Disclaimer: Nichts an dieser Geschichte gehört mir. Es ist nicht nur so, dass das Original von der unübertroffenen Jane Austen stammt, sondern ich in diesem Fall auch nur die Übersetzerin der Geschichte bin. Das Copyright der Geschichte liegt bei der Autorin Kara, ich habe aber ihre Erlaubnis, diese Geschichte in der deutschen Übersetzung zu posten. Sollte Interesse bestehen, das Original, das unter dem Titel „Disenchanted" auf mehreren Plattformen erschienen ist, zu lesen (denn eine Übersetzung ist und bleibt ein Echo des Originals), möge man sich bitte bei mir melden. Leider erlaubt diese Seite nicht die Angabe eines Links, man kann ihn aber durch eine Mail an mich oder durch eine Frage im Review bei mir erhalten.
Kapitel 15 – Mr. Darcys Brief
Elizabeth rannte. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, sie kümmerte sich nicht darum, dass der Regen ihr Haar durchnässte und die Zweige an ihrem Kleid rissen. Sie hatte vergessen, was sie in der Hand hielt, bis sie stolperte und es auf den Boden fiel. Das silbrige Metall von Mr. Darcys Uhr flammte auf dem Boden blau auf. In ihrer Handfläche blieb ein roter Abdruck zurück, weil sie die Uhr so fest umklammmert hatte.
Plötzlich stand Colonel Fitzwilliam vor ihr und zog seine eigene Uhr, die rot brannte, aus seiner rauchenden Westentasche.
„Das hier ist besser wichtig, Darcy", seufzte er, während der Regen auf seinen Kopf fiel. „Das ist die dritte verbrannte Jacke und letztes Mal–", er hielt plötzlich inne, als traf schockiert Elizabeths Blick. „Sie sind nicht mein Cousin", sagte er.
Elizabeth schüttelte schnell ihren Kopf und rang nach Atem, ihre Wangen waren rot. „Es hat einen schrecklichen Unfall gegeben. Mr. Darcy ist gefangen in einem Kreis aus Hecken."
„Und er kann sich seinen Weg hinaus nicht hacken", grinste der Colonel.
„Ich meine es ernst", rief Elizabeth.
Er blinzelte. „Was meinen Sie mit gefangen?"
„Mit einem Zauber", sagte sie. „Der Dieb, Colonel! Er wird angegriffen. Mr. Darcy gab mir dieses Schmuckstück", sie zeigte auf die Uhr, „und sagte mir, dass es ihm Hilfe bringen würde."
„Er ist gefangen und dennoch sind Sie hier? Woher wissen Sie das?"
„Ich kann Ihnen das nicht erklären", sagte Elizabeth schnell. „Aber bevor ich Sie in die richtige Richtung schicke, muss ich Sie etwas fragen."
Der Colonel hob seine Augenbrauen.
„Ihren Decknamen", sagte sie schnell.
Sein Mund fiel offen. „Ich kann ihn Ihnen nicht sagen", sagte er streng, „nicht, wenn Sie–"
„Wer da?", sagte Elizabeth ungeduldig.
Er war überrascht. „Nein, mir antwortet: steht und gebt Euch Kund!"
„Lang' lebe der König!"
Der Colonel stockte und blickte sie unsicher an. „Fortinbras", sagte er schließlich. „Ich bin unter dem Namen Fortinbras bekannt."
„Dort", Elizabeth deutete auf die Stelle, „im Wald, abseits vom Weg." Plötzlich bebte erneut die Erde unter ihnen und ein blauer Lichtblitz flammte im Park auf. Der Colonel war ohne ein Abschiedswort verschwunden und Elizabeth rannte zum Pfarrhaus.
Sie fand Charlotte und Maria im Salon, wo diese über eine Neuigkeit von Lady Lucas lachten. Beim Anblick von Elizabeths blassem Gesicht und ihrem durchnässten Kleid brach ihr Gelächter sofort ab.
„Wir hatten uns schon gefragt, wo du seist", giggelte Maria. Elizabeth stand still und rang nach Atem während das Wasser auf den Teppich tropfte.
„Lizzy?", Charlotte erhob sich und war verwirrt angesichts des Aussehens ihrer Freundin. „Ist etwas passiert?"
„Es – hat einen Angriff auf Rosings gegeben", sagte Elizabeth. Maria kreischte, ließ ihre Stickerei fallen und die vielen verschieden farbigen Fäden breiteten sich auf dem Boden aus.
„Ein Angriff?", Charlotte schwankte und griff nach einem Stuhl, um sich festzuhalten. „Was sollen wir tun?"
„Ich habe zu hastig gesprochen", Elizabeth nahm Marias Hand. „Der Angriff hat noch nicht stattgefunden – oder beginnt vielmehr in diesem Moment in den Wäldern im Park. Ich habe jetzt nicht die Zeit, alles zu erklären, aber wir müssen zu meiner Tante und meinem Onkel nach London fliehen. Es ist hier nicht mehr sicher."
Maria brach in Tränen aus. Elizabeth redete beruhigend auf sie ein, aber Charlotte runzelte die Stirn. „Wir können deine Tränen jetzt nicht gebrauchen, Maria", sagte sie streng und zog ihre Schwester auf die Füße. „Geh hinauf in dein Zimmer und pack deine Sachen so schnell du kannst." Maria hastete schluchzend an ihnen vorbei und Charlotte richtete ihren Blick fragend auf Elizabeth. „Und wie wollt ihr entkommen? Wir haben keine Kutsche, Elizabeth."
Sie sank in den Stuhl, den Maria frei gemacht hatte und starrte ausdrucklos vor sich hin. „Der Gedanke ist mir gar nicht gekommen."
„Dann werde ich sofort mit Mr. Collins reden", nickte Charlotte und ging in Richtung Tür.
„Du kommst mit uns, Charlotte", rief Elizabeth plötzlich.
Mit der Hand auf dem Türgriff hielt Charlotte inne. „Ich denke nicht, Elizabeth. Das hier ist mein Zuhause, du musst dir um mich keine Sorgen machen", und damit verließ sie das Zimmer, um ihren Mann zu finden.
Elizabeth saß allein und starrte wie betäubt vor sich hin, in Gedanken ging sie annähernd tausend Möglichkeiten durch, bevor sie aufschreckte und schlagartig wieder aktiv wurde. Sie stürzte die Treppe hinauf, befreite sich von ihrer nassen Kleidung und beförderte diese mit einem Tritt in die Ecke. Nachdem sie ihr Reisekleid angelegt hatte, warf Elizabeth alle verbliebenen Gegenstände in ihren Koffer. Sie hielt nur einen Moment inne, als sie plötzlich die Ausgabe von Hamlet, die Mr. Darcy ihr hinterlassen hatte, in den Händen hielt, bevor sie diese mit ihren restlichen Sachen einpackte. Seinen Brief – der wundersamerweise noch komplett trocken war – faltete sie und steckte ihn in die Tasche. Um ihre zitternden Hände unter Kontrolle zu bekommen, trug sie den Koffer hinaus in den Flur, wo sie auf Charlotte traf.
„Mr. Collins ist nach Rosings gegangen, um den Haushalt zu warnen – und um Hilfe zu bitten. Wenn Lady Catherine und ihre Tochter abreisen, könnt ihr vielleicht mit ihnen fahren."
Elizabeth hob skeptisch eine Augenbraue, sagte aber nichts. Während sie gemeinsam in Marias Zimmer gingen, wo das Mädchen auf ihrem Bett lag und herzergreifend in ihr Taschentuch schluchzte, flüsterte Charlotte: „Schau nicht so besorgt drein, Lizzy. Wir werden eine andere Transportmöglichkeit für euch finden. Hätten wir doch größere magische Fähigkeiten, dann könntet ihr vielleicht anders befördert werden. Vielleicht kann Mr. Darcy–"
Elizabeth schüttelte den Kopf. „Mr. Darcy kämpft in diesem Augenblick gemeinsam mit seinem Cousin gegen den Dieb. Sie können uns jetzt wenig helfen." Als ob ihre Worte noch unterstrichen werden mussten, bebte erneut der Boden unter ihren Füßen und Elizabeth und Charlotte wurden auf das Bett geworfen, wo Maria jetzt noch heftiger weinte.
Während Elizabeth Maria beruhigte, eilte Charlotte in deren Zimmer auf und ab und packte ihre Sachen. Sie und Elizabeth trugen die beiden Koffer die Treppe hinunter in den Eingangsbereich. Kurz darauf kam ein sehr aufgeregter Mr. Collins durch die Tür hinein geplatzt, der Regen fiel draußen immer noch in Strömen.
„Lady Catherine ist außer sich – ganz krank", sagte er. „Sie hatte einen Ohnmachtsanfall und hat sich in ihr Zimmer zurückgezogen. Aber ihre Tochter hat uns großzügigerweise ihre Kutsche zur Verfügung gestellt", er deutete mit seinem Arm hinter sich, gerade als zwei ernst dreinblickende Diener das Haus betraten und die Koffer an sich nahmen.
Elizabeths Augen füllten sich mit Tränen und sie bat Charlotte und Mr. Collins doch mit ihnen zu kommen, aber es nützte nichts. Mr. Collins konnte nicht überzeugt werden, seine Pfarrei gerade jetzt zu verlassen und Charlotte weigerte sich, ihr Zuhause aufzugeben.
„Pass auf Maria auf, Lizzy", sagte sie und umarmte Elizabeth fest, während in der Ferne ein blauer Feuerstoß gefolgt von einem roten und einem gelben aufblitzte, „das ist alles, was du für mich tun kannst."
„Maria wird bei mir absolut sicher sein", versprach Elizabeth und wischte sich die Tränen aus den Augen. Nach einem kurzen Abschied von Mr. Collins, der etwas unverständliches stotterte, wurden sie und Maria in die Kutsche gedrängt. Diese machte einen Ruck und fuhr dann mit atemberaubender Geschwindigkeit durch den Regen in Richtung London.
Keine zehn Minuten nach ihrer Abreise aus Hunsford hörte der Regen auf einmal schlagartig auf. Elizabeth, an deren Schulter Marias Kopf lag, richtete sich auf, um aus dem Fenster sehen zu können, musste sich aber schlussendlich damit abfinden, auf die dunkelrote Polsterung gegenüber zu starren. Die Kutsche war keine von Rosings besten, aber sie schien beängstigend groß zu sein für zwei so kleine Reisende. Marias Wimmern und die stetige Erschütterung der Kutsche trugen auch nicht dazu bei, Elizabeths Nerven zu beruhigen.
Nach einer scheinbaren halben Stunde (in Wirklichkeit aber nur 15 Minuten), versiegten Marias Tränen und sie nickte ein. Elizabeth, die versuchte, so ruhig wie möglich zu sein, legte Marias Kopf in ihren Schoß und holte Mr. Darcys Brief aus ihrer Tasche. Sie brach das Siegel mit zitternden Fingern und begann zu lesen.
An Miss Elizabeth Bennet,
Sie müssen sich keine Sorgen machen, dass dieser Brief eine Erneuerung des Antrags beinhaltet, der Ihnen gestern so zuwider war. Aber ich kann keine Ruhe finden, ehe ich nicht auf die Anklagen, die Sie gegen mich erhoben haben, eingegangen bin – und Sie wissen, was ich Ihnen schon seit langem hätte erzählen sollen.
Ich bin ein Mitglied des Rats der Zauberer. Wie Sie unzweifelhaft schon vor langer Zeit erfahren haben, wurde er vor fast 30 Jahren von meinem Vater mit dem Zweck gegründet, das wachsende Böse zu bekämpfen – zuallererst in diesem Land, aber auch auf der ganzen Welt. Zu dieser Zeit war die Magie weniger kontrolliert als heute, wo die Kontrolle auch noch einiges zu wünschen übrig lässt. Er wurde bei diesem Vorhaben von einigen seiner engsten Freunden unterstützt – Ihr Vater war einer von ihnen. Dies wird Sie vielleicht verwundern, vielleicht aber auch nicht, es ist auch nicht von so großer Bedeutung. Es ist unnötig zu sagen, dass Mr. Bennet nicht mehr länger ein aktives Mitglied ist und es ihm somit frei steht, seine einstmalige Mitgliedschaft zu verraten. Über seine Beweggründe, Ihnen nichts vom Rat und seiner eigenen Mitwirkung zu sagen, kann ich nur spekulieren und deshalb empfehle ich Ihnen, so schnell wie möglich persönlich mit ihm über dieses Thema zu reden.
Der Rat der Zauberer ist im Großen und Ganzen ziemlich mächtig. Wir besiegten den Hexenmeister – meinen eigenen Onkel, wie Sie sehr wohl wissen – lange bevor Sie oder Ihre Schwester Jane geboren wurden. Natürlich war ich in diesen Fall überhaupt nicht persönlich verstrickt, aber der Nachklang davon ist weit reichend. Der Hexenmeister, der selbst einst ein Mitglied des Rats war, wurde nur ganz knapp besiegt. Der Dieb operiert mit all seinen Machenschaften auf der gleichen Basis. Die Zeitungen haben ihn zu Recht als einen Nachahmer mit größeren Motiven bezeichnet. Die Angriffsziele des Diebs sind unregelmäßig und ohne jedes Muster. Er greift Menschen an, um sich deren Magie selbst anzueignen – aber das Motiv, abgesehen von der Sammlung von Macht, ist unbekannt. Was ich damit sagen will, ist, dass wir wissen, dass er seine Macht ausweitet, aber dass seine Absichten letztendlich unbekannt sind. Weltbeherrschung? Kontrolle über die Regierung? Wir wissen nur, dass der Dieb gestoppt werden muss. Einige der letzten Angriffe waren keine Zufälle – es handelte sich um geplante Manöver, um den Dieb herauszulocken und ihn zu besiegen. Wir waren nur erfolgreich darin, ihn herauszulocken aber – wie man sehen kann – nicht darin, ihn zu besiegen.
Was ich Ihnen jetzt erzähle, dürfen Sie nie jemand anderem gegenüber erwähnen, es sei denn Sie haben die ausdrückliche Erlaubnis des Gentleman selbst. Mr. Bingley ist auch ein Mitglied des Rats und agiert unter dem Namen „Tree." Er ist meine zweite Verteidigungslinie nach Fortinbras und ich bin seine erste. Seine Mitgliedschaft im Rat ist der erste und überragendste Grund für mein Abraten von einer Verbindung mit Ihrer Schwester – oder überhaupt mit irgendeiner Dame. Männer in unserer Position sollten ganz ehrlich gesagt am besten nicht heiraten, es ist viel zu gefährlich. Bingley wurde von seiner Arbeit abgelenkt, die Priorität über alles andere haben muss.
Im Bezug auf diese besondere Zuneigung muss ich sagen, dass ich den größten Respekt vor Ihrer Schwester habe. Hätten Sie beide aus einer anderen Familie gestammt, so wäre das oben genannte mein einziger Einspruch gegen diese Beziehung gewesen. Aber so wie es ist, war die Position Ihrer Familie mit ein Grund für meine Missbilligung. Das Verhalten Ihrer Mutter und Ihrer jüngeren Schwestern bei mehr als einer Gelegenheit brachte den kompletten Mangel an Anstand zum Vorschein, der jeden abgeschreckt hätte. Ihr Vater kann davon auch nicht ausgenommen werden, sondern nur Sie und Ihre ältere Schwester. Sie beide waren stets über jeden Vorwurf erhaben.
Sie erwähnten, dass ich zwei Menschen, die sich liebten, getrennt habe – das war nicht meine Absicht. Ich habe Ihre Schwester mit Unparteilichkeit beobachtet und ich konnte keine besondere Zuneigung zu meinem Freund entdecken. Daraus folgerte ich, dass diese Verbindung von anderen angetrieben wurde und dass sie für beide größeren Schaden als Nutzen bringen würde. Mr. Bingley ist von Natur aus sehr bescheiden und deshalb war es nicht schwer, ihn davon zu überzeugen, dass Ihre Schwester ihm nicht besonders zugetan war. Da Sie Miss Bennets Schwester sind, muss ich wohl auf Ihr besseres Beurteilungsvermögen vertrauen – ich mag mich geirrt haben, hoffe aber, dass dem nicht so ist.
Ich muss gestehen, dass ich die Anwesenheit Ihrer Schwester in London im Winter vor ihm verheimlicht habe. Vielleicht war das unter meiner Würde – aber ich tat dies nur mit den besten Absichten und kann mich nicht anders dafür entschuldigen.
Jetzt muss ich mich einem schmerzhaften Thema zuwenden. Ich weiß nicht, welche Lügen Mr. Wickham Ihnen erzählt hat – aber ich kann Ihnen versichern, dass Sie nicht die erste sind, die ihm geglaubt hat. Die meisten seiner Erzählungen bestehen aus Halbwahrheiten, aber die Richtigkeit meiner Aussagen kann durch mehrere Zeugen belegt werden. Mr. Wickham ist der Sohn eines sehr ehrenwerten Mannes, der auch ein mittelmäßig begabter Zauberer war. Er war zudem auch der Verwalter der Ländereien meines Vaters und ein Mitglied des Rats der Zauberer (obwohl er aber nie zum innersten Kreis gehörte). In seiner Jugend zeigte Mr. Wickham eine ganz natürliche magische Begabung und mein Vater, zum Teil auch aufgrund seiner Sympathie zu seinem Verwalter, unterstützte seine Erziehung. Aufgrund eines unglücklichen Lebensumstands aber reiften Mr. Wickhams Fähigkeiten nicht mit zunehmendem Alter. Die Reste seiner magischen Fähigkeiten verkrüppelten, obwohl er sich ein einem Bereich als besonders geschickt erwies: Zauber zu umgehen.
Trotz meines Widerspruchs (denn ich hatte schon vor langem aufgehört, ihm zu vertrauen), begann mein Vater den Aufnahmeprozess von Mr. Wickham in den Rat der Zauberer, in der Hoffnung, dass er sich vielleicht einmal als nützlich erweisen würde. Der vorzeitige Tod meines Vaters verhinderte den Abschluss des Prozesses – aber nicht aus dem Grund, den Sie vielleicht vermuten werden. Die Umstände, die den Tod meines Vaters umgeben, werden meist als „mysteriös" bezeichnet. Für mich gibt es nichts Mysteriöses – ich war dabei. Mein Vater wurde von einem unbekannten Zauberer angegriffen. Er starb und ich war zu unerfahren, um Hinweise, die vielleicht die Identität des Angreifers verraten hätten, zu erkennen. Ich habe meine Vermutungen – eine davon ist, dass der Dieb, der heute auch noch angreift, die Person ist, die meinen Vater getötet hat. Ich weiß es nicht, ich werde es nicht wissen, bis der Angreifer gefasst und besiegt worden ist.
Mr. Wickhams Beteiligung am Tod meines Vaters war unbeabsichtigt – aber verheerend. Er verriet Informationen – Informationen, die nur für Mitglieder des Rats gedacht waren – an einen Mittelsmann des Angreifers. Wir sind nie hinter die Identität des Mittelsmanns gekommen und Mr. Wickham wurde nicht so hart bestraft wie ich es mir gewünscht hatte. Er ist für immer vom Rat der Zauberer ausgeschlossen worden und steht unter zahlreichen Zaubern, die ihn davon abhalten sollen, jemandem von dieser Sache zu erzählen. Aber wie Sie sehen können, tritt hier seine besondere Fähigkeit zu Tage – er hat es geschafft, diese Zauber zu umgehen und verbreitet erneut Geschichten, um davon zu profitieren.
Obwohl es schwer für mich ist, muss ich doch ein Wort in Mr. Wickhams Verteidigung sagen: Es ist so, dass er komplett unwissend über den Plan des Angreifers war, meinen Vater zu töten. Mr. Wickham auf seine Weise liebte meinen Vater fast so sehr wie seinen eigenen – vielleicht sogar mehr. Die Informationen, die er jetzt verbreitet, stellen für niemanden mehr eine Gefahr dar. Er ist seit langem uninformiert und wird nicht mehr als Gefahr angesehen.
Nach dieser Sache dachte (und hoffte) ich, dass ich Mr. Wickham nie wieder sehen würde. Ich habe mich geirrt. Ich habe eine jüngere Schwester, die damals 15 Jahre alt war, sie ist mehr als zehn Jahre jünger als ich. Sie ist meine engste lebende Verwandte und aufgrund meiner Arbeit zieht sie häufig von Ort zu Ort. Nach Beendigung ihrer Schule wurde sie für den Sommer in Ramsgate untergebracht und unter die Aufsicht einer gewissen Mrs. Younge gestellt (in deren Charakter wir uns auf unglückselige Weise getäuscht hatten). Mr. Wickham war auch dort – ohne Zweifel mit Absicht. Er überredete meine Schwester, dass sie in ihn verliebt sei (da sie aus ihrer Kindheit noch eine starke Zuneigung zu ihm hatte) und sie stimmte zu, gemeinsam mit ihm durchzubrennen. Unerwartet traf ich einen oder zwei Tage vor der geplanten Tat bei ihnen ein und da meine Schwester es nicht ertragen konnte, mir Schmerzen zu bereiten, gestand sie mir den ganzen Plan. Sie können ermessen, wie mir zumute war und was ich tat.
Die Sorge um das Ansehen meiner Schwester hinderten mich daran, in der Öffentlichkeit Schritte gegen ihn zu unternehmen. Ich schrieb an Mr. Wickham, der den Ort augenblicklich verließ, und Mrs. Younge wurde natürlich ihres Postens enthoben. Mr. Wickhams Ziel war ohne Frage das Vermögen meiner Schwester, das 30.000 Pfund beträgt. Aber ich werde den Gedanken nicht los, dass ein weiteres Motiv war, mich persönlich zu verletzen. Er hat mir seinen Ausschluss aus dem Rat nie verziehen – ganz gleich wie gerechtfertigt dieser auch war. Er besteht bis heute darauf, dass er für das Herausgeben der Informationen nicht verantwortlich gemacht werden könne – dass er unter Einfluss eines Zaubers oder eines ähnlichen Zwangs stand und dass man ihn wegen eines solchen Fehlers nicht für immer ausschließen könne. Diesem konnte ich nicht zustimmen – und meine anderen Gefährten im Rat auch nicht. Die Wahl, ob er ausgeschlossen werden sollte, war einstimmig. Aufgrund seiner Charaktereigenschaften tendiert er zu Gewohnheiten, die für unsere Organisation und deren Mitglieder eine zu große Gefahr darstellen würden.
Jetzt wissen Sie die ganze Wahrheit oder zumindest so viel, wie ich Ihnen in einem Brief erzählen kann. Wäre Mr. Wickham erfolgreich gewesen, so wäre seine Rache ohne Zweifel vollkommen gewesen. Ich weiß nicht, auf welche Art und Weise sich Mr. Wickham Ihnen aufgedrängt hat, aber ich kann Ihnen versichern, dass Geheimhaltungszauber für ihn nicht nötig sind – er kommt gut genug ohne sie zurecht. Das konnten Sie nicht wissen – dies festzustellen lag nicht in Ihrer Macht und Argwohn nicht in Ihren Naturell.
Ich entschuldige mich dafür, dass ich Ihnen diese Informationen nicht früher und persönlich zugänglich gemacht habe. Ich hätte es Ihnen gestern erzählt, aber ich hatte noch nicht so viel Gewalt über mich, dass ich zu entscheiden fähig gewesen wäre, was enthüllt werden könne oder solle. Für die Wahrheit all dessen, was ich Ihnen berichtet habe, kann ich mich besonders auf das Zeugnis von Colonel Fitzwilliam beziehen, der, auch als Mitglied des Rats der Zauberer, Ihnen auf Ihren Wunsch hin weitere Einzelheiten geben kann.
Ich möchte Sie bitten, sich nicht in die Zauber einzumischen, die ich auf diesen Brief gelegt habe. Der erste verbirgt den wahren Inhalt dieses Briefes vor jeder Person, die ihn liest, außer Ihnen selbst. Der zweite wird dafür sorgen, dass er in Flammen aufgeht, sobald sie die letzte Zeile gelesen haben und deshalb schlag ich vor, dass Sie ihn jetzt soweit wie möglich beiseite legen.
Ich möchte nur hinzufügen, Gott schütze Sie.
Fitzwilliam Darcy
