Kapitel 1

"Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht nicht geschlafen", bemerkte Jarlaxle, der Dunkelelf, als sie sich ihrem Ziel näherten.

Der Mann neben ihm zuckte nur die Achseln.

"Du warst nicht einmal im Bett, nicht wahr?"

Artemis Entreri warf dem schwarzhäutigen Elfen, der auf einem starkknochigen braunen Wallach neben ihm ritt, von der Seite einen stummen Blick zu, in dem jemand, der den ehemaligen Attentäter gut kannte, die deutlichen Anzeichen notdürftig unterdrückter Mordlust hätte lesen können.

Jarlaxle kannte seinen menschlichen Gefährten gut genug.

"Aha, ich habe also recht. Schäm dich, mein Freund. Vor uns liegt eine Audienz beim mächtigen König des Landes, bei einer lebenden Legende, der, nach allem, was man hört, einen leibhaftigen Halbgott quer durch dessen eigene Domäne gejagt hat. Und du siehst aus, als hätte man dich gerade nach einer durchzechten Nacht aus der Taverne gezogen."

Entreri seufzte und verdrehte die Augen, wollte aber ganz gewiß nicht zugeben, wie nahe der Dunkelelf an der Wahrheit war. Sobald Entreri sich heute am frühen Morgen, vielleicht eine gute Stunde vor dem Aufbruch des Söldnerpaares vom Vaasa-Tor fort Richtung Süden, aus einem Schankhaus namens "Schlammige Stiefel und Blutige Klingen" in sein Zelt in der Nähe des Vaasa-Tores gestohlen hatte, hatte er zwar aus der Gewohnheit eines Mannes heraus, der möglichst jeden seiner Schritte zu verschleiern pflegt, auch seinen Schlafsack und die Decken zerwühlt, aber eigentlich nicht ernsthaft angenommen, seinen dunkelelfischen Partner mit einem so plumpen Manöver täuschen zu können. Wieder zuckte er nur die Achseln und zog es vor, in seinem Schweigen zu verharren. Er hatte nun wahrhaft keine Lust, sich mit dem notorisch wißbegierigen Drow auf eine Diskussion darüber einzulassen, wo er die Nacht verbracht hatte, und schon gar nicht über seine plötzliche, stürmische Begegnung mit der eigenartigen Halbelfe Calihye, die Entreri noch immer im Kopf herumging.

Seine eigenen, erst kürzlich entdeckten und noch kaum wirklich analysierten Regungen, was Frauen und überhaupt andere Personen als ihn selbst anging, waren ihm noch viel zu fremdartig und verdächtig, als daß er sie mit dem durchtriebenen Dunkelelfen hätte besprechen mögen.

Jarlaxle musterte seinen menschlichen Freund heimlich, aber eingehend. Irgendetwas war los mit ihm, entschied er rasch, aber irgendetwas war in letzter Zeit fast immer los mit ihm. Es hatte, allmählich, aber unaufhaltsam, zu wanken, zu bröckeln und zu brodeln begonnen hinter der unveränderlich steinernen Fassade gefühlloser Disziplin, zu der Artemis Entreri sich über vier Jahrzehnte seines Lebens hinweg ausgebildet hatte. Eine Entwicklung, die der Dunkelelf, wie alles andere auch, genauestens beobachtete, und von der er gerne zugab, daß er sie mit Freuden sah. Kunststück, hatte er doch nicht unwesentlich daran gearbeitet, diese Entwicklung überhaupt erst in Gang zu bringen. Jarlaxle meinte es, wenn er sich als Artemis Entreris Freund bezeichnete, damit so ernst, wie es einem Wesen seiner Rasse überhaupt möglich war, und er hatte sich, auch wenn er selbst kaum einen guten Grund dafür hätte angeben können, nun einmal in den Kopf gesetzt, den stoisch kalten Meuchelmörder in seinem Sinne zu reformieren, notfalls auch gegen dessen entschiedenen Willen.

Für den Moment beschloß er, daß der Mensch sich sein kleines Geheimnis bewahren durfte, wenn er schon glaubte, es haben zu müssen. Jarlaxle, der ehemalige Anführer der dunkelelfischen Söldnertruppe Bregan d'aerthe, hatte seine Gedanken im Moment auf größere Dinge gerichtet als die Frage, wo (oder - was für ein Gedanke! - vielleicht gar mit wem?) sein griesgrämiger menschlicher Partner eine weitere seiner schlaflosen Nächte verbracht haben mochte, und er sah ein, daß jetzt kaum der geeignete Zeitpunkt war, den reizbaren Entreri durch ein Palaver über einen derart sinnlosen Punkt zu verärgern. Sie standen immerhin unmittelbar vor einer vielleicht weichenstellenden Begegnung mit dem Herrscher von Damara, mit König Gareth Drachenbann in höchsteigener Person. Und der ewig intrigierende, planende und paktierende Dunkelelf war schon höchst gespannt, wie die sagenumwobene Figur des heroischen Paladinkönigs sich wohl in die Pläne einfügen würde, die er für die nähere Zukunft hatte - nicht zuletzt auch für den desillusionierten, richtungslosen Mann an seiner Seite.

"Wehe, du fällst vor Müdigkeit vom Pferd und zerreißt dir die Hosen", drohte er daher lediglich scherzhaft - natürlich ein irrwitziger Gedanke bei einem Reiter wie Entreri. "Ich warne dich, ich lasse dich sonst vor dem Palast stehen und behaupte, ich kenne dich nicht. Du magst mein Freund sein, Artemis, aber ich werde nicht deinetwegen einen schlechten Eindruck bei Seiner Majestät hinterlassen."

Das entlockte dem einsilbigen Meuchelmörder immerhin ein spöttisches Schnauben. "Wenn Seine Majestät so gnädig ist, zu geruhen, über deine schwarze Hautfarbe und spitzen Ohren wegzusehen, könnte ich wahrscheinlich auch verdreckt und in Fetzen vor dem Thron erscheinen."

Jarlaxle lachte leise in sich hinein. "Ah, mein Freund, ich denke, du unterschätzt den großen Helden von Damara. Verstehst du, ein wahrhaft gerechter Herrscher beurteilt sein Gegenüber niemals nach seiner Hautfarbe oder Herkunft, sondern nur nach seinen Taten und seiner Persönlichkeit. Und da steht nun einmal die meine", er deutete mit huldvollem Kopfneigen auf sich selbst und rückte sich dann neckisch den breitkrempigen, federgeschmückten Hut auf seinem kahlen Haupt zurecht, "schon auf den ersten Blick weit über deiner - vor allem so unrasiert und ungekämmt wie letztere derzeit ist." Wie um seine Worte zu unterstreichen, richtete er sich würdevoll im Sattel auf, strich sich sein weites, weithin leuchtendes Cape über die Schulter zurück und ließ es malerisch hinter sich her flattern, während gleichzeitig die plüschige Diatrymafeder sich im Wind bauschte - jeder Zoll an ihm ein vollendeter Aristokrat. Ein Eindruck, an dem nicht einmal die rote Augenklappe (heute zur Abwechslung einmal über dem linken Auge) wirklich etwas ändern konnte. "Was denkst du, würde er deinen Habitus mit meinem vergleichen, wen würde der König wohl als vertrauenswürdiger einstufen?"

"Dich", sagte der Meuchelmörder ohne zu zögern. "Aber nur, weil er dich nicht so gut kennt wie ich."

Jarlaxle lachte noch einmal heiter und scheinbar sorglos, und sei es nur, um den Menschen zu einem weiteren mißmutigen Knurren zu provozieren, ehe er Entreri erneut einer kurzen, amüsierten Musterung unterzog. Denn natürlich war auch der frühere Attentäter in Wahrheit weit davon entfernt "unrasiert und ungekämmt" zu sein. Ganz im Gegenteil. Man mußte den Mann schon so gut kennen und ein so guter Beobachter sein wie Jarlaxle aus Menzoberranzan, um überhaupt die winzigen Spuren einer durchwachten Nacht an ihm zu erkennen, denn die Bewegungen des kleingewachsenen Calishiten waren ebenso präzise, kontrolliert und leicht wie eh und je, die stahlgrauen Augen blickten rasch und scharf wie immer, und seine fein gemeißelten südländischen Züge, in deren sonnenbrauner Hauttönung ein kaum merklicher, aschefarbener Hauch von Grau davon erzählte, daß seit kurzer Zeit in den Adern des Menschen auch ein wenig von der Essenz eines Schattenwesens floß, lagen wie stets gefangen in einer Maske eisiger, überlegener Ruhe, die den Meuchelmörder nur höchst selten verließ. Während er sich in Wahrheit bereits der Mitte seines fünften Lebensjahrzehnts näherte, hätten die allermeisten Betrachter den Menschen vermutlich um zehn, wenn nicht fünfzehn Jahre jünger geschätzt.

Und, wie Jarlaxle nicht ohne heimlichen Stolz bemerkte, das Vorbild des Dunkelelfen - oder vielleicht auch eher sein beständiges Mahnen, Nörgeln und Spotten - hatte auf den Menschen abgefärbt. Seine Kleidung war zwar einfach, dunkel und zweckmäßig, wie der praktisch denkende Entreri es mochte, aber von durchaus gefälligem Schnitt, sein schwarzes Haar sauber gescheitelt und geschnitten, der schmale Oberlippenbart sorgfältig gestutzt. Zusammen mit der gelassenen Eiseskälte eines Mannes, der sich seiner exzellenten Fähigkeiten mit Dolch und Schwert bewußt war, eines Mannes, der zu oft gemordet hatte, um noch Skrupel zu kennen, und zu oft in Todesgefahr gewesen war, um noch allzuviel Energie an Dinge wie Furcht zu verschwenden, ergab sich daraus trotz Entreris geringer Körpergröße und schmaler Statur ein beeindruckendes, wenn nicht gar einschüchterndes Bild. Artemis Entreri verstand es, ohne ein Wort, ohne auch nur eine Geste oder einen Blick, der Welt mitzuteilen, daß hier jemand war, den man nur auf eigene Gefahr aus seiner totenähnlichen Ruhe aufstörte.

Diese unausgesprochene Drohung allein wäre für Jarlaxle vermutlich schon Anreiz genug gewesen, eben das zu probieren.

Sie hatten inzwischen die letzten Häuser des Dorfes Blutstein erreicht und zügelten ihre Pferde, um sich den Herrscherpalast, der hinter seinen schimmernden Mauern am Ende einer gepflasterten Straße aufragte, in Ruhe zu betrachten. Das Dorf (das diesen Namen nur noch aus Tradition zu tragen schien, denn mit der Anwesenheit des königlichen Hofs hatte es sich zu einer kleinen Stadt entwickelt, in dem sich Bauern, abgerissene Abenteurer auf dem Weg von und nach Vaasa und hochnäsige Hofschranzen ein farbenfrohes Stelldichein gaben) endete recht unvermittelt und schien die Wohnstatt der königlichen Familie über etliche Wiesen und abgeerntete Felder hinweg respektvoll von weitem zu beäugen. Hinter den Mauern des königlichen Palastes ragten die schneebekrönten Gipfel der Galenaberge in einen wie stets wolkenverhangenen nordländischen Himmel, eine dennoch majestätische Szenerie, deren Schönheit sich sogar einem Wesen des Unterreichs, wie Jarlaxle es war, erschließen mußte.

Auf den Zinnen der Burgmauern konnte man Wachen mit geschulterten Armbrüsten auf und ab marschieren sehen, die die beiden Reiter, die sich nun gemächlich näherten, sofort scharf ins Auge faßten; vor dem offenen Tor standen zwei weitere mit aufgepflanzten Hellebarden, die sie vor den Söldnern demonstrativ in einer zackigen Bewegung überkreuzten - obwohl sie, ihrer leichten Nervosität nach zu schließen, alle zweifellos genau wußten, daß heute ein echter Dunkelelf zur Audienz beim König geladen war. Einer von ihnen fragte, in betont barschem Ton, nach ihren Namen und ihrem Begehr.

"Einen wundervollen guten Morgen, meine Herren", grüßte Jarlaxle, schlug erneut seinen Mantel zurück, warf ein Bein schwungvoll nach vorn über den Sattelknauf und sprang leichtfüßig seitlich aus dem Sattel. Entreri tat es ihm, etwas weniger theatralisch, nach. "Mein Name ist Jarlaxle, und mein Gefährte hier nennt sich Artemis Entreri. Wir sind hier, weil Seine Majestät, der heldenhafte König Gareth Drachenbann von Damara selbst, uns die Ehre einer Audienz mit seiner erlauchten Person erwiesen hat."

"Man hat uns über Euer Kommen informiert", kam die reichlich steife Antwort, und die Hellebarden wurden zurückgezogen und gaben den Eingang frei. "Ihr findet den General Ehrenhalber Baron Dannaway Bridgestone Tranth im Vorzimmer zum Kleinen Audienzsaal. Wendet Euch an einen der Adjutanten."

"Selbstverständlich. Vielen Dank für Eure Hilfe."

Die Gefährten führten ihre Tiere am Zügel durch einen düsteren und ziemlich schmalen Torweg, dessen Steine die ganze aufgestaute Kälte eisiger damarischer Winter und unterkühlter Sommer ausstrahlten, und Entreri konnte sofort Dutzende von Augenpaaren auf sich gerichtet spüren, sobald sie den mit Kies bestreuten Vorhof des Palastes erreicht hatten. Auch wenn die meisten der erschrockenen Blicke sicher seinem schwarzhäutigen Gefährten galten und nicht ihm.

Dunkelelfen waren in ganz Faerun verschrien als Synonym für Blutgier und Grausamkeit. In Damara, einem Land, das sich nun schon seit langer Zeit zu einem relativ friedlichen Ort entwickelt hatte, in dem derart monströse Kreaturen sich kaum offen zu zeigen wagten, mußte das noch viel mehr gelten. Selbst wenn auf den ersten Blick kaum zu erklären war, wie ein so zierliches Wesen von unzweifelhafter äußerlicher Schönheit (und einer mindestens ebenso großen Eitelkeit, wie Entreri in Gedanken hinzufügte), für soviel Furcht und aufgeregtes Getuschel verantwortlich sein sollte.

"Ah, ich denke, das sieht nach dem Haupteingang aus", strahlte Jarlaxle, nachdem er einen abschätzenden Blick in die Runde geworfen hatte, und steuerte auf eine breite, marmorne Freitreppe zu, vor der eine überlebensgroße Statue Ilmaters darauf hinwies, daß der gottesfürchtige Herrscher von Damara noch immer ein Paladin vom Orden des Goldenen Kelches war. Wie nebenbei drückte der Drow im Vorbeigehen die Zügel seines Braunen einem zögernd näherkommenden Stallburschen in die Hand, ohne dem Jungen dabei freilich mehr als einen Seitenblick und ein beiläufiges Lächeln zu widmen - gerade genug, um freundlich und aufmerksam zu wirken, ohne sich jedoch durch zuviel Kontakt mit einem Bediensteten etwas in seiner Stellung zu vergeben. Der Dunkelelf schien sich in der Tat an diesem menschlichen Königshof so wohl zu fühlen wie ein Fisch im Wasser, sehr im Gegensatz zu Entreri selbst, dem das ganze Gerede über Vorzimmer, Adjutanten und Generäle ehrenhalber zutiefst suspekt war. In Calimhafen hatte der Meuchelmörder zwar als Leutnant im unmittelbaren Dienst der mächtigsten Gildenführer gestanden, aber das Zeremoniell dieser Gilden beschränkte sich üblicherweise auf ein paar wohlplazierte Drohungen, Dolchklingen oder Bestechungsgelder. Ganz offensichtlich war Jarlaxle, der früher in den Adelshäusern von Menzoberranzan ein und aus gegangen war, dagegen auch mit den feineren Nuancen höfischen Lebens wohlvertraut.

Nicht, daß Entreri von dieser Tatsache überrascht gewesen wäre. Die frustrierende Überlegenheit seines spitzohrigen Gefährten war etwas, an das er sich während der vergangenen Monate genügend hatte gewöhnen können.

Unmittelbar neben dem säulengetragenen Eingangsportal standen zwei spitznasige Lakaien in goldbestickten Livreen, die Jarlaxle aber ebenso ignorierten wie dieser sie. Stattdessen marschierte der Drow, als sei er hier zu Hause, munter drauflos tiefer in den Palast, durch eine recht belebte, zwei Stockwerke hohe Eingangshalle, die erfüllt war vom unaufhörlichen, undefinierbaren Summen zahlloser Stimmen, deren Echo von den umlaufenden Galerien herabwehte und sich unter den verzierten Spitzbögen des Deckengewölbes brach, in Richtung auf eine weitere breite Treppe am Ende des Saals. Auf dem Weg dorthin blieb er hin und wieder kurz stehen, um Entreri mit beifälligem Nicken auf eine besonders ansehnliche Statue oder eine Wandverzierung aufmerksam zu machen, sich höflich vor einer entgegenkommenden Dame im bodenlangen Kleid zu verneigen oder sich vor einem Herrn leicht grüßend gegen die Krempe seines Huts zu tippen. Die Antwort auf diese Gesten bestand üblicherweise darin, daß dem erschrockenen Höfling angesichts eines leibhaftigen Drow im königlichen Palast die Kinnlade herunterklappte und die Augen aus den Höhlen quellen wollten.

Entreri nahm an, daß sein Partner sich wahrhaft königlich amüsierte.

Am Kopfende der Treppe angelangt, sah Jarlaxle sich kurz um und schlug dann, ohne daß Entreri sich erklären konnte, wieso (es sei denn der Drow hatte irgendein neues magisches Spielzeug, das ihm den richtigen Weg ins Ohr flüsterte), zielsicher den Weg nach rechts ein, durch eine hohe, goldverzierte Flügeltür, die ein weiterer Bediensteter mit einer Verbeugung für sie aufhielt. Die beiden Söldner fanden sich in einem größeren Raum, dessen Wände mit bemalten Seidentapeten bespannt waren - und die Motive beinhalteten zu Entreris Leidwesen eine Menge detailliert gezeichneter Drachen aller Arten und Farben. Als hätte er noch an die verfluchten Biester erinnert werden müssen, mit denen er, seitdem er mit Jarlaxle unterwegs war, auf Schritt und Tritt zusammenprallte - nicht selten buchstäblich. Auf Konsolen und in Nischen standen bemalte Vasen, Schalen und ähnliche mehr oder minder dekorative Gegenstände, die für den Meuchelmörder bestenfalls ihres Materialwerts wegen interessant und von denen viele mit geschliffenen Steinen jenes rot gesprenkelten Kalzedons verziert waren, dessen geläufigerer Name der gesamten Region von Damara und Vaasa den Namen "Blutstein-Lande" eingetragen hatte.

Jarlaxle wendete sich mit freundlichem Lächeln an eine weitere hier herumlungernde Livree. "Wir suchen den General Ehrenhalber Baron Dannaway Tranth." Die Livree, an deren Kopfende ein dümmlich-blasiertes Gesicht nach Entreris Ansicht stumm darum bettelte, eingeschlagen zu werden, musterte den Aufzug der beiden Söldner kritisch, ehe sie zögernd auf Hüfthöhe zu einer ruckartigen Verbeugung einknickte, sich dann umdrehte und tänzelnd voranschritt, um eine weitere, kleinere Flügeltür vor den Söldnern zu öffnen. Entreri konnte sehen, wie Jarlaxles Lächeln sich angesichts des Lakaien zu einem bissigen Grinsen erweiterte, und widerstand seinerseits der Versuchung, dem hin und her schwarwenzelnden Diener einen Fußtritt zu verpassen, der ihn kopfüber in den Schreibtisch seines Herrn katapultiert hätte.

Denn immerhin, diesen Herrn hatten sie dank Jarlaxles instinktiver Kenntnis vom Aufbau verwinkelter herrschaftlicher Paläste offenbar bereits gefunden. Den beleibten, pausbäckigen Mann Mitte Fünfzig, der hinter besagtem Schreibtisch gerade bei einem zweiten Frühstück saß, hatte Entreri jedenfalls bereits am Vaasa-Tor kurz kennengelernt - nun, soweit ein herumzigeunernder Abenteurer einen vornehmen Herrn Baron, der ihnen die Einladung zur königlichen Audienz zu überbringen hatte, überhaupt kennenlernen konnte, natürlich. Der ehemalige Meuchelmörder, der sich buchstäblich aus der Gosse mit Klauen und Zähnen seinen Weg an die Spitze einer erbarmungslosen Hierarchie erkämpft hatte, gesegnet mit nichts als seinen eigenen Fähigkeiten, hatte seine Meinung über diesen jüngeren Bruder des Schwiegervaters von Gareth Drachenbann rasch gefaßt: Baron Dannaway Tranth war einer, dem der Name seines berühmten Verwandten sämtliche Türen geöffnet hatte, und der sich nie in einem wirklichen Wettstreit von Leistung oder Begabung hatte beweisen müssen.

Gut, daß Baron Dannaway Tranth nicht wußte, wie sehr diese Tatsache das Gerechtigkeitsempfinden des skrupellosen Attentäters störte. Er hätte wohl kaum noch eine Nacht ruhig schlafen können.

"Ah", sagte der Baron und wedelte die beiden Söldner herein, während er noch an einem kräftigen Bissen seines kalten Bratens kaute. "Da seid Ihr ja. Wird auch Zeit, wird auch Zeit."

In diesem Punkt war Entreri sich mit ihm allerdings einig. Er hatte noch keine zehn Minuten in diesem Schloß verbracht und jetzt bereits genug von all den arroganten Gesichtern und gepuderten Frisuren. Besser, sie brachten die ganze Angelegenheit - ohnehin kaum mehr als eine Formsache - rasch hinter sich.

Zumal er sich seit Betreten des Schlosses beobachtet wußte. Nicht alle der tatenlos herumstehenden Lakaien waren wohl so harmlos, wie sie aussahen, und ein eigenartiger Instinkt, ein unmerkliches Kribbeln auf der Haut, verriet dem mit scharfen Sinnen ausgestatteten Menschen, daß vermutlich auch mehrere Zauberer dabei waren, die Neuankömmlinge auszuspähen.

Kein beruhigendes Gefühl. Entreri haßte Magier. Mehr noch: sie machten ihm Angst.

"Wir bitten untertänigst, die Verspätung zu entschuldigen, Euer Wohlgeboren." Jarlaxle riß sich erneut in einer schwungvollen Verbeugung den federgeschmückten Hut vom Kopf und schwenkte ihn in großartiger Geste vor dem Baron hin und her. Entreri gestattete sich ein innerliches Seufzen, ehe er sich ebenfalls verneigte. "Der Weg war doch länger, als wir dachten."

"Ja, ja, unwichtig." Der Baron winkte erneut in einer jovialen Geste und deutete auf eine Tür im Hintergrund, während er selbst sich von seinem goldverzierten Sessel erhob und sich hastig ein paar Krümel von der Paradeuniform fegte. "Da hindurch, Ihr zwei. Euer Gefährte ist bereits vor einigen Minuten angekommen. Ich selbst werde nun gehen, um Euch beim König anzukündigen, also haltet Euch bereit."

"Gefährte?" wiederholte Entreri flüsternd und auf drow, als er neben seinem dunkelelfischen Partner in den benachbarten Raum schritt, bei dem es sich in Anbetracht der an den Wänden aufgestellten Stühle und Bänke wohl um ein weiteres Vorzimmer handelte. Seine Frage wurde aber sofort beantwortet angesichts der kleinen, breiten, schwarzbärtigen Figur, die beim Eintreten der beiden Söldner von einem samtbezogenen Sessel hopste.

"Ha! Ein schwarzer Elf im Königssaal, dahin komm ich doch allemal. Bwahahaha!"