Disclaimer: Nichts an dieser Geschichte gehört mir. Es ist nicht nur so, dass das Original von der unübertroffenen Jane Austen stammt, sondern ich in diesem Fall auch nur die Übersetzerin der Geschichte bin. Das Copyright der Geschichte liegt bei der Autorin Kara, ich habe aber ihre Erlaubnis, diese Geschichte in der deutschen Übersetzung zu posten. Sollte Interesse bestehen, das Original, das unter dem Titel „Disenchanted" auf mehreren Plattformen erschienen ist, zu lesen (denn eine Übersetzung ist und bleibt ein Echo des Originals), möge man sich bitte bei mir melden. Leider erlaubt diese Seite nicht die Angabe eines Links, man kann ihn aber durch eine Mail an mich oder durch eine Frage im Review bei mir erhalten.
Kapitel 16 – die fehlende Adresse
Elizabeth warf den Brief auf die Sitzbank gegenüber und sah zu, wie er langsam von der bekannten blauen Flamme verzehrt wurde. So sehr sie sich auch wünschte, ihn zu behalten – und erneut zu lesen – so wusste sie auch, dass er nicht in die falschen Hände geraten durfte. Es bestand nicht die Gefahr, dass sie den Inhalt vergessen würde, die Wörter waren in ihr Gedächtnis eingebrannt, als wären sie dort mit der blauen Flamme geschrieben worden.
Da sie Maria nicht wecken wollte, wischte Elizabeth die hartnäckigen Tränen aus ihren Augen. Es war richtig, dass sie Schmerz – und Erniedrigung – spürte. Sie, die sich immer so viele auf ihre gute Menschenkenntnis eingebildet hatte, war so rücksichtslos mit der Missbilligung eines Mannes gewesen, und der Anerkennung eines anderen. Es war gefährlich, solche Fehler in diesen Zeiten – oder eigentlich immer – zu machen.
Er war stolz gewesen, aber die Beurteilung ihrer Familie empfand sie als richtig und beschämend. Was würde ihrer Mutter wohl sagen, wenn sie wüsste, dass ihr Verhalten und das ihrer jüngeren Schwestern zu dem Verlust von Mr. Bingley geführt hatte?
Maria rührte sich, drehte sich und sah Elizabeths tränenüberströmtes Gesicht. „Oh", rief sie, „du fürchtest dich auch, Lizzy!"
Elizabeth schniefte, widersprach ihr aber nicht und die beiden waren sich für den Rest der Fahrt gegenseitig eine Stütze. Sie fürchtete sich nicht vor dem, was Maria annahm. Sie wäre freiwillig zurückgekehrt, um gegen den Feind zu kämpfen. Sie fürchtete stattdessen um das Leben des Mannes, den sie abgewiesen hatte, und der sich später schützend zwischen sie und die große Gefahr gestellt hatte.
Es dämmerte bereits, als sie in der Gracechurch Street ankamen. Da der Weg Elizabeth schon bekannt war, setzte sie sich in Erwartung des Haltens der Kutsche auf. Unerwarteterweise aber fuhr die Kutsche, anstatt vor den hell erleuchteten Fenstern des Hauses der Gardiners zu halten, weiter und fuhr einmal die ganze Straße entlang. Elizabeth war einen Moment lang verwirrt und rief dann nach dem Fahrer, der sie aber nicht hörte. Sie musste deshalb warten, bis sie die Straße drei Mal auf und ab gefahren waren, bis die Kutsche endlich hielt und ein Diener die Tür öffnete. Er sah sehr erregt aus und teilte ihnen ohne Umschweife mit, dass die Adresse, die sie dem Fahrer gegeben hatten, nicht existierte.
„Ich kann ihnen versichern, dem ist nicht so", sagte Elizabeth steif, stieg aus der Kutsche aus und bedeutete Maria ihr zu folgen. „Sie sind wirklich sehr freundlich gewesen. Richten Sie Lady Catherine und Miss de Bourgh unseren Dank aus, aber wären Sie so nett und entladen Sie unsere Sachen, wir schaffen es von hier aus alleine."
Der Diener straffte steif seine Schultern und protestierte heftig, er könnte zwei Frauen nach Einbruch der Dämmerung doch nicht auf einer Straße auf der Suche nach einer nicht existierenden Adresse zurücklassen. Der Fahrer bestärkte ihn bald in seinen Ausführungen. Es kostete Elizabeth ihre letzte Geduld – und sämtliche Reste ihres Taschengelds – die beiden zu beruhigen und sie zu überreden, sie zu verlassen. Maria, die angesichts des ganzen Durcheinander vollkommen erschüttert war und es sich auch nicht erklären konnte, warum das Haus von Elizabeths Onkel und Tante nicht zu existieren schien, brach von neuem in Tränen aus.
„Fang nicht wieder an zu weinen, Maria", sagte Elizabeth streng und ging zurück zu dem Haus, das sich etwa hundert Meter von der Stelle, wo die Kutsche angehalten hatte, befand.
„Aber der Fahrer hatte Recht – es gibt keine solche Adresse, Lizzy! Ich habe die Hausnummern gezählt, als wir an ihnen vorbei gefahren sind", protestierte Maria und beeilte sich, um mit Lizzy Schritt zu halten.
„Maria, meine Tante und mein Onkel sind Zauberer – und wir sind zu unserem Schutz hierher geschickt worden. Denkst du, dass ihr Haus für jeden Vorübergehenden sichtbar wäre?", erklärte Elizabeth und hielt genau vor dem Haus an. „Hier, schau genau hin. Man kann das Licht in den Fenstern sehen."
Maria schniefte, blickte aber gehorsam auf und ihre Augen weiteten sich, als sie das freundliche Gebäude erkannte. Elizabeth nahm sie am Arm und eilte die Treppe hinauf, die Tür öffnete sich für sie ohne Umschweife. Mit großer Enttäuschung wurde Elizabeth aber mitgeteilt, dass Mr. und Mrs. Gardiner zusammen mit ihrer Nichte vor einer halben Stunde ausgegangen waren. Ein Diener wurde geschickt, um ihre Koffer zu holen (die immer noch dort auf dem Bürgersteig standen, wo der Fahrer sie zurückgelassen hatte), während Elizabeth Maria in einem Gästezimmer unterbrachte. Sie wurde mit einer Tasse Tee und einem Buch ins Bett geschickt und Elizabeth begab sich in den Salon im ersten Stock, um auf ihre Tante und ihren Onkel zu warten.
Die Warterei war entsetzlich. Elizabeth ging eine Zeit lang im Zimmer auf und ab, bis sie sich schließlich nach fast einer ganzen Stunde auf den Teppich vor dem Feuer setzte und sich mit dem Rücken an den Sessel ihres Onkels lehnte. Sie konnte einfach nicht aufhören, an Mr. Darcys Gesicht zu denken, als er sie an den Rand der Hecken gebracht hatte, der Regen war sein Gesicht herunter geströmt.
„Sein Stolz wird ihm nicht erlauben zu sterben", flüsterte sie leiste in das Feuer, „wird ihm nicht erlauben zu sterben."
Mrs. Gardiner fand sie dort einige Zeit später tief schlafend.
Sie kniete sich neben ihrer Nichte nieder und schüttelte diese sanft. „Elizabeth?", rief sie und strich eine Strähne aus ihrer Stirn. „Was machst du hier?"
Erschrocken setzte sich Elizabeth auf und ihre Augen wanderten durch den Raum, um zu erkennen, wo sie war. Als sie das besorgte Gesicht ihrer Tante sah, fiel sie in deren Arme. „Es gab einen Angriff auf Rosings", sagte sie und ihre Stimme zitterte etwas. „Ich bin hierher gekommen, um mich in Sicherheit zu bringen."
Mit blassem Gesicht bedeutete Mrs. Gardiner Elizabeth, sich auf das Sofa zu setzten und ging dann, um ihren Mann und Jane zu suchen. Das Treffen der beiden Schwestern brachte wieder neue Tränen (woraufhin Elizabeth annahm, dass Mrs. Gardiner Jane schon von dem Angriff erzählt hatte). Die üblichen Freundlichkeiten waren aber nur kurz, denn Mr. Gardiner konnte seine Fragen nicht lang zurückhalten.
„Alles", sagte er nur kurz und setzte sich in den Stuhl den drei Damen gegenüber. „Du musst mir jede Einzelheit sagen."
Elizabeth lächelt schwach, weil sie wusste, dass sie ihm nicht alles sagen konnte, aber nachdem sie ihre Tränen getrocknet hatte, begann sie ganz von vorne: „Nach meiner Ankunft in Hunsford informierte mich Mr. Collins von der Exzentrizität seiner Gönnerin – sie verbietet den Gebrauch von Magie auf ihrem Grund und Boden. Der Grund dafür, wie ihr euch bestimmt denken könnt, ist die Tatsache, dass ihr Mann seine Fähigkeiten missbrauchte" – hier unterbrach Mr. Gardiner sie mit einem Schnauben – „und deswegen getötet wurde. Zunächst war ich skeptisch, aber ich bin häufig im Park von Rosings spazieren gegangen und habe mit Erstaunen festgestellt, dass es in der Tat wahr war: Es gab kaum Magie innerhalb der Grenzen von Rosings."
„War Lady Catherine wegen der Verbindung mit ihrem Mann das geplante Oper des Angriffs?", unterbrach sie Mr. Gardiner.
„Nicht dass ich wüsste, aber ich möchte nicht vorgreifen", sagte Elizabeth und tauschte mit Mrs. Gardiner ein Lächeln. „Bei meinen Spaziergängen fand ich zwei Orte, an denen noch Magie zu finden war. Einer war ein ganze gewöhnlicher, in einem kleinen Wäldchen. Der andere – es war ein kleines Gebäude aus Stein, dass von Tag zu Tag seinen Standort wechselte. Nachdem ich es gesehen hatte, war ich – natürlich – begierig darauf, es zu untersuchen. Ihr könnt euch meine Überraschung vorstellen, als ich am nächsten Tag zurückkehrte nur um herauszufinden, dass es nicht mehr da war. Es dauerte einige Tage, bis ich es wieder gefunden habe. Mr.– Mr. Darcy war bei mir und er konnte es nicht sehen. Also – also habe ich etwas dummes getan. Ich habe den Geheimhaltungszauber entfernt und versucht, es zu betreten. Augenblicklich wurden wir von einer dichten Heckenwand umgeben. Die Hütte war verschwunden und wir wurden von feindseligen Zaubern angegriffen."
„Lizzy", Jane zitterte und hielt fest ihre Hand, „das ist unerträglich! Wie bist du entkommen?"
„Mir konnten die Fallenzauber nichts anhaben. Ich konnte entkommen – aber Mr. Darcy nicht. Er bestand darauf, dass ich hierher kommen sollte, anstatt auf das zu warten, was kommen würde."
„Das da wäre?", fragte Mrs. Gardiner nach.
„Der Dieb. Ich habe ihn nicht selbst gesehen", Elizabeth stockte. „Ihr wisst, dass Mr. Darcy–"
„Ja, ja", sagte Mr. Gardiner mit einer wegwerfenden Handbewegung, „ein Mitglied des Rats der Zauberer ist. Wie konntet ihr wissen, dass es der Dieb war?"
„An den Zaubern – sie sind immer für jeden Zauberer spezifisch", sagte Elizabeth.
Mr. Gardiner fuhr sich mit der Hand durch sein Gesicht. „Es war richtig von dir, hierher zu kommen. Aber ich weiß nicht, wie lange du hier sicher bist – ich verstehe das ganze nicht, Lizzy", seufzte er. „Als erstes würde ich sagen, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Angriff des Diebs handelte – es scheint, als seist du zufällig über etwas gestolpert. Die Verbindung zu der Steinhütte auf Rosings ist alarmierend, wirklich alarmierend."
Elizabeths Augen weiteten sich. „Wegen des Hexenmeisters?"
„Genau. Aber ich könnte mich irren. Du sagst, Mr. Darcy war bei dir? Er ist ein bekanntes Ziel. Es könnte eine Falle für ihn gewesen sein, in die du gestolpert bist."
„Was sollen wir machen, Edward?", sagte Mrs. Gardiner sanft. „Der Dieb weiß jetzt in jedem Fall von Elizabeths Fähigkeiten. Das ist ohne Zweifel der Grund dafür, dass Mr. Darcy sie hierher geschickt hat."
„Der Dieb weiß vielleicht von ihrer Gabe", sagte Mr. Gardiner, „oder vielmehr weiß er, dass jemand Entzauberung verwendet hat, um den Geheimhaltungszauber zu brechen. Aber wenn Elizabeth geflohen ist, bevor er kommen konnte, ist es möglich, dass er ihre Identität nicht erfahren hat. Darcy lag richtig damit, sie wegzuschicken – obwohl ich mir sicher bin, dass du seinem Plan nicht sofort zugestimmt hast, Lizzy?", sagte er mit einem Lächeln und Elizabeth errötete.
„Und weißt du–", begann Jane, „ob er noch lebt?"
„Nein", Elizabeths Stimme versagte, „das weiß ich nicht."
Sie saßen einen Moment lang in vollkommener Stille und jeder hing seinen Gedanken nach. Schließlich sprach Mrs. Gardiner, die unsicher ihre Augenbrauen zusammengezogen hatte.
„War das ein Klopfen an der Tür?"
Alle vier horchten zweifelnd und hörten zunächst nichts, bevor das Klopfen eindringlicher wurde. Plötzlich hörten sie, wie die Tür geöffnet wurde. Ein Mann rief etwas nach oben.
„Das ist Barnaby", sagte Mr. Gardiner, sprang aus seinem Stuhl auf und hastete aus der Tür.
„Mr. Barnaby ist der Kontakt zwischen den beiden Räten", erklärte Mrs. Gardiner Elizabeth, kurz bevor ihr Mann wieder in der Tür erschien.
„Kommt nach unten, ihr alle", sagte er, bevor er wieder verschwand.
Da sie die leichteste der dreien war, stürmte Elizabeth geradezu die Treppe hinunter und hielt mitten in der Bewegung inne, als sie erkannte, was unten in der Eingangshalle vor sich ging. Drei Männer in dunklen Umhängen standen in der Tür und das Licht schien nur schwach auf ihre Gesichter. Elizabeth zog vor Überraschung scharf die Luft ein, als ihre dunklen Augen Mr. Darcys hellen trafen. Er war bei weitem der größte der drei, neben ihm sah Elizabeth das ungewöhnlich düster dreinblickende Gesicht von Mr. Bingley, der dritte Mann, Barnaby, erkannte sie als Mr. Darcys Kammerdiener. Ihr Onkel hatte sich neben die Gestalt eines anderen Mannes gehockt, der auf dem Boden lag. Es war Colonel Fitzwilliam. Mit einem Schrei sprang sie vorwärts, kniete sich neben ihren Onkel und nahm die Hand des Colonels.
„Edward?", rief Mrs. Gardiner zitternd. Sie und Jane standen jetzt am Fuße der Treppenstufen.
„Wir müssen ihn in das Arbeitszimmer bringen, schnell", sagte Mr. Gardiner. Die drei Männer hoben ihn auf und folgen langsam Mr. Gardiner.
„Er ist doch nicht tot?", wandte sich Elizabeth an Mr. Darcy.
Er begegnete ihrem Blick nur kurz. „Fast", antwortete er.
Mr. Gardiner schob hastig alle seine Papiere und Schreibutensilien von seinem Schreibtisch auf den Boden und Colonel Fitzwilliam wurde sanft auf diesen gelegt. „Jane, bitte", begann Mr. Gardiner, „kannst du–"
„Nein", unterbrach ihn Mr. Darcy und nahm die Kapuze ab. „Miss Elizabeth muss den Zauber auflösen."
„Lizzy?", Mr. Gardiner blinzelte ungläubig als er vortrat. „Aber sie hat keinerlei Erfahrung–"
„Jane wird mir helfen, Mr. Darcy", sagte Elizabeth. Die beiden Frauen gingen zum Schreibtisch und nahmen jeweils eine Hand des Colonels. „Ich kenne die genaue Natur seiner Verletzung nicht", sagte Elizabeth leise, „aber wenn wir zusammenarbeiten–"
„Natürlich", nickte Jane. Sie arbeiten einige Zeit schweigend zusammen, während Mr. Darcy auf und ab ging. Plötzlich setzte sich der Colonel kerzengerade auf, seine Augen funkelten und er begann ungestüm zu singen.
„Haltet ihn", rief Mr. Darcy und die beiden Männer eilten zu dem Colonel und drückten ihn zurück auf den Schreibtisch.
„Sein Verstand ist auch verwirrt", sagte Elizabeth mit zusammengebissenen Zähnen.
Die schwere Arbeit fand schließlich aber doch ein Ende. Elizabeth war erschöpft aber doch noch in der Lage, ihre zitternden Hände unter Kontrolle zu bringen. Jane verbrachte noch einige Minuten gebeugt über dem jetzt schlafenden Colonel Fitzwilliam.
„Wenn er erwacht, wird er hungrig sein", sagte sie, als sie zurücktrat und sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht strich. „Aber ich habe einige Zauber hinzugefügt, die seine Behaglichkeit steigern werden. Ich denke, er wird sich in einigen Stunden besser als gewöhnlich fühlen."
Mr. Darcy hätte beinahe mit den Augen gerollt. „Ich bin mir nicht sicher, ob das so angebracht war. Fitzwilliam ist schon schwierig genug, wenn er sich normal verhält."
„Sie haben das fabelhaft gemacht, Miss Bennet", sagte Mr. Bingley, der jetzt auch seine Kapuze abnahm.
Eine unangenehme Stille trat ein. Jane war zu erschüttert, um antworten zu können (da sie ihn vorher nicht erkannt hatte), und Mrs. Gardiner konnte nicht anders als zu bemerken, dass sich Elizabeth und Mr. Darcy immer insgeheim Blicke zuwarfen, wenn sie dachten, der jeweils andere würde nicht hinsehen.
„Ich denke, Tee ist angebracht, nicht wahr?", sagte sie munter.
„Lassen Sie mich anfangen und Sie können dann weiter machen, wo ich aufgehört habe?", sagte Mr. Gardiner und warf Mr. Darcy einen fragenden Blick zu.
Mr. Darcy, der der einzige der Gesellschaft gewesen war, der lieber stehen geblieben war, sah kurz von seiner Teetasse auf und sagte: „Machen Sie weiter."
Mr. Gardiner holte tief Luft und begann: „Sie sind zusammen mit Elizabeth durch Rosings Park gegangen, als sie auf dieses kleine Steingebäude gestoßen sind."
„Nein."
„Nein?"
„Miss Elizabeth ist auf das Steingebäude gestoßen. Ich konnte es nicht sehen."
„Ah ja", Mr. Gardiner nahm einen Schluck Tee, „und da Sie es nicht sehen konnten, hat sie den Geheimhaltungszauber aufgelöst. Warum du so etwas machen musstest, Lizzy–"
„Mein Lieber", unterbrach ihn Mrs. Gardiner, „das ist nicht relevant für den Ereignisablauf."
„–und danach", Mr. Gardiner sah finster drein, „hat Elizabeth versucht, das Gebäude zu betreten, aber es ist sogleich verschwunden und sie beide waren plötzlich umgeben von Hecken und wurden von feindseligen Zaubern angegriffen."
„Das ist korrekt."
„So", seufzte Mr. Gardiner, „hier muss ich aufhören und Sie anfangen. Elizabeth konnte entkommen und Sie blieben. Warum?"
„Um den Dieb davon abzuhalten, ihr zu folgen."
Mr. Gardiner blickte von Mr. Darcy zu Elizabeth und dann zu Mr. Bingley und Barnaby, die am Feuer saßen und aufmerksam zuhörten. „Würden Sie uns einen Moment allein lassen, Gentemen?", sagte er.
Mr. Barnaby stand sofort auf und Mr. Bingley folgte ihm eher widerstrebend, sie schlossen die Türen hinter sich.
Elizabeth spürte sofort, wie vier Dämpfungszauber auf einmal angewandt wurden. „Müsst ihr denn alle eine eigene Variation des Zaubers verwenden?", brummte sie und hielt ihren Kopf.
Mr. Darcy hob seinen Zauber sofort auf, Jane und Mr. Gardiner folgten ihm. Mrs. Gardiner lächelte. „Meiner war in diesem Fall sowieso der beste von allen."
„Es war zwingend notwendig, dass Elizabeth – Miss Elizabeth nicht in die Hände des Feindes fiel. Ihre Fähigkeit ist zu groß, als dass der Dieb dieser widerstehen könnte", sagte Mr. Darcy und setzte dich dort an das Feuer, wo Mr. Bingley eben noch gesessen hatte.
„Und Ihre Fähigkeiten sind nicht weniger gefährlich?" Mr. Gardiner hob seine Augenbrauen. „Glauben Sie, dass das eine Falle für Sie – oder für Elizabeth war?"
Mr. Darcy stockte. „Nicht für Miss Elizabeth. Ich bin mir sicher, dass der Dieb bis heute gar nicht wusste, dass es so eine Person überhaupt gibt."
„Ich verstehe nicht", sprach Elizabeth, „warum meine Fähigkeit für alle so eine Versuchung darstellt. Ich kann Zauber auflösen, ja, aber ich kann sie nicht beherrschen. Es hat noch nie einen Entzauberer gegeben, der in der Lage war, die Zauber, die er aufgelöst hat, selbst zu verwenden!"
In dem Raum wurde es still und Mr. Darcy wandte widerwillig seinen Blick ihrem Gesicht zu. „Das ist wahr, aber wir müssen auf Nummer sicher gehen. Ich bin mir nicht sicher", fuhr er fort und drehte sich wieder zu Mr. Gardiner, „dass es gar kein Angriff war. Ich glaube, dass Miss Bennet unwissentlich den Rückzugsort des Diebs – wir selbst haben davon auch einige – oder auch etwas wichtigeres entdeckt hat."
„Und der Grund dafür, dass dieser ausgerechnet auf Rosings zu finden ist?"
„Das kann ich erst nach weiteren Untersuchungen sagen. Ich war – wie Sie sich vielleicht vorstellen können – nicht in der Lage, den Ort richtig zu untersuchen. Die Zauber, die dort schon vorhanden waren, verschlimmerten sich immer mehr, bis der Dieb ankam. Zu diesem Zeitpunkt, kam auch mein Cousin – weil Miss Elizabeth ihm eine Nachricht von mir überbracht hatte. Er war lange Zeit nicht in der Lage, in mein Gefängnis einzudringen, was vielleicht besser war, denn sobald er es geschafft hatte–" Mr. Darcys Stimme zitterte einen Moment. „Mein Cousin ist ein brillanter Zauberer, aber seine Unbesonnenheit hat ihn dieses Mal fast ins Verderben gestürzt. Er war auf das, was er sah, nicht vorbereitet."
„Aber Sie sind beide noch am Leben", sagte Mr. Gardiner, „und der Dieb ist unbesiegt."
„Es war sehr merkwürdig", sagte Mr. Darcy und legte seine Stirn in Falten, „der Dieb war auch weniger gut vorbereitet als bei vorherigen Kämpfen. Ich hätte vielleicht gewinnen können – bloß, dass Fitzwilliam und ich beide aus unserem Gefängnis hinausgeworfen wurden und es keine Möglichkeit gab, wieder hinein zu gelangen. Alles schien so wie zuvor, bevor Miss Elizabeth den Zauber aufgehoben hatte und es war nicht möglich, ihn zu verfolgen. Ich habe Bingley sofort gerufen und dann Barnaby, da er in der Lage war, uns zu Ihnen zu bringen."
„Hinausgeworfen?", meinte Mr. Gardiner nachdenklich.
„Was werden Sie jetzt tun, Mr. Darcy?", fragte Elizabeth.
Wieder wandte er sich ihr nur langsam zu. „Morgen werde ich unter dem Vorwand, meine Tante und meine Cousine zu trösten, nach Rosings zurückkehren. Und ich werde natürlich versuchen, die Hütte wieder zu finden – oder Anhaltspunkte zu finden, wohin sie verschwunden sein könnte."
„Sind Sie sicher, dass das die weiseste Entscheidung ist?", unterbrach ihn Mr. Gardiner.
„Das ist der Weg, den ich gewählt habe", sagte Mr. Darcy mit leiser Stimme.
„Sie werden sie nicht ohne meine Hilfe wieder finden", warf Elizabeth ein. Alle vier warfen ihr sofort ungläubige Blicke zu.
„Auf gar keinen Fall, Lizzy!", protestierte Mr. Gardiner und Mrs. Gardiner stimmte ihm sofort zu.
„Du darfst dich nicht in Gefahr begeben, Elizabeth", ermahnte sie Jane, die sich dann an Mr. Darcy richtete. „und Sie auch nicht."
„Ich bin fest entschlossen, Miss Bennet", sagte er und stand auf. „Wenn ich vielleicht freundlicherweise zu meinem Cousin gehen dürfte–" Er wankte leicht und Jane und Elizabeth eilten zu ihm, um ihn zu stützen.
„Es ist fast schon Morgen", sagte Mrs. Gardiner und schüttelte ihren Kopf. „Es war dumm, Sie so lange wach zu halten. Ich entschuldige mich für die Unterbringung, aber Miss Maria Lucas schläft in unserem Gästezimmer und das Kinderzimmer war die einzige wohnliche Alternative."
„Wir treffen uns am Morgen noch einmal", rief Mr. Gardiner, als die Frauen gemeinsam mit Mr. Darcy das Zimmer verließen, „aber nicht zu früh."
Sie fanden Barnaby und Mr. Bingley in der Eingangshalle, wo beide tief schliefen, aber durch ein Klopfen von Mrs. Gardiners Fuß auf dem Boden sofort geweckt wurden. Sie geleitete alle nach oben und schickte Elizabeth und Jane ins Bett, bevor sie die Männer gemeinsam mit Colonel Fitzwilliam auf Matratzen, die sie eigens dafür heraufbeschworen hatte, im Kinderzimmer unterbrachte.
Elizabeth fielen vor Müdigkeit fast die Augen zu, aber ihr Herz klopfte heftig gegen ihre Rippen. Sie sehnte sich danach, mit Jane zu reden, aber sie erkannte an den zitternden Fingern ihrer Schwester, als diese ihr Kleid aufknöpfte, dass diese genauso verwirrt war wie sie selbst.
Elizabeth erwachte durch den Gesang von Vögeln an ihrem Fenster. Sie konnte keine vier Stunden geschlafen haben, aber als sie sich an die Ereignisse des vergangenen Tages erinnerte, schlug sie ihre Bettdecke zurück und beeilte sich, um nach unten zu gehen. Jane schlief tief und fest und Elizabeth entschied sich, sie nicht aufzuwecken, sondern schlüpfte leise aus dem Zimmer und eilte geschwind in Richtung Frühstückszimmer.
Wie sie erwartet hatte, saß Mr. Darcy am Tisch. Sein Gesicht war blass, aber seine Augen wachsam und er trank eine Tasse Kaffee.
„Guten Morgen, Mr. Darcy", sagte sie.
„Miss Bennet", antwortete er steif.
Sie setzte sich ihm gegenüber und wusste nicht, wie sie beginnen sollte. „Sie verwenden heute morgen gar nicht Ihre gewöhnliche Fassade", sagte sie, als sie sein zerzaustes Haar bemerkte. „Warum?"
Er räusperte sich. „Ich denke, dass ist für Sie nur von wenig Bedeutung."
Elizabeth sah weg, weil sie die Bitterkeit in seinen Worten bemerkte, aber sie konnte es ihm nicht übel nehmen. Sie beschäftigte sich damit, sich Kaffee einzugießen und ein Brötchen zu machen.
„Es ist aber so", sagte er schließlich sanfter obwohl er noch immer nicht ihrem Blick begegnete, „dass Sie mir vergeben müssen, wenn ich zufällig meinen Kaffee umwerfen sollte. Ich habe mich viel zu lange auf den Anti–Ungeschicklichkeitszauber verlassen."
Elizabeth lachte. „Dann sind Sie entschuldigt", meinte sie ernst und hörte auf zu lachen. Ihre Blicke trafen sich nur kurz. „Ich bin froh, dass – es Ihnen gut geht."
„Dass ich nicht tot bin, meinen Sie?", er lächelte schief.
„Und nicht von irgendwelchen schmerzhaften Flüchen verhext, die ich nicht aufheben kann", Elizabeth lachte ebenfalls. „Wirklich sehr froh?"
„Sind Sie das?"
„Froh über was?", rief der Colonel fröhlich, als er fast schon in das Zimmer gestürzt kam. „Oh ja, natürlich, froh über meine wundersame Heilung! Alles dank Ihnen, wie ich hörte, Miss Elizabeth?"
Elizabeth schreckte auf und hätte beinahe ihre Tasse umgeworfen. „Und dank meiner Schwester Jane. Ich habe nicht alleine gearbeitet."
„Ich fühle mich fantastisch!", rief der Colonel. „So gut wie noch nie zuvor in meinem Leben! Obwohl, ich bin fast schon am Verhungern."
„Ich denke, dem können wir bald Abhilfe schaffen", sagte Elizabeth lachend. „Ich werde gehen und meine Tante holen, ich glaube, sie hat etwas besonderes für Sie anrichten lassen."
Nachdem sie aus dem Zimmer entkommen war, lehnte Elizabeth sich gegen die Wand in der Eingangshalle und holte tief Luft. Sie ermahnte sich, dass in dem Raum der Mann saß, den sie abgewiesen hatte und nicht der, dessen Antrag sie angenommen hatte. Sie konnte aber trotz allem nicht vergessen, wie froh sie über seine Sicherheit war und wie sehr sie sich danach sehnte, mit ihm gemeinsam den Dieb zu besiegen. Aber trotz allem, sie hatte ihre Entscheidung getroffen – und sie bereute diese nicht. Warum sollte sie auch?
