Artemis Entreris Laune war so ziemlich auf dem Tiefpunkt. Jarlaxles Anwesenheit ertragen zu müssen, war eine Sache. Dieses nervenaufreibend protzige Palastleben um ihn herum war eine andere. Aber der bloße Anblick des schwarzbärtigen Zwergs, der im Vorzimmer bereits gewartet hatte, genügte, um ihn in eine Stimmung zu versetzen, die Leib und Leben so ziemlich jedes Anwesenden im Umkreis einer Meile in akute Gefahr brachte.
Nicht, daß er sich das hätte anmerken lassen. Er lehnte, äußerlich scheinbar vollkommen ruhig, wenn nicht gar gelangweilt, mit verschränkten Armen an einem Mauervorsprung, direkt neben dem Wandspiegel, der dort hing, und damit hoffentlich im toten Winkel des Blickfelds aller Zauberer, die durch diesen Spiegel vermutlich gerade den Raum ausspähten. Lediglich seiner rechten Hand, die sich gemächlich über seinem eigenen Oberarm schloß und wieder öffnete, war anzusehen, was für eine Mühe es Artemis Entreri kostete, dem impertinenten Zwerg nicht sofort an die Gurgel zu gehen.
Athrogate schien ähnlich zu empfinden, auch wenn er sich weit weniger Mühe gab, das zu verbergen. Ebensowenig Mühe, wie er sich anscheinend mit seiner Toilette für die heutige Audienz am königlichen Hof gemacht hatte, denn er sah aufs Haar genauso aus wie an dem Tag, an dem er sich dem aufbrechenden Wagenzug Richtung Palishchuk angeschlossen hatte: Sein wildes schwarzes Haar war ungekämmt und zerzaust, der Bart zu zwei schwarzen Zöpfen gedreht, die ihm auf die breite Brust fielen und an ihren Enden mit edelsteinbesetzten Bändern geschlossen waren. Die funkelnden dunklen Augen verschwanden halb unter den buschigen Brauen, und unter den Abenteurern am Vaasa-Tor, wo Athrogates Name aus einer Unzahl Tavernenschlägereien wahrhaft berüchtigt war, ging hinter vorgehaltener Hand der Witz, daß der Zwerg zweifellos fliegen können würde, würde er nur endlich lernen, mit seinen gewaltigen Ohrmuscheln auch zu wackeln. Aus seiner verbeulten und abgetragenen Rüstung wuchsen wie Baumstämme zwei dicke, muskulöse und narbenbedeckte Oberarme, und die Füße, die viel zu groß und unförmig wirkten für ein Wesen, das selbst zwei so zierlichen Gestalten wie Jarlaxle und Entreri nicht einmal bis zur Brust reichte, steckten in einem Paar schwerer genagelter Stiefel, die so aussahen, als hätten sie mindestens ebenso viele Jahre auf dem Buckel wie ihr Träger und wären seit dem ersten Tag nicht ein einziges Mal gesäubert worden. Natürlich fehlten auch die beiden aus magischem Glasstahl gefertigten Morgensterne nicht, deren Griffe er wie stets überkreuzt auf dem Rücken trug, während die eigentümlich mattgrauen, mit gefährlichen Spitzen versehenen Köpfe an ihren Ketten hinter dem Zwerg her baumelten. Athrogate stapfte, die Daumen in Lederschlaufen an seiner Rüstung gehakt, vor Entreri auf und ab durch den Raum, schnaubte, schniefte, wischte sich mit dem Handrücken die Nase, untersuchte eingehend diverse im Zimmer herumstehende Vasen und Kunstgegenstände mit den Fingern (deren Nägel vor Dreck starrten, sah Entreri, und er schwor sich, daß er den Zwerg ohne Vorwarnung erdolchen würde, Schloß des Königs oder nicht Schloß des Königs, sollte Athrogate allen Ernstes versuchen, einige der wertvollen Blutsteine, mit denen viele Möbel verziert waren, aus ihren Halterungen zu brechen) und warf dabei dem Menschen, der jeden seiner Schritte mit Argusaugen verfolgte, höhnische Blicke zu.
"Pah", machte er schließlich, als nichts davon den Meuchelmörder aus seinem sturen Schweigen locken konnte, und deutete mit den Daumen über die Schulter auf seine beiden Morgensterne. "Eins hab ich deutlich im Gespür: Rummser und Wummser haben noch ne Verabredung mit dir."
Entreri hörte Jarlaxle schmerzlich die Luft zwischen den Zähnen hindurchziehen, ob nun über den Vers oder über die beiden lächerlichen Namen, mit denen der Zwerg seine kostbaren Waffen bedacht hatte, und richtete seine mühsam gebändigte Wut prompt auf den Dunkelelfen, der sich dankenswerterweise immer als Blitzableiter für Entreris Grimm anbot.
"Das Erste, was ich tun werde, ist, daß ich ihm die Zunge herausschneide."
Jarlaxle seufzte tief. "Bitte, bitte, meine Herren. Was soll denn das Gezänk unter alten Freunden und Kampfgefährten? Haben wir nicht gemeinsam, Seite an Seite tausend Gefahren im Schloß des Hexenkönigs gegenüber gestanden, am Ende keiner geringeren als einem wahrhaftigen Drachenleichnam? Und bedenkt doch, was für ein bedeutsamer Augenblick uns bevorsteht: Wir werden dem großen Helden von Damara in höchsteigener Person begegnen."
"Pah", schnaubte der Zwerg verächtlich, "weil da dann auch was bei is'." Die Tatsache, daß er in diesem Punkt auch noch mit dem Zwerg einer Meinung war, steigerte Entreris Laune nicht im mindesten, eher im Gegenteil. Jarlaxle schüttelte betrübt den Kopf, seufzte erneut, strich sich dann den Mantel glatt und erhob sich graziös von seinem Sitz. Anders als Entreri hatte er zuvor den zweifellos magischen Wandspiegel nicht etwa gemieden, sondern sich ganz demonstrativ mitten in dessen Blickfeld niedergelassen, die Beine elegant überkreuzt, sein Cape in malerischen Falten um sich geordnet und den breitkrempigen Hut neben sich auf einem eigenen Stuhl abgelegt, wo die Diatryma-Feder sich vor dem Hintergrund eines purpurnen Samtkissens irgendwie besonders üppig bauschte, als hätte sie urplötzlich an Volumen gewonnen. Als der Drow jetzt aufstand, trat er sogar direkt vor den Spiegel, stülpte sich seine Kopfbedeckung wieder auf den kahlen Schädel, zupfte an besagter Feder, seinem Gürtel, Mantel und seiner Augenklappe herum und fing an, sich in diversen Posen vor dem Spiegel zu bewundern.
"Ich weiß ja, lieber Athrogate", erklärte er dabei, während er sich von einer Seite zur anderen drehte, "daß Ihr hier zu Hause seid und daß für einen erfahrenen Abenteurer wie Euch solche Zeremonien sicher nichts Neues sind. Aber bedenkt bitte, daß Artemis und ich Fremde in Eurem Reich sind. Für uns ist es eine ungeheuer aufregende Angelegenheit, und wir wollen natürlich auf keinen Fall einen schlechten Eindruck an einem Königshof machen." Entreri setzte schon zu einem spöttischen Schnauben an, verkniff es sich aber, als Jarlaxle sich zu ihm umdrehte und offenbar Anstalten machte, auch am Hemdkragen seines Partners herumzunesteln. Ein starrer Blick aus stahlgrauen Augen, der das Wissen um tausend schmerzhafte Todesarten enthielt, ließ den Drow freilich innehalten und die Stirn runzeln.
"Artemis."
"Kümmere dich lieber um den da", sagte der Meuchelmörder mit angewidertem Kopfnicken in Richtung des Zwergs. "Der hat es nötiger. Nicht, daß man viel an seiner angeborenen Häßlichkeit ändern könnte."
"Pah", machte der Zwerg wieder und zwinkerte, was vermutlich lüstern aussehen sollte, aber nur grotesk wirkte. "Was brauch ich Zwirn für feine Kleider. Was in meiner Hose is, freut doch die Weiber."
Entreri ächzte und schüttelte angewidert den Kopf. "Ich wette, er hat sich nicht mal den Dreck von unserem Kampf gegen den Drachenkadaver abgewaschen."
"Baden macht die Haut dünn und die Rüstung rostig, hat mein Muttchen immer gesagt. Bwahahaha!"
Bevor Entreri Zeit hatte, darauf hinzuweisen, daß die meisten Leute ihre Rüstung ablegten, bevor sie in die Wanne kletterten, näherten sich glücklicherweise Schritte, und ein Diener riß mit einer stummen Verbeugung eine Flügeltür weit auf. Die drei tauschten einen kurzen Blick, dann setzte Jarlaxle sein strahlendstes Lächeln auf, streckte sich zu voller Höhe und schritt würdevoll Richtung Tür. Athrogate schnaubte, warf noch einen verdrießlichen Blick auf Entreri und stapfte dann mit möglichst großen Schritten voran, um sich absichtlich und geräuschvoll vor dem Menschen durch die Tür zu drängeln.
Entreri machte in Gedanken einen weiteren Strich auf der Liste der Gründe, warum der Zwerg dem Tode geweiht war, ehe er den beiden folgte.
Der Kleine Audienzsaal war eigens gebaut worden für Besprechungen, in denen Staatsgeheimnisse, private Belange der königlichen Familie oder andere Angelegenheiten zur Sprache kommen würden, die nicht für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt waren. Das hieß aber noch lange nicht, daß Anhörungen dort deshalb in irgendeiner Weise privat gewesen wären. Jarlaxle, der in Menzoberranzan genügend Besprechungen im innersten Kreis der Macht rund um die alte Mutter Oberin Baenre miterlebt hatte, wußte, mit wieviel direkt oder indirekt lauschenden Ohren man dabei üblicherweise zu rechnen hatte, und er nahm an, daß die Verteidigungsmöglichkeiten der uralten und gefährlichen Drow um einiges besser gewesen waren als die des menschlichen Paladins.
Kein Wunder, daß jemand wie Gromph Baenre sich üblicherweise nur in eigens kreierten außerplanaren Räumen mit ihm getroffen hatte.
So war es nur natürlich, daß in solchen arrangierten Audienzen nie etwas wirklich Wichtiges besprochen wurde. Sie waren ein einziges, sorgfältig inszeniertes Theater mit exakt festgelegten Rollen und Dialogen, und Jarlaxle war zu verliebt ins Drama an sich, als daß er eine solche Gelegenheit nicht in allen Einzelheiten genossen hätte. Er gestattete sich ein leicht bissiges Lächeln, als ein Herold beim Eintritt der drei Männer das Ende seines goldverzierten Stabes auf die polierten Marmorfliesen schlug und mit etwas näselnder Stimme verkündete:
"Die ehrenwerten Herren Artemis Entreri, Jarlaxle und Athrogate."
Die neuen Figuren auf dem Sava-Brett waren aufgestellt; nun würden sie den alten vorgestellt werden, und nicht lange, dann würden die Würfel wohl zum ersten Mal rollen.
Zudem war er wirklich überaus neugierig auf den berühmten Heldenkönig des Landes, dessen Loblied von jedem Kind auf der Straße und jeder Großmutter auf dem Dorf gesungen wurde. Und als er nun, seinen beiden Gefährten einen halben Schritt voraus, Athrogate zu seiner Rechten und Entreri zu seiner Linken, zwischen zwei Reihen Ehrengarde den kurzen Weg über den roten Teppich bis zu den Stufen des Throns zurücklegte, hatte er das Gefühl, daß der blondbärtige Monarch die drei Gestalten ebenso intensiv musterte wie Jarlaxle ihn.
Er sah in der Tat aus wie der Märchenkönig aus dem Bilderbuch, resümierte der Drow in Gedanken spöttisch: ein kurzer, blonder Vollbart umspielte ein breites, kantiges Gesicht mit leuchtend blauen Augen, das Offenheit und Autorität ausstrahlte. Groß und breitschultrig, wie er war, angetan mit einem weiten scharlachfarbenen Krönungsmantel, dessen weißer Hermelinbesatz ihm auf den Schultern lag, gab er auf dem steinernen, mit Kalzedonsplittern besetzten Thronsessel auch ohne Krone oder Reichsapfel eine wahrhaft königliche Figur ab. Das Gewand, das er darunter trug, war dagegen einfach und dunkel, fast schwarz - möglicherweise trug er Trauer im Andenken an seine nahe Verwandte Ellery. Das Symbol des Weinenden Gottes, das ihm an einer feinen Goldkette um den Hals hing, leuchtete auf dem dunklen Stoff. Gareth Drachenbanns Alter war schwer zu schätzen; nach den Erzählungen mußte er eigentlich mindestens um die Fünfzig sein, wirkte aber dank seiner kraftvollen Haltung und der dichten, noch kaum mit Grau durchsetzten Locken um einiges jünger. Er hatte die Ausstrahlung eines Mannes, der es gewohnt war zuzupacken, eines Mannes, der in den zehn Jahren seit seiner Krönung die Notwendigkeiten höfischer Zeremonien und diplomatischer Gepflogenheiten durchaus eingesehen hatte und täglich mit ihnen umzugehen pflegte, der aber im Grunde seines Herzens bei allem taktischen Verhandlungsgeschick doch ein alter Kämpfer und Haudegen geblieben war, dem der Kampf mit dem Schwert gegen das Böse als weit natürlicher erschien als der Krieg der Worte.
Vielleicht war es einfach so, daß er für alle anderen Belange stets die Unterstützung geschickter Berater und Vertrauter besessen hatte, mutmaßte der Drow und ließ den Blick seines einen freien roten Auges kurz über die übrigen Versammelten huschen, die hinter und neben Gareths Thron der Dinge harrten, in erster Linie natürlich zu der Person auf dem zweiten, etwas kleineren Thronsessel rechts neben dem des Herrschers. Sein erster Gedanke war, daß Kommandantin Ellery, hätten Entreris Dolch und ihre eigene Dummheit ihrem Leben nicht verfrüht ein Ende gesetzt, auch in den kommenden Jahren wohl weiterhin eine überragend schöne Frau geblieben wäre. Denn die vielleicht vierzigjährige Frau neben Gareth, die ebenfalls Trauerkleidung angelegt hatte und sich beim Näherkommen der drei Geladenen mit dem rechten Ellbogen leicht auf die Armstütze des Throns in Richtung ihres Gatten lehnte, um ihm etwas zuzuraunen, sah in der Tat aus wie eine um zehn Jahre ältere Version ihrer gefallenen Cousine, mit demselben dichten rotbraunen Haar, demselben herzförmigen Gesicht und derselben Unmenge von Sommersprossen, die sich von ihrem Stupsnäschen bis auf die frischen, fast mädchenhaften Wangen verteilten. Sie hatte sogar denselben leichten Anstrich von hochmütiger Herablassung, geboren aus dem Bewußtsein hoher Abkunft und machtvoller Stellung. Eine Haltung, die Jarlaxle, dem hauslosen Ausgestoßenen, im Unterreich von beinahe allen Seiten zuteil geworden war und die ihn zu seiner eigenen Verblüffung noch immer zu verärgern vermochte.
Aber Jarlaxle hatte Jahrhunderte Zeit gehabt, Techniken zu entwickeln, wie er mit Dingen, die an etwas in seinem Innersten rührten, an das er nicht rühren wollte, umgehen konnte.
Sie erreichten die Stufen des Throns, und Jarlaxle riß sich den Hut vom kahlen Haupt und fiel in eine tiefe Verbeugung, in die er alle Eleganz seiner elfischen Rasse legte und bei der er gleichzeitig den Hut in so weitausladender Geste durch die Luft schwenkte, daß die bauschige Feder Athrogate ums Haar in der Nase kitzelte. Links neben ihm verneigte sich Entreri: stumm, in einer selbstverständlichen Leichtigkeit, als sei er selbst von Adel und von Kindesbeinen an solche Empfänge gewöhnt, und dabei mit wie immer nicht zu deutender Miene, auch wenn Jarlaxle Anzeichen von tief sitzendem Mißtrauen und vielleicht sogar einem Hauch Unsicherheit an dem Menschen zu bemerken glaubte - ersteres ein grundlegender Bestandteil von Entreris Seelenleben, letzteres eher ungewöhnlich (und sicher etwas, das der Mann nie zugeben würde, schon gar nicht gegenüber seinem dunkelelfischen Partner). Rechts neben ihm schnaufte der Zwerg kurz auf, wütend über die Belästigung durch die Vogelfeder, als ihm der Hut des Drow fast ins Gesicht klatschte, dann warf er einen finsteren Blick in die Runde, knurrte, zuckte gelangweilt die Schultern und verbeugte sich schließlich ebenfalls, wenn auch entschieden weniger tief und ehrerbietig als die anderen beiden.
Sie verharrten einen kurzen Moment in ihrer Haltung, ehe die kräftige Stimme des Monarchen sie anredete:
"Seid mir willkommen, werte Herren. Bitte erhebt Euch."
Die drei richteten sich auf, und Jarlaxle spürte einen Augenblick lang den Blick des blondbärtigen Mannes direkt auf sich gerichtet. Eine eigentümliche Empfindung, etwas wie eine Brise, die gleichzeitig kühl und warm war, lief durch sein Inneres, ein Gefühl, als habe eine sanfte Hand einen Vorhang angehoben und dahinter geblickt. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann glitt der Blick des Königs weiter zu Entreri und von dort zu Athrogate, die er beide ebenso blitzartig musterte. Jarlaxle tauschte einen kurzen Seitenblick mit seinem menschlichen Partner und konnte sehen, daß die Augen des Meuchelmörders sich unheilverkündend verengt hatten. Ganz unzweifelhaft hatte Gareth Drachenbann gerade einen Zauber auf seine Besucher gewirkt, und Jarlaxle erinnerte sich, daß man Paladinen nachsagte, sie könnten wie Priester in die Seelen anderer Wesen schauen, um deren Gesinnung zu ergründen. Inwieweit der Paladin bei ihm selbst Erfolg gehabt hatte, konnte der Drow nicht sagen - bisher hatte er noch wenig Gelegenheit gehabt, seine diversen magischen Besitztümer, von denen nicht wenige ein solches Ausspähen verhindern sollten, gegen den mächtigen Gefolgsmann einer guten Gottheit zu testen. Artemis dagegen verfügte nicht über solche Verteidigungsmöglichkeiten, und Jarlaxle wußte aus Erfahrung, wie unberechenbar sein Partner werden konnte, wenn er sich hilflos fühlte.
Wie auch immer das Ergebnis der magischen Charakterprüfung aussah, Gareth Drachenbann ließ sich in seinem Verhalten nichts davon anmerken. Sein Tonfall blieb gleichmäßig ernst, aber freundlich.
"Im Namen meiner Gemahlin und in meinem eigenen sage ich Euch Dank für Euer Kommen. Ihr habt Euch mit Euren Taten um dieses Land verdient gemacht, auch wenn der Sieg, den Ihr so heldenhaft erfochten habt, für meine Familie und das Reich schmerzhafte Verluste brachte."
Im sicheren Bewußtsein, daß seine beiden griesgrämigen Gefährten ihm längst automatisch die Rolle des Sprechers zugewiesen hatten, deutete Jarlaxle neuerlich eine Verbeugung an. "Daß der Ruf an Euren Hof an uns erging, ehrt uns über Gebühr, Euer Majestät. Bitte nehmt unser zutiefst empfundenes Beleid über den Tod Eurer teuren Verwandten entgegen. Und neuerlich unseren Dank, denn nicht im Traum wagten wir zu hoffen, daß uns die Ehre zuteil werden würde, nicht nur einer, sondern sogar beiden Majestäten der Blutstein-Lande von Angesicht gegenüberzutreten." Er wechselte den Hut in die linke Hand, um die rechte frei zu haben und sie wie in Andacht auf sein Herz zu legen, während er eine weitere tiefe Verbeugung vor Christine Drachenbann vollführte.
Die Königin war, zumindest dem Anschein nach, unempfänglich für Schmeichelei. "Kommandantin Ellery war meine direkte Cousine", erklärte sie, in einem Tonfall, der über distanzierte Höflichkeit nicht hinaus ging. "Selbstverständlich habe ich ein Interesse an den unmittelbaren Umständen ihres Todes."
"Dann seid versichert, Eure Majestät", sagte Jarlaxle, ohne mit der Wimper zu zucken, "daß Eure erlauchte Verwandte noch im Tode dazu beitrug, das Schloß Zenghyis von den Ausgeburten des Hexenkönigs zu befreien, und daß es eines wahrhaft furchterregenden Gegners bedurfte, um sie überhaupt zu bezwingen."
Entreri hätte seinen Partner am liebsten schlagen mögen für diese Aussage, die nicht den Hauch einer Lüge enthielt und doch die Wahrheit vollkommen verschleierte. Ja, Ellery hatte in der Tat noch im Tod gegen die Kreaturen gekämpft, die in dem riesigen Schloß, das sie erforschten, auf Schritt und Tritt zum Leben erwachten. Genau genommen sogar noch nach ihrem Tod, denn Jarlaxle hatte einen kürzlich erworbenen, mit nekromantischer Magie durchdrungenen Edelstein benutzt, um ihre Leiche sowie die des toten Waldläufers Mariabronne und die des vermaledeiten Magiers Canthan und - eher als Nebeneffekt - eine ganze Armee vor langer Zeit gefallener Soldaten wieder zu kurzer, untoter Existenz zu erwecken und gegen jene Kreatur zu schicken, die als "König des Schlosses", wie der Drow es so poetisch formulierte, in einer Höhle tief unter dem Gebäude lauerte: ein gigantischer, nahezu skelettierter untoter Drachenkadaver.
Und der furchterregende Gegner, der Ellery zuvor getötet hatte, war niemand anderes gewesen als Entreri selbst.
Denn wie fast jeder in der Gruppe der neun Personen, die das Schloß betreten hatten (ausgenommen eigentlich nur der biedere Zwergenpriester und der von Grund auf ehrenhafte Waldläufer), so hatte auch Ellery ihr Geheimnis und ihre eigenen Motive gehabt: Sie hatte mit Canthan und Athrogate im Bund gestanden und, sei es aus Opportunismus, übertriebenem Ehrgeiz oder fehlgeleiteter Sorge um ihr Land, wohl schon seit langer Zeit als Spionin für die Zitadelle der Assassinen gearbeitet, jene Geheimorganisation, die von einem verborgenen Stützpunkt in Vaasa aus operierte und sowohl die Aktionen streunender Banditen als auch die Unterwelt in Damara kontrollierte.
Natürlich würde Jarlaxle den Teufel tun und diese Tatsache dem Heldenkönig und seiner Gattin auf die Nase binden. Schon gar nicht nun, da die Zitadelle ihn und Entreri gleichsam als Ersatz für Ellery und Canthan angeworben hatte. Und so war die Geschichte von der Erforschung des Schlosses, die der Drow auf Aufforderung Gareths hin in farbigen Bildern und lebhaften Gesten zu erzählen begann, denn auch ein dichtes Gespinst aus Halbwahrheiten und Verdrehungen, gewoben mit der Sorgfalt eines talentierten Heuchlers und dargebracht mit der Überzeugungskraft und Leidenschaft eines Barden. Selbst Entreri begann ums Haar, an einigen seiner eigenen Erinnerungen irre zu werden, so logisch und geschickt stellte sein Partner die scheinbaren Zusammenhänge dar. Natürlich ließ er einige Details aus, etwa die Tatsache, daß Ellery versucht hatte, Jarlaxle zu töten, bevor Entreri dazu kam und sie - was er nicht einmal beabsichtigt hatte - erdolchte. Oder die, daß Canthan und Athrogate in der Zwischenzeit dabei waren, die beiden Halborks Arrayan und Olgerkhan zu attackieren, die sie, nicht ganz zu unrecht, für die Entstehung des Schlosses verantwortlich machten. Was Canthan am Ende das Leben kostete und Entreris vampirischem Dolch ein weiteres Opfer bescherte (sehr zu seinem Leidwesen brauchten sie den Zwerg noch im Kampf gegen den Dracolich, sonst hätte Entreri ihn freudig in Jarlaxles tragbarem Loch verhungern lassen, in das Athrogate gestürzt war).
In der weisen Annahme, daß der Paladin einer durch und durch guten Gottheit wahrscheinlich nicht allzu freundlich auf Nekromanten zu sprechen war, verschwieg Jarlaxle auch jegliche Erwähnung des Steins, der menschliche Leichen zu animieren vermochte, und ließ die Zuhörer stillschweigend in dem Glauben, Ellery, Mariabronne und Canthan wären bei ihrem Kampf gegen den Drachenleichnam noch am Leben gewesen. Und Athrogate und Entreri konnten beide freimütig bestätigen, daß sie alle drei tatsächlich noch im Kampf gesehen hatten, Ellery, wie sie mit ihrer mächtigen Streitaxt furchtlos auf den Rücken des untoten Drachen sprang und auf ihn einzuhacken begann, Mariabronne, der mit seinem Schwert Bayurel auf das Monster losging, und Canthan, der auf der Galerie stand und einen Zauber nach dem anderen gegen den riesigen Leichnam sandte.
"Wie sind sie gestorben?" fragte eine tiefe, fast grobe Männerstimme unvermittelt von rechts neben dem Thronsitz des Königs. Sie gehörte einem stämmigen, wettergegerbt wirkenden Mann, der Ende fünfzig oder Anfang sechzig sein mochte, aber so aussah, als fürchte er trotz seiner Jahre weder Tod noch Drow. Er trug die vornehmen Gewänder des Hochadels, aber irgendwie erschien er mit seinem wilden, mühsam gebändigten Bart, der einmal schwarz gewesen sein mochte und inzwischen mit vielen weißen Strähnen durchzogen war, wie jemand, dem rauhes Leder und grober Pelz sehr viel lieber waren als Samt und Seide. Jarlaxle wendete sich höflich nach ihm um und verneigte sich leicht, ehe er antwortete:
"Ihr werdet verstehen, daß in einem solch schrecklichen Getümmel wie dem, in das wir uns geworfen fanden, ich nicht bei allen unseren armen Gefährten wirklich sicher sein kann. Jedoch Kommandantin Ellery...", er verstummte und warf einen zögernden Blick auf die Königin. Gareth Drachenbann legte eine Hand leicht auf die seiner Gemahlin.
"Fahrt fort, guter Mann. Ihre Majestät hat genügend Schrecken mit eigenen Augen gesehen, um die Wahrheit zu hören."
Oder das, was Jarlaxle dafür ausgab, dachte Entreri bissig.
"Ich bin ziemlich sicher, daß ich sah, wie die widernatürliche Bestie die Kommandantin mit den Fängen packte."
Königin Christine barg für einen Moment das Gesicht in der Hand.
"Aye", bestätigte Athrogate ungefragt und setzte brummend hinzu: "Mitten durch hat er se gebissen, der verdammte Wurm. Hab ich genau gesehen, obwohl der dämliche Halbork gemeint hat, er muß sich auf mich drauf werfen, der Trottel. Und vorher, der Mariabronne. Den hat das Vieh mit so nem Säurestrahl erwischt. Is' nich' viel von ihm übrig geblieben, würd' ich meinen. Naja." Er hob kurz die Schultern. "Spart man sich immerhin die Beerdigung."
Der Schwarzbärtige machte bei Erwähnung von Mariabronnes Namen einen hastigen Schritt nach vorn, als sei er kurz davor, sich auf den Zwerg zu stürzen und könne sich gerade noch selbst bremsen.
"Ich warne Euch, Zwerg: Habt ein wenig mehr Achtung vor einem Mann, in dessen kleinem Finger mehr Anstand und Ehre lag als in Eurer gesamten Gestalt!"
Entreri musterte den Unbekannten überrascht. Bisher war diese ganze Audienz genau das sinnlose Theaterstück gewesen, das Jarlaxle prophezeit hatte, aber der zornige alte Schwarzbart schien entschlossen, die gesamte Inszenierung durcheinander zu bringen. Er hielt sich wie ein mächtiger alter Kämpe, und auch wenn der disziplinierte, stoische Meuchelmörder tendentiell eher Verachtung aufbrachte für Menschen, die ihre Gefühle derart offen zeigten, so hatte er bei diesem Mann doch eher den Eindruck, daß der Schwarzbärtige sich lediglich in seiner Position sicher genug wähnte, um sich nicht mit diplomatischer Vorsicht aufhalten zu müssen.
Er war der Ansicht, daß etwas an der Sache stank, und das würde er sagen, zur Not auch den Göttern ins Angesicht.
Der König wendete kurz den Kopf nach dem Sprecher und runzelte die Stirn, aber es war ein anderer Mann, in ähnlichem Alter wie Gareth Drachenbann und der Schwarzbart, ein Halbelf mit schulterlangem braunem Haar, das er hinter die spitz zulaufenden Ohren zurückgekämmt hatte, der ihm antwortete, noch ehe der König den Mund öffnete.
"Durchlaucht", sagte er mit Betonung, und eine langfingrige Hand legte sich kurz auf die Schulter des Schwarzbärtigen. Entreri hatte das sichere Gefühl, daß die beiden sich, wenn sie sich außerhalb des höfischen Lebens begegneten, nicht mit Adelstiteln und Höflichkeitsfloskeln abzugeben pflegten. "Wir alle wissen, wie nahe Euch Mariabronne der Wanderer gestanden hat. Jedoch ich bin sicher, daß unser zwergischer Freund keine Ehrverletzung seines Gefährten im Sinn hatte."
"In Mielikkis Namen, Celedon!" knirschte der Schwarzbart, und Entreri erriet aus dem Namen der Gottheit, daß auch dieser Mann zu den Waldläufern zählte, und fühlte sich gleichzeitig unangenehm an einen gewissen verhaßten Dunkelelfen erinnert, der sich ebenfalls dieser Göttin verbunden gefühlt hatte. - "Du weißt so gut wie ich, daß etwas an dieser Sache faul ist, und ich werde nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen. Es geht um Mariabronne, verdammt. Mariabronne!"
"Ich weiß es gut, Euer Durchlaucht", erklärte der Halbelf wieder, und die beiden klaren Augen in seinem seltsam eckigen Gesicht, das mit den breiten Schläfen und dem spitzen Kinn sehr an den Kopf eines Fuchses erinnerte, blitzten den erzürnten Menschen eindringlich an. "Und um die Umstände seines Todes zu ergründen und sein Lebenswerk zu ehren sind wir hier. Aber haltlose Vorwürfe gegenüber jenen Leuten, die in seiner letzten Stunde bei ihm waren, bringen uns doch nicht weiter, so sehr ich und sicher auch Seine Majestät Eure Trauer und Eure Erregung verstehen können."
Es sah so aus, als wolle der Schwarzbart noch einmal wütend widersprechen, aber ein neuerliches Aufblitzen in den hellen Augen hielt ihn wohl davon ab. Er grummelte, wendete sich ab und starrte mit frostiger Miene ins Leere. Gareth Drachenbann sah ihn nachdenklich von der Seite an, ehe er sich wieder den drei Männern vor seinem Thron zuwendete.
"Ich bitte Euch, werte Herren, die Erregung des Herzogs von Soravia zu verzeihen. Mariabronne der Wanderer war in vieler Hinsicht wie ein Sohn für ihn und wurde von ihm zweifellos ebenso geliebt."
"Dann laßt mich versichern, Euer Durchlaucht, wie sehr wir mit Euch trauern und den Schmerz um Euren Verlust teilen", erklärte Jarlaxle pflichtschuldigst. Entreri sah, wie es auf dem wettergegerbten Gesicht des Herzogs gequält zuckte, als habe der Dunkelelf mit seinen Worten eine Klinge, die in einer frischen Wunde steckte, gerade noch einmal extra schmerzhaft herumgedreht. Aber auch der alte Waldläufer konnte sich beherrschen, wenn es sein mußte; er wendete sich kurz in die Richtung des Drow und verbeugte sich, wenn auch stumm. Und seine schmalen Augen glitzerten im wortlosen Versprechen blutiger Rache, sollte er je herausfinden, daß die drei Überlebenden des Getümmels in irgendeiner Weise für den Tod Mariabronnes verantwortlich waren.
Was sie nicht waren, dachte Entreri. Seinen unzeitigen Tod hatte der Wanderer nun wirklich nur seiner eigenen Dummheit und seinem Leichtsinn zu verdanken gehabt, als er sich von der Gruppe trennte und ein halbes Dutzend Dämonen auf einmal bekämpfen zu müssen glaubte. Anders als vorher Athrogate war der ehemalige Meuchelmörder freilich zu klug, um seine Gedanken laut zu äußern.
"Wir haben vom Tod der Kommandantin und vom Tod des Wanderers gehört", fuhr der König fort und richtete seinen forschenden Blick auf Entreri, der bisher am wenigsten gesagt hatte. "Wißt Ihr etwas über das Schicksal des Magiers Canthan Dolittle?"
Allerdings, dachte der Meuchelmörder höhnisch. Die hinterhältige kleine Ratte hat deine ach so ehrenhafte Nichte auf meinen Drow-Partner angesetzt und diesen verwünschten Zwerg auf mich, während er selbst versucht hat, Arrayan zu töten. Und es ist ihm nicht gut bekommen. - Laut sagte er, so sachlich, wie ihm angesichts seiner eigenen Erinnerungen möglich war:
"Während des Kampfes gegen den untoten Drachen sah ich Canthan auf der Galerie stehen, hoch über dem Höhlenboden, auf dem wir kämpften. Von dort schleuderte er seine Zauber. Der Drache jedoch reckte sich und schnappte mit dem Maul nach ihm. Er erfaßte ihn vom Kopf bis zur Hüfte, hob ihn hoch und zermalmte ihn mit den Zähnen." Das Schaudern, das den Meuchelmörder bei den letzten Worten überlief, brauchte er nicht zu spielen. Der Gedanke an die abgebissenen Beine des Magiers, die aus gewaltiger Höhe auf den Höhlenboden krachten, während die Fänge des Dracolichs den Oberkörper des Mannes in einen blutigen Brei verwandelten, ließ ihm noch jetzt die Haare zu Berge stehen, und das Wissen, daß es nicht wirklich Canthan, sondern nur dessen von Magie belebte Leiche gewesen war, machte das Bild nicht weniger schrecklich.
"Aye", mischte sich Athrogate wieder ein, der wohl Angst hatte, zugunsten Entreris übersehen zu werden. "Und der Pratcus, der Priester, der war uns ja unterwegs schon abhanden gekommen. Armes Schwein, ist in 'ner Speerfalle hängengeblieben."
"Ihr habt wahrhaft Entsetzliches erlebt", nickte Drachenbann, "und Euer Gegner hatte bereits einige Eurer Gefährten getötet, Gefährten, an deren Mut und Tatkraft kein Zweifel bestehen kann. Es ist fast ein Wunder zu nennen, daß es Euch am Ende dennoch gelang, die Bestie zu besiegen."
Eine schwarzfingrige Hand legte sich auf Entreris Schulter. "Das haben wir allein der Kaltblütigkeit und dem Todesmut meines klugen Gefährten zu verdanken", sagte Jarlaxle mit dramatischer Gestik. "Er war im Besitz eines mächtigen magischen Dweomers, der eine gewaltige Feuersäule vom Himmel fallen ließ und dem Drachenleichnam endlich sein unheiliges Leben raubte. Jedoch da er den Zauber auf so engem Raum einsetzen mußte, wäre er um ein Haar selbst von den Flammen verzehrt worden."
Und wieder ließ Jarlaxle ein winziges Detail unerwähnt. Nämlich daß der Drow sich, unmittelbar bevor Entreri die silberne Drachenstatue einsetzte, bereits in einen Rauchschwaden verwandelt hatte und in eine Felsspalte davongeglitten war, um Entreri und die bereits kampfunfähigen anderen beiden ihrem Schicksal zu überlassen.
Nach Entreris Ansicht war es kein ganz unwichtiges Detail.
Erneut richteten die klaren blauen Augen des Paladinherrschers sich auf Entreri, und erneut hatte der Meuchelmörder das Gefühl, als blickten sie ihm tief bis in seine Seele. Es machte ihn wütend, daß jemand vielleicht tatsächlich die Macht haben könnte, alle Mauern und Wälle, die er in über drei Jahrzehnten rund um sein Inneres aufgetürmt hatte, mit einem einzigen Blick zu durchdringen, vielleicht die ganze Leere und Öde zu entblößen, die hinter diesen Wällen lag, und gleichzeitig konnte er sich nicht wirklich dazu durchringen, die Reaktion des Königs in völliger Gleichgültigkeit hinzunehmen. So wenig er je auf Schmeichelei oder Komplimente gegeben hatte - die, wenn auch zurückhaltende, Anerkennung, die aus dem Nicken des Monarchen sprach, ließ etwas in dem Meuchelmörder in erfreuter Überraschung zusammenzucken.
"Ihr seid ein mutiger Mann, Artemis Entreri. Mutig und entschlossen. Zwei Eigenschaften, die allerhöchste Beachtung verdienen, mindestens ebenso wie Eure Begabung mit dem Schwert."
Entreri verneigte sich. "Ihr gewährt mir unverdientes Lob. Es war eine Tat der Verzweiflung, nicht der Kühnheit."
"Und bescheiden zu alledem", strahlte der Halbelf, der zuvor den Herzog beruhigt hatte, aus dem Hintergrund. "Eine Mischung, die fast zu gut ist, um wahr zu sein." Die kleine Spitze entging dem aufmerksamen Meuchelmörder natürlich nicht.
"Pah", machte der Zwerg. "Verdammtes Glück war's, reiner Dusel, und mehr nich'. Mit so 'nem Feuerdings da schafft's doch jeder. Aber vorher, da is' er gehüpft wie'n Hase, der Mensch!"
Das neidvolle Murren bewirkte ein kurzes, amüsiertes Zucken im blonden Bart des Monarchen, aber es hielt nicht lange vor.
"War mit dem Ende der unheiligen Kreatur der Zauber dann gebrochen?" erkundigte sich Gareth Drachenbann.
"Vollkommen", nickte Jarlaxle. "Das Schloß, in dem wir zuvor auf immer neue Monster gestoßen waren, war sofort tot, und wie wir bei unserer Rückkehr nach Palishchuk hörten, verschwanden auch die Gargoyle, die den Ort angegriffen hatten, im selben Augenblick, in dem der Drache fiel. Wir kehrten also aus der Höhle zurück in die obere Ebene, in den Raum, in dem das Buch lag, mit dem alles Unheil begonnen hatte, und konnten es nun, da der König des Schloßes tot war, ohne Schwierigkeiten vernichten." Natürlich nicht, bevor der Dunkelelf sich nicht aus dem Buchrücken einen weiteren Edelstein herausgebrochen hatte, diesmal einen, der den Geist eben jenes Drachenleichnams enthielt, dessen materielle Gestalt er und die anderen gerade ein Stockwerk tiefer vernichtet hatten.
Vielleicht ahnte Gareth Drachenbann, daß der Drow ihm eine Kleinigkeit verschwieg, denn der Blick, mit dem er Jarlaxles ebenholzfarbenes Gesicht musterte, dauerte länger und länger. Am Ende aber nickte er erneut.
"Ich sage Euch neuerlich meinen Dank, werte Herren, im Namen des ganzen Landes von Damara, und auch im Namen der Stadt Palishchuk und des gesamten Landes Vaasa, die zwar nicht zu meinem Herrschaftsgebiet gehören, als deren Schutzherren wir Damarer uns aber nun seit dem Fall des Hexenkönigs immer wieder erwiesen haben. Ihr habt durch Mut und Erfindungsreichtum eine gewaltige Gefahr abgewendet, die mit Sicherheit weit mehr bedroht hätte als nur den Ort Palishchuk oder selbst die öde Tundra von Vaasa. Die Krone von Damara erlaubt sich deshalb, den von Kommandantin Ellery ausgelobten Sold für das Unternehmen noch einmal nachträglich aufzustocken." Jarlaxle fiel in ein breites Grinsen, als er sich bei dieser Ankündigung elegant verneigte, und Entreri dachte, daß sein goldgieriger Partner die Begeisterung in diesem Punkt wohl nicht zu spielen brauchte. "Euer heldenhafter Einsatz ist umso mehr zu loben, als zumindest zwei von Euch fremd in diesem Land sind", fuhr der König fort, "und ihm oder mir zu keinerlei Treue verpflichtet. Die Krone versucht ein Auge zu haben auf Männer, die, wie Ihr, ihren Wert bereits erwiesen. Und so ist es nun ein weiteres Angebot, das an Euch ergeht, Artemis Entreri und Jarlaxle - und natürlich auch an Euch, Athrogate, obwohl ich fürchte, daß Eure Antwort ebenso ausfallen wird wie die letzten Male: Tretet ein in die Armee des Königs von Damara, leiht mir Euren Arm und Euren Mut auch weiter, wie Ihr es bereits getan, und macht dieses Land zu dem Euren."
Jarlaxle richtete sich aus seiner Verbeugung auf, breitete die Arme aus und sagte mit jener treuherzig-schlauen Miene, die ihm das Vertrauen der Männer eintrug und Frauen scharenweise in sein Bett brachte: "Euer Majestät, seht uns an. Wie Ihr selbst sagtet, Artemis und ich sind Fremde in Eurem Land, Ausgestoßene und Flüchtlinge in unseren Heimatländern. Zweifellos habt Ihr in Eurer Weisheit längst herausgefunden, wie es um mich und meinen Freund hier steht. Wir haben keinen Ort, den wir unser Eigen nennen, und keine Zuflucht, die uns Schutz gewähren würde. Ihr, in Eurer grenzenlosen Güte, gewährt uns beides. Wie könnte unsere Antwort anders als ja lauten?"
Vor allem, ergänzte Entreri in Gedanken, da Erzmagier Knellict von der Zitadelle der Assassinen eben diese Antwort von uns erwartet.
"Ich bin sehr erfreut über Eure Entscheidung", nickte der König und sah dann den Zwerg an. "Meister Athrogate?"
"Nee, nee." Eine mit schwarzen, nietenbesetzten Lederbändern umwickelte Hand winkte heftig ab. "Nich' böse sein, Majestät und alles, aber das is nix für Meinesgleichen, sowas. Rummser und Wummser hier, die wollen was zu tun kriegen, nich' in ner muffigen Kanzlei sitzen und Soldlisten abschreiben, was?"
Wieder zuckte es kurz um die Mundwinkel Drachenbanns. "So leid es mir tut, auf einen Mann Eures Kalibers verzichten zu müssen, so hatte ich doch nichts anderes erwartet. Ich bin sicher, wir werden dennoch bald wieder von Euch hören."
"Da drauf könnt Ihr aber einen lassen."
Diesmal zuckte es auf dem Gesicht der Königin, wenn auch weniger amüsiert.
"Ich bitte um Verzeihung, Euer Majestät, aber dürfen wir wohl erfahren, in welcher Weise Ihr uns einzusetzen gedenkt?" meldete sich Jarlaxle erneut. "Wir kennen bisher noch recht wenig von Eurem schönen Land. Werdet Ihr uns in der Nähe behalten, wo Ihr zweifellos am notwendigsten Leute braucht, hier an den Toren und an der Grenze zur Wildnis von Vaasa?"
Wieder dauerte der Blick, den der König in Jarlaxles Gesicht warf, um eine Winzigkeit länger, als notwendig gewesen wäre. "Das wird sich finden", sagte Gareth dann. "Jedenfalls werdet Ihr nicht als einfache Rekruten aufgenommen werden, das darf ich Euch versichern. Baron Kierney?"
Es war der Halbelf von vorher, der auf diese Anrede antwortete. "Ich dachte daran, unsere beiden vielversprechenden Neuzugänge erst einmal in die Hauptstadt zu schicken", sagte er heiter und ließ den Blick von Entreri zu Jarlaxle gleiten und wieder zurück. "Da können sie ein Gespür bekommen für ihren neuen Dienst, und auch für die Probleme, die auf sie zukommen werden. Außerdem beschwert sich Sir Brellan ständig, daß er seine Paladine vom Tempeldienst abziehen und für simple Heeresdienste bereitstellen muß, und wir wollen unsere Heiligen Krieger doch nicht sinnlos in irgendwelchen Kämpfen verschleißen, wenn sie auch Hymnen singen könnten.Und glaubt mir, Ihr beiden, wenn Ihr erst einmal die Flamme des heiligen Zorns von Sir Brellan Starav kennengelernt habt, kann Euch nie wieder ein Drache schrecken, ob nun lebendig, tot oder untot."
Der kurze, mehr resignierte als pikierte Blick, der vom König zu seinem Berater glitt, verriet Entreri viel über das enge Vertrauensbündnis, das zwischen beiden bestehen mußte, damit der Halbelf sich gegenüber seinem Herrscher, der immerhin selber ein Paladin war, einen derartigen Tonfall herausnehmen durfte.
"Nun, ich hoffe, damit ist Eure Frage beantwortet, edler Drow." Jarlaxle verbeugte sich stumm. "Ich danke Euch nochmals für Euer Kommen und Eure Leistung, und ich hoffe, daß Ihr mit dem Segen Ilmaters und aller guten Götter in diesem Land eine freundliche, wohlgesonnene Heimat finden werdet."
"Man erwartet Euch in zwei Zehntagen in der Hauptstadt", fügte Celedon Kierney aus dem Hintergrund an. "Meldet Euch bei Oberst Mirlyan Sorrokev Parnell."
Es folgten die üblichen belanglosen Abschiedsworte, und die drei Abenteurer waren entlassen.
