Es kam selten vor, daß Athrogate nervös war. Aber als er jetzt in dem schmalen, länglichen Höhlengewölbe stand und unruhig von einem Bein aufs andere trat, während er darauf wartete, daß der Mann in den purpurnen Roben eines Erzmagiers sich zu ihm umdrehte, da half kein Lügen und Leugnen: Er war nahe dran an einem Gefühl, dessen bloße Existenz der Zwerg ansonsten bei sich selbst schlichtweg für unmöglich hielt und das kleinere Geister als er wohl Furcht genannt hätten.
Man sah dem Raum kaum noch an, daß er einmal nur ein natürlicher Riß im blanken Fels gewesen war. Seitdem Erzmagier Knellict ihn zu seinem zeitweiligen Büro erklärt hatte, hatten seine Wände sich scheinbar geglättet, gewaltige Basalt-Säulen, in denen ein düsteres Feuer zu flackern schien, standen an seinen Längsseiten Spalier, auf einer Vielzahl schmiedeeiserner Dreifüße rundum sorgten Kohlebecken für etwas stickige Wärme und einen leicht brenzligen Geruch, und der unebene Felsboden hatte sich zu einem Mosaik verwandelt, in dem sich Pentagramme und andere magische Symbole mit zwergischen Runen und detaillierten Bildern unheimlicher Opferszenen abwechselten. Athrogate verstand nicht viel davon. Er hatte sich Zeit seines Lebens mehr auf seine Muskeln verlassen als auf seinen Kopf (auch wenn letzterer gar nicht mal so schlecht funktionierte, wie seine Gegner oft anzunehmen schienen, sagte er sich gelegentlich selbstzufrieden), und die Möglichkeiten, die einem wahrhaften Erzmagier mithilfe seiner Kunst zur Verfügung standen, überstiegen bei weitem seine Vorstellung. Aber er nahm an, daß es ein dichtes Geflecht aus echtem Luxus und mächtiger Illusionsmagie war, die die Höhle derart verwandelt hatten, und auch wenn er nichts davon verstand, so war er doch beeindruckt.
Wenn nicht gar eingeschüchtert. Jedenfalls ließ er weder einen seiner typischen Knüttelreime noch sonst einen Laut hören, solange der Erzmagier mit anderen Dingen beschäftigt schien. Worum genau es sich bei diesen Dingen handelte, konnte der Zwerg natürlich nicht wirklich sagen. Alles, was er sah, war, daß der bärtige, eher breite als großgewachsene Mensch murmelnd etwas von einer Schriftrolle ablas, dann die Hände in einem komplizierten Muster durch die Luft bewegte, als webe er einen unsichtbaren Teppich, und schließlich das brüchige Pergament, zusammen mit einem bläulichen Pulver und etlichen getrockneten Kräutern, auf die Kohlen eines der Räucherbecken warf.
Zischende Flammen stiegen empor, züngelten einen Augenblick wild in die Höhe, ehe sie wieder in sich zusammenfielen und eine leicht grünliche Färbung nahmen. Der Erzmagier starrte lange und intensiv auf die Kohlen, ohne etwas zu sagen.
Niemand, der noch für die Zitadelle arbeitete, mit Ausnahme vielleicht des "Großvaters" Timoshenko, wußte genau, wie alt Knellict war oder wie sein vollständiger Name lautete. Die meisten menschlichen Magier benutzten, sobald sie eine gewisse geistige Stärke erreicht hatten, die ihnen hoffentlich erlauben würde, relativ gefahrlos mit den Substanzen umzugehen, diverse Tinkturen und Tränke, um den natürlichen Alterungsprozeß zu verzögern. Nur zu verständlich nach Meinung Athrogates, wenn man bedachte, daß dieser hochbeinigen Rasse sonst ja nur klägliche sieben bis acht Jahrzehnte zur Verfügung standen, eine Zeitspanne, nach der sich ein jugendlicher Zwerg in den Augen seiner älteren Nachbarn vielleicht gerade mal so halbwegs die Hörner abgestoßen hatte.
Der Zauberer sah also aus wie ein Mann um die Sechzig, aber so hatte er nach allem, was Athrogate gehört hatte, auch schon vor dreißig Jahren ausgesehen, als er noch einer der mächtigsten Gefolgsleute des Hexenkönigs Zenghyi gewesen war. So mächtig in der Tat, daß selbst dem unheimlichen Herrscher des damaligen Vaasa angesichts seines eigenen Beraters bange wurde und er die erstbeste Gelegenheit benutzte, den Erzmagier zu seinen Verbündeten, der Zitadelle, fortzuloben. Und während Zenghyi selbst von Gareth Drachenbann und seinen Kumpanen gestürzt worden war, hatten der Erzmagier und die Zitadelle überlebt. Seitdem regierte Knellict als graue Eminenz hinter dem Thron Timochenkos. Während der nominelle Anführer der Assassinen sich selten wirklich sehen ließ, mischte sein Stellvertreter sich gerne unters Volk und wagte sich hin und wieder in Verkleidung sogar bis in damarisches Territorium, ungeachtet der sensationell hohen Belohnungen, die dort auf seinen Kopf ausgesetzt waren.
"Aha", machte er nun, nachdem das grüne Glühen im Kohlenfeuer allmählich erloschen war, und strich sich mit braunen, gepflegten Händen nachdenklich über seinen sorgfältig gestutzten Kinnbart. "Interessant." Er wendete sich nach Athrogate um, und der Zwerg fühlte sofort so etwas wie Alarmbereitschaft in sich aufsteigen. Die scheinbare Ruhe und Gelassenheit dieses Menschen waren ziemlich trügerisch, wußte er.
"Helft meiner Erinnerung ein wenig nach, Athrogate: was hat uns die Schmale Börse gleich wieder über die beiden Damenbekanntschaften unserer neuen Spione berichtet?"
"Hm? Ihr meint den Drow und seinen Kumpel, ja? Und die zwei Händlerinnen?"
Der Erzmagier seufzte. "Ja, ich spreche von Jarlaxle und Entreri und diesen beiden angeblichen Antiquitätenhändlerinnen. Was haben unsere Leute von der Schmalen Börse über die beiden berichtet?"
Der Zwerg hob die breiten Schultern, und die beiden Köpfe seiner Morgensterne, die er wie immer geschultert hatte, schlugen mit einem dumpfen Singen wie von einer Glocke gegeneinander. "Naja, daß sie halt mit Bildern und Möbeln und all so'm alten Krempel handeln. Sie hab'n sich ja mal gedacht - also, die von der Schmalen Börse, natürlich -, daß sie die zwei vielleicht ma'n bißchen ins Visier nehmen, nicht wahr? Also, von wegen Schutzgelder und so. Ist dann aber nix draus geworden, weil sie sich gedacht haben, bei den Händlern und Kaufleuten is auf Dauer mehr verdient."
"Und abgesehen von eventuellen Verdienstmöglichkeiten hat die Schmale Börse sich natürlich nicht weiter für die zwei Frauen interessiert", sagte der Zauberer und seufzte. "Typisch. Wozu bezahlen wir diese Idioten in Heliogabalus überhaupt?"
Athrogate zuckte erneut die Achseln, weil er sich das auch nicht erklären konnte. Er hatte sich zwar in den Reihen der Schmalen Börse schon vor langen Jahren einen Namen als Schläger und Auftragsmörder gemacht, ein Ruf, der den Magier Canthan von der Zitadelle auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Inzwischen fungierte der Zwerg als eine Art Verbindungsmann zwischen beiden Institutionen, was manchmal dazu führte, daß er sich keiner von ihnen mehr so wirklich zugehörig fühlte. Andererseits waren derartige persönliche Verpflichtungen ein Thema, über das Athrogate ohnehin selten nachzudenken pflegte. Solange eine von beiden Gruppen ihm eine Möglichkeit bot, seine Morgensterne einzusetzen und ein paar Schädel einzuschlagen, war er zufrieden, und wenn diese Aufträge ausblieben, dann tötete er eben für die Damarer ein paar Vaaser Monster und war es auch.
Von den Verhandlungen, die über seinen Kopf hinweg zwischen der Zitadelle und der Schmalen Börse abliefen, verstand er nichts und wollte er auch nichts verstehen, und heimlich hielt er sie für verschwendete Zeit und rausgeschmissenes Geld. Aber er hielt es für klüger, den Satz nicht laut zu äußern. Immerhin war es Knellict, der das Bündnis mit der Diebesgilde in Damara eingegangen war.
"Jedenfalls ist es schon erstaunlich", fuhr der Magier fort, "so möchte man meinen, daß eine bloße Händlerin in einem einsamen alten Turm außerhalb der Stadt haust und sich dort auch mit unseren beiden neuen Freunden trifft. Und daß sie diesen Turm offenbar mit so vielen magischen Schilden gesichert hat, daß nicht einmal meine Spähzauber sie so ohne Weiteres zu durchdringen vermögen - zumindest nicht auf diese Entfernung."
Athrogate fuhr sich mit der Hand in den wilden Bart und knetete mit kurzen runden Fingern jene Stelle, an der nach menschlichem Ermessen seine Unterlippe liegen mußte. "Vielleicht war'ns gar nicht die zwei Weiber", schlug er vor. "Vielleicht war's der schwarze Elf. Canthan hat's mir ein paarmal gesagt, bevor er in die Neun Höllen gefahren is, daß ich mich vor dem Elf und seinen Zaubertricks in acht nehmen soll."
"Dummheit", schnarrte Knellict ungehalten. "Jeder, der auch nur ein wenig von Magie versteht, sollte sofort merken, daß der Drow bestenfalls ein Amateur in der Kunst ist. Er scheint über eine Vielzahl mehr oder minder mächtiger zaubertätiger Gegenstände zu verfügen und ist wohl recht geschickt dabei, sie einzusetzen, das will ich ja gern zugeben. Aber irgendwann müssen ihm seine Spielzeuge auch einmal ausgehen, und dann steht er verteidigungslos da. Und sein menschlicher Freund..."
Der Zwerg schnaubte verächtlich. "Nur so'n windiger kleiner Schwertfechter. Hab ich schon Dutzende erledigt, solche von der Art. Canthan hat gesagt, ich soll ihn mir vorknöpfen, und ich war auch schon dabei, wenn da nicht der dämliche Drow mit seinem dämlichen Loch..."
"Ja, Athrogate, Ihr habt uns die Geschichte bestimmt ein Dutzend mal berichtet."
"Is ja auch wahr. Aber den Kerl kauf ich mir noch. Hab's ihm schon gesagt, daß er demnächst mal dran is, und da kann er rumfuchteln mit seinen zwei Salamimessern wie er will." Der Gedanke an diesen Rivalen, der da so plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war, ließ Athrogate für den Moment sogar vergessen, vor wem er stand. Knellict sah ihm starr ins Gesicht, und der erregte Zwerg beruhigte sich so schnell, als hätte sich ein Wind gelegt. "Tschuldigung."
"Ich würde Euch raten, Athrogate", sagte der Magier ernst, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, "Eure Gegner nicht zu leicht zu nehmen - sofern es Gegner sind. Artemis Entreri und der Drow Jarlaxle arbeiten im Moment für uns. Oder werden doch für uns arbeiten, sobald sie sich einmal in Heliogabalus eingefügt haben. Schade, daß man sie dorthin geschickt hat und nicht in der Nähe des Hofes behält, dort hätten sie uns nützlicher sein können."
"So blöd is' der alte Drachenbann gar nicht", wagte der Zwerg einzuwerfen. "Hat sich schon gesagt, daß er den zweien nicht trauen kann. Sollten wir auch nicht tun, das."
"Danke ergebenst für Euren Rat", spottete der Magier, um dann die Stirn zu runzeln und ins Leere zu starren, während er sich das Bild der beiden neuesten Spione seiner Organisation vor sein inneres Auge rief. "Der Mensch... irgendetwas ist merkwürdig an ihm. Und das Schwert - er sagte, es vermöge einem Feind die Seele zu entreißen, ja?"
"Prahlerei, nix weiter. Meint wahrscheinlich, damit kann er mich einschüchtern. Ha, daß ich nicht lache."
"Nesseril", murmelte Knellict, ohne auf die Verwünschungen des Zwergs zu achten. "Sollte er Verbindungen zu derart uralter Magie haben? Zeichen gibt es ja genügend, daß einige der Nachfahren jenes Volks aus den Schatten zurückgekehrt sind."
"Ich besorg ihm'n schattiges Plätzchen, wenn Ihr wollt", versprach Athrogate eifrig. "Sechs Klafter tief unter 'nem frischen Grabstein."
"Nehmt Euch nicht zuviel vor, und vor allem zettelt keine sinnlosen Auseinandersetzungen an, Zwerg. Wir warten vorerst ab, bis die beiden sich in ihrer neuen Stellung eingerichtet haben, dann nehmen wir wieder Kontakt auf. Ich will die beiden irgendwann hier sehen, Auge in Auge, wo ich sie genauer unter die Lupe nehmen kann."
"Hier?" Athrogate vergaß vor Staunen, den Mund zuzumachen. "Ihr wollt zwei Neulinge echt hierher bringen?"
Der Magier warf ihm einen verdutzten Blick zu, ehe er begriff und zu lachen begann. "O ich bitte Euch. Ihr dachtet doch nicht wirklich, dieser kleine Schlupfwinkel wäre von Bedeutung, Athrogate? Nur weil wir zur Zeit die Hauptstreitmacht unserer Truppe hier versammelt haben und Ihr den Ort bisher noch nicht kanntet, handelt es sich noch lange nicht um die geheime Zitadelle."
"O. Ach so. Dachte ja nur..."
"Überlaßt das Denken besser denen, die den Kopf dafür haben. Wie auch immer, wir müssen der Schmalen Börse Bescheid geben, ein Auge auf diese Damenkontakte der beiden zu halten. Dahinter steckt mehr als nur Liebhaberei für alte Bilder oder junge Brüste."
Athrogate grinste breit. "Die von der einen wären's aber schon wert..." Er fing sich einen mehr als nur sprechenden Blick ein und verstummte unverzüglich.
In die Stille fielen die Geräusche von Schritten, zeternden Stimmen und klirrenden Waffen oder Rüstungen. Knellict runzelte die Stirn und drehte sich mit einer Miene zu jenem Torbogen um, der in die benachbarte Höhle führte, die für die Näherkommenden nicht viel Gutes versprach. Als er sah, daß das anrückende halbe Dutzend struppiger und unrasierter Männer (ein Halbork und ein Zwerg darunter), zwei sich heftig wehrende Gestalten mit sich schleppte, zog er freilich interessiert eine Braue nach oben.
"Ah, Ihr bringt Gäste, Vartain", wendete er sich an den vordersten der Männer, an dessen grimmiger Miene und besonders wildem und ungewaschenem Aussehen man ablesen konnte, daß er sich als Anführer des Trupps betrachtete. Der Strolch salutierte stumm und in geradezu militärischer Korrektheit. Athrogate war nicht im mindesten verblüfft. Knellict und Timoshenko führten über ihre Gruppe handverlesener Auftragsmörder ein strenges Regiment, und jeder einzelne Angehörige der Zitadelle war, trotz des häufig heruntergekommenen Äußeren, ein exzellenter Kämpfer und den beiden Anführern strikt ergeben.
Nicht, daß sie noch eine große Wahl gehabt hätten. Jeder dieser Männer (und der wenigen Frauen in der Zitadelle) hatte sich schon vor langer Zeit außerhalb von Recht und Gesetz gestellt. Die unberührten Weiten der Tundra und die zerklüfteten Felstäler der endlosen Galena-Berge waren die einzige Zuflucht, die ihnen noch blieb. In den zivilisierteren Gebieten, namentlich in Damara, suchten Kopfgeldjäger und Abenteurer zusammen mit den Truppen von Gareth Drachenbann nach ihnen. Nur die Zitadelle und die Zähigkeit und Schlauheit der beiden Anführer schützte alle diese Ausgestoßenen vor der Entdeckung. Und selbst, falls einer der Männer einmal mit dem Gedanken gespielt haben sollte, die Truppe zu verlassen, so hatte es doch in den letzten Jahren keiner von ihnen wirklich getan.
Sie wußten schließlich alle gut, was Verrätern oder Überläufern blühte.
"Wir haben sie in der Nähe des Eingangs geschnappt", sagte Vartain. "Spione, wahrscheinlich."
"Mit Sicherheit", nickte der Erzmagier gelassen, als sei diese Tatsache sowohl selbstverständlich als auch nicht im mindesten beunruhigend.
"Spione hier in unseren Gebieten", meldete sich Athrogate, eine Hand schon erhoben, um nach dem Griff des ersten seiner Morgensterne zu greifen. "Hätte gar nix dagegen, sie umzunieten."
"Schnauze, Zwerg", sagte Knellict im selben gelassenen Ton, und Athrogate zuckte zusammen und ließ die Hand hastig wieder sinken.
Der Magier näherte sich, die Hände auf dem Rücken verschränkt, gemächlich den beiden Gefangenen, die inzwischen offenbar die Sinnlosigkeit ihres Widerstands eingesehen hatten und mit verbissenen Mienen geradeaus starrten, bemüht, dem Blick des Magiers auszuweichen. Es waren ein Mann und eine Frau, letztere fast vollständig unbewaffnet und bekleidet nur mit Hemd und Hose aus einfachem Tuch und einem Paar vorn offener lederner Sandalen, obwohl selbst in den Tälern der Galenas der Herbst die Nächte bereits kühl und frostig machte. Ein dünner Umhang gegen Wind und Regen war das einzige Zugeständnis an die Witterung, das sie sich zu erlauben schien. Sie hatte ihr Haar, das wohl von dunkelblonder Farbe gewesen sein mußte, fast vollständig kahl geschoren, ohne daß dies dem Reiz ihres auffallend hübschen, zarten Gesichts irgendwie Abbruch getan hätte; allenfalls betonte es noch den vollendeten Schwung von Brauen und Lippen und die eng am Kopf anliegenden, kleinen Ohrmuscheln. Die Stelle eines Gürtels vertrat ein zusammengedrehter Baststrick, zwei weitere wanden sich von der Hüfte abwärts um ihre Beine und banden die flatternden weiten Hosenbeine enger an ihre dünnen Schenkel. Wenn man von einem Messer, das wohl mehr Werkzeug als Waffe war, einmal absah, war sie vollkommen waffenlos.
Auch ohne das auf ihrem Hemd aufgestickte Symbol einer Rose hätte Knellict bei diesem Habitus natürlich gewußt, woran er war.
"Ein Mönch", stellte er fest, und in seiner Stimme sammelte sich Hohn. "Wißt Ihr, meine Liebe, vielleicht könnt Ihr mir endlich einmal eine Frage beantworten, die mich schon ewig beschäftigt: Wie nennt man einen weiblichen Mönch eigentlich? Mönchin? Ein sprachlicher Widerspruch in sich. Nonne? Trifft wohl den Kern der Sache nicht ganz. Ordensschwester? Kaum besser." Er wartete schmunzelnd, aber die junge Frau antwortete nicht. Sie drehte lediglich den Kopf in seine Richtung, um sich den Sprecher zu betrachten, und zwar so intensiv, als wolle sie das Bild dieses Mannes in ihr Gedächtnis einbrennen. Dann wendete sie sich entschieden wieder ab und richtete den Blick ins Leere.
"Ich nehme einmal an, Ihr kommt vom Kloster der Gelben Rose?" erkundigte der Zauberer sich in spöttischer Freundlichkeit. "Ein weiter Weg; ihr werdet Euch doch unseretwegen keine Blasen gelaufen haben? Oder seid Ihr Spione im Dienste des wandernden Großmeisters?"
Wieder erhielt er keine Antwort. Die Frau stand vollkommen unbewegt, beinahe wie in Trance oder tiefer Meditation, so als habe sie all ihre Sinne vollständig nach innen gerichtet. Dafür regte sich ihr Gefährte, ein junger Mann in der ledernen Kleidung eines Jägers oder Waldläufers, und machte eine Bewegung, als wolle er sich schützend vor sie stellen, sobald der Zauberer sich ihr näherte. Durch ein in die Luft gemaltes magisches Symbol, begleitet von einigen unverständlichen gemurmelten Silben in einer fremden Spreche, stoppte Knellict ihn so vollkommen, als sei der Waldläufer unvermittelt zu Stein erstarrt: die Sohlen seiner Lederstiefel wirkten wie am Boden festgewachsen, und der junge Mann selbst ließ unvermittelt die Schultern hängen und zeigte einen verwirrten Gesichtsausdruck, als habe ein gewaltiges Gewicht ihn getroffen und betäubt.
"Netter Junge, den Ihr da mitgebracht habt", fuhr Knellict an die Frau gewendet fort, so ungerührt als sei nichts geschehen. "Aber doch wohl kaum ein Mitglied Eures Ordens? Laßt mich raten - aus Vaasa? Oder nein - aus Soravia. Ein Mann des Herzogs, ja?"
Die Frau rührte sich nicht, offenbar vollkommen unbeeindruckt von allem, was rund um sie geschah. Es war zweifelhaft, wieviel davon sie tatsächlich wahrnahm.
"Nun, Mädchen", seufzte der Zauberer und wendete sich achselzuckend ab, "wenn Ihr Euch nicht mit mir unterhalten wollt, dann seid Ihr für mich leider vollkommen nutzlos." Er fuhr beim letzten Wort mit wehenden Roben wieder zu der Gefangenen herum, streckte die Hand aus und rief ein einziges, unverständliches Wort. Die Frau, als sei sie urplötzlich aus einem Schlaf erwacht, hatte den winzigen Moment, da der Magier ihr den Rücken zuwendete, offenbar benutzen wollen, hatte sich losgerissen und war in Angriffshaltung auf Knellict zugestürzt.
Die Lanze schwarzen Lichts, die aus den Fingerspitzen des Magiers brach, traf sie mitten im Sprung. Sie schrie nicht, sie brach nicht zusammen und stürzte auch nicht zu Boden.
Sie löste sich einfach auf. Hauchfeiner dunkler Staub hing einen Augenblick lang wie eine grob menschenähnlich geformte Wolke in der Luft, ehe er allmählich zu Boden sank und sich in dunklen Schleiern auf den blank polierten Steinchen des Mosaikbodens absetzte.
Selbst die Männer der Zitadelle, jeder einzelne von ihnen ein hartgesottener Mörder, standen einen Moment fassungslos, als das Leben dieser jungen Frau so beiläufig und endgültig ausgelöscht wurde. Mehrere Kehlen schluckten trocken, und selbst Athrogate wich ein Stück nach rückwärts und tat sein Bestes, dort mit der Wand zu verschmelzen, auch wenn er nicht recht verhindern konnte, daß er immer wieder von einem Bein aufs andere trat. Vartain räusperte sich schließlich.
"Verschwendung, Herr", wagte er zu bemerken. "Sie war nicht häßlich; ich bin sicher, meine Männer hätten noch Verwendung für sie gefunden, bevor wir sie töten."
Knellict lachte hart. "Sie hätte wahrscheinlich die Hälfte von Euch kastriert und die andere Hälfte mit bloßen Händen zu Krüppeln geschlagen. Wann werdet Ihr endlich lernen, diese Kampfmönche nicht zu unterschätzen? Mystra sei's geklagt, Ihr habt sie doch wirklich oft genug zu Gegnern."
"Mai-Ylitt!" rief in diesem Moment der andere Gefangene, als es ihm endlich gelang, seine momentane Betäubung abzuschütteln. Er starrte mit entsetzt geweiteten Augen auf die Stelle, an der seine Gefährtin eben noch gestanden hatte, dann sah er fassungslos auf den Magier, offenbar für den Augenblick zu geschockt, um einen klaren Gedanken zu fassen, nicht einmal einen so simplen wie den an Rache.
Menschen waren schon seltsame Geschöpfe, dachte Knellict. Vor allem die einfacheren Gemüter unter ihnen.
"Tut mir leid, mein Junge", lächelte er den Waldläufer bissig an. "Unter anderen Umständen hätte ich für deine kleine Freundin ja vielleicht eine Aufgabe gehabt. Spionin, Attentäterin, etwas in der Art. Aber diese Mönche... Mönchinnen... wie auch immer, haben sich in der Vergangenheit als erstaunlich resistent gegenüber magischer Beeinflussung erwiesen. Das frustriert mich, wie du sicher begreifst." Er strich sich über den Bart und lächelte erneut. "Waldläufer hingegen..."
In einer abrupten Bewegung berührte er die Stirn des jungen Mannes mit den Fingerspitzen. Der Gefangene wich zurück und wehrte sich verbissen gegen den Griff seiner Wärter, die ihn grob an seinem Platz hielten. Als die Hände des Magiers die Schläfen des Jägers umfaßten, zuckte der Gefangene zusammen wie unter plötzlichem Schmerz, sein Rückgrat versteifte sich und bog sich unmerklich rückwärts wie unter gewaltiger Spannung, aber kein Laut war zu hören.
Knellict hatte die Augen in Konzentration geschlossen; seine Lippen bewegten sich in lautlosem Murmeln. Es dauerte eine ganze Weile, ehe der Magier die Lider wieder öffnete und seinen Gefangenen überlegen ansah.
"Wie ich vermutet hatte. Ein Mann des Herzogs. Er sollte es allmählich besser wissen, als uns ein halbes Kind mit der Bildung eines Waldschrats auf die Fährte zu setzen. Oder hast du dich den Spionen des Klosters aus eigenem Antrieb angeschlossen? Naja, nicht so wichtig." Er machte ein paar Schritte in den Raum bis zu seinem mit Runen verzierten Schreibtisch, von dem er sich scheinbar wahllos eine Schriftrolle griff.
"Wichtig ist nur, daß du für mich eine Botschaft ins Kloster der Gelben Rose bringen wirst. Eine, die Großmeister Cantoule gewiß begreifen wird."
