Kapitel 10: Vollendete Tatsachen

Dienstag, früh am Morgen

Seit vier Minuten rührte sie teilnahmslos in ihrem mittlerweile kalt gewordenem Haferbrei rum, starrte an die Wand und dachte an House... Sie benahm sich albern, das wusste sie selbst. Aber helfen tat ihr diese Erkenntnis auch nicht... Schön, sie liebte House, aber das war schließlich kein Weltuntergang, oder?

Cuddy schnaubte selbstironisch.

Verdammt, natürlich war das ein Weltuntergang! Ihre ganzen Illusionen über ihr eigenes Traumleben waren plötzlich völlig auf den Kopf gestellt und ihre ehemals friedliche Sicherheit gebende Vorstellung von einer Ehe mit einem netten, freundlichen, zuverlässigen Mann, erschien ihr nun fade, langweilig und unerträglich. Allein die Idee mit einem Mann zusammenzuleben, nach dem sie nicht schon zum Frühstück wenigstens ein Kleinmöbel werfen wollte, weil er sie mit seinem wahnwitzigen Verhalten völlig verrückt machte, war nun absurd.

Wenn sie jetzt daran dachte, wie sie sich ihre Zukunft vorstellte, dann sah sie House und sich, wie sie mit ihm stritt, oder wie sie seinen Verstand mit irgendeinem Blödsinn herausforderte, weil ihr langweilig war... Sie sah sich selbst mit House an ihrem Küchentisch sitzen und gemeinsam frühstücken, dabei würden sie dann über die Klinik reden, über neue Fälle... Über die Gründe warum Lucky Charms ein tausend Mal besseres Frühstück waren, als das graue Zeug der Hölle, wie House Haferschleim seit neustem zu bezeichnen pflegte... Sie sah House und sich in der Klinik hitzig über einen Patienten, einen neuen Plasmafernseher für House, einen weiteren kaputten diskutieren, während sie gleichzeitig nicht die Finger von einander lassen konnten... Sie sah die letzten Wochen mit ihm.

Cuddy kämpfte mit den Tränen. Sie würde nicht heulen. Sie würde. Nicht. Heulen. Nicht schon wieder... Letzte Nacht war genug.

Tränen würden eh nichts ändern. Tränen änderten nie etwas. Also schluckte Cuddy sie runter, würgte tapfer einen Löffel Haferschleim hinunter und warf ihrer Zuckerdose böse Blicke zu. Als ob das arme Teil etwas dafür konnte, dass House nicht da war... Wie gesagt. Sie benahm sich albern... Hatte sich schon albern benommen, als sie ihm sagte, dass sie ihn liebte... Was hatte sie sich nur dabei gedacht?

Sie schnaubte erneut.

Gar nichts hatte sie sich dabei gedacht, das war ja das Problem! Sie war immer noch so wütend gewesen auf Ian... und gleichzeitig von Houses Nähe, von seinem Duft, von seinem Mund... Von seinen Küssen. Also hatte sie geredet ohne nachzudenken...

Wütend auf sich selbst schüttelte sie ihren Kopf.

Sie hätte ihm das nie sagen sollen... Stattdessen hätte sie ihn einfach küssen sollen... So wie sie es auch Dienstag getan hatte... Sie hätte sich an ihren eigen verdammten Rat halten sollen, ihn öfter zu küssen-

Plötzlich runzelte Cuddy ihre Stirn.

House öfter küssen... Irgendetwas löste dieser Gedanke in ihr aus... Erinnerungen wurden gekitzelt. Und damit meinte sie nicht die Erinnerungen an den letzten Dienstag als sie House die Krawatte geschenkt hatte. Nein, diese Erinnerungen lagen weit länger zurück...


Samstag Nacht vor zwei Monaten

Verschwitzt und schwer atmend lag er auf ihr, drückte sie mit seinem Gewicht in die weiche Matratze des Hotelbettes, während er kleine Küsse überall auf ihrem Gesicht verteilte. House küsste ihr Kinn, ihre Nase, ihre Augenlider... Gott, er fühlte sich so gut an. Cuddy barg ihr Gesicht in seinem Nacken, zog ihn mit ihren Armen, die immer noch eng um seinen Körper geschlungen waren, noch näher an sich und atmete tief seinen Duft ein. Er roch einfach himmlich! Sie drückte einen offenen Kuss auf seinen Hals und entlockte ihm ein heiseres Stöhnen. Leicht neigte er seinen Mund, suchte ihren. Zärtlich küsste sie ihn.

„Ich liebe dich.", murmelte House leise, kaum hörbar, an ihren Lippen.

„Was?" Verwirrt öffnete sie ihre Augen und starrte in das tiefe Blau der seinen.

„Du hast mich geküsst!", verteidigte er sich und versuchte sich von ihr zu lösen, doch sie hielt ihn fest an sich. Auf gar keinen Fall würde sie ihn jetzt loslassen. Auf gar keinen Fall.

„Und deshalb liebst du mich?", hakte sie nach und lächelte, trunken vor Champagner. Und vor Glück.

„Deshalb hab ich´s gesagt...", brummte er. Sie küsste ihn erneut bevor er fortfuhr: „Und weil wir verheiratet sind..." Sie lächelte gegen seinen Mund nippte an seiner Unterlippe. „...Und betrunken... und weil du mich geküsst hast..."

Selbstzufrieden nahm Cuddy sein Gesicht zwischen ihre Hände und sah ihn grinsend an.

„Was?" Leicht misstrauisch runzelte er die Stirn.

„Ich denke, ich sollte dich öfter küssen.", erwiderte sie und setzte diese neue Erkenntnis sofort in die Tat um...


Dienstag Morgen

Verdammt.

Kerzengerade saß Cuddy auf ihrem Stuhl.

Dieser Mistkerl!


Dienstag Abend

Mürrisch betrat House seine Wohnung und lies seine Schlüssel auf seine Kommode fallen, bevor er die Haustür hinter sich unsanft ins Schloss zog. Ausgelaugt schleppte er sich in sein Wohnzimmer, wo er morgens schon eine Flasche Whisky for sich bereitgestellt hatte, die nun dort zusammen mit einen Wasserglas auf ihn wartete. Er hatte eh vor, die ganze Flasche zu leeren, also warum das unvermeidliche durch ein kleineres Glas hinauszögern? Wenigstens konnte er sich auf seinen besten Freund, sein NEUEN besten Freund, Johnnie Walker, verlassen... House betrat sein Wohnzimmer. Johnnie würde ihn nicht mit nervtötenden Fragen belästigen. Johnnie nicht, nein, Johnnie würde das nie tun... Wo zum Teufel war Johnnie? Stirnrunzelnd starrte House ungläubig auf seinen leeren Wohnzimmertisch, auf dem eigentlich sein Whisky samt Wasserglas auf ihn warten sollte.

„Suchst du was bestimmtes?", fragte plötzlich eine wohlbekannte weibliche Stimme hinter ihm.

„Cuddy." Automatisch spannte sein ganzer Körper sich an. Nur sehr mühsam brachte er sich dazu, sich langsam zu ihr umzudrehen. Sie stand in seiner Küchentür, ein Wasserglas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, vermutlich sein Whisky, in der Hand. Toll, Johnnie hatte ihn also auch verraten...

Verdammt, sah sie schön aus. Ungeschminkt, in ein paar alte Jeans und dieses hässliche alte Teil von Lieblingsshirt gehüllt stand sie vor ihm und sah ihn einfach nur an. Am liebsten hätte er sich einfach wieder umgedreht und wäre zurück zur Klinik gefahren. Oder in eine Bar, wo er soviel Schnaps hatte trinken können, bis ihr Anblick für immer aus seinem Gedächtnis gelöscht wäre... Am liebsten hätte er sie gepackt und sie geküsst bis sie beide keine Luft mehr bekämen...

Seine linke Hand umklammerte fest den Griff seines Stocks. „Was willst du hier, Cuddy?" brachte er grimmig hervor.

Gelassen hob sie eine Braue. „Was machst du hier?", schoss sie zurück.

„Ich wohne hier?", entgegnete er mit unverhohlenem Sarkasmus und humpelte auf sie zu.

„Deine Schicht endet erst in zwei Stunden." Aufmerksam betrachtete sie ihn.

House schnaubte, schüttelte leicht seinen Kopf und nahm ihr das Glas aus der Hand, von dem er einen großzügigen Schluck nahm. Johnnie... Er hatte es ja gewusst. Sie zuckte nicht ein Mal, als er sie berührte. Verdammt, er hatte gehofft, sie durch seine pure Nähe einzuschüchtern, sie dazu zu bringen zu flüchten, so das er sein Gesicht waren konnte... Doch stattdessen sah sie ihn nur weiter ruhig an während seine Hand anfing zu zittern. Verdammt, wieso war sie so gelassen? Und wieso schaffte er das nicht auch? „Wieso bist du hier, Cuddy?" Seine Stimme lies keinen Zweifel an der Tatsache, dass er ihre Anwesenheit ganz und gar nicht begrüßte. Sie war nahezu erfüllt von Unmut.

Sie griff nach dem Glas, legte ihre Hand auf seine und sah ihm offen in die Augen. „Du liebst mich, House." Obwohl sie beinahe flüsterte klang ihre Stimme fest und bestimmt.

Das Glas zersprang in tausend Stücke als House es abrupt loslies, um Cuddys Berührung zu entkommen. „Das ist nicht der Punkt.", brummte er ebenso leise. Sein Blick wich ihrem aus und konzentrierte sich auf die vielen kleinen Glassplitter und die winzige Lache Whisky auf seinem Fußboden.

„Doch, ist es-" Sie machte einen Schritt auf ihn zu, suchte die Nähe, mit der er sie hatte verscheuchen wollen und die ihm nun selbst eine Heidenangst einjagte. Ihr Geruch stieg ihm in die Nase und umnebelte seinen Verstand... Erzeugte unerwünschte Bilder von sich und Cuddy, wie sie hätten seien können, wenn sie beide nur-

Er verbot sich den Gedanken zu Ende zu führen. Wunschdenken hatte noch nie zu einem zufriedenstellenden Ergebnis geführt. Nur zu Schmerz... Und von dem hatte er bereits jetzt genug.

„Ist es nicht, Cuddy...", erwiderte er und zuckte erneut als sie ihre Hände auf seine Brust legte. Geschockt sah er sie an.

„Du liebst mich, House..." Ihr Gesicht war ganz weich und offen und erschreckte ihn beinahe noch mehr, als ihre Berührung.

„Aber-"

„Du tust es, House.", unterbrach sie ihn sanft und lächelte vorsichtig. „Und ich liebe dich-"

Wenn es nicht so erbärmlich gewesen wäre, hätte er sich die Ohren zugehalten. „Sag das nicht.", bat er still. Sie brachte ihn um. Jedes Mal wenn sie das sagte, brachte sie ihn um. Was sollte das? Wieso sagte sie es überhaupt? Er wusste- Sie beide wussten, dass sie es nicht so meinte... Nicht so, wie sie es meinen müsste, um mit ihm zusammen zu bleiben... Nicht genug um aus ihrer Scheinehe eine echte zu machen... Aber ehrlich, wer könnte das schon?

„Ich liebe dich.", wiederholte sie stur. Ihre Hände wanderten gemächlich, wie selbstverständlich, zu seinem Nacken.

„Tust du nicht..." Heftig schüttelte er seinen Kopf und griff nach ihren Handgelenken, schob ihre Hände von sich weg und trat einen Schritt zurück.

„Du Arschloch.", fauchte sie wütend und entwand sich in einer heftigen Geste aus seinem Griff nur um ihn dann mit geballten Fäusten gegen die Brust zu schlagen.

Bewegungslos stand er da, konzentrierte sich nur auf den dumpfen Schmerz den der Schlag ihrer kraftlosen Fäuste auf seiner Brust auslöste. Wie gesagt. Das einzige wozu Wunschträume führen, ist Schmerz. Sein Blick fixierte die Wand hinter ihr.

Am liebsten hätte sie ihm noch eine geknallt, ihn verletzt, wie er sie verletzte versucht Vernunft in ihn reinzuprügeln, ihn zwingen zu sehen, dass das hier echt war... Ein hoffnungsloses Unterfangen, zweifelsohne. Also schloss sie für einen Augenblick ihre Augen und holte tief Luft, erinnerte sich abermals an den Samstag vor zwei Monaten. Rief sich seinen Gesichtsausdruck in Erinnerung, als er ihr gesagt hatte, dass er sie liebte. Erinnerte sich an die zwei Monate ihrer Ehe und versicherte sich selbst, dass das hier mit ihnen echt war. Selbst wenn er noch zu stur war, es einzusehen... Aber dafür würde sie schon sorgen.

„Du selbstgerechtes verdammtes Arschloch!" Fluchend nahm sie sein Gesicht in beide Hände, zwang ihn dazu sie anzusehen. „Ich liebe dich.", erklärte sie mit ernster Stimme. „Und wenn ich mit dieser Tatsache zurecht komme, du sturer Dickschädel, dann musst du das auch, verstanden?" Ohne ihm die Chance zu lassen, ihr zu antworten, küsste sie ihn. Presste all ihre Liebe für ihn in diesen Kuss um ihn, wenn nicht durch Worte, dann doch wenigstens durch Taten zu überzeugen.

Erst wurde sein Körper völlig steif, als nächstes schlug sein Stock mit einem lauten Knall auf dem Boden auf und seine Arme legten sich wie feste Schraubstöcke eng um ihren Körper, zögen sie so nah an sich, dass nicht mal mehr ein Blatt Papier zwischen sie gepasst hätte. Leidenschaftlich erwiderte er ihren Kuss, übernahm die Kontrolle, bis sie sich weich wie flüssiges Wachs und schwach vor Sehnsucht an ihn schmiegte.

„Sag das noch mal.", verlangte er atemlos als er schließlich den Kuss unterbrach.

„Du selbstgerechtes verdammtes Arschloch?" Lächelnd küsste sie die winzigkleine Kerbe auf der rechten Seite seiner Nase.

„Nein..." Unmerklich schüttelte er seinen Kopf. „Das du mich liebst..." Er drückte seine Lippen gegen ihren linken Mundwinkel.

„Ich dachte." Sie küsste ihn flüchtig. „Das sollte ich nicht sagen?" zärtlich streichelte sie mit ihrer rechten Hand die warme Haut in seinem Nacken.

„Hab meine Meinung geändert.", erwiderte er rau. Er musste es einfach noch Mal hören. Musste sich vergewissern, dass sie es ernst meinte. Obwohl... Wenn es nicht ihr Ernst wäre, hätte sie ihn wohl kaum selbstgerechtes verdammtes Arschloch genannt... Bei der Erinnerung an ihr wütendes Gesicht, als er versucht hatte, sie loszuwerden zog sich sein Herz vor Glück zusammen. Sie wäre nie so wütend gewesen, wenn ihr das hier nichts bedeuten würde, wenn sie ihn nicht lieben würde. Gott sei Dank war sie so stur... „Sag´s noch mal."

„Gut.", gluckste Cuddy amüsiert und verteilte glückliche kleine Küsse überall auf seinem Gesicht, liebkoste jede Stelle, die sie erreichen konnte. „Ich liebe dich." Sein rechter Wangenknochen. „Ich liebe dich." Sein Nasenflügel. „Ich liebe dich." Sein Mundwinkel. „Ich liebe dich." Seinen Mund. Und noch Mal seinen Mund.

Zufrieden verzogen sich seine Lippen unter ihren zu einem Lächeln. „Cuddy?", fragte er nach einem weiteren tiefen Kuss.

„Hm?", murmelte sie abgelenkt von seinen Händen, die sanft ihren Hintern streichelten, gegen seinen Hals.

„Ich liebe dich auch."

Cuddy grinste. „Ich weiß...", murmelte sie und sog tief seinen Duft ein. „Du hast es mir gesagt... In unserer Hochzeitsnacht..." Sie biss in sein linkes Ohrläppchen.

„Aua!", jammerte House. „Wieso tust du-"

„Weil du Samstag abgehauen bist, obwohl du mich liebst!" Sie biss ihn erneut. „Wehe du machst das noch Mal...", flüsterte sie warnend in sein Ohr. „Du gehört mir."

House schnaubte amüsiert. „Ich gehör dir?"

„Ja." Sie nickte leicht und küsste dann beruhigend sein strapaziertes Ohrläppchen. „Hast du etwa gedacht, du wärst der einzige von uns, der besitzergreifend ist?"


GESCHAFFT! Na ja... Fast. Ich hab noch einen kleinen Epilog vorbereitet, der ein wenig die Ereignisse ihrer Hochzeit schildert... Wollt ihr den auch? Dann sagt bescheit, ihr wisst ja, wie schwach mich Feedback macht... Schwach und upload-freudig (Ja, ich weiß, das Word gibt´s nicht... Sollte es aber ^-^)

Egal, bitte schickt mir doch zu Weihnachten und im Sinne der Nächstenliebe ein paar Zeilen, ob euch dieses Kapitel gefallen hat... Als Dank gäb´s schon Mal nen kleinen Auszug aus dem Epilog...

Grüße, FROHE WEIHNACHTEN, Sarah