts mit einem gewissen Slytherin zu tun, sondern mit der Tatsache, dass er, seit er zum Abendessen erschienen war, pausenlos Essen in sich hinein stopfte.
Sein Magen beschwerte sich und sagte ihm bereits, dass er satt war, doch sein Kopf verlangte aus irgendeinem Grund nach mehr und so fuhr er seine geifernde Hand unter den skeptischen Blicken seiner Freunde aus, um ein weiteres Brötchen auf seinen Teller zu ziehen.
„Wie haben die Jungs dich überredet bekommen, dieses Spiel mitzuspielen?", fragte Hermine, während sie versuchte, betont desinteressiert die Völlerei ihres Freundes zu ignorieren.
„Seamus hat mich einfach an den Tisch gezogen", antwortete er, dankbar dafür, dass das Mädchen seine Fressattacke, wie man es nur noch beschreiben konnte, dezent umging. „Als ich allerdings bemerkte, worum es wirklich ging, flüchtete ich auf mein Zimmer."
Über die Lippen der brünetten Gryffindor zog sich ein amüsiertes Lächeln und sie warf einen flüchtigen Blick auf Ron, der ohne ein Anzeichen von schlechtem Gewissen fröhlich Essen in sich hinein schaufelte, dabei ebenfalls das Augenmerk demonstrativ von Harrys Teller weg gerichtet hatte. „Verständlich, aber für diese Art Spiel braucht man immer einen Dummen, der es nicht kennt", entgegnete sie schließlich, während Harry ihr einen bösen Blick zuwarf.
„Du hättest es mir ja sagen können, als du mich am Tisch gesehen hast."
„Ich war mit meinem Aufsatz beschäftigt."
„Du bist mindestens zwei Mal an mir vorbei gelaufen!"
„Ich ging davon aus, dass du das Spiel kanntest."
„Woher denn? Die Jungs haben sich das erst vor einer Woche ausgedacht!"
„Und seitdem ständig im Gesellschaftsraum gespielt."
„Ob ich wohl mit etwas Anderem beschäftigt war?"
„So wie ich auch", entgegnete das brünette Mädchen schroff, sah mit einem anklagenden Blick auf. „Genauso wie Ron und jeder andere auch, der sich Sorgen um dich gemacht hat – oder noch macht."
Harry zuckte überrascht zusammen, runzelte genervt die Stirn.
„Und jetzt komm mir nicht mit deinem Malfoy-Modus! Wenn du etwas zu sagen hast, dann mach du das."
„Ich hatte nicht vor in den ‚Malfoy Modus' zu wechseln", brummte Harry, setzte Hermines neu geschaffene Wortkreation mittels Zeige- und Mittelfinger in Gänsefüßchen.
„Vermutlich nicht bewusst, aber da wo Harry nicht weiter weiß, setzt jetzt Malfoy ein. Er benutzt bezaubernde Worte, um sich aus dem Schlamassel zu ziehen, und vergisst dann, was er gesagt hat, ohne auch nur einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden."
„Entschuldigung?", rutschte es dem Dunkelhaarigen heraus, doch dann hielt er inne, und er brauchte nicht lange überlegen, um heraus zufinden, worauf das Mädchen wirklich hinaus wollte.
„Ginny hat also mit dir geredet."
Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Ron zusammen zuckte und versuchte, nicht so auszusehen, als würde ihn das Gespräch seiner beiden Freunde unheimlich interessieren.
„Denkst du wirklich darüber nach, oder lässt du das Thema einfach unter den Tisch fallen?"
„Ich denke darüber nach! Das heißt, ich habe darüber nachgedacht."
„Und du bist zu einem Entschluss gekommen?"
Harry antwortete nicht, seufzte leise. Dann: „Hermine—"
„Das geht mich nichts an?"
„Ganz genau. Dieses Mal geht es dich wirklich nichts an."
Hermine sah überrascht auf, presste dann ihre Lippen aufeinander, bevor sie ihren Blick abwandte.
„Außerdem hast du Unrecht. Draco versucht sich nicht mit bezaubernden Worten aus dem Schlamassel zu ziehen, wie du so nett ausgedrückt hast. Harry ist das. Draco gab ihm nur das Vokabular." Mit diesen Worten stand der Dunkelhaarige auf, doch Hermine reagierte nicht auf seine Aussage, hatte lediglich stur ihren Blick auf ihren Teller gerichtet. Für einen kurzen Moment zögerte der Gryffindor, doch dann wandte er sich ab, während er im Vorbeigehen nach irgendetwas Essbarem griff.
„Du kannst keinen Hunger mehr haben", murmelte Ron leise, vermutlich, um die Situation zwischen seinen beiden Freunden zu entschärfen, doch Harry zuckte nur mit den Schultern, betrachte die Orange in seiner Hand. „Selbst ich hätte keinen Hunger mehr!"
„Ich habe Bauchschmerzen und ich glaube, mein Magen rebelliert gleich, aber mein Kopf sagt, dass ich Hunger habe", ging er ruhig auf das Ablenkungsmanöver ein, lächelte seinem Freund freundlich zu, bevor er einen flüchtigen Blick auf die Brünette warf, sich dann in Bewegung setzte.
„Bist du sicher, dass das dein Kopf ist, der das sagt?", rief Hermine ihm plötzlich nach, und er drehte sich überrascht um, sah in ihr hartes Gesicht, hielt dennoch problemlos ihrem festen Blick stand. „Denn ich kann ‚Draco' hier nirgendwo entdecken."
Harry verstärkte auf diese Worte seinen Griff um die Orange, ignorierte, wie sie den Vornamen des Blonden nahezu aus spuckte, und sah sich stattdessen ebenfalls suchend um, als ihm einfiel, dass Malfoy sowohl Frühstück als auch Mittagessen verweigert hatte.
Demnach müsste der Blonde tatsächlich Hunger haben.
Vor allem, nachdem sie im Regen geflogen waren.
Ohne zu zögern drehte er sich um und versuchte, betont ruhig die Große Halle zu verlassen, bevor er, nachdem die Türen hinter ihm ins Schloss gefallen waren, los stürmte und versuchte, Malfoy ausfindig zu machen.
oOoOoOo
Draco hatte bereits gewusst, dass der Dunkelhaarige im Anmarsch war, sodass er, als er aufsah, nicht sonderlich überrascht war, den anderen schwer atmend vor sich zu sehen, während dieser ihm wortlos eine Orange hinhielt.
Für einen kurzen Moment zögerte er, bis er heraus fand, was der Gryffindor mit ihm anstellen würde, sollte er sich weigern, das Angebot anzunehmen und weiter zu hungern. Also hob er auf die Geste hin belustigt eine Augenbraue und streckte seine Hand aus.
„Hättest du sie nicht freiwillig genommen, hätte ich sie dir mit Gewalt rein gestopft."
„Ich weiß", meinte der Blonde schmunzelnd, nahm seine Beine von der Fensterbank, sodass der Gryffindor Platz zum Sitzen hatte. „Aber ein Apfel wäre mir lieber gewesen."
Potter ließ sich auf die nun freie Stelle fallen, lehnte sich mit der rechten Schulter gegen die Steinwand und wandte seinen Blick auf den Blonden, der skeptisch die Frucht musterte. Draco hatte nicht besonders großen Hunger, auch wenn der Gryffindor neben ihm anderer Meinung war, und erst recht hatte er keinen Hunger auf eine solch säurehaltige Frucht auf nüchternem Magen.
Allerdings würde Potter ihn umbringen, sollte er sich weigern.
„Iss!"
„Wenn du sie pellst", meinte Draco nonchalant und hielt dem anderen die Orange hin.
„Die Säure würde meine Nägel ruinieren", entgegnete der Dunkelhaarige trocken, warf lediglich einen abwertenden Blick auf den Slytherin.
Dracos Mundwinkel zuckten für einen kurzen Augenblick, doch er verkniff sich ein Grinsen und setzte dazu an, die Orange selbst zu pellen, während Potter ruhig neben ihm saß, einen Blick nach draußen in die langsam eintretende Dunkelheit warf.
Der Regen hielt noch immer an, auch wenn das erwartete Gewitter ausgeblieben war, zumindest soweit Draco das mitbekommen hatte, denn er war sich nicht sicher gewesen, wie er die Zeit bis Potter aufgetaucht war, überbrückt hatte. Allerdings konnte das auch daran gelegen haben, dass er ziemlich viel Zeit, wenn auch unbewusst, in Potters Gedanken herum gewandert war.
„Du willst also mit ihr reden?", begann er plötzlich und der Angesprochene streckte seine Beine aus, musterte den Blonden einen Moment von der Seite.
„Du weißt die Antwort."
„Ich weiß sie, ja, aber willst du sie mir nicht sagen?"
„Ich verstehe nicht, weshalb ich das sollte."
Draco zuckte lediglich mit den Schultern, sah sich suchend nach einer passende Stelle um, wo er die Schale der Orange entsorgen konnte. Potter zog währenddessen ein Tuch aus einer seiner Taschen und reichte es dem anderen, der es kommentarlos entgegen nahm und an seine Seite legte.
„Ich habe meinen Entschluss gefasst."
„Und der wäre?", hakte der Slytherin weiter nach.
„Ich weiß, dass meine Anziehung zu Ginny nichts mit meiner Mutter zu tun hat", begann der andere. „Aber das, was zwischen Blaise und dir abläuft, hat mir die Augen geöffnet."
„Freut mich, dass es dir selbst aufgefallen ist", meinte der Blonde, teilte die Orange in zwei Hälften, um ein Stück zu entfernen, „Ich wusste es von Anfang an."
„Das mit Ginny wäre nie etwas Ernstes geworden", klagte Potter, fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Wenn meine Gefühle für Ginny nur halb so stark gewesen wären wie deine für Blaise, hättest du es spüren müssen, doch während all dieser Probleme ist Ginny vollkommen untergegangen."
„Das hätte ich dir auch sagen können", meinte Draco, verzog dann angewidert das Gesicht. „Potter, die ist mit Kernen!"
Der Andere reagierte nicht einmal auf seine empörten Worte, während Draco, die Nase rümpfend, die beleidigende Orange musterte. Er hasste Orangestücke mit Kernen, genauso wie er nur kernlose Weintrauben aß.
Er hätte das Essen doch verweigern sollen.
„Auch wenn meine lauwarmen Gefühle wahr sind, so sind sie nicht das, was Ginny verdient. Ihre Gefühle für mich sind stärker als meine für sie – und ich hätte es weder mir selbst noch ihr antun wollen, eine solch unbalancierte Beziehung einzugehen."
„Ja...", antwortete der Blonde desinteressiert, während er sich eine Möglichkeit überlegte, wie er die Orange verschwinden lassen konnte, ohne, dass der Gryffindor irgendetwas davon mit bekam. „Ich bin ganz deiner Meinung", fügte er gedankenversunken an, während Potter ihm einen skeptischen Blick zuwarf.
„Ernsthaft", betonte Draco seine Worte, als er den Blick des Anderen registrierte.
„Iss deine Orange", war alles, was Potter antwortete, bevor er seinen Blick abwandte, sein Bein auf dem Sitz abstützte und den Arm darauf ablegte. Draco rollte lediglich mit den Augen, begann akribisch aus jedem Stück die Kerne heraus zupulen, bevor er es sich in den Mund steckte.
Ehrlich gesagt mochte Draco keine Orangen und Potter musste dies ebenfalls gewusst haben. Vermutlich hatte er mit Absicht nicht die Frucht ausgetauscht, bevor er sich auf die Suche nach ihm gemacht hatte – und der Blonde registrierte aus dem Augenwinkel ein diabolisches Lächeln, weshalb er den Gedanken gar nicht erst weiter verfolgte.
Potter hatte sehr viel von seinen Eigenschaften übernommen, mehr noch als Draco von ihm - zumindest kam das dem blonden Slytherin so vor, sogar das Persisch, von dem er selbst nichts gewusst hatte.
Er war überrascht gewesen, als er heraus fand, dass er die ersten beiden Lebensjahre in Teheran verbracht hatte, weil seine Lungenflügel damals unterentwickelt ausgeprägt waren. Nicht, dass das eine Erinnerung war, die sich ins Gedächtnis zurückzurufen wert war, aber das Erkenntnis, dass er als Zweijähriger bereits soviel aufgefasst hatte, dass er die Sprache verstehen konnte, bedrückte ihn etwas. Er war nur froh, dass keine anderen Erinnerungen aus diesem Altersstadium in Potters Gedächtnis aufgetaucht waren – zumindest nicht offenkundig.
„Sag mal, Potter", begann Draco, warf einen Blick auf den Anderen, doch dieser reagierte nicht und der Blonde runzelte irritiert die Stirn, beugte sich etwas vor, als er bemerkte, dass der Gryffindor tatsächlich eingeschlafen war. Seufzend lehnte er sich gegen das Fenster und musterte den schlafenden Jungen.
„Wie kannst du hier einschlafen?", murmelte er irritiert, nahm das Taschentuch und rollte die Schale und die Kerne darin ein, war gerade im Begriff aufzustehen, als sein Blick auf das schlafende Gesicht des Gryffindor fiel. Doch anstatt wie geplant aufzustehen und zu gehen, legte er die Abfälle neben seine Füße auf den Boden, bevor er sich wieder zurück fallen ließ und die Beine anzog.
„Hört sich an, als wollte es nie wieder aufhören", flüsterte er leise zu sich selbst, lauschte dem stetigen Prasseln des Regens gegen das Fenster.
Als er im Krankenzimmer gelegen hatte, hatte er das Geräusch als störend und unerträglich empfunden.
In diesem Moment war es angenehm.
Er bemerkte, wie seine Gedanken leichter wurden, konzentrierte sich auf Potters gleichmäßiges Atmen und spürte die Wärme, die von seinem Körper ausging, und selbst das empfand er als angenehm beruhigend.
Er holte einmal tief Luft, schloss langsam seine Augen.
Er hatte nicht bemerkt, wie müde er tatsächlich war...
Und in seinem Unterbewusstsein registrierte er eine Bewegung, hörte er ein Geräusch, aber seine Augenlider waren schwer und die Wärme, die ihn umhüllte, schien zu verlockend, um in die Realität zurück zukehren. Dennoch, das Geräusch wurde lauter, drang immer tiefer in sein Bewusstsein und langsam öffnete er seine Augen, blinzelte, als er die verschwommenen Konturen einer dunkel gekleideten Person wahrnahm, bis sich sein Blick klärte und er Professor Snape vor sich entdeckte, der ihn aus ernsten Augen musterte und das störende Geräusch sich als dessen Schritte entpuppte.
„Wie viele Tage habt ihr noch?", wollte der ältere Mann wissen und es dauerte eine Weile, bis Draco die Frage registriert hatte. Er sah sich um, entdeckte Potter neben sich, der mit dem Kopf gegen seine Schulter gelehnt schlief, bemerkte, dass es mittlerweile dunkle Nacht war und er fragte sich, wie spät es war und ob er tatsächlich eingeschlafen war...
„Tage?", hakte er nach und der Zaubertränkemeister stieß einen entnervten Seufzer aus, als Draco plötzlich realisierte, worauf er hinaus wollte. „Zwei", antwortete er letztendlich müde, spürte eine Bewegung an seiner Schulter; Potter, der lediglich seinem mildernden Unmut mit einem kurzen Schnauben Ausdruck verlieh, bevor er langsam wieder aus seinem halbwachen Zustand zurück in einen tiefen Schlaf fiel.
„Viel zu spät", entgegnete Snape, ging aber nicht auf Dracos fragenden Blick ein, sondern holte aus einer Tasche eine durchsichtige Flasche, die halb voll mit einer schwarzen Flüssigkeit gefüllt war, und ein Stück Pergamentrolle, das mit lateinischen Worten beschriftet war – vermutlich ein Zauberspruch – hervor.
„Dies hier", der Zaubertränkemeister schüttelte kurz den Flakon, bevor er ihn Draco überreichte, „ist der Gegenzauber zum Conjungi. Dies hier", Snape deutete auf das Stück Papier, „schafft eine Verbindung zwischen dem Zaubertrank und Potter, indem ihr es mit irgendetwas, das Potter repräsentiert, am besten ein Haar, im Trank auflöst."
„Wieso..." Draco hatte das Gefühl, noch halb zu schlafen, denn obwohl er die Worte hörte und auch verstand, konnte er das Gesagte nicht wirklich nachvollziehen. Sein Kopf schien von Potters Schlaf vollkommen vernebelt.
„Du musst nicht verstehen, was ich sage, Draco", murmelte Severus, schien etwas grimmig. „Löse das Haar und das Pergament vollständig im Trank auf, trink die Hälfte und gib den Rest Potter. Und das hier", Snape zog seinen Zauberstab, setzte ihn plötzlich an Dracos Hals und im Bruchteil einer Sekunde leuchtete die Spitze hell auf, bevor sie genauso schnell wieder erlosch. „Sollte den Silencium auf heben."
„Woran—", begann Draco seine Frage, doch die wurde bereits beantwortet, als er das Wort überlagert ein zweites Mal wie ein Echo hörte – seine Stimme, und die Reflexion durch den Zauberspruch – und für einen Moment glaubte er, ein Lächeln über Snapes Lippen laufen gesehen zu haben, doch er schüttelte den Kopf, legte seine Hand an seinen Hals, um den Zauber aufzuheben, den er vorher mit Blaise verwendet hatte.
„Woher... woher kennst du den Gegenzauber", fragte er, sah zögerlichen zu dem Professor auf, der einen kurzen, angewiderten Blick auf Potter warf, bevor er zu einer Antwort ansetzte. „Die Geschichte hat die unangenehme Angewohnheit, sich zu wiederholen", brummte der Mann, setzte sich mit wehenden Roben in Bewegung, während Draco ihm betreten nachsah.
„Übrigens. Ihr habt Nachsitzen für die nächsten zwei Monate. Außerdem will Professor Dumbledore euch so schnell wie möglich in seinem Büro sprechen."
Draco rollte genervt die Augen.
War ja klar, dass Snape sich das nicht nehmen ließ. All die liederlichen Aufgaben, die er selbst nicht erledigen wollte, würden ihnen jetzt aufgehalst werden. Allerdings verschwand der Gedanke schnell, als er die Kühle der Flasche an seinen Fingerspitzen spürte. Er hörte Potter neben sich leise grummeln, musterte ihn einen Moment, dann den Zaubertrank in seiner Hand.
Es war Zeit, die Verbindung zwischen ihnen aufzuheben.
„Potter", murmelte er leise.
‚Lass mich schlafen.'
Draco war nicht überrascht – er wollte es selbst, er war müde, und er war froh, dass er die Möglichkeit hatte zu schlafen. Wenn er könnte würde er die nächsten Wochen durch schlafen, doch er wusste, dass sie es nicht verschieben sollten, denn desto länger sie warteten, umso schwerwiegender wären die Folgen.
Sie hatten schon genug Zeit verschwendet.
‚Ich weiß.'
„Hiernach können wir getrennte Wege gehen", murmelte Draco und Harry rührte sich leicht, öffnete verschlafen seine Augen und richtete sich von der unbequemen Haltung auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen.
Draco konnte spüren, dass sich irgendetwas in ihm gegen diesen Zaubertrank sträubte, dass irgendetwas nicht wollte, dass sie die Verbindung zwischen ihnen aufhoben, doch er versuchte es zu ignorieren.
Dieses Gegenmittel war ihr Ziel gewesen.
Sie würden es trinken und alles hinter sich lassen, zumindest hoffte Draco das.
„Ich hab verstanden", murmelte Harry, zupfte sich ein Haar aus und streckte auffordernd die Hand aus. Draco reichte ihm das Pergament mit der Zauberformel und während Harry einen kurzen Blick über die lateinischen Worte warf, die sich Draco sogleich ins Gedächtnis brannten, griff er nach der Flasche, um sie zu öffnen.
Der Gryffindor hielt einen Moment inne, bevor er zögerlich das Papier zusammen rollte und es zusammen mit dem dunklen Haar vorsichtig durch den Flaschenhals steckte, bis die Flüssigkeit das Ende des Pergamentstücks erreichte und sich blitzschnell hochzog. Es verpuffte sofort in einer schwarzen Wolke und Potter hätte fast vor Schreck die Flasche fallen lassen.
Draco vermutete unbewusste Absicht, doch der Gedanke erntete ihm nur einen spöttischen Blick.
„Potter—", begann er, unterbrach sich jedoch selbst, als die schwarze Flüssigkeit einen Wirbel in seiner Mitte produzierte und der Zaubertrank sich lindgrün verfärbte.
Keine wirklich appetitliche Farbe, dachte der Blonde, als er die Flasche von dem Dunkelhaarigen nahm und das Glas langsam an seine Lippen führte, einen flüchtigen Blick auf Potter warf, bevor er die stinkende, abscheulich schmeckende Flüssigkeit herunter schluckte, dabei angewidert das Gesicht verzog.
Draco konnte sich nicht daran erinnern, jemals etwas so Abartiges getrunken zu haben, sogar die Familienrezepte von Blaise' Großmutter waren nicht einmal annähernd so schlimm gewesen. So schnell er konnte entfernte er das Glas von seinen Lippen, fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und hielt die Flasche Potter hin. Dieser machte allerdings keine Anstalten, den Zaubertrank zu nehmen.
„Hier. Trink!"
„Nie im Leben!", erwiderte der Dunkelhaarige, der vermutlich genau das Gleiche wie Draco geschmeckt hatte.
„So schlimm ist es nicht."
„Ich weiß, dass du lügst!"
„Los! Nimm den Trank!"
Das Gesicht angewidert verziehend und die Nase rümpfend, nahm Harry letztendlich das Fläschchen entgegen und stellte mit Freude fest, dass Draco etwas mehr als die Hälfte getrunken hatte. Er hatte nämlich die vage Vermutung, dass dieses widerliche Gesöff etwas sehr Schlimmes mit seinem Magen anstellen konnte.
„Potter, ich habe soeben ein aufgelöstes Haar von dir getrunken. Stell dich nicht so an!", knurrte der Blonde, konnte dennoch nicht das mulmige Gefühl unterdrücken, den Geschmack noch einmal erleben zu dürfen.
In diesem Moment setzte Potter die Flasche an und schluckte den Rest in einem Zug runter, warf dann den Flakon zur Seite, sodass dieser an der Steinwand in tausend Scherben zerbrach.
„Dass es so etwas Widerliches überhaupt gibt", raunte Potter und hustete einmal.
„Zu einem widerlichen Zauberspruch ein widerlicher Gegenzauber", murmelte Draco, warf dem anderen einen höhnischen Blick zu, doch sobald sich ihre Blicke trafen, wurde ihnen schlagartig bewusst, dass es vorbei sein würde.
Dass sie getrennte Wege gehen konnten.
Dass sie nie wieder ein Wort miteinander wechseln mussten.
Aber etwas an diesem Gedanken hinterließ einen bitteren Beigeschmack, den keiner der beiden wahr haben wollte.
Draco wandte als erster seinen Blick ab, konnte nur spärlich den Mond durch die dunklen Regenwolken erkennen und fragte sich, wann der Kanal sich vollständig schließen würde.
„Ich schlage vor, wir gehen schlafen und warten es ab", murmelte Harry plötzlich in die unangenehme Stille und der Blonde rollte die Augen.
Nach diesem Zaubertrank würde er wohl nie wieder schlafen können.
Harry lachte nur leise über den Gedanken, stand dann von der Fensterbank auf und rückte seine Robe zurecht, reichte dem anderen die Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen.
Draco runzelte lediglich die Stirn, deutete dann mit den Augen auf eine Stelle neben seinen Füßen. „Nimm lieber den Müll mit", befahl er trocken.
„Wir sehen uns morgen", schmunzelte Harry, bückte sich, um das Taschentuch mit den Orangenschalen aufzuheben, bevor er sich umdrehte und den Gang entlang ging, während Draco eine Hand hob. Die Scherben der Flasche erhoben sich in die Luft, setzten sich wieder zusammen, bis das Glas vollständig repariert auf dem Boden stand.
Schwerfällig stand er auf, nahm die Flasche in die Hand und machte sich auf den Weg zu Professor Snapes privaten Gemächern. Mit müden, langsamen Schritten manövrierte er sich durch Hogwarts, als blitzartig ein stechender Schmerz durch seinen Kopf fuhr, nur für wenige Millisekunden, die allerdings reichten, dass Übelkeit in ihm aufstieg und er gezwungen war, für einen kurzen Moment innezuhalten.
Er stützte sich kurzzeitig mit der Hand an einer Wand ab, wartete, bis das Stechen verschwunden war, bevor er seinen Weg fortsetzte, passierte das Gemälde von Violètte Bourboun, bemerkte schon fast orientierungslos, dass es nicht mehr weit war.
So fühlte es sich also an, wenn eine Existenz aus einem Gedächtnis gelöscht wird, dachte der Blonde.
Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, als er endlich an der einfachen, ungemaserten Holztür ankam. Er klopfte leicht an und es dauerte nicht lange, bis er ein gedämpftes „Komm rein" vernahm, woraufhin er die Tür öffnete und leise eintrat und obwohl er wusste, dass Snape wach war, schloss er die Tür nahezu geräuschlos hinter sich und lehnte sich dagegen.
Snape reagierte nicht auf sein Eintreten, blieb weiterhin über irgendwelche auf seinem Tisch liegenden Zettel gebeugt sitzen, eine fahle Kerze an seinem Tisch die einzige Lichtquelle in dem spartanisch eingerichteten Raum.
Draco wusste, was er seinem Mentor sagen wollte, doch er wusste nicht, ob es ihm über die Lippen kommen würde, denn wenn er ihm nur ein wenig vertraut hätte und nicht versucht hätte, alles allein hinzubekommen, wenn er nur—
„Stell die Flasche ab und leg dich hin", hörte er die ruhige tiefe Stimme, und er seufzte leise, stellte die Flasche auf dem Tisch ab, bevor er seine Robe über den Stuhl warf, und ihm einfiel, dass Potter noch immer seinen Mantel hatte. Irritiert von dem plötzlichen Gedankensprung schüttelte er den Kopf, ließ sich auf das schmale, einfache Bett fallen und wickelte die dünne Decke um seinen Körper.
Snape schien irgendetwas zu korrigieren, Hausarbeiten und Tests vielleicht, oder er verfasste irgendeine Abhandlung. Draco konnte es nicht wissen, doch er hörte das leise Kratzen der Feder auf dem Papier und irgendwie, obwohl er wusste, dass es nicht so war, schien dieses Geräusch erschreckend laut, aber nicht unbedingt störend.
Dracos Augen waren geschlossen, er versuchte zu schlafen, obwohl er wusste, dass er nicht schlafen würde – sein Kopf schmerzte, als würde sich etwas wie Säure in sein Gehirn ätzen. Es waren diesmal nicht seine Schlafstörungen, es war definitiv der Zaubertrank.
„Draco."
Der Angesprochene öffnete seine Augen, bemerkte, dass der ältere Mann an sein Bett getreten war, doch allein das fahle Kerzenlicht löste nur noch stärkere Kopfschmerzen in ihm aus, und so wollte er sich die Decke über den Kopf ziehen, aber Severus hinderte ihn mit einer Hand daran, löschte stattdessen die Kerze, sodass einzig und allein das fahle Mondlicht spärliche Strahlen in den kleinen, dunklen Raum warf und er nur schemenhaft erkennen konnte, dass der ältere Mann ihm etwas hin hielt. Etwas unkoordiniert griff er danach, fühlte die Kälte, die das Glasgefäß absonderte.
„Es ist das stärkste Schlafmittel, das ich bisher gebraut habe", meinte Severus mit einer kühlen Stimme, doch Draco wusste, dass er damit nur seiner Abneigung gegen Schlaftränke Ausdruck verlieh, „und wenn du nicht schon seit Jahren immun gegen meine Tränke wärst, würde ich dir diesen nicht einmal geben." Über Dracos Lippen lief ein amüsiertes Schmunzeln. „Aber heute Nacht wirst du es brauchen."
Draco richtete sich wortlos auf, nahm die Flasche entgegen und entfernte den Verschluss, schluckte in einem Zug die kalte Flüssigkeit in dem Gefäß hinunter.
Sie war bitter, doch alle Schlaftränke in Severus Sortiment waren das und nach dem Gegenzauber konnte ihn überhaupt nichts mehr schocken, dachte er, reichte seinem Mentor das Fläschchen und legte sich zurück ins Bett.
Draco kannte Severus seit dem Squib-Vorfall, und auch wenn sein Mentor stets streng mit ihm gewesen war, so wusste Draco, dass er in diesem älteren Mann eine Art zweite Vaterfigur gefunden hatte und ihm war egal, was die andere Schüler in Hogwarts von Snape hielten. Er hatte ihn die Jahre über nicht nur das Zaubern gelehrt, sondern sich auch um seine Insomnie gekümmert.
In den letzten Jahren hatte Snape die Dosis immer weiter erhöht, um Draco schlafen lassen zu können, doch irgendwann hatte er beschlossen, dass es zu viel war, dass Dracos Körper die Menge irgendwann nicht mehr vertragen könnte und so hatte er aufgehört ihm irgendwelche Tränke zu brauen. Draco hatte ihn im Glauben gelassen, dass alles in Ordnung wäre, dass er wieder schlafen konnte.
Er hätte wissen müssen, dass Severus ihm kein Wort, das seinen Mund diesbezüglich verlassen hatte, glauben würde.
Mit dem Glas in der Hand wandte sich der Zaubertränkemeister wieder ab, ging mit leisen Schritten auf seinen Schreibtisch zu und Draco konnte das Knarren des Holzes hören, als er sich auf seinen Stuhl setzte, während er leise Lumos flüsterte. Draco drehte sich auf die andere Seite, starrte gegen die Steinwand.
„Severus?"
Er erhielt keine Antwort, doch das flüchtige Innehalten der Feder reichte, um ihm zu versichern, dass der Andere zuhören würde.
„Wie war das mit Potters Vater und dir?"
Snape schwieg für einen kurzen Moment und Draco dachte bereits, dass er keine Antwort erhalten würde, als der Professor mit einer ruhigen, distanzierenden Stimme zu sprechen begann. „Potters Vater unterschied sich nur in einer Charaktereigenschaft von seinem Sohn", bemerkte der ältere Mann und Draco schloss seine Augen, lauschte der ruhigen, tiefen Stimme. „Er war unbarmherzig und nutzte jede Schwäche, die er finden konnte. Sogar seine eigene." Das Kratzen der Feder setzte erneut ein, für Draco ein Zeichen, dass das Gespräch beendet war, doch Severus fuhr gedämpft fort. „Damals war er der Grund, dass ich mich zu Lily Evans hingezogen fühlte, doch er nutzte seine Gefühle in mir zu seinem Vorteil."
Im Unterbewusstsein registrierte Draco, dass Lily Potters Mutter war; das Mädchen mit den glatten, langen roten Haaren, die Frau, die der Gryffindor im Spiegel Nehergeb gesehen hatte.
„Dennoch... unsere Verbindung", murmelte Snape, und etwas wie Schmerz schien in seiner Stimme mit zuschwingen, doch Draco konnte es durch seine langsam benebelten Gedanken nicht deutlich bezeichnen, „war damals so stark, dass ich selbst Jahre nach der Trennung fühlen konnte, wie James starb."
Wären Dracos Gedanken etwas klarer gewesen, er hätte auf diese Worte reagiert, hätte daraus auf seine eigene Zukunft mit Harry schließen können, doch stattdessen gab er nur einen kurzen bestätigenden Laut von sich, dass er zugehört hatte, dass er alles verstanden hatte; während Severus langsam, mit bedächtiger Stimme weiter sprach. Es klang mehr, als würde er nur laut nachdenken, als würde er zu sich selbst sprechen und nicht zu Draco.
Die leisen Worte sickerten langsam in sein Unterbewusstsein, wurden undeutlich und schienen immer weiter entfernt und es dauerte nicht lange, bis selbst die Kopfschmerzen langsam durch den Schleier über seinen Gedanken verebbten und Severus' Worte nur noch ein dumpfes Geräusch im Hintergrund waren, bis sie zu einem schwarzen Nichts verwischten und er in einen traumlosen Schlaf fiel.
oOoOoOo
Harry saß im Schneidersitz auf seinem Bett, beobachtete, wie der orangerote Horizont von Türkisblau vertrieben wurde und die dunklen Regenwolken langsam weiter zogen, nur spärlichen Nieselregen zurück ließen.
Nachdem er sich am Vorabend von Draco getrennt hatte, war er schnurstracks in sein Bett gegangen, hatte unterwegs nur einige Male anhalten müssen, wenn der stechende Schmerz in seinem Kopf nahezu unerträglich wurde. Dennoch war er, kaum dass er sich auf sein Bett hatte fallen lassen, in einen tiefen Schlaf gefallen.
Doch sein Schlaf konnte nicht lange angedauert haben, auch wenn er nicht wusste, wie lange er schon den Himmel beobachtet hatte, sodass das dunkle Blau dem Sonnenaufgang weichen musste, der Regen immer schwächer wurde.
Er hatte das Gefühl, orientierungslos zu sein, selbst sein eigenes Zimmer und die Geräusche, die seine Freunde in ihrem Schlaf von sich gaben, wirkten befremdlich - anders. Er hatte dumpfe Kopfschmerzen, aber dennoch das Gefühl, als wären seine Gedanken nie klarer gewesen. Es war ein Paradox, aber es war vermutlich die Gewissheit, dass all seine Gedanken wirklich seine waren, nicht Dracos, auch nicht von ihm und seinen moralischen Einmischungen beeinflusst.
Zum ersten Mal seit langem konnte er sich Gedanken über seine Freunde, Ginny und die Slytherin machen, ohne krampfhaft überlegen zu müssen, was nun von ihm stammte und was von dem blonden Slytherin.
Dennoch... er vermisste Dracos Präsenz.
Obwohl er wusste, dass sie nie hätte da sein sollen.
Er vermisste die schnippische, kalte Stimme in seinem Kopf.
Harry fragte sich, wie lange es dauern würde, dieses Gefühl der Leere wieder auszufüllen, wie lange es dauern würde, bis alles wie vorher wurde.
„Harry?"
Der Dunkelhaarige wandte langsam seinen Blick von dem Fenster ab und richtete ihn auf das Bett seines rothaarigen Freundes, der sich aufgerichtet hatte und ihn aus verschlafenen Augen musterte. „Weshalb bist du schon wach?"
„Ich kann nicht schlafen", antwortete er, überrascht davon, wie ruhig seine Stimme in seinen Ohren klang.
Ron rieb sich den Schlaf aus den Augen und schlug seine Bettdecke zurück. „Wieso?"
„Ich weiß nicht", antwortete er leise, warf einen flüchtigen Blick zur Seite, bevor er wieder aufsah. „Vermutlich weil er weg ist."
Die Augen des Rothaarigen weiteten sich überrascht und er kam auf das Ende seines Bettes zu gekrabbelt. „Heißt das, du hast gewonnen?", fragte der Junge hoffnungsvoll.
„Wie, ich hab gewonnen?"
„Na ja... ich denke, da gibt es diese Synchronisationssache, oder? Und Malfoy ist weg, also bist nur noch du da, dann hast du doch gewonnen, oder?"
Über Harrys Lippen lief ein amüsiertes Lächeln, bevor er plötzlich in lautes Lachen ausbrach, das nur dazu führte, dass Ron verwirrt seine Augenbrauen zusammen kniff.
„Nein, Ron", antwortete Harry, sobald er sich wieder gefangen hatte, prustete nur einmal kurz, bevor er weiter redete. „Die Synchronisation wurde gestoppt."
„... Ihr habt ein Gegenmittel gefunden?"
„Nein, Severus hatte es schon."
Ron stutzte. „Wer?"
„... Snape?"
Der rothaarige Junge verzog angewidert das Gesicht, kommentierte aber den vorherigen Gebrauch des Vornamens ihres DADA-Professors nicht weiter. „Wie kommt's?", fragte er stattdessen, mittlerweile hellwach, wie es schien.
„Ich glaube, weil mein Vater den gleichen Zauber an ihm ausprobiert hatte."
„Du glaubst?"
„Es ist nicht mein Wissen."
Ron stutzte und auch Harry warf einen nachdenklichen Blick zur Seite, bevor er leise seufzte.
„Sein Wissen... ist noch da?", fragte Ron langsam, doch schlagartig erhellte sich sein Gesicht. „Das heißt, du kannst Malfoy jetzt erpressen?"
„... Ja... so wie er auch mich erpressen könnte", antwortete Harry vorsichtig.
„Gibt es etwas, womit er dich erpressen könnte?"
Er dachte ernsthaft über diese Frage nach, aber ihm fiel spontan nichts ein. Es gab mittlerweile nichts, dass er vor seinen Freunden geheim halten wollte und was der Rest der Zauberwelt erfahren und was sie daraufhin von ihm halten könnten, interessierte ihn nicht einmal ansatzweise. Mal davon abgesehen war er sich ziemlich sicher, dass Malfoy nicht einmal mit dem Gedanken spielte, irgendjemanden zu erpressen.
„Nicht wirklich", antwortete er letztendlich, bemerkte, dass Ron die Decke wieder um seinen Körper gewickelt hatte, ihn mit einem neutralen Blick musterte.
„Danke, Harry", warf Ron plötzlich in die Stille.
„Wofür?"
„Für's Erzählen", entgegnete der Junge mit einem leichten Lächeln und Harry glaubte, dass er rot anlief, weshalb er einfach sein Gesicht ab wandte.
„Was ist passiert? Wieso bedankst du dich?"
„Hermine meinte, ich solle das machen, wenn du etwas ‚Nettes' tust. ‚Positive Bestärkung' nannte sie das."
Harry stützte die Stirn in eine Hand, versuchte ein Lachen zu unterdrücken, während er leicht den Kopf schüttelt. „Hat sie dir zufällig auch gesagt, dass du das nicht unbedingt sagen sollst?"
„Jetzt wo du es erwähnst..."
„Leg dich bloß wieder schlafen, Ron."
„Nur wenn du es auch tust."
„Kann nicht. Draco wartet auf mich."
„ ‚Draco' ist es also jetzt?"
„Vermutlich für eine lange Zeit."
Ron antwortete nicht und Harry sah auf, um den Ausdruck im Gesicht seines Freundes zu sehen, doch dieser zuckte lediglich mit den Schultern, bevor er sich zurück fallen ließ und in eine angenehme Position robbte, in der er wieder problemlos einschlafen konnte.
Harry hatte Glück mit Ron. Er war ein wirklich guter Freund und Harry konnte sich nicht erklären, weshalb er dies erst jetzt wirklich realisierte.
Langsam richtete er sich von seinem Bett auf, suchte mit den Füßen nach seinen Hausschuhen und schlüpfte, sobald er sie gefunden hatte, hinein, stand leise auf und schlurfte zur Tür. Doch noch bevor er sie öffnen konnte, wurde sie von außen auf geschlagen, verfehlte nur haarscharf Harry, der noch rechtzeitig einen Schritt zurück treten konnte.
Hermine, die Verantwortliche für die Beinahe-Kollision, sah überrascht auf, hatte vermutlich nicht damit gerechnet, dass Harry plötzlich vor ihr stehen würde, doch ihr Blick sagte eindeutig, dass es nicht besser hätte laufen können.
„Harry, ich war gestern Nacht noch in der Bibliothek und habe dieses furchtbar interessante Buch gefunden", begann sie aufgeregt und wedelte mit besagtem Buch vor seiner Nase herum, während sie weiter in das Zimmer trat und sein Bett anstrebte. „Guten Morgen, Ron", meinte sie beiläufig, als sie den Rothaarigen, der sie aus großen Augen musterte, im Bett entdeckte, fuhr dann aber in ihrem Text fort. „Ich habe es die gesamte Nacht gelesen. Es war so interessant, ich konnte nicht mehr aufhören! Aber hier, in Kapitel 42, Seite 363 im zweiten Absatz", das Mädchen schlug das Buch auf, vermutlich die Seite, von der sie sprach und deute mit ihrem Zeigefinger auf irgendwelche Worte, die Harry auf diese Entfernung nicht wirklich erkennen konnte, „steht etwas über den ‚Conjungi' und hier", ihr Finger fuhr ans untere Ende des Buches „ist eine Fußnote mit einem Hinweis über ein Buch, das sich nur mit ‚Conjungi'-Sprüchen auseinander setzt, also habe ich versucht heraus zufinden, wie man dieses Buch beschaffen könnte—"
Harry hörte dem Mädchen kaum noch zu. Er sah nur, wie ihre Lippen sich bewegten, wie sie wild gestikulierte und mit ihrem Zeigefinger immer auf irgendeine Textstelle deutete, um ihren Standpunkt zu betonen; bemerkte, wie ihr Haar noch zerzauster war als gewöhnlich, bemerkte die Augenringe, die darauf hin deuteten, dass sie wirklich bis zum Zeitpunkt ihres Eintretens wach gewesen war.
Er kam mit langen Schritten auf das Mädchen zu, das plötzlich inne hielt und fragend ihre Augenbraue hob.
Er ignorierte die Geste und drückte das Mädchen ohne Vorwarnung an sich, zog sie in eine feste Umarmung. Anfänglich reagierte Hermine nicht, war wie erstarrt, doch als er leise ‚Danke' in ihr Ohr flüsterte, taute sie auf, legte ihre Arme locker um seine Hüften, warf dennoch Ron einen fragenden Blick zu, den Harry nur aus dem Augenwinkel registrierte. „Ich habe euch gar nicht verdient", murmelte er letztendlich, löste sich von der Brünetten und trat einen Schritt zurück.
„Das stimmt", erwiderte das Mädchen ruhig, „aber woher die Einsicht?"
Harry wandte sich ohne eine Antwort ab und verließ mit einem verspielten Lächeln das Zimmer, während Hermine ihm nur skeptisch nachsah.
Obwohl sie sich gestritten hatten, war Hermine noch immer darauf bedacht, ihm so gut wie möglich zu helfen. Dass sie tatsächlich die Nächte durchmachte, obwohl sie diejenige war, die immer wieder darauf pochte, wie wichtig genügend Schlaf für die Gesundheit wäre.
Er hatte seine Freunde wirklich nicht verdient. Es war nicht nur irgendein Spruch gewesen, es war, was er wirklich dachte.
Seufzend verließ er durch das Portrait der Dicken Dame den Gemeinschaftsraum, stieg die sich bewegenden Treppen hinab, verfolgte mit einer routinierten Sicherheit die langen, verschlungenen Gänge von Hogwarts, und als er um die letzte Ecke bog hob er seinen Blick, den er vorher gelangweilt auf die Steine am Boden gerichtete hatte und erspähte sofort den platinblonden Schopf eines bestimmten Slytherin.
Dieser wandte sich just in diesem Moment um und die stechend blaugrauen Augen musterten ihn mit einem kühlen Blick. Harry wusste, dass dies nichts Persönliches war, sondern dass er lediglich noch immer müde war und sich am liebsten in seinem Bett verkrochen hätte.
Harry konnte nur raten, doch er vermutete, dass Draco relativ früh durch das laute Schnarchen seines Mentors geweckt worden war, der sich in den frühen Morgenstunden auf die Couch schlafen gelegt hatte.
„Der stärkste Schlaftrank", begann der Blonde und Harry hielt direkt neben ihm, musterte ihn mit einem fragenden Blick, „und ich wache von seinem Schnarchen auf. Da kann irgendetwas nicht stimmen."
„Suggestion?"
Draco warf ihm einen giftigen Blick zu, doch er zuckte nur gleichgültig mit der Schulter, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und ignorierte die distanzierende Haltung des Anderen und seine schlechte Laune, warf einen Blick auf den Phoenix, der zu der Treppe in Dumbledores Büro führte.
„Worauf wartest du?"
„Dass die Kopfschmerzen verschwinden", entgegnete der Slytherin desinteressiert, verzog für einen Augenblick schmerzvoll das Gesicht. „In diesem Zustand werde ich Dumbledore keine schnippischen Antworten geben können – und das wäre gänzlich schädlich für meinen schlechten Ruf."
„Ernsthaft, worauf warten wir?"
Draco musterte ihn einen Moment aus dem Augenwinkel, bevor er seinen Blick ebenfalls auf die Phoenixstatue richtete. „Dumbledore ist gerade beschäftigt. Irgendjemand ist bei ihm."
Harry schwieg.
Er wusste ehrlich gesagt nicht, was er sagen sollte.
Zwar war Malfoys schlechte Laune offensichtlich nicht seine Schuld, aber ihm wollte partout kein Gesprächsthema einfallen. Also hielt er den Mund, schabte mit einem Fuß auf dem Boden, umrandete die Form der Steine, während er dem nervösen Tippen des Anderen lauschte.
Es war ersichtlich, dass Draco irgendetwas Anderes mit seiner Zeit anfangen wollte, als darauf zu warten, dass ein alter Tattergreis sie zu sich ließ. Vermutlich war er kurz davor, sich umzudrehen und einfach zu gehen, als sich plötzlich die Steintür zur Seite schob und Blaise dahinter hervor trat.
Die Spannung im Körper des dunkelhaarigen Slytherin war offensichtlich und Harry warf nur einen flüchtigen Blick auf Draco, bevor er sich von der Wand abstieß. „Wollen wir?", fragte er, ignorierte Blaise, neigte den Kopf etwas seitlich und deutete auf die Treppe zu Dumbledores Büro.
„Immer nach dir", entgegnete der Blonde, und Harry drückte Blaise an der Schulter sanft zur Seite, bevor er, gefolgt von Draco, der demonstrativ seinen Blick geradeaus gerichtet hatte, die Treppen hoch stieg.
„Hey!", rief Blaise ihnen jedoch überraschend nach und Harry hielt in seinem Schritt inne, „Wollt ihr es ihm erzählen?"
Gerade als der Gryffindor sich umdrehen und antworten wollte, drückte Draco ihn von hinten an der Schulter nach vorn, deutete an, dass er weitergehen sollte. „Nicht nötig", entgegnete der Blonde mit kühler, ruhiger Stimme, die selbst Harry etwas überraschte, verriet das unmerkliche Zittern an seinem Rücken ihm etwas vollkommen anderes.
„Wie—"
„Es vorbei ist", war alles, was der Slytherin antworten konnte, bevor sich die schwere Steintür hinter ihnen schloss und Blaise die Sicht versperrte.
Vermutlich hatte Draco ohnehin nicht mehr sagen wollen.
Harry entschied sich, die bedrückte Stille einfach zu ignorieren.
Darin war er gut.
„Ich habe euch schon erwartet", hörten sie bereits die raue, tiefe Stimme des Direktors, noch bevor sie das kleine, zugestellte Büro betreten hatten. Draco reagierte nicht einmal mit einer Begrüßung, sondern warf sich lediglich auf einen Sessel und starrte aus dem Fenster – zeigte schon allein durch dieses Benehmen, dass er nicht einmal annähernd daran dachte, dem älteren Mann Respekt zu zollen.
Harry dagegen nickte zum Gruß, ließ sich auf dem anderen Sessel nieder und warf einen unschuldigen Blick auf Dumbledore.
„Ich hoffe, ihr beide habt etwas daraus gelernt", begann der Professor ohne Umschweife, doch sie wussten sowieso worum es ging, weshalb sie nicht mit einer langen Präambel gerechnet hatten.
„Ich auch", entgegnete Draco und warf Harry einen anklagenden Blick zu.
„Ich verspreche dir hoch und heilig, Draco: bevor ich wieder einen Zauberspruch ausprobiere, kontrolliere ich, ob ich die richtigen Seiten habe, einverstanden?"
Der Blonde verschränkte als Antwort lediglich die Arme vor der Brust, während sich über Dumbledores Gesicht mildes Erstaunen legte. Allerdings verschwand dieses so schnell wie es gekommen war, wurde durch ein amüsiertes Lächeln ersetzt.
„Faszinierend", meinte Dumbledore entzückt, und Harry runzelte irritiert die Stirn, während Draco dem älteren Mann einen bitterbösen Blick zu warf. „Wie ihr bereits wisst, gab es diese Situation schon einmal in Hogwarts."
„Ja", murmelte Harry, verzog angewidert das Gesicht. „Snape war in meine Mutter verliebt."
„Bei euren Vorgängern allerdings", fuhr der Greis schmunzelnd fort, warf forschende Blicke zwischen den beiden hin und her, „entwickelte sich die Synchronisation nicht so weit wie bei euch. Sie waren lediglich eine Woche miteinander verbunden, aber bei euch, wie viele Wochen waren es, zwei?"
Draco schwieg eisenhart, wandte demonstrativ seinen Blick ab, während Harry leicht auf die Frage nickte.
„Wenigstens sind die bleibenden Auswirkungen nicht schädlich."
Harry runzelte irritiert die Stirn.
Er kam nicht umhin zu denken, dass Dumbledore schon etwas länger von dem Zauber gewusst hatte, dennoch konnte er sich nicht vorstellen, dass ihr Direktor – und Harry glaubte kaum, dass er das dachte – so verantwortungslos handeln und zwei seiner Schüler mit einem nicht ganz harmlosen Zauberspruch zwei Wochen lang herumstreunen lassen würde, während sie dabei nicht nur selbst, sondern auch sämtliche Schüler in ihrem näheren Umfeld verrückt machten.
Andererseits...
Harry warf einen Blick in das gutmütig lächelnde Gesicht des alten Mannes.
Wer wusste schon, wozu Dumbledore in der Lage war?
„Wie lange wissen sie es schon?", hörte er plötzlich Draco fragen.
„Ich habe es vor zwei Tagen von Severus erfahren", antwortete Dumbledore ruhig.
„Weshalb sind wir hier? Wenn sie uns bestrafen wollen, dann sagen sie es einfach. Ich habe nicht die Zeit, darauf zu warten, dass sie endlich zum Punkt kommen", knurrte Draco, stand abrupt auf.
„Ihr scheint ein tieferes Verständnis zueinander zu haben", kommentierte Dumbledore, ignorierte Dracos Wut, abgesehen von einem freundlichen Zwinkern. „Dies scheint eine gute Erfahrung für euch gewesen zu sein."
„Klar, jeder sollte diese Erfahrung einmal in seinem Leben gemacht haben", entgegnete Draco sarkastisch, rollte genervt mit den Augen.
„Ich bin ganz Ihrer Meinung", stimmte Dumbledore ihm bei.
„Sie gehören auch eingewiesen."
„Draco!"
„Was? Ich sage nur, was ich denke."
„Genau das ist das Problem..."
Draco reagierte nicht darauf, verschränkte die Arme vor der Brust und sah beleidigt zur Seite, ließ sich patzig wieder auf den Sessel fallen. Vermutlich hatte er realisiert, dass er sich Dumbledores Tempo anpassen müsste.
Also ließen sie Dumbledores Standartpredigt, die nur je nach Anlass leicht modifiziert wurde, über sich ergehen; dass sie nicht nur ihre eigene, sondern auch die Sicherheit Anderer gefährdet hätten; dass sie keine Vorstellungen hatten, was passieren könnte; dass sie nachsitzen müssten.
Harry konnte sie wirklich schon auswendig.
Doch er hielt den Rest der Zeit den Mund, warf abschweifende Blicke durchs Fenster und klinkte sich alle paar Minuten erneut in die Rede ein, um heraus zufinden, wo sie mittlerweile angelangt waren und wie lange sie noch den Worten des alten Mannes mit mehr oder weniger ausgeprägter Aufmerksamkeit lauschen mussten.
Draco dagegen hatte seine Aufmerksamkeit auf ein Fenster gerichtet, warf ihm einen flüchtigen Blick zu und deutete mit dem Kinn auf irgendetwas, das da irgendwo sein sollte. Er konnte jedoch nichts entdecken, zuckte als Antwort lediglich unversehens mit der Schulter.
Der Slytherin rollte mit den Augen.
„Ich sagte dir doch, dass es nur Dreck ist", verbalisierte er plötzlich seine Geste, reagierte nicht einmal auf Dumbledores überraschtes Schweigen, richtete stattdessen seinen Blick erneut auf das Fenster.
Harry warf einen kurzen Blick auf den Bärtigen, schüttelte dann kommentarlos schmunzelnd den Kopf. Dumbledore schien alles andere als begeistert davon, dass Draco nicht einmal so tat, als würde er ihm zuhören, doch er setzte unbeirrt seine Predigt fort.
Sobald der Schuldirektor geendet hatte, stand Draco postwendend auf und stolzierte ohne irgendeine Verabschiedungaus dem Raum. Harry dagegen nickte einmal zum Abschied, bevor er dem blonden Slytherin folgte, konnte anhand der Gangart bereits seine momentane Stimmung erkennen.
Draco konnte es scheinbar kaum erwarten die Phoenixstatue zu passieren, um seinen Gedanken und seinem Ärger laut Luft zu machen.
Harry sollte Recht behalten, denn kaum hatten sie das Ende der Treppe erreicht und die schwere Schiebetür sich hinter ihnen geschlossen, blieb der Slytherin stehen.
Harry konnte bereits einen vorwarnenden Atemzug vernehmen.
„Ich kann es nicht glauben!", knurrte Draco wütend. „Er hat uns übers Ohr gehauen!" Harry zuckte nur mit den Schultern, ging zu dem Slytherin. „Er hat gewusst, was los war."
Der Gryffindor nickte zu den Worten.
Sie konnten sich nicht sicher sein, ob er von Anfang an Bescheid gewusst hatte, allerdings hatte er bestimmt nicht erst von Snape erfahren, dass etwas nicht stimmte. Dennoch konnte er sich nicht vorstellen, dass Dumbledore, wenn er genau wusste, wie es bei seinem Vater und Severus abgelaufen war, nicht sofort etwas unternommen hatte. Er musste gepokert haben; alles oder nichts.
Es war nicht zu leugnen, dass Harry und Draco vor zwei Wochen alles andere als gute Freunde gewesen waren. Ihrer Streitereien brachten auch Mitschüler in Gefahr und es schien wirklich von Tag zu Tag schlimmer geworden zu sein – in ihnen war soviel Wut gewesen, dass sie nicht wussten, wohin damit und ein Ablassventil gebraucht hatten, das sie perfekt in dem jeweils Anderen gefunden hatten.
Es ging nicht mehr um die Tatsache, dass er Dracos Freundschaft im ersten Jahr ausgeschlagen hatte; dass Draco ihn beim Zauberduell vorgeführt hatte; dass Harry ein Gryffindor und Draco ein Slytherin war; es ging wirklich nur noch darum, dass sie ein Opfer gefunden hatten, mit dem sie kein Mitleid hätten, was auch immer sie ihm antun würden. Eine Person, der sie sich von der schlimmsten Seite zeigen konnten.
Ein praktischer Sündenbock für alles, das in ihrem Leben schiefgelaufen war.
Harry warf aus dem Augenwinkel einen Blick auf den Blonden, der sich noch immer über Dumbledore beschwerte und ein Lächeln schlich sich über seine Lippen.
Etwas, was ihn vor einigen Tagen noch zur Weißglut getrieben hatte, bekam durch sein Verständnis von Draco eine vollkommen neue Bedeutung.
„Ich kann ihn nicht leiden", beendete der Blonde seine Hasstirade, von der Harry vermutlich nicht einmal die Hälfte mitbekommen hatte.
„Na ja—", setzte er zu einer flauen Verteidigung an, doch Draco unterbrach ihn sofort.
„Ich kann ihn trotzdem nicht leiden."
„Draco, lass mich wenigstens aussprechen."
Der Blonde warf ihm nur einen abwertenden Blick zu, der eindeutig sagte, dass er sowieso wusste, was Harry hatte sagen wollen – und das nichts, was er sagen würde, seine Meinung auch nur annähernd ändern könnte.
„Wenn du ehrlich bist, war das ein genialer Schach—"
„Ich weiß, dass diese letzten zwei Wochen die längste Zeit war, die wir bisher ohne Streit ausgekommen sind! Natürlich mussten wir uns arrangieren, um uns nicht in Stücke zu reißen. Das heißt aber trotzdem nicht, dass ich ihn leiden kann!"
„Vermutlich hat er sogar die Seite selbst aus dem Buch gerissen."
Draco hielt abrupt in seinem Schritt inne und Harry stoppte nur einen Moment später, wandte sich zu dem Blonden um, der ihn mit einem skeptischen Blick taxierte. „Nein... nein, definitiv nicht", verbalisierte der Blonde seine Gedanken und schüttelte dabei energisch den Kopf.
Harry schmunzelte als Antwort amüsiert.
„Einen Versuch war's wert."
Der Blonde schüttelte nur den Kopf, dennoch zog sich ein leichtes Lächeln über seine Lippen.
„D'ailleurs: Est-c'que peux tu me comprendre?"
Harry zuckte mit der Schulter, steckte seine Hände in seine Manteltaschen. „Visiblement."
„Zut!"
„C'est excatement mon point de vue...", antwortete er mit einem Grinsen, während er sich dazu entschloss, die Große Halle anzusteuern. Er hatte momentan kein zeitliches Gefühl, er war sich nicht einmal sicher, welcher Tag es war, aber sein Magen hatte eine innere Uhr und die sagte ihm, dass er zu spät für Frühstück dran war.
„Ich will übrigens meinen Mantel zurück", beschloss der Blonde unerwartet und Harry sah ihn perplex an, bevor er leise lachte, ignorierte, wie der andere verständnislos die Augen rollte.
Es war irritierend, doch Harry konnte sehr gut damit leben.
Er konnte sehr gut mit Draco in seiner Gegenwart leben.
„Ginny ist schon wach", holte der Blonde ihn aus seinen Gedanken, deutete mit dem Kinn nach links und sobald Harry seinem Blick gefolgt war, entdeckte er die rothaarige Gryffindor, die mit ihren Freundinnen an ein Fenster lehnte und leise lachte, doch sobald sie die beiden Jungs entdeckte, verhärteten sich ihre Gesichtszüge, obwohl sie zum Gruß kaum merklich mit dem Kopf nickte.
„Du solltest es jetzt machen", riet Draco, als Harry sich gerade weg drehen wollte. „Dann hast du es hinter dir." Der Gryffindor hob fragend eine Augenbraue, doch sobald die Information angekommen war, schlich ein leichtes Lächeln über seine Lippen.
„Vermutlich hast du recht", stimmte er dem anderen zu, musterte die Hexe einen Moment. „Ich sollte es vermutlich auch machen", murmelte Draco und Harry war sich nicht einmal sicher, ob die Worte für ihn bestimmt waren.
„Ich bring dir den Mantel später", versprach er, bevor er sich in Bewegung setzte, die Mädchengruppe, die ihn mittlerweile ebenfalls bemerkt hatte, anvisierend.
„Ginny", begann er, kaum dass er vor dem Mädchen stand, ihren leicht nervösen Blick bemerkte. „Können wir reden?"
oOoOoOo
Draco hatte kaum den Slytheringemeinschaftsraum betreten, eigentlich nur, um Pansy und den Rest der Meute zu suchen, als er schon von mehreren Schülern über Blaise' schlechte Laune informiert wurde.
Es hieß, der dunkelhaarige Vertrauensschüler wäre aufbrausend in den Gemeinschaftsraum gestürmt gekommen und hätte laut deklariert, dass jeder, der es wagte, ihn an diesem Tag zu stören, auf Muggleart kastriert werden würde. Malcolm soll daraufhin in lautes Gelächter ausgebrochen sein, doch die restlichen Slytherin konnten sich nicht sehr viel darunter vorstellen, weshalb sie erst recht Abstand hielten.
Schließlich fürchtete man das Unbekannte am meisten.
Draco nahm an, dass Blaise' Verhalten irgendetwas mit dem Besuch in Dumbledores Büro zu tun hatte. Zwar hatte er keine Ahnung, weshalb der Dunkelhaarige zu ihrem Direktor gerufen wurde, doch er würde es vermutlich im Laufe des Tages erfahren – selbst wenn es nur über Umwege war.
Der sechste Schüler, der ihn vor Blaise' schlechter Laune warnen wollte, wurde letztendlich von Draco nur noch mit einer wegwerfenden Handbewegung ignoriert. Er hatte sich eigentlich nur im Gemeinschaftsraum nach seinen Freunden umsehen wollen.
„Bibliothek."
Draco hob fragend eine Augenbraue, wandte sich um und entdeckte Malcolm, der mit zwei anderen Slytherin auf einer Couch vor dem Kamin saß und sich geschäftig irgendetwas notierte, dann plötzlich aufsah und ihn mit einem breiten Grinsen ansah.
„Pansy und die beiden Ochsen. Sie sind in der Bibliothek."
Er runzelte missgünstig die Stirn, wandte sich ab, um den Gemeinschaftsraum zu verlassen und mit einem Funken Genugtuung hörte er, wie Malcolm plötzlich aufschrie und ihn wüst beschimpfte.
Niemand nannte Gregory und Vincent ungestraft ‚Ochsen'.
„Blaise ist übrigens nicht dort", hörte er den Jungen quer durch den Raum brüllen. „Nur für den Fall, dass du ihn meidest!" Draco stockte für einen kurzen Moment, rollte genervt die Augen und machte sich eine mentale Notiz, dass der Drittklässler genug Freilauf gehabt hatte und wieder an die kurze Leine gelegt werden musste, bevor er ihnen komplett auf der Nase herumtanzte.
Vielleicht sollte er irgendetwas gegen den Zaubertränke-Plan des Jüngeren unternehmen, dachte er ruhig, als er das Slytherinterritorium verließ und langsam die gewundenen Treppen hinaufstieg. Oder er könnte sich diesen Graham Pritchard vorknöpfen.
Draco wusste, dass Malcolm selbst nicht genug Angriffsfläche bot. Er war das beste Beispiel für jemanden, den man gefesselt und geknebelt in einen Fluss werfen würde und der dann mit einem Fang Fische daraus gekrochen kam. Mal davon abgesehen schien der brünette Drittklässler relativ viel Wert auf Freundschaft zulegen, weshalb—
„Greg!"
Draco blieb abrupt stehen und warf einen Blick auf die offene Tür zur Bibliothek, von der er nur wenige Schritte entfernt war und aus der er soeben Pansys verärgerte Stimme gehört hatte.
„Oh, nein! Nein! Nein!"
Der Blonde hob amüsiert eine Augenbraue und setzte sich wieder in Bewegung, brauchte sich nicht einmal in der Bibliothek umsehen, sondern folgte lediglich den wütenden Worten seiner Freundin.
Zumindest machte Pansy ihm die Suche ziemlich einfach.
„Du bringst mich um den Verstand!"
An ihrem Schreibtisch saß Madam Pince, die verstimmt ihre Brille auf der Nase zurecht rückte und missgünstig einen Blick in die Richtung warf, aus der Pansy zu hören war. Vermutlich war sie kurz davor gewesen, die Slytherin zu ermahnen, doch sobald sie Draco erspähte, begnügte sie sich mit einem auffordernden Blick in seine Richtung.
Er reagierte nicht darauf.
In einem durch Bücherregale abgetrennten Bereich fand er seine Freunde an einen mit Büchern und Pergamentrollen unsystematisch zugestellten Tisch sitzen; Pansy massierte sich mit auf den Tisch abgestemmten Armen erschöpft ihre Schläfe, die Augen schmerzhaft zugekniffen, während Vincent niedergeschlagen den Kopf gesenkt hatte und Gregory kaum hinter einen der Büchertürme kaum zu sehen war, scheinbar aber an irgendwelchen Notizen arbeitete, ab und zu einen prüfenden Blick auf seine beide Freunde warf, wahrscheinlich um sicher zu gehen, dass das Mädchen nicht in einer Kurzschlussreaktion dem anderen Jungen an die Gurgel ging.
Wäre schließlich nicht das erste Mal.
„Wieso? Wieso?", begann Pansy plötzlich dramatisch zu jammern, verschränkte die Arme auf dem Tisch und hämmerte mit einer rhythmischen Bewegung die Stirn auf ihre Unterarme. „Wenn du jemals in irgendeiner lebensbedrohlichen Situation stecken solltest, dann komm nicht zu mir gelaufen, weil du dich nicht daraus apparieren kannst!"
Vincent nickte kleinlaut, warf mit gesenkten Kopf aus dem Augenwinkel einen hilfesuchenden Blick auf Gregory, der diesen jedoch demonstrativ ignorierte, indem er ein Buch hochkant zwischen ihnen stellte, sich wieder seinen Notizen zuwandte.
„Du wolltest, dass sie dir hilft", war alles was der normaler Weise verständnisvolle Junge unterkühlt nach einem kurzen Moment antwortete.
„Stimmt!", fuhr Pansy plötzlich laut auf und zeigte anklagend mit ihrem Zeigefinger auf den bedrängten Slytherin. „Und ich habe das Gefühl, dass du dich nicht einmal anstrengst! Beim Apparieren kannst du dich nicht mit deinen gewöhnlichen halbherzigen Anstrengungen aus dem Gröbsten ziehen: entweder du bestehst oder du fällst durch - es gibt keinen Mittelweg."
„Es ist doch hinlänglich bekannt, dass Vincent ein geborener Defätist ist", meinte Draco plötzlich, kam auf die kleine Gruppe zu, die Synchron aufsah und ihn überrascht musterte. „Bei der kleinste Hürde gibt er auf, weil er denkt, dass er es sowieso nicht schafft." Er zog langsam den knorrigen Stuhl neben Pansy hervor und setzte sich in einer fließenden Bewegung, nahm ein paar der Bücher von dem Stapel, hinter dem Gregory nahezu versteckt war, um seinen Freund besser sehen zu können.
„Das löst nicht unbedingt unser Problem", meinte Pansy schließlich, wandte sich von dem Blonden ab und fixierte Vincent, hob niedergeschlagen die Augenbrauen.
„Bevor du ihm etwas beibringen kannst, musst du ihn mental stärken", meinte Draco, ließ allerdings nicht die Augen von dem fraglichen Jungen, während ein diabolisches Lächeln über seine Lippen lief.
„Was schlägst du vor? Autogenes Training?", schnaubte Gregory verächtlich, drehte sich eingeschnappt auf dem Stuhl zur Seite, um ihren fragenden Blicken auszuweichen.
Draco runzelte die Stirn, deutete mit einer unauffällig fragenden Geste auf den beleidigten Slytherin, doch Pansy zuckte nur mit den Schultern und schüttelte leicht den Kopf.
„Wo warst du übrigens letzte Nacht?", fragte Gregory überraschend, schien allerdings nicht wirklich an der Antwort interessiert, wollte vermutlich nur von seiner schlechten Laune ablenken.
Normalerweise wirkte der dunkelhaarige Junge etwas phlegmatisch und verträumt, sprach mit einer geistesabwesend ruhigen Stimme und in kurzen, einsilbigen Sätzen, sodass Draco als er ihn zum ersten Mal getroffen hatte, dachte, Gregory wäre etwas zurückgeblieben, bevor er herausfand, dass dieser einfach nicht daran interessiert war, sich langatmig und detailliert auszudrücken.
„Bei Snape", antwortete Draco nach einer Weile.
Zum ersten Mal sah Gregory überrascht auf.
„Du lügst."
Der blonde Slytherin runzelte die Stirn. „Nein. Nicht wirklich."
„Ich hab dich doch mit Potter—" Der Brünette unterbrach sich selbst, legte nachdenklich seine Stirn in Falten, Augen auf die zugestellte Oberfläche des Tisches gerichtet. „Oh", hauchte er plötzlich und ein breites Grinsen zierte sein Gesicht, bevor er sich entspannt gegen seinen Stuhl lehnte. „Dann lag ich doch nicht falsch."
Ohne jegliche Erklärung wandte er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Pergamentrolle in seiner Hand unter der er zur Stabilisierung ein dickes Buch gelegt hatte.
Draco drehte seinen Kopf wieder zu Pansy, die jedoch erneut nur mit dem Kopf schüttelte.
„Weshalb warst du bei Snape?", begann das Mädchen jedoch neugierig, und ein Funken Besorgnis schien sich in ihre Stimme geschlichen zu haben. Gregory schien hellhörig zu werden, als der Blonde nicht sofort antwortete, während Vincent sich anscheinend nur darüber freute, dass er nicht mehr der Mittelpunkt ihrer unerwünschten Aufmerksamkeit war.
Der Blonde öffnete seinen Mund um etwas zu entgegnen, schloss ihn jedoch wieder ohne das ein Laut über seine Lippen gekommen war, suchte innerlich nach einer Möglichkeit, wie er alles am besten kompakt erzählen konnte.
Es war nicht seine Art, irgendwelche Informationen über sich preiszugeben, allerdings war er sich bewusst, dass er dies seinen Freunden schuldig war.
„Snape hatte ein Gegenmittel."
Pansy hisste, starrte ihn dann aus ungläubig geweiteten Augen an. Gregory reagierte kaum, während lediglich Erkenntnis über seine Züge glitt, bevor er selbstzufrieden zu sich selbst nickte und Draco konnte noch immer nicht verstehen, was genau in den anderen Jungen vorging.
Vincent ließ seinen Blick in der Stille zwischen seinen Freunden hin und her gleiten. „Wo gegen?", fragte er plötzlich, woraufhin Gregory ihm nahezu fassungslos prompt seinen Ellenbogen in die Seite rammte.
„Das ist nicht dein ernst?", brachte Pansy schließlich über ihre Lippen, schien schwer mit sich zu kämpfen nicht plötzlich zu stottern.
„Weshalb sollte ich lügen?", entgegnete Draco irritiert.
„Snape hatte ein Gegenmittel?", wiederholte sie, war kurz davor plötzlich von ihrem Stuhl aufzuspringen – Draco war sich nur nicht sicher, um ihn zu umarmen oder wie ein wildes Tier über ihn herzufallen und in tausend Stücke zu zerreißen.
„All der Ärger, all die Arbeit", fuhr sie leise fort, sah auf den Tisch und griff nach einer Rolle, die geöffnet vor ihr lag, starrte sie einen Moment an, bevor sie ihren Blick wieder auf Draco richtete, „all die schlaflosen, sorgenvollen Nächte, die ich durchgemacht habe." Hinter ihren braunen Augen konnte er deutlich ihre gespaltenen Emotionen sehen, eine vergebliche Verwirrung aus Erleichterung, Wut, Besorgnis und Unglauben. „Und Snape hatte das Gegenmittel?", knurrte sie plötzlich und warf ihm rücksichtslos die Schriftrolle entgegen, als anscheinend die Wut Überhand gewann und sie abrupt aufstand, der Stuhl durch die Wucht mit einem lauten Klattern auf den Boden prallte. Draco konnte die Schriftrolle abfangen, bevor sie hart sein Gesicht getroffen hätte, starrte überrascht seine Verlobte an, die ihre Hände zu zitternden Fäusten geballt hatte. „Das ist nicht dein ernst!?"
Er reagierte nicht, hatte er nicht mit einer solch heftigen Reaktion gerechnet.
Zwar hatte Pansy stets schlecht ihre Emotionen kontrollieren können und ihr Herz auf der Zunge getragen, doch wenn es etwas gab, dass sie gewöhnlich zügelte, so war das ihr mehr als destruktiver Zorn. Schließlich hatte es in der Vergangenheit einige böse Unfälle gegeben, weil es ihr schwer fiel unter Wut ihre Zauberkräfte zu bändigen.
Ihr damaliger Psychologe schwafelte irgendetwas über seltsame metaphorische Löcher in irgendwelchen metaphorischen Schilden aufgrund von kurzzeitigen Ausfällen, wegen angeblicher Traumata in ihrer Kindheit.
Um es sich einfach zu machen, hatte er sich damals nur gemerkt, dass seine Zukünftige dazu tendierte sehr schnell zu explodieren – im wahrsten Sinne des Wortes.
Plötzlich holte die brünette Hexe einmal vernehmbar tief Luft, zwang sich dazu, ihren Körper zu entspannen.
„Wir hätten es so einfach haben können? Du hättest es so einfach haben können?" Es waren rhetorische Fragen, er wusste das, dennoch ließ das Mädchen eine kurze Pause, als würde sie trotzdem eine Reaktion von ihm verlangen. „Und nur, weil du zu stolz warst, irgendjemanden um Hilfe zu bitten; nur, weil du nicht über deinen eigenen Schatten und deine offensichtliche Ohnmacht eingestehen wolltest— Weißt du eigentlich, dass ich die Nächte wach lag und mir Gedanken gemacht habe? Was passiert, wenn wir nicht rechtzeitig ein Gegenmittel finden? Ob du der Draco bleibst, den ich kenne? Oder ob du ein vollkommen anderer Mensch wirst? Was wäre, wenn du uns plötzlich den Rücken zukehren würdest? Und Snape hatte die ganze Zeit das Gegenmittel?"
„Wie Medusa", hörte Draco Gregory ehrfürchtig flüstern und für einen kurzen Moment warf er aus dem Augenwinkel einen Blick auf die anderen beiden Jungen am Tisch, die sich offensichtlich sehr schadenfroh darüber amüsierten, nicht diejenigen zu sein, die sich Pansys Groll zugezogen hatten.
„Ich sehe das Höllenfeuer hinter ihr", fügte Vincent an.
„Das war's!", knurrte die Brünette. „Ich werde nie wieder für dich den Mund halten. Von nun an wirst du tun, was ich dir sage!"
Draco suchte mit seinen Augen nach einen schnellen, dezenten Ausweg, als das Mädchen auf ihn zukam, die Muskeln in ihrem Körper mittlerweile relaxt, aber die Wut nicht minder deutlich in ihrem Gesicht geschrieben. Doch entgegen seiner Vermutung und früheren Erfahrungen, holte sie nicht mit der Hand aus, sondern legte ihre Arme um seinen Nacken, drückte den Jungen gegen ihre Brust und beugte sich über ihn.
„Ich bin so froh, dass alles vorbei ist", flüsterte sie plötzlich leise mit leicht brüchiger Stimme. Es dauerte einen Moment, bevor er sich in der unbequemen Umarmung entspannte, seinen Kopf etwas senkte um besser Luft zubekommen, während seine Augen über den tristen grauen Steinboden wanderten.
„Ich sollte dir eine der Enzyklopädien, die ich nur für dich durchgewälzt habe über den Kopf ziehen", murmelte Pansy plötzlich. Draco lächelte beunruhigt, traute er seiner Freundin tatsächlich so eine Handlung zu – vor allem, wenn er mit den Gedanken woanders war und es nicht erwartete.
Sie hatte schon immer eine etwas gewalttätige Ader gehabt.
„Und es ist wirklich vorbei? Keine Nachwirkungen? Alles wird wie vorher?"
Draco hob seine Hände und legte sie sacht auf ihre Hüften, um sie etwas von sich drücken zu können. Das Mädchen reagierte sofort, nahm einen Schritt zurück und er sah auf.
„Die Erinnerungen bleiben", antwortete er ruhig, deutete mit einer flüchtigen Geste auf den noch immer am Boden liegenden Stuhl. Pansy folgte seiner Handbewegung, hob schnell den Stuhl auf und schob ihn an den Tisch zurück bevor sie sich setzte. „Es wurde nur die Verbindung unterbrochen, aber nichts rückgängig gemacht", erklärte er weiter, verdrängte den Gedanken an das fortgeschrittene Stadium des Zauberspruches und was alles von Potters Charaktereigenschaften und Fähigkeiten dauerhaft in seinem Unterbewusstsein schlummern würde.
„Das heißt", begann Pansy mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck, „dass du tatsächlich gute Chancen hast", ein spöttisches Grinsen setzte sich auf ihre Lippen, „Zauberkunde zu bestehen?"
Draco stutzte unmerklich, ignorierte Vincents durch seine Hand ersticktes Lachen, verschränkte indigniert die Arme vor der Brust, bevor er den mit sich ringenden Jungen hochmütig mit einem abschätzigen Blick fixierte.
„Wie war das mit deinem Apparieren noch gleich?", fragte er mit gelassener Kühle, hob herausfordernd eine Augenbraue, während Vincent nur wieder kleinlaut seine Schulter hängen ließ, Gregory amüsiert schnaubte.
oOoOoOo
„Sie hat es besser aufgenommen, als ich gedacht habe", murmelte Harry vor sich hin, während er einen kurzen Blick auf seinen rechten Fuß warf, auf den Ginny im Vorbeigehen vermutlich nicht ganz so unabsichtlich getreten war wie es hatte wirken sollen. „Ob sie Stahlkappenschuhe trug? Oder vielleicht Boots?"
Er verfolgte diesen Gedanken für einen kurzen Augenblick mit ekdemischen Interesse, bevor er sich mit einer Hand durch die Haare fuhr und das Portrait der Dicken Dame betrachtete, die ihn kritisch musterte und so aussah, als würde sie bei jeglicher abrupten Bewegung Harrys zum nächstliegenden Portrait flüchten und laut „Psychopath" schreien.
Für einen kurzen Moment war er wirklich dazu verführt ruckartig einen Satz nach vorn zu machen und dabei grotesk das Gesicht zu verziehen, doch er entschied sich dagegen, dachte nur wieder an den penetrant stechenden Schmerz in seinem Fuß.
„Ich sollte Hermine fragen, ob sie einen guten Schmerzzauber kennt."
„Ich dachte, es wäre vorbei", kam plötzlich eine Stimme von den Treppen und Harry drehte sich überrascht um, entdeckte Dean, der in seiner Quidditchkleidung und seinem Flugbesen in einer Hand auf ihn zukam, ihn einmal von unten nach oben prüfte, dann schulterzuckend an ihm vorbei ging.
„Was vorbei?", fragte Harry neugierig, folgte dem anderen.
„Diese seltsamen Selbstgespräche", antwortete der dunkelhaarige Zauberer. „Ron hat erzählt, dass du ein paar Probleme mit dem Projekt hast. Beim Frühstück meinte er allerdings, dass alles vorbei wäre."
Harry warf einen fragenden Blick zur Seite, entschied sich aber nicht auf Deans Worte einzugehen, folgte ihm stattdessen schweigend in den Gemeinschaftsraum der Gryffindor.
„Und ich habe gehört, dass du mit Ginny geredet hast."
Harry schnaubte einmal verächtlich. „Ist es nicht seltsam, wie schnell so etwas die Runde macht?"
Dean schmunzelte amüsiert, hielt in seinem Schritt inne und drehte sich mit einem beruhigenden Blick zu Harry um. „Wie ein Lauffeuer."
„Ich wette mit dir, dass du es wusstest, bevor ich sie überhaupt angesprochen habe."
„Um wie viel?"
„... Das war ein Witz."
Der andere Junge musterte ihn einen Moment eindringlich, schien innerlich mit sich zu debattieren, ob er was auch immer in seinem Kopf vorging aussprach oder nicht. Letztendlich wandte er seinen Blick ab, bevor er dazu ansetzte seinen Gedanken zu verbalisieren, stockte einen Moment. „Ist es gut ausgegangen?"
„Mehr oder weniger", antwortete Harry etwas verzögert, war sich nicht wirklich sicher, wie viel er von dem Gespräch Dean gegenüber Preis geben wollte. „Ich habe ihr gesagt, warum ich nicht mit ihr ausgehen kann und am Ende hat sie sich bedankt", auch wenn sie das Wort mehr im Vorbeigehen und als sie dezent demonstrativ auf seinen Fuß getreten war, verächtlich ausgespuckt hatte.
„Ich hätte dir das vermutlich vorher sagen sollen, aber... ich hätte kein Problem damit, wenn du mit ihr ausgehen würdest." Dean wandte sich ihm wieder mit einem bedrückten Lächeln zu. „Ich habe es mit Absicht nicht getan", gestand er. „Ich hoffe nur, dass ich nicht der Grund bin, dass eure Beziehung jetzt den Bach runter geht."
„Mach dir darüber keine Gedanken... so wie ich Ginny kenne, wird es bald wieder ganz beim Alten sein", außer dass die Rothaarige Harry vermutlich noch einige Jahre lang diverse schmerzhafte Seitenhiebe versetzen und vermutlich auch Ms. Weasly davon erzählen würde, sodass er sich auch von der brüsken Frau eine Predigt über zerbrechliche Herzen unschuldiger und reiner Mädchen anhören durfte, bis es irgendwann bei der Familie ein verbreiteter Insiderwitz war, und sogar Rons Enkelkinder sich noch erzählen, wie Onkel Harry Tante Ginny zum Weinen gebracht hatte... oder so ähnlich. Auf jeden Fall würde die Familie ihn das nicht ganz so schnell vergessen lassen.
„Wenn du meinst." Dean nickte kurz zum Abschied, wollte sich gerade umdrehen, als Harry ihn an der Schulter aufhielt.
„Wie sieht es mit dir aus?"
Er war sich nicht sicher, ob er die Frage hätte stellen dürfen, doch der etwas größere Gryffindor zuckte nur mit den Schultern, zwinkerte ihm dann zu. „Phipps hat gemeint, er hätte noch einen Harem an Cousinen. Oh, und Seamus will mir seine Schwester vorstellen." Er zögerte einen Moment. „Wollen wir nur hoffen, dass sie nicht genauso ist wie er", ergänzte er nachträglich, verzog unfreiwillig das Gesicht.
„Ja... oder so aussieht", räusperte Harry.
Die beiden Jungs verfielen für einen Augenblick in nachdenkliches Schweigen und Harry war sich ziemlich sicher, dass ihnen genau das gleiche abschreckende Bild eines weiblichen Seamus' durch den Kopf schoss.
„Ich hatte gerade einen schlimmen Gedanken", murmelte Dean trocken, kräuselte angewiderte die Nase. „Vielleicht sollte ich ihn fragen, ob er mir vorher ein Bild zeigt."
„Oh, sie ist ganz hübsch", mischte sich Neville plötzlich ein, stand keine zwei Meter von ihnen, den Kopf leicht geneigt, während er sie aus großen Augen musterte, dann beruhigend lächelte.
„Du kennst sie?"
„Ihr doch auch."
Dean und Harry warfen sich einen fragenden Blick zu, zuckten dann kopfschüttelnd mit den Schultern.
„Das Bild auf seinem Nachttisch", erklärte der brünette Junge geduldig.
Es dauerte einen Moment, bis sie sich das Foto in Erinnerung gerufen hatten und sich überrascht ihr Mund öffnete, dann wieder erschrocken zu klappte. „DAS ist seine Schwester!?", riefen sie unisono, erhielten als Antwort lediglich ein Nicken und alle drei sahen sich gleichzeitig im Gemeinschaftsraum um, Augen auf Seamus Finnigan gerichtet, der mit dem Gesicht Richtung Kamin am Tisch über ein Buch gebeugt saß, den Mund zu einem Schnabel entstellt gekonnt einen Stift auf seiner Oberlippe balancierte.
„Es", stieß Harry perplex aus, „hat so eine Schwester? Ich dachte immer, das wäre irgendein Kindheitsschwarm von ihm!"
„Offensichtlich hat sich seine Mutter sämtliche guten Gene für das zweite Kind aufgehoben", schlussfolgerte Dean biederernst. „Sie muss gewusst haben, dass sie am ersten nur verschwendet wären..."
In diesem Moment, als hätte der Ire die Worte gehört, sah dieser von seinem Buch auf, wandte seinen Blick auf die Dreiergruppe, die ihn intensiv musterte. Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht, als er ihnen übertrieben stürmisch zuwinkte, sodass der Stift den Halt auf der Oberlippe verlor und auf dem Buch landete, Spritzer blauer Flecken auf den weißen Seiten hinterließ.
Die anderen drei Gryffindor wandten sprachlos ihren Blick ab.
„Unglaublich", hauchte Dean, drehte sich auf dem Absatz um. „Ich hoffe nur, ihr Charakter ist anders."
„Alles wird gut", rief Harry dem bedrückten Jungen, der sich lethargisch die Treppen zu den Jungengemächern Stufe um Stufe hoch quälte, lachend nach, richtete seine Aufmerksamkeit noch einmal auf Seamus, der in diesem Moment panisch versuchte, die Flecken mit seinem Ärmel von den Seiten zu wischen.
„Uhm, Harry?"
Der Angesprochene unterdrückte auf die irrationale und nicht wirklich hilfreiche Handlung des Iren den Drang, ernüchtert zu Seufzen, wandte sich stattdessen an Neville, der das Buch, das er auf dem Arm trug, nervös hin und her schob, bevor er sich dessen bewusst wurde und abrupt seine Bewegung stoppte.
„Nächste Woche in Zaubertränke muss ich mit Malfoy zusammenarbeiten."
Harry starrte den brünetten Jungen perplex an, bemerkte dann, dass seine Mundwinkel unwillkürlich zuckten und er räusperte sich einmal, presste seine Lippen fest aufeinander, um jegliche Form eines Grinsens zu unterdrücken.
Doch er freute sich jetzt schon auf die Unterrichtsstunde.
„Okay", presste er hervor, deutete Neville mit einer kreisenden Handbewegung an, dass er sein Problem etwas weiter ausführen sollte.
Wobei er sich nicht daran erinnern konnte, dass Slughorn irgendwelche Partnerarbeiten erwähnt, geschweige denn die Partner selbst festgelegt hatte. Dann fiel ihm ein, dass er in der letzten Stunde Freitag nicht anwesend gewesen war, sondern mit Draco im Krankenzimmer über die definitiv schädlichen Inhaltsstoffe des seltsam verfärbten Wackelpuddings diskutiert hatten.
Harry fragte sich, mit wem er zusammen arbeiten musste.
Weder Ron noch Hermine hatten ihm gegenüber irgendetwas erwähnt.
Er hoffte nur, dass es nicht Pansy war. Diese hatte selbst Probleme mit Zaubertränken, die sie im ersten Jahr hatten brauen müssen. Das Mädchen konnte von Glück reden, dass sie ein gutes Kurzzeitgedächtnis hatte und Draco sich tatsächlich die Mühe machte einen Tag vor angekündigten Prüfungen sämtliche in jeweiligem Jahr gelernte Zaubertränke mit ihr durch ging.
Er wollte wirklich nicht mit Pansy zusammen arbeiten.
„Ich habe gehört, dass man mit Malfoy seit eurem Projekt... etwas... besser zusammenarbeiten kann. Ehrlich gesagt—"
„Sag mal, die Verteilung der Partner, war die Slytherin-Gryffindor?", unterbrach Harry die Erläuterung seines Freundes, wusste allerdings auch schon, worauf dieser hinaus wollte.
Neville runzelte fragend die Stirn, schüttelte dann den Kopf. „Soweit ich weiß, hat Slughorn sie nach Lust und Laune zusammen gestellt."
„Hm." Harry sah sich nachdenklich um, wandte sich dann an Neville, der ihn aus großen Augen musterte. „Ich kann dir nicht sagen, ob Malfoy sich benehmen wird, aber ich denke mal, wenn du ihn in Ruhe alles alleine machen lässt, wäre er dir wirklich sehr verbunden."
„Ich kann ihn doch nicht alles allein überlassen!"
„Doch, kannst du. Musst du sogar, sonst garantiere ich nicht für deine Sicherheit."
Neville atmete müde aus, während Harry ihn amüsiert beobachtete.
Wann immer Neville mit Draco im Unterricht hatte zusammenarbeiten müssen, unabhängig vom Fach, hatte es stets in einem Chaos geendet. In Zauberkunde hatte der brünette Gryffindor Dracos Unterkörper in Ziegenbeine verwandelt – damals wie heute eine sehr verständliche und charakteristische Assoziation mit dem Blonden.
In Pflege Magischer Geschöpfe war Neville einem Benquilla, den zögerlich auf dem Kopf zu streicheln Draco sich gerade überwunden hatte, auf dem Schwanz getreten, sodass das Tier laut brüllte und dann in die Hand des Slytherins biss, sich die spitzen Zähne nicht nur tief ins Fleisch bohrten, sondern sich aufgrund eines nicht erwarteten Wiederharkeneffekts auch nicht ohne größere Verletzungen lösen wollten. Damals hatte Harry tatsächlich gedacht, Draco würde einfach mal wieder auf seine typische Art dramatisieren, als er sich weigerte seine Hand aus dem Maul des Tiers zu ziehen, bis Seamus einfach den Arm packte und den lautstarken vehementen Protest des Blonden ignorierend einfach mit aller Kraft die Hand herauszog.
Draco war an dem Tag nicht der einzige, der einen Freiflugschein ins Krankenzimmer bekommen hatte.
Solche Geschichten gab es einige und sie zogen sich vom ersten bis ins sechste Jahr.
Es war wie eine mathematische Formel:
Neville Longbottom + Draco Malfoy = Katastrophe; zumindest für den armen Slytherin, für alle anderen war es wohl eher immer wieder ein unterhaltsames Spektakel.
„Woah! Habt ihr das gesehen?", drängte sich Seamus plötzlich auf seine typisch taktlose Art und Weise laut in seine Gedanken. „Als ich die Flecken abwischen wollte, wurde es nur noch schlimmer! Und jetzt ist die gesamte Seite blau!" Wie um seine Behauptung zu unterstützen, hielt der rotblonde Junge ihnen unaufgefordert sein ruiniertes Buch unter die Nase. „Das ist nicht einmal mein Buch! Ich hab es mir von Hermine ausgeliehen." Der Ire warf Harry einen flehenden Blick zu, ließ dann das Buch auf den Boden fallen und krallte sich an Harrys Robe. „Du musst mir helfen! Wenn sie das sieht, bringt sie mich um!"
„Ich denke nicht", versuchte Harry den Kleineren zu beruhigen, entfernte mit einem unterdrückt abgeneigten Gesichtsausdruck die ebenfalls mit Tinte beschmierten Hände von seiner Kleidung. „Sie kennt bestimmt einen Zauberspruch, mit dem die Tinte wieder abgeht."
„Es gibt wirklich einen", bestätigte Neville, schien jedoch im gleichen Moment seine Worte zu bereuen, als Seamus sich umgehend an seine Hüfte warf. „Oh großer Neville! Meister der Sphären! Herr der Tinte-weg-mach-Zauber! Erhöre mein Flehen!"
„Tinte-weg-mach-Zauber?", wiederholte Harry gespielt konsterniert. „Ist dir nichts Besseres eingefallen?"
„Ich stehe hier unter Stress, Mann! Ich habe keine Zeit für kreative Geistesblitze!"
„Ich kenn den Zauber nicht", gestand Neville.
Seamus sah ihn perplex an, bevor sich sein Gesicht zu einer übertrieben wütenden Maske verzog und er nach der rot-gold gestreiften Krawatte griff, drohte den anderen damit zu erwürgen. „Warum machst du mir erst Hoffnung und zerstörst sie im nächsten Moment wieder? Wie kannst du so grausam sein? Du Monster!", dramatisierte der Ire und Harry erwischte sich beschämt dabei, wie er kurz davor war, mental den Irren-Witz zu machen, statt den anderen an seiner grenzwertig kriminellen Handlung zuhindern.
„Hey, Seamus. Weißt du, mit wem ich in Zaubertränke zusammenarbeiten muss?", fragte er einfallslos, doch der Angesprochene hielt sofort in seiner Tortur inne, befreite die Krawatte aus seinem erbarmungslosen Griff, als er sich dem Dunkelhaarigen zuwandte. „Keine Ahnung. Aber ich weiß, dass Ron mit Lavender zusammen arbeiten soll." Ein gehässiges Grinsen umspielte Seamus' Lippen. „Das wird lustig mit an zusehen sein."
„Wenigstens ist es nicht Malfoy", mischte sich Neville ein, rückte mit einem verärgerten Blick auf Seamus und ruckartigen, aber gekonnten Handgriffen seine Krawatte zurecht.
„Auch wieder wahr. Harry allerdings würde sich vermutlich freuen, mit Malfoy zu arbeiten."
„Wie kommst du darauf?" Mal davon abgesehen, dass diese Aussage nicht postwendend von der Hand zu weisen war, wenn er genau darüber nachdachte.
„Hm~" Der Blick des Iren bekam plötzlich etwas katzenartiges und Harry wollte nicht einmal wissen, was der andere dachte. „Andererseits, nach eurem Projekt ist dir bestimmt die Lust auf seine Gesellschaft vergegangen."
„... Ah ja... das Projekt."
Welches Projekt?
„Wie ist es gelaufen?", hakte Seamus weiter nach. „Und was war überhaupt das Thema? Ron meinte nur, es wäre über irgendeinen Zauberspruch, den ihr erforschen sollt."
„Er hat euch das erzählt?"
„Na ja, eigentlich war es Hermine", korrigierte Neville.
„... Hermine hat euch das erzählt?"
„Loo~ogisch. Ansonsten hätten wir dich doch schon längst deshalb belästigt."
„Anscheinend gingen ihr die Gerüchte auf die Nerven", vermutete Neville, bückte sich, um das Buch aufzuheben und Seamus in den Bauch zu drücken.
„Ich hätte lieber bis zum Jahresende Extra-Hausaufgaben bevorzugt, als allein mit Malfoy zusammen arbeiten zu müssen."
„Dumbledore wird sich schon etwas dabei gedacht haben."
„Wir haben schon Witze darüber gemacht, ob Harry Potter die Fronten gewechselt hat", lachte Seamus gehässig.
„Jup, Seamus war sogar der Meinung, dass du nicht nur die Fronten, sondern auch das Ufer gewechselt hast."
„Das habe ich nur gesagt, weil Peeves ständig dieses Lied gesungen hat! – Das war damals wirklich nur ein Witz, Harry", richtete er eifrig die Worte an Harry, der jedoch nur amüsiert schmunzelte.
„Dumbledore hätte euch gleich aneinander ketten sollen, wenn er gewollt hätte, dass ihr soviel Zeit miteinander verbringt."
Harry hatte nie vorher darüber nachgedacht, aber im Nachhinein war es wirklich seltsam gewesen, dass ihn alle in Ruhe gelassen hatte, obwohl er wirklich sehr offensichtlich viel Zeit mit Draco verbracht hatte.
Die Treffen in der Bibliothek, die Gespräch, die sie in den Hallen geführt hatten.
Er hatte allerdings nicht einmal gewusst, dass seine Freunde diese Ausrede in die Welt gesetzt hatten.
Wobei es nicht wirklich eine Ausrede war – in gewisser Weise war es wirklich ein Projekt gewesen.
„Im Großen und Ganzen war die Antwort sehr langweilig. Ich fand unsere Geschichten besser", nuschelte der Ire, verschränkte die Arme hinterm Kopf. „Dass du verhext wurdest und die dunkle Seite sich zu sich geholt hat."
„Oder dass Malfoy ein Veeler ist und dich mit seinem Charme um den kleinen Finger gewickelt hat", fuhr Neville fort.
„Welcher Charme?", mischte sich Parvati plötzlich in ihr Gespräch ein, und die Jungs sahen sie überrascht an, realisierten erst in diesem Moment, dass sämtlich Aufmerksamkeit im Gemeinschaftsraum auf sie gerichtet war.
„Wenn er nicht reden könnte, wäre er perfekt", antwortete ein anderes Mädchen, lachte dann laut. „Aber den Tag möchte ich sehen, an dem Draco Malfoy nichts zu sagen hat."
„Ob es einen Zauber gibt, ihn zum Schweigen zu bringen?"
„Dann bräuchten wir aber auch einen Zauber, um ihn zum Lachen zu bringen."
„Stimmt, stimmt. Er verzieht immer die Augenbrauen so wütend."
„Na ja, wer Parkinsons Mopsgesicht jede freie Minute sehen muss, kann vermutlich auch nicht anders."
„Woah, sind die mies", murmelte Seamus und Neville nickte, während Harry die Hände zu einer Faust ballte und unter den Mädchen plötzlich eine laute Diskussion darüber ausbrach, ob Draco Malfoy überhaupt beziehungstauglich wäre.
„Wieso wollen die das überhaupt wissen? Als würden sie es ernsthaft in Betracht ziehen", meinte Neville missgünstig, schüttelte den Kopf. „Mal davon abgesehen ist es nicht so, dass Malfoy vierundzwanzig Stunden am Tag mit einer ausdruckslosen Maske rumläuft. Ehrlich, als ich das letzte Mal einen Zauberspruch ruiniert habe, hat er ihn wieder korrigiert. Da hat er sich gefreut. Ich fand das unheimlich."
Harry sah Neville, dem es scheinbar bei der bloßen Erinnerung kalt den Rücken runter lief, nachdenklich an, bevor ein flüchtiges Lächeln über seine Lippen lief und er dem naiven Gryffindor gutmütig auf die Schulter klopfte.
„Hey, Potter, da wartet ein Slytherin auf dich", rief plötzlich Katie und der Angesprochene sah auf, während es im Gemeinschaftsraum schlagartig still wurde und die vorher noch kichernden Mädchen sich erschrocken dem Eingang zuwandten
„Ist es Malfoy?", sprach letztendlich eine von ihnen den Gedanken aller aus.
„Wenn man vom Teufel spricht", ergänzte ein untersetztes, blondes Mädchen.
Harry allerdings war sich ziemlich sicher, dass es nicht Malfoy war. Der würde sich selbst im komatösen Zustand ohne zu wissen, wohin es ginge vehement dagegen weigern zum Gryffindor-Gemeinschaftsraum gebracht zu werden. Der Slytherin musste irgendwo im Unterbewusstsein niedere Instinkte diesbezüglich besitzen, sodass das viele Rot förmlich von jeder Faser seines Körper physisch abgestoßen wurde.
Wie ein Fremdkörper.
Nein, Harry war sich ziemlich sicher, dass es im Moment nur einen Slytherin gab, der zu ihm kommen würde. Und er war sich auch ziemlich sicher, was dieser von ihm wollte.
Zögerlich kam er auf die Tür zu, war sich nicht wirklich sicher, ob er Blaise wirklich treffen sollte, wusste er schließlich wie penetrant der Junge sein konnte, wenn er irgendetwas wollte. Durch den Eingang entdeckte er den dunkelhaarigen Jungen mit vor der Brust verschränkten Armen wie er mit der Dicken Dame über Portraits in Hogwarts diskutierte, mit einem charmanten Lächeln über einen gewissen Sir Leopold Glosscow nahe des Zaubertränkeklassenraums plauderte, der offensichtlich ein Auge auf die Madam des Gryffindor-Eingangs geworfen hätte.
„Ich habe dir nichts zu sagen", unterbrach Harry das triviale Geschwätz der beiden, hob auffordernd eine Augenbraue, sobald Blaise sich ihm zuwandte. „Geh wieder."
Das Portrait murmelte leise etwas über ‚ungehobeltes Verhalten', doch Harry störte sich nicht daran, musterte nur Blaise' ernstes Gesicht, jegliche Spur des vorher charmanten Lächelns verschwunden.
„Ich will mit dir reden."
Harry lachte einmal freudlos auf, verschränkte dann locker die Arme vor der Brust, lehnte sich gegen den rundgeformten Türrahmen. „So langsam habe ich diesen Satz satt..."
„Weshalb ist der—"
„Frag Draco", unterbrach er den Slytherin.
Blaise knirschte mit den Zähnen, eine ihm unbewusste Angewohnheit, die er hatte, wenn er wütend war. „Potter! Wieso—"
„Frag Draco", unterbrach er den anderen erneut unbeirrt, stieß sich dann vom Türrahmen. „Ich habe nicht die Absicht mit dir irgendein Gespräch zu führen." Mit diesen Worten wandte er sich ab, doch ein Ruck an seiner Robe hielt ihn zurück.
„Es ist alles deine Schuld!"
Mit einer wirschen, halb rotierenden Bewegung riss Harry sich los, blickte dem anderen fest in die sturen, braunen Augen, die ihm deutlich zu verstehen gaben, dass Blaise sich ohne Antwort nicht von der Stelle bewegen würde. „Egal was du wissen willst, ich werde nichts anderes antworten."
„Potter! Du weißt ganz genau—"
„Nein! Ich weiß nicht! Frag Draco!"
„Potter!"
„Ich kann dich nicht hören", summte Harry, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu, während er mit forschen Schritten die Treppe dem Schlafgemach anstrebte. Er hoffte nur, dass der Slytherin aufgeben würde, doch plötzlich ging ein Raunen durch den Raum und er bemerkte, dass der andere Junge den Gemeinschaftsraum hinter ihm betreten hatte.
Er drehte sich halb zu dem dunkelhaarigen Slytherin um, der nun keine zwei Meter hinter ihm stand, sah in sein wütendes Gesicht, bemerkte die leichten Augenränder, die blasse Haut, Lippen, die fest aufeinandergepresst waren.
„Du bist so penetrant!"
„Wir können ihn rauswerfen, Harry", rief Seamus ihm plötzlich zu, ein verspieltes Lächeln auf den Lippen, während er eine Hand in die Hüften gestemmt hatte, direkt dort, wo Harry wusste, dass der Ire seinen Zauberstab aufbewahrte.
Sein Blick wanderte für einen kurzen Moment zu dem rotblonden Jungen, der nur auf ein Zeichen wartete, seinen Zauberstab zu benutzen, dann wieder zurück zu Blaise, der sich nicht einmal für die offensichtliche Drohung interessierte. Selbstbewusst, weil er wusste, dass er gute Reflexe hatte und einige Zaubersprüche mehr als der durchschnittliche Schüler in Hogwarts kannte.
„Schon in Ordnung", seufzte er letztendlich, wandte sich um und gab Blaise ein Zeichen, dass er ihm folgen sollte.
„Wirklich?", fragte Seamus sicherheitshalber, noch immer ein Funken Hoffnung in der Stimme.
„Ja."
„... Wenn du meinst", erwiderte der Ire leicht enttäuscht, bevor sich ein sadistisches Lächeln auf seine Lippen setzte. „Aber ich werde dich nachher nach ‚Draa~aaco' fragen."
Harry reagierte nicht darauf.
Seamus hatte die Aufmerksamkeitsspanne eines degenerierten Eichhörnchens. Spätestens jetzt hatte er schon wieder vergessen, was er gesagt hatte.
„Wie ich sehe versteht ihr euch alle blendend", murmelte Blaise, sah sich im Gehen neugierig im Gemeinschaftsraum um, schien sich das Layout und jegliche Gegenstände für irgendeinen eventuellen zukünftigen Nutzen exakt einzuprägen.
„Es ist unnatürlich", erwiderte Harry, sich sehr wohl bewusst, dass das Verhalten der anderen Gryffindor zu sehr auf Harmonie getrimmt war. „Als würden sie alle es zu sehr versuchen."
„Was versuchen?"
Er warf dem Jungen hinter ihm einen kurzen prüfenden Blick zu, wandte ihn dann wieder nach vorn. „Weißt du zufällig, mit wem ich in Zaubertränke zusammenarbeiten muss?"
„Was?"
Harry zuckte leichthin mit den Schultern. „Ich meinte es übrigens ernst. Ich werde keine deiner Fragen beantworten."
Blaise' Gesicht verhärtete sich sofort, die sonst so entspannten und fidelen Gesichtszüge nun zu einer ernsten Maske verzerrt „Er sagte, es sei vorbei."
„Frag Draco", wiederholte Harry, nicht ohne einen Funken abartiger und unangebrachter Schadenfreude, wie er selbst nüchtern feststellen musste, während er mit selbstsicheren Schritten den Weg zu seinem Raum folgte.
Mit einer Hand öffnete er schwungvoll die Tür seines Zimmers, wo Dean sich gerade aus seiner Quidditchkleidung schälte und überrascht zusammenzuckte, als Harry eintrat, dicht gefolgt von dem penetranten Slytherin. Er steuerte schnurstracks seine Truhe an, öffnete sie und holte Dracos ordentlich zusammengelegten und gereinigten Mantel hervor.
„Du überrascht mich, ehrlich gesagt", begann Harry plötzlich, verließ unter Deans kritischen Blick wieder das Zimmer und strebte den Gemeinschaftsraum an, während Blaise ihm erneut dieses Mal leicht verärgert folgte. „All dein Gerede, dass Draco und du beste Freunde seid, euch so gut auch ohne Worte versteht – wie kommt es, dass du der einzige warst, der keine Ahnung hatte?" Er warf dem Slytherin ein provozierendes Lächeln zu, doch Blaise behielt seine gleichgültige Maske bei.
„Du bist nicht Draco, Potter."
„Aber trotzdem willst du antworten von mir, du nur er dir hätte sollen geben können. Oder vielleicht auch nicht?", fügte er mit einem spottenden Unterton an. „Was willst du wirklich von mir?"
„Das sagte ich bereits."
„‚Halt dich von mir fern'?"
Der andere Junge stutzte einen Moment, bevor sich etwas wie Erkenntnis über sein Gesicht zog und er verärgert die Zähne aufeinander biss. „Das—" Blaise stockte, ballte die Hände zu Fäuste. „Das verstehst du nicht."
Harry presste die Lippen aufeinander. „Dann würde Draco es auch nicht verstehen?" Das Portrait der Dicken Dame öffnete sich und sie verließen unter neugierigen Blicken den Gemeinschaftsraum. „Und deshalb hat er kein Recht es zu erfahren? Stimmt, er muss so ein Ignorant sein, wenn er ohne Erklärung etwas nicht versteht. Nachvollziehbar, wirklich. Aber ist dir vielleicht mal aufgefallen, dass du ihn nur wie ein Buch lesen kannst, weil er dich lässt?"
Blaise zuckte unwillkürlich zusammen.
„Du hast ein Recht, wütend auf ihn zu sein, genauso wie er ein Recht darauf hat, Geheimnisse zu haben. So wie ich, du und jeder andere auch. Es gibt immer Worte, die besser nicht ausgesprochen werden sollten."
Harry schlenderte auf dem Weg zur Bibliothek langsam an den aufgereihten Portraits der ehemaligen Schulleiter vorbei, interessierte sich nicht einmal dafür, dass er keine Antwort bekommen hatte, grüßte unbewusst eine Schlangenstatue, mit der Draco einmal ein langes lebhaftes Gespräch über die Metamorphose von lakonischen semi-monochromen Flugdrachen aus Bulgarien geführt hatte. Harry hätte nie gedacht, dass der blonde Slytherin ernsthaft und schon überspitzt enthusiastisch über so ein staubtrockenes Thema reden konnte, nur um der Schlange, die übrigens glaubte obenerwähnter Drache zu sein, ein paar unflätige Geheimnisse zu entlocken.
Die dumpf an den Steinwänden wiederhallenden Schritte hinter ihm verrieten ihm, dass Blaise ihm noch immer stur folgte. Vermutlich hat er nicht bemerkt, dass der Mantel auf Harrys Arm dem blonden Slytherin gehörte oder dass sie auf dem Weg zur Bibliothek waren.
Harry hatte wirklich kein Recht dem Dunkelhaarigen eine Standpauke zu halten, vor allem weil er wirklich nicht sagen konnte, was im Kopf des anderen vor sich ging. Allerdings war er sich ziemlich sicher, dass Blaise sich die letzten Tage oft Gedanken gemacht, vermutlich wie alle Beteiligten die Nächte wachgelegen und über ihre Situation nachgedacht hatte.
Blaise wusste vermutlich nur nicht, was er machen sollte, oder war einfach wirklich nur unheimlich wütend und stur.
Vielleicht sollte er die beiden zusammen in einen Raum einsperren, überlegte Harry, verschob jedoch umgehend den klischeehaften Gedanken, richtete seine Aufmerksamkeit auf die offenen Holztüren zur Bibliothek.
„Ah, Mister Zabini!"
Harry hielt überrascht inne, als er die vertraute Stimme, die in ihm eine Mixtur aus Ekel und Verehrung weckte, hörte.
Er sollte sich demnächst auf ein Gefühl einigen.
Ekel war sein erster Gedanke.
„Yo, Sev!", grüßte Harry mit einem amüsierten Zucken seines Mundwinkels.
Für eine Millisekunde konnte er triumphierend etwas wie Erstaunen in den dunklen Augen des Professors lesen und er presste seine Lippen zu einem provozierenden Lächeln zusammen, hielt mühelos dem ablehnenden Blick des älteren Mannes stand.
Dieser schien für einen kurzen Moment seine Reaktion zu überdenken, entschied sich anscheinend für komplettes Ignorieren, als er seinen Blick an Harry vorbei auf Blaise richtete.
„Professor?", entgegnete der Slytherin ruhig, sah seinem Gesprächspartner jedoch nicht ins Gesicht.
„Die ISB—"
„Ich arbeite dran", unterbrach Blaise, konnte den gereizten Tonfall kaum unterdrücken.
Snape reckte skeptisch das Kinn, ließ seine Augen für einen flüchtigen Moment auf Harry ruhen, bevor er erneut ansetzte. „Morgen, spätestens", gewährte er mit seiner unverkennbaren kühl indifferenten Stimme. „Und wenn Sie etwas nicht verstehen, dann können Sie ihren Vorgänger fragen." Mit diesen Worten schwebte der Professor mit einem letzten prüfenden Blick an ihnen vorbei.
„Frag doch Pansy", plapperte Harry sofort seinen ersten Gedanken aus.
Blaise warf ihm einen verbitterten Blick zu.
Wie es aussah hatte Blaise das Mädchen schon darauf angesprochen, nur um zu erfahren, dass diese den Papierkram der Vertrauensschüler normaler Weise Draco überlassen hatte.
Wenn er nett gewesen wäre, hätte Harry ihm gesagt, dass der dunkelhaarige Slytherin auch Christina Bellamy darauf ansprechen könnte, oder irgendeinen der Vertrauensschüler aus anderem Hause, aber wie es aussah war Blaise so sehr darauf fixiert, seine Gedanken von Draco zu eisen, dass ihm paradoxer Weise nur dieser als Antwort einfiel.
„Falls es dich interessiert", unterbrach er plötzlich die Gedanken des anderen und der Angesprochene sah überrascht auf, als Harry sich zu ihm umdrehte. „Er hatte vor es dir zu erzählen." Mit diesen Worten wollte er sich eigentlich abwenden, doch Blaise griff schlagartig nach seiner Schulter, um ihn aufzuhalten, sein Griff stärker als er hätte sein müssen.
„Wann?"
Er ignorierte vorerst die Finger, die unangenehm fest in seine Haut pressten, musterte stattdessen das angespannte Gesicht des Slytherins, bevor er einen unmissverständlichen Blick auf die Hand des Dunkelhaarigen warf. Dieser reagierte sofort, löste seinen Griff, hatte bereits eine stumpfe berechnende Entschuldigung auf den Lippen, doch Harry wollte diese nicht hören.
„Es liegt nicht bei mir, dies zu sagen."
„Du hast damit angefangen, Potter", erwiderte Blaise ungehalten.
„‚Seine Hände haben nicht gezittert, weil ihm kalt war'", erzählte er ruhig. „‚Er hat nicht die Beherrschung verloren, weil er seine Verlobte nicht hergeben wollte'„, fuhr er fort, sich zweifellos bewusst, dass Blaise nicht wusste, worauf er hinaus wollte. „‚Er war nicht wütend auf dich, weil er fast ertrunken wäre.'"
„Hör auf in Rätsel zu sprechen."
„Oh? Ich dachte Rätsel wären Slytherins Fachgebiet", sprach er, während er schließlich die Bibliothek betrat.
In diesem Moment kam ihm Pansy entgegen, die unter lautem Fluchen ihre Bücher auf dem Arm zurechtrückte, während Draco ihr sichtlich amüsiert folgte. Madam Pince, die hinter Gregory und Vincent stolzierte, machte nur wortlos eine fächernde Handbewegung in Richtung Ausgang, würde der lauten Gruppe vermutlich nicht von der Seite weichen, bis diese die Bibliothek endlich verlassen hatte.
„Ich habe nur darauf gewartet", lächelte Harry als er die Slytherin erblickte. „Halt nein, das ist nicht ganz richtig; eigentlich hat Draco schon darauf gewartet."
Pansy hielt nicht einmal in ihrem lauten Protest inne, während sie ihm einen giftigen Blick zu warf. „Warum werde nur ich rausgeworfen? Und dann auch noch Verbot für einen Monat! Wie soll ich meine Arbeiten schreiben?"
„Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du meine Bücher als Wurfgeschosse benutzt hast!", beschwerte sich die ältere Frau, rückte in ihrer typischen Eigenart die ungerahmte Brille auf der Nase zurecht. „Irgendwann musste es passieren. Du hast es lang genug herausgefordert."
„Du hättest wissen müssen, dass sie es irgendwann nicht mehr duldet. Auch wenn sie deine Tante ist", fügte Vincent nüchtern an, konnte noch gerade zurückweichen, bevor Pansy in ihrer Rotationsbewegung, sichtlich darauf aus, jemanden zu verletzen, ihm ihre Tasche ins Gesicht schleudern konnte. „Wer war es denn, der einfach nicht lernen wollte?", knurrte die Brünette, doch der Angesprochene schien sie nur sorglos zu ignorieren.
„Und ich dachte, ich hätte dich besser erzogen", seufzte die Frau enttäuscht.
„Du hast mich gar nicht erzogen!"
„Aber ich habe meine Schwester erzogen und die dich." Die Stimme der Bibliothekarin war trotz der Vehemenz ihrer Worte nur ein Flüstern. Harry kannte nur einen, der mit leiser Stimme eine Drohung aussprechen konnte, sodass es einem kalt den Rücken runterlief und der stand keine paar Meter von ihm und inspizierte ausdruckslos den Mantel auf seinem Arm.
Bevor er jedoch etwas sagen konnte, wurde Madam Pince ungeduldig, stellte ihre Ohren auf taub und drängte die Gruppe mit beherrschtem Temperament Millimeter um Millimeter aus der Bibliothek. Harry beobachtete sie gutgelaunt, war am Eingang stehen geblieben, schien die Truppe schließlich um den Rauswurf nicht herum zukommen.
„Ah!", prononcierte Vincent unauffällig, fixierte einen Punkt hinter Harry, wollte gerade mit dem Finger darauf deuten, als Gregory ihm aus dem Stegreif auf den Fuß trat. Draco musterte seine beiden Freunde argwöhnisch, bevor er ruckartig aufsah und selbst in die von seinem Freund vorher angedeutete Richtung sah.
Seine Augen weiteten sich nur unmerklich.
Harry nahm in diesem Moment den Mantel von seinem Arm, überbrückte die letzten paar Schritte zur Gruppe und warf das schwarze Ungetüm über den Kopf des Blonden. „Frisch von Seamus gereinigt", informierte er den Blonden, und als er einen flüchtigen Blick über seine Schulter warf, war Blaise bereits verschwunden.
„Potter!", knurrte Draco, zog verärgert den Mantel von seinem Kopf und fuhr sich danach mit einer Hand über seine Haare. „Du hättest ihn mir einfach nur geben können."
„Schon möglich."
„Allesamt! Raus!", fuhr die Bibliothekarin wirsch dazwischen. Pansy warf ihr nur einen verärgerten Blick zu, packte Draco und Gregory unter die Arme und zog sie aus der Bibliothek. „Dafür erzähl ich Mama von Argus", knurrte sie patzig, ignorierte den dementierenden Einwand ihrer Tante. Harry musterte sie amüsiert, schloss sich denn den drei Slytherin an, gefolgt von Vincent, der ihnen langsam hinter hertrottete.
Wie konnten sie jahrelang so blind gewesen sein?
oOoOoOo
Draco war nicht begeistert.
Um einer peinlichen Konfrontation aus dem Weg zu gehen, hatte er sich am Montag Morgen zwei Stunden vor Unterrichtsbeginn bereits im Zauberkunderaum eingefunden. Er hatte die Nacht über eh nicht schlafen können und seine Lektüre bereits mehrfach durchgelesen. Also hatte er sinnlos seine silberne Taschenuhr mit dem Zeigefinger hin und her geschoben, bis Potter unangemeldet vorbei kam und ihm etwas aus der Küche mitbrachte.
Es war offensichtlich, dass der Gryffindor noch müde war und es definitiv vorgezogen hätte wie jeder andere Schüler von Hogwarts noch im warmen Bett zu liegen, doch Draco fragte sich nicht einmal, weshalb der Dunkelhaarige wusste, wo er aufzufinden war.
Stattdessen beobachteten sie schweigend den Sonneaufgang, wie das warme rote Licht durch die hohen Fenster des Zauberkunderaums drang, dunkle Schatten auf den kalten Steinboden warf, während Draco lustlos am trockenen Brot zupfte und Harry seinen Kopf mit halbgeschlossenen Augen auf die auf dem Tisch verschränkten Armen gebettet hatte. Schweigend, bis Potter ihm unvermittelt offenbarte, dass er Blaise gegenüber bestimmte Andeutung über ein für Draco noch immer recht delikates Thema gemacht hatte, was den Blonden an sich nicht wirklich störte, hätte dies nicht Blaise' stechende Blicke am Sonntagabend beim Dinner erklärt.
In Zauberkunde von Pansy penetrant abgelenkt, misslang ihm ein Zauberspruch und Professor McGonagall hielt es für angebracht, ihn vor der gesamten Klasse zu demütigen, indem sie erklärte, dass einer ihrer Viertklässler Nachhilfe anbot, die Draco vielleicht in Erwägung ziehen und am Besten auch in Anspruch nehmen sollte.
Daraufhin verließ er kurzerhand die Tür hinter sich zuknallend den Raum.
Ein Verhalten, das er offensichtlich früher nie zu Tage gelegt hätte, ihn in diesem Moment jedoch sehr richtig vorkam. Im Nachhinein war er anderer Meinung gewesen und während er Potter mental verfluchte und bereute, dass der Zauberspruch aufgehoben war, weil das Opfer seiner Hasstirade ihn somit nicht einmal hörte, trat er in einem Anfall temporalen Wahnsinns mit dem Fuß gegen die Wand.
Keine sehr intelligente Entscheidung, dachte er, als er sich ungemein stillos humpelnd auf dem Weg zu Madam Pomfrey machte.
Während diese missgünstig schnalzend und unter kritischen Blick – nachdem sie endlich aufgehört hatte, sich darüber zu beklagen, dass er sie beim Putzen gestört hatte – seinen Fuß examinierte, warf er einen genervten Blick durch die geöffneten Fenster und entdeckte sofort Potter, der zusammen mit seinen Freunden soeben von Kräuterkunde gekommen war.
Gerade als eine Beleidigung über seine Lippen kommen wollte, sah der dunkelhaarige Junge auf und fing seinen verärgerten Blick, machte irgendwelche Handzeichen zu seinen Freunden, bevor er plötzlich losstürmte und sich mit einem Satz, die Hand auf dem Rahmen abgestützt großspurig durch das Fenster ins Krankenzimmer schwang.
Der Slytherin hatte sich in diesem Moment gewünscht, dass der andere Junge irgendwie mit den Füßen hängen und einen kolossalen Sturz auf den harten Boden hingelegt hätte, was er den blasiert grinsenden Gryffindor auch prompt zukommen ließ. Madam Pomfrey allerdings hatte mehr zu sagen und das schien sogar wichtiger als die Heilung ihres derzeitigen Patienten zu sein.
„Mister Potter!", empörte sich die korpulente Schulpflegerin und das breite Grinsen des Angesprochenen wich sofort einem offensichtlich gespielt betreten Gesichtsausdruck. Nach der Tirade über eventuelle Unfälle, die allesamt zu Dracos Bedauern nicht eingetreten waren, endete die Frau schlicht mit den Worten „Tun Sie das nie wieder!" und Potter antwortete phlegmatisch mit einem einfachen „Es tut mir Leid."
„Das will ich auch hoffen", brummte der als Mensch getarnte Drache, schien sich plötzlich daran zu erinnern, dass sie noch einen Patienten auf dem Bett sitzen hatte und zu beschließen, sich endlich um dessen großen Zeh zu kümmern, indem sie ihren Zauberstab an dem gestauchten Glied ansetzen.
„Was ist passiert?", fragte der Gryffindor gutgelaunt, setzte sich ungefragt neben dem Slytherin auf das Krankenbett.
„Nichts."
„Danach sieht der blaugrün verfärbte Zeh auch aus."
„Musst du nicht zum Unterricht?"
„Das gleiche könnte ich dich fragen."
„Sanata Pete", brummte die Heilerin und im gleichen Moment fuhr ein kalter Schmerz von der Spitze des Zauberstabes durch seinen Fuß. Draco konnte förmlich spüren, wie der Knochen zurecht geschoben wurde, hörte ein kurzes Knacken, krallte ob des makaberen Geräusches seine Hände in das Bettlaken.
„Ich hatte das auch mal", begann Potter unbehelligt, musterte interessiert wie die grün-blaue Verfärbung sich langsam zurückzog. „Mein Arzt hat einmal kräftig dran gezogen und ich habe das Krankenhaus zusammen geschrieen. Ich habe damals solange geweint, bis mir die Krankenschwester einen Lutscher gegeben hat."
„Ich weiß", knurrte der Blonde, der sich bis Potter die Geschichte erwähnt hatte, nicht aktiv daran erinnern konnte, doch die Bilder daraufhin zurückkamen und er das freundliche Lächeln der rothaarigen Krankenschwester, für die Harry einige Monate lang geschwärmt hatte, vor seinen Augen sah.
„Du hast wirklich einen Ödipus-Komplex."
Potters Kopf schnellte herum. „Was soll das heißen?"
„Dass Finnigan sich in Acht nehme sollte. Er ist der letzte unbefleckte Rothaarige in deiner Nähe."
„Ich steh nicht auf Jungs."
„Können sie aufstehen, Mister Malfoy?"
Es klang weniger nach einer Frage, als nach einem Befehl. Mit einem kurzen verächtlichen Laut, folgte Draco der Anweisung der Frau, die still, aber geschäftig ihrer Diskussion gelauscht hatte, während sie den Zeh nach oben und unten bewegt hatte. Er lief einige Schritte, drehte sich dann mit einem zufriedenen Nicken zu ihr um.
„Alles in Ordnung", bestätigte er an Madam Pomfrey gewandt, warf dann einen niederträchtigen Blick auf den Gryffindor. „Bei dir geht's nur um Haarfarbe, nicht Geschlecht."
„Bei mir geht's darum, wer mich bei Laune halten kann", erwiderte der Gryffindor unverblümt. „Zumindest hast du das vor zwei Jahren behauptet."
Draco konnte sich vage an ein Gespräch mit Pansy erinnern, indem er etwas in der Art gesagt hatte, zuckte doch dann nur mit den Schultern, warf einen forschenden Blick auf die Uhr über die Tür zu Madam Pomfreys Gemächer.
„Was war es noch mal? ‚Wie kann es jemand schaffen, der fast alles auf dem silbernen Tablett serviert bekommt, immer noch schaffen, etwas zu wollen, was er nicht haben kann?'"//Bin mir nicht ganz sicher, wie es besser ist... wenn ihr einen gänzlich anderen Vorschlag habt, gern
„Schließt das deine Mutter mit ein?", murmelte er trocken.
„Könntest du bitte damit aufhören?", rief Harry ihm empört nach, während Draco ohne ein weiteres Wort das Krankenzimmer verließ.
„Hey, Draco!"
„Was denn noch?", knurrte der Angesprochene, drehte sich um und bemerkte, dass der Dunkelhaarige ihm aus dem Raum gefolgt war.
„Ich muss in die gleiche Richtung", erwiderte der Gryffindor schlicht.
Augenrollend setzte sich der Blonde wieder in Bewegung, während er versuchte die unangenehm vertraute Präsenz neben sich zu ignorieren und sich einredete, dass seine mittlerweile etwas gehobene Laune nicht Resultat des kurzen und sinnlosen Gesprächs zwischen ihnen gewesen war.
Sobald er im Runenlehrraum angekommen war, durfte er mit Argwohn feststellen, dass die Klasse in Vierer-Gruppen eingeteilt worden war. Draco war kurz davor die Tür wieder unauffällig zu schließen und so zu tun, als wäre er nie da gewesen, als ihn Professor Scriberius bereits an der Schulter packte und mit einem diabolischen Lächeln ihr langes Haar zurückwarf, dabei ihre nicht existente Brust rausstreckte. „Es freut mich, dass Sie sich doch noch dazu entschieden haben, dem Unterricht beizuwohnen", bemerkte die schlanke, große Frau, die selbst Draco um einen Kopf überragte. „Ich dachte schon, wir müssten mit einer Dreiergruppe arbeiten, aber siehe da." Sie deutete mit einem Finger auf die vorderste Reihe am Fenster, wo er augenblicklich Hermine Grangers buschigen Frisur ortete.
Genervt mit den Augen rollend, setzte er sich widerwillig in Bewegung, hielt dann abrupt in seinem Schritt inne, als er die beiden Personen neben ihr erkannte.
Fantastisch.
Justin Flinch-Fetchly und Theodore-Möchtegern-Slytherin-Nott.
Er sollte gleich im Krankenzimmer campieren.
„Bringen wir es hinter uns", murrte er stattdessen, als er seine Tasche gegen den Tisch lehnte und sich neben Granger auf dem Stuhl niederließ, ungefragt ihre Notizen nahm und sie überflog, um überhaupt zu erfahren, was sie machen sollten und warum zur Hölle eine purpurfarbene groteske Shakoki Dogu mitten auf dem Tisch prangerte.
Er konnte nur auf Nott tippen, der sich mit solchen Figuren nicht nur sehr gut auskannte und unerträglich oft von ihnen erzählte, sondern sie auch zu unzähligen sammelte – der einzige Grund, weshalb Draco diese Statur tatsächlich benennen konnte.
Er war dazu verführt seine Hand über den Tisch gleiten zu lassen, damit die Figur unwiderruflich auf den Steinen in tausend Einzelteile zerbrach. Aber die Erfahrung von zweieinhalb Jahren hatte Draco gelehrt, dass die gesammelten Figuren nach den häufig aufgetretenen unglücklichen Missgeschicken innerhalb kürzester Zeit wieder in ihrer Urform glorios auf dem Schreibtisch des Brünetten in all ihrer Abscheulichkeit und Abartigkeit prunkten, weshalb er es irgendwann im dritten Jahr aufgegeben hatte.
Er hatte Alpträume von ihnen.
Aber das gab er nicht zu.
„Chiffren und Codes der asiatischen Länder?", fragte er an seine Gruppe gewandt.
Granger zuckte nur mit den Schulter.
„Wir wurden nach Kontinente aufgeteilt", erklärte sie wortkarg.
„Und Nott wusste das bereits, weil—", Draco machte eine rotierende Handbewegung in Richtung hässliches Ding, forderte den brünetten Jungen subtil dazu auf, seinen Satz zu beenden, doch dieser sah ihn nur lange ausdruckslos an, bevor er einen helfenden Blick über die Schulter warf.
Der Blonde atmete frustriert aus und stieß offensichtlich absichtlich die Figur mit einer Hand vom Tisch, ignorierte das Klirren und die schockierten Blicke seiner Arbeitspartner, das überraschte Tuscheln der anderen Mitschüler, während er sein Buch aufschlug und sich zum Ziel setzte Kapitel 15 bis 18 durchzulesen und danach zu fragen, was genau die Aufgabenstellung mit einbezog und welche Aufgabe er in der Gruppe übernehmen sollte.
Bis dahin sollte er sich beruhigt haben.
„Malfoy!", knurrte das brünette Mädchen von seiner Seite.
Der Slytherin schlug die drei Kapitel auf, nahm die Seiten zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete die Dicke. Er würde auf zwei Kapitel erweitern müssen, sollte die nervige Gryffindor ihm weiterhin in den Ohren liegen, was für ein asoziales Verhalten er an den Tag legte. Nott nahm nicht einmal Anstoß an seiner Handlung, sondern reparierte schweigend die Statue und stellte sie wieder mitten auf den Tisch.
Tatsächlich hatte Draco sich bis zum Ende des Unterrichts nicht beruhigen können. Es musste an seinem Schlafmangel liegen, dass jeglicher ausdrucksloser, verängstigter oder verärgerte Blick seitens seiner Arbeitspartner darin resultierte, dass die hässliche Figur Kontakt mit dem Steinboden machen durfte. Nach dem fünften Mal hörte er auf zu zählen und die restlichen Schüler reagierten schon gar nicht mehr auf den Lärm.
Unbeirrt steckte er nach Stundenschluss die Bücher in seine Tasche, während Granger weiterhin in ihrem typisch dominanten Ton Anweisung für die Einzelaufgaben gab, und stolzierte mitten in ihren Ausführungen schnurstracks aus dem Raum, Richtung Slytheringemeinschaftsraum, entgegen der generellen Stromrichtung, machten sich schließlich die meisten Schüler auf dem Weg zur Großen Halle.
Ihm war der Hunger dank der hässlichsten Statur, die Nott jemals angeschleppt hatte, vergangen. Stattdessen spielte er mit dem Gedanken erneut an dem Felix Felicitas Zaubertrank zu arbeiten oder zumindest erst einmal herausfinden, warum er die letzten Male so phänomenal gescheitert war. Doch kaum war er nur noch einige Schritte von seinem Labor entfernt, entdeckte er auch schon einen gewissen Gryffindor, der gemütlich gegen die Wand gelehnt, mit den Armen vor der Brust verschränkt und der Tasche zu seinen Füßen, auf ihn wartete.
In der Hoffnung, dass der andere ihn noch nicht bemerkt hatte, drehte er sich um und versuchte leise den Rückweg anzutreten.
Er musste nicht wirklich in sein Labor. Er war sich ziemlich sicher, dass sein Zimmer mal wieder aufgeräumt oder seine Truhe ausgemistet werden sollte. Und selbst wenn nicht, er würde schon etwas finden, womit er sich beschäftigen konnte. Arithmetikhausaufgaben vielleicht. Wobei er die letzte Nacht schon erledigt hatte.
„Und ein wunderschönes Hallo zurück, Draco."
„Hast du niemand anderen, den du nerven kannst?", entgegnete er trocken, verlangsamte dennoch mehr oder weniger – eher weniger, als mehr, aber das wollte er sich nicht eingestehen – unbewusst seinen Schritt, sodass der Gryffindor zu ihm aufholen konnte.
„Nicht in der Mittagspause", erwiderte Potter, schlenderte nun gemütlich neben ihm her. „Heute ist nicht dein Tag, oder?"
„Wie kommst du darauf?"
„Ich hatte mehrfach das Bedürfnis, gegen eine Wand zu treten und du scheinst es heute schon einmal getan zu haben. Irgendetwas vorgefallen?"
„Nichts Besonderes."
Draco konnte spüren, wie der Gryffindor ihm aus dem Augenwinkel abschätzend musterte, doch er reagierte nicht darauf. Er konnte sich selbst nicht erklären, weshalb Kleinigkeiten, über die er gewöhnlich mit einem kühlem Desinteresse hinweggesehen hatte, ihn derart in Rage versetzten, dass er Türen hinter sich zuschlug und töricht gegen Wände trat.
„Hast du Probleme mit der Angleichung?", fragte der Gryffindor.
„Angleichung?", wiederholte er intelligent, noch halb in seinen eigenen Gedanken verloren.
„Umstellung, von mir aus. Ich nenn es Angleichung, meine ursprünglichen Gedanken und Verhaltensweisen im Vergleich zu dem, was sich durch den Zauberspruch geändert hat."
Draco hielt in seinem Schritt inne, drehte sich halb zu dem anderen um, musterte ihn einen Moment.
„Ich muss gestehen, dass ich keine Probleme habe", fuhr der Gryffindor fort, Stimme bemüht heiter. „Ich sehe keinen Sinn darin, eine Fassade aufrecht zu erhalten. Du allerdings, der so bestrebt ist, dass alles zum Alten zurück kehrt, du musst vermutlich deine Gedanken sortieren und filtern."
„Muss ich nicht", murmelte Draco herablassend, wandte sich von Harry in die entgegengesetzte Richtung ab, um wieder zurück zu seinem Labor zu gehen.
„Kein Grund, patzig zu werden."
„Ich bin nicht patzig. Ich bin herablassend."
„Herablassend ist nur ein anderes Wort für patzig."
„Ist es nicht!", warf Draco ungläubig zurück, verwirrt, dass er sich mit dem anderen auf so ein unsinniges Wortgefecht einließ und umso mehr, dass es ihn weniger störte, als es eigentlich sollte, eher im Gegenteil, ihn vielleicht sogar ein unscheinbares bisschen aufmunterte.
„Hey! Du musst was essen!"
„Keinen Hunger", erwiderte er knapp, etwas verwunderte, dass er den anderen nicht hinter sich hören konnte.
„Möchtest du, dass ich dich gewaltsam dahin schleppe?"
Draco hielt abrupt in seinem Schritt inne und wandte sich dem Gryffindor zu, der noch immer dort stand, wo Draco ihn stehen gelassen hatte. „Potter, meine Laune ist bereits an ihrem Tiefpunkt angekommen. Möchtest du wirklich austesten, ob sie noch tiefer sinken kann?"
Der Angesprochene musterte ihn einen Augenblick ernst, warf dann einen Blick auf seine Uhr. „Wir sehen uns in DADA", war alles, was er daraufhin sagte, setzte sich entgegen Dracos Richtung in Bewegung.
Dracos letzte Stunde war DADA.
Wenigstens ein Fach, das er hoffentlich ansatzweise mit halb gehobener Laune wieder verlassen konnte. Doch bis dahin würde er sich mit seinem selbstauferlegten Projekt beschäftigen. Sollte er es schaffen, den Trank innerhalb der Zeit korrekt zu brauen, bräuchte er vermutlich nicht einmal mehr DADA und wäre sogar dazu bereit, die Stunde mit Snape zu schwänzen.
Doch sobald er hinter den Wandteppich getreten war, konnte er bereits einen fauligen Geruch im Gang wahrnehmen. Seine erste Gedanke, wie schon den gesamten Tage über, war Flucht.
Er wollte nicht einmal wissen, was ihm in dem kleinen, zugestellten Zimmer erwartete. Doch er gab sich einen Ruck, betrat den Raum und überflog mit einem prüfenden Blick zu erst den Schreibtisch, dann die an der Wand stehenden Regale, wovon eines halb den dahinter liegenden unbenutzten Kamin verdeckte und strebte dann zielsicher eine alte unter seinem Arbeitstisch gelagerte Truhe an.
In ihr bewahrte er sämtliche Ingredienzien auf, die er im Laufe der Jahre nicht ganz so unauffällig aus Snapes Vorratsklammer zusammengeklaubt hatte. Auf dem Boden kniend öffnete er die Truhe und sofort intensivierte sich der abschreckende Gestank.
Er hätte es wissen müssen.
Seinem Tag nach zu urteilen würde die verfaulte Zutat, die erst einmal in zeitraubender Einzelarbeit herausgefiltert werden müsste, irgendeine Rarität sein, die, wiederzubeschaffen, an die Grenzen seines merkantilen Einflusses stießen und für die sogar Professor Snape ihn, sollte Draco auch nur mit dem Gedanken spielen, sie von ihm zu ... borgen, suspendieren würde.
Soviel zu seiner entspannten Pause.
Bevor er sich an die mühselige Arbeit machte, jeden einzelnen Behälter exakt zu überprüfen, sah er sich im Raum nach einem Stoff um, den er sich über Mund und Nase binden konnte, nicht nur um den Geruch etwas einzudämmen, sondern auch zu verhindern, dass er sich auf irgendeine Art und Weise selbst vergiftete. Einige der Zutaten, vor allem die Seltenen, tendierten dazu, während des Verwesungsprozesses giftige Gase frei zusetzen. Zwar war er sich gleichzeitig ziemlich sicher, dass die Konzentration nicht ausreichte, um irgendjemanden, leider auch nicht Nott, zu vergiften, aber so wie sein Tag bisher gelaufen war, wollte er kein Risiko eingehen.
Behutsam nahm er nach und nach jeden Behälter heraus, prüfte den Inhalt pedantisch, bevor er ihn sicher auf dem Boden an seiner Seite stellte. Es dauerte nicht lange, bis er sich zu einer handgeschnitzten Holzschachtel vorgearbeitete hatte, unter der sich bereits eine visköse Flüssigkeit angesammelt hatte und von deren Boden, sobald er sie in die Hand nahm, grüne, zähe Stränge zu den darunter liegenden Holzplatten bildeten.
Seine Augen weiteten sich ungläubig und er riss brüsk den Deckel von der Schachtel, starrte ungläubig auf die faulenden Nixenschuppen, die scheinbar im Verlaufe seiner vorherigen Experimente mit Flüssigkeit in Verbindung gekommen waren, ohne dass er es bemerkt hatte.
„Potter hat recht", knurrte er, warf frustriert die Schachtel auf seine Feuerstelle. „Heute ist wirklich nicht mit Tag." Mit diesen Worten entzündete er den hölzernen Behälter, wartete nicht einmal, bis er vollständig abgebrannt war, sondern verließ wütend sein Labor.
‚Karma', würde Pansy jetzt sagen, doch er verdrängte diesen Gedanken, machte sich stattdessen auf dem Weg zum DADA-Lehrraum, würde dort versuchen bis zum Unterrichtsbeginn irgendwie die Zeit zu vertreiben, ohne dass ihm irgendetwas Negatives widerfuhr.
oOoOoOoOo
Fünf Minuten.
Das sollte reichen, hoffte Harry, als er schwungvoll um eine Ecke schlitterte, dabei beinahe mit einer Ritterrüstung kollidierte, dennoch nicht seine Geschwindigkeit drosselte, den Gang laufend weiter verfolgte.
Snape würde ihn köpfen, wenn er zu spät zum Unterricht kommen würde und selbst Dracos Wissen, sich aus solchen Situation galant herauszuwinden, würde ihn in diesem Fall nicht weiter helfen.
Dafür würde Ginny leiden.
Egal, was er ihr angetan hatte, alles hatte seine Grenzen und das rothaarige Mädchen hatte ihre am Mittagstisch definitiv weiträumig überschritten. Von den Erlebnissen, die er seit seiner Offenbarung erfahren durfte abgesehen, hatte er ihr das wirklich übel genommen.
Zwei Stufen auf einmal nehmend sprang er die Treppen hoch, benutzte den obersten Pfosten um ohne an Tempo zu verlieren die Richtung zu ändern. Von weitem konnte er endlich die Figuren seiner beiden Freunde ausfindig machen und mit einem erleichterten Seufzer holte er so schnell er konnte zu ihnen auf.
„Ich dachte schon, du würdest zu spät kommen", meinte Hermine, hielt inne, als Harry keuchend neben ihr zum Stehen kam. Der Angesprochene reagierte nicht auf ihre Worte, schnappte nur schweratmend nach Luft, bevor er sich aus seiner halb gebückten Haltung aufrichtete und seiner Freundin einen verärgerten Blick zuwarf.
„Meine Schuld wäre das nicht gewesen", entgegnete er letztendlich nüchtern. Korrigierte sich allerdings in Gedanken wieder, als er sich daran erinnerte, dass er nicht so hätte hetzen müssen, wenn er nicht noch einen Abstecher in die Küche gemacht hätte. Aber das musste die Brünette nicht unbedingt erfahren.
Die Hexe zuckte im Weitergehen mit der Schulter, während Ron ihm einen mehr oder weniger entschuldigenden, eher belustigten Blick zuwarf, doch dann etwas anderes seine Aufmerksamkeit einfing.
„Was ist das?", fragte der rothaarige Junge neugierig, deutete mit einem Finger auf die unauffällige Tüte, die Harry in der Hand hielt.
„Für Malfoy", entgegnete er ruhig, mied bewusst den Vornamen, wusste er doch, wie Ron darauf reagierte. Hatte er anfänglich den Gebrauch des Vornamens geduldet, so sah er anscheinend keinen Grund mehr für Harry, dies fortzuführen. Doch erstens wollte der blonde Slytherin selbst nicht, dass Harry ihn mit diesem Namen ansprach und zweitens befürchtete Harry, dass alles zwischen ihnen zum Alten zurückkehren könnte, wenn sie erneut die Schranke zwischen ihnen aufbauten.
Harry hatte sich damit abgefunden, dass ihn die Präsenz des Slytherins nicht störte.
Er hatte sich damit abgefunden, dass die Chance bestand, dass sie nicht ihre konstanten Sündeböcke sein mussten.
„Ist das Essen? Das riecht nach Essen. Wann hast du das noch gemacht? Dir ist aber bewusst, dass Essen im Klassenraum verboten ist, oder?", hakte Ron nach, unterbrach die Gedanken des Dunkelhaarigen.
„Hätte mich ein gewisser jemand nicht mit Tomatensoße übergossen, hätte ich es ihm früher geben können", reagierte Harry leicht eingeschnappt und Hermine lachte einmal kurz auf.
Sie war offensichtlich nicht auf seiner Seite.
Und wenn Rons zuckende Mundwinkel und gespielt beschämter Blick irgendein Hinweis waren – er auch nicht.
Seufzend folgte er seinen Freunden.
Mehr oder weniger konnte er ihr Verhalten nachvollziehen.
Ein bisschen zumindest.
Allerdings ging es mittlerweile wirklich zu weit.
Als Ginny ihn gestern beim Quidditchtraining vom Besen gestoßen hatte, hatte er ihre Entschuldigung tatsächlich noch ernst genommen. Als er im weiteren Verlauf diverse Quaffel abbekommen hatte, was zugegebener Maßen wirklich sehr schmerzhaft gewesen war, hatte er wirklich geglaubt, es wären nur dumme Unfälle gewesen. Außerdem hatte er nicht einmal behaupten können, dass sie alle aus Ginnys Richtung gekommen waren, obwohl sie das definitiv taten.
Augenrollend trat er hinter seinen Freunden in den Raum, sah sich einmal um und entdeckte den missgelaunten blonden Slytherin mit seinem typischen genervten Gesichtsausdruck in eine der vorderen Reihen. Pansy saß neben ihn und redete eifrig auf ihn, doch Harry konnte erkennen, dass ihr Gesprächspartner auf Durchzug gestellt hatte, nur ab und zu obligatorisch nickte.
Zielstrebig kam er auf den Blonden zu, ignorierte seinen skeptischen Blick und stellte die Tüte vor ihm auf den Tisch, ging dann weiter und setzte sich zwei Reihen hinter dem anderen, deutete Ron und Hermine, die ihm vage Blicke zu warfen an, sich zu ihm zu setzen.
Seufzend kam die Brünette auf ihn zu, ließ sich neben ihn nieder, während er den Blonden beobachtete wie dieser fragend die Tüte musterte, mit dem Finger einmal prüfend dagegen tippte, sie dann öffnete und grummelnd zur Seite schob. Pansy warf nur einen ratlosen Blick zwischen ihrem Freund und dem scheinbar beleidigenden Objekt neben ihr hin und her, schob es dann weiter zu Blaise, der über einen Stapel Blätter hing, nervös auf dem Ende eines Stiftes kaute und ohne hinzusehen, die Tüte an Vincent weiter reichte, der sich den Inhalt erfreut mit Gregory teilte.
„Wieso machst du das für ihn?"
Harry grinste amüsiert, lehnte sich dann in seinem Stuhl zurück. „Kein Kommentar."
„Und du wunderst dich, warum man dich aus Versehen mit Teller bewirft?"
Er warf seiner Freundin einen verbitterten Blick zu, ignorierte Rons leises Lachen, erinnerte sich ungewollt an die Szene am Mittagstisch zurück.
Ginnys perfide Racheaktion beschränkte sich letztendlich nicht nur auf das Quidditchtraining. Er hatte sich kaum an den Tisch gesetzt und beschlossen, dem Slytherin später etwas aus der Küche vorbeizubringen, als das rothaarige Mädchen sich dazu entschloss ihren Sitzplatz zu wechseln, angeblich weil eine ihrer Freundinnen ihr auffordernd zu gewunken hätte. Mit ihrem Teller und dem Besteck in der Hand stand sie auf und ging hinter Harry entlang als sie plötzlich natürlich aus Versehen über eine erhobenen Steinplatte stolperte und die Soße über seinen Kopf ausschüttete.
Harry hatte nur vollkommen überrascht mit durchgedrücktem Rücken an seinem Platz gesessen, als die Soße von seinen Haaren auf sein Gesicht und vor allem in seinen Nacken tropfte. Die Große Halle brach in schallendes Gelächter aus, während Ginny sich mehrfach entschuldigte, sich dann jedoch nur abwandte, um zu ihrer Freundin zu gehen. Harry dagegen stand von seinem Platz auf und stürmte zu den Duschen, ohne etwas gegessen zu haben.
Die wenigen Minuten, die er eigentlich fürs Essen eingeplant hatte, gingen damit stattdessen für das Duschen drauf.
Allerdings war dies noch harmlos im Gegensatz zum Sonntagabend, als er nichtsahnend am Kaminfeuer saß, das plötzlich ohne Vorwarnung aufflammte und die Zipfel seiner Robe entflammte. Während er panisch das Feuer mit seinen DADA-Notizen ausschlug, bemerkte er aus dem Augenwinkel, dass Ginny ihren Zauberstab auf ihn richtete, und naiv wie er war, hatte er tatsächlich angenommen, dass sie das Feuer löschen wollte, stattdessen verschlimmerte sie es nur noch und Harry sprang auf und zog seinen Mantel aus, warf ihn auf den Boden.
Letztendlich löschte Hermine das Feuer mit einem Kübel Wasser, der auf ihr Geheiß hin ständig gefüllt neben den Kamin zu stehen hatte. Im Nachhinein fiel Harry ein, dass er es auch selbst dank Dracos Zauberkünste hätte löschen können, aber er vermutete, dass er zu sehr Muggle war, sodass seine erste Reaktion die Muggelart war.
Ginny hatte sich lediglich mit ihren mangelnden Zauberkünste entschuldigt und Harrys bissiger Kommentar, einfach die Hände von etwas zu lassen, wenn man keine Ahnung hatte, verstarb auf seiner Zunge, nicht nur weil Hermine anwesend gewesen war und vermutlich etwas von wegen ‚Glashaus' geflüstert hätte, sondern auch, weil er versuchte sich einzureden, dass sie es nur gut gemeint hätte.
Aber Harry würde ihr diese Späße lassen. Wenn es das war, was das Mädchen brauchte, um ihre Wut zu verarbeiten, sollte sie es machen. Irgendwann würde sie sich schon abreagiert haben.
Hoffte er.
Mit geteilter Aufmerksamkeit bemerkte er, dass Snape den Raum mit wehenden Roben betrat, seinen prüfenden Blick einmal über die Klasse gleiten ließ, bevor er sich an das Lehrpult stellte und umgehend seine Lektion begann.
Ihr DADA-Professor schien mal wieder in allerbester Laune zu sein, stellte er nüchtern fest, fragte sich ob schlechte Laune ein Symptom für irgendeine Krankheit war, die unter den Slytherin kursierte, verwarf den Gedanken allerdings so schnell wie er gekommen war, richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Draco, der in diesem Moment ruckartige Schüttelbewegungen mit seiner Feder machte, als er dabei plötzlich das Tintenfass mit der anderen Hand umstieß und die Tinte über seine ordentlichen Notizen quoll.
Harry konnte das amüsierte Prusten nicht rechtzeitig unterdrückten, erntete sofort einen misstrauischen Blick von Professor Snape, während Draco seinen Kopf leicht zur Seite drehte, leise etwas flüsterte und Harrys Rücken auf einmal begann leicht zu jucken, bis sich der Reiz auf seinen Nacken und seinen Hals hinauf, schließlich auf seinen gesamten Körper ausbreitete.
Amüsiert stellte er fest, dass Draco die letzten Tage über immer besser im zauberstabslosen Zaubern geworden war.
Und er schien wirklich sehr schlechte Laune zu haben.
oOoOoOoOo
Draco war nur froh, dass der Tag vorbei war, als er den Slytheringemeinschaftsraum betrat und sich nur noch in seinem Bett verstecken wollte, weil er die Hoffnung hatte, dass ihm dort nichts mehr passieren könnte. Einfach nur in seinem Bett und Hausaufgaben machen.
Nur Hausaufgaben.
„Hey Malfoy. Snape sucht dich!", rief Devon Greenwood, ein blonder, quirliger Fünftklässler, den man gewöhnlich hörte, bevor man ihn sah und der gerade dabei war den Rekord der Weasley-Zwillinge im Rausfliegen aus dem Unterricht zu brechen. „Ich war gerade bei ihm. Sieht so aus als hätte dein Freund Mist gebaut. Du sollst umgehend zu ihm kommen."
„Umgehend?"
„Ja, wie in sofort„, entgegnete der Jüngere prompt, ein verspieltes Lächeln auf den Lippen, während er ein Buch locker in seiner Hand gegen seine Schulter gelehnt betont provokant an Draco vorbei schritt.
Soviel zum Thema sich in Ruhe in seinem Zimmer verstecken.
Professor Snape hatte schon seit dem DADA-Unterricht schlechte Laune gehabt, sodass er seit langem sogar Hauspunkte von seinen Slytherin abgezogen hatte.
Die Gryffindor hatten nicht einmal genug Zeit sich darüber zu freuen, bis sie registrierten, dass, wenn Snape sogar so mies darauf war, dass er seinen geliebten Slytherin Punkte abzog, sie schon durch bloßes Niesen wegen der Störung des Unterrichts nicht nur Punkte verlieren, sondern auch suspendiert werden würden.
Draco konnte sich nicht daran erinnern, die Klasse jemals so ruhig erlebt zu haben.
Neville Longbottom hatte sich kaum getraut zu atmen und lief einmal während des Unterrichts tatsächlich blau an, sodass ihm Seamus Finnigan durch positives Zuflüstern nahezu zwingen musste, Luft zu holen. Longbottom hatte nur den Kopf geschüttelt. Daraufhin hatte der Ire ihm ins Schienbein getreten.
Im Endeffekt wurden sie beide rausgeworfen und zwanzig Punkte von Gryffindor abgezogen.
Potter hatte dies nur mit einem amüsierten Lächeln verfolgt.
Potter schien es derzeit sowieso unverdient gut zu gehen.
Wenn er Draco nicht unbedingt auf die Nerven fiel oder ihn mit Essen überhäufte, als hätte er Angst, der Blonde könnte im nächsten Moment vor Hunger in irgendeiner versteckten Ecke umfallen, dann tobte er draußen mit seinen Freunden über die Wiese wie hyperaktive Finri-Wölfe auf Partnersuche.
Vielleicht war er das auch.
Wer wusste das schon.
„Oh gnäd'ger Herr. Du wirkst bedrückt."
Draco sah überrascht auf, warf dann einen Blick zur Seite und entdeckte das Portrait von Violètte Bourboun, die sich mit einer flatternden Handbewegung Luft zuwedelte, ihr schmales, blasses Gesicht halb hinter dem buntengefärbten Fächer versteckt.
Er konnte sich nicht daran erinnern, dass das Portrait ihn jemals angesprochen hatte. Gewöhnlich warf sie einfach nur einen anmaßenden Blick zur Seite, wenn Schüler vorbeikamen oder zupfte gelangweilt an ihre langen schwarzen Korkenzieherlocken, schnaubte einmal missgünstig.
Die Dame im Portrait musterte ihn einen Augenblick, bevor sie mit einer bestimmten Handbewegung ihren Fächer zusammen klappte, ihr Kinn leicht reckte, während ihre blutroten Lippen ein anzügliches Lächeln zierte.
„Oh, was für eine angenehme Überraschung", fuhr sie Wort, faltete ihre Hände mit dem Fächer in ihrem Schoß. „Heute reagierst du auf Unsere Worte."
Draco runzelte die Stirn.
„Wie lange ist es her?", fragte die junge Frau sich selbst, schien allerdings nicht wirklich über die Frage nachzudenken. „Zwei Nächte? Wir dachten, du wärst illuminiert, als du durch die Halle getorkelt bist und dich unerlaubt auf Uns abgestützt hast. Du besaßest sogar die Dreistigkeit unsere Worte ignorierend einfach weiter zugehen."
Er konnte sich wirklich nicht daran erinnern, dass jemand ihn angesprochen hatte, geschweige denn, dass er sich an dem Portrait abgestützt hatte. Andererseits hatte er zu diesem Zeitpunkt die schlimmsten Kopfschmerzen seines bisherigen Lebens ertragen dürfen, weshalb er sich nicht wunderte, hätte er die säuselnde Stimme des Portraits einfach ignoriert.
„Liebeskummer. Wir riechen ihn förmlich."
Der Blonde setzte sich ohne ein Wort in Bewegung.
Er würde sich jetzt nicht mit einem Portrait über Liebeskummer unterhalten.
„Oh, Wir verstehen", rief die Frau ihm nach. „Vielleicht solltest du das Portrait von Lord Jonathan Irving besuchen", gluckste sie, während ihr schrilles Lachen durch den Gang hallte und Draco beschloss, das Gemälde das nächste mal wenn er an ihr vorbei kam in Brand zu stecken.
So etwas war genau der Grund, warum er sich am Liebsten in seinem Zimmer verkriechen wollte – oder in seinem Labor, korrigierte er sich, als er sich die jämmerliche, zusammengesunkene Gestalt auf seinem Bett vorstellte.
Den gleichen Fluchtgedanken hatte er auch, als er die Tür zu Snapes Zimmer öffnete und Blaise betreten und gleichzeitig wütend auf der Couch saß, den Kopf über diverse unsortierte Zettel, Akten und Rollen gebeugt, während er auf dem Ende eines Stiftes kaute, nicht einmal aufsah, als Draco den Raum betrat und leise die Tür hinter sich schloss.
Der ehemalige Zaubertränkelehrer saß an seinem Schreibtisch, warf einen prüfenden Blick auf den Kessel an seiner Seite, aus dem ein fruchtiger Geruch aufstieg, ignorierte ebenfalls Dracos Präsenz.
„Du sollst mir helfen", murmelte Blaise schließlich, Blick immer noch stur auf die Papiere gerichtet. Draco musste nicht lange überlegen, wobei er seinem Freund helfen sollte, resignierte und setzte sich dem anderen gegenüber auf den Sessel und suchte unter dem Papierhaufen nach einer hellblaue Akte.
„Eigentlich hätten sie es dir bei der ersten Vollversammlung erklären sollen", flüsterte Draco, begann die Blätter und Pergamentrollen unter Blaise' genervten Blick auf dem Tisch zu sortieren.
„Sie waren zu sehr damit beschäftigt, sich darüber zu ärgern, dass es eine unangemeldete Vollversammlung gab", erklärte der Dunkelhaarige mit einer passiven Kühle. „Penelope stellte mich vor, drückte mir sämtliche Formulare in die Hand und weg waren sie."
Slytherin-freundlich wie eh und je, dachte Draco, wunderte sich nicht, dass die restlichen Vertrauensschüler nicht einmal bereit dazu waren, Blaise in seine neuen Pflichten einzuweisen. Vermutlich waren sie davon ausgegangen, dass sein Vorgänger oder Pansy ihn über alles aufklären würden.
Weit gefehlt.
Pansy hatte den lästigen Papierkram Draco überlassen, genauso wie die Runden durch Hogwarts und die Handhabung von Problemfällen. Als Gegenleistung kümmerte sie sich um die zahlreichen Herzensangelegenheiten sämtlicher Slytherin, um Prüfungsstress und was alles mit dem Innenleben der Jüngeren zu tun hatte, von dem Draco wirklich nichts wissen wollte, im Großen und Ganzen aber zwangsläufig dennoch wusste.
Nachdem er die Papiere geordnete hatte, legte er die blaue Akte vor Blaise ab, nahm die oberste der aufgestapelten Papierrollen in die Hand und reichte sie dem anderen.
„Millicent Bullstrode?", las Blaise vor, rollte das Pergament auf und überflog es kurz, bevor er das Schriftstück zur Seite legte und die blaue Akte nach eventuellen Unterlagen das Mädchen betreffend durchsuchte.
„Von Bullstrode brauchen wir nur die Zensurenliste", informierte Draco seinen Freund. „Und sie war einmal im Krankenzimmer wegen eines verstauchten Knöchels. Es müsste eine Bescheinigung irgendwo dort drin sein. Fehlstunden 6, unbescheinigt."
Tatsächlich war das Lästigste an der Arbeit des Vertrauensschüler der monatlich ISB – Abkürzung für Individueller Statusbericht. Eine Dokument, in dem über jeden Slytherin Buch geführt wurde. Wie oft sie Hogwarts verlassen hatten, Hogmeads-Wochenende inbegriffen und in einer extra Spalte nicht inbegriffen, gefehlte Unterrichtsstunden, Notendurchschnitt, eventuelle Unfälle, Verstöße gegen Schulregeln, natürlich komplett mit Paragrafen und Absätzen.
„Du übernimmst Pansys Mädchen?"
Blaise musterte ihn für einen flüchtigen Moment, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Akte warf, die einbefindlichen Blätter durchging und nach den genannten Dokumenten suchte.
„Ich dachte, ich lasse es so, wie ihr euch damals geeinigt habt. Mal davon abgesehen hat Pansy mir Sanktionen angedroht, sollte ich sie auch nur einmal mit Papierkram belästigen."
Draco erwiderte nichts darauf, suchte in den Unterlagen eine alte Schriftrolle, in der sämtliche Schulregeln aufgelistet waren, wobei er diese fast auswendig konnte.
„Ich habe mir deine alten ISB angesehen. Woher wusstest du, wie oft die Slytherin gefehlt haben?"
„Normalerweise müssen die Betroffenen einen Antrag beim Vertrauensschüler stellen, der dies mit dem Hauslehrer abspricht."
„Soviel weiß ich auch", knurrte der Dunkelhaarige. „Und woher wusstest du, wann sie sich rausgeschlichen haben? Denn im Gegensatz zum Antrag—"
Draco machte ein kurzes, zischendes Geräusch, bevor er aus dem Augenwinkel einen prüfenden Blick auf den Professor am Schreibtisch warf, sich dann etwas weiter über den Tisch beugte.
„Jeder Vertrauensschüler hat seine eigenen Tricks", erklärte er leise, beobachtete die flinke Hand des anderen, die nun feinsäuberlich begann Millicents Zensuren in eine Spalte zu übertragen, während sich das Formular verlängerte umso näher Blaise dem Ende kam. „Die meisten interessieren sich nicht einmal dafür." Allerdings waren die meisten Schüler in Slytherin Kinder alteingesessener Reinblutfamilien, die wirklich jedes winzige Detail erfahren wollten und bei den kleinsten Fehlern nicht nur über Professor Snape, sondern auch über die zuständigen Vertrauensschüler wie ausgehungerte Harpyien herfielen. „Andere benutzen Tracker an ihren Problemfällen. Ich habe Vereinbarungen mit den Portraits abgeschlossen."
Tatsächlich war es ziemlich schwer gewesen, die Gemälde davon zu überzeugen, ihm zu helfen, allerdings wäre er nicht Draco Malfoy, wenn er nicht auf seine typisch charmante Art und Weise das Problem innerhalb kürzester Zeit gelöst hätte. Es war beachtlich wie anspruchslos die meisten Figuren geworden waren, freute sich ein Großteil schon darüber, wenn man ihnen versprach ab und zu zum Reden vorbeizukommen.
Draco, der dank seiner Schlafstörungen genügend Zeit zur Verfügung hatte, hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, bestimmte Wege durch Hogwarts abzulaufen, sodass er die meisten Portraits in einer Nacht besuchen konnte. Im Gegenzug dafür hielten sie sich an ihr Versprechen und er erfuhr innerhalb von Minuten, ob ein Slytherin Hogwarts durch diverse, teilweise sogar ihm unbekannte Geheimgänge verlassen hatten.
„Pippkin?", las Blaise fragend vor, öffnete das Dokument, anscheinend ein ihm unbekannter Name.
Mandy Pippkin.
Ein stilles, schwarzhaariges Mädchen im dritten Jahr, das ihre Haare stets in zwei geflochtene Zöpfe trug, selten mit jemandem redete und dem Draco inoffiziell erlaubt hatte, nach Ausgangssperre das Musikzimmer zu benutzen.
Draco kannte tatsächlich jeden Namen und konnte ihm einen Gesicht zuordnen, obwohl er mit den meisten bisher noch kein Wort gewechselt hatte.
Dennoch hatte er für jeden eine Sonderregelung, von dem die Betroffen in den meisten Fällen selbst nicht wussten, und die er nicht immer konsequent einhielt. Selbst für Pansy und Blaise hatte er eine bestimmte Regel, wobei die eher für den Jungen als für seine Freundin war, hatte sie dank ihres Status mehr Freiheiten.
„Keine Bemerkungen? Und die Noten sind beispiellos...", kommentierte Blaise, schien sich darüber zu freuen, dass es tatsächlich Schüler gab, die ihm keinen Stress bereiten würden. „Im Gegensatz zu dem hier." Draco sah auf, musterte die neue Schriftrolle in der Hand des anderen. Er musste den Namen nicht lesen, konnte anhand der Dicke erahnen, um wen es ging.
„Wie schaff es Malcolm innerhalb eines Monats so oft zu fehlen?", entrüstete sich Blaise plötzlich, starrte fassungslos auf die Zahlen vor ihm. „Hast du dich verschrieben?", fragte er nun an den Blonden gewandt, der pikiert die Nase rümpfte.
„Seine Schwester liegt im Krankenhaus", begann er leise, „Wenn er seine Noten hält und O's vorweisen kann, darf er sie innerhalb der Woche besuchen."
„Wer hat das erlaubt?", fragte Blaise überrascht, warf einen demonstrativ fragenden Blick auf den schwarzen Rücken des Zaubertränkemeisters.
„Der Vertrauensschüler."
„Pansy?"
Draco richtete seinen Blick auf die Schriftrollen neben sich, die sie für die Liste nicht brauchen würden. „Die ist nicht primär für die Jungs zuständig..."
Der dunkelhaarige Junge antwortete anfänglich nicht, dann:
„Seine Noten sind nicht besonders gut, das weißt du."
Natürlich wusste er das.
Auch wenn es die meisten Schüler nicht ahnten, doch ihre Noten wurden den Vertrauensschüler Ende des Monats mitgeteilt. Draco kümmerte sich nicht darum, wer welche Noten in welchem Fach hatte. Er legte die Merkblätter einfach in seinem Schreibtisch ab und verschloss die Schublade, bis er sie für die Liste benutzen und danach verbrennen konnte.
Bei Malcolm ignorierte er einfach geflissentlich, dass der Brünette die Testblätter oben am Rand, wo gewöhnlich der Name eingetragen war, festhielt oder dass er eine scheinbar sehr wandlungsfähige Handschrift hatte – manchmal sogar die I-Punkte in Form von Herzchen malte. Er warf einfach nur einen Blick auf das untere Ende, registrierte das O und entließ den Jungen mit einer gelangweilten Handbewegung, sodass er nach dem Unterricht sofort verschwinden konnte.
„Das erklärt zumindest, weshalb er jedes Mal mit seinen Testergebnissen zu dir gelaufen kam." Draco war sich nicht sicher, aber er dachte, eine Spur Belustigung in der Stimme gehört, für einen kurzen Moment ein Lächeln auf den Lippen des anderen gesehen zu haben.
Doch er verdrängte es, arbeitete nur in Stille weiter.
Dennoch, die Atmosphäre schien entspannter als zuvor, das Schweigen nur unterbrochen von Dracos Flüstern, wenn Blaise dabei war etwas falsch in die Spalten einzutragen, von Professor Snapes kratzender Feder, während er manchmal leise vor sich hinbrummte, wenn einer seiner Studenten mit einer offensichtlich dämlichen Antwort auf die Testfragen geantwortet hatte.
Unbewusst schienen sie in ihre alten Gewohnheiten zurückzufinden, die distanzierende Kälte zwischen ihnen langsam und unauffällig schwindend. Vielleicht aber bildete Draco sich das auch nur ein, dachte er, beobachtete wie Blaise die nächste Rolle vom Stapel nahm, einen Moment innehielt und einen flüchtigen Blick auf Draco warf.
Der Blonde sah auf und belächelte bitter den aufgedruckten Namen, als Blaise damit begann seine Noten und Fehltage einzutragen.
Abrupt hielt Blaise an einem Feld inne, deutete mit seinem Stift auf „Besondere Anmerkungen". Es dauerte einen Moment, bis Draco die stumme Frage realisierte, doch er musste nicht lange überlegen, diktierte dann, nachdem er einen kurzen Blick auf den Zaubertränkemeister geworfen hatte. „Schreib: Zwei Monate Nachsitzen, beginnend am— Professor?"
„Heute", antwortete der Angesprochene kurz angebunden, tunkte seine Feder in das Tintenfass an seiner Seite.
Draco hob fragend eine Augenbraue, wandte sich dann wieder dem anderen Slytherin zu, der bereits das Datum niedergeschrieben hatte, fuhr dann in seiner Erklärung fort. „Aufgrund Verstöße gegen, Doppelpunkt: Paragraf 31, Absatz 2, unerlaubtes Zaubern auf Schulgelände; Paragraf 103ff der Allgemeinem Zauberbestimmungen des Ministeriums, kurz AZBdM, Zaubern von Unmündigen ohne Aufsicht eines mündigen Zauberers oder einer mündigen Hexe; Paragraf 126 Gefährdung—" Langsam und deutlich zählte er mit einer ruhigen, passiven Stimme sämtliche Delikte auf, die er dank und vor allem durch Potter begangen hatte.
Erinnerte sich nur ungern daran, dass sie vermutlich einen neuen Rekord aufgestellt hatte.
Allerdings konnte Blaise von Glück reden, dass Draco in der Hinsicht die Regeln auswendig kannte und sie somit nicht mühsam alles nachschlagen mussten, dachte er, als ein ohrenbetäubendes Donnern ihn mit brachialer Gewalt in die Gegenwart zurückwarf?
Blaise ließ vor Schreck seinen Stift fallen, während Snape ruckartig die Schultern anspannte. Draco hatte das Gefühl, die Wände um sie herum würden vibrieren und vielleicht taten sie es auch, wenn er die wabernde Flüssigkeit, die im Kessel hin und her schwappte, betrachtete. Vor der Tür hörten sie eilige Schritte und aufgebrachte Stimmen, die wirr und laut durcheinander riefen.
Er reagierte schnell, stand vom Sessel auf, doch noch bevor er auch nur einen Schritt auf die Tür zugehen konnte, spürte er eine Hand auf seiner Schulter, die ihn bestimmt zurück auf seinen Sitz drückte.
Professor Snape ging weiter auf die Tür zu und öffnete sie.
Auf dem Gang konnte Draco von seinem Platz aus Rauchwolken sehen, die nun auch schwermütig in Snapes Gemächer zogen. Der ältere Mann trat in den Flur und ließ die Tür mit einem unheilvollen Knarren hinter sich ins Schloss fallen.
Draco bemerkte wie sich sein Körper verkrampfte, doch er wandte sich nur wieder seinem Freund zu, der in diesem Moment blind unter dem niedrigen Couchtisch nach seinem heruntergefallen Stift tastete, einmal frustriert ausatmete und sich dann doch herunterbeugte, um das widerspenstige Schreibutensil zu orten.
Sobald Blaise sich wieder aufrichtete, wandte Draco seinen Blick auf die geöffnete Pergamentrolle, wartete darauf, dass der Dunkelhaarige seinen Stift wieder ansetzte.
Aber Blaise begann nur den aufgelesenen Gegenstand nachdenklich in seinen Händen zu drehen.
„Möchtest du Herumstreifen nach Ausgangssperre notieren?", fragte er nach einiger Zeit, ein kläglicher Versuch die ausgedehnte und vor allem anklagende Stille zu durchbrechen.
„Nein", erwiderte Blaise. „Aber ich würde die Strafe gern auf fünf Monate verlängern, weil du mich in diese beschissene Situation gebracht hast."
Draco zögerte einen Moment.
„Ich wollte das gar nicht sagen", murmelte Blaise mehr zu sich selbst und Draco sah auf. „Verdammt! Ich wollte dich nicht einmal ansprechen!", redete der Dunkelhaarige weiter, warf seinen Stift auf den Tisch und sah Draco mit einem anklagenden Blick an. „Das ist alles deine Schuld! Hast du nur einmal daran gedacht— Halt! Nein!" Er hob seine Hand um Draco vom eventuellen Antworten abzuhalten. Nicht, dass dieser auch nur annähernd die Frage hinter den ausgesprochenen Worten erahnen konnte. „Ich will das gar nicht wissen! Ich will überhaupt nicht mit dir darüber reden."
Blaise wippte mit dem Fuß und griff nach dem Stift, tippte ungeduldig damit auf dem Pergament. „Welcher Paragraf war noch mal Herumlaufen nach Ausgangssperre?"
Draco blinzelte einmal irritiert, wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als der Dunkelhaarige den Stift erneut energisch auf den Tisch fallen ließ. „Weißt du was? Ich habe meine Meinung geändert. Ich will doch jetzt mit dir darüber reden!"
Der Stift tat ihm leid, registrierte der blonde Slytherin im Unterbewusstsein zusammen mit der Erkenntnis, dass vom eigentlichen Thema ablenkte, um eine Auseinandersetzung mit dem anderen zu meiden. Er fragte sich, wie debil er sich stellen musste, damit Blaise ihn vom Haken ließ.
„Da du offensichtlich nichts zu sagen hast", knurrte Blaise wütend „und das war jetzt nicht sarkastisch gemeint, denn ich weiß, dass du nichts weiter zu sagen hast, werde ich dir einfach erzählen, was mir durch den Kopf gegangen ist. Lass mich gleich einmal genau damit anfangen: Warum muss alles an mir hängen bleiben! Auf deiner Seite ist alles gesagt und ich muss mich mit den Konsequenzen auseinander setzen? Vielen herzlichen Dank, du Bastard! Und dann tun alle so als wäre ich der Schuldige! Ich bin hier das Opfer – nicht du! Wieso weiß es überhaupt jeder? Gregory – okay, der scheint sowieso immer alles zu wissen. Aber dass sogar Nott es wusste! Der bemerkt doch sonst nichts außerhalb seiner ... seiner... seiner... – was weiß ich? - burleskenSphären!" Blaise war mittlerweile aufgestanden, lief vor dem Couchtisch auf und ab und begann nun wild mit den Händen zu gestikulieren.
Draco beobachtete ihn mit einem undurchsichtigen Blick, versuchte, das langsam aufstrebende deutlich absurd deplazierte Gefühl der Freude zu unterdrücken.
„Argh! Ich bin so wütend auf dich! Du Arsch! Ich sollte dich hassen, aber stattdessen bin ich sofort angelaufen gekommen, als ich gehört habe, dass Potter und du im Krankenzimmer lagt! Und das hat mich nur noch wütender gemacht!", fragte er sich selbst.
„Apropos Potter! Überhaupt Potter! Diese ganze Potter-Scheiße und ich rede nicht über diesen Zauberspruch – wieso ist der überhaupt aufgehoben? Ich rede von dem ganzen Mist, mit dem ich mich seit dem ersten Jahr herumplagen durfte! Warum musstest du dir unbedingt Potter als Erzfeind aussuchen? Ich weiß, dass du ohne Feindbild nicht überleben kannst, aber hättest du nicht—Hättest du nicht—von mir aus Nott als Rivalen auserkoren können? Oder Neville Longbottom? Herr Gott, es gibt an die hundert Schüler an unserer Schule und du musstest dir unbedingt Prinz von und zu Narbe aussuchen? Mister Ich-bin-viel-besser-wie-du! Ja, bei ihm heißt das nämlich wie!"
Eigentlich stimmte das nicht, dachte Draco, hielt es allerdings für ratsam die ungewollt unterhaltsame Hasstirade seines Freundes nicht zu unterbrechen.
„Mister Auf-meinem-Kopf-leben-Vögel! Mal ernsthaft, was ist das eigentlich? Eine Gasexplosion oder eine Naturkatastrophe? Es gibt für jeden Scheiß einen Zauberspruch! Wenn er wirklich ernsthaft etwas gegen dieses lebende Ungetüm auf seinem Kopf ausrichten wollte, hätte er bei seiner horrenden und destruktiven Neugier mittlerweile an die fünfzig Wege finden müssen!
„Mal davon abgesehen, dass du dich, wenn es um ihn geht konsequent zum Idioten machst! Aber das ist egal! Das geht mich ja alles nichts an, denn was zwischen dir und Potter geschieht, bleibt zwischen euch. Das ich nicht lache!
„Wie kommt es eigentlich, dass diese Person, mit der ich eigentlich überhaupt nichts zu tun habe – überhaupt nichts zu tun haben möchte, so einen großen Einfluss auf mein Leben hat? Und was fällt ihm ein, so zu tun, als würde er alles wissen! Nur weil er ein paar Tage in deinem Kopf verbracht hat, brauch er sich nicht einzubilden, alles über dich und mich zu wissen. Und dann auch noch die Frechheit besitzen mich zu belehren! Ich kenn dich besser als Potter! Ich weiß nämlich Dinge, die nicht einmal du von dir weißt! Und was sollen all diese wirren Andeutungen? Wenn er was zu sagen hat, soll er es sagen! Nur weil du gern in Rätseln sprichst, müssen die restlichen Slytherin das nicht auch tun! Ich mag es konkret und auf den Punkt gebracht!"
„Das hat mich bei dir auch immer gestört! Dass du nie irgendetwas einfach aussprechen konntest! Wenn du willst, dass jemand etwas für dich macht dann frag und geh nicht davon aus, dass sie wie ich deine Gedanken lesen können! Hätte ich diese Fähigkeit nicht unter den widrigsten Umstände kultiviert, wüsste noch immer niemand was genau in deinem normalerweise intelligenten, aber sporadisch in den sozial elementarstes Situation absolut inkompetenten Kopf vor sich ginge!"
„Was mich auch gleich auf das Hauptthema bringt: Regel Nummer Eins des ungeschriebenen universell geltenden Freundschaftskodex: Man verliebt sich nicht in seine besten Freunde! und wenn man es doch tut, dann ist man ein Idiot und hat's mit Absicht getan! So etwas passiert nicht aus Versehen, da muss man hart dran gearbeitet! Und ich habe all die Jahre nichts geahnt! Aber alles hat auf einmal Sinn ergeben!" Blaise sich wieder auf die Couch fallen, stützte seinen Kopf in die Hände.
„Dein distanzierendes Verhalten; ich dachte immer, das wäre dein Charakter. Ich meine, es ist dein Charakter. Pansys Eifersuchtsanfälle, wenn sie uns im Bett gesehen hat. Es ging gar nicht um mich, es ging um dich. Dass du mich immer mehr auf Distanz gehalten hast als Gregory oder Pansy – ich dachte es läge daran, dass ich um einiges körperlicher war als die anderen. Ich habe mir nie etwas dabei gedacht, aber jetzt; diese Gedanken im Kopf."
„Draco", ein melancholischer Unterton schwang in seiner unerwartet isolierten Stimme mit, als er seinen Blick auf den blonden Jungen auf dem Sessel richtete. „Wie blöd war ich eigentlich?"
Draco wandte seine Augen ab, schwieg, als ein leises Klicken zu hören war.
„Also, der Paragraf für Herumlaufen war?", fragte Blaise prompt, die schwermütige Atmosphäre durch die sachliche Frage durchbrochen, während Draco einen Moment brauchte um zu realisieren, dass sich die Tür hinten ihnen öffnete.
„Paragraf 53", antwortete er ruhig.
Dann richtete seine Aufmerksamkeit auf Snape, der einen gewissen Slytherin am Nacken in das Zimmer und auf einen Stuhl am Schreibtisch dirigierte, verfolgt von einem stechend verbrannten Geruch. Der brünette Junge fluchte und zeterte, doch Snape reagierte nicht einmal darauf, sondern drückte ihn nur harsch auf den Stuhl, drehte sich um und verließ so schnell wie er gekommen war wieder den Raum.
Die ausgesprochenen Worten hingen noch immer fragmentarischin der Luft, dennoch ergänzte Blaise schweigend seine Notizen um den Paragrafen, legte die Schriftrolle dann zur Seite, während Draco aus dem Augenwinkel Malcolm beobachtete, der sich mit gesenkten Blick im Raum umsah, verunsichert aufblickte, als er die beiden älteren Schüler in der Sitzecke entdeckte.
Malcolms Haut war gräulich verfärbt und ein eidechsenartiger Schwanz, von seinem Steißbein ausgehend, zuckte verspielt hin und her.
„Iiii~iiihr", begann der Jüngere mit säuselnder Stimme.
Blaise suchte mit einem genervten Blick die bereits bearbeitete Pergamentrolle des Jungen aus dem abgearbeitet Stapel heraus, während der Blonde die Schulregeln aufschlug, um sich zu vergewissern, dass der Drittklässler soeben wirklich gegen mindestens vier Regeln verstoßen hatte.
„Ich habe da so einen Freund", begann der Drittklässler zögerlich, rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her, „der vermutlich, eventuell, man weiß es noch nicht genau, so ungefähr einen Raum – oder auch zwei..., vier, wenn man die gegenüberliegenden mitzählt... Was unter dem Schutt, Rauch und Staub aber nicht wirklich deutlich zu sehen war! – Also, der hat da so herumexperimentiert – mit vollkommen legalen Ingredienzien, wie er mir versichert hat! Und so weit ich gehört habe, sind auch nur zehn Personen – Hauselfen zählen nicht, oder? – leicht, also sie konnten noch gehen – verletzt worden. Bis auf dieser eine Junge. Aber der hat bestimmt nur so getan, als hätte er sich beide Beine gebrochen!"
Blaise und Draco warfen dem Jungen einen skeptischen Blick zu, beobachteten wie er mit der Spitze seiner neuerrungenen Extremität spielte und flehend zu ihnen aufsah. „Auf jeden Fall... glaubt ihr, er bekommt großen Ärger?"
Der Dunkelhaarige kratzte sich am Hinterkopf. „Nun ja—"
„Ja", unterbrach Draco trocken, korrigierte sich in seiner vorherigen Annahme. Es waren fünf Regeln. „Glückwunsch Baddock. Es gibt nur einen Schüler in Hogwarts, der an einem Tag mehr Regeln als du gebrochen hat. Aber lass dir das kein Ansporn sein. Mal davon abgesehen gibt es einen Grund, weshalb Liebestränke verboten sind."
Malcolms Augen weiteten sich überrascht, bevor er entmutigt die Schultern hängen ließ, rollte den Eidechsenschwanz auf seinem Schoß hin und her, während seine Haut langsam die Farbe und das Muster der Wand annahm. „Er war nicht für mich", nuschelte der Jüngere schließlich. „Ich dachte, ich könnte einen Freund damit helfen."
„Einem Freund", wiederholte Draco trocken. „Und hat dieser ‚Freund' dich explizit darum gebeten?"
„Das nicht", gestand der Jüngere zögernd. „Aber es ist nicht so, als würden sich die betroffenen Parteien gänzlich hassen..."
Draco atmete genervt aus, schüttelte leicht den Kopf.
„Die beiden würden nie aus dem Knick kommen", schnaubte Malcolm verächtlicht. „Du glaubst gar nicht, wie die beiden umeinander herumtänzeln, sich ständig für alle Umstehenden offensichtliche Blicke zuwerfen, wenn der jeweils andere nicht hinsieht—"
„Tamy und Daphne?", mischte sich Blaise plötzlich ein. „Ich hab gewettet, dass sie Anfang nächsten Jahres zusammen kommen!"
„Und ich auf Ende diesen Jahres!", murrte der Brünette.
„Kein Grund, halb Hogwarts zusprengen", erinnerte Draco den Jüngeren, der daraufhin kleinlaut den Kopf hängen ließ.
Blaise hatte mittlerweile die Rolle aus dem Haufen gegraben und vor sich aufgerollt, schien aber erneut an den Sondereintragungen zu scheitern. Die Tür öffnete sich erneut und Professor Snape betrat den Raum, kam sofort zielstrebig auf den Drittklässler zu, der scheinbar versuchte sich auf dem Stuhl unsichtbar zu machen, was aufgrund seiner verfärbten Chamäleonhaut – Nebenwirkung des getrockneten Speichels Chamäleonrasse – überraschend gut funktionierte.
„Wenn ich mich recht entsinne", begann der Professor, schien offensichtlich mit sich zu ringen nicht ausfallend zu werden. „hatten Sie ein ausgeprägtes Interesse ihre Mitschüler über Muggeltraditionen und Methoden zu unterrichten. Ich schlage vor, dass wir das Kapitel Putzen nach Muggelart aufschlagen."
Malcolm sah den Professor aus ungläubigen Augen an, wandte seinen Blick auf die anderen Slytherin, doch Draco zuckte desinteressiert mit der Schulter, während Blaise ihm einen sympathisierenden Blick zuwarf. Dann wurde er von Professor Snape an der Schulter aus dem Raum geführt, Eidechsenschwanz lustlos auf dem Boden schleifend.
„In einer Sache hatte Potter allerdings Recht", griff Blaise das Thema ohne zu zögern wieder auf, sobald die Tür hinter dem Hauslehrer zugefallen war. „Jeder hat Geheimnisse, die keiner wissen soll."
Draco sah ihn forschend an, doch sein Freund hatte den Blick stur auf seine Hände gerichtet.
„Die Rezepte meiner Oma waren damals Exzitantia, Aufputschmittel", beichtete der Vertrauensschüler ohne Vorwarnung.
Der Blonde hatte so etwas tatsächlich schon vorher vermutet, doch Draco behielt den Gedanken für sich, lauschte stumm den Worten des anderen.
„Ich habe deine Krankheit nicht ernstgenommen und immer gedacht, wenn man wirklich müde ist, wird man schon einschlafen. Es hat lange gedauerte, bis ich realisiert habe, wie sehr dich deine Schlafstörungen plagten. Außerdem—" Blaise stockte und Draco beobachtete, wie er mit einer Hand über seinen Nacken fuhr, „mochte ich es, wenn du an meinem Bett saßest bis ich eingeschlafen war und ich dachte, wenn du schlafen könntest, würdest du damit aufhören." Plötzlich sah der Dunkelhaarige auf und für einen kurzen Moment war Draco über die Verzweiflung, die er in dessen Augen sehen konnte verblüfft. „Aber sobald ich bemerkt habe, wie schlimm es wirklich ist, habe ich wirklich Schlafmittel studiert, weil ich dir helfen wollte – und nebenbei drei Ratten ins experimentelle Koma geworfen..."
Er war sich nicht sicher, ob es angebracht war, über diese Offenbarung zu schmunzeln. „Wenn das—"
„Da ist noch mehr", unterbrach Blaise ihn, begann nervös mit seinen Fingern zu spielen. „Erinnerst du dich an die Wiese hinter meinem Haus? Die mit dem Fluss?", fragte er leise und Draco musste sich bemühen, die Wort zu verstehen. „Als ich acht war trieben sich dort viele streunende Katzen herum. Ich fing sie immer ein..." Seine Stimme begann leise zu zittern, sein Kopf schien immer weiter zu sinken, als würde er sein Gesicht verstecken wollen. „und ertrank sie im Fluss."
Draco hoffte sich verhört zu haben.
„Als meine Mutter das herausgefunden hat, sperrte sie mich für Wochen in meinem Zimmer ein. Ich weiß nicht einmal mehr weshalb ich es gemacht habe. Damals hat nie viel Sinn ergeben." Blaise sah langsam auf, doch Draco wandte seinen Blick ab, presste seine Lippen aufeinander.
„Es gibt noch mehr—"
Er wollte nicht noch mehr hören, hob seine Hand um den anderen zum Schweigen zu bringen.
„Eine Sache noch", murmelte Blaise, nahezu flehend und Draco stemmte den Kopf auf eine Hand ab.
„Es gab immer einen Grund, dass die Ehemänner meiner Mutter verschwanden", fuhr Blaise fort. „Mein Vater – Ehemann Nummer Eins – ist wirklich durch einen Unfall gestorben. Sie hat lange gebraucht, um über ihn hinwegzukommen, bis sie Ehemann Nummer Zwei getroffen hat, der schamlos hinter ihrem Rücken fremdgegangen war, bis sie es nicht mehr ausgehalten hatte. Es gab immer einen Grund, und es waren so viele Männer zwischen den Ehemännern, dass ich mir nie irgendwelche Namen gemerkt habe. Außer Jonathan."
Draco erinnerte sich an Jonathan.
Blaise hatte im dritten Jahr angefangen von ihm zu sprechen und Draco hatte sich damals für seinen Freund gefreut, weil der Dunkelhaarige immer davon gesprochen hatte, dass der Mann seine Mutter wirklich glücklich machte – nicht so wie die beiden Versager vor ihm. Als er nach den ersten Ferien allerdings kein Wort mehr über ihn verloren hatte, dachte Draco, dass irgendetwas vorgefallen war und die Schwarze Witwe wie üblich ihre giftigen Zähne ausgefahren hätte.
Überraschender Weise war Jonathan in den folgenden Winterferien immer noch im Haus und Blaise' Mutter ziemlich glücklich. Zu diesem Zeitpunkt hatte Draco ihn kennen gelernt und er hatte seinem Freund zustimmen müssen; gepflegt, gute Mannieren und konnte die dunkelhaarige Frau mit den kleinsten Gesten zum Strahlen bringen.
Er erinnerte sich daran, dass er an diesem Tag bei Blaise hatte übernachten wollen, weil der Schnee den Tag über stark gefallen war; dass sein Freund ihm tatsächlich die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte, während er sich noch mitten in seinem Wutanfall darüber aufregte, dass Blaise etwas dagegen hatte. Dass Draco stattdessen zu Fuß durch den hohen Schnee stapfen durfte und halb erfroren zu Hause angekommen war, weil er Zauberstab-Verbot hatte, da er ein paar Tage vorher unbeabsichtigt den Westflügel gesprengt hatte.
Er erinnerte sich daran, dass Blaise zu dieser Zeit oft bei Freunden übernacht hatte; dass er einen überraschend leichten Schlaf hatte und rastlos und hektisch wirkte, sich andauernd prüfend umsah, wenn er glaubte, dass ihn niemand beobachtete.
Dracos Augen weiteten sich und er wandte seinen Blick auf Blaise, der jedoch noch immer den Boden anstarrte.
„Er kam nachts in mein Zimmer, aber ich tat so, als würde ich schlafen", begann der Dunkelhaarige leise.
Draco wollte das nicht hören.
„Er hat mich nur angefasst..."
Ihm wurde übel.
Er wollte das wirklich nicht hören.
„Meine Mutter hatte ihn eines nachts erwischt. Am nächsten Tag war Jonathan weg. Es ist nicht so, dass es mein Leben bestimmt. Ich bin seit langem darüber hinweg, aber als Potter mich geküsst hat – ich weiß, dass er nicht Jonathan ist, ich weiß, dass du nicht Jonathan bist, aber eure Gesichter haben sich für den Moment überschnitten." Blaise fuhr sich mit seinen Händen durchs Haar, amtete schwer aus. „Eigentlich tut es mir nicht Leid, aber für eine Sache muss ich mich entschuldigen... Es tut mir Leid, dass ich meinen Abscheu auf dich abgeladen habe."
Draco sah auf, betrachtete den Jungen, der ihm gegenüber saß, während er sich fragte, ob es eine Möglichkeit gäbe, Tote wieder zum Leben zu erwecken, nur um sie erneut mehrfach auf die schmerzhaftesten Art und Weisen leiden zu lassen.
„Allerdings ändert das überhaupt nichts", fuhr der Dunkelhaarige bestimmt fort. „Du bist immer noch ein Vollidiot! Es ändert nichts daran, dass ich nicht weiß, wie ich mit dir umgehen soll. Ich würde mir jeder Berührung bewusst werden. Ich kann dich nicht mehr so behandeln wie vorher."
Draco hatte nichts anderes erwartet, er hatte es die gesamte Zeit über gewusst.
Aus diesem Grund, hatte er nie etwas sagen wollen.
„Wir können nicht einfach so tun, als wäre nie etwas passiert."
Sein Blick senkte sich auf den Tisch.
„Ich weiß nicht, was ich mit dir machen soll. Ich weiß nicht, ob ich dich jemals akzeptieren kann. Ich weiß nicht, ob wir jemals wieder so miteinander umgehen können wie vorher. Ich weiß es einfach nicht."
Draco fragte sich, ob er nicht einfach aufstehen und rausgehen konnte. Blaise zu ignorieren wäre einfacher, als sich diese Worte anhören zu müssen.
„Draco, ich weiß nicht, was ich machen soll."
Er hatte auch keine Antwort darauf. Es lag nicht einmal in seiner Hand.
„Aber Draco..." Der blonde Junge sah auf, fing unbewusst den ernsten Blick seines Freundes auf. „Ich bring dich um, wenn du wegläufst bevor wir dieses Problem lösen können." Er stutzte einen Moment, fragte sich, ob er seinen Freund richtig verstanden hätte. „Ich will diesen Weg mit dir gemeinsam weiter gehen. Ich will nicht, dass es endet, ohne dass wir es versucht haben. Draco, gib mir Zeit eine Weg zu finden wie ich damit klar komme – das bist du mir schuldig."
Draco antwortete nicht, bemerkte nicht einmal wie sich ein erleichterte Seufzer über seine Lippen stahl, hatte nicht bemerkt, wie angespannt seine Schultern, wie verkrampft er auf dem Stuhl gesessen und seine eigenen Hände umklammert hatte.
Er brauchte nicht antworten, er wäre vermutlich nicht einmal in der Lage gewesen die richtigen Worte zu finden.
„Ich bin aber immer noch wütend. Vergiss das nicht."
Draco nickte, während über Blaise' Lippen ein abgespanntes Lächeln lief.
„Schwuchtel."
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