"Nun? Was haltet Ihr von ihnen?"
Der Mann, an den diese Frage gerichtet war, Sir Celedon Kierney selbst, trat von dem Wandspiegel zurück, durch den er eben einen forschenden Blick in das Vorzimmer der Audienzhalle geworfen hatte - ein magisches Ausspähen, das offenbar nicht unbemerkt geblieben war, wenn man das rasche, unbehagliche Zucken im Gesicht des dunkelhaarigen Menschen bedachte, das winzige wissende Lächeln um die Mundwinkel des Dunkelelfen, und den anschließenden kurzen Blickwechsel zwischen ihnen. Gut möglich, daß sie sich außerdem noch anderweitig verständigten, denn einige ihrer versteckten, kaum zu erkennenden Gesten und Fingerstellungen wirkten nicht zufällig, sondern wie ein fremdartiger Handzeichencode. Es war für Celedon Kierney kein Geheimnis, daß die Drow des Unterreichs sich mit solchen Handzeichen auf stumme Art unterhalten konnten.
Wenig war für Sir Celedon ein Geheimnis. Das war auch gut so, immerhin handelte es sich bei dem ehemaligen fahrenden Akrobaten und Taschendieb nicht nur um einen der alten Kampfgefährten des Königs, sondern auch um den aktuellen Leiter seines Geheimdiensts.
"Interessante Gestalten", antwortete er der jungen Frau, die in respektvoller Haltung neben ihm stand. "Und zweifellos keine Neulinge im Umgang mit solch gängigen Überwachungsmethoden. Ich bin Euch in der Tat dankbar, daß Ihr mich hinzugezogen habt - nicht daß ich annehme, Ihr würdet nicht auch alleine mit solchen Problemen fertig werden", fügte er lächelnd hinzu und zeigte dabei jenes charakteristische Grinsen, das den inzwischen an den Schläfen leicht grauhaarigen Halbelfen immer noch wie einen etwas zu groß geratenen Lausbuben wirken ließ, der soeben seinem Lehrer eine Handvoll Frösche in die Manteltasche gesteckt hatte.
Wie erwartet erwiderte die junge Frau das Lächeln ihres Vorgesetzten zwar leicht zögernd, aber am Ende doch herzlich. Und wie immer ähnelte sie, sobald ihre vollen dunklen Lippen sich zu diesem breiten Lachen verzogen, ihrem Vater, Celedons Vetter Riordan, verblüffend: ebenso strahlend gutaussehend, ebenso hochgewachsen und schlank, mit ebenso sonnenbraunen Zügen, in denen sich gerade noch genügend elfisches Blut bemerkbar machte, um ihnen einen Hauch Exotik zu verleihen, denselben dichten braunen Locken und abenteuerlustig blitzenden Augen und demselben mühsam gebändigten Übermut im Blick. Und wie immer begriff Kierney nicht, wie diese seine - nun streng genommen wohl Großnichte, aber bei dem Ausdruck kam er sich so überaus alt vor, daß er sie der Einfachheit halber lediglich seine Nichte nannte - wie diese seine Nichte also, die in jeder Hinsicht wie Riordan Parnells weiblicher - und deutlich jüngerer - Gegenpart erschien, sich für die redliche, aber nach Ansicht Celedons doch reichlich muffige Laufbahn eines Armeeoffiziers hatte entscheiden können, anstatt wie ihr Vater ein Barde zu werden.
Ach, in die Neun Höllen mit deinem Vorbild, Gareth Drachenbann, dachte er in heimlichem Spott. Man kann es mit der Tugendhaftigkeit ja auch übertreiben. Wo kämen wir hin, wenn die gesamte Jugend von Damara sich plötzlich zu Paladinen bekehren würde?
Nun, zumindest Celedon Kierney selbst würde allen Versuchungen dieser Art vermutlich heldenhaft widerstehen. Was in seinem Fall nicht über viele Versuchungen gesagt werden konnte.
"Also?" erkundigte er sich. "Was haben wir über sie?"
Die junge Frau wurde sofort wieder ernst und begann, durch einige Papiere zu stöbern, die vor ihr auf einem Schreibtisch lagen. "Mit wem soll ich beginnen, Euer Hoheit?"
"Ach, mit dem Zwerg." Celedon packte einen der Stühle, die in der Ecke auf Besucher warteten, zog ihn zu sich heran, setzte sich rittlings darauf und verschränkte grinsend die Arme auf der mit kostbaren Schnitzereien verzierten Lehne. "Einfach nur, weil ich es immer wieder so gerne höre."
"Athrogate", dozierte Mirlyan Sorrokev Parnell prompt. "Tauchte schon bald nach der Krönung König Gareths an der Grenze nach Vaasa auf und treibt sich seitdem mit Unterbrechungen am Blutsteinpaß und in Vaasa herum. Es handelt sich um einen Zwerg unbekannten Alters und unbekannter Herkunft, auch wenn manche Anzeichen darauf hindeuten, daß er ursprünglich aus Eisensporn kam und die dortigen Zwerge nur nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen und die Verbindung deshalb leugnen. Was man ihnen nur nachfühlen kann."
"Ts, ts, ts. Mir scheint, Ihr laßt Eure persönlichen Gefühle in Eure Beurteilung einfließen, liebe Nichte. Wie unprofessionell."
"Verzeihung, Euer Hoheit."
"Es war ein Scherz, Mirlyan. Ich möchte den Kerl auch nicht in meiner unmittelbaren Nähe wissen. Oder in der Seiner Majestät. Bitte, fahrt fort."
"Athrogate war lange Zeit an der Spitze der Belohnungsliste für Monsterjagden in Vaasa und hat sich insofern sehr um die Befriedung des Landes verdient gemacht, aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Daß er außerdem Beziehungen zu den Banditenhorden, vermutlich sogar zur Zitadelle der Assassinen unterhält, ist ein offenes Geheimnis; jedoch achten er oder doch seine Hintermänner sorgfältig darauf, daß ihm nie ein Verstoß gegen die Gesetze des Landes nachzuweisen ist. Er beherrscht eine höchst ungewöhnliche Fechttechnik, nämlich den beidhändigen Kampf mit zwei Morgensternen, scheint in der Tat für nichts als den Kampf zu leben, folgt keiner Regel als seiner eigenen momentanen Laune und ist, meiner Ansicht nach, eine Gefahr für jeden rechtschaffenen Bürger von Damara und Vaasa."
"Wohl gesprochen", nickte Kierney. "Obwohl Ihr bei Eurem Resümee seine schauderhaften Reime unterschlagen habt. Und die sind mindestens eine Erwähnung wert. Aber genug von diesem alten Bekannten. Was haben wir über diese beiden neuen Figuren?"
"Der Dunkelelf nennt sich Jarlaxle", sagte die junge Frau, indem sie ein anderes Papier aus dem Stapel zog. "Seine Herkunft ist weitgehend unbekannt; allerdings dürfte er sich schon eine ganze Weile an der Oberfläche aufhalten. Er scheint der verstorbenen Kommandantin Ellery einmal den Namen 'D'aerthe' als den seinen genannt zu haben, wie Zeugen bestätigten, auch wenn uns das nicht sonderlich weiterhilft. Aus der Herkunft seines Gefährten, der offenbar aus Calimhafen stammt, kann man wohl schließen, daß dort sein letzter längerer Aufenthalt gewesen sein muß. Er und sein menschlicher Partner sind vor etlichen Monaten in Heliogabalus aufgetaucht, vor mehreren Zehntagen dann wie so viele zwielichtige Abenteurer zu den Toren abgereist und haben sich unter den Monsterjägern so rasch einen Namen gemacht, daß Kommandantin Ellery sich entschloß, die beiden zu jener unglückseligen Expedition mitzunehmen, die sie letztlich das Leben kostete."
Celedon Kierney lächelte im Stillen über die herablassende Ausdrucksweise seiner jungen Verwandten. Vielleicht sollte er die hochfahrende junge Dame daran erinnern, daß nicht nur ihr momentaner Vorgesetzter, sondern letztlich sogar der erlauchte König selbst vor etlichen Jahren nichts als "zwielichtige Abenteurer" gewesen waren. Aber für solche Nicklichkeiten war im Moment keine Zeit, befand er.
"Der Mensch?" erkundigte er sich stattdessen.
"Nennt sich Artemis Entreri", kam die prompte Antwort. "Über ihn ist die Informationslage deutlich besser, wenn auch kaum erfreulich. Wir haben aus dem Süden und Westen Faeruns Berichte erhalten über einen berüchtigten Meuchelmörder dieses Namens. Sollte es tatsächlich derselbe Mann sein, würde es sich allerdings um einen ziemlich gefährlichen Gegner handeln."
"Ich bin fast sicher, daß es in der Tat derselbe ist", warf Kierney ein. "Die Beschreibung, die wir aus Calimshan erhalten haben, insbesondere die der auffälligen Waffen, stimmt exakt überein und läßt kaum einen anderen Schluß zu, es sei denn, jemand würde bewußt versuchen, den Mann zu imitieren. Und Kontakte mit Dunkelelfen scheinen bei ihm ebenfalls des öfteren bestanden zu haben, auch wenn die Berichte nicht immer ganz stimmig sind. - Wissen wir etwas über die Gründe, weshalb sie nach Damara gekommen sind?"
"Wenig", mußte die junge Frau etwas verlegen zugeben. "Wir vermuten, daß ihre Abreise aus Calimshan nicht ganz freiwillig erfolgt ist - offenbar gab es etliche Aufregung unter den dortigen rivalisierenden Diebesgilden, in die diese Figuren verstrickt waren. Wahrscheinlich sind sie geflüchtet und vielleicht eher zufällig hierher gelangt. Sie haben sich, bedenkt man ihre Herkunft und ihren Ruf, bislang auch erstaunlich wenig zuschulden kommen lassen. Ein paar Einbrüche, die mit ihnen zu tun haben könnten, und der ungeklärte Todesfall Feepun..."
"Hm?"
"Ein Tavernenbesitzer in Heliogabalus."
"Ah, der alte Kauz, der für die Schmale Börse als Hehler und Zuträger gearbeitet hat", nickte Kierney, und Mirlyan konnte nicht anders als staunen über das verblüffende Gedächtnis dieses Halbelfen, der offenbar, obwohl er einem landesweiten Netz von Spionen vorstand, immer noch die Zeit fand, sich persönlich um die häufig verwickelten Belange in der Hauptstadt zu kümmern, wo die Unterweltsgilde "Schmale Börse" schon länger Bestand hatte als in Damara die Monarchie. "Den haben die zwei auf dem Gewissen?"
"Das ist nicht sicher. Man hat sie kurz vor seiner Ermordung in der Taverne gesehen, das ist alles."
"Hm. Und sonst?"
"Es gab ein paar Kontakte zu zwei reichen Antiquitätenhändlerinnen, auch wenn nicht ganz klar ist, ob diese geschäftlicher oder eher romantischer Natur sind. Vor etlichen Zehntagen sind die beiden Subjekte dann nach dem Vaasa-Tor abgereist. Sie scheinen dort rasch Kontakte geknüpft zu haben, unter anderem mit den 'Kniebrechern' von Hobart Bracegirdle. Und eben mit Kommandantin Ellery." Die junge Frau verstummte erneut und kaute auf der Unterlippe.
"Nun kommt schon, Mirlyan, beißt Euch nicht die Zunge ab daran", spöttelte Celedon gutmütig. "Ihr haltet es für möglich, daß Ellerys Kontakte zu einem der beiden ein wenig gar zu... eng waren?"
"Es gibt in der Tat Anzeichen dafür", nickte die verlegene Frau. "Man hat sie und den Dunkelelfen des öfteren in Situationen angetroffen, die auf ziemliche Vertrautheit schließen ließen. Zumindest behaupten das manche Zeugen, aber..."
Der Halbelf lachte leise. "Nun, dann wird es wohl auch stimmen, nicht wahr?"
"Aber Eure Hoheit! Kommandantin Ellery Tranth Peidopare war immerhin eine entfernte Verwandte Seiner Majestät, und eine direkte Cousine Ihrer Majestät!"
"Und scheint offenbar experimentierfreudiger gewesen zu sein, als ich ihr bei ihrer angehenden Karriere als Paladin zugetraut hätte", schmunzelte Kierney trocken. Eigentlich fand er die strengen moralischen Ansichten der jungen Frau, vor allem angesichts der dauernden Avancen, die ihre unbestreitbare Schönheit ihr eintragen mußte, geradezu komisch. Immerhin war ihr Vater in seiner Jugend ein berüchtigter Schürzenjäger gewesen. Nicht viel anders als Celedon selbst, wie der Halbelf sich eingestand, der noch heute einem Flirt hie und da nicht abgeneigt war. Einer der vielen stürmischen, aber wenig langlebigen Beziehungen von Riordan Parnell war dann Mirlyan entsprungen - sie und ein knappes Dutzend ihrer ebenso offiziell anerkannten Halbgeschwister in ganz Damara. Celedon verzog die Lippen in einem etwas wehmütigen Lächeln, als er an die Kinder dachte, für die er selbst monatlich bezahlte und für die er, wenn er ehrlich war, darüber hinaus viel zu wenig Zeit und Gedanken aufbrachte. Er winkte ab, ehe seine Selbstbetrachtung gar zu kritisch werden konnte. - "Laßt es gut sein, Mirlyan. Sie war noch jung, nur wenig älter als Ihr selbst es seid, und sie hat Tag um Tag ihr Leben für den König und dieses Land riskiert. Wenn sie dabei ein wenig Vergnügen gefunden hat, dann gönne ich ihr das von Herzen, selbst wenn sie es in den Armen eines Drow gesucht hat." Er seufzte. "Schlimm genug, daß wir sie so früh verloren haben."
"Natürlich, Eure Hoheit", sagte Mirlyan betroffen und verwünschte sich insgeheim selbst, weil sie immerzu vergaß, daß in dem verwickelten Verwandtschaftsgeflecht des damarischen Adels natürlich auch ihr Vorgesetzter - und damit letztlich sogar sie selbst - familiäre Bande zu der verstorbenen Kommandantin gehabt hatte.
Celedon Kierney schien es ihr freilich nicht nachzutragen.
"Also, fassen wir zusammen", meinte er stattdessen, erhob sich von seinem Stuhl und schob ihn mit einer nachlässigen Bewegung wieder an seinen angestammten Platz. "Zwei zwielichtige Figuren, die sich vor der Unterwelt Calimhafens bis in die Blutsteinlande geflüchtet haben. Bisher haben sie offenbar mehreren Damen schöne Augen gemacht, uns einen stadtbekannten Hehler vom Hals geschafft, großartige Ergebnisse bei der Monsterjagd erzielt und waren in geradezu heroischer Art an der Rettung von Palishchuk beteiligt." Er grinste und breitete die Arme aus. "Was meint ihr? Zwei bußfertige Schurken auf dem Weg der Reue und Besserung?"
Mirlyan hatte das spöttische Schnauben schon ausgestoßen, ehe ihr klar wurde, wie ungehörig es gegenüber ihrem Vorgesetzten war. Kierney lachte natürlich nur.
"Ja, ganz meine Meinung." Er wendete sich wieder nach dem magischen Spiegel um, der ihm im Augenblick nur sein eigenes grinsendes Gesicht zeigte, widerstand jedoch der Versuchung, noch einmal einen Blick in das Vorzimmer zu werfen. "Wieviel wissen wir von dem, was in Vaasa vorgefallen ist?" Mirlyan suchte einen Moment nach Worten.
"Es begann wohl vor mehreren Zehntagen. Irgendwo in den Weiten der Tundra fand oder erstand der alte halborkische Händler Wingham einen geheimnisvollen magischen Folianten, von dem er schon bald vermutete, daß es sich um ein Relikt aus dem Besitz Zenghyis handeln könnte. Er brachte ihn zu seiner Nichte Arrayan nach Palishchuk. Diese Nichte, selbst angehende Magierin, konnte offenbar der Magie des Buches nicht widerstehen, öffnete es und setzte eine Kettenreaktion in Gang: Das Buch zwang sie, es an seinen angestammten Ort zu bringen, wo sogleich durch dunkle Magie ein gewaltiges Schloß aus dem Erdboden zu steigen begann - voller Fallen und schwarzmagischer Kreaturen. Wingham informierte Mariabronne den Wanderer, der auf Eilwegen zum Vaasa-Tor eilte. Kommandantin Ellery stellte unverzüglich eine Truppe aus Soldaten und Abenteurern zusammen und brach nach Palishchuk auf." Die Frau nahm einen neuen Stapel Papiere vom Tisch und fing an, ihn durchzublättern. "Nun, mir liegen Berichte vor von fast allen Überlebenden der Expedition..."
"Und ich habe sie alle gelesen", unterbrach Kierney plötzlich scharf und fuhr wieder zu seiner jungen Untergebenen herum. "Aber was wir wirklich wissen, ist nur das eine: Elf Leute sind vom Vaasa-Tor nach Norden aufgebrochen. Neun erreichten lebend Palishchuk. Neun gingen in Zenghyis Schloß hinein, und nur fünf kamen wieder heraus. Dem Erbe des Hexenkönigs zum Opfer fielen so fähige Leute wie Kommandantin Ellery, immerhin die Nichte der Königin und ein angehender Paladin, der Zwergenpriester Pratcus, der Magier Canthan Dolittle, und schließlich kein geringerer als Mariabronne der Wanderer, der fähigste Späher und Waldläufer, der je im Dienst des Königs gestanden hat. Mariabronne der Wanderer, eine Legende in ganz Vaasa!" Er warf die Hände in einer Geste der Frustration in die Luft. "Einer unserer besten Leute, verdammt!"
Mirlyan schwieg und wartete ab, bis sich der Ärger des ab und an recht hitzigen Halbelfen gelegt hatte. Natürlich begriff sie den Grund für seine Reaktion. Wie viele ihrer Altersgenossen war auch sie aufgewachsen mit den sagenhaften Geschichten um Mariabronne den Wanderer, aber erst, seitdem sie zur Armee gegangen war und dort als Verbindungsoffizier bei ihrem entfernten Verwandten Celedon Kierney arbeitete, hatte sie begriffen, wie wichtig der scheinbar ziellos umherschweifende Waldläufer tatsächlich gewesen war: Mariabronne war eines der vielen wandernden Augen von "Spähsang" gewesen, jener im Verborgenen agierenden Organisation, die ihr Vater Riordan Parnell in den Anfangstagen von Gareth Drachenbanns Aufstieg begründet hatte und die inzwischen von Celedon Kierney zu einem weitverzweigten Netz ausgebaut worden war, das Informationen über beinahe alles und jeden zu beschaffen wußte. Mariabronne hatte den Kontakt in die weitgehend unzivilisierte Wildnis Vaasas aufrecht erhalten, zu den kleinen einsamen Gehöften, die so oft Ziel von Ork- und Banditenüberfällen wurden, zu den weniger bekannten Kalzedon-Schürfstätten, zu den abgelegenen Orten wie Darmshall und Palishchuk.
Ein Verlust, der nicht leicht zu ersetzen sein würde.
"Soll ich fortfahren, Hoheit?" erkundigte sie sich zögernd. Kierney seufzte.
"Natürlich. Verzeihung, liebe Nichte."
"Wie Ihr schon sagtet: Elf Leute brachen, unter Kommandantin Ellerys Befehl, vom Vaasa-Tor aus auf. Als sie Palishchuk erreichten, waren zwei von ihnen, ein Soldat der Krone und eine fahrende Abenteurerin, bereits gefallen, getötet durch Monsterangriffe unterwegs. Davis Eng, ein hochdekorierter Soldat und betraut mit der Verwaltung der Belohnungen für erlegte Goblins und Orks am Vaasa-Tor..."
"Ich kenne Davis", sagte Celedon. "Ein guter Mann, was er sagt, darf man glauben."
"Er wurde unterwegs so schwer verwundet, daß er ebenfalls in Palishchuk zurückbleiben mußte, mit ihm eine weitere Abenteurerin, eine Halbelfe namens Calihye..."
"Tüchtiges Mädchen", kommentierte Celedon wieder. "Und klug, wenn auch schwer einzuschätzen. Sie ist immer noch an der Spitze der Belohnungsliste, wie ich höre. Ich wollte sie schon vor einem Jahr für Spähsang gewinnen, aber sie hat sich nie überzeugen lassen."
"Wenn sie die Ehre nicht sieht, die darin liegt, dem König und dem Land zu dienen", sagte Mirlyan schroff, "dann hat Spähsang an ihr auch kaum viel verloren."
Celedon sah sie nachdenklich an, und ein bitteres Lächeln zuckte für einen Moment über sein Gesicht. "Ihr meßt die Menschen mit derselben Elle, die Ihr an Euch selbst anlegt", gab er zu bedenken. "Und damit werdet Ihr allzuoft irren, liebe Nichte. Nicht für jeden Menschen - oder Zwerg, Elfen oder Halbork - ist dasselbe Ding von Wert. Die wenigsten der Abenteurer, die für den König an der Befriedung Vaasas arbeiten und die deshalb mit Ehrungen überhäuft werden, tun dies aus so edlen Motiven, wie beispielsweise Mariabronne es tat. Sie tun es des Geldes wegen, das die Krone für die Ohren erlegter Goblins und Orks bezahlt, oder um sich von Verbrechen reinzuwaschen, deretwegen man sie in der Hauptstadt verurteilt hat, oder, so wie unser Freund Athrogate, auch einfach nur aus purer Lust am Schlachten. Ihr werdet weniger Enttäuschungen erleben, Mirlyan, wenn Ihr die Menschen so nehmt, wie sie nun einmal sind, und nicht so, wie sie nach den Begriffen der guten Götter sein sollten. - Aber genug davon, zurück zu der Halbelfe. Wenn ich mich recht erinnere, war Streit innerhalb der Mannschaft für ihr Zurückbleiben verantwortlich?"
"Es scheint, daß sie Artemis Entreri für den Tod der anderen Abenteurerin verantwortlich machte und ihm deshalb unverhohlen mit Rache drohte. Davis Eng hat uns einen etwas verworrenen Bericht abgeliefert über eine Szene, in der Entreri die Halbelfe daraufhin beinahe getötet hätte."
"Wobei wir der Fairneß halber hinzusetzen sollten, daß Eng zu diesem Zeitpunkt schwer verwundet war und möglicherweise unter Fieber-Halluzinationen litt."
"Ihr zweifelt an seinem Wort, Eure Hoheit?"
"Nicht einen Augenblick, jedoch andere könnten es tun, weswegen sein Wort vor Gericht vielleicht wenig Bestand hätte. Die Gruppe war also bereits stark dezimiert, als sie das Schloß überhaupt betrat. Sie erhielt aber Verstärkung durch zwei Halborks aus Palishchuk, nicht wahr?"
"Das ist richtig. Die beiden gehören ebenfalls zu den Überlebenden der Expedition, aber da sie in Palishchuk geblieben sind, stehen sie leider für eingehende Fragen nicht zur Verfügung. Somit sind die einzigen, die wir als Zeugen für die Vorgänge innerhalb des Schlosses haben..." Sie warf einen nachdenklichen Blick auf den Spiegel an der Wand, und Kierney ergänzte:
"Ein blutrünstiger Zwerg, ein calishitischer Meuchelmörder und ein Dunkelelf. Es wird interessant sein, was für einen Bericht sie über die Kämpfe um das Schloß abgeben." Er sah seine Nichte über die Schulter weg an. "Was meint Ihr: wie stehen sie wohl zueinander?"
"Der Mensch und der Zwerg verabscheuen einander", sagte Mirlyan ohne zu zögern und bewies damit einmal mehr, daß sie auch die sichere Menschenkenntnis ihres Vaters geerbt hatte. "Ich weiß nur nicht, ob es die bloße Rivalität zweier exzellenter Kämpfer ist, die beide beweisen wollen, daß sie der Beste sind, oder ob es tiefere Gründe dafür gibt."
Kierney lächelte zufrieden. "Und der Drow?"
Mirlyans attraktives Gesicht nahm einen verwirrten Ausdruck an. "Er ist mir, offen gestanden, ein völliges Rätsel. Jedenfalls entspricht er überhaupt nicht dem gängigen Bild, das man sich von einem mörderischen Dunkelelfen macht. Nach allen Berichten verfügt er über so gewaltigen Charme und Witz, daß er über kurz oder lang sogar die bockbeinigsten Monsterjäger am Tor für sich zu gewinnen wußte, und das trotz seiner Herkunft. Gleichzeitig hat er aber das Auftreten eines Mannes, der vor nichts zurückschreckt. Der einzige übrigens, der gegenüber seinem Charme völlig immun zu sein scheint, ist eben gerade sein vorgeblicher Freund, der Meuchelmörder. Viele, die die beiden kennengelernt haben, hatten den Eindruck, daß der Mensch den Drow eigentlich aus tiefstem Herzen haßt. Vielleicht ist es Druck oder magische Beherrschung, die ihn bei dem Dunkelelfen bleiben läßt. Und da ist noch etwas Merkwürdiges an den beiden..."
"Ja?" machte Celedon erwartungsvoll.
"Nun, während fast der gesamten Zeit, in der sie in Heliogabalus tätig waren, hätten sie eigentlich der Schmalen Börse in die Quere kommen müssen. Es ist ganz unvorstellbar, daß die Unterwelt der Stadt nichts von der Anwesenheit zweier so gefährlicher Männer wußte. Aber sie haben offenbar weder versucht, sie zu beseitigen, noch sie für ihre Zwecke zu rekrutieren."
"Und was schließt Ihr daraus?" erkundigte Kierney sich, der bereits ähnliche Überlegungen angestellt hatte, aber seiner Nichte gerne gönnte, diese laut zu formulieren.
"Daß die Schmale Börse offenbar Anweisungen erhielt, sich von dem Paar fernzuhalten. Und dafür kommen nur zwei Parteien in Frage: Die Zitadelle der Assassinen, oder die Partei Ree. Da letztere ziemlich ausgeschaltet sein dürfte, geht mein Verdacht stark in die erste Richtung."
"Meiner auch", stimmte der Halbelf zu. "Und ich würde ganz zweifellos annehmen, daß die beiden für die Zitadelle arbeiten, wenn da nicht eine Sache wäre."
"Der Bericht des Halborks Olgerkhan?" vermutete Mirlyan. "Mit Verlaub, Hoheit, aber es sind Angaben aus zweiter oder dritter Hand, die uns zur Verfügung stehen, über das, was er nach der Rückkehr der Gruppe aus dem Schloß erzählt haben soll. Und selbst, wenn sie stimmen sollten, so handelt es sich dabei um die Erzählungen eines Mannes, der zu dem Zeitpunkt, um den es geht, mehr tot als lebendig war, und um den Bericht eines Halborks zu allem Überfluß. Es ist ja bekannt, mit welchen Geistesgaben diese einfachen Kreaturen gesegnet sind - möge Ilmater sie schützen. Die Götter allein wissen, was dieser arme Mann sich vielleicht alles zusammengereimt hat."
"Und doch ist sein Zeugnis nicht ganz von der Hand zu weisen", widersprach Kierney und zog nach kurzem Stöbern eine weitere Rolle Pergament aus dem Papierstapel. "Er sagte nach der großen Schlacht ganz eindeutig, daß zu einem gewissen Zeitpunkt der Magier Canthan begann, die Halborkin Arrayan und auch Olgerkhan selbst zu attackieren, und daß der Meuchelmörder und der Dunkelelf ihnen zu Hilfe eilten. Dann ist von einem juwelengeschmückten Dolch die Rede, der sehr nach dem Entreris aussieht, und der offenbar einerseits das Leben aus dem bereits sterbenden Magier zog und andererseits den verwundeten Halbork heilte. Ging nicht von Artemis Entreri das Gerücht, er besitze einen vampirischen Dolch mit der Fähigkeit, die Lebenskraft seines Opfers auf den Träger zu übertragen? Und hatten wir nicht Canthan schon längst im Verdacht, ein Agent der Zitadelle zu sein?"
"Aber wieso sollte Entreri einen Magier der Zitadelle töten, wenn wir annehmen, daß sie mit der Zitadelle im Bund stehen?" fragte Mirlyan verwirrt, und ihr Vorgesetzter grinste und zuckte die Achseln.
"Ezellente Frage." Er überflog noch einmal die Pergamentrolle, warf sie dann achtlos zur Seite auf einen Stapel und fing stattdessen an, in Gedanken mit den Fingern rhythmisch auf seiner Tischplatte herumzuklopfen - eine Angewohnheit, die ihm, wie er behauptete, beim Denken half und mit der er, wie er wußte, bei Daueranwendung selbst einen grenzenlos geduldigen Paladinkönig im Dienst des Leidenden Gottes an den Rand der Weißglut treiben konnte. Seine junge Untergebene schien zu seinem Leidwesen dagegen gefeit, weswegen es ihm bei ihr viel weniger Spaß machte.
"Hätte die Zitadelle der Assassinen selbst Interesse an einem Schloß aus dem Erbe Zenghyis?" überlegte er laut. "Natürlich. Sie waren schon damals seine Verbündeten und träumen noch immer davon, die gesetzlosen Zeiten seiner Herrschaft wieder erstehen zu lassen. Würden sie sich die Ermordung eines ihrer Agenten gefallen lassen? Sicher nicht. Der Dunkelelf und sein Partner sollten eigentlich längst tot sein, so gesehen. Also muß es irgendeine Verbindung zur Zitadelle geben. Irgendetwas scheint Knellict und Timoshenko überzeugt zu haben, daß es lukrativer ist, die zwei am Leben zu lassen."
"Was also werden wir tun?" fragte Mirlyan. Celedon hob kurz die Schultern und verzog das Gesicht.
"Wir? Zunächst einmal nicht viel, auch wenn mein Bauch mir sagt, es wäre das Sicherste, die zwei in hohem Bogen aus dem Land werfen zu lassen - am besten zurück nach Calimshan oder ins Unterreich oder von mir aus in den Limbus. Aber stattdessen wird Seine Majestät ihnen natürlich, wie allen Abenteurern, die sich um das Reich verdient gemacht haben, eine Stellung in der Armee anbieten. Was uns vom Spähsang Gelegenheit geben sollte, die zwei etwas genauer unter die Lupe zu nehmen." Er lächelte seine Untergebene an. "Was meint Ihr, Mirlyan - würde es Euch nicht gefallen, einmal wieder für eine Weile in der Hauptstadt zu sein? Und ein paar junge, vielversprechende Rekruten zu drillen, vielleicht?"
Das unvermittelt auftauchende, verschmitzte Grinsen der jungen Frau ließ ihre haselnußbraunen Augen fast schwarz werden vor Übermut.
