Wie immer besten Dank für die lieben Reviews.
Weil heute Weihnachten ist, gibt es noch ein weiteres Kapitel.
Kapitel 11 – Langsames Erinnern II
Missmutig wanderte Hermine hinter ihren Klassenkameraden her. Es war Hogsmeade-Wochenende und sie wollte einige Besorgungen machen. Seit Tagen hatte sie sich auf diesen Ausflug gefreut, war es doch das erst Mal, dass sie mit Harry als offizielles Paar in das kleine Zaubererdorf gehen konnte.
Heute morgen hatte Harry ihr jedoch traurig mitgeteilt, dass er nicht mitkommen konnte. Vor einigen Tagen hatte er sich in Zaubertränke Nachsitzen eingehandelt und Professor Snape hatte ihm soeben süffisant mitgeteilt, dass er diesen just an diesem Tag abzusitzen habe. Harry versprach, sollte es sich noch lohnen, nachzukommen.
So musste sie alleine gehen und fühlte sich etwas unwohl, während sie die vielen Pärchen beobachtete, die eng umschlungen durch die Sträßchen streiften.
Hermine seufzte und kramte ihren Einkaufszettel aus der Robe. Dann verschwand sie in einer Apotheke um Harrys und ihre Zaubertrankzutaten zu ergänzen. Der nächste Weg führte sie in die Buchhandlung. Wie zu erwarten, war wenig los. Die Buchhandlung gehört nicht zu den bevorzugten Zielen der Schüler an einem Hogsmeade-Wochenende. Sie wollten einfach Spaß haben und nicht an den Unterricht denken.
Hermine genoss die Ruhe und schlenderte durch die engen Regale, um ab und zu ein Buch herauszunehmen und durchzublättern. Ein Buch über komplexe Verwandlungen erweckte ihr Interesse und sie blätterte es durch, nicht ohne hier und da einen Abschnitt genauer unter die Lupe zu nehmen.
Plötzlich ertönte die altmodische Klingel über der Türe und einige Schüler betraten die Buchhandlung. Hermine achtete nicht darauf, denn ein Abschnitt über die Verwandlung von lebenden Wesen fesselte sie. Erst als das Geschnatter der Neuankömmlinge näher kam und auf der anderen Seite des riesigen Bücherregals Getuschel einsetzte, wurde Hermine aufmerksam, vor allem, da oftmals das Wort ‚Potter' oder ‚Harry' genannt wurde.
„... würde ich gerne Mal vernaschen." Die Gruppe von Mädchen aus dem sechsten und siebten Jahrgang, wie Hermine jetzt anhand der Stimmen feststellte, war direkt gegenüber zum Stehen gekommen. Hermine war dankbar, dass die Buchreihen dicht gestaffelt waren, so dass sie von der anderen Seite nicht bemerkt werden konnte.
„Aber ich sage Dir, der tut nur so. Er könnte jede haben."
„Ja, das glaube ich auch. Ist Dir nicht aufgefallen, dass der Bücherwurm heute alleine ist? An einem Hogsmeade-Wochenende?"
„Der hat sie bestimmt fortgeschickt, damit er mit einer anderen rummachen kann."
„Ihr redet Quatsch." Hermine erkannte Lunas Stimme. „Er ist im Schloss geblieben, weil er Nachsitzen bei Snape hat."
„Du glaubst doch nicht, dass Dumbledores ‚golden Boy' nicht frei gekriegt hätte, wenn er gefragt hätte? Ist Dir nicht aufgefallen, dass Cho Chang auch fehlt? Sicher ist er mit ihr irgendwo in einem Besenschrank oder im Raum der Wünsche. Ist ja auch verständlich. Wenn ich die Wahl hätte zwischen der heißen Cho und dem vertrockneten Bücherwurm?"
„Ich sagte doch – er hat Strafarbeiten mit Snape!" sagte Luna jetzt ärgerlich.
Hermine schüttelte den Kopf. ‚Haben die denn keine anderes Thema? Harry würde so was niemals tun." Sie stellte das Buch zurück und versuchte, so unauffällig wie möglich zu verschwinden. Als sie die Tür erreichte, wurde diese jedoch schon von außen aufgestoßen und in der Türe stand ... Snape. Wie üblich schoss der Tränkelehrer der Gryffindor einen bösen Blick zu und rauschte wortlos an ihr vorbei.
Hermines Gedanken fuhren Achterbahn. Das Gespräch der Mädchen schoss durch ihre Gedanken. Hatte Harry gelogen? Stimmte das, was die Mädchen sagten. Tränen schossen Hermine in die Augen, ohne dass sie es verhindern konnte. Snape war hier. Harry hatte keine Strafarbeiten bei ihm. Wo war er? Hatte er die Zeit wirklich genutzt um mit Cho rumzumachen, während sie alleine nach Hogsmeade musste? Alles passte zusammen. Cho war ebenfalls nicht in Hogsmeade und Snape war hier. Dazu kamen die Vermutungen der Mädchen.
Hermine stürmte aus dem kleinen Dorf und rannte zum Schloss. Atemlos stürmte sie in die Eingangshalle und sofort weiter in Richtung Gryffindor-Turm. Keuchend nannte sie der fetten Dame das Passwort und kletterte in den Gemeinschaftsraum. Obwohl sie noch Hoffnung hatte, dass alles ein riesengroßes Missverständnis war, Harrys Schultasche auf dem Sessel vor dem Kamin und der leere Jungenschlafsaal sprachen Bände.
Hermine warf sich auf eine Couch und schluchzte in ihre Hände. ‚Dieses Schwein. Lügt mich an und vergnügt sich mit Cho!'. Die Trauer und der Schmerz wandelte sich in Wut. Schnell packte sie ihre Sachen zusammen, die sie vorhin achtlos auf den Boden geworfen hatte und begab sich in den Mädchenschlafsaal. Dort legte sie sich auf das Bett und versuchte, ihre Gedanken zu beruhigen. Sorgfältig überdachte sie ihre Informationen. Aber wie sie es auch drehte und wendete, es gab keine andere Lösung. Nachdem sie beide so kurze Zeit zusammen waren, wurde sie von Harry betrogen.
Hermine schreckte auf, als sie Stimmen aus dem Gemeinschaftsraum hörte. Sie musste eingedöst sein, denn die ersten Schüler kamen von ihrem Ausflug zurück. Schnell setzte sie sich auf und ging ins Bad. Mit kaltem Wasser und einem kleinen Zauber vertuschte sie die Spuren ihrer Tränen. Es war Zeit für das Abendessen und sie wollte nicht, dass man ihr die Enttäuschung ansah.
Schnell warf sie sich ihre Schulrobe über die Schultern und stolzierte an den anderen Schüler vorbei, auf das Portraitloch zu. Die höhnischen Blicke der anderen Mädchen ignorierte sie geflissentlich. Harry war nirgends zu sehen, aber sie sah Ron mit Neville und Seamus in einer Ecke stehen. „Hermine!" hörte sie die Stimme von Neville. „Hermine so warte doch!" Hermine tat, als ob sie es nicht hören würde und verschwand aus dem Gemeinschaftsraum. Eilig lief sie in die große Halle und sah sich um. Viele Schüler schienen schon aus Hogsmeade zurück zu sein, denn fröhliches Geschnatter erfüllte die Luft.
Hermine sah zum Gryffindor-Tisch, wo schon einige Schüler der unteren Klassen Platz genommen hatten. Von Harry war nichts zu sehen. Schnell glitt ihr Blick zum Ravenclaw-Tisch. Tatsächlich saß dort Cho, die mit einem strahlenden Grinsen auf dem Gesicht auf Luna einredete, die mäßig interessiert zuzuhören schien. Hermine konnte förmlich hören, wie Cho ihr Eroberung Harrys in allen Details schilderte. Mühsam die Tränen zurückhaltend setzt sie eine emotionslose Miene auf und setzte sich etwas entfernt von den anderen an den Gryffindor-Tisch. Obwohl sie überhaupt keinen Appetit hatte, tat sie sich etwas Roastbeef auf den Teller und begann zu essen.
Als sich die Türe zur großen Halle erneut öffnete kam Harry herein. Er sah ziemlich abgekämpft und verschwitzt aus und war etwas außer Atem. Schnell kam er zum Gryffindor-Tisch und ließ sich neben Hermine auf den Stuhl fallen. „Hier bist Du!" keuchte er und beugte sich zu ihr um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Hermine wich zurück und fauchte „Lass das!".
Die Überraschung stand dem Schwarzhaarigen ins Gesicht geschrieben. „Was ist denn los? Ist etwas nicht in Ordnung?" Dann sah er ihr Gesicht genauer an. „Du hast geweint! Was ist passiert? War es Malfoy? Hat er Dich verletzt?" fragte er besorgt.
„Malfoy? Du willst wissen ob es Malfoy war?" fauchte sie. „Es scheint, als brauchte es keinen Malfoy, um mich zu verletzten. War es schön heute Mittag? Nachsitzen mit Snape? Oder im Besenschrank? Vielleicht im Raum der Wünsche? Mit Cho?"
Ratlos sah Harry seiner Freundin ins Gesicht. Die Sekunden, die Harry brauchte um seiner Überraschung Herr zu werden, genügten Hermine als Schuldeingeständnis. „Du bist so ein Bastard. Warum sagst Du mir nicht, dass ich nicht gut genug für Dich bin? Ein hässlicher Bücherwurm? Warum musst Du mich hinter meinem Rücken zu Gespött der anderen machen?"
„Hermine, wie... ich ..."
„Lass es gut sein. Ich weiß es jetzt und Du brauchst nichts mehr zu sagen. Wir sind geschiedene Leute." Hermine schmiss das Stück Brot, das sie in der Hand hatte, auf den Teller und verschwand schluchzend aus der Halle, einen völlig perplexen Harry zurücklassend.
Hermine rannte auf das große Tor zu, als sie plötzlich am Arm festgehalten wurde. „Hermine, so warte doch. Ich soll Dir etwas ausrichten." Es war Neville. „Du bist vorhin so schnell aus dem Gemeinschaftraum verschwunden, dass ich es Dir nicht sagen konnte."
Misstrauisch sah er in ihr verheultes Gesicht, sagte aber nichts dazu. „WAS?" fauchte Hermine ihn an. „Ich soll Dir von Harry sagen, wenn ich Dich sehe, dass Du er Dich vor dem Zauberkunstzimmer treffen will. Er konnte Dich in Hogsmeade nicht finden."
„Hogsmeade?" zischte Hermine. „Der Bastard war nicht in Hogsmeade. Er ist ein Lügner!"
Dann riss sie sich los und rannte aus dem Schloss. „Aber..." sagte Neville kleinlaut. „...ich habe ihn doch dort getroffen..." Dann zuckte er mit den Schultern und schloss sich den anderen an, die zum Abendessen gingen.
Hermine schreckte aus ihrem Schlaf. Unruhig glitten ihre Blicke durch das, nur von einer Kerze erleuchtete Zimmer. Nach wenigen Augenblicken nahm sie die selbe Haltung an, die sie schon die ganzen Tage im St. Mungos innehatte. In eine Ecke des Bettes gepresst, Knie angezogen und mit ihren Armen umschlossen. Blicklos starrte sie die gegenüberliegende Wand an, ohne die Gestalt zu bemerken, die in einem kleinen Sessel an der Wand saß und mit geschlossenen Augen in ihre Richtung sah.
Spät nachts stemmte sich Hermine aus dem Bett. Schon seit Stunden hatte sie sich hin- und hergewälzt und konnte nicht schlafen. Stetig zogen Bilder vor ihrem inneren Auge vorbei. Harry beim Quidditch mit leuchtenden Augen, ihr erster Kuss in ihrem Leben mit Harry. Harry wie er mit Cho lachte, Harry im Raum der Wünsche mit Cho. Harry, immer wieder Harry. Ein Teil von ihr konnte nicht glauben, dass dieser ehrliche und oft auch schüchterner Junge ihr das antat. Aber egal, wie oft sie sich den Tag durch den Kopf gehen ließ, die Beweise sprachen Bände.
Wie sehr hatte sie sich gefreut, als Harry ihr gestand, dass er mehr für sie empfand, als für eine beste Freundin üblich war. Das Leuchten in seinen grünen Augen, als sie ihm sagte, dass es ihr ebenso ging. Wie er ihre Argumente beiseite gewischt hatte, dass sie doch nur ein langweiliger, besserwisserischer Bücherwurm war und so viele wunderschöne Hexen auf ihn standen. Wie er ihr sagte: „Mine schau," Sie liebte es, wenn er ihren Namen so aussprach. „all dieses Mädchen interessieren mich nicht. Du bist wunderschön, innen wie außen. Du bist immer für mich da wenn ich dich brauche, wann immer ich mit Dir zusammen bin, bin ich vollständig. Du siehst in mir nur Harry und nicht den berühmten Jungen-der-lebt. Und sag mir ja nicht wieder, dass Du nicht schön bist. Deine Augen sind der Spiegel zu Deiner Seele, sie leuchten, wenn Du Dich freust und ich schwöre, ich kann in ihnen lesen, wie in einem Buch. Dein Gesicht ist wunderschön, und wenn Du lachst, ist es, als würden Glocken klingen. Nein, andere Mädchen interessieren mich nicht."
Und nun das. Cho! Wie sollte sie mit so einer Schönheit konkurrieren. Stöhnend erhob sich Hermine und beschloss, in den Gemeinschaftsraum zu gehen und etwas zu lesen, um sich von ihren trüben Gedanken abzulenken. Leise, um niemanden zu wecken, nahm sie „Hogwarts – eine Geschichte" vom Nachttisch und schlich hinunter. Mit leisen Schritten ging sie zu ihrem Lieblingsplatz am Kamin, wo sie so viele Stunden mit Ron und Harry verbracht hatte. Als sie um die Sitzgruppe herumging, sah sie, dass der Platz schon besetzt war. In einer etwas verkrümmten Haltung saß Harry dort und schien zu schlafen. Er trug immer noch die gleichen Kleider wie beim Abendessen.
Als Hermine Harry dort sitzen sah, drehte sie sich um und ging zurück. Sie hatte kaum ein paar Schritte getan, als sie leise hörte. „Mine?". Sofort kochte ihre Wut wieder hoch. „Was?" fauchte sie. „Hast Du Dein Date mit Cho verschlafen oder weshalb sitzt Du immer noch da? Außerdem heiße ich Hermine."
Harry seufzte. „Also gut HERmine. Ich weiss nicht was in Dich gefahren ist. Ich habe kein Date mit Cho. Ich habe keine Ahnung wie Du auf so eine Idee kommst. Weshalb vertraust Du mir nicht?"
„Vertrauen? Ich soll Dir vertrauen?" fauchte sie zurück. „Du lügst mich an, wie Du es brauchst. Du erzählst von Nachhilfe mit Snape und eine halbe Stunde später treffe ich ihn in Hogsmeade. Nachhilfe häh? Dann erfahre ich, dass Du Dich mit Cho – die ja sooo zufällig auch nicht in Hogsmeade war – triffst. Nein Danke, spar Dir weitere Lügen. Merlin – ich kann nicht glauben, dass ich auf Dich reingefallen bin. Aber ich bin ja nur ein hässlicher Bücherwurm. Mit mir kann man so umgehen." Schnell drehte sie sich um, damit Harry nicht ihre Tränen sehen konnte und eilte weiter.
„Mine bitte – ich..."
Erzürnt drehte sie sich wieder um. „NENN MICH NIE WIEDER SO! Wenn Du es nochmals tust, hexe ich Dich in die Eiszeit zurück." zischte sie mit zusammengekniffenen Augen. „Gute Nacht!". Mit diesen Worten verschwand sie wieder in Richtung Schlafsäle.
„... liebe Dich doch!"
Noch unter der Türe hörte Hermine die geflüsterten Worte und blieb stehen. Noch nie in ihrer jungen Beziehung hatten sie diese Worte zueinander gesagt. Sie jetzt zu hören, war wie ein Schock für sie. Sie widerstand dem Drang sich umzudrehen und eilte weiter.
Harry sank auf seinen Platz zurück und verstand die Welt nicht mehr. Er konnte einfach nicht glauben, dass die Beziehung so schnell, nachdem sie begonnen hatte, wieder zu Ende war.
Leise Tränen begannen die Wangen der blassen Frau im St. Mungos über die Wangen zu laufen. Die schwarz verhüllte Gestalt im Sessel öffnete zum ersten Mal die Augen. Ohne eine weitere Bewegung beobachtete die Gestalt die weinende Frau. Nach wenigen Minuten schloss sie die Augen wieder und das Gesicht erhielt einen entspannt-konzentrierten Ausdruck.
Völlig übermüdet, auf Grund des wenigen Schlafs, erhob sich Hermine am Morgen aus dem Bett. Nach der üblichen Morgentoilette ging sie in den Gemeinschaftsraum hinunter. Ohne Harry nur eines Blickes zu würdigen, verschwand sie aus dem Portraitloch in Richtung große Halle. Immer noch wütend auf Harry, versuchte sie alle Gedanken an ihn zu verdrängen. Plötzlich hörte sie schnelle Schritte hinter sich, die rasch aufholten. In der Annahme, es sei Harry, beschleunigte sie ihre Schritte, als sie am Arm festgehalten wurde. Eine böse Bemerkung auf den Lippen fuhr sie herum, aber es war nicht Harry, der sie aufgehalten hatte, sondern Ron.
„Hermine, jetzt mach mal langsam. Ich habe gehört, was passiert ist." sagte Ron. „So?" erwiderte sie. „Hat es sich schon rumgesprochen?"
„Lavender hat es heute Morgen Parvati im Gemeinschaftsraum erzählt. Stimmt es, dass Harry jetzt mit Cho zusammen ist?"
„Wie Du siehst!" fauchte sie. „Ich war halt nicht gut genug für ihn." Wieder liefen Tränen über ihre Wangen und sie verfluchte sich dafür, dass sie ihren Schmerz so offen zeigte. Ron nahm sie tröstend in die Arme. „Vergiss den Typ doch einfach. Er war schon immer so. Wir haben es nur nie bemerkt. Reich, berühmt und arrogant. Der Malfoy von Gryffindor." Innerlich sträubte sich alles in Hermine, als sie diese Worte von Harrys angeblich besten Freund hörte. Aber sie erwiderte nichts dazu und schluchzte weiter an Rons Brust.
Langsam drehte sich Ron mit Hermine in den Armen und lehnte sie leicht an die Wand. „Aber ein Gutes hat es."
Verwundert hob Hermine ihren Blick und sah Ron in die Augen. „Was meinst Du?" schniefte sie.
„Du kannst jetzt sehen, was direkt vor Dir ist." Mit diesen Worten senkte er den Kopf und küsste sie auf die Lippen. Völlig perplex ließ Hermine es geschehen und küsste sogar zurück. Ein Japsen ließ die Beiden auseinanderfahren. Soeben kam Harry um die Ecke und starrte mit großen Augen auf das Paar vor ihm. Dann verschloss sich sein Gesicht und er eilte wortlos an ihnen vorbei. Obwohl Hermine sich schrecklich fühlte, setzte sie ein süffisantes Grinsen auf, als Harry nochmals einen Blick zurückwarf.
Auch Ron beobachtete mit einem Grinsen, wie Harry um die Ecke verschwand und wandte sich wieder Hermine zu. Er beugte sich vor, um sie ein weiteres Mal zu küssen. Aber Hermine drehte ihren Kopf zur Seite. „Ron lass das jetzt. Ich habe gerade erst meinen besten Freund verloren. Ich bin noch nicht soweit."
Enttäuscht zog Ron sich zurück, nahm jedoch ihre Hand und zog sie mit zur großen Halle. Als die beiden Hand in Hand vor dem Gryffindor-Tisch erschienen, erstarb schlagartig die Geräuschkulisse und jeder starrte das neue Pärchen an. Auch Harry sah auf und blickte auf die verschlungenen Hände. Rasch löste sich Hermine von Ron, als Harrys Blick ihre Augen erreichte. Trotz ihrer Wut erschrak Hermine fürchterlich, als sie die Trauer, Enttäuschung, Wehmut und etwas undefinierbares in Harrys Augen sah. Harrys Blick wanderte zu Ron, der ihn mit einem triumphierenden Grinsen ansah. Abrupt stand Harry auf und eilte aus der großen Halle.
„Ey Wiesel!", kam es vom Slytherin-Tisch. „Da hast Du tatsächlich dem großen Potty die Freundin ausgespannt, auch wenn es nur ein dreckiges Schlammblut ist. Gratuliere, hätte ich Dir gar nicht zugetraut. Ich wusste gar nicht, dass Du den Unterschied zwischen Männlein und Weiblein kennst" sagte Malfoy in seinem schleppenden Tonfall.
Ron grinste nur und ignorierte die Beleidigung Hermines. Beide setzten sich nebeneinander, gegenüber von Neville und Ginny, die fassungslos die Szenen beobachtet hatten. Ginny warf Hermine einen komischen Blick zu. „OK! Was habe ich verpasst, Hermine? Ist die große Liebe schon vorbei? Das ging dann aber schnell mit Ron!"
„Ich habe nichts mit Ron. Er hat mich nur eben getröstet." zischte Hermine.
„Das hat eben ganz anders ausgesehen. Was ist denn passiert?" fragte Ginny nun mitfühlend.
Hermine sagte nichts, dafür antwortetet Ron. „Harry hat gestern Hermine betrogen. Mit Cho. Er sagte, er müsste mit Snape nachsitzen. Das stimmte aber nicht. Snape war in Hogsmeade."
„Mit Cho?" fragte Ginny verwundert? „Mit dieser Cho?" sie deutete zum Eingang der großen Halle.
„Wie viele Cho kennst Du in Hogwarts?" fragte Hermine schnippisch. Sie drehte sich um und sah Cho händchenhaltend und turtelnd mit Seamus Finnigan an der Türe stehen.
„Es ist ein offenes Geheimnis, dass die beiden gestern den ganzen Nachmittag im Raum der Wünsche verbracht hatten, anstatt nach Hogsmeade zu gehen. Luna hat mir erzählt, dass Cho total in Seamus vernarrt ist." sagte nun Ginny.
Hermine wurde kreidebleich. Neville schüttelte den Kopf. „Hermine, ich hab Dir doch gesagt, dass ich Harry in Hogsmeade getroffen habe und er nach Dir gesucht hat. Aber Du hast mich ja nicht ausreden lassen. Er kam eine halbe Stunde nach uns nach Hogsmeade, weil Snape dringend wegmusste und das Nachsitzen verschoben wurde. Er hat Dich den ganzen Nachmittag gesucht."
Wie um die ganze Wahrheit noch zu unterstreichen kam von hinten eine ölige Stimme. „Mr. Weasley, wenn Sie Potter sehen, sagen sie ihm, dass die ausgefallene Strafarbeit am Mittwoch, pünktlich um 19.00 Uhr im Tränkeklassenzimmer stattfindet." Ron drehte sich um und nickte Snape zur Bestätigung zu.
Hermine presste die Hand auf den Mund und keuchte vor Entsetzen. Ginny gab ihr einen mitleidigen Blick. „Gerade Du solltest Harry besser kennen, als ihm so etwas zuzutrauen." sagte sie kalt. „Im Übrigen! In fünf Minuten geht der Unterricht los. Wir sollten uns beeilen."
Wie in Trance nahm Hermine ihre Tasche und ging neben Ron zum Verwandlungsklassenzimmer. Dort setzte sie sich an den üblichen Platz, an dem sie immer neben Harry saß. Minuten später kam Harry herein. Mit leerem Blick und ohne sie anzusehen ging er an ihr vorbei und setzte sich zum ersten Mal in diesem Schuljahr in die hinterste Reihe, alleine an einen Tisch.
Als McGonagall den Raum betrat, beäugte sie misstrauisch die neue Sitzordnung, enthielt sich jedoch jeglichen Kommentars. Die Stunde verging schleppend. Als es zum Ende klingelte, schnappte sich Harry seine Tasche und verschwand als Erster. Als Hermine die Türe erreichte, war Harry schon verschwunden. Nach diesem Schema verlief der ganz Schultag. Harry erschien nicht zum Mittagessen und auch nicht zum Abendbrot. Hermine überlegte verzweifelt, was sie tun sollte. Ron versuchte alles Mögliche um sie zu trösten und sie subtil darauf hinzuweisen, dass er an ihr interessiert war. Als er zum zweiten Mal versuchte, sie zu küssen, gab sie ihm eine Ohrfeige.
„Ronald, es reicht. Ich will nichts von Dir. Ich liebe Harry wie Du weißt. Du solltest Dich anders benehmen und nicht versuchen, Deinem besten Freund die Freundin auszuspannen."
Ron hielt sich die Wange. Wütend starrte er sie an. „Du hast ihn in die Wüste geschickt. Schon vergessen? Da ist nichts auszuspannen."
Damit drehte er sich um und ging in die Jungenschlafsäle. Mit Tränen in den Augen setzte sich Hermine vor den Kamin und überlegte verzweifelt, wo Harry sein könnte und wie sie das angerichtete Unheil wieder gut machen könnte. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Schnell eilte sie in den Jungenschlafsaal und öffnete Harrys Koffer. Die verwunderten Blicke der Bewohner, die in verschiedenen Stadien des Bekleidungszustands mit offenem Mund im Schlafsaal standen, ignorierte sie. Schnell fand sie die Karte des Rumtreibers und Harrys Tarnumhang, steckte beides in die Robe und verschwand unter den erstaunten Blicken von Harrys Mitbewohnern.
Im Gemeinschaftsraum zog Hermine die Karte hervor. Sie berührte die Karte mit ihrem Zauberstab und murmelte: „Ich schwöre feierlich, ich bin ein Tunichtgut". Intensiv studierte sie die Karte, bis sie erleichtert einen Punkt entdeckte, der mit „Harry Potter" beschriftet war. Er befand sich außerhalb des Schlosses, in einem ummauerten Hof, der üblicherweise von den Slytherins benutzt wurde. Diese sonderten sich auch in den Pausen ab und hatten dort ihr eigenes Revier. Erleichtert stellte sie fest, dass zu dieser späten Stunde niemand sonst dort war. Verwundert, was Harry an einem solchen Ort suchte, warf sie den Tarnumhang über sich und machte sich auf den Weg.
Hermine hastete die Gänge entlang, schob dann das große Tor nach außen auf und lief vorsichtig in die angezeigte Richtung. Schon von weitem hörte sie eine schwermütige Melodie. Sie blieb verwundert stehen. Sie kannte dieses Lied. Ein berühmter Muggel-Komponist mit Namen Bach hatte es geschrieben. „Air" hieß es. Obwohl Hermine das Lied schon oft gehört hatte, so staunte sie, es an diesem Ort und in solcher Vollendung von einer Flöte gespielt zu hören. Leise schlich sie weiter und stellte fest, dass die Musik genau von dem Ort kam, an dem sie Harry vermutete.
Als sie um die Ecke bog, bot sich ihr ein unglaubliches Bild. Auf einer Bank saß Harry. Er hatte die Augen geschlossen und spielte auf einer silbrig glänzenden Flöte diese wunderbare, traurige Melodie. Vor ihm wiegten sich leicht, im Takt des Liedes, unzählige goldene Leuchtpunkte, die die Mauern in einen überirdischen Glanz hüllten. Sprachlos stand sie einige Minuten da, lauschte der Musik und starrte gebannt auf die Szene vor ihr. Dann sah sie in Harrys Gesicht, von dem ein stetiger Strom von Tränen flossen. Es war ein schockierender Anblick, denn so lange sie Harry auch kannte, noch nie hatte sie ihn so sehr weinen sehen.
Ein schreckliches Schuldgefühl überkam das junge Mädchen. Sie wusste, dass sie der Grund war, weshalb Harry in diesem Zustand da saß. Ihre Ignoranz, ihr fehlendes Vertrauen und ihre, in ihrer grundlosen Wut ausgesprochenen bösen Worte, hatten dies verursacht. Hermine hatte den unbändigen Wunsch, entweder wegzulaufen und sich irgendwo zu verkriechen, oder auf der Stelle auf den Boden zu sinken und zu weinen. Doch sie tat nichts davon. Sie riss sich zusammen, ging leise zu der Bank und setzte sich an das äußerste Ende, um Harry nicht zu stören.
Sie schloss die Augen und gab sich völlig der Musik hin. Ganz im Hintergrund fragte sie sich, wie Harry diese Leuchtpunkte erzeugte, denn selbst mit geschlossenen Augen konnte sie den Tanz der Punkte sehen. Langsam wurde die Musik leiser, bis sie schließlich ganz verebbte. Eine friedliche und beruhigende Stille folgte.
Langsam begannen sich die Augen der jungen Frau im Bett des St. Mungos-Krankenzimmers zu schließen. Ohne ihre Haltung zu verändern schlief Hermine ein. Die fremde Gestalt erhob sich aus dem Sessel und trat an das Bett. Mit einem leichten Wink ihrer Hand brachte sie Hermine in eine bequemere Position und deckte sie zu. Dann ging sie zurück zu ihrem Sessel und setzte sich wieder mit Blickrichtung zu der schlafenden Frau. Diesmal schloss die Gestalt ihre Augen nicht sondern sah unverwandt der Frau in das nun friedlich wirkende Gesicht.
Die Stille hielt einige Minuten an. Dann fasste Hermine all ihren Gryffindor-Mut zusammen."Harry?". Als keine Reaktion erfolgte, wiederholte Hermine noch einmal. „Harry?" Auch jetzt kam keine Antwort.
Hermine senkte traurig ihren Kopf. Was hatte sie nur angerichtet.
Dann hörte sie Harry leise sprechen. „Dieses Lied ist das einzige, was mich an meine Mutter erinnert. Ich weiß, das sie es jeden Abend zum Einschlafen für mich gespielt hat. Immer wenn ich verzweifelt oder traurig bin, suche ich mir einen Platz und spiele dieses Lied." Er lachte leise. „Es ist das einzige, das ich kann. Es hat mir immer wieder geholfen, alle Widrigkeiten durchzustehen. Die Flöte habe ich vor einigen Jahren auf einem Flohmarkt erstanden." Harry sprach in einem völlig ruhigen und neutralen Tonfall, als würde er mit sich selbst reden. Es war kein liebevoller Ton in der Stimme. Der Ton, den er immer hatte, wenn er mit ihr redete. Dieses Mal war der Ton einfach neutral. Nicht warm, nicht kalt, gerade so, als wenn Harry mit einem Professor oder einem weniger bekannten Schulkameraden redete. War sie das nun für ihn? Ein einfacher Schulkamerad?
Hermine wollte verzweifelt etwas sagen. Sich entschuldigen, sich rechtfertigen, um Verzeihung bitten, erzählen, welchem Unsinn sie aufgesessen war. Aber sie brachte keinen Ton heraus.
Harry wandte den Kopf zu ihr. „Nun, wo hast Du Deinen neuen Freund gelassen?" sagte er mit neutralem Gesichtsausdruck. Hermine hob den Kopf und sah in seine Augen. Da war kein Leuchten und kein Glitzern, das sie immer so beeindruckt hatte. Die Augen waren leer und blass. Hermine versuchte den Kloß in ihrem Hals herunterzuwürgen. Ehe sie jedoch etwas sagen konnte, fuhr Harry fort.
„Vielleicht hast Du Recht. Ich bin kein guter Freund. Ich denke, um Liebe zu geben, sollte man Liebe erfahren haben. Es ist mehr, als streicheln und küssen. Wahrscheinlich bin ich ein emotionaler Fehlschlag der Natur. Wenn Ron Dir alle Liebe gibt, die er von seinen Eltern und Geschwistern im Laufe seines Lebens erfahren hat, wirst Du die glücklichste Frau im Universum sein. Da habe ich Defizite, die ich wohl niemals aufholen kann. Ich weiß zwar immer noch nicht, was ich verbrochen habe und ich hätte mir gewünscht, Du hättest mir ein bisschen weniger offiziell den Laufpass gegeben, aber wahrscheinlich habe ich das verdient. Ich hoffe nur, wir können irgendwann wieder Freunde sein – so wie früher? Aber bitte hab Verständnis, wenn ich vorerst nicht zusehen kann, wie Du und Ron...Lass mir etwas Zeit". Die letzten Sätze sagte Harry etwas leiser, ja, er flüsterte sie fast. Dann steckte er seine Flöte in die Tasche. Die leuchtenden Goldpunkte verschwanden und nur der Halbmond am sternenklaren Himmel beleuchtete die Szene.
Dann stand Harry auf um zu gehen. Als er an Hermine vorbeiging, griff sie nach seiner Hand. Tränen liefen über ihr Gesicht, als sie sagte: „Harry, bitte bleib!" Erstaunt drehte er sich um. „Nein Hermine, es wurde alles gesagt. Du hast mir alles gesagt und nun hast Du mich angehört, wofür ich Dir sehr dankbar bin. Aber bitte verstehe, dass ich nicht noch mehr Schmerzen ertragen kann. Ich hoffe, Du hast mit Ron mehr Glück als mit mir. Alles was ich mir wünsche ist, dass Du glücklich wirst." Damit drehte er sich um, aber Hermine hielt ihn verzweifelt weiter fest.
„Nein Harry! Bitte bleib. Ich liebe Dich doch. Es ... es war alles ein Missverständnis!"
Erstaunt drehte Harry sich nochmals um. „Ein Missverständnis? Hermine, was phantasierst Du. Ich weiß nicht, weshalb Du mich verlassen hast. Aber die Knutscherei mit Ron heute morgen war sicher kein Missverständnis. Hermine, ihr seid heute Morgen händchenhaltend in die große Halle gekommen. Jeder weiß, dass ihr zusammen seid."
Dies war zuviel für Hermine. Schluchzend sank sie auf der Bank zusammen. Harrys Blick wurde weich, als er das Häufchen Elend dort sitzen sah. Er setzte sich neben sie und streichelte schüchtern über ihren Rücken um sie etwas zu beruhigen. „Sch... Hermine. Es wird alles gut. Mach Dir keine Sorgen um mich. Ich werde es überstehen. Ich will wirklich, dass Du glücklich bist. Und wenn es Ron sein soll. Er ist wie Du mein bester Freund. Er hat es verdient."
Rasch setzte Hermine sich auf. „Nein, das hat er nicht. Und er ist alles andere als ein Freund! Und ich bin nicht mit ihm zusammen. Ich...ich...liebe doch Dich!" schluchzte Hermine, warf die Arme um ihn und weinte an seiner Brust. Er schloss die Arme um sie und tröstete sie mit leisen Worten.
Nachdem sie sich beruhigt hatte, begann sie zu erzählen. Sie erzählte von den belauschten Gesprächen, von ihren Ängsten, dass sie nur ein Bücherwurm sei, ihre Begegnung mit Snape, sie erzählte alles. Nachdem sie geendet hatte, saßen sie eine Weile schweigend nebeneinander.
„Harry?" Schweigend wandte Harry sich ihr zu. „Kannst Du mir verzeihen? Ich will Dich nicht verlieren." sagte Hermine ängstlich. Noch immer schweigend zog Harry sie zu sich. Er legte sein Kinn auf ihren Scheitel und umarmte sie fest.
„Hermine, ich kann zumindest teilweise verstehen, was passiert ist. Was aber sehr weh tut – warum vertraust Du mir nicht? Gerade Du solltest mich kennen. Wie oft haben wir darüber gesprochen. Ich liebe Dich. So wie Du bist und alles an Dir. Ich brauche keine Cho oder irgendjemanden sonst. Und was die anderen sagen ist mir völlig egal."
Er sah ihren schuldbewussten Blick und das hoffnungsvolle Aufblitzen in ihren Augen, als er sagte: „Ich liebe Dich."
„Ja, ich verzeihe Dir. Aber bitte, tu das nie wieder. Versprich mir, dass Du zuerst zu mir kommst und mit mir über Deine Zweifel redest, bevor Du so drastische Maßnahmen ergreifst. Noch einmal überlebe ich das nicht. Dafür liebe ich Dich zu sehr und brauche Dich in meinem Leben." sagte Harry mit einem sehr ernsten Tonfall in der Stimme.
„Oh Harry!" Erleichtert warf Hermine die Arme um ihn und küsste ihn scheu auf die Lippen. Einige Zeit saßen sie noch friedlich auf der Bank und gingen dann engumschlungen im Schutze des Tarnumhangs ins Schloß.
Im St. Mungos wurde es langsam heller, als die Morgendämmerung einsetzte. Die Gestalt erhob sich und verschwand lautlos, nachdem er mit einem Wink seiner Hand den blauen Schimmer von der Türe verschwinden ließ.
TBC
