Es wunderte Jarlaxle zwar, daß sein menschlicher Partner nicht von seinem Spaziergang zurückkehrte, als der Himmel, der sich schon seit Stunden unheilvoll in düstere Wolken gehüllt hatte, seine Schleusen endlich öffnete. Aber allzu lange dachte er nicht darüber nach. Er wußte, daß er den eigenbrötlerischen Menschen nicht zu sehr gängeln durfte, wenn er es sich nicht völlig mit ihm verderben wollte, also war es ratsam, ihm hin und wieder seinen Willen zu lassen. Zuckerbrot und Peitsche, dachte Jarlaxle grinsend, war bei seinem Partner die erfolgversprechendste Methode. Abgesehen davon gab es in der damarischen Hauptstadt wohl nichts, was den Meuchelmörder hätte in ernste Schwierigkeiten bringen können. Ein Artemis Entreri konnte auf sich selbst aufpassen.

Vermutlich war Entreri einfach nur in einer Taverne eingekehrt und wartete nun, bis der Regen nachließ. Vielleicht geriet er ja in eine Kneipenschlägerei und konnte seine aufgestaute Frustration an ein paar bedauernswerten Damarer Säufern auslassen. Oder er lief, getrieben von seiner periodisch wiederkehrenden Rastlosigkeit, vielleicht noch immer durch die Gassen der Stadt, zu versunken in seine düsteren Gedanken, um den strömenden Regen zu bemerken, der ihn von Kopf bis Fuß durchnäßte, oder sich viel darum zu kümmern. Mit ein bißchen Glück würde er sich eine gehörige Erkältung einfangen, und Jarlaxle würde für ein paar Tage einen noch schlechter gelaunten Meuchelmörder zur Gesellschaft haben als ohnehin schon.

Der Gedanke gefiel dem Drow so gut, daß er es beinahe schade fand, wie abgehärtet der Mensch gegen das Klima hier im Norden zu sein schien. Bis jetzt hatte er ihn zwar schon verletzt erlebt, sogar schwer verwundet, aber noch nie krank. Ein Jammer. Es hätte Jarlaxle großen Spaß gemacht, den Krankenpfleger für einen griesgrämigen verschnupften Patienten zu spielen. Und sich dabei vermutlich dreimal täglich von der Spitze eines juwelenverzierten Dolches bedroht zu sehen. Er seufzte, aber der Laut endete in einem verschmitzten Glucksen. Artemis Entreri hatte viele Eigenschaften, deretwegen Jarlaxle seine Gesellschaft genoß, aber die vermutlich amüsanteste war paradoxerweise seine permanent mürrische Stimmung. Sie machte diesen intelligenten Menschen, der ansonsten so voller Überraschungen und Rätsel stecken konnte, in mancher Hinsicht erfreulich berechenbar.

Aus Jarlaxles Sicht war es exakt die richtige Menge Verläßlichkeit. Mehr wäre langweilig gewesen, weniger gefährlich. Dem bitteren Zynismus und der ewig sauertöpfischen Miene eines desillusionierten menschlichen Meuchelmörders seinen mindestens ebenso unverwüstlichen patentierten Charme entgegenzusetzen war, in gewisser Weise, eine mindestens ebenso große Herausforderung wie der Kampf gegen heroische Paladinkönige oder untote Drachenleichname. Zumal Jarlaxle diesen rätselhaften Menschen, der in mancher Hinsicht dunkelelfischer sein konnte als der schlimmste Drow und der den ehemaligen Söldnerführer mit seinen gelegentlich aufblitzenden bizarren Ansichten vor immer neue Rätsel zu stellen vermochte, wirklich schätzen gelernt hatte in all den Jahren, seitdem er ihn in Calimhafen angeworben hatte, damit er gegen Drizzt Do'Urden antreten sollte. Es ließ Jarlaxle nicht gleichgültig, mitanzusehen, wie der Mensch sich quälte, seitdem ihm wirklich die ganze Leere und Sinnlosigkeit seines Daseins bewußt geworden war. Manchmal fragte er sich, ob es nicht gnädiger gewesen wäre, ihn gewähren zu lassen in jenem Augenblick der vollkommenen Verzweiflung, als der Meuchelmörder sich hatte in Drizzt Do'Urdens Klingen stürzen wollen.

Er schüttelte den Kopf. Nein, dachte er, dieser einfache Ausweg war für die Feiglinge und Dummköpfe. Ein Artemis Entreri war aus anderem Holz geschnitzt, ganz wie Jarlaxle selbst. Und der Drow würde ihm, das stand für ihn fest, am Ende dabei helfen, sich selbst zu finden.

Natürlich nicht aus Selbstlosigkeit, obwohl das Schicksal seines Freundes ihm durchaus am Herzen lag. Ein Verbündeter von der Schläue und Schlagkraft eines Artemis Entreri, gefesselt an den Drow durch nichts als seine eigenen uneingestandenen Wünsche, war ein weit wertvollerer Schatz als Gold und Silber. Jarlaxle gluckste amüsiert und ein wenig hilflos bei diesem Vergleich. Er bezweifelte, daß Entreri ihn besonders mögen würde. Der Mensch war viel zu klug, um die Manipulation, das Spiel mit Entreris verborgenen Sehnsüchten, das Jarlaxle da spielte, nicht als solche zu begreifen.

Aber es war nun einmal, was Jarlaxle tat, und wie er dachte. Der findige Drow hatte über Jahrhunderte hinweg mit dieser Taktik überlebt, und inzwischen sammelte er solche Beziehungen (oder "Freundschaften", wie er es nannte) wie die zu Entreri aus reinem Selbstzweck und mit mindestens ebenso großer Leidenschaft wie seine diversen magischen Spielzeuge. Nicht einmal er selbst konnte sagen, was von beidem ihm wichtiger war.

Eines aber wußte er gewiß: Gegenüber der Taktik Entreris, der sein Überleben darauf aufgebaut zu haben schien, möglichst nichts zu wünschen und niemanden zu brauchen, war die seine, nämlich möglichst von allem und jedem in seiner Umgebung gebraucht zu werden, bei weitem die bessere. Und zu dieser Überzeugung würde er auch noch den unwilligen Menschen reformieren, das hatte er sich fest vorgenommen. Es würde Artemis Entreri zu einem zufriedeneren Charakter und einem noch besseren und gefährlicheren Kämpfer machen, und somit zu einem noch wertvolleren Bestandteil in Jarlaxles Sammlung von Freunden, in der der Meuchelmörder ohnehin schon einen ganz besonderen Rang einnahm.


Als habe der Gedanke an seine ausgeprägte Sammelleidenschaft ihn an etwas erinnert, fing der Drow an, an einem der Goldknöpfe seiner Weste herumzunesteln, der ihm prompt in die Handfläche sprang. Auf ein Kommandowort hin begann der Knopf seine Form zu ändern, sich zu wölben und zu verlängern, bis er sich zu einem Beutel gewandelt hatte, dessen Verschnürung der Drow grinsend aufzog. In diesem außerdimensionalen Behältnis, das Kimmuriel ihm erst kürzlich angefertigt hatte, verstaute Jarlaxle die wertvolleren unter seinen Spielzeugen und Schätzen - unter seinen unbelebten Schätzen, korrigierte er sich spöttisch, auch wenn der Versuch, Artemis Entreri in diese Tasche zu stopfen, zweifellos amüsant gewesen wäre. So lagerten darin zum Beispiel das Paar magischer Ringe, mit deren Hilfe es zwei Wesen möglich war, ihre Lebenskraft miteinander zu teilen. Olgerkhan und Arrayan hatten sie benutzt, um die zunehmend schwächer werdende Halborkin während der Erkundung des Zenghyi-Schlosses am Leben zu halten, und durch einen kleinen Trick war es Jarlaxle gelungen, sie an sich zu bringen. Der magische Beutel enthielt natürlich auch die neuesten und wertvollsten Erwerbungen der Drow, nämlich die beiden aus Juwelen geschnittenen, etwas unter faustgroßen Schädel, der eine der eines Menschen und der andere der eines Drachen. Er ließ die Hand kurz über letzteren gleiten und verspürte unverzüglich einen leisen Sog um seine Fingerspitzen, ein wortloses Bitten oder eine Erinnerung daran, daß der Geist Urshulas, der in diesem Stein hauste, herausgelassen zu werden wünschte.

Jarlaxle lächelte. Um sich mit dem Drachenleichnam zu beschäftigen, dafür wäre später noch immer Zeit. Vorerst war Urshula selbst körperlos allein durch ihre bloße Existenz wertvoll genug für ihn, ein nettes kleines Druckmittel, das er von Zeit zu Zeit einzusetzen plante. Aber jetzt ging es ihm um etwas weit Harmloseres.

Er fand die erste der Figuren und zog sie heraus, die weiteren folgten unverzüglich. Sava, oder wie die diversen an Schach erinnernden Strategiespiele bei anderen Völkern auch heißen mochten, hatte Jarlaxle schon immer fasziniert. Allerdings weniger des Spiels selbst wegen, dessen Regeln ihm in allen Varianten, selbst der chaotischen Version des Unterreichs, als viel zu steif und grob erschienen, um die vielfältigen Verflechtungen, die zwischen Figuren in einem Konflikt herrschten, tatsächlich nachahmen zu können. Aber die Möglichkeiten, die sich dabei boten, ein einfacher Goblin-Bauer, der eine Mutter Oberin am Weitergehen hindern konnte, ein mächtiger Magier, der sich durch einen simplen Bogenschützen bedroht sah, und ein Springer, der eine Turmfestung ins Wanken brachte, all dies sprach Jarlaxles Charakter ebenso an wie die Kunstfertigkeit, mit der Handwerker über und unter der Erde diese jeweiligen Figuren gestalteten.

Und so hatte er seit Jahrhunderten ein buntes Sortiment von Schach-, Sava- und sonstigen Figuren zusammengetragen, jede einzelne ein echtes kleines Kunstwerk für sich. Ihre Größte variierte, auch wenn er Figuren nicht mochte, die viel länger als sein Finger waren, und ebenso taten es die Materialien: Obsidian, Elfenbein, verschiedenste Metalle, dunkles und helles Holz, bemalte Keramik und Porzellan mit Verzierungen in Gold und Silber gaben sich ein buntes Stelldichein mit altertümlichen Knochen- und Hornschnitzereien. Allen Figuren gemeinsam war, daß sie Einzelteile darstellten, meist schon alt zu dem Zeitpunkt, als Jarlaxle sie erwarb, irgendwelche Überreste, deren komplettes Set lang schon verlorengegangen war, und manche von ihnen - Jarlaxles Lieblingsstücke natürlich - waren sogar magischer Natur.

Er holte ein Spielbrett vom Sims über dem Kamin und fing grinsend an, seine über Jahrhunderte erworbenen Fundstücke darauf zu gruppieren. Er hatte das Brett (zusammen mit einem Set langweiliger Holzfiguren, von denen er nicht mehr wußte, wo er sie zum letzten Mal gesehen hatte), unter umständlichem Feilschen vor etlichen Zehntagen bei einem Händler erstanden, den er ablenken sollte, während Entreri im Nebenzimmer eine leider unverkäufliche goldene Statuette an sich brachte, die Ilnezhara ihrem Hort zuzuführen wünschte. Ein- oder zweimal hatte er seinen menschlichen Partner danach sogar zu einer Partie überreden können. Natürlich war dem Meuchelmörder der vergnügliche Aspekt des Spiels vollkommen fremd; er sah darin in erster Linie eine Möglichkeit, das eigene Denkvermögen zu schulen und die Art und Weise kennenzulernen, wie andere Leute ihre Vorgehensweise planten. Wie viele kluge Männer haßte er die Würfel, die in die Drow-Variante des Spiels eine typische Prise Zufall und Überraschung einbringen sollten, aber er war ein exzellenter Stratege und konnte die Züge seiner Gegenspieler meist präzise vorherberechnen.

Jarlaxle wußte noch aus Menzoberranzan, daß der Mensch, der dort die Spielregeln des chaotischen Sava recht schnell gelernt hatte, kein schlechter Spieler war. Er hätte sogar beinahe einmal ein Remis gegen einen der Waffenmeister von Melée-Magthere errungen, einen bekannt überragenden Sava-Spieler, wenn einer der Spione, die Jarlaxle dem Menschen hinterher geschickt hatte, nicht eingeschritten wäre. Natürlich konnte ein Ausbilder an der Kämpferakademie von Menzoberranzan in den Augen eines Drow unmöglich unentschieden spielen gegen ein so niederes Wesen wie einen bloßen Menschen, selbst wenn das Ganze in einem Hinterzimmer einer rauchigen Spelunke von Braeryn stattfand, die selbiger Waffenmeister offiziell selbstverständlich nie besucht hatte, und selbst wenn es sich um den vergleichsweise umgänglichen Ryld Argith handelte, dem die Sache vermutlich selbst sogar ziemlich egal gewesen wäre. Jarlaxles Leute zettelten, bevor irgendjemand von den übrigen Gästen sich genötigt sah, dem Menschen durch einen Dolchstoß in den Rücken klarzumachen, wo sein Platz war, eine allgemeine Rauferei in der Stube an, in deren Verlauf das Brett umgestoßen wurde und sowohl Argith wie Entreri sich ihrer Haut lange genug mit Waffen erwehren mußten, um das Spiel zu vergessen.

Nun, Jarlaxle hätte es mit seinem Selbstbild zweifellos vereinbaren können, gegen den schlauen Menschen eine Partie zu verlieren, aber auch gegen ihn hatte Entreri nie besser als unentschieden gespielt. Und Jarlaxle glaubte zu wissen, warum: Der Mann spielte klug, aber ohne Ziel. So gut er darin war, die Pläne seiner Gegner zu lesen und zu vereiteln, so wenig schien er selbst fähig, eine Strategie für sein eigenes Spiel zu entwerfen. Entreri packte das Spiel ganz genau so an, wie er sein Leben anpackte: einzig darauf bedacht, Gefahren abzuwehren, die auf ihn zukamen, ohne je zu wagen, etwas Größeres zu wollen, und ohne sich selbst andere Freuden zu gestatten als die - wie er selbst inzwischen zugab - kurzfristige und eitle Genugtuung darüber, den Zug eines Gegners vereitelt zu haben. Jarlaxle seufzte und wog eine seiner Figuren in der Handfäche. Es war ein aus Onyx geschnittener Krieger, ein Schwertkämpfer, den Jarlaxle wegen der Bewaffnung mit Schwert und Langdolch und wegen seiner bitterbösen Miene heimlich "Artemis" getauft hatte. Er grinste die dunkle Figur schelmisch an und stupste ihr mit einem Fingernagel scherzhaft vor die Brust.

'Warte nur ab, mein Freund', versicherte er dem düster dreinblickenden Kämpfer in Gedanken. 'Wenn du mir nur endlich genug vertrauen würdest, um dir helfen zu lassen. Aber am Ende wirst du es mit all deinem Mißtrauen nicht verhindern können. Du brauchst mich, weil du außer mir niemanden hast, der dir helfen könnte. Und daß du Hilfe brauchst, das weißt du, oder du wirst untergehen, zugrunde gehen an dir selbst. Mit deiner Methode hast du es weit gebracht, das gebe ich zu. Ohne die Begegnung mit Drizzt Do'Urden hättest du es vielleicht bis zu deinem Tod geschafft, ohne dir je bewußt zu werden, was für enge Grenzen du dir damit selbst gesetzt hast, und wie sehr du dich nach dem sehnst, was außerhalb dieser Grenzen liegt. Die Zeitspanne, die euch Menschen gesetzt ist, ist kurz genug, damit ihr es vielleicht tatsächlich schafft, euch ein Leben lang selbst zu belügen.'

Aber auch an dieser Zeitspanne mochte sich manches geändert haben von dem Moment an, als Artemis Entreri seinen vampirischen Dolch in den Rücken eines Schattenwesens jagte und damit einen Teil von dessen Lebenskraft in sich aufnahm. Jarlaxle vermutete, daß die regenerative Essenz des Umbranten sich bei seinem Freund in mehr äußerte als nur der leicht ins Graue spielenden Hautfarbe. Mit Sicherheit hing Entreris scheinbare Alterslosigkeit damit zusammen, die Art und Weise, wie er buchstäblich mit den Schatten verschmelzen konnte (obwohl er zugegebenermaßen schon vorher gut darin gewesen war), sein schärferes Sehvermögen im Dunkel und wahrscheinlich auch zum Teil seine nächtliche Rastlosigkeit und sein schlechter Schlaf. Heimlich hoffte Jarlaxle noch auf mehr, auf einige zusätzliche gewonnene Jahre, die sein Freund sich zu seiner so kurzen Lebenszeit hinzu addieren dürfte, aber ob diese Hoffnung berechtigt war, das würde wohl die Zukunft erweisen müssen.

Falls er recht hatte, erhöhte es in jedem Fall die Chancen, daß er den Menschen doch noch in seinem Sinne reformieren könnte. Denn stur, wie Entreri nun einmal sein konnte (in seiner Ahnenreihe mußte einmal ein Zwerg gesteckt haben, anders ließ sich dieser Starrsinn nicht erklären), hätte er Jarlaxles mal verstohlenen, mal deutlichen Schubsern in die richtige Richtung sonst wohl tatsächlich bis zum Ende seiner Tage widerstanden.

Aber wenn es eines gab, das Jarlaxle konnte, dann war es, andere zu motivieren. Mochte Artemis auch nicht wissen, was er mit seinem Leben anstellen sollte - Jarlaxle konnte Visionen entwickeln für ganze Hundertschaften.

Der Drow setzte den finster dreinblickenden Schwertkämpfer schmunzelnd auf ein Feld und, nach kurzem Suchen, mangels Alternativen einen schwarz bemalten, aus Holz geschnitzten elfischen Bogenschützen daneben. Dann plazierte er direkt gegenüber einen elfenbeinernen weißen König, dessen Krone in Gold glänzte, und ließ das schwarze Paar drohend davor Aufstellung nehmen.

"Schach, Gareth."