Disclaimer: Nichts an dieser Geschichte gehört mir. Es ist nicht nur so, dass das Original von der unübertroffenen Jane Austen stammt, sondern ich in diesem Fall auch nur die Übersetzerin der Geschichte bin. Das Copyright der Geschichte liegt bei der Autorin Kara, ich habe aber ihre Erlaubnis, diese Geschichte in der deutschen Übersetzung zu posten. Sollte Interesse bestehen, das Original, das unter dem Titel „Disenchanted" auf mehreren Plattformen erschienen ist, zu lesen (denn eine Übersetzung ist und bleibt ein Echo des Originals), möge man sich bitte bei mir melden. Leider erlaubt diese Seite nicht die Angabe eines Links, man kann ihn aber durch eine Mail an mich oder durch eine Frage im Review bei mir erhalten.
Kapitel 20 – Das Portal
Die zwei Wochen schienen sich für Elizabeth nahezu unendlich langzuziehen. Sie hatte deshalb Glück, dass ihre Tante und ihr Onkel überraschenderweise eine Woche eher als erwartet auf Longbourn eintrafen, um sie abzuholen.
„Unsere Aufgabe in Irland ist viel besser verlaufen als gedacht", erklärte Mrs. Gardiner und küsste Elizabeth auf beide Wangen. „Und mir verlangt es sehr danach, die Kinder wieder zu sehen. Wir sind schon viel zu lange getrennt."
„Was macht Onkel Gardiner denn dort mit den Pferden?", meldete Lydia sich hinter ihnen zu Wort, als sie sah, dass er sie persönlich zu den Ställen brachte.
Elizabeth zog vor Überraschung die Luft ein und wandte sich mit offenem Mund an ihre Tante: „Das sind doch nicht etwa…?"
„Oh doch", lachte Mrs. Gardiner und drehte sich um, um auf die beiden silbernen Pferde zu blicken, deren Flügel immer noch sanft schlugen. „Sie sind ziemlich auffällig, aber der Verschleierungszauber, der sie umgibt, ist ziemlich gut – ich habe ihn selbst gemacht. Der einzige Nachteil ist, dass sie nur auf mich oder deinen Onkel hören. Das sorgt zwar für einige hochgezogene Augenbrauen, aber ist nicht so gefährlich, als dass es irgendwo Argwohn in Bezug auf unsere Identitäten erregt."
„Was sind denn das für Pferde?", fragte Lydia.
„Ach, nichts besonderes, Lydia", sagte Elizabeth nur und beobachtete sie, bis sie außer Sicht waren. „Wundervoll", wisperte sie und drehte sich dann zu ihrer Tante. „Ich möchte ja nicht unverschämt sein, aber wie könnt ihr euch so etwas leisten?"
Mrs. Gardiner lachte ein weiteres Mal herzlich und antwortete mit einem Funkeln in den Augen: „Sie uns leisten? Oh, das könnten wir nie im Leben! Aber wir haben Verbindungen zu den höchsten Kreisen und sie wurden uns für eine unbestimmte Zeit zur Verfügung gestellt."
Elizabeth kniff argwöhnisch ihre Augen zusammen, als sie das selbstgefällige Lächeln ihrer Tante sah, fragte aber nicht weiter nach.
„Wirst du sie für mich sichtbar machen, Lizzy?", fragte Jane, als sie zurück ins Haus gingen. „Bevor du abreist? Ich kann nur vermuten, was so eine Reaktion ausgelöst haben könnte."
„Flügel, Jane", lächelte Elizabeth, „die Pferde haben Flügel. Was sehr gut für mich ist, weil sie eigenständige magische Kreaturen sind und ich deshalb keinen Einfluss auf sie habe. Ich konnte noch nie zuvor auf magische Weise reisen."
Die Gardiners blieben nur über Nacht auf Longbourn, wodurch Elizabeth genug Zeit hatte, ihre Sachen zu packen und auch Mrs. Bennets Hunger nach Klatsch und Tratsch aus London befriedigt werden konnte. Das Regiment war vor vier Tagen nach Brighton verlegt worden, was fast alle Bewohner Hertfordshires zur Verzweiflung getrieben hatte. Lydia fühlte diesen Verlust ganz besonders; sie war von ihrer besonderen Freundin, Mrs. Foster, eingeladen worden, sie gemeinsam mit dem Regiment nach Brighton zu begleiten, aber Mr. Bennet hatte das nicht erlaubt. Das Regiment war verlegt worden wegen der großen Anzahl an magischen Unruhen in Brighton, hatte er gesagt, und deshalb war es dort nicht sicher. Unter anderen Umständen, so hatte er ihr versichert, hätte sie bestimmt gehen dürfen, aber angesichts der derzeitigen Ereignisse war es leider unmöglich. Lydias Enttäuschung war vielleicht nicht so stark wie Kittys Triumph (die sehr verstimmt gewesen war, weil sie nicht eingeladen worden war). Aber so gab es jetzt nun einmal nichts interessantes mehr in Meryton und sogar ihre fast unerträglich langweiligen Verwandten waren eine willkommene Abwechslung für einen Abend.
Mrs. Gardiner hörte mitfühlend zuerst den Klagen ihrer jüngsten Nichte und dann Mrs. Bennet zu, die – obwohl es ihr leid tat, dass es für Lydia von Nachteil war – sehr froh war, dass diese nicht nach Brighton gegangen war.
„Meine Nerven", seufzte sie mit zitternder Stimme, „sind seit den Angriffen im letzten Winter nicht mehr die gleichen gewesen. Ich mag es gar nicht, dass ihr euch in solchen Zeiten überall im Land herumtreiben müsst. Es wäre besser, wenn ihr die Kinder zu uns gebracht hättet und hier bleiben würdet. Es ist hier sehr angenehm in Meryton, obwohl es natürlich nicht so fein ist wie in London."
Mrs. Gardiner tätschelte die Hand ihrer Schwägerin und versicherte ihr, dass sie dankbar war für die Einladung, aber dass es leider unmöglich sei, diese auch anzunehmen.
„Lizzy ist immer schon viel zu eigensinnig gewesen, ihr müsst auf sie aufpassen", fuhr Mrs. Bennet ernst fort und bedachte ihre zweitälteste Tochter mit einem missbilligenden Blick, „und ich bin froh, dass Jane nicht mit euch kommt. Mr. Bingley ist nach Netherfield zurückgekehrt und ich denke, dass es dieses Mal einen anderen Ausgang nehmen wird als letzten Herbst. Er kommt sehr häufig zu Besuch. Habe ich dir schon erzählt, dass er 5000 im Jahr hat?"
Am nächsten Morgen beim Frühstück kam Elizabeth auf einmal ein problematischer Gedanke.
„Onkel Gardiner", sagte sie, „wie soll es für uns möglich sein, bei Tage zu reisen? Ihr könnt mich nicht verbergen – und die Menschen werden reden, wenn sie eine junge Frau einfach so durch die Luft fliegen sehen."
Mr. und Mrs. Gardiner sahen sich verblüfft an.
„Wie konnten wir so ein wichtiges Detail nur vergessen?", fragte Mrs. Gardiner.
Mr. Gardiner zuckte mit den Schultern. „Daran können wir leider nichts ändern. Wir müssen unter dem Schutz der Dunkelheit reisen."
„Und du wirst deinen dunklen Mantel tragen, Lizzy", stellte Mrs. Gardiner pragmatisch fest und es war beschlossene Sache.
Die ganze Gesellschaft musste bis eine Stunde nach Mitternacht warten, bis es dunkel genug war. Es war eine klare Nacht und die Sterne funkelten am Nachthimmel. Mr. Bennet war wach geblieben, um sie zu verabschieden, weil er daran gewohnt war, bis weit nach zwei Uhr nachts aufzubleiben. Aber Elizabeth war sehr gerührt, als ihre Mutter und alle vier Schwestern in ihren Nachthemden, gähnend und ihre Augen reibend, ebenfalls nach unten kamen.
„Du wirst vorsichtig sein, Lizzy", ermahnte Mrs. Bennet sie noch einmal, als sie sich an den Verschlüssen von Elizabeths Umhang zu schaffen machte. „Nichts von deiner gewohnten Tollkühnheit."
„Niemals, Mama."
„Und du musst uns schreiben, wenn du gut aussehenden Offizieren begegnest", sagte Lydia und gähnte erneut.
„Das ist eher unwahrscheinlich", antwortete Elizabeth.
„Oder irgendwelche anderen gut aussehenden Männern", warf Kitty ein, „denn wir werden wohl keine treffen."
Nach einer innigen Umarmung von Jane und einem Kuss auf die Wange für ihren Vater ging Elizabeth auf die Kutsche zu, weil sie erwartete, dass sie drinnen Platz nehmen sollte.
„Möchtest du mit mir vorne sitzen?", fragte ihr Onkel lächelnd. „Es ist Platz genug für zwei."
Elizabeth zögerte und sah zu ihrer Tante. „Ich werde sowieso nur schlafen", versicherte ihr Mrs. Gardiner, als sie ihren Blick sah.
Mit leuchtenden Augen stieg Elizabeth neben ihren Onkel auf den Kutschbock, der die Pferde mit einer geflüsterten Aufforderung antrieb. Elizabeth drehte sich um und winkte ihrer Familie zu, bis diese außer Sicht waren.
„Wir werden die Pferde etwas aufwärmen", erklärte Mr. Gardiner, „und warten mit dem Aufsteigen, bis wir uns in einiger Entfernung von Meryton befinden."
Elizabeth nickte eifrig und ihre Schläfrigkeit war gänzlich verschwunden. Sie betrachtete für einige Zeit die Straße, ihre Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, die sie umgab, bis das Licht der Sterne und des Sichelmondes reichten, um die Bäume, die die Straße zu beiden Seiten umgaben, zu erleuchten. Nach drei Meilen Fahrt wandte ihr Onkel die Kutsche von der Straße auf eine kleine Wiese. Er sprach ein Wort, das sie nicht verstehen konnte, und die silbernen Pferde entfalteten ihre Flügel, wobei der Wind, den ihre Schläge verursachten, ihre Kapuze zurückblies. Sie lachte verzückt und hielt sich an dem Sitz fest, als die Pferde plötzlich einen Satz nach vorne machten, ihre Hufen aber scheinbar ins Leere traten und sie in den Nachthimmel flogen.
Die Erde entfernte sich immer mehr und die Bauernhäuser sahen aus wie kleine Puppenhäuser. Elizabeth drehte sich um, um auf Longbourn zu blicken, aber abgesehen von einem kleinen Licht in der Dunkelheit war das Haus nicht mehr länger sichtbar. An der Kutsche waren keine Laternen angebracht, sodass sie unsichtbar über die ahnungslosen Bürgern unter ihnen hinwegfliegen konnten.
„Setz deine Kaputze wieder auf, Lizzy", sagte Mr. Gardiner einige Augenblicke später. „Und ich wünschte, ich könnte dich vor dem Wind schützen."
Elizabeth lächelte. „Die Luft ist ganz warm, Onkel Gardiner", sagte sie, zog aber dennoch ihre Kapuze wieder über. Sie wollte nicht riskieren, sich wieder in die Kutsche setzen zu müssen.
Zwei Stunden nach ihrem Abflug, nach einem langen Kampf gegen ihre immer wieder zufallenden Augenlider, gab sich Elizabeth schließlich doch dem Schlaf hin. Sie erwachte, als gerade die Sonne gerade am pink gefärbten aufstieg.
„Da ist Lambton", Mr. Gardiner deutete auf ein kleines Dorf, das noch in der Dunkelheit lag, „und Margarets Großtante lebt in dem kleinen Häuschen dort etwas außerhalb des Dorfes."
Elizabeth sah darauf hinab und wandte ihren Blick dann den umliegenden Wäldern zu. „Und Pemberley", fragte sie nach einem kurzen Zögern, „wo liegt das?"
Mr. Gardiner deutete in Richtung Westen. „Hinter diesen Wäldern."
Elizabeth blickte dorthin, konnte aber nichts erkennen.
„Wenn du es besichtigen willst, können wir morgen ja vielleicht einen Rundgang arrangieren", schlug Mr. Gardiner vor. „Ich hörte, die Familie sei zur Zeit nicht Zuhause, aber das Haus ist für Besucher immer geöffnet. Es ist ein schöner Ort – voll mit Magie. Ich kann mir vorstellen, dass du das vielleicht gerne sehen möchtest."
Elizabeth war froh, dass der Himmel noch nicht hell genug war, sodass er ihr Erröten nicht sehen konnte. „Ja", antwortete sie, „das würde ich gerne sehen."
Trotz der frühen Stunde wurden Mr. und Mrs. Gardiner vor dem Haus von ihren vier Kindern erwartet, die vor lauter Aufregung auf und absprangen. Sie hatten ihren Eltern und ihrer geliebten Cousine eine Menge Geschichten zu erzählen, so viele in der Tat, dass man für einige Minuten nur das laute Geplapper ihrer hohen Stimmchen hören konnte. Mrs. Stone, Mrs. Gardiners Großtante Betsy, war eine kleine runzelige Frau, die nur wenig sprach, aber Elizabeth den wohl köstlichsten Tee ihres Lebens servierte. Das Häuschen war klein, aber sehr gemütlich und Elizabeth bemerkte überrascht, dass es nicht mit Geheimhaltungszaubern umgeben war – es gab überhaupt nur wenige Zauber.
„Ich dachte, die Kinder seien zu ihrem Schutz hier", sagte Elizabeth zu ihrer Tante später am Tag, als sie draußen in der Sonne im Rosengarten saßen.
„Der Zauber liegt nicht auf dem Haus", lächelte Mrs. Gardiner, „sonst hätte deine Anwesenheit hier ein paar Probleme gemacht. Der Zauber verbindet die Kinder mit Tante Betsy. Solange sie bei ihr sind, sind sie nur wenig in Gefahr."
Elizabeth blickte skeptisch auf die alte Frau, die in dem Stuhl neben ihr döste, ihre Haube saß etwas schief. „Damit lastet aber eine sehr große Verantwortung für Mrs. Stone", sagte sie zögerlich.
Mrs. Gardiner lachte. „Sie ist selbst eine sehr gute Zauberin und überraschend gut darin, die Kinder in ihrem Sichtfeld zu behalten."
„Die Jungen beispielsweise", sagte Mrs. Stone unerwartet von ihrem Platz aus, immer noch mit geschlossenen Augen, „schleichen sich in der Hoffnung auf einen Überraschungsangriff gerade von hinten an Sie heran, Miss Elizabeth."
Elizabeth sprang vor Überraschung auf woraufhin zwei Holzschwerter in ihren Rücken stachen.
„Großtante Betsy!", rief der Jüngste (der gerade erst vier Jahre alt war) missbilligend und mit weinerlicher Stimme. „Du verdirbst uns immer jeden Spaß!"
Aber Mrs. Stone war schon längst wieder fest eingeschlafen.
Elizabeth war ruhelos. Am folgenden Tag befand Mrs. Gardiner die Idee, die Kinder so früh nach ihrer Ankunft schon wieder zu verlassen – wenn auch nur für ein paar Stunden – für unmöglich und deshalb wurde der versprochene Ausflug nach Pemberley um einen Tag verschoben.
„Ich bin mir sicher, dass Mr. Darcy – wenn er sich in der Nachbarschaft befinden würde – dich persönlich eingeladen hätte", sagte Mrs. Gardiner verschmitzt. „Aber vielleicht hat er unseren Brief, in dem wir unser früheres Eintreffen mitgeteilt haben, noch nicht erhalten. Von Notfällen einmal abgesehen brauchen Briefe wegen der zahlreichen Überprüfungen auf die Echtheit eine lange Zeit, um auch anzukommen."
„Ich bin mir sicher, das hätte er nicht, Tante", widersprach Elizabeth sanft, als sie sich an Mr. Darcys kalten Blick bei ihrem letzten Treffen erinnerte.
„Ich weiß, dass der Rat der Zauberer schon lange geplant hast, dass du ihm beitrittst, aber wie du durch das Portal kommen sollst, ist uns allen ein Rätsel."
„Das Portal?"
„Ich kann das nicht erklären", sagte Mrs. Gardiner, „ich bin selbst noch nicht hindurchgegangen, ich habe nur davon gehört."
„Mr. Bingley konnte er mir auch nicht erklären", sagte Elizabeth etwas verdrießlich.
„Ich denke, du wirst es verstehen, wenn du es siehst."
Vier Tage nach ihrer Ankunft in Lambton war Mrs. Gardiner schließlich bereit, ihre Kinder für ein paar Stunden zurückzulassen. Die drei machten sich in ihrer Kutsche auf den Weg nach Pemberley, wobei die silbernen Pferde gemächlich vorantrotteten und etwas verärgert waren, weil Mr. Gardiner es ihnen nicht erlaubt hatte, zu fliegen. Die Wälder zu beiden Seiten der Straße wurden dunkler und wilder mit jeder Minute und die Luft, die sie umgab vibrierte gerade zu von Magie.
Elizabeth Aufregung wuchs immer mehr, dennoch war ihr erster Blick auf das Haus nicht das, was sie erwartet hatte. Pemberley stand auf eine Anhöhe, aber wo Elizabeth ein gut erhaltenes, erhabenes Haus erwartet hatte, stand nur ein Gebäude, das mit Weinranken überwuchert war, der Rasen war übersäht mit Unkraut und Disteln, die an Elizabeths Kleid rissen, als sie ihn in Richtung Eingang überquerten. Alle Fenster waren dunkel, die uralte Tür knarschte beim Öffnen und eine große, dürre Frau mit Hakennase kam auf sie zu, um sie zu begrüßen.
„Das ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte", flüsterte Elizabeth erschrocken ihrer Tante zu.
Mrs. Gardiner wandte sich ihr mit einem freundlichem Lächeln zu. „Es ist wundervoll, nicht wahr?"
„Wundervoll?", wiederholte Elizabeth verwirrt, aber ihre Tante und ihr Onkel waren schon einige Schritte weiter gegangen, um die Haushälterin zu begrüßen.
Elizabeth fiel hinter dem Rest der Gruppe zurück, nachdem sie der Haushälterin, eine Mrs. Reynolds, durch die Gänge und Zimmer folgten. Sie konnte sich nicht vorstellen, warum ihre Tante von Magie gesprochen hatte, innerhalb von Pemberley schien es keine zu geben. Das Haus war leer und hohl, die Gänge dunkel und feucht, Spinnweben hingen an leeren Kerzenständern und Spiegeln. Elizabeth war so erstaunt, dass sie kaum ein Wort sprechen konnte. Das sollte das prächtige Pemberley sein, das schönste Haus in ganz Derbyshire? Je mehr sie sah, desto mehr kam sie zu der Überzeugung, dass irgendetwas nicht stimmte.
Mrs. Reynolds führte den Rundgang durch das Haus durch, als sei alles in einem perfekten Zustand, sie beschrieb die modernen Möbel und das neue Pianoforte im Musikzimmer (in dem in Wahrheit aber nur alte verstaubte Möbel und kein Pianoforte standen). Elizabeth einziger Trost war es, dass die Frau sehr vorteilhaft von Mr. Darcy sprach – etwas, das für sie eigentlich keine Überraschung sein sollte, es aber dennoch war. Sie hielt es ihm zugute, dass seine Angestellten ihn so hoch schätzten, aber sie konnte einfach nicht verstehen, warum er das Haus seiner Vorfahren so verkommen ließ.
Als sie aber schließlich die Treppen (die vor lauter Alter schon ächzten, sodass Elizabeth sich ängstlich am Geländer festklammerte) hinauf gingen, spürte Elizabeth plötzlich einen Funken Magie. Er wurde immer stärker, als sie die Galerie, in der Portraits von vielen Generationen Darcys hingen, entlang gingen, bis ihr Blick schließlich auf das Portrait des jungen Fitzwilliam Darcy selbst fiel.
„Es wurde noch vor dem Tod seines Vaters gemalt", erklärte Mrs. Reynolds und lächelte traurig.
Das Bild schien nicht zu den anderen Bildern zu passen, der Rahmen war neu und die Farbe noch nicht verblasst. Elizabeths Herz zog sich zusammen, als sie das Lächeln auf Mr. Darcys Gesicht sah – einen Ausdruck, wie sie jetzt erkannte, er oft gehabt hatte, als er sie angeblickt hatte. Sie blickte in die gemalten Augen, die den echten so sehr glichen und blinzelte. Plötzlich erkannte sie den Zauber. Das Haus war nur eine Hülle – alles, was Pemberley war oder einst gewesen war, war verschwunden. Das, was Mrs. Reynolds sah und ihre Tante und ihr Onkel bewunderten, war nur ein Zauber, der dafür sorgte, dass das Haus so schien, wie es vielleicht lange zuvor einmal gewesen war.
Eine überwältigende Traurigkeit überkam Elizabeth und plötzlich fühlte sie sich müde. „Darf ich etwas im Garten spazieren gehen?", fragte sie leise. „Ich brauche frische Luft."
Während ihre Tante und ihr Onkel den Rundgang beendeten, wurde Elizabeth von einem nicht in Wirklichkeit existierenden Diener die Treppe hinunter geführt und sie konnte ihm nur folgen, indem sie dem Zauber, der dafür sorgte, dass alle anderen dachten, er existiere wirklich, folgte. Sobald sie aus dem Haus war, zog die Magie, die sie zuvor schon aus der Richtung des Waldes gespürt hatte, sie stärker an und ihr Weg führte sie durch den Garten zu einer kleinen Tür in einer Steinmauer, die nur knapp einen Meter hoch war und von einem unaufmerksamen Beobachter schnell übersehen werden konnte. Sie zögerte einen Moment und stieß diese dann offen.
Auf der anderen Seite des Gartens war erneut ein von einer Mauer umgebener Garten mit einer Tür, die sogar noch kleiner war als die erste und dann noch eine weitere, die so klein war, dass Elizabeth ihr Kleid zerriss und ihre Haube zurücklassen musste, um hindurchzupassen. Sobald sie durch die dritte Tür getreten war, richtete sie sich auf und blinzelte aufgrund des hellen, weißen Sonnenlichts. Sie stand auf einem großen Feld, das bedeckt war mit blendend weißen Blumen. Etwa 20 Meter von ihr entfernt glitzerte ein großer See, der im Sonnenlicht golden schimmerte. Elizabeth ging langsam auf ihn zu, neugierig wie sie war, und schirmte mit einer Hand ihre Augen von dem Sonnenlicht ab. Als sie am Ufer des Sees stand, sah sie, dass sich der Himmel und die Sonne in dem Wasser widerspiegelten, aber als sie hinab blickte und erwartete, ihr eigenes Gesicht zu sehen, war dort merkwürdiger Weise nichts.
Verwirrt wandte Elizabeth ihren Blick vom Wasser ab und sah sich um. Da waren die Blumen, die widergespiegelt wurden und der blaue Himmel. Als sie wieder in das Wasser blickte, spürte Elizabeth plötzlich einen Ruck an ihrem Knöchel, sodass sie das Gleichgewicht verlor und kopfüber in das Wasser fiel. Aber statt wie erwartet ein enormes Platschen zu vernehmen, fand eine benommene Elizabeth sich – wie es schien – am gegenüberliegenden Ufer des Sees wieder und sah auf ihren verwirrten Gesichtsausdruck im Wasser hinab. Ihr langes Haar hatte sich gelöst und fiel ihr lose über eine Schulter. Elizabeth bewegte ihr Hände, um es wieder hochzustecken, ließ diese aber wieder fallen, als sie bemerkte, dass – obwohl ihr Spiegelbild im Wasser vorhanden war – dieses sich nicht mit ihr bewegte.
„Wer da?", rief eine strenge Stimme hinter ihr.
Elizabeth sprang auf. Eine große in schwarz gekleidete Figur stand etwa fünf Meter von ihr entfernt, das Gesicht wurde von einer Kapuze gänzlich bedeckt.
„Nein, mir antwortet", sagte Elizabeth, „steht und gebt Euch Kund!"
„Lang' lebe der König!", antwortete der Mann und warf seine Kapuze zurück.
„Der Poet?", fragte Elizabeth und ihr Hals war wie zugeschnürt, während das Blut in ihre Wangen schoss.
„Er selbst."
„Ihr kommt gewissenhaft auf Eure Stunde."
Mr. Darcys Lippen wurden von einem feinen Lächeln umgeben. „Rosalind?"
Als Antwort auf seine Verbeugung machte Elizabeth einen eher unbeholfenen Knicks. „Wer sonst?"
„Ich habe Sie nicht vor nächster Woche erwartet – und hier schon gar nicht", sagte er und ging auf sie zu.
„Wo ist ‚hier' - wenn ich fragen darf?", fragte Elizabeth und ging ihrerseits auf ihn zu.
„Hier", sagte er und hielt inne, als sie nur noch gut einen Meter voneinander entfernt waren, „ist Pemberley."
„Ich bin gerade auf Pemberley gewesen", Elizabeth hob eine Augenbraue.
„Sie sind in einer Hülle von dem gewesen, was Pemberley vor vielen, vielen Jahre war."
Elizabeth lachte plötzlich auf. „Natürlich", sagte sie und blickte auf die kleine Tür in der Wand hinter ihm am Ende des Feldes mit den weißen Blumen, die genau so aussah wie die, durch die sie gekommen war. „Ich hätte wissen müssen, dass Sie einen Weg finden würden, um hier zu leben. Ich habe bislang nur einmal herkommen können, als ich noch ein kleines Mädchen war."
Mr. Darcy sah überrascht drein. „Mir war nicht bewusst, dass Sie dazu in der Lage waren –die Anderswelt besteht gänzlich aus Magie."
„Ja", sagte sie und ihre Augen funkelten, „aber es ist Magie, die viel älter und tiefgreifender ist, als all die Magie, die von Menschen ausgeführt werden kann – und ich kann sie nicht zerstören – genau wie ich auch die silbernen Pferde nicht zerstören kann."
„Sie mochten sie", sagte er und seine Stimme verriet seinen Eifer, obwohl er immer noch ihrem Blick auswich.
„Mögen?", hauchte Elizabeth. „Wie könnte ich das denn nicht?"
Langsam streckte er seine Hand aus und hielt sie ihr hin. „Kommen Sie mit mir?", fragte er sanft. „Wir müssen nur noch durch drei Türen."
Elizabeth zögerte, weil sie sich plötzlich ihrem losen Haar und ihren unbehandschuten Händen bewusst wurde. Aber dann blickte sie in seine Augen, die so hoffnungsvoll dreinblickten und legte ihre warme Hand in seine überraschend kalte. „Es ist mir eine Ehre, Mr. Darcy. Aber passen Sie tatsächlich durch die kleine Tür?"
Er warf seinen Kopf zurück und lachte. „Ich bin der Hüter dieses Tores – es macht mir selten Probleme."
