Kapitel 2
"Du hast uns also belogen, Drow", stellte die hochgewachsene Frau, der eine wahre Flut rotgoldenen Haares offen über beide Schultern fiel, in erfreulich sachlichem Ton fest. Selbst ein nüchterner Betrachter wie Entreri mußte zugeben, daß sie in ihrem grünseidenen, an einer Seite bis fast zur Hüfte geschlitzten Kleid geradezu hinreißend aussah - für jeden zumindest, der nicht um ihre wahre Natur wußte.
Und außerdem natürlich für Jarlaxle, der sich um diese Natur vermutlich nicht im mindesten scherte, solange nur die Optik stimmte.
Die Frau saß - oder vielmehr sie lag halb, gestützt auf den rechten Ellenbogen, die endlosen Beine leicht angewinkelt - auf einem länglichen Ottomanen, der mit burgunderroter Seide bespannt war, und ihre zierlichen Füßchen, deren Nägel in einem ähnlichen Farbton schimmerten wie die kupferfarbenen Locken, ruhten am unteren Ende des Möbelstücks auf einem mit Goldfäden durchwirkten Kissen. Gleich rechts von ihr brannte in einem offenen Kamin ein Feuer, das den beiden Söldnern, die eben aus dem ungleich rauheren Klima der Galenas zurückgekehrt waren, unverhältnismäßig warm erschien für das zwar herbstlich kühle, aber noch immer gemäßigte und sogar trockene Wetter hier in Heliogabalus. Ilnezharas strahlend blaue Augen glitten in schlecht verhohlenem Zorn zwischen Entreri und Jarlaxle hin und her.
"Nun, strenggenommen habe ich das nicht", korrigierte der Dunkelelf lächelnd. "Als wir vor etlichen Zehntagen, bevor Ihr uns hinauf zu den Toren sandtet, in Eurem Auftrag jenen Turm hier in der Nähe erkundet hatten, fragtet Ihr mich, was geschehen sei. Ich sagte, wir hätten ein Buch gefunden, das sowohl für die Entstehung des Turmes als auch für die Verwandlung des Magiers, der das Buch geöffnet hatte, in einen lebenden Leichnam verantwortlich war. Und ich sagte, daß wir das Buch zerstört hätten, und damit auch den Leichnam und den Turm. Das war die reine Wahrheit, verehrte Dame."
"Aber du hast uns verschwiegen, daß du und dein nichtswürdiger Partner euch einen Edelstein aus dem Buch angeeignet hattet!" fauchte Ilnezhara, und in der Art und Weise, wie sich dabei ihre Stimme hob und beinahe dröhnend wurde, konnte man ihre wahre Natur schon recht deutlich ablesen: die eines riesigen Kupferdrachens, der über die Fähigkeit der Gestaltwandlung verfügte.
"Wir waren dumm", sagte die zweite Frau im Raum, oder vielmehr der zweite Drache. Ilnezharas Schwester Tazmikella nahm, wenn sie als Mensch erschien, die Form einer Frau Mitte fünfzig an, und ihre Stimme war stets ein wenig heiser und entbehrte den verführerischen Unterton des jüngeren Drachens.
Nicht, daß der bei Entreri noch gewirkt hätte. Er hatte Ilnezhara einmal in ihrer wahren Gestalt gesehen und hatte kein Verlangen danach, diese Erfahrung zu wiederholen.
"Das waren wir wirklich", gab Ilnezhara zu. "In dem Moment, in dem wir sahen, daß der magieabweisende Handschuh des Bauern", die abfällige Kopfbewegung, die dieses Wort begleitete, galt dem Meuchelmörder, "zerstört war, hätten wir wissen sollen, daß dies nur der unmittelbare Kontakt mit einem unglaublich mächtigen magischen Gegenstand bewirkt haben konnte. Du hast ihn benutzt, um den Stein aus dem Buch zu brechen, nicht wahr?"
Entreri sah Jarlaxle an und zuckte die Achseln. Tazmikella runzelte die Stirn.
"Das hätte dich sehr wahrscheinlich mehr kosten können als nur deinen Handschuh, Mensch."
"Er hält was aus", strahlte Jarlaxle. "Tatsache ist, daß dieser Stein - der übrigens die Form eines menschlichen Schädels hat - die Kraft besitzt, menschliche Verstorbene zu untotem Leben zu rufen. Faszinierend, nicht wahr?" Die Drachenschwestern sahen ihn mißtrauisch an, als der Drow sich gemütlich einen Sessel vor den Kamin zog, sich darauf niederließ, die Hände im Nacken verschränkte und die Absätze seiner Stiefel neben Ilnezharas bloßen Zehen auf dem Kissen ablegte.
"Ihr beiden wagt sehr viel", knurrte Tazmikella - der deutliche Warnlaut eines gereizten Drachen. Jarlaxle zuckte nur die Achseln.
"Weniger, als Ihr denkt, meine Dame. Denn seht Ihr, dank dessen, was Ihr mir über die Zusammenhänge zwischen einem Buch der Erschaffung, dem dazugehörenden Gebäude und seinem Bewohner erklärtet, war es mir und Artemis diesmal möglich, unseren Fehler, den wir bei der Eroberung jenes Turmes begingen, zu vermeiden. Statt das Buch zu attackieren (wozu wir ohne den magieabweisenden Handschuh ohnehin nicht mehr die Möglichkeit hatten), wußten wir nun, daß wir nur den König des Schloßes, den Dracolich, zu töten brauchten, um das Gebäude von Monstern zu leeren und das Buch selbst schutzlos zu machen."
"Und das habt Ihr", sagte Tazmikella, halb lauernd, halb verwirrt. "Ihr habt einen wahrhaftigen Drachenleichnam besiegt."
"Ich muß Euch neuerlich Dank sagen", grinste der Drow und holte kurz die silberne Drachenstatuette hervor, mit deren Hilfe Entreri dem untoten Drachen den Garaus gemacht hatte. "Euer Geschenk erwies sich als außerordentlich wirkungsvoll."
"Also konntet ihr an das Buch heran!" rief Ilnezhara aufgeregt. "Ein wahrhaftiges Buch Zenghyis! Wo ist es?"
"Zerstört", sagte Jarlaxle beiläufig. Er langte nach einem Pokal, der mit mehreren anderen auf einem Beistelltisch stand, und goß sich aus einer gläsernen Karaffe Rotwein ein. "Möchtest du auch, Artemis?"
Ilnezhara gab den übereinandergeschlagenen Stiefeln des Drow einen so heftigen Tritt, daß sie vom Ottomanen rutschten und Jarlaxle die ganze Behendigkeit seiner Rasse aufwenden mußte, um sich nicht den Inhalt der Karaffe, die er noch immer in der Hand hielt, frontal über sein feinseidenes Hemd zu schütten. "Also wirklich, meine Dame..."
"Zerstört?" zürnte die kupferhaarige Frau. "Du hast einen derart wertvollen magischen Gegenstand einfach zerstört? Wir schicken euch beide nach Vaasa, beschenken euch mit Artefakten, deren Macht ihr kaum wirklich einzuschätzen vermögt, und ihr zerstört, was zu finden und zu sichern ihr beauftragt wart?"
"Ich hielt es für das Beste", sagte Jarlaxle seelenruhig, stellte die Füße wieder auf den Ottomanen und nippte an seinem Wein. Entreri war angesichts der beiden erzürnten weiblichen Dachen inzwischen weit davon entfernt, noch ruhig zu sein. Seine Hände lagen längst in Griffweite seiner Waffen.
"Bedenkt doch", erläuterte der Dunkelelf lächelnd. "Das erste Buch Zenghyis, das wir im Turm fanden und das den aus Edelstein geschnittenen menschlichen Schädel enthielt, hatte die Macht, einen Menschen zu einem lebenden Leichnam, einem Lich zu verwandeln. Dieses zweite Buch, das für die Entstehung des Schloßes verantwortlich war, hatte außerdem einen untoten Drachen erstehen lassen." Er sah in treuherziger Besorgnis von einer Frau zur anderen. "Durften wir so eine Gefahr etwa weiterhin existieren lassen? Durften wir riskieren, das Buch zu Euch zu bringen, wo vielleicht auch Ihr von seiner Macht überwältigt worden und zu Drachenleichnamen verwandelt worden wäret?"
"Wir haben unsere Möglichkeiten, uns gegen Zenghyis Macht zu schützen", zürnte Ilnezhara. Jarlaxle legte den Kopf schief und sah sie an.
"Ah, aber dachte das nicht auch der arme Magier Herminicle, ehe er in einen Leichnam verwandelt wurde und sich in einem Turm des Hexenkönigs eingesperrt fand? Dachte das nicht auch die arme Halborkin aus Palishchuk, als ihr Onkel, der fahrende Händler, ihr das mächtige Buch zur Untersuchung brachte? Hätten wir den Drachenleichnam nicht bezwungen, so wäre sie zweifellos gestorben."
"Du vergleichst unsere Macht mit der eines armseligen Menschen oder Halborks?" fragte die Frau fassungslos.
"Jede Macht ist wirkungslos, wenn spezielle Maßnahmen gegen sie getroffen werden", erläuterte der Dunkelelf. "Sagte ich nicht, daß das Buch im Schloß offenbar speziell für Drachen angefertigt war?" Er stellte die Füße wieder auf den Boden, beugte sich nach vorn und sah der Frau ins Gesicht. "Oder vergaß ich etwa zu erwähnen, daß der Stein, den ich aus dem Buchrücken dieses zweiten Buches brach, ehe ich es zerstörte, die Form eines Drachenschädels besitzt?"
Das ließ beide Frauen zurückzucken.
"Willst du etwa andeuten, Drow", sagte Tazmikella atemlos, "daß dieser zweite Edelstein vermag, einen Drachen in einen Drachenleichnam zu verwandeln?"
Jarlaxle hob nachlässig die Schultern und nippte wieder an seinem Pokal. "Ich wünschte, ich wüßte es. Aber es wäre nur logisch, nicht wahr?" Er lächelte überlegen, während er das Gefäß zur Seite stellte. "In jedem Fall halte ich es vorerst für das Sicherste, wenn ich die Steine behalte. Denn solange wir nicht einen weiteren finden, der die Form eines Drowschädels besitzt, bin ich wohl derjenige von uns vieren, der am gefahrlosesten mit ihnen umgehen kann." Entreri musterte seinen Partner schweigend und wartete darauf, daß der Drow seinen größten Trumpf ausspielen würde. Aber noch schien Jarlaxle sich darauf zu beschränken, zu bluffen.
Ilnezhara sah sich ein wenig ratlos nach ihrer Schwester um. Tazmikella hatte die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Die ältere Drachin war, wie Entreri schon früh erkannt hatte, aufgrund ihrer praktischen Denkweise weit weniger leicht zu beeindrucken als die dramatisch veranlagte Ilnezhara.
"Humbug", sagte sie mit verächtlicher Handbewegung. "Wir könnten Gefolgsleute zu Dutzenden anheuern, mächtige Priester und Magier darunter, um die Steine zu untersuchen. Es hat einen viel tieferen Grund, Jarlaxle, weshalb du diesen Stein nicht an uns weitergeben willst. Du willst ihn für dich, weil er irgendeinen Wert für dich besitzt, noch in ganz anderem Maß als der Schädel der Totenbeschwörung."
Jarlaxle grinste entwaffnend und legte eine Hand auf die Brust.
"Weh mir, ich bin entdeckt. Wer könnte aber auch bestehen vor Eurer Weisheit, meine Damen?"
"Spotte nicht", grollte Tazmikella. "Ahnst du auch nur, wie nahe du am Rand der Vernichtung entlangschreitest, Drow? Sag uns, was es mit dem Drachenstein auf sich hat!"
"Wie Ihr befehlt, meine Dame. Wißt Ihr vielleicht, was ein Phylakterion ist?"
"Ein Seelengefäß", sagte Ilnezhara tonlos. "Der Behälter, in dem eine Kreatur - eine Kreatur, die verblendet genug war, Leben und Atem freiwillig aufzugeben für eine fluchbeladene, widernatürliche Existenz als Untoter - die Essenz ihres Wesens aufbewahrt. Willst du etwa damit sagen..."
Jarlaxle lächelte beinahe schelmisch. "Ich soll Euch Grüße bestellen von einer gewissen Dame Urshula, die, wie ich höre, in vergangenen Tagen mit Euch bekannt war."
Der Name ließ beide Drachen fast bis an die Wand des kleinen Zimmers zurückweichen. Tazmikella zog die Lippen fast unmerklich in die Höhe - ein Zähnefletschen wie bei einem Hund, der vor Schreck zum Angriff übergeht.
"Urshula die Schwarze."
"Sie starb", sagte Ilnezhara im Tonfall einer Beteuerung, als müsse sie es sich selbst einreden. "Gareths Truppen töteten sie nach dem Fall des Hexenkönigs, irgendwo hoch oben in Vaasa!"
"Sie töteten ihre materielle Hülle", korrigierte Jarlaxle. "So wie mein Freund Entreri sie vor wenigen Tagen zum zweiten Mal tötete. Aber Ihr wißt gut, daß man ein untotes Wesen nicht einfach dadurch auslöschen kann, daß man Knochen und Hautfetzen zermalmt, in denen ohnehin ohne die Hilfe mächtiger Magie längst kein Leben mehr wäre. Ein Leichnam, auch ein Drachenleichnam, wird weiter existieren, solange das Phylakterion mit seiner Essenz existiert." Er grinste breit. "Und Urshulas Phylakterion besitze nun ich."
"Der Stein", hauchte Ilnezhara. Tazmikella faßte sich weit schneller.
"Zerstöre ihn!" rief sie und packte Jarlaxle an den schmalen Schultern. "Ich beschwöre dich, Jarlaxle. Urshula war zu Lebzeiten ein mächtiger schwarzer Drache, und nun, in ihrer untoten Form, ist sie stärker denn je! Im Krieg gegen den Hexenkönig war es eine ganze Armee von Soldaten, die zu ihren Füßen fiel, ehe es einigen wenigen gelang, ihre sterbliche Hülle auszulöschen. Aber sie fanden das Seelengefäß nicht, und offenbar hatte Zenghyi Vorkehrungen getroffen, ihr eine Rückkehr zu ermöglichen. Weißt du, wieviel Unglück sie über dieses Land bringen könnte, sie allein?"
"Ich kann es mir ausmalen", nickte Jarlaxle trocken. "Ich hoffe, König Gareth könnte es gegebenenfalls auch."
"König..." Es war mit Sicherheit ein seltenes Ereignis, wenn es nicht nur einem, sondern gleich zwei ausgewachsenen Kupferdrachen auf einmal die Sprache verschlug.
"Du würdest nicht wagen", knurrte Tazmikella, "dich gegen den Beschützer dieses Landes zu stellen."
"Ich mich gegen ihn? Aber gewiß nicht", strahlte der Dunkelelf. "Und ich hoffe einmal, er wird nicht so unklug sein, sich gegen mich zu stellen."
Ilnezharas ohnehin schon riesige Augen weiteten sich noch einmal. "Du bist wahnsinnig, Jarlaxle."
"Ach, wenn Ihr wüßtest, teure Ilnezhara, wie oft man mich das schon genannt hat."
"Ich sage es ihm dreimal täglich", warf Entreri bissig ein. Jarlaxle grinste ihn an und tippte sich kurz an den Hut dabei, als bedanke er sich für ein Kompliment.
Die Bemerkung ließ Tazmikella sich zu dem Menschen umwenden, und Entreri sah, daß ihre Schultern, die etwas zu breit und vierschrötig wirkten für eine menschliche Frau, tatsächlich zitterten. "Und die Pläne deines Gefährten haben deine Zustimmung, Artemis Entreri? Das kann ich nicht glauben. Dir sind solch hochfliegende Träume fremd, und das ist nicht immer von Nachteil. Denkst du, deshalb gaben wir dir Idalias Flöte, deren Macht du zweifellos inzwischen herausgefunden hast? Es ist ein Instrument, das die Herzen öffnet und dem, der es spielt, erlaubt, die verborgenen Schätze zu sehen, die in seinem Inneren liegen. Laß mich nicht glauben, daß es dies ist, Artemis Entreri, was du dabei entdeckt hast!"
Vielleicht hatte die Drachin gedacht, den Menschen durch die Erinnerung an die zaubertätige Flöte, die er zum Geschenk erhalten hatte, milder zu stimmen, aber falls, so bewirkte sie bestenfalls den gegenteiligen Effekt. Die Drachenschwestern (und auch Jarlaxle, der wohl von Anfang an gewußt hatte, welche Wirkung das Instrument auf den Geist seines Kameraden haben würde) hatten Entreri im Unklaren über die wahren Kräfte der Flöte gelassen, und die Erwähnung des Artefakts hinterließ bei dem Meuchelmörder allenfalls das bittere Gefühl, benutzt und manipuliert worden zu sein.
"Und wenn dem so wäre", entgegnete er kalt, "was würde es Euch interessieren? Euer Ziel habt Ihr erreicht - ich habe die Flöte gespielt. Ist es meine Schuld, wenn das, was sie in meinem Inneren geweckt hat, nicht nach Eurem Geschmack ist?"
"Du mußt mir glauben, Artemis Entreri, daß es nicht unser Wunsch war..." Tazmikella verstummte, als sie dem Blick des Menschen begegnete, einem Blick schwer und kalt wie Blei, der ihr ganz klar mitteilte, daß jedes weitere Wort verschwendeter Atem wäre.
Wenn es darum ging, entweder den hochfliegenden Plänen seines durchtriebenen Drow-Partners zu vertrauen oder den Beteuerungen zweier potentiell tödlicher Drachen, stand die Entscheidung des Meuchelmörders von vornherein fest.
Artemis Entreri vertraute grundsätzlich nur sich selbst.
"Was hast du vor, Dunkelelf?" fragte Ilnezhara in den stummen Blickwechsel hinein. Jarlaxle strahlte sie an.
"Ich bin noch nicht wirklich sicher, bezaubernde Ilnezhara. Ich denke, vorerst genügt es mir, Euch wissen zu lassen, daß ich Zugang besitze zu einem derart mächtigen Verbündeten wie Urshula der Schwarzen. Ich möchte meinen, diese Tatsache allein sollte uns hinausheben über all die anderen Helfer und Agenten, die für Euch beide tätig sind, nicht wahr?" Sein Blick wurde für einen Augenblick so kalt, daß er mühelos selbst den Entreris in den Schatten stellte. "Und uns von den lästigen Pflichten eines Laufburschen befreien."
"Erpressung", stellte Tazmikella nüchtern fest. Jarlaxle zog eine angewiderte Grimasse.
"Ach, das ist so ein häßliches Wort..."
"Was willst du, Jarlaxle?" fragte Ilnezhara gerade heraus. "Gold, Silber, Schätze?" Sie legte den Kopf etwas schief und musterte den Drow unter langen Wimpern hervor. "Sonstige... Gefälligkeiten?"
Der Dunkelelf zeigte wieder sein entwaffnendes Grinsen und breitete die Arme aus. "Ich glaube nicht, meine Schöne, daß eines von beidem mich wirklich zufrieden stellen würde. Andererseits würde ich es sehr begrüßen, solltet Ihr etwa beides dennoch versuchen wollen." Er sah von einer Frau zur anderen. "Was wir zunächst in erster Linie brauchen, sind Informationen. Woher stammten die beiden Bücher der Erschaffung? Wer hat sie gefunden? Sind noch mehr aufgetaucht? Wer könnte ein Interesse an ihnen haben? Welche Kenntnis habt Ihr von den Vorgängen rund um den Hexenkönig, seine damaligen Verbündeten und ihre Gegner?" Er erhob sich abrupt und rückte seinen gefiederten Hut auf dem kahlen Kopf zurecht. "Aber all das sind Fragen, für deren Beantwortung Ihr Euch werdet besprechen wollen, und zudem solche, mit denen es überhaupt keine Eile hat. Artemis und ich werden für die nächste Zeit hier in Heliogabalus bleiben, in Diensten des Königs, um seine Hauptstadt vor böswilligen Bedrohungen aller Art zu verteidigen." Er ließ einen nachdenklichen Blick von einer Schwester zur anderen gleiten. "Ich denke, es wäre für uns alle von Vorteil, wenn er und ich nicht gezwungen wären, eines Tages herauszufinden, daß sich zwei Drachen in der Gestalt zweier angesehener Antiquitätenhändlerinnen in der Stadt eingeschlichen haben. Selbst wenn es sich bei diesen Drachen um Kupferne, also dem allgemeinen Urteil nach um freundliche Drachen handeln sollte, würde der Magistrat doch zweifellos ungehalten auf eine derartige Täuschung reagieren."
"Vor allem", fügte Entreri hinzu, "falls diese beiden Kupferdrachen irgendwelche Feindseligkeiten gegenüber Soldaten der Krone planen sollten."
"Wir haben verstanden", sagte Ilnezhara kühl. "Wir werden mit unseren Agenten und Kontaktleuten in Impiltur konferieren."
"Wunderbar", strahlte Jarlaxle und tippte sich zum Abschied grüßend an den Hut. "Meine Damen. Ihr werdet zweifellos feststellen, daß unsere Geschäftsbeziehung sich auch weiterhin als überaus gewinnbringend erweisen wird." Die Schwestern antworteten nicht auf diesen Satz, und die beiden Söldner verließen das Turmzimmer mit einer kleinen Verbeugung.
Entreri wartete, bis sie das Portal des Turms hinter sich hatten - nicht ohne einen mißtrauischen Blick auf die vier riesigen marmornen Figuren zu werfen, die anstelle von Säulen das geschwungene Vordach trugen und mit denen er bei seinem ersten Besuch in Ilnezharas Turm bereits einen heftigen Kampf ausgefochten hatte. Aber die Figuren blieben unbelebt und tot.
"Warum hast du sie nicht stärker unter Druck gesetzt?" fragte er auf drow, in der Hoffnung, von etwaigen heimlichen Lauschern dann nicht verstanden zu werden. Jarlaxle grinste nur.
"Ich bin so ungern unhöflich gegenüber Frauen", antwortete er in derselben Sprache. "Vergiß nicht, abbil, die Frauen in Menzoberranzan beantworten Unhöflichkeiten üblicherweise mithilfe ihrer Schlangenkopfpeitschen. Außerdem war es ja nicht notwendig."
"Jetzt werden sie anfangen, gegen uns zu paktieren", widersprach der Meuchelmörder. Jarlaxle zuckte die Achseln.
"Das hätten sie doch ohnehin. Wie auch immer, sie werden einige ihrer Ressourcen anzapfen müssen, um sie gegen uns zu stellen."
"Und was haben wir davon?"
"Wir finden heraus, wie diese Ressourcen aussehen."
"Was nun?" fragte Ilnezhara, ihre Stimme überhaupt nicht mehr geheimnisvoll und verführerisch, sondern hart und zischend, als sie das fremdartige Idiom ihrer Art verwendete.
Tazmikella seufzte. "Wir müssen handeln."
"Wie?"
Die Pupillen in den Augen der älteren Drachin verengten sich gefährlich, als sie mit angewidertem Gesicht in die knackenden und prasselnden Flammen des Kaminfeuers starrte. "Heißt es nicht, der Feind deines Feindes sei dein Freund? Ich habe nie viel von diesem Spruch gehalten, aber vielleicht... vielleicht bietet ein neuer Feind für unsere beiden übermütigen Helden uns zumindest eine Ablenkung."
