Kapitel 9: Dazwischen
Montag Morgen
Schlecht gelaunt parkte House sein Auto vor dem Princeton Plainsboro und stieg aus. Die ganze Nacht hatte er wegen dieser dummen Sache gestern nicht schlafen können... Stattdessen hatte er in seinem Apartment an seinem Klavier gesessen und gespielt... Etwas, zu dem er seit seiner Ehe mit Cuddy kaum noch gekommen war... Erstens hatte Cuddy bei sich kein Klavier und zweitens war er meistens zu beschäftigt mit ihr gewesen... Mit ihrer fordernden Art, ihrem aufbrausendem Gemüt, ihrer Sturheit... Verdammt sei diese Frau, weil sie ihn so faszinierte. Verdammt sei sie, weil sie gesagt hatte, dass sie ihn liebte. Und verdammt sei er, weil er sich so sehr wünschte, sie hätte es ernst gemeint...
Er wollte gerade sein Auto abschließen, als ihn plötzlich jemand von hinten ansprach: „Wo ist Cuddy?"
Erschrocken lies House beinahe seine Autoschlüssel fallen. „Was?" Verärgert drehte er sich zu dem Störenfried um. Wilson. Natürlich, wer auch sonst? Grimmig sah House seinen besten Freund an. Irgendwie schaffte es dieser doch immer wieder zum ungünstigsten Zeitpunkt aufzutauchen...
„Wo ist Cuddy?", wiederholte Wilson und grinste amüsiert angesichts Houses Unmut.
House runzelte die Stirn. „Woher soll ich das wissen?"
Wilson zuckte mit den Schultern. „Sonst seit ihr immer zusammen gekommen..."
„Stimmt doch gar nicht."
„Stimmt ja wohl... Seit ihr verheiratet seit, seit ihr jeden Tag zusammen hier erschienen..."
„Gar nicht.", widersprach House trotzig. „Als ich meine-"
„Als du deine Eltern zum Flughafen gebracht hast nicht, schon klar.", unterbrach ihn Wilson und rollte mit den Augen. „Aber sonst seid ihr immer zusammen hier angekommen..."
„Schön, Klugscheißer." Nun rollte House mit den Augen. „Hast mich erwischt... Ich war bei mir... Hab mich dort mit meiner Lieblingsnutte getroffen... Irgendwie ist Cuddy noch nicht bereit für einen Dreier..."
Verwirrt sah Wilson ihn an. „Du hast bei dir übernachtet? Nicht bei Cuddy?"
„Genau das habe ich gesagt.", erklärte House trocken. „Wow... Ich glaube du bist der erste schwerhörige Klugscheißer, dem ich die Ehre hatte, zu begegnen..." Seine Stimme triefte nur so vor Zynismus, während House an Wilson vorbei in Richtung Eingang humpelte.
„Was hast du getan?" Besorgt runzelte Wilson seine Stirn und folgte ihm.
„Was ich getan hab?" House schnaubte überheblich. „Wieso gehen immer alle davon aus, dass ich schuld bin?"
Wilson hob eine Braue. „Ist diese Frage ernst gemeint?"
Ohne Wilson einer Erwiderung zu würdigen betrat House das Krankenhaus und steuerte direkt auf die Klinik zu.
„Was tust du?", erkundigte sich Wilson irritiert und folgte House weiter. „Du hast heute keinen Dienst.
„Ich will morgen blau machen, also arbeite ich heute vor..."
„Du 'arbeitest vor'?" Ungläubig blieb Wilson stehen und starrte ihn an.
House öffnete die Tür zum Behandlungszimmer zwei. „Ja."
Fast wäre es ihm gelungen, Wilson hinter sich die Tür vor der Nase wieder zu zuschlagen, doch sein Freund verfügte an diesem Morgen über ausgezeichnete Reaktionen und schlüpfte in letzter Sekunde ebenfalls in das Behandlungszimmer, wo er direkten Weges zur Behandlungsliege ging und sich darauf niederlies.
House seufzte, humpelte zum einzigen Stuhl des Raumes, schnappte sich eine Akte und begann darin zu lesen, in der Hoffnung Wilson würde diesen 'subtilen Wink' verstehen und endlich jemand anderen nerven gehen...
Gemächlich rutschte Wilson ein wenig auf der Behandlungsliege herum und machte es sich bequem. „Also, was ist los?", fragte er schließlich.
„Hab ich dir schon gesagt." House blätterte in seiner Akte. „Cuddy ist noch nicht bereit für nen Dreier, daher sind die Nutte und ich-"
„Du hast zu Hause übernachtet!", unterbrach ihn Wilson grob.
Genervt sah House von seiner Akte auf. „Wegen der Nutte. Hör doch zu, Mann!"
„Und," führte Wilson weiter an. „du willst vorarbeiten."
„Was soll das?" Verständnislos schüttelte House leicht seinen Kopf und verzog das Gesicht. „Willst du jetzt sämtliche Informationen wiederholen, die ich dir vor zehn Minuten gegeben habe?"
„Du arbeitest nie vor." Wilson stützte seine Ellbogen auf seine Knie und beugte sich zu House vor. „Man muss dich ja schon beinahe prügeln, damit du überhaupt arbeitest!"
House wandte sich wieder seiner Akte zu. „Wahrscheinlich Cuddy´s 'guter' Einfluss...", brummte er. „Die ganzen Wohltätigkeitsveranstaltungen können einen ganz weich in der Birne lassen... Du solltest dich lieber von solchen Ereignissen fern halten. Dein Messias-Komplex ist schon groß genug... Noch ein wenig mehr und du fängst an Kakerlaken zu retten, oder wirst Vegetarier oder so´n Quatsch..."
Plötzlich leuchteten Wilsons Augen auf. „Du gehst Cuddy aus dem Weg! Deshalb bist du hier... Du bist an dem letzten Ort an dem Cuddy dich vermuten würde..." Wilson schnaubte belustigt. „Verdammt, der letzte Ort, an dem dich überhaupt irgendwer suchen würde..."
House seufzte laut. „Ich gehe Cuddy. Nicht. Aus dem Weg, Wilson.", erklärte er ihm geduldig, als würde er mit einem Kleinkind reden. Oder mit einem geistig Zurückgebliebenen. Oder mit seinem nervtötenden besten Freund.
„Tust du doch." Wilson grinste triumphierend.
„Tu ich nicht."
„Tust du doch!"
„Tu. Ich. Nicht." House warf Wilson über seine Akten hinweg einen kurzen, finsteren Blick zu.
Wilson grinste nur mehr. „Tust. Du. Doch."
Diesmal wurde der finstere Blick, mit dem House Wilson bedachte, um einiges länger. „Lass das, Wilson.", knurrte er. „Die 'Ich-wiederhole-meinen-Standpunkt-so-lange-bis-der-andere-die-Geduld-verliert'-Methode beherrsche ich besser als du. Ich hab sie erfunden."
„Hast du nicht." Wilsons Augen blitzten vor Vergnügen.
Houses Augen verengten sich zu schmalen wütenden Schlitzen. „Wilson." Seine Stimme hatte einen warnenden Ton angenommen.
„Da hast du es!", triumphierte Wilson und lehnte sich zurück."Irgendwas beschäftigt dich. Sonst wärst du nicht so schnell genervt..." Nachdenklich rieb er sich sein Kinn. „Normalerweise bin ich immer der Genervte... Aber so finde ich es besser." Er lächelte wieder.
House wünschte sich, seine Blicke hätten die Macht zu töten. Oder die Macht, jemanden in Flammen aufgehen zu lassen... Oder wenigstens die Macht, jemanden... hm, sagen wir zum Beispiel Wilson, einen schlimmen Ausschlag auf den Hals zu hetzen...
„Wenn du´s sagst, kriegst du auch´n Keks."
Frustriert erwog House kurz, das Hoffen auf einen Super-Blick auf später zu verschieben und Wilson stattdessen auf die altmodische Tour mit seinem Stock zu vermöbeln, brummte aber dann nur: „Hauptsache, du amüsierst dich..." und wandte sich erneut seiner Akte zu.
„Nun sag schon.", lenkte Wilson schließlich ein. „Du weißt, bei sowas kann ich sein wie du... Ich werd nicht gehen, bevor ich es weiß..."
House seufzte schwer und senkte seinen Kopf ein wenig tiefer über seine Akten. „Cuddy sagt, sie liebt mich." Er sprach so leise, dass Wilson ihn kaum hörte.
Stumm wartete Wilson darauf, dass House fortfuhr.
„Samstag als wir von dem Wohltätigkeits-Dinner abgehauen sind, hat sie´s mir gesagt... Also bin ich zu mir nach Hause gefahren..."
„Oh...Verstehe." Unsicher nickte Wilson und runzelte die Stirn. „Wenn die eigene Frau einen liebt, kann das eine Ehe schon belasten..."
„Ich hätte bei der Nutten-Variante bleiben sollen...", knurrte House.
„Die erscheint mir im Nachhinein auch weniger verrückt...", murmelte Wilson. „Cuddy sagt, sie liebt dich und du haust ab?"
Jetzt sah House ihn doch an. „Was hätte ich denn sonst tun sollen?" Die hilflose Verwirrung in seiner Stimme klang ehrlich.
„Bleiben, zum Beispiel?" Wilson seufzte. „Hauptsache nicht in Panik ausbrechen und abhauen..."
„Ich bin nicht in Panik-"
„Du machst Klinikdienst.", unterbrach ihn Wilson. „Freiwillig. Bei dir ein klares Zeichen für Verzweiflung."
Houses Gesicht wurde ausdruckslos. „Wo wir gerade bei 'Dienst' sind... Musst du nicht auch arbeiten?", fragte er spitz.
Wilson ignorierte ihn. „Wieso bist du nicht bei Cuddy geblieben?", hakte er erbarmungslos nach. „Wieso bist du gegangen?"
„Solltest du dich nicht um ein paar krebskranke Kinder kümmern?"
„Soll ich dir sagen, wieso du abgehauen bist?"
„Oder um ein paar sterbenskranke Frauen?- Ihnen eine starke Schulter und ein warmes Bett anbieten?", suggerierte House.
„Du bist abgehauen, weil du Angst hattest." Wilson beute sich wieder vor. „Weil du Angst hast, du hättest nun etwas zu verlieren, House."
„Meine Kontenance, vielleicht?" House hob eine Braue.
Wilson zog ebenfalls eine Braue hoch. „Du empfindest was für Cuddy, House." Seine Stimme wurde immer eindringlicher. „Du fühlst was für sie und jetzt, wo sie gesagt hat, dass sie dich liebt, wo sich tatsächlich eine Chance für dich auf Glück mit ihr eröffnet, bist du vor Angst wie gelähmt und machst dicht. Wie immer."
„Jetzt ist es passiert!" Mit einem lauten Knall schlug House die Akte zu und erhob sich von seinem Stuhl.
„Du hast Zugang zu deinen innersten Gefühlen?"
„Nein." House humpelte zum Ausgang. „Hab meine Kontenance verloren..." Schwungvoll öffnete er die Tür, trat in den Flur und machte dabei gleichzeitig den Eingang für einen fetten Mann Mitte fünfzig scheußlichem Hemd, scheußlichem Körpergeruch und Triefnase frei. Aufgesetzt freundlich lächelte House den Dicken an. „Dr. Wilson wird sich gut um sie kümmern..."
Verwirrt sah der Fremde House nach, während dieser über den Flur zum Behandlungszimmer eins ging...
Geschlagen erhob sich Wilson von der Behandlungsliege und griff sich die Akte, welche House auf dem Stuhl hatte liegen lassen.
Montag Mittag
Sachte klopfte Wilson gegen den Türrahmen von Cuddys Büro bevor er mit zwei Bechern Kaffee aus dem naheliegenden Starbucks in den Händen eintrat. „Hey."
„Hey..." Seufzend blickte Cuddy von dem Wust Papieren auf, der sich auf ihrem Schreibtisch türmte und drückte sich eine Hand gegen ihre schmerzende Stirn.
„Hier." Mit einem mitleidigem Gesichtsausdruck reichte Wilson ihr den Kaffee. „Du siehst echt schlimm aus..."
„Danke, Wilson.", erwiderte Cuddy zynisch, nahm jedoch dankbar den heißen Kaffee entgegen. „Du weißt doch echt, wie man einer Frau das Gefühl gibt etwas Besonderes zu sein..."
Ruhig setzte Wilson sich ihr gegenüber. „Du hast House gesagt, dass du ihn liebst."
„Wow!" Hustend versuchte Cuddy so würdevoll wie möglich den Schluck Kaffee, an dem sie dank Wilson beinahe erstickte, hinunterzuschlucken. „Bist du heute direkt... Wo ist diese ungeschickt subtile Art, für die wir dich alle so schätzen?"
Ihren Zynismus ignorierend, lehnte Wilson sich in seinem Stuhl zurück. „Hast du das ernst gemeint? Das du ihn liebst?"
„Ich war betrunken..."
„Nein, warst du nicht." Mitleidig schüttelte Wilson seinen Kopf.
Cuddy hätte kotzen können. Oder losheulen... Stattdessen setzte sie ihre geliebte 'Ich-bin-hier-der-Boss'-Maske auf und wartete still bis Wilson sie erneut ansprach.
„Was willst du jetzt tun?", fragte er.
„Ihn feuern?"
„Cuddy..."
Sie hob eine Braue. „Dich feuern?"
„Mich?", hakte Wilson verwirrt nach.
„Im Moment bist du weit nerviger als er..."
Wilson schnaubte. „Er macht Klinikdienst.", sagte er dann.
„Was?" Fragend runzelte Cuddy ihre Stirn.
„House.", erklärte Wilson und beobachtete aufmerksam Cuddys Reaktionen. „House macht freiwillig Klinikdienst."
„Dafür wird er schließlich bezahlt...", konterte Cuddy kühl.
„Er hat keinen Dienst.", fügte er hinzu. „Er arbeitet freiwillig."
Betont unberührt zuckte Cuddy mit ihren Schultern. „Dann haben all die Wohltätigkeits-Veranstaltungen, zu denen ich ihn geschleift habe, doch etwas genutzt..." Bei dem Gedanken an Samstag Abend biss sie sich auf die Lippe und kämpfte mit den Tränen. Verdammt... Ihre 'Ich-bin-hier-der-Boss'-Maske war anscheinend kaputt... Eine einzelne Träne bahnte sich ihren Weg über ihre Wange.
„Oh Cuddy..." Mitfühlend stellte Wilson seinen Kaffee ab und griff nach Cuddys linker Hand, welche zur Faust geballt auf ihrem Schreibtisch neben mindestens zehn dicken Akten lag, und drückte sie leicht. Cuddys Blick wich ihm aus. Verschämt lies sie ihren Kaffee auf dem Tisch stehen und wischte mit ihrer rechten Hand hastig die verräterische Träne fort.
„Er fühlt auch was für dich, Cuddy.", erklärte er ihr sanft. „Er weiß nur nicht, wie er damit umgehen soll. Also tut er, was er immer tut, und verhält sich wie ein Idiot." Er drückte ihre Hand erneut aufmunternd. „Lass nicht zu, dass er es versaut, Cuddy."
Cuddy entzog ihm ihre Hand und verschränkte sie mit ihrer rechten in ihrem Schoß.
Lustlos nippte Cuddy an ihrem Kaffee, nur um ihn gleich wieder in den Pappbecher zu spucken. Er war völlig kalt... Verdammt. Wilson war vor gut dreißig Minuten gegangen, also hatte sie mindestens eine halbe Stunde lang nur an ihrem Schreibtisch gesessen und sich selbst bedauert... Sie schüttelte ihren Kopf vor Selbstverachtung.
Hier zu sitzen und sich ständig immer wieder und wieder zu sagen, dass House ihre Liebe zu gestehen mit Abstand. Mit. Abstand. Das Dümmste war, was sie je in ihrem Leben getan hatte, brachte sie auch nicht weiter... Das einzig Positive an der Sache war, das House, anders als Wilson, sie Gott sei dank nicht ernst genommen hatte... Und das Schlimmste an der Sache war, dass sie jedes Wort gemeint hatte. Jedes. Einzelne. Wort.
Verdammt.
Cuddy biss sich auf die Unterlippe.
Sie liebte ihren Mann.
Verdammt.
Wie hatte es nur so weit kommen können?
Wieder ein Kapitel fertig... Noch ein Kapitel bis zum Happy-End. Wenn ihr es wollt, schreibt mir ein paar Zeilen... Wenn nicht, bekommt´s nur meine Oma zu Weihnachten. *böselach*
