Disclaimer: Nichts an dieser Geschichte gehört mir. Es ist nicht nur so, dass das Original von der unübertroffenen Jane Austen stammt, sondern ich in diesem Fall auch nur die Übersetzerin der Geschichte bin. Das Copyright der Geschichte liegt bei der Autorin Kara, ich habe aber ihre Erlaubnis, diese Geschichte in der deutschen Übersetzung zu posten. Sollte Interesse bestehen, das Original, das unter dem Titel „Disenchanted" auf mehreren Plattformen erschienen ist, zu lesen (denn eine Übersetzung ist und bleibt ein Echo des Originals), möge man sich bitte bei mir melden. Leider erlaubt diese Seite nicht die Angabe eines Links, man kann ihn aber durch eine Mail an mich oder durch eine Frage im Review bei mir erhalten.
Kapitel 4 – von Rätseln und Theorien
„Liebe Lizzy", las Elizabeth beim Frühstück ihren Eltern vor, „ich entschuldige mich für meine Abwesenheit gestern Abend und heute Morgen. Ich bin erkrankt, aber mach dir keine Sorgen. Abgesehen von Fieber, Kopfschmerzen und Husten ist es nichts Ernstes. Miss Bingley ist sehr freundlich, sie und Mrs. Hurst bestehen darauf, dass ich im Bett bleibe, bis es mir besser geht. Mein Husten verursacht grünen Rauch – wie es scheint, hat die Köchin versehentlich verhexten Tee gekauft – und ich bin nicht in der Lage, mich mit den üblichen Sprüchen selbst zu heilen. Ich hoffe, dass ich mich bald besser fühle und in eure Gesellschaft zurückkehren kann. Deine etc." Elizabeth sah ungläubig auf. „Grüner Rauch?"
„Jane muss auf Netherfield bleiben!", rief Mrs. Bennet. „Ist nicht alles genau so eingetreten, wie ich es geplant habe, mein Lieber?"
„Grüner Rauch!", rief Elizabeth erneut. „Ich muss sofort zu ihr."
„Elizabeth, sei nicht so voreilig", schnaubte Mrs. Bennet.
„Papa", Elizabeth stand von ihrem Stuhl auf, „Jane braucht mich."
Er nickte rasch. „Natürlich, du kannst heute Morgen die Kutsche nehmen."
„Ich werde laufen, Papa."
„Du willst nach dem Regen drei Meilen durch den Wald laufen?" Mrs. Bennet war sehr beunruhigt.
„Deine Mutter hat Recht, der Wald ist gefährlich, mein Kind." Mr. Bennet hob warnend seine Augenbrauen.
Trotz ihrer Sorge brachte Elizabeth noch ein Lächeln zustande. „Du weißt sehr gut, dass der Wald nur wenig Gefahr für mich darstellt."
Der vorangegangene Abend war für die Herren aus Netherfield nicht sonderlich angenehm gewesen. Das Abendessen mit den Offizieren war bestenfalls ermüdend gewesen und im schlimmsten Fall unangenehm. Wo Darcy gehofft hatte, Männer zu treffen, die sich der Sicherheit des Landes und der Regulierung der dunklen Künste verschrieben hatten, schienen sie sich nur in ein unwichtiges Gebiet, wo niemals etwas wichtiges passierte, abkommandiert zu fühlen. Darcy war entrüstet. Er konnte es nicht ausstehen, wenn jemand versuchte, sich seinen Pflichten zu entziehen. Nach ihrer Rückkehr und der darauf folgenden Entdeckung von Miss Bennets Krankheit, hatten sie eine ganze Stunde mit der Suche nach der Quelle für ihr Leiden verbracht und diese schließlich in dem Tee gefunden.
„Oh Charles!", rief eine erregte Miss Bingley und wrang ihre Hände. „Wenn ich das doch nur hätte ahnen können – und wenn ich bedenke, dass Louisa und ich doch beinahe selbst davon getrunken hätten. Ich weiß nicht, wo der Tee gekauft worden ist, wir müssen den Rest sofort vernichten!"
Mr. Darcy hatte entschieden, Caroline nicht weiter zu befragen, nachdem ihr Bruder den Raum verlassen hatte. Er stand einen Moment lang still da und starrte in das Feuer, während Mrs. Hurst wimmerte und Caroline nervös ihre Hände umklammerte.
„Wenn ich mich nicht irre", sagte er dann und durchbohrte Miss Bingley mit seinem Blick, „und das tue ich selten, dann war der Tee mit einem fehlgeschlagenen Gegenmittel für einen Liebestrank versehen. Es ist doch sonderbar, dass er ausgerechnet in Miss Bennets Tasse zu finden war." Und damit verließ er den Raum und verbrachte den Rest des Abends eingeschlossen in Bingleys Arbeitszimmer mit der erfolglosen Suche nach einem Gegengift.
Auch der Apotheker, der am nächsten Morgen gerufen wurde, war gleichfalls nicht in der Lage, ein Heilmittel zu finden. Miss Bennets Zustand blieb unverändert; der Apotheker empfahl, sie nicht zu verlegen und die Krankheit würde wahrscheinlich in den nächsten Wochen vorbei gehen. Alle waren besorgt, Miss Bingley und Mrs. Hurst fanden ihren Komfort, indem sie sich um Janes Bedürfnisse kümmerten, Bingley fand seinen Trost bei einem Spaziergang im Garten und Darcy entschied sich, den Wald, der an Netherfields Ländereien anschloss, zu erkunden.
Darcy hatte nicht gut geschlafen und deshalb war das nun Folgende unter diesen Umständen vielleicht verständlicher. Er streifte einige Zeit ziellos umher, immer mit einem Auge auf den Park von Netherfield, aber schließlich kam er bei seiner Wanderung zu einem Punkt, wo alle Bäume die gleichen schimmernden Umrisse annahmen und Mr. Darcy erkannte, dass er nicht mehr genau wusste, wo er war. Er lachte leise in sich hinein und schaffte es, in die richtig Richtung zu gehen (denn ein Zauberer verirrt sich niemals komplett), als er plötzlich von einem Geräusch in dem Gestrüpp hinter sich abgelenkt wurde. Seine Überraschung, als niemand geringeres als Miss Elizabeth Bennet, mit leuchtenden Augen und einem schelmischen Lächeln auf dem Gesicht auftauchte, war leicht vorstellbar.
„Miss Bennet!", rief er und brachte eine Verbeugung zustande.
„Mr. Darcy", lachte sie. „Hat man Ihnen nicht erzählt, dass es gefährlich ist, alleine durch diese Wälder zu wandern?"
Mr. Darcy richtete sich etwas steifer auf. „Ich kann Ihnen versichern, Madam, dass ich mich nicht in Gefahr befinde."
Seine Antwort schien ihr zu gefallen, denn sie lachte erneut, ging ein paar Schritte zurück und setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm. Ihr Haar hatte sich anscheinend gelöst, denn sie nahm ihre Haube ab und schickte sich an, es wieder zusammenzubinden. „Dann nehme ich an", sagte sie mit einer Haarnadel zwischen ihren Zähnen, „dass Sie Abenteuer mögen?"
Mr. Darcy drehte seinen Kopf zu Seite und antwortete nicht.
„Aber Rätsel, mögen Sie Rätsel?", fuhr sie fort. Sie hatte ihr Haar nun wieder zusammen gebunden, setzte ihre Haube aber nicht wieder auf.
„Rätsel?", wiederholte Mr. Darcy, der von dem Sonnenlicht, das in ihrem Haar funkelte, abgelenkt wurde. „Ich wäre überrascht, wenn Sie mir ein Rätsel stellen würden, dass ich nicht beantworten könnte."
Miss Elizabeth lachte erneut. „Sollen wir dann ein Spiel spielen? Sie müssen mir drei Rätsel beantworten. Wenn Sie gewinnen, können Sie weitermachen wie zuvor. Aber wenn Sie sie mir nicht antworten können, müssen Sie mir alles geben, was ich von Ihnen verlange."
„Dafür müssen Sie mir keine Rätsel stellen", antwortete Mr. Darcy langsam, denn er war verwirrt. Er versuchte, sich auf die junge Frau vor sich zu konzentrieren, aber irgendetwas summte in seinem Hinterkopf. Etwas, an das er sich nicht erinnern konnte – und Mr. Darcy vergaß nur äußerst selten etwas.
„Oh", sagte sie schnell, „aber wo bleibt denn dann der Spaß? Kommen Sie, hier ist das erste: Je mehr man von mir sieht, desto weniger sieht man. Was bin ich?"
„Die Dunkelheit", antwortete er ohne nachzudenken.
Miss Bennet sah enttäuscht aus und etwas flackerte über ihr Gesicht – etwas, das Darcy nicht erkennen konnte. Dann lachte sie wieder und zuckte mit den Achseln. „Und, Mr. Darcy, wer sind die beiden Schwestern, die sich stets gegenseitig erzeugen?"(1)
Mr. Darcy konnte nicht anders, als darüber leise zu lachen, da er ihr Rätsel für einfach hielt. „Tag und Nacht, Miss Bennet."
Sie war nicht erfreut. „Ich versichere Ihnen, Sir, dass ich bei Rätseln sehr gut bin. Noch nie hat jemand alle drei erraten."
„Sind Sie sich da sicher, Miss Bennet?"
„Vollkommen sicher", sagte sie und bedeutete ihm mit einem Blick, näher zu treten. Ihr Augen funkelten wundervoll. „Ich komme immer und komme doch nie, Mr. Darcy."
Er hielt den Atem an, ihr Gesichter waren sich sehr nahe und er konnte fast den Duft ihres Haares erhaschen, als er sich plötzlich wieder erinnerte, was er vergessen hatte. Er sprang mehrere Schritte von ihr zurück und rief laut: „Morgen! Denn wenn er kommt, ist er schon heute. Und jetzt", er richtete energisch seine Hand auf sie, „wirst du deine wahre Form preis gegen."
Miss Elizabeth – oder vielmehr das, was vorgegeben hatte, Miss Bennet zu sein – brach in zornige Tränen aus. Es schrumpfte rasch, war bald nur noch so groß wie ein kleines Kind und nahm eine goldene Farbe an. Kleine Flügel wuchsen aus ihrem Rücken. Sie schwebte über ihm in der Luft, weinte, wurde rot und begann, scheußliche Dinge zu schreien.
„Ich gewinne immer, immer!", rief sie. „Ich habe in 100 Jahren noch kein Spiel verloren."
Es gab einen Knall und eine weitere kleine goldene Figur erschien neben ihr und schüttelte ärgerlich seine Fäuste. „Und ich habe dich gewarnt", schimpfte er, „dich nicht mit einem Zauberer einzulassen! Jetzt hast du all meine Magie aufgebraucht und wir haben nichts mehr übrig!"
Mr. Darcy hätte gelacht, wäre er sich nicht so töricht vorgekommen, weil er dem Spiel zugestimmt hatte. Es erschütterte ihn, dass sich seine Verteidigung als so langsam erwiesen hatte, wo er sich doch so lange darin geübt hatte, magische Wesen in ihrer wahren Form zu erkennen (und zwar unter allen Umständen). Die beiden geflügelten Wesen schlugen jetzt immer schneller mit ihren Flügeln und wurden von Minute zu Minute zorniger, als es plötzlich einen Blitz gab und sich beide in funkelnde goldene Teilchen auflösten, die auf seinen Kopf hinunter rieselten. Mr. Darcy nieste und war peinlich berührt, als er plötzlich Gelächter hinter sich hörte.
Er drehte sich um und sprang auf als er Miss Elizabeth Bennet – die echte Elizabeth – in einiger Entfernung von ihm stehen sah. Er war sich sehr sicher, dass sie es tatsächlich war, denn seine Verteidigung arbeitete jetzt ohne Probleme. Sie sah nicht annähernd so erfreut aus, ihn zu sehen wie die andere Miss Bennet und obwohl ihr Petticoat mit Dreck überzogen war, saß ihre Haube doch fest an dem richtigen Platz.
„Mr. Darcy", sagte sie. „Hat man Ihnen nicht erzählt, dass es gefährlich ist, alleine durch diese Wälder zu wandern?"
„Ich habe so etwas gehört, ja", sagte er steif und strich den feinen goldenen Staub von seiner Jacke.
„Aber wie ich sehen kann, sind Sie kein Anfänger, wenn es um Pixies geht", sagte sie und hob eine Augenbraue. „Es gibt nicht viele Menschen in Hertfordshire, die wissen, dass sie tatsächlich noch in den Wäldern existieren – und Männer, die sie sehen, kommen für gewöhnlich nicht zurück, um davon zu erzählen."
Mr. Darcy räusperte sich. „Darf ich nach dem Grund für Ihren Aufenthalt im Wald fragen?"
„Ich bin gekommen, um nach meiner Schwester zu sehen. Bringen Sie mich zu ihr?"
Mr. Darcy, der immer noch etwas erschüttert war, nickte zur Antwort. Ihr Weg zurück in den Park war überraschend kurz und sie wechselten nur wenige Worte. Miss Elizabeth wurde direkt in den Frühstückraum geleitet, wo ihr Auftauchen große Überraschung verursachte. Sie wurde höflich empfangen, aber nicht ohne Missachtung auf Seiten von Bingleys Schwestern. Elizabeth war froh, dass sie sofort zu ihrer Schwester gebracht wurde.
Caroline setzte an, um eine geistreiche Bemerkung über Miss Elizas Petticoat zu machen, als Mr. Darcy sich unvermittelt an ihren Bruder wandte und sagte: „Bingley, ich muss unter vier Augen mit dir reden." Wenn Charles überrascht war, verbarg er es gut. Sie gingen in sein Arbeitszimmer, wo Darcy begann, aufgebracht auf und ab zu gehen.
„Zitier doch bitte einmal die Theorie, die wir über Pixies gelernt haben, Bingley", sagte er und fuhr sich mit der Hand durch sein Haar.
Charles schaute für einen Moment an die Decke, bevor er antwortete: „Pixies arbeiten meist in Pärchen mit einem Männchen und einem Weibchen (meist Bruder und Schwester); sehr gefährlich, verführerisch, bekannt dafür, Männer in die Wälder zu locken, wo sie sie mit Rätseln verwirren und sie so dazu verleiten, das zu tun, was sie von ihnen verlangen – für immer. Oder, wenn man es so sieht, bis das Opfer stirbt. Man kann die Pixies nur besiegen, indem man alle drei Rätsel richtig beantwortet, einen anderen Weg gibt es nicht."
„Du hast ein wichtiges Element vergessen."
„Das weibliche Pixie erscheint immer in Form des tiefsten Herzenswunsches – was auch immer das auch sein mag?"
„Also-", Mr. Darcy errötete, „Das ist korrekt, jedenfalls in der Theorie – obwohl ich mir sicher bin, dass –... das ist aber nicht das, was ich meinte."
„Redest du von der Tatsache, dass sie ausgestorben sind?"
„Man hält sie für ausgestorben, Bingley." Darcy setzte sich ihm gegenüber und begann, ihm die ganze Geschichte (mit der Ausnahme, welche Form das weibliche Pixie für ihn angenommen hatte) zu erzählen.
Bingley war entzückt. „Sie sind doch nicht ausgestorben? Verstehst du, dass das die Möglichkeit für Forschung und Ansehen bedeutet? Wir können von diesen Kreaturen lernen!"
Mr. Darcy lächelte reumütig. „Ich wäre vielleicht enthusiastischer, wäre ich nicht beinahe ihrer Magie erlegen. Aber ich glaube", sagte er mit einem bedeutungsvollen Blick, „dass du einen Brief zu schreiben hast."
„Natürlich! Obwohl ich denke, dass es besser wäre, käme der Brief von dir. Nicht einer scheint auch nur die Hälfte von dem zu verstehen, was ich schreibe." Bingley kritzelte bereits eifrig etwas auf ein Blatt Papier.
Darcy schüttelte seinen Kopf. „Ich habe schon zu viele in den letzten Monaten geschrieben und ich möchte Verdächtigungen vermeiden. Derzeit wissen nur wenige in unseren Kreisen, wo ich bin und das sollte besser auch so bleiben." Er stand auf und ging zur Tür. „Außerdem", sagte er und drehte sich um, „habe ich eine Theorie über Miss Elizabeth Bennet."
„Eine weitere Theorie?" Bingley sah nicht von seinem Brief auf.
„Ja, obwohl sie der ersten ähnelt. Der Test wird in dieser Sekunde durchgeführt – denn wenn sie aus dem Zimmer kommt und ihrer Schwester geht es besser, dann ist meine Theorie richtig."
Bingley schüttelte den Kopf. „Ich wäre mir nicht so sicher, Darcy, obwohl das vielleicht ein Anzeichen dafür wäre, dass da mehr ist als es den Anschein hat. Ich halte Miss Elizabeth für ein liebenswürdiges Mädchen – diese Zuneigung zu ihrer Schwester ist wirklich bewundernswert. Aber ich denke nicht so wie du, dass es etwas Außergewöhnliches an ihr gibt. Ich weiß, warum du das wünschen würdest, aber das macht es noch lange nicht wahr."
„Wir werden sehen", kam nur als Antwort und damit verließ Darcy den Raum.
(1) Das ist das Rätsel der Sphinx - da das englische Originalrätsel ein Wortspiel enthielt, das man leider nicht ins Deutsche übersetzen kann, musste ich würdigen Ersatz finden und das Sphinx-Rätsel passte ganz gut :-)
AN: Darcy hat eine Theorie - ihr auch??
