Disclaimer: Nichts an dieser Geschichte gehört mir. Es ist nicht nur so, dass das Original von der unübertroffenen Jane Austen stammt, sondern ich in diesem Fall auch nur die Übersetzerin der Geschichte bin. Das Copyright der Geschichte liegt bei der Autorin Kara, ich habe aber ihre Erlaubnis, diese Geschichte in der deutschen Übersetzung zu posten. Sollte Interesse bestehen, das Original, das unter dem Titel „Disenchanted" auf mehreren Plattformen erschienen ist, zu lesen (denn eine Übersetzung ist und bleibt ein Echo des Originals), möge man sich bitte bei mir melden. Leider erlaubt diese Seite nicht die Angabe eines Links, man kann ihn aber durch eine Mail an mich oder durch eine Frage im Review bei mir erhalten.

Kapitel 12 – Übungen

Da sie jetzt schon seit über einer Woche in Hunsford zu Besuch war, hatten sich die anderen schon an Elizabeths morgendliche Streifzüge durch die Umgebung gewöhnt. Für gewöhnlich ging Elizabeth früh genug hinaus, um passend zum Frühstück zurück zu sein. Das bedeutete, dass sie in Kent früher aufstehen musste als auf Longbourn, denn die Collins kümmerten sich nicht so sehr darum, welche Zeit denn als schick galt – sie frühstückten um neun Uhr.

Auf ihren ersten beiden Rundgängen war Elizabeth auf der Suche nach irgendeiner Wildnis fast verzweifelt, alles war ordentlich und sauber geschnitten. Aber am dritten Morgen, als sie einen anderen Weg einschlug, stieß sie zufällig auf eine Ansammlung Birken, die ein kleines Wäldchen bildeten. Elizabeth war begeistert, da sie hier vereinzelte magische Strömungen bemerkte, zwar nur schwach, aber dennoch wahrnehmbar. Es gab keine Möglichkeit, herauszufinden, warum hier etwas Magie übrig geblieben war, wo sie doch an allen anderen Orten scheinbar beseitigt worden war. Vielleicht hatte eine Gruppe wandernder Elfen hier im Mondlicht getanzt (Elfen waren für für den langen Fortbestand ihrer Zauber bekannt). Es war möglich, dass ein bisschen Magie Jahre nach ihrer Durchreise noch übrig war. Elizabeth hatte Jane in einem ihrer Briefe gestanden, dass es doch merkwürdig war, dass sie die Magie so vermisste, wo sie selbst keinen Gebrauch von ihr machen konnte.

Am Morgen, nachdem sie das Buch entdeckt hatte, ging Elizabeth deshalb auch zu diesem Wäldchen. Diese Gegend würde höchstwahrscheinlich jeden mit magischen Veranlagungen anziehen und sie hatte den Verdacht – da er ja schon früher auf Rosings gewesen war – dass er von dieser Stelle wusste. Da sie erwartete, einen Hinweis auf seine Anwesenheit zu entdecken, war sie enttäuscht, dass sie nichts derartiges erkennen konnte. Er stand mit dem Rücken zu ihr und sah in Richtung des Herrenhauses. Als sie mit ihrem Fuß auf einen Ast trat, schreckte er auf und drehte sich schnell um.

Wer da?", rief er absichtlich. (1)

„Nein, mir antwortet: steht und gebt Euch Kund!", rief Elizabeth als Antwort und blieb stehen.

Mr. Darcy begann zu grinsen. „Und was wäre darauf die richtige Antwort?", fragte er mit einem Lachen.

Elizabeth hob trotzig ihr Kinn. „Sagen Sie es mir, Mr. Darcy."

„Lang' lebe der König!", sagte er und sein Gesichtsausdruck kehrte langsam zu der gewohnten Teilnahmslosigkeit zurück – obwohl seine Augen immer noch funkelten.

„Mr. Darcy?"

„Er selbst."

„Ihr kommt gewissenhaft auf Eure Stunde."

Er lachte erneut. „Das ist genug, Miss Bennet. Sie haben das Stück gelesen? Ich war mir nicht sicher, ob Sie das könnten."

„Sie haben zwar das Buch mit einem Zauber in meinem Zimmer platziert, aber da es sich um ein wirkliches Objekt und nicht nur um eine Illusion handelte, war ich in der Lage, es anzufassen. Ich habe nicht das ganze Stück gelesen", fügte sie hinzu, „nur die ersten Zeilen. Ich hatte Hamlet schon einmal gelesen, aber ich konnte mich nicht mehr an die Eröffnungsszene erinnern."

Sie standen sich unbeholfen einen Moment gegenüber, bevor Elizabeth unruhig ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte und dann fort fuhr: „Ich verstehe nicht, warum das von so großer Bedeutung war."

„Das können Sie auch nicht, weil ich es Ihnen noch nicht erzählt habe", antwortete Mr. Darcy und lehnte sich mit einem Arm gegen einen Birkenstamm.

Elizabeth hob erwartungsvoll eine Augenbraue. „Also?"

„Es ist eine Losung."

Elizabeth klopfte ungeduldig mit dem Fuß. „Ist das alles?"

„Ja."

„Und aus welchem Grund sollten wir uns mit so einer Losung begrüßen?"

„Für den Fall, dass wir unsere wahren Identitäten verbergen müssen", antwortete er.

„Sie würden dann also mit Bernado antworten?", sagte sie mit einem Lächeln.

„Nein, ich würde mit etwas anderem antworten – Pendragon zum Beispiel."

„Ist das Ihr Deckname?"

„Nicht offiziell."

Elizabeth seufzte. „Ich verstehe nicht, was Sie vorhaben, Mr. Darcy?"

„Werden Sie sich selbst einen Namen ausdenken?", fuhr er erwartungsvoll fort.

„Ich bin zu alt für solche Kindereien", antwortete Elizabeth nur kurz. „Warum sollte ich deswegen mit meinem Vater reden?"

„Es gibt etwas, das Sie ihn fragen müssen – persönlich und nicht per Brief", sagte Mr. Darcy und richtete sich auf. „Ich verlasse mich darauf, dass Sie diese Informationen niemand anderem verraten werden."

„Die Menschen verlangen immer irgendwelche unvernünftigen Sachen von mir und geben mir keinen Grund dafür!", rief Elizabeth etwas verärgert aus.

„Ich dachte, der Grund dafür sei offensichtlich."

„Er ist es nicht."

Mr. Darcy seufzte. „Ich möchte, dass Sie mit niemanden – mit Ausnahme Ihres Vaters – darüber reden, da ich fürchte, dass jemand mit zweifelhaften Absichten davon erfahren könnte."

„Warum sollte sich jemand für Ihre Losung interessieren, Mr. Darcy?", forderte Elizabeth ihn heraus.

Seine Mundwinkel bewegten sich langsam nach oben. „Denken Sie sich einen Namen aus, Miss Bennet, und Sie werden mehr Antworten erhalten."

„Ich sollte nach Hause zurückkehren", sagte Elizabeth. „Ich hoffe, Sie haben noch einen angenehmen Morgen." Angesichts ihrer Verabschiedung erwartete Elizabeth, alleine zu gehen, aber Mr. Darcy hielt mit ihrem Schritt mit und ging neben ihr her.

„Was halten Sie von Rosings?", fragte er plötzlich.

„Es ist sehr – zivilisiert", antwortete Elizabeth überrascht angesichts der Fortführung des Gesprächs.

„Ich finde, es ist leer", sagte er und blickte auf die Bäume, die sie umgaben.

„Sie selbst scheinen heute frei von sämtlicher Magie zu sein", entgegnete Elizabeth.

Er sah sie sehr genau an. „Das haben Sie bemerkt?"

„Vielmehr habe ich nichts bemerkt. Ich bin nicht in der Lage, festzustellen, ob eine Person magisch ist oder nicht, sondern nur, ob sie Magie benutzt oder nicht. Ihre Tante zum Beispiel. Mr. Collins hat mir erzählt, dass sie sehr talentiert ist, aber ich kann nicht die geringste Spur Magie bei ihr finden."

Mr. Darcys Augenbrauen wanderten interessiert nach oben. „Faszinierend. Und deshalb haben Sie dieses Birkenwäldchen aufgesucht – aus dem selben Grund wie ich."

„Irgendetwas ist hier – etwas angenehmes", antwortete Elizabeth und bemerkte Mr. Darcys sanftes Lächeln nicht, weil sie durch die Bäume zurück blickte. „Ich habe noch nicht den gesamten Park erkundet", fuhr sie fort. „Vielleicht gibt es noch andere Orte, die nicht so streng kontrolliert werden."

„Meine Tante verbietet uns nicht, in ihrer Anwesenheit Magie zu benutzen – obwohl sie diese verabscheut", sagte Mr. Darcy. „Es ist eine Angewohnheit geworden, hier auf Zauber zu verzichten – es ist manchmal eine ungemeine Erleichterung."

Elizabeth blickte Mr. Darcy verwirrt an. Er blickte nach vorn, in Richtung des Pfarrhauses und bemerkte ihren Blick nicht. Sie verstand sein Bedürfnis sich ihr anzuvertrauen nicht, wo er doch eben noch so unwillig gewesen war, ihr etwas zu verraten.

„Sie werden keine Magie nutzen, während Sie auf Rosings sind?", fragte sie skeptisch.

„Nein, ja – wenn es notwendig werden sollte natürlich", stammelte Mr. Darcy. Er schaute etwas argwöhnisch auf die Fenster der Pfarrei und schien den Wunsch zu haben, nach Rosings zurückzukehren. Da Elizabeth bei der Aussicht sich zu trennen, nicht das geringste Bedauern empfand, deutete sie an, dass sie den Rest des Weges alleine gehen würde. Für einen Moment huschte ein Ausdruck der Erleichterung über sein Gesicht, dann verabschiedete er sich höflich.

„Bist du mit Mr. Darcy gegangen?", fragte Charlotte, als sie zum Frühstück herein kam.

Elizabeth lachte. „Unglücklicherweise habe ich ihn im Park getroffen! Es muss sehr unangenehm für ihn sein, mit jemanden zu sprechen, der soweit wie ich unter seiner Würde ist, aber es scheint ihn als Studienobjekt zu faszinieren, dass mir gänzlich die magische Gabe fehlt."

„Vielleicht interessierst du ihn nur als Studienobjekt und nicht wegen deiner fehlenden Gabe", sagte Charlotte verschmitzt, aber Elizabeth lachte nur erneut.


Es dauerte nicht lange bis die Collins und ihre Besucher eine weitere Einladung zum Tee auf Rosings erhielten. Da Colonel Fitzwilliam zu ihrer Gesellschaft dazugestoßen war, empfand Elizabeth den Abend als viel munterer und bedeutend angenehmer als den vorangegangenen.

„Was wünscht Miss Bennet denn?", sagte der Colonel lachend. „Sollen wir Karten oder Musik spielen?"

„Ich glaube, Miss Bennet bevorzugt Lesen gegenüber dem Kartenspielen", sagte Mr. Darcy ernst, woraufhin Elizabeth lachte.

„Sie schlagen also vor, dass wir lesen, Mr. Darcy?", sagte sie.

„Darcy liest so doch schon genug", sagte Fitzwilliam. „Wenn Sie nicht mit ganzen Herzen am Lesen hängen, dann würde ich Sie gerne spielen hören."

„Das ist immerhin ein Talent, das ich besitze", sagte Elizabeth scherzhaft. „Aber Sie werden es vielleicht bereuen, sobald Sie mich spielen gehört haben."

Der Colonel und Darcy protestierten pflichtschuldig, dass sie das nicht tun würden, aber Elizabeth schaffte es sie bis nach dem Servieren des Kaffees zu vertrösten, bis Colonel Fitzwilliam sie erneut an ihr Versprechen ihnen etwas vorzuspielen erinnerte. Bereitwillig blätterte er die Seiten für sie um, Lady Catherine und der Rest der Gesellschaft hörte etwa die Hälfte des Liedes zu, dann wandten sie sich anderen Dingen zu. Elizabeth und der Colonel waren eine Zeit lang für sich allein, bis Darcy, der von seiner Tante aufgehalten worden war, sich wieder zu ihnen gesellte. Mit der ihm eigenen Bedächtigkeit ging er langsam auf das Klavier zu und blieb schließlich so stehen, dass er Elizabeth voll ins Gesicht blicken konnte. Elizabeth beobachtete ihn und sagte bei der ersten geeigneten Pause:

„Wollen Sie mir Angst einjagen, Mr. Darcy, indem Sie sich so vor mir aufbauen und mir zuhören? Aber ich lasse mich nicht erschrecken und wenn Ihre Schwester noch so gut spielt. Ich bin ein Dickkopf, der sich nicht nach Belieben in Angst und Schrecken versetzen lässt. Mein Mut wächst mit jedem Versuch, mich einzuschüchtern."

„Ich will mich gar nicht mit Ihnen streiten", antwortete er, „weil Sie genau wissen, dass ich nicht die Absicht hatte, Sie einzuschüchtern und ich habe lange genug das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft, um sie wissen, dass es Ihnen großen Spaß macht, gelegentlich Meinungen zu äußern, die Sie in Wirklichkeit gar nicht vertreten."

Elizabeth lachte herzlichst über das Bild, das er von ihr hatte. „Mr. Darcy will Sie dazu bringen, kein Wort zu glauben, das ich sage, Colonel Fitzwilliam. Und das, wo ich doch gehofft hatte, als einigermaßen glaubwürdig durchzukommen. Das ist nicht sehr großherzig von Ihnen, Mr. Darcy, und auch taktisch nicht sehr klug, denn es könnte dazu führen, dass ich nach Vergeltung suche."

„Ich habe vor Ihnen keine Angst", sagte er lächelnd.

Mit einiger Enttäuschung erinnerte sich Elizabeth in diesem Moment daran, dass er ja keine Zauber benutzte, die sie zerstören konnte.

„Es würde mich interessieren, wie er sich Fremden gegenüber benimmt", rief der Colonel.

Elizabeth wandte sich lächelnd zu ihm um. „Hertfordshire ist vielleicht das schlechteste Beispiel, Colonel, denn ist ist ja nicht für Magie bekannt. Dass Ihr Cousin sich an einem solchen Ort und unter solcher Gesellschaft wieder fand! Ich bin ihm das erste Mal auf einem Ball begegnet, wo er nur vier Tänze tanzte! Es tut mir leid, Ihnen wehzutun – aber das ist die Wahrheit. Er tanzte nur vier Tänze, obwohl Herren rar waren und ich weiß, dass mehr als eine Dame aus Mangel an einem Partner sitzen bleiben musste. Mr. Darcy, das können Sie nicht leugnen. Wie lästig Ihnen unsere Gesellschaft gewesen sein muss!"

„Ich hatte seinerzeit nicht die Ehre, außer meinem eigenen Freunden irgendeine der anwesenden Damen zu kennen."

„Sehr richtig und in einem Ballsaal kann man sich natürlich nicht vorstellen lassen. – Also, Colonel Fitzwilliam, was soll ich spielen? Meine Finger erwarten Ihre Befehle."

„Vielleicht", fuhr Darcy fort, „wäre ich besser beraten gewesen, mich einführen zu lassen. Aber es liegt mir nicht, mich in Gegenwart von Fremden ungezwungen zu geben."

„In der Tat?" Elizabeth wandte sich an Colonel Fitzwilliam. „Das von Mr. Darcy, einem außergewöhnlichen Zauberer, dessen Vater veröffentlichter und respektierter Autor ist, und der offensichtlich bald selbst seine eigenen wegweisenden Forschungen veröffentlichen wird? Nicht ungezwungen in der Gesellschaft der weniger talentierten Zauberer in Hertfordshire?"

„Einige können sich leicht in den Umgangston hineinfinden – und innerhalb von zwei Minuten Interesse an Angelegenheiten von völlig Fremden vortäuschen. Ich besitze dieses Talent nicht", sagte Mr. Darcy.

„Wenn Sie sich vielleicht dem Üben der Konversation genau so gewissenhaft widmen würden wie Ihren magischen Übungen, wäre dieses Problem gelöst", lachte Elizabeth und widerstand dem Drang mit den Augen zu rollen. „Wenn ich mich auch häufiger mit Übungen beschäftigen würde", sie deutete auf das Klavier, meinte aber in Wirklichkeit ihre eigenen Fähigkeiten, „dann würden sich meine Fähigkeiten wohl auch erheblich verbessern."

Darcy lächelte und sagte: „Sie haben vollkommen Recht. Sie haben ihre Zeit viel besser genutzt. Wer das Vorrecht hat, Ihnen zuhören zu dürfen, kann an Ihrem Spiel nichts auszusetzen haben. Nur Fremden gegenüber produzieren wir uns beide nicht gern." Als sie seinem Blick begegnete, fragte sie sich, ob er die verdeckte Bedeutung ihrer Aussage verstanden hatte. Mit einem Schulterzucken wandte sie sich wieder der Musik vor sich zu.

„Es fehlt eine Seite, Colonel Fitzwilliam", sagte sie und lachte erneut. „Ich bin sicherlich nicht in der Lage, mir ein geeignetes Ende auszudenken!"

„Reicht Ihnen das?", entgegnete er und mit einer schwungvollen Bewegung erschien ein weiteres Blatt Papier vor ihren Augen.

Mr. Darcy sah erstaunt aus und blickte Elizabeth neugierig an, aber sie lachte nur und störte den Zauber nicht. „Ich bin mir nicht sicher, ob Mozart das Beenden seines Stückes mit einer Fugue von Bach gutheißen würde, Colonel!"

Fitzwilliam lachte herzlich über seinen Fehler, während Darcy sich hinter sie stellte. „Wenn ich so frei sein darf", sagte er und ersetzte den Zauber des Colonels mit der richtigen letzten Seite.

Elizabeth lächelte verschmitzt, begann aber zu spielen. Darcy kehrte zu seiner vorherigen Position am Klavier zurück, aber als sie zu der letzten Seite kam, begann diese plötzlich zu flackern und verblasste schließlich gänzlich.

„Wie merkwürdig, Darcy!", rief Colonel Fitzwilliam. „Dein Zauber hat aber nicht lange durchgehalten!"

Darcy sah Elizabeth scharf an, aber sie blickte ihm nicht in die Augen und wandte stattdessen amüsiert an den Colonel: „Ich nehme an, Ihr Trick hätte länger gehalten?"

Der Colonel hätte beinahe geantwortet „Nicht unbedingt", aber als er in Miss Bennets funkelnde Augen blickte, hörte er sich selbst sagen, dass seine Zauber jeden übertreffen könnten, sogar Darcys.

Mr. Darcy sah verstimmt drein. „Ich bitte um einen Wettkampf", verkündete er sehr zu Elizabeths Erstaunen. „Ein Feuerball, dieser ist schwer aufrechtzuerhalten."

„Rotes Feuer – du bist viel zu meisterhaft mit dem blauen", entgegnete der Colonel.

Elizabeth sah überaus vergnügt dabei zu, wie der Colonel aufstand und sich gegenüber von Darcy aufstellte. Gleichzeitig beschworen die Männer zwischen ihren Händen jeweils einen leuchtenden Ball von etwa einem halben Fuß Durchmesser, der hin und wieder Funken in alle Richtungen schickte.

Es war nicht möglich für den Rest der Gesellschaft das, was die beiden Männer machten, nicht zu bemerken. Lady Catherine stand vor Entrüstung auf, aber keiner ihrer Neffen bemerkte dieses, weil sie beide hochkonzentriert waren. Plötzlich lachte Colonel Fitzwilliam erfreut auf, als Darcys Flamme zu flackern begann. Ein merkwürdiger Ausdruck huschte über sein Gesicht, er zog seine Augenbrauen zusammen, aber sonst gab es von ihm keine erkennbare Regung. Langsam wurde seine Flamme immer schwächer bis sie schließlich in nichts auflöste, kurz bevor Colonel Fitzwilliams einen Knall von sich gab und ebenfalls verschwand.

„Darcy, das muss das erste Mal gewesen sein–", begann Colonel Fitzwilliam, wurde aber von Lady Catherine unterbrochen.

„Fitzwilliam! Es gehört sich nicht, den Zauber deines Cousins zu stören!"

Colonel Fitzwilliam war brüskiert. „Ich kann Ihnen versichern, dass ich nichts dergleichen getan habe", sagte er steif.

Lady Catherine sah argwöhnisch drein. „Hast du gemerkt, wie Fitzwilliam sich in deinen Zauber eingemischt hat?", sagte sie zu Mr. Darcy.

Ohne ein Blinzeln in Elizabeths Richtung (die, als sie ihren Fehler bemerkte, plötzlich blass geworden war) antwortete Darcy: „Nein, überhaupt nicht."

Lady Catherine musterte sie für einen Augenblick eingehend, bevor sie sie streng ermahnte, solch Hexenwerk nie wieder in ihrem Haus – und besonders nicht in ihrer Gesellschaft – auszuführen. Genau aus diesen Gründen verachte sie Magie.


„Das war nicht gerecht von Ihnen, Miss Bennet", sagte Darcy zwei Tage später, als sie sich am Morgen erneut im Park begegneten.

„Ich werde mit Ihnen nicht über Gerechtigkeit streiten", sagte Elizabeth während sie gemeinsam weiter gingen, „aber ich möchte sagen, dass es eine dumme Aktion von mir war. Wie Sie wissen, möchte mein Vater nicht, dass ich meine Fähigkeit enthülle. Glücklicherweise ist meine Darstellung von niemandem bemerkt worden. Ich danke Ihnen für ihre Verschwiegenheit." Sie wurde beinahe rot angesichts der Demut, die er gezeigt hatte, als er darauf beharrt hatte, dass er den Wettkampf auf ehrliche Art verloren hatte. Sie hatte nicht gedacht, dass er dazu fähig war, Demut schien bei ihm so uncharakteristisch zu sein.

„Sie haben Freude daran, sich über mich lustig zu machen", sagte er mit einem Lächeln, aber Elizabeth bemerkte dieses nicht, weil sie zu sehr damit beschäftigt war, alles andere außer Mr. Darcy anzugucken. „Ich bin mir aber sicher, dass ich – wenn ich entsprechend gewarnt worden wäre – Ihrer Entzauberung stand gehalten hätte."

Mit einem Lächeln wandte Elizabeth sich ihm zu. „Da muss ich Ihnen widersprechen. Ich habe Respekt vor Ihrer Macht, Mr. Darcy, aber wie ich Ihnen bereits gesagt habe, ist mir noch kein Zauber begegnet, den ich nicht brechen konnte."

„Und wie ich Ihnen bereits gesagt habe", sagte er und hob seine Augenbrauen, „liegt das an Ihrer mangelnden Erfahrung."

„Mr. Darcy", sagte sie, stoppte und stemmte ihre Hände in die Hüften, „Ihre Methoden machen es viel zu einfach, Ihre Zauber zu brechen. Sie folgen haargenau den Verteidigungsmethoden Ihres Vaters und diese sind leicht zu überwinden."

„Wir werden sehen", sagte er. „Können Sie diesen brechen?" Ein heller Vogel erschien und begann über ihren Köpfen zu kreisen.

„Es tut mir fast schon leid, ihn zu vernichten", sagte Elizabeth entzückt, aber mit einem Kreischen verschwand der Vogel.

Mr. Darcy sah sie etwas belustigt an, bevor er damit begann mehr und mehr Zauber vor ihr aufzubauen, einen über den anderen, wodurch Elizabeth immer mehr Probleme bekam, sie zu entfernen. Ihre Frustration wurde immer größer während sie Feuer, dichte Rosenhecken und Windzauber (einer der dafür sorgte, dass ihre Haube davon flog und sie sofort ihre Arme hoch nahm) auflöste. Als sie nicht länger körperlich von den Zaubern beeinflusst wurde, fuhr Mr. Darcy damit fort, Zauber anzuwenden, die mit zunehmendem Anspruch um sie herum wirbelten. Da ihre Sinne damit überfordert waren und ihr Verdruss stetig wuchs, war Elizabeth kurz davor, aufzugeben, als sie plötzlich genau wusste, was zu tun war.

Sie schrie auf, fiel zu Boden und hielt sich ihren Knöchel. Die Hälfte von Mr. Darcys Zaubern löste sich sofort in Luft auf und um die anderen kümmerte er sich nicht mehr, als er zu Elizabeths Seite eilte. Aber Elizabeth, die gar nicht verletzt war, setzte sich auf, lachte und hatte innerhalb von wenigen Sekunden alle übrigen Zauber beseitigt.

„Sehen Sie, Mr. Darcy", sagte sie lachend, „wo ist denn Ihre Konzentration?"

Ohne eine Antwort half er ihr auf. Als sie seinen wütenden Gesichtsausdruck bemerkte, hörte sie sofort auf zu lachen und zog verwirrt ihre Augenbrauen zusammen.

„Ich verstehe nicht, warum Sie so verärgert dreinblicken, Sir", sagte sie knapp.

„Ich bin nicht verärgert."

„Oh doch, das sind Sie", beharrte sie und wusste gar nicht, warum sie das überhaupt kümmerte.

„Bin ich nicht", sagte er mit erhobener Stimme und sah sie durchdringend an. „Sie sollten nicht lachen, Ihr Auflösen der Zauber war nicht im geringsten so erfahren wie ich es erwartet hatte."

Elizabeth brauste auf. „Vielleicht liegt das an meiner Unerfahrenheit, wie Sie immer sagen, Mr. Darcy, aber unterschätzen Sie nicht meinen Einfallsreichtum."

„Ihr Einfallsreichtum basierte nur auf der Tatsache, dass ich mich wie ein Gentleman verhalten würde."

„Wirklich?", entgegnete Elizabeth und wollte den Mann plötzlich unbedingt los werden.

„Sie sollten mehr üben", sagte er nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten.

„Und Sie sollten an Ihrer Konzentration arbeiten!", antwortete sie.

Mr. Darcy lächelte reumütig. „Ich meine es ernst, Miss Bennet. „Ich könnte für die Zauber sorgen, sollten Sie üben wollen."

Elizabeth hielt überrascht den Atem an. Sie hatte sich häufig nach der Möglichkeit gesehnt, ihre Fähigkeit zu perfektionieren – sodass es zu mehr Nutzen war, als nur die Liebeszauber ihrer Schwestern zu überprüfen. „Ich weiß nicht, ob mein Vater damit einverstanden wäre", sagte sie zögerlich. Mr. Darcy antwortete nicht und so dachte sie noch einen Moment lang nach, bevor sie sagte: „Aber ich möchte mich verbessern. Und mit wem sollte man nicht besser Gegenmagie üben als mit einem Mitglied des Rats der Zauberer?"

Mr. Darcy sah sie scharf an. „Ich habe nie vom Rat der Zauberer gesprochen, Miss Bennet, und es wäre wohl besser, wenn Sie nicht zu viel annehmen."

Elizabeth warf ihren Kopf zurück und lachte. „Nun dann, Mr. Darcy, wenn Sie so unliebenswürdig sein müssen, verabschiede ich mich besser von Ihnen." Sie drehte sich um und ging zurück zum Pfarrhaus.

„Morgen", sagte er und der Klang seiner Stimme ließ sie im Schritt inne halten, „werde ich wieder durch das Birkenwäldchen gehen."

Sie drehte sich um und gab ihm mit einem Nicken zu verstehen, dass sie ihn verstanden hatte, dann ging sie weiter zurück in Richtung Pfarrhaus.


Elizabeth starrte an die dunklen Wände und drehte sich in ihrem Bett von einer Seite auf die andere. Er war bei weitem der unangenehmste Mann, dem sie je begegnet war – furchtbar unhöflich und eingebildet. Und dennoch konnte sie sich sein Interesse an ihr und die Galanterie, die er ihr gegenüber bei mehreren Gelegenheiten gezeigt hatte, nicht erklären. Er sah offenbar etwas in ihren Fähigkeiten, das man sich zunutze machen und für gute Zwecke einsetzen konnte; und er ermutigte sie sogar darin, sie zu nutzen! War es klug von ihr ihm zu vertrauen? Hatte er sie nicht vor Enthüllung gegenüber seinen Verwandten und ihren Freunden geschützt? Er hatte ihr Geheimnis bewahrt – obwohl es für ihn von Vorteil gewesen wäre, es zu offenbaren. Und das verwirrtendste war, dass ihr Vater ihm – jedenfalls in dieser Sache – absolut vertraute und überhaupt gar nicht beunruhigt darüber war, dass er ihr Geheimnis kannte.

Sie fiel in einen unruhigen Schlaf und Elizabeth stand früh auf, um sobald es angemessen erschien in den Park zu gehen. Sie stand für einige Zeit in dem Wäldchen und dachte, dass sie vielleicht zu früh gekommen war, aber als die Sonne immer höher stieg und Mr. Darcy nicht auftauchte, begann Elizabeth an ihm zu zweifeln. Er hatte sein Angebot überdacht – er war zur Vernunft gekommen. Warum sollte er auch nicht? Abgesehen von ihrer Fähigkeit bedeutete sie ihm nichts, sogar Mr. Darcy hatte wichtigere Dinge, um die er sich kümmern musste. Mit einem unbedeutenden und untalentierten Mädchen vom Lande zu üben, war doch mehr als lächerlich. Und dennoch konnte Elizabeth die bittere Enttäuschung, die sie fühlte – nicht etwa wegen seiner Abwesenheit, sondern weil sie sich danach gesehnt hatte, ihre Fähigkeiten, wenn auch nur wenig, zu verbessern – nicht ignorieren.

Den Rest des Tages verbrachte sie untätig im Pfarrhaus. Elizabeth las noch einmal alle Briefe von Jane, die ihre Laune nicht wirklich hoben, denn sie enthielten nur Neuigkeiten darüber, dass trotz all ihrer Versuche Mr. Bingley nicht gekommen war, um sie zu sehen. Die Gardiners hatten noch nicht geschrieben, aber Jane versprach, dass ihre Tante das bei der nächsten Gelegenheit nachholen würde. Sie waren sehr beschäftigt mit all den Sachen die ihren neu gegründeten Rat betrafen. Ihr Erfolg war groß und Jane versicherte ihr, dass sie weitere Details erhalten würde, wenn ihre Tante die Gelegenheit hatte zu schreiben. Später am Nachmittag kam Colonel Fitzwilliam zu Besuch und teilte ihnen mit, dass Lady Catherine sich leider gezwungen sehe, die Einladung zum Tee abzusagen, da sie sich nicht wohl fühlte. Als Charlotte nach Mr. Darcy und dem Rest des Haushalts fragte, antwortete der Colonel, dass es ihnen allen gut ginge und dass Darcy von wichtigen Angelegenheiten aufgehalten worden war. Elizabeth hob daraufhin skeptisch ihre Augenbrauen, tat aber nichts, um das Gespräch an diesem Punkt zu vertiefen.

Sie verbrachten eine fröhliche Stunde in der Gesellschaft des Colonels (den Elizabeth und Maria für sehr angenehm hielten), aber nach diesem Nachmittag sahen sie fast eine ganze Woche lang niemanden von Rosings. Lady Catherine war weiterhin indisponiert für jeden Besuch – was Mr. Collins sehr besorgte. Die Woche war sehr langweilig, es gab kaum Neuigkeiten, weder Jane noch ihre Tante schrieben ihr, und das Wetter wurde dunkel und bedrückend. Elizabeth war so gelangweilt, dass sie sich – trotz ihrer vorangegangenen Meinung – doch wie Mr. Darcy verlangt hatte, einen Namen für sich ausdachte. Sie wusste nicht warum und war sich sicher, dass er das nie wieder erwähnen würde. Aber wenn die Losung etwas mit dem Rat der Zauberer zu tun hatte, dann wollte Elizabeth Antworten darauf. Und wenn dafür ein Deckname verlangt wurde, dann würde sie eben dafür sorgen.

Am Donnerstag Nachmittag, sechs Tage nachdem Elizabeth zuletzt Darcy im Park getroffen hatte, wurde ihre Untätigkeit ganz abrupt unterbrochen. Mr. Collins kam ganz außer Atem und ganz erschüttert in den Salon geeilt, in dem Charlotte mit ihren beiden Gästen saß.

„Was gibt es, Mr. Collins? Ist Ihnen nicht gut?", fragte Charlotte beunruhigt.

Ihr Ehemann schüttelte heftig den Kopf. „Nein, aber es ist ganz Besorgnis erregend, ganz unglücklich!"

„Mr. Collins, setzten Sie sich, um Ihre Nerven zu beruhigen", sagte Elizabeth und ihr Cousin verbeugte sich dankbar vor ihr und setzte sich ihnen gegenüber.

„Es hat einen weiteren Angriff gegeben – den ersten nach vier Monaten!", sagte er. „In London, wie zuletzt auch. Und ich fürchte, dieses Mal hat es ein Opfer gegeben." Alle drei Damen schnappten hörbar nach Luft und Mr. Collins ergriff die Gelegenheit, um Atem zu holen, bevor er fortfuhr: „Es wurde schon seit einiger Zeit geflüstert, dass die einzigen erfolgreichen Gegner des Diebs Mitglieder des Rats der Zauberer waren. Diese Gerüchte scheinen wahr zu sein, denn es ist offiziell bestätigt worden, dass der involvierte Gentleman ein Mitglied war. Aus diesen Gründen hat meine Gönnerin Lady Catherine uns immer eingeschärft, dass es notwendig ist, auf Magie gänzlich zu verzichten – sonst, fürchte ich, wären wir vielleicht in noch größerer Gefahr und–"

„Mr. Collins!", unterbrach in Elizabeth ungeduldig. „Sie erwähnten ein Opfer. Was ist mit dem Gentleman passiert?"

„Ist seine Identität bekannt?" Marias Stimme zitterte.

„Ich fürchte, der Ausgang ist viel zu erschreckend", zögerte Mr. Collins.

„Es wäre besser, es von Ihnen zu erfahren als von jemand anderem bei unserem nächsten Besuch", beharrte Elizabeth.

„Der besagte Gentleman – sein Name ist bislang noch nicht bekannt", sagte Mr. Collins, „ist tot."

AN: Jaaaaaa, evil cliffhanger no. 1 (von insgesamt 4 ;-))
Wen mag es da wohl erwischt haben?? Für Spekulationen bin ich immer offen - das nächste Kapitel gibt es Dienstag oder Mittwoch

(1)„Wer da?"
„Nein, mir antwortet: steht und gebt Euch Kund!"
„Lang' lebe der König!"
„Bernado?"
„Er selbst."
„Ihr kommt gewissenhaft auf Eure Stunde."

Das ist natürlich wieder Shakespeares Hamlet, Akt I, Szene I, übersetzt von A.W. von Schlegel