Disclaimer: Nichts an dieser Geschichte gehört mir. Es ist nicht nur so, dass das Original von der unübertroffenen Jane Austen stammt, sondern ich in diesem Fall auch nur die Übersetzerin der Geschichte bin. Das Copyright der Geschichte liegt bei der Autorin Kara, ich habe aber ihre Erlaubnis, diese Geschichte in der deutschen Übersetzung zu posten. Sollte Interesse bestehen, das Original, das unter dem Titel „Disenchanted" auf mehreren Plattformen erschienen ist, zu lesen (denn eine Übersetzung ist und bleibt ein Echo des Originals), möge man sich bitte bei mir melden. Leider erlaubt diese Seite nicht die Angabe eines Links, man kann ihn aber durch eine Mail an mich oder durch eine Frage im Review bei mir erhalten.

Kapitel 21 – die Anderswelt

Mr. Darcy führte Elizabeth über das Feld zu der kleinen Tür, die nun groß genug schien, um sie beide gleichzeitig durchzulassen, wobei Mr. Darcy dennoch noch seinen Kopf einziehen musste, um unter den Türrahmen her zu passen. Die nächste Tür war noch größer und die dritte – obwohl sie immer noch der ersten glich, die Elizabeth auf der anderen Seite entdeckt hatte – war fast fünf Meter hoch.

„Warten Sie", sagte Elizabeth und hielt inne. Er wandte sich ihr fragend zu und Elizabeth errötete, als sie merkte, dass er noch immer ihre Hand hielt. „Meine Tante und mein Onkel – sie werden sich Sorgen machen. Ich sollte eigentlich im Garten spazieren gehen."

Ein fast schon erleichterter Ausdruck huschte über Mr. Darcys Gesicht, bevor er lächelte. „Natürlich, ich werde sofort jemanden schicken, um sie zu holen."

„Ist es schwierig, den Weg zurück zu finden, sobald man einmal auf der anderen Seite ist?", fragte Elizabeth und blickte zurück auf die Tür, durch die sie gerade gekommen waren (und die jetzt wieder klein und kaum sichtbar erschien). „Das letzte Mal, als ich in der Anderswelt war, irrte ich fast einen ganzen Tag umher, bevor ich den Weg zurück fand."

„Ich kenne mich hier sehr gut aus – Sie müssen sich nicht fürchten, dass Sie hier auf unbestimmte Zeit gefangen sein werden", sagte er mit einem schwachen Lächeln. „Ich hatte mich schon gefragt, ob Longbourn nicht auch ein Portal hat."

„Es ist nicht ganz auf Longbourn, aber ganz in der Nähe zu der Stelle, wo unser Land an das von Netherfield angrenzt, in den Wäldern, in denen ich spazieren gehe", erklärte Elizabeth. „Ganz in der Nähe von der Stelle, wo Sie sonst immer geübt haben."

„Und haben Sie dort jemanden getroffen?"

„Nein, wobei", Elizabeth stockte und legte ihre Stirn in Falten, „ich kann mich nicht erinnern. Ich war noch sehr klein."

„Die meisten Menschen können nicht ohne die Erlaubnis des Türhüters hindurch – es sei denn Feiblut(1) fließt durch ihre Adern."

„Ich kann es nicht mehr mit Sicherheit sagen-", antwortete Elizabeth. „Mein Vater hätte mir das sicher gesagt, wenn er es wüsste und meine Mutter ist – nicht mehr sie selbst. Wussten Sie das? Über meine Mutter?"

Darcy schüttelte seinen Kopf. „Ich hatte vor langer Zeit davon gehört, es aber vergessen."

„Und Sie? Wie kommt es, dass Sie der Hüter sind? Sie können unmöglich Fei sein!"

„Und warum nicht?", fragte Mr. Darcy und lächelte nun breit. „Weil ich viel zu unangenehm bin?"

„Es wird nie behauptet, das Fei angenehm sind", antwortete Elizabeth und erwiderte sein Lächeln, „ganz im Gegenteil."

„Es kommt von der Seite meiner Mutter, ich weiß nicht wo und wer, aber jemand muss dort nicht ganz – menschlich gewesen sein."

„Dann müssen Sie singen, Mr. Darcy", sagte Elizabeth, „alle Fei können einfach nicht anders."

„Ich singe nicht für Fremde", antwortete er, wandte sein Gesicht von ihr ab und führte sie in Richtung Tür.

Elizabeth hörte ihn nicht. „Das muss der Grund für Ihren Decknamen sein", sagte sie plötzlich. „Schreiben Sie immer noch Poesie?"

„Ich bin ein erbärmlicher Poet", antwortete er und runzelte die Stirn. „Ich habe seit Jahren keine Verse mehr geschrieben. Ich habe weder die Zeit dafür noch das Bedürfnis danach."

„Vielleicht werden Sie das wieder tun, eines Tages, wenn die Dinge anders sind."

Er hielt inne und drehte sich um, um ihr in die Augen zu blicken. Erinnerungen an einen anderen Tag und an Worte, die sie in Wut gesprochen hatte, kamen ihr sofort in den Sinn und sie konnte seinem Blick nicht stand halten.

„Nein", sagte er schließlich, ließ ihre Hand los und stieß die Tür offen, „ich denke nicht, dass ich jemals wieder schreiben werde."

Pemberley kam nur wenige Schritte von der Tür entfernt in ihr Blickfeld. Unwillkürlich stand Elizabeth plötzlich still und blickte das Gebäude voll mit Verwunderung an. Das Gebäude schien sogar am Tage erleuchtet, das Glas in den Fenstern funkelte im Sonnenlicht. Es hatte die gleiche Struktur wie das erste in der realen Welt, aber war doch so verschieden, dass man die beiden nicht miteinander vergleichen konnte. Es gab eine Verwilderung, gegen die man nichts machen konnte, da alles in der Anderswelt mit dem Lauf der Zeit etwas wilder wurde, wodurch Elizabeth aber es noch viel mehr mochte. Die Gärten waren farbenfroh und die Wände waren mit blühenden Rosenbüschen übersäht. Alles war so lebendig.

„Es ist wundervoll", sagte sie sanft zu Mr. Darcy, der sie mit einer nervösen Erwartungshaltung angeblickt hatte.

Als sie auf das Haus zugingen, drang der Klang von Musik an Elizabeths Ohren. Sie war überrascht, als sie durch den Garten gingen und zahlreiche Kinder über den Rasen laufen sah und wandte sich fragend an Mr. Darcy.

„Im Gegensatz zu Pemberley in der realen Welt", erklärte er, „ist dieses Pemberley bis unters Dach voll mit Hausgästen. Wegen der aktuellen Ereignisse haben es einige Mitglieder des Rates für nötig befunden, hier vorübergehend gemeinsam mit ihren Familien zu wohnen."

Elizabeths Augenbrauen schossen überrascht nach oben, aber sie hatte nicht die Gelegenheit zu sprechen, denn Mr. Darcys Kammerdiener, Barnaby, kam auf sie zugelaufen.

„Sie sind hier und wundern sich wahrscheinlich, wohin ihre Nichte verschwunden ist", sagte Mr. Darcy knapp. „Wenn Sie so nett wären..."

Nachdem er Elizabeth ein freundliches Lächeln zugeworfen hatte, war Mr. Barnaby sofort wieder verschwunden und sie war erleichtert zu wissen, dass ihre Tante und ihr Onkel sich bald zu ihnen gesellen würden.

„Wird Pemberley für sie anders aussehen?", fragte sie, als sie die Treppenstufen zum Eingang hinauf gingen. „Ich konnte ja den Zauber, der es umgibt, nicht sehen."

„Ja, sehr anders", antwortete er.

„Das reale Pemberley sieht tadellos und dennoch sehr elegant aus", kam eine Stimme vom Eingang und Elizabeth sah, dass Colonel Fitzwilliam sich gegen den Türrahmen lehnte. „Pendragon bevorzugt es hier. Und jetzt ist Pemberley viel interessanter als zuvor. Mit all den Geheimgängen und den wandernden Rüstungen."

„Das müssen Sie dann selbst herausfinden", sagte Darcy und wandte sich mit einem schiefen Lächeln seinem Cousin zu. „Ich werde Sie meiner Schwester vorstellen – sie kann sie überall hinbringen, wo Sie denn wollen."

Sie gingen durch die langen Gänge in das – wie Elizabeth sich erinnerte – Musikzimmer. Ein junges Mädchen mit dunklen Haaren saß am Pianoforte am Fenster und begleitete ihren eigenen Gesang in einer Sprache, die Elizabeth nicht erkannte. Als sie die Tür hinter sich hörte, stoppte das Mädchen und drehte sich zunächst mit einem Lächeln ihrem Bruder zu, ihre Augen weiteten sich, als sie Elizabeth sah.

„Das ist Miss Elizabeth Bennet", sagte Darcy, ging auf sie zu, während Georgiana sich erhob. „Miss Bennet, ich möchte Ihnen meine Schwester, Miss Georgiana Darcy vorstellen."

Mit einem Lächeln ging Elizabeth auf sie zu und ergriff ihre Hand. „Wie wundervoll Sie singen, Miss Darcy."

Georgianas Lächeln war nur sehr schüchtern. „Meinen Sie wirklich?"

„Georgiana singt nicht vor Fremden", warf der Colonel ein.

„Aber Miss Bennet ist keine Fremde", sagte Georgiana. „Sie ist ein Mitglied des Rats."

Elizabeth nickte aufmunternd, blickte Mr. Darcy aber fragend an. Er schüttelte rasch seinen Kopf als Antwort auf ihre stumme Frage und Elizabeth bemerkte, wie sie erleichtert ausatmete. Er hatte Georgiana nichts von ihrer Gabe erzählt.

Elizabeths zweiter Rundgang durch Pemberley war weitaus interessanter als der erste. Ihre Tante und ihr Onkel gesellten sich kurz darauf zu ihnen, als sie gerade in der Porträtgalerie waren. Ihre Augen waren ganz groß vor Verblüffung.

„Wir hätten niemals gedacht, dass der See das Portal sein würde. Sobald ich merkte, wie ich fiel, dachte ich, ich würde gewiss ertrinken, aber dann stand ich auch schon auf der anderen Seite und war kein bisschen nass!", sagte Mrs. Gardiner lachend.

„Jetzt lacht sie, aber du hättest ihren Gesichtsausdruck sehen sollen", sagte Mr. Gardiner zu Lizzy.

„Ich konnte die Tür nicht sehen, Edward musste mich auf sie hinweisen. Er ging ganz einfach hindurch, aber ich musste auf Händen und Knien hindurchkrabbeln!", fuhr Mrs. Gardiner fort und blickte währenddessen voller Bewunderung auf die hohen Fenster, wodurch das Licht auf die gegenüberliegenden Wände fiel.

Mr. Darcy überhörte die Bemerkung und sah verlegen drein. „Ich muss mich entschuldigen, Mrs. Gardiner, ich habe mich wohl gerade als Sie hindurchgegangen sind, nicht auf den Eingang konzentriert. Ich werde dafür sorgen, dass die Türen beim nächsten Mal eine angenehmere Größe haben."

Mrs. Gardiners Augen funkelten. „Es ist doch alles in Ordnung."

„Ich muss Sie daran erinnern, dass die Einladung für Sie beide und Ihre Kinder immer noch besteht", fuhr Mr. Darcy fort.

„Sie wären in angenehmer Gesellschaft", warf der Colonel ein.

„Wir fühlen uns wirklich geschmeichelt durch Ihre freundliche Einladung", sagte Mr. Gardiner mit einem Lächeln und einem Blick auf seine Nichte (die umherwanderte und die Porträts betrachtete und die Bemerkung scheinbar nicht mitbekam), „aber wir sollten heute Abend wieder nach Lambton zurückkehren. Wir hatten gar nicht bemerkt, dass Sie schon zurück waren, Mr. Darcy, oder wir hätten Sie eher besucht."

„Ich bin schon seit einiger Zeit auf Pemberley", erklärte Mr. Darcy, „aber wenn man den ganzen Berichten Glauben schenkt, werde ich hier erst in einer Woche erwartet."

„Sind diese Vorsichtsmaßnahmen notwendig?", konnte man Elizabeths Stimme aus einigen Metern Entfernung hören, wo sie genau vor Mr. Darcys Porträt stand.

„Natürlich", antwortete er, ging zu ihr und stellte sich neben sie. „Ist irgendetwas für Sie von besonderem Interesse?", fragte er und blickte eher unbehaglich auf sein eigenes Bild.

„Natürlich", erklärte Elizabeth. „Dieses Gemälde", sie deutete mit einer fließen Handbewegung darauf, „ist verblasst und rissig. Der Rahmen ist verbogen und Spinnenweben hängen über Ihren Augen. Das Porträt auf der anderen Seite ist so gut wie neu."

„Niemand zuvor hat diesen Zauber bemerkt", sagte Darcy. „Ich hätte erwarten sollen, dass sie das tun würden. Das Gemälde ist das, war das hier und das drüben verbindet. Ich bin der Hüter des Tores und durch mein Bild ist das hier drüben widergespiegelt – durch mein Porträt. Verstehen Sie das?"

Elizabeth legte ihre Stirn in Falten. „Ihr Porträt verbindet das richtige Anwesen mit der Anderswelt – das auf der anderen Seite ist makellos, genau wie das Anwesen hier, während das Porträt hier heruntergekommen ist – genau wie Pemberley in der realen Welt?"

„Versuchen Sie gar nicht, das zu verstehen?", sagte Georgiana lächelnd, als sie sich zu ihnen gesellte. „Er hat unzählige Male versucht, mir das zu erklären, aber da niemand außer ihm selbst den Zauber sehen kann, hat er nicht viel Glück damit."

Elizabeth und Darcy warfen sich einen Blick zu, widersprachen ihr aber nicht. Sie verbrachten eine weitere Stunde damit, Pemberleys Hallen zu erkunden. Darcy führte sie mit Eifer durch Gänge, die sie direkt vom höchsten Stock des Hauses in den Keller brachten. Einige Räume waren ganz und gar magisch, mit sprechenden Spiegeln und eigenwilligen Teppichen, während andere fast schon beherrscht ordentlich wirkten. Aber das faszinierendste für Elizabeth war Darcys ungezwungener Umgang mit ihrer Tante und ihrem Onkel – sie hatte ihn noch nie so gefällig, so einnehmend erlebt. Es war schwierig, ihm nicht zuzulächeln.

Als im Westen langsam die Sonne unterzugehen begann, wurde auch Mrs. Gardiner langsam müde und meinte, dass die Kinder sich vielleicht Sorgen machen würden, wenn sie nicht bald nach Hause zurückkehren würden. Aber sie bedauerte ihre Klage sobald diese ihren Mund verlassen hatten, denn der Herr von Pemberley und seine Schwester schienen niedergeschlagen angesichts der Tatsache, dass ihre Gäste sie schon wieder verlassen wollten, ohne mit ihnen zu Abend gegessen zu haben.

„Es ist sehr unhöflich von uns gewesen, Sie die Treppen hinauf und hinunter zu jagen, ohne dass Sie sich sogar vorher mit Tee stärken konnten!", protestierte Miss Darcy. „Sie müssen zum Abendessen bleiben, nicht wahr, Fitzwilliam?"

„Wenn ist nicht allzu viele Umstände macht", antwortete dieser.

Elizabeths sah ihre Tante und ihren Onkel bittend an und Mrs. Gardiner willigte ein, noch zwei weitere Stunden zu bleiben. Als sie Mr. Darcy und Colonel Fitzwilliam folgten, die munter vorangingen, war Elizabeth überrascht, als sie bemerkte, dass sie an dem großen Speisesaal auf der rechten Seite vorbei gingen und in einen durch Fackeln erleuchteten Gang einbogen, der hinunter in die Küche führte.

Sie wollte nicht neugierig erscheinen, aber sie konnte nicht umhin, sich an Georgiana zu wenden, als sie die Treppen hinunter gingen, und zu flüstern: „Essen Sie denn nicht in dem großen Saal oben?"

Georgiana lachte verschmitzt. „Haben Sie Angst, dass wir in der Küche essen, Miss Bennet?", fragte sie kichernd.

„Aber wir essen doch in der Küche, Georgie!", rief ihnen der Colonel über seine Schulter zu.

„Wir essen natürlich nicht in der Küche", sagte Darcy ernst, bevor auch er anfing zu lachen, „sondern in der großen Halle, die mit ihr verbunden ist."

Sie führten ihre Gäste in eine große Halle tief unter dem Gebäude, an den Wänden waren Fackeln aufgereiht worden und ein langer Tisch stand genau in der Mitte. Zwanzig weitere Gäste, von denen Elizabeth einige vorher bereits gesehen hatte, saßen an ihm und mindestens fünfundzwanzig weitere Kinder saßen, standen oder rannten um ihn herum.

„Hier", sagte Mr. Darcy und Stolz schwang in seiner Stimme mit, „sind fast zwei Drittel des Rats der Zauberer versammelt."

„Wir haben uns vorher nie so nah beeinander versammelt", erklärter der Colonel, „und es wird in nächster Zeit wohl auch nicht so schnell wieder geschehen. Aber Pemberley ist ein Hafen – und die Kinder sind hier am sichersten."

Elizabeth wurde mehr Leuten vorgestellt als sie sich merken konnte; die meisten Mitglieder kamen aus England, aber im Rat waren auch Mitglieder von fast allen Kontinenten (ein großer, dunkelhaariger Mann aus Ägypten, ein bärtiger Russe, eine Frau mit glänzenden Haaren aus Amerika, die nicht älter als Elizabeth selbst sein konnte, und ein kleinwüchsiges Pärchen aus Japan, deren Schwerter immer noch an ihren Seiten hingen). Sie aßen umgeben von Ausgelassenheit, mit ungestümen Geschichten, die von allen Seiten erzählt wurden, und spontanen Gesangseinlagen vom Ende der Tafel, wo eine Gruppe saß, die viel zu schön aussah, als dass sie komplett menschlich sein konnte.

Elizabeth aß meistens schweigend, die subtilen Blicke, die ihr Mr. Darcy zuwarf, waren ihr wohl bewusst und sie erinnerte sich, dass sie dieser Gesellschaft als seine Frau hätte vorgestellt werden können anstatt als einfacher Gast. Sie fragte sie, ob sie – wenn sie Mr. Darcy hier, umgeben von Gelächter und Behaglichkeit, die er nur innerhalb seines Rats verspürte, anstatt in Hertfordshire zu ersten Mal getroffen hätte – vielleicht anders von ihm gedacht hätte.

Plötzlich füllte eine klare Stimme die Halle mit einem Lied und alle Gespräche verstummten. Elizabeth starrte Mr. Darcy an, der in seiner eigenen Welt zu sein schien, als er ein Lied in der Sprache der Fei sang. Zuerst verstand sie nichts und erwartete auch nicht mehr, aber langsam, als das Lied fortschritt und die Musik in ihren Geist vordrang, verstand sie ihn. Die Bedeutung drang in ihr Herz, es ging um Liebe und Verlust – und die Suche. Sie verstand ihn – und das machte ihr Angst.

„Ein Feilied", flüsterte Mrs. Gardiner ihr zu, „kann mächtiger sein als jeder Zauber. Mr. Darcy steckt voller Überraschungen."

Elizabeth konnte ihr nicht antworten.


Eine Stunde vergang, eine weitere blieb noch übrig. Elizabeth erinnerte sich schließlich, warum sie überhaupt in Derbyshire war und dass Mr. Darcy ihr nichts von der Steinhütte, dem Dieb oder Rosings erzählt hatte. Aber bevor sie die Gelegenheit hatte, Fragen zu stellen, gab es ein großes Gekratze auf dem Boden und die hölzernen Stühle wurden zurückgeschoben und der Tisch angehoben und an die Wand gestellt.

„Nun werden sie tanzen", sagte Georgiana und deutete mit dem Kopf auf das Pärchen, das Elizabeth vorher schon aufgefallen war (und sie war sich jetzt sicher, dass sie ganz und gar nicht menschlich, sondern gänzlich Fei waren). „Sobald sie angefangen haben zu tanzen", fuhr Georgiana fort, „wird jeder tanzen. Es ist schwierig, ihnen zu widerstehen."

Und tatsächlich, als die Musik scheinbar aus dem nichts immer weiter anschwoll und die Paare begannen, durch den Raum zu wirbeln, nahmen auch ihre Tante und ihr Onkel sich an den Händen und begaben sich in das Durcheinander. Georgiana tanzte selbst nicht, aber gab ein hübsches Bild ab, als sie den Colonel auslachte, der versuchte, um alle herumzutanzen.

„Wollen Sie mit mir tanzen, Miss Bennet?", fragte Darcy und schreckte sie auf.

„Ich kenne den Tanz nicht", sagte sie und lächelte schüchtern.

„Es ist keiner, den man lernen kann", sagte er und nahm ihre Hände.

Für einige Zeit verlor sich Elizabeth in seinem Blick, in seinen Berührungen und in die Musik, die sie umgab. Aber irgendetwas zerrte an ihren Gedanken und lenkte sie ab, bis sie schließlich auf einmal stehen blieb.

„Der Dieb, Mr. Darcy", sagte sie als Antwort auf seinen besorgten Blick. „Sie haben mir keine Neuigkeiten von dem Dieb berichtet."

„Es ist schon spät und Ihre Tante und Ihr Onkel wollen bestimmt gleich fahren", antwortete er und wich ihrem Blick aus. „Wir sollten besser morgen darüber reden."

„Morgen ist viel zu weit weg und ich bin schon viel zu lange im Dunkeln gelassen worden."

Etwas flimmerte in seinen Augen, das Elizabeth nicht ganz einordnen konnte – Unsicherheit vielleicht? – bevor er mit dem Kopf nickte. Mit einem Blick auf die nichtsahnenden Menschen, die um sie herum tanzten, führte er sie geschwind aus der Halle in einen Gang und dann in ein verdunkeltes Zimmer, dass sie noch nie zuvor gesehen hatte. Es gab einen blauen Feuerstoß, der den großen Schreibtisch am Fenster, der übersäht war mit Büchern und Papier, die drei Karten an der einen Wand und die Bücherregale an den anderen Wänden erleuchtete. Ein einziges Fenster reichte vom Boden bis zur Decke und man konnte in der Dunkelheit den Mond sehen, der hier viel heller schien als in der richtigen Welt.

Mr. Darcy ging zu seinem Schreibtisch und hob ein Päckchen, das in schwarzes Tuch gewickelt war, hoch.

„Ich habe die Hütte gefunden", sagte er einfach nur, „umgeben von keinem einzigen Zauber. Sie hatten Recht: Wenn sie noch von Zaubern umgeben gewesen wäre, hätte ich sie ohne Ihre Hilfe niemals wieder gefunden."

Elizabeth versuchte, nicht selbstgefälllig dreinzublicken. „Aber Sie haben sie gefunden."

„Und das hier", sagte er und zog das Tuch zur Seite, das den Blick auf eine schimmernde schwarze Box freigab, „war darin."

„Eine Box?", grübelte Elizabeth, ging auf sie zu und streckte ihre Hände aus.

Mr. Darcy zog sie zurück. „Haben Sie sie vorher schon einmal gesehen?"

„Nein."

„Können Sie irgendwelche Magie, die sie umgeben könnte, spüren?"

Elizabeth hielt inne und untersuchte sie schnell. „Ich – ich kann es nicht genau sagen. Lassen Sie sie mich halten?"

„Ich hätten sie Ihnen nicht zeigen sollen", und in seinen Augen flimmerte, wie sie jetzt erkannte, Ärger – und vielleicht auch Schuld?

„Aber Sie müssen sich mich sehen lassen", sagte sie und ein Lächeln breitete sich über ihrem Gesicht aus, „weil Sie nicht wissen, was es ist – und ohne mich werden Sie es nie erfahren."

Mr. Darcy antwortete nicht, deshalb streckte sie erneut ihre Hände aus, nahm ihm sanft die Box aus den Händen und stellte sich an das Fenster.

„Haben Sie sie geöffnet?"

„Einmal. Keine Reaktion."

Sie konzentrierte sich und legte ihre Stirn in Falten. „Ich konnte leider nicht viel üben seit – Rosings. Jane hasst es, schädliche Zauber auszuführen und es hat ja keinen Sinn für mich, zu lernen, die guten zunichte zu machen."

„Wenn Sie hierher gekommen wären, hätten Sie wahrscheinlich besser üben können", antwortete er.

„Aber es wurde mir nicht erlaubt, zu kommen", sagte sie nur kurz und ließ ihre Fingerspitzen über die Kanten der Box gleiten. „Sie ist sehr – kalt."

„Ist sie das?"

„Haben Sie das nicht bemerkt?", sie fuhr mit ihren Fingerspitzen in Richtung des Verschluss.

„Öffne es nicht, Elizabeth-", sagte er nur kurz, aber da war es schon zu spät. Sie hatte den Zauber unter dem Deckel bemerkt und konnte nicht anders, als die Box zu öffnen.

Sofort schoß ein schwarzer Lichtstrahl aus der Öffnung. Mit einem Schrei voller Entsetzen ließ Elizabeth die Box fallen und Darcy warf das Tuch wieder über sie.

„Es tut mir leid", keuchte sie, ihre Hände zitterten. „Es tut mir leid."

Darcy sackte in eine sitzende Position auf den Boden, seinen Rücken lehnte er an die Wand. Er blickte zu ihr auf und in seinen Augen stand die Niederlage geschrieben.

„Der Dieb weiß, wo wir sind", sagte er, „und ist auf dem Weg zu uns."

(1) Fei ist altdeutsch für "Fee"